Einzelbild herunterladen
 

uldaer

JSfftS* w°ch°nb-tt-se: ..Illustnerte SoniliagrMng

36. Iahraanq.

Fulda, Samstag den 9. Januar 1909

M 6.

Erstes Kstatt

rlnzeigen: Die et* spaltige Petitzelle ober deren Raum 15 Pfg. Reklamen dleprst.tzeile 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Rotationsdruck und vertag der Luldaer Ak- «endruckerel In Zu'da Zernsprecher Rr. 9.

** Berlin, 8. Jan. 1909. Die Kaiser, Manöver sollen im Jahre 1909 in der Gegend zwischen Stuttgart und Heilbronn zwilchen dem württembergischen und dem badi'chen Aimeekolps statlfinden.' — Die Nachricht von der bevor­stehenden Ernennung des russischen Ministers des Auswärtigen, Iswolski, zum Botichaster in Berlin, wird jetzt von verschiedenen Seite« für unrichtig erklärt. Jedenfalls sei noch keine bestimmte Entscheidung in der Angelegenheit ge«

erscheint täglich mit Ausnahme der So.m- UNdZeiertagc viertr-- rshrlichepvezngspreir ebne «rlngerlohn und «etzeLgeld in Zutda so­wie amwärtsl 5V M.

Verant». Redakteur!

Larl Schütter

Deutsches Keich

Kaiser und Zentrum.

Die phantastische „Enthüllung" des „Berliner Tageblatt", wonach der „Klerikalismus" seine

Ausland.

** England ist gerüstet. Ueder die „deutsche Invasion" in England hat sich soeben auch der erglische Kriegsminister in einet Wählerversammlung in Schottland ausgesprochen. Gegenüber der Befürchtung des Lord Roberts, oaß ein 20000 Mann starkes deutsches Heer plötzlich in England einfallen könnte, verwies er daraus, daß England eine reguläre Armee von 320000 vorzüglichst ausgebildeter Mannschaften habe, deren Zahl sich einschließlich der Territorial­armee auf 527000 erhöhe. Zu Befürchtungen fei daher kein Anlaß gegeben.

* Portugal. In letzter Zeit wurden schon mehrfach Meldungen verbreitet, die erkennen .ießen, daß daS Leben des jungen Königs in schwerer Gefahr schwebt. Wenn auch die äußerst sensationell gefärbten Nachrichten über Attentate oemenitett wurden, so ist sicherlich daran nicht zu zweifeln, daß die Partei der Gegner des Königshauses stark im Anwachsen begriffen ist. Aussehen erregt gegenwärtig eine aus enalOchen Quellen stammende Meldung, wonach während eines Banketts am Hofe ein junger Leutnant den König vor einer großen Verschwörung ge­warnt haben soll. Viele der hohen Würden-

Zeitung

mmat-beiiag-: „Klldaer SeschichtrbMer"

d _ Zchückings Rücktritt vom Amte des Husumer Bürgermeisters ist nunmehr vom Regierungspräsidenten in Schleswig genehmigt worden. Damit ist die Angelegenheit erledigt.

D In den Fragen der Neichsfinanzreform ollteii nach Gerüchten, die in sog. Börsen tret'en umginge«, Verhandlungen zwischen der Re« nierung und den Führern der Blockparleien statt« gesunden haben, die ein Nachgeben der Parteien « den Fragen der Reichsfinanzreform erwarten ließen. Dazu bemerkt die .Deutsche Tagesztg/:

„Nach der Vertagnna des Reichstages hätten viel­leicht Besprechungen einzelner Parlamentarier mit ein­zelnen Serien der Regierung stattgefun)en. aber diese Besprechungen hätten durchaus nicht den Charakter von Verhandlungen getragen."

Raiürlich: vor den förmlichen Verhandlungen gehen weniger förmliche Vorverhandlungen vor­aus. Die eigentlichen Verhandlungen werden erst später erfolgen, wenn die entscheidenden Ab­stimmungen bevornehen. Die ,Deutsch. Tagesztg/ hält es für möglich, daß die Reichsfinanzreform in einer einwandfreien Weise mit Hilfe des Zentrums gelöst werde, und daß, wenn die BlockmehuM versage, das durchaus noch nicht den Zerfall des Blockes zu bedeuten brauche, und daß nach einer solchen Wendung der Dinge so« gar der Blockkanzler Fürst Bülow allensalls «och leine Ämtsmüdigkeit überwinden könnte. Das heißt in gutem Deutsch: Wenn das Zentrum zu der Mohrenarbeit der S'euerbewilligung zu haben ist, so kann man ja auch von ihm die halbe Milliarde annehmen; nach vollbrachter Tat soll der Mohr wieder gehen! Das wäre allerdinas ein „Geschäft"! Und wie nett ließe sich die Sache im nächsten Wahlkampfe ausnützen, indem man alsdann das ganze Odium der neuen Lasten auf die schwarzen Schultern des Ze strums wälzte! Die lästigen Geichäste halst man dem Zentrum auf, die lüft io en Geschäfte besorgt der Block auf seine Art und spreizt sich dann vor den Wählern als der Urheber alles besten, was der V lksstimmung schmeichelt. Angesichts dieser schlauen Taktik auf der Gegenseite muß auch das Zentrum eine woblübei legte Taktik inne holten. Es wäre Torh'it, sie vor den gegnerischen Obren zu entwickeln. Aber auf einen enlicheidenden Punkt müssen wir immer wieder Hinweisen. Da der Block den Anspruch erhoben hat, die anderen Parteien und vor ollem das Zentrum „auszu« schalten", so hat er auch die Pflicht, mit eigenen Krärten die vorliegenden Auigaben zu töten, auch die saueren. Wenn er das nicht vermag, so bedeutet das ein Fiasko seiner Anmaßung, den Bankerott der Blockhrrrlichkeit.

)( Die Vorlage über die Gas- und Elek­trizitätssteuer sollte nach der Behauptung eines badischen Blattes zurückgezogen worden sein. Umerstaatsiekretär Twele hat dazu einem Jour­nalisten erklärt, ihm sei nichts davon bekannt, er glaube es auch nicht. Die Regierung brauche das Gelb dringend, und schließlich sei eine solche Zurückziehung nur möglich durch Bundesrats- beschluß. Dr. Sybow lasse sich auf Eventual- Steuern nickt ein.

** Verhandlungen über den Bergarbeiter- schütz werden zurzeit unter dem Vorsitz des Hanoelsministers Delbrück im Abgeordnetenhaus gepflogen. Neben anderen vedeuttamen Punkien wird über die in Vorbereitung befindliche No­velle zum Berggetetz, über die Anstellung von ■ Arbeiterkontrolleuren und dergl. eingehend ver- ■ handelt.

6 Die Neujahrsansprache des Kaisers.

der ,Reichsanzeiget' enthält folgende Er­klär! ng:

kleine Majestät der Kaiser und König haben am 2. Januar, wie alljährlich, eine Besprechung mit den hier in Neujahrsgratulation versammelten komman­dierenden Generalen abgehalten. Die Aeußernngen Seiner Majestät waren nicht für die Oefsent« lichke t bestimmt und hätten nicht den Gegenstand öffentlicher Kritik bilden dürfen. Trotzdem sind Nach­richten darüber in die Oeffentlichkeit gelangt. Gegen­über den in ausländischen Blättern erschienenen An­griffen stellen wir fest, daß sich die Besprechung lediglich auf militärische Fragen bezog. Im Anschluß an eine Betrachtung der bei den letzten Ma- növern gemachten taktischen Erfahrungen wies der Kaiser auf eine kürzlich erschienene akademische Studie hin, in welcher die Gestaltung des modernen Krieges und die Einwirkung der neuzeitlichen Waffen auf das Gefecht entwickelt sind. Tie in dieser militärischen Ar­beit auch enthaltenen politischen Gedanken und Ausblicke kamen in den Ausführungen des obersten Kriegsherrn nicht in Betracht.

Da» Hauptgewicht in dieser Erklärung ist na- tätlich darauf zu legen, daß der Kaiser auf den politischen Teil des Revue-Artikels nicht Be- zug genommen hak. Damit werden die Be­fürchtungen gegenstandslos, daß der Kaiser sein Ver­sprechen verletzt haben könnte, das er am 17. Rovbr. gegeben hat, und daS dahin ging, er werde die Stetigkeit der deutschen Politik unter Wahrung der vetfaffungsmäßige« Verantwortlichkeiten sichern. In dem Teil des Artikels, den der Kaiser verlesen hat, wird die Veränderung dargestellt, welche die heutige Schlacht im Gegensatz zur Vergangenheit in erster Linie durch die Entwicklung der Technik erfahren hat. Gerade im Zusammenhang mit den Ergeb­nissen der großen Herbstübungen, auf die der Kaiser regelmäßig in der Anrede an die Generale einzu­gehen pflegt, lag es nahe, die zusammensastende Darstellung der wichtigen taktischen Gestchtspunkte heranzuziehen, die der Artikel gibt. Die '-Ungelegen« heil trägt danach einen rein militärischen Charakter. Den Kaiser kann keinerlei Vorwurf treffen.

Die amtliche Erklärung betont auch, daß die Neujahrsansprache des Kaisers nicht für Die fcHFff ent liefert bestimmt war, und sie fügt mit Recht hinzu, daß sie Deshalb nicht Den Gegenstand öffentlicher Kritik hätte bilden dürfen. Daß sie trotz­dem in die Oeffentlichkeit gekommen ist, dafür kann mau sich bei der sogenannten „nationalen" Presse bedanken, besonders bei dem Hetzerorgan des evan- gelrscken Bundes, der .Täglichen Rundschau', die zuerst jene Mitteilungen machte, welche die Auf­merksamkeit des In- und Auslandes auf den Artikel der /Deutschen Revue' gelenkt haben. So wenig den Kaiser ein Vorwurf treffen kann, so scharf ist die Indiskretion zu verurteilen, die seine Aeußernngen an die Oeffentlichkeit gebracht und dadurch den Feinden Temschlands willkommene Gelegenheit zu einer Hetze gegeben hat. Wie der ,'Jleid)Sbote' er­fährt, soll wegen der Indiskretion eine Untersuchung statifindcn. Das ist auch dringend zu wünschen; es müßen außerdem enßchiedene Maßiiahmen getroffen werden, daß so etwas nicht mehr vorkommen kann

X Schrecklich! Durch die Blätter des Evangelischen Bundes geht die erschröckliche Nach- richt,daß einePrinzessin Albrecht Solms- Braunfels zum Katholizismus über- getreten sei. Dem biederen Publikum sträuben sich die Haare, wenn eS zähneklappernd weiter lieft:

„Nunmehr ift fast das gesamte Haus Sobns- Brmmfels, das bis gegen die Mitte des vorigen Jahr- Hunderts ganz evangelisch war, katholisch geworden. Zwar ist der nun 18jährige Fürst Georg Friedrich noch evangelisch. Ob er es bleiben wird, bet einer katholischen Mutter, zwei katholischen Schwestern und einem katholischen Vormund?!!"

Daran wird dann die gehässige Bemerkunü geknüpft:

„Daß die katholische Kirche sich angelegentlich be­mühen wird, auch den junaen Fürsten in ihre mütter­lichen Arme zu werfen, darf man nicht bezweifeln. Ve- grerstichkriveise liegt ihr am Chef eines fürstlicher Hauses mehr, als an z'vanzig nachgeborenen Prinzen.

Daß in Deutschland noch Leute vom Pro« testantismus zum Katholizismus übertrete«, ist auch zu arg. Es müßte ein Gesetz gemacht werden, das das verbietet!

= Coesfeld, 6. Jan. 1909. Der Parteitag der westfälische« Zentrumspartei wurde gestern dahier abgehalten. Abg. Klocke äußerte sich über die parteipolitische Situation, wobei er das Schwergewicht in die Polemik gegen ben Block legte. Auf die Dauer habe nur der Libe­ralismus vom Block einen Vorteil, indem er die Widerstandskraft der christlich gesinnten Elemente im Block schwäche. Der Block sei die Vorfrucht des kommenden liberal-sozialistischen Blocks, wo­für auf Baben und auf die blau - roten Wahl- bündniffe im Rheinlande hingewiesen wurde. Zum Schluß wandte sich Redner mit besonderer Schärfe gegen die deutsche Vereinigung, deren Vater der Blockgedanke sei. Abg. Herold sprach über die Reicksfinanzreform, wobei er sich gegen direkte Reichssteuern erklärte, aber die Berett- Willigkeit seiner Partei zur Mitarbeit an der Reform zum Ausdruck brachte, und polemisierte dann gegen den Bund der Landwirte.

Fädeii um das Neue Palais in Potsdam spinne und dem Kaiser bereits eine „bestimmte Offerte" gemacht habe: „ein Regierungsprogramm mit einer Kandidatenliste des Zentrums für den Reichskanzlerposten" ist ganz danach angetan, den liberalen Philister gruselig zu machen und der kulturkämpserischen Blockstimmung neue Nahrung zu geben.

Wer soll die Verbindung zwischen Kaiser und Zentrum vermittelt haben? Die Hofgesellschaft Üann dafür nicht wie zu Bismarcks Zeiten verant- wörtlich gemacht werden. Da speziell von der Wiedereinführung der katholischen Abteilung tm Kultusministerium gesprochen wird, müßten es naturgemäß katholische Persönlichkeiten fein. Vom Fürsten von Fürstenberg abgesehen gibt es solche aber in der unmittelbaren Umgebung des Monar­chen längst nicht mehr. Fürst Für st en berg, der noch bei der Reichstagswahl 1907 in Donau­eschingen seinen Wagenpark der national- liberalen Partei zur Verfügung gestellt hat, dürfte am allerwenigsten dafür angeseben werden.

Für gewöhnlich wird denr Zentrum auch'auf gegnerischer Seite ein gewißes Maß politischer Schlauheit zugeschrieben, der hier vffengelegte Handel ist aber so plump, daß es geradezu belei­digend ist, das Zentrum damit in Verbindung zu bringen. Wie oft soll es denn gesagt werden, daß das Zentrum die dringendste Veranlassung hat, den Block unter Leitung des Fürsten Bulow sich ausleben und vor allem die Finanz- r e f o r m durchführen zu lassen. Das hat Fürst Bülow doch wahrhaftig nicht um das Zentrum verdient, daß es ihm die Gelegenheit zu einem günstigen Abgang verschafft, die ihm gegeben wäre, wenn das Zentrum sich als Vorspann für die Durchführung der Reichsfinanzreform unter den mitgeteilten kirchenpolitischen Bedingungen zur Verfügung stellen würde. Solche Narreteien hat das Zentrum in der Windthorstschen poli­tischen Schule nicht gelernt und glücklicherweise verfügt es noch über Politiker, die in dieser be­rühmten staatsmännischen Schule groß geworden sind. Windtborst hat gelehrt, die Verhältnisse so zu nehmen, wie sie sind und dazu gehört vor allem auch die grundsätzliche Stellung des Kaisers zum Zentrum und zur katholischen Kirche. Prinz Heinrich hat darüber klaren Wein einge­schüttet, als er im Jahre 1905 dem Pfarrer Waitz vom Evangelischen Bunde erklärte, er und der Kaiser wünschten eine antiultramontane Be­wegung. Diese Tatsache ist in der Presse vielfach besprochen, aber niemals bestritten worden. Da­bei hat die politische Entwicklung eine gewisse Be­stätigung für die Richtigkeit der Meldung gelie­fert. Das Zentrum würde also aus Sand bauen, wenn es unter Ausnutzung der bestehenden ver­zwickten Lage den Retter in der Not spielen und dafür seine Rechnung präsentieren wollte. Wie bald würde es da wieder an die Wand gedrückt werden und wegen seiner Harmlosigkeit sich aus­lachen lassen müssen. So dumm ist es nicht.

Aus den Treibereien gegen das Zentrum er­gibt sich jedenfalls das eine mit Sicherheit, daß die Regierung und ihr Block schweren Herzens den kommenden Entscheidungen entgegengebe«.

Z!N Kme 6c5 WeiinniB.

Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld- [2. Fortsctzung.s

Marian West stieß einen tiefen Seufzer aus. „Nun 6in ich ruhig," sagte sie leise. „Und nun, Doktor, wenn Sie die Güte haben wollen, morgen wiederzukommen — ich glaube, Evelyn ist schon zur Ruhe gegangen — und mir zu sagen, was Sie von ihrem Zustande halten, ob sie kräftig ge­nug ist, in die Heimat zurückzukehren?, Unsere Wirtin, Mrs. Ford, will in kurzem abreifen; die Einrichtung und das Gut, alles soll verkauft wer­den, und dann will sie zu ihrem Sohne in die neue Welt. „Sie sehen," fuhr sie halb lächelnd, halb ernst fort, „daß auch dieser Umstand uns günstig ist. Es ist neben Mrs. Jefferies die ein­zige Person, die uns hier am Orte näher kennt, und hat sie erst England verlassen und sind auch wir äbgereist, so haben wir nichts mehr zu be­fürchten."

Dr. Rurke schüttelte kaum merklich de« Kopf, erwiderte aber nichts. „Ich werde morgen vor­mittag also wiederkommen Miß West," sagte er nur kurz, als er sich erhob.

Marian begleitete ihn bis zur Tür unten und sah ihm «ach. bis seine Gestalt im Halbdunkel der Innen Sommernacht verschwunden und seine Tritte verhallt waren. Dann trat sie in's Haus zurück und ging leise wieder auf ihr Zimmer.

Dort blieb sie lange wie angewurzelt am Fen­ster stehen und starrte sinnend, grübelnd, überle­gend in das immer tiefer einbrechende Dunkel hinaus. Welche Gedanken sich in ihrem Hirn kreuzten, welche« Kampf sie kämpfte, ob sie ein warnendes heimliches Gefühl niederkämpfte, oder ob sie ein Für und Wider abwog — das wußte nur sie allein. Der entschlossene Zug um ihren Mund vertiefte sich; sie schien endlich zu einem bestimmten Entschluß gekommen zu fein, und

einen Entschluß fassen und ihn ausführen war bei Maria« West eins.

„Gott weiß, ich kann nicht anders handeln; es geschieht nur zu ihre m Besten!" flüsterte sie leise. —

Eine Viertelstunde später verließ eine dichtver­schleierte dunkle Gestalt geräuschlos den Mühlen­hof, eilig durch die dämmerige Sommernacht den Weg nach der Ripleystraße einschlagend.

2. Kapitel.

Die Schwestern.

„Und Du hassest mich wirklich nicht, Marian? Sag es mir noch einmal!"

Eine schmale, schlanke, jugendliche Gestalt ist es in einen schweren Schal gehüllt, die vor Ma­ria« West auf den Knien liegt, das holde junge Köpfchen in den Schoß der Schwester geborgen. Lang und flutend ivallt eine Fülle goldbraune« Haars den weißen Nacken herunter zur Erde.

Sanft streicht Marian West über das prächtige seidenweiche Haar.

„Dich hassen? Niemals, mein Liebling. Wir hatte« eine Mutter; ihretwegen habe ich für Dich gesorgt, jetzt, wo Du Fürsorge brauchtest, und werde auch ferner für Dich sorgen. Aber, Eve­lyn, sieh, ich habe bis jetzt geschwiegen und Dich nicht wieder gefragt — soll ich den« nie die Wahr­heit erfahren? Sag mir alles, vertraue mir doch!"

Das goldene Haupt erhob sich langsam. Große dunkelblaue Augen, in einem Antlitz, schön wie der Traum eines Dichters, richteten sich mit un­endlich kummervollem Ausdruck auf die Fragende. Es war das lieblichste junge Gesicht, das man sich denken konnte, ober blaß, gespenstisch blaß, fast noch kindlich der Jugend und Zartheit nach, und doch lag ein Ausdruck in den holden Züge«, als wäre tiefstes unendliches Leid darüber verheerend hingezogen.

Sie wartete nicht, sondern sah die Schwester nur unverwandt am

„Tu hast ein Geheimnis und einen dunklen Punkt in Deinem Leben gehabt," begann SRatian wieder, „indes ich glaubte, jede Seite läge klar vor mir, wie ein offenes Buch. Laß jetzt keine Ge­heimnisse, keine Dunkelheiten mehr herrschen, Eve! Vertraue mir, Liebling; Tn wirst in mir die treueste und vertrauenswürdigste Freundin fin­den."

Ein qualvoll gespannter Ausdruck lag in Ma­rians Zügen, ein bittender, sehnsüchtiger Ton in ihrer Stimme, dem auch das härteste Herz nicht hätte widerstehen können.

Evelin's schöne, dunkelblaue Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich kann es nicht," schluchzte sie leise, „ich kann Dir nichts anvertrauen, Marian! Du weißt es; quäle mich nicht. Mein- Geheimnis ist mein eigen; es muß mit mir sterben. Ach, Schwester, wenn ich nur hätte sterben können!"

„Kannst Tu mir denn nicht sagen, ob ich ihn oder seine Angehörigen kenne oder sprechen kann? Es mutz doch ein Grund dafür vorhanden sein, daß Tu mir nicht vertrauen willst, mein armer Liebling."

„Ich kann Dir nichts von ihm sagen, Marian, fein Wort. Tn kannst ihn nie sehen und sprechen. Frage mich nicht."

Miß West sah verblüfft und ratlos aus. „Also ist er tot?" —

Evelyn schwieg.

„Ich muß fragen und muß es wissen, Evelyn, sagte sie dann ernst. „Du bist nur ein Kind, weißt nichts vom Leben und hast keine Erfahrung. Du mußt es mir sagen, Evelyn! Hast Du, ge­täuscht durch unwahre Angaben, vielleicht unter Deinem Stande geheiratet? Hat er Dich ver­lassen? Vertraue' mir doch, Schwesterchen!"

„Ich kann cs nicht," versetzte Evelyn leise schluchzend. „Marian, da sprechen die Leute vom Tode; ach, den Tod würde ich leicht und gern ertragen im Vergleich mit dem, was ich gelitten; und vielleicht die größte Qual von allem ist, daß

ich es Dir jetzt abschlagen mutz, mein Geheimnis anzuvertrauen, wo Du so gut mit mir bist.

„Es ist tausendmal mehr Deinet- als meinet- wegen," sagte Marian dringlich.

Aber es kam keine weitere Antwort von den blassen Lippen, als nur, daß sie es nicht könne — sie könne es nicht. Einsehend, daß alles nutzlos war, gab Miß West das Fragen auf; und Evelyn verbarg das Gesicht in den Händen.

„Marian," sprach sie bann leise, „es ist nicht Verstocktheit von mir. Wenn irgend welche Reue ungeschehen machen könnte, was meine Torheit und Verblendung begangen, so empfinde ich diese Reue; wen« der bitterste Kummer Geschehenes ungeschehen machen könnte, so ist mein Knnmier sicher bitter genug. Habe Geduld mit mir! «ort Monaten bin ich nicht mehr ich selbst genx-ien. Ich habe plaudern und lachen müssen, wahrend jede Fiber meines Herzens in Oual zuckte. >ich habe all die Angst und Not, die unr.bte «eele aufzehrte, zu verbergen gehabt, und diele -usi.en- qunq hat mich von Sinnen gebracht. Habe Ge­duld mit mir, Marian, habe Geduld nut mir!

Ihr schönes Haupt senkte sich tief be, den letzten Worten; und Marian, gerührt und beküm­mert zu gleicher Zeit, drückte sie zärtlich und be- ruhigend an sich. Eine lange Pause entstand. — Sinnend blickte die ältere Schwester in s Werte ihre Gedanken schweiften zurück in die glücklich Vergangenheit, die ihr ach! erst wie ein Weiten erschien, und dock, war schon ein Jahr batiibei verflossen — wo Evelyn ein lachendes, glücklmxü Geschöpf gewesen. Noch jetzt klang ihr bas glück­liche, silberne Lachen in den Ohren; ach! uni es war schon so lange nicht mehr erklungen. Eve­lyn pflegte sie aufzusuchen, die rosigen Hände um ihren Nacken zu schlingen und allerlei Neckere, und Kurzweil zu treiben. Diese selben Hande, die jetzt dort so weiß und regungslos lagen, dies selbe blasse Gesicht mit seinem vergrämten Aus­druck — sie gehörten ihr, die in ihrer Jmwud- und Schönheitsblüte der Sonnenschein ihres Hau­ses gewesen, ihrer schönen holden Schwester, für