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Fulda, Freitag den 8. Januar 1909.

M 5.

36. Jahrgang.

Je? Das Märchen von der Zentrnms- Berschwörnng gegen Bülow.

Die Offiziösen des Reichskanzlers und ihre Gehilfen in der Blockpresse fahren fort, die beiden Artikel auszubeuten, die in der Wiener „Reichs­post" und in der Berliner „Germania" über das Verhältnis Deutschlands zu Oe st erreich sich im Sinne eines kräftigeren Vorgehens zu­gunsten unseres Verbündeten ausgesprochen hat­ten.

Wenn Fürst Bülow sich gegen zede Anzweiflung seiner Bundestreue wehrt, so ist er in seinem guten Recht. Aber er und seine Zeitungsleute handeln gegen die Wahrheit und Gerechtigkeit, wenn sie aus diesen „minder haltbaren Tagesleistungen" in dem einen oder andern Blatte ein Ko m p l o t t des Zentrums zum Zweck des Kanzler- ft u r z e s herleiten wollen.

Es muß mit aller Entschiedenheit dagegen »rotesttert werden, daß für die Leistung eines einzelnen Schriftstellers oder eines einzelnen Blattes die gesamte „Zentrumspublizistik" oder gar das ganze Zentrum selbst veranttvortlich ge­macht werde. Die Freunde des Fürsten Bülow behaupten, sie wüßten ganz genau, von wem die zwei Artikel hrrührten. Wenn sie das wirklich wissen, so ist ihr Vorgehen um so schwerer zu verurteilen: denn dann würden sie nicht bloß irrtümlich .sondern bewußt die Unwahrheit sagen, wenn sie von einem Ränkespiel der Zentrums­partei reden.

Wie weit der offiziös gepflegte „Verfassungs- wahnsinn" sich schon entwickelt hat, kann man aus dem neuesten „Verl. Tagebl." sehen, wo in den Tönen des bittersten Ernstes ausführlich darge­legt wird, wie „die Fäden des Klerikalismus" die Wiener Hofburg und das Neue Palais in Pots­dam umspinnen und wie dem Deutschen Kaiser von feiten des Zentrums in der letzten Woche „eine bestimmte Offerte" gemacht worden sei; nichts geringeres, als ein „Regierungspro­gramm" mit einer Kandidatenliste des Zen­trums" für den Reichskanzlerposten. Man liest da:

„Durch die Isolierung des Kaisers während der letzten Wochen ist anscheinend der Einfluß des Zentrums und seiner Drahtzieher auf den Kaiser oerstärkt woroen. Zum mindesten hat man Gelegen­heit gefunden, dem Kaiser eine bestimmte Offerte zu machen, durch welche man eine Stärkung der taiserlichen Macht in Aussicht stellte. Es wird sogar einiges über die Kandidatenliste des Zentrums für den Reichskanzlerposten geflüstert. An der Spitze steht ein sehr kluger und sympalifcher Diplomat, der nur leider schon durch sein Alter verhindert ist, die Last des Kansteramtes zu tragen und vielleicht gerade deshalb dem Zentrum als Vertreter der Reichs­gewalt annehmbar erscheint."

Als, Gegenkonzession, so phantasiert das „B. T." weiter, verlange das Zentrum nur Pari­tät in der Verwaltung, einen den Zeutrums- wiinschen entgegenkommenden preußischen Kul- tusnnnister und die Wiedereinführung der ka­tholischen Abteilung im Kultusministe­rium. Dafür werde man die Reichssinan- z e n^durch eine energische Anziehung der indirek­ten Steuerschraube unter Vermeidung von direk-< ten Steuern zu sani r en suchen. Von konsti­tutionellen Konzessionen, von Einführung des Kenhslagswahkrechts in Preußen sei keine Rede. Das „B. T." fährt dann fort:

»Auf welchen Um- und Schleichwegen eine solche oder ähnliche Offerte in das kaiserliche Hofamt gelangt ist, darüber wird man verschiedener Ansicht sein können, aber sie ist tatsächlich erfolgt. Vielleicht haben sich mehrere Eingeweihte in die Hände gear­beitet. Genug, daß der Kaiser über das Entgegen­kommen des Zentrums nicht im Unklaren gelassen wurde. Möglicherweise hat es auch an versteckten Drohungen nicht gefehlt, da das Zentrum sich stark genug fühlt, die Reich-finanzreform, wenn sie ohne

seine Unterstützung durchgeführt werden soll, zu ver­hindern. Auch hat es immer noch den Ausweg, sich auf die demokratisch« Seite zu legen und die kaiserliche Gewalt einzuschränken."

Das ist ja eine entsetzliche Gefahr, der da so ahnungslos das deutsche Reich und der Kaiser entgegengingen. Gelobt und gedankt und getrommelt und gepfiffen sei dem „Berl. Tagebl." das dieser fürchterlichen Verschwörung auf die Spur gekommen ist und damit das liebe Vater­land und dem Block mit dem Fürst Bülow an der Spitze vor dem Sturz in den schwarzen Ab­grund gerettet hat!

Man kann über den Wahnsinn, der sich in den „Enthüllungen" des Berl. Tagebl. offen­bart, lachen, aber es bleibt die Frage nach der Methode. Warum und wozu di ese Treib- hauskultur von Verfolgung s° und Verschwörungsmärchen? Soll das bloß zu der Erziehung der Blockkinder dienen? Oder ist der Reichskanzler auf neue Schwierigkeiten und Gegnerschaften gestoßen, zu deren Ueberwindung der Schein einer fürchterlichen Verfolgung von Zentrums wegen nützlich erscheint?

Die Offiziöse möchten wir Bitten, statt der Aufbauschung von einem minderwertigen Zei- tungserguß lieber das ernste Werk der Auf­klärung und Beruhigung zu betreiben, was gerade jetzt dringend notwendig ist wegen der überrraschenden Nachrichten über die N e u- jahrsansprache des Kaisers. Ist wirk­lich der Kaiser aus der Zurückhaltung, die man seit dem 17. November- erwarten durfte, so her­ausgetreten, wie man es nach den bisherigen Nachrichten annehmen muß?

Das ist die Frage des Tages. Ob irgendwo in Berlin oder Wien minderwertige Artikel geschrieben werden und von wem sie ge­schrieben werden, das ist daneben ganz belanglos.

Deutsches Reich-

D Die Neujahrsansprache des Kaisers.

Zu dem Artikel der Zeitschrift ,Deutsche Revue" über den Krieg der Gegenwart, den der Kaiser den kommandierenden Generälen am Neu­jahrstage vorgelesen hat, erfahren die Ham­burger Nachrichten": Der Kaiser hat bei seiner Ansprache nur den militärtechnischen Teil des „Revue""-Artikels verlesen. Es sei ferner irrtümlich, daß sich der Monarch mit dem ganzen Inhalt dieses Artikels einverstanden er­klärt hat. Dau bemerkt der Berliner Mit­arbeiter der,Frankf. Ztg."

-OK-das rtchljg ist oder nicht, waS der Kaiser über­haupt bet dieser Gelegenheit über militärische Fragen gesagt und wie weit er sich auf den Artikel bezogen hat, weiß an amtlichen Regierungsstellen bis jetzt niemand, denn der Vorgang hat sich als eine rein militärische Angelegenheit auch nur in einer rein militäri­schen Umgebung abgespielt. Ganz allgemein aber kommt dasErstaunen und auch derUnwlüe darüber zumAusdruck, daß diese vertrauliche Besprechung des Kaners mit den Generälen nicht nut der gebotenen Diskret,on behandelt worden ist unb daß Berichte darüber in bte Ocfsent- , lichkeit gelangt sind. Es ist nachgerade ein VechäugmS, von üblen Wirkungen im Jnne-n und nach außen, daß Wilhelm II. kaum etwas sprechen oder tun kcm , was mcht bald wie ein politisches Ereignis bekannt w.rd. Was andere Monarchen sagen oder tun — denn ganz stumm oder untätig sind die meisten auch nicht — bleibt geheim und von dem, was König Eduard auf seinen Reisen mit anderen Staatsobe,Häuptern und Ministern, wie Herrn C emenceau in Marienbad spricht, erfährt man zwar tn engeren politischen Kreisen, aber es findet sich selten jemand, der es an die Oefient- lichkeit bringt.

Mit anderen Worten, der Reichskanzler, der, wie jedermann in Deutschland wußte, daß der Kaiser am Neujahrslag an die Generäle eine

Ansprache halten würde, ist mal wieder völlig überrascht von dem Inhalt der kaiserlichen Kundgebung und wird sie auch wohl nicht bil­ligen. Demi abgesehen davon, daß er Italien offiziell als Dreibundsgenoflen behandeln muß, während es Graf Schliessen im Kreise unserer Feinde erscheinen läßt, hat der Reichskanzler wiederholt den Gedanken, daß den europäischen Mächten eine Einkreisung Deutschlands gelungen sei, den Gedanken eben, der die Grundlage der Schlieffen'schen Ausführungen ist, als absurd zurückgewiefen.

Eineir eigenartigen Kommentar zu der Neu­jahrsansprache liefert der konservative ,Reichs- bote":

„Der Schlieffen'sche Artikel stimmt, so führt das Blatt aus, mit einer in der Armee weit verbreiteten Auffassung zusammen, der Auffassung nämlich, daß die Armee auf die Dauer nicht mehr imstande sei, die von der Diplomatie gemachten Fehler und erzeugten ungünstigen Momente der inter­nationalen Laze durch ihre Macht allein wieder gntzu- machen. „Was das heißen will, mache man sich etn- mal vollständig klar; und glaubt man, daß diese Ge­fahr etwa durch innere Versassungskämpfe und Zwistig­keiten zwischen Krone und Volk gebessert oder besettigk wird? Der Schlieffen'iche Artikel ist die denkbar schärfste Kritik von militärischer Seite an den völlig negativen Ergebnissen unserer auswärtigen Staatskunst. Von diesem Arttkel sagte der Kaiser, daß er seinen Ansichten entsprechend sei, und hielt ihn für so wichtig, daß er ihn an dieser Stelle verlas."

Die ,Rhem. Wests. Ztg." zieht folgendes Fazit aus dem Schlieffenschen Arttkel:

„Wilhelm II. empfing das Deutsche Reich als den mächtigsten Staat Europas. Der Dretbund war fest und zuverlässig, ein Vordringen der Italiener über Jsonzo und Tiroler A pen brauchten wir nicht zu fürchten. Oesterreich wagte keine kühne Balkan­politik und seiner Hilfe waren wir sicher. Rußland war durch den Rüäverfich rungsvertrag au uns ge­kettet und dachte mch: daran, die Entscheidung gegen uns zu ; allen. Heute gibt Kaiser Wilhelm II zu, daß eine Koalition besteht, die durch ihr Dasein allein eine beständige Drohung bedeutet und der gegenüber „man versucht fein muß, nachzugeden, den Zumutungen sich zu fügen und emen Vorteil nach dem andern aus der Hand zu lassen"". Das ist die Bilanz des neuen Kurses vom Kapitän selbst festgestellt.

** Berlin, 7. Jan. 1909. Der Präsident des Reichsversicherungsamts, Geh. Oberregierungsrat Dr. Kanfmann, feiert heute das Fest der fil- bernen .Hochzeit.

= Der Reichstag, der seine Beratungen am kommenden Dienstag wieder aufnehmen wird, wird voraussichilich am 31. März die Osterferien antreten. In Zwischenräumen von je 2 Wochen sollen die Samstags- und Montagssitzungen ausfallen. Bis Ostern hofft man den Etat zu erledigen, Nach den Osterferien ist dann die Reichsfinanzreform in Angriff zu nehmen.

* Für die Reichstagsersatzwahl in Alzey- Bingen schweben zwischen den B ockpartelen Ver­handlungen, um den freisinnigen Kandidaten, Oekonomierat Lichtenstein, als gemeinsamen Block­kandidaten gegen das Zentrum aufzustellen.

(*) Ter Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb hat den Bundesrat passiert und dürfte kurz nach den Ferien an den Reichstag gelangen.

Das Arbeitskammergesetz soll, wie die ,Kreuzztg." vernimmt, im Reichstage vorläufig noch nicht zur Verhandlung gestellt werden. Man will zunächst den interessier len Verbänden der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die tetlroetfe be­

reits für Januar außerordentliche Versammlung^" zur Besprechung des Entwurfs einberufen habe", Gelegenheit geben, Stellung zum Arboitskamme gesetz zu nehmen, damit ihre Einwendungen und Verbefferungsvorschläge bei der Beratung mit­berücksichtigt werden tonnen.

* Die Handelskammern gegen die Inseraten- steuer. Nunmehr haben alle Handelskammern sich mit der Inseratensteuer beschäftigt. Sehr be­merkenswert ist, daß fast ohne Ausnahme alle Handelskammern betonen, daß von der Jnse- ratensteuer besonders der Miltelstand, der Klein­handel und bte Kleinindnstrie getroffen werden, und weiter hervorheben, daß diese Steuer eine Belastung der gesckiäftlichen Arbett und nicht des geschäftliche« Gewinnes bedeute.

)( A»S Deutschsiidwestafrika liegen neue Mitteilungen vor. Mehrere Banden wurden diesseits wie jenseits der Grenze, und dort unter Mitwirkung der Kappoiizei, teils festgenommen, teils ausgclief-rt. Auch Simon Copper soll die Fortsetzung des Krieges als aussichtslos aufge­geben haben. — Wenn diese Nachrichten in ihrem vollen Umfange stimmen, bann wird man die Befürchtungen, die man neulich an die letzten Unruhen der Hottentottenbanden knüpfen mußte, als zerstleut anfehen dürfens es wäre dann eine baldige Beruhigun g des Südens zu erhoffen.

(*) Neber Ausschreitungen von schwarzen Schutztruppensoldaten in Südkamerun macht ein Bericht, den das „Leipz. Tagebl." aus west- afrikanischen Kaufmannskreisen erhält, Mitteilun­gen. Danach sollen Negersoldaten ohne Unter­offiziere in der Gegend von Jaunde bei Häupt­lingen Elesantenzätme und Gummi eingetrieben haben, natürlich mit Gewalt. Ein Häuptling soll derart mißhandelt worden fein, daß er starb; man habe ihm vorher Pfeffer in die Wunden gestreut. Einem anderen HäupUing hatten die Vurschen ein Ohr abgeschlagen und ein Auge ausgestochen. Die Soldaten setzten dem Häupt- lug für gewöhnlich ein geladene- Gewehr auf Die Brust und zwangen ihn aus diese Weise, alle- Elfenbein anszuliefern, das im Bereich seines Dorfes war. — Es wird dringend nötig fein, daß amtlich zu diesem Bericht Stellung ge­nommen wird und daß eventuell die Schuldigen energisch bestraft werden.

* Oldenburg, 7. Jan. 1909. Die oldenburgk- sche Regierung hat die Einführung des F r a uen- st i m m r e ch t s für die Landtagswahlen ab* gelehnt.

Ausland.

* Oesterreich und Serbien. Der serbische Minister des Aeußern Milowanowitsch hat dieser Tage eine scharfe Rede gegen Oesterreich gehalten, worin er u. a. ausführte, daß Oester­reich-Ungarn die Völker zweier serbischer Staaten zu Sklaven gemacht habe. Diese Rede hat in österreichischen Regierungskreisen arge Verstimmung heroorgerusen. Der österreich-ungarische Gesandte m Belgrad, Graf Forbach, hat bereits von Baron Aehrenihal den Auftrag erhalten, sich zum Minister Milanowiltch zu begeben und ibn zu fragen, ob jener Paffus in seiner Rede, Oester­reich-Ungarn habe die Völker zweier serbischer Staaten zu Sklaven gemacht, richtig wiederge­geben ist. Dr. Milowanowitsch erklärte zwar, daß jene Stelle seiner Rede von den österreichischen Blättern falsch übersetzt sei, daß es nicht hieße, Oesterreich hätte die in Bosnien und der Herzego-

Im Sonne des Geheimnisses.

Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

[1- Fortsetzung.)

„Ach, ich kann dem Himmel nie genug danken, baß wir in Ihnen einen solchen Freund gefun­den," erwiderte Marian leife.

Eine kurze Pause entstand, der Arzt blickte ernst und nachdenklich vor sich hin.

„Und sie ist noch immer des Glaubens, ihrKind sei tot? Sie haben ihr noch nicht gesagt, daß es lebt?" fragte er plötzlich unvermittelt.

„Nein, noch nicht," versetzte sie rasch. , „Ich will noch warten, bis sowohl ihr Körper, wie ihr Gemüt kräftiger geworden sind. Sie werden sich erinnern, daß Sie es selbst für besser hielten, sie einstweilen in diesem Glauben zu lassen."

„Und welche Aiiordnungen haben Sie hin­sichtlich des Kleinen getroffen?"

„Mrs. Jefferies, die Fran, die Sie mir em­pfohlen, wird sich seiner für die nächsten Monate annehmen. Ich dachte, meine Schwester mit in einen Badeort zu nehmen, wo sie sich hoffentlich bald ganz erholen wird. Inzwischen werde ich der Pflegerin regelmäßig eine Summe senden, die auch verwöhnte Ansprüche als sehr reichlich be- rnesten betrachten müssen. Es wird an nichts seh- len, dafür werde ich sorgen."

„Und dann?" fragte der Doktor.

„Dann", fuhr sie halb ungeduldig fort, „wenn meine Schwester sich wieder völlig erholt hat und ich ihr die Mitteilung ohne Nachteil für sie machen kann, werde ich mich weiter entschließen können; vielleicht das Kind nebst Pflegerin zu uns neh­men."

Der Arzt schwieg eine Weile.

»Sie können sich denken. Miß West," begann 'er dann langsam, „daß nicht müßige Neugier es ist, was mich dazu veranlaßt, in dieser Weise zu ,fragen. Es will mir scheinen, daß Sie in Ihrer

Sorge und Liebe für Ihre einzige Schwester etwas zu weit gehen und zwar zum Nachteil dieses armen Kleinen. Sie wissen, Miß West, die Sorge für ein Kind ist eine Pflicht, die der Himmel einer jeden Mutter auferlegt, und die sich nicht leichthin beiseite schieben läßt."

„Ich weiß, ich weiß," gab sie zurück, „aber Sie können beruhigt sein. Möge Gott gegen mich verfahren, tote ich gegen feine Gebote handle. Nichts, was Geld erkaufen kann, soll dem Kleinen mangeln."

»Kein Gold kann die Liebe und Sorge einer Mutter ersetzen", erwiderte der Arzt trübe und ernst.

Eine feine Falte zeigte sich zwischen Marians Brauen.

„Aber bedenken Sie doch, Doktor, welch' außer- ordentliche Umstände hier zusammentreffen! Un- möglich können wir das Kind jetzt mit uns heim nehmen; bedenken Sie doch, was das hieße! Bis jetzt hat keiner unserer Bekannten auch nur eine Ahnung, daß Evelyn geheiratet hat; selbst mir gegenüber verweigert sie alle und jede Auskunft über diesen Punkt; alles, was wir aus ihren Fieber-Phantasien haben schließen können — und auch das kaum mit Bestimmtheit — ist, daß der Elende, der ihr jugendliches, unerfahrenes Herz betört und sie zu dieser übereilten und höchst un­glückseligen Heirat überredet haben muß, nicht mehr lebt Was soll die Welt, was die Gesellschaft unserer Kreise zu einem solchen Fall sagen? Eve­lyns ganze Zukunft wäre dann unrettbar vernich­tet. Nein, nein," fuhr sie erregter fort, „selbst wenn ich das Geheimnis meiner Schwester er- führe,und wenn alles offen zutage läge, so würde fie das nicht vor dem Achselzucken der Welt schü­tzen. Soll denn ihr schönes junges Haupt für den Rest des Lebens sich in Kummer und Reue ver­bergen müssen? Erst achtzehn, und das ganze Leben schon für sie vorüber? Warum ihr nicht die Aussicht eröffnen, ihre Uebcreilung wieder gut zu machen? Begünstigen uns fa die Umstände dabei

so außerordentlich, daß man fast sagen könnte, es soll so sein. Alles hat sich hier in Abbots- ville abgespielt, wo wir fremd sind und uns — abgesehen von Ihnen, Mrs. Ford und der Pfle­gerin — niemand näher kennt. Es kann also menschlichen Ermessen nach nie etwas davon ans Licht kommen; und erholt sich meine arme Schwe­ster, so kann sie ihren Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, vielleicht fpäter noch glücklich werden, während sie andernfalls, bei Bekannt­werden dieser unglücklichen Heirat, günstigsten­falls die Blüte ihrer Jugend und ihr ganzes Le­ben einsam vertrauern müßte."

Sie hatte lebhaft, aber mit leiser, klarer Stirn- me gesprochen und hielt jetzt hochaufatmend inne.

Dr. Nurke heftete feinen ernsten Blick wieder auf sie.

»Ich kann nicht alle Ihre Aeußerungen, die Ihnen die blinde Liebe zu Ihrer Schwester ein­gibt, billigen, Miß West," sagte er langsam, „den­noch glaube ich, daß ich Ihnen vertrauen darf. Sie haben sich als so hingebende Schwester, so ruhig, gefühwoll und tapfer in dieser fdjroiertgen Lage gezeigt, daß ich überzeugt bin, es wird Ihnen ganz und gar nicht möglich fein, ein kleines und gänzlich hülflofes Kind ins Unrecht zu setzen, es seines natürlichen Anrechtes auf Mutterliebe und Muttersorge zu berauben. Ich habe Ihnen noch nicht gesagt, daß ich auf dem Heimwege in der Nipleystraße bei Mrs. Jefferies war. Der Kleine gedeiht prächtig; ich habe selten ein gesun­deres und schöneres Kind gesehen. Auch nach Ihrer Abreise werde ich nicht verfehlen, von Zeit zu Zeit nachzufehen, und mich überzeugen, daß es an nichts mangelt, wenngleich Mrs. Jefferies in jeder Beziehung zuverlässig ist."

„Ich danke Ihnen, Doktor, für Ihre Freund­lichkeit," erwiderte Marian West mit einem tie­fem Atemzuge. „Sie dürfen überzeugt sein, daß ich mein Wort halte. Und nun, da Sie mein feierliches Versprechen gehört haben, verlange ick- das Jbriae." ,

Sie betrachtete ihn bei dielen Worten ge­spannt; ihr Antlitz wurde blaß und die Augen trübe. „Ich verlange von Ihnen Ihr Wort als Ehrenmann und Christ, daß über die Angelegen­heit, die wir als das Geheimnis meiner armen Schwester betrachten müssen, nie ein Wort über Ihre Lippen kommt."

„Dergleichen im Beruf zu seiner Kenntnis gelangte Umstände und Tatsachen enthüllt kein Arzt; wenn das geschähe, hätte alles Vertrauen ein Ende."

„Das genügt mir nicht," gab sie zurück, „ich verlange mehr als berufsmäßige Verschwiegen­heit. Wie ich Ihnen bereits früher sagte, stam­men wir aus guter alter Familie, und ehe meine arme junge Schvester infolge dieses.unbedachten Schrittes dem Achselzucken der Welt, dem lieblosen Urteil der Frauen, dem Bedauern der Männer und mehr oder weniger dem abfälligen Urteil aller ihrer Bekannten und Freunde begegnen — ich sage, ehe sie, jung und feinfühlig wie sie ist, alles dies leiden soll — eher würde ich sie fort­bringen, irgend wohin, wo menschliche Blicke nie mehr auf ihr ruhen sollten I — Ich habe nun alles überdachst, ich habe mir jede Möglichkeit zu vergegenwärtigen gesucht und bin zu dem Schluß gekommen, daß, wenn Sie unser Geheimnis zu bewahren versprechen, es niemals entdeckt »er­ben kann."

Er schüttelte den Kopf. „Ich wüßte nicht, daß je ein solches Geheimnis auf die Dauer bewahrt geblieben wäre. Miß West; indes, was an mir liegt, will ich tun."

„Geben Sie mir Ihr feierliches Versprechen", sagte sie ungeduldig.

Ich gebe es Ihnen hiermit so feierlich, wie mir möglich Ich verspreche Ihnen vor dem All­mächtigen. niemals ein Wort von dem was vor­gefallen zu erwähnen — es fei denn auf Ihr oder Ihrer Schwester Ersuchen hin."

(Fortsetzung folgt)