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MaerW Zeitung tLP _______________________

36. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 7. Januar 1909,

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Sotattonsdruckund Verlag der Zuldaer At-

ZA Sonne des Geheimnisses.

Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

1. Kapitel.

Ein Geheimnis.

Sin wundervoller Junitag neigt sich seinem Ende zu. Die Königin des Tages hüllt sich in purpurne Prachtgewänder, bevor sie zur Ruhe geht: rings auf Feld und Flur, auf Hain und Wiese senkt sich duftige Kühle und Frische; die Blumen neigen die Köpfchen und wollen schlafen; die Sänger des Tages verstummen einer nach dem andern: nur aus den, Jasmin-Gebüsch, dem betäubend süßer Duft entquillt, ertönt noch in vollen schmelzenden Tönen dar Liebeslied der Nachtigall hinaus in die langsam nahende Däm­merung.

Ein letzter goldener Lichtstrahl fällt in das weitgeöffnete Fenster im ersten Stock eines gro­ßen alten Landhauses, das still und duftig zwi- scheu hohen dunklen Bäumen liegt. Neugierig blickt er in das hohe, einfach, aber behaglich mö­blierte Gemach Am Fenster sitzt eine Dame, gut gekleidet und anscheinend über, dreißig Jahre alt. Die Züge waren früher einmal ziemlich hübsch gewesen und machien auch jetzt, nament­lich im Dämmerlicht des scheidenden Tages, kei­nen unvorteilhaften Eindruck; aber viele ferne Linien und Furchen hatten sich hinein gegraben, die von vielen sorgenvollen Gedanken «zähsten, und um den Mund lag ein ernster, trüber Zug. Es war nicht, was man ein liebenswürdiges Ge­sicht zu nennen pflegt; die Person, der es gehörte, besaß keine liebenswürdigen Schwachheiten. Cs war nicht das Gesicht einer Frau, die man ohne weiteres mit offenem Herzen in der Stunde der Not oder Drangsal ausgesucht haben würde. Es war energisch, entschlossen und kräftig, voll Selbst­vertrauen und Selbstbeherrschung, wie die Frau, -er es gehörte. — wie Marian West selber.

Tiefe Stille herrschte; nur eine kleine Stand­uhr tickte rastlos und einförmig irgendwo im Hintergründe des dunklen Gemaches. So still, so regungslos, so in Gedanken saß Marian West da, daß man sie für leblos hätte halten können, wäre nicht das sinnende klare Auge gewesen, das von Leben sprach

Die Schatten deS Abends legten sich langsam über die langgestreckten grauen Felder draußen jenseits des Kreises hoher alter Bäume, die den Mühlenhof umgaben, und die Dämmerung wob dichter und bid#er ihre Netze in den Kronen der Bäume. Dom Turm des benachbarten Städt­chens Abbotsville drang schwach auf den Flügeln des lauen Abendwindes der tiefe Schlag der Turmuhr herüber; vereinzelte Sterne erglommen bereits am tiefdunklen Nachthimmel. Was mochte sie sinnen, die stille ruhige Gestalt dort am Fen­ster? —

Ein leises bescheidenes Klopsen an der Tür, und Marian West fuhr zusammen. Sie strich mit der Hand über die Stirn, wie um einen quälenden Gedanken zu verscheuchen, schritt dann zur Tür und öffnete. Ein rotwangiges ländliches Mädchen erschien mit der Lampe und meldete: „Der Herr Doktor ist soeben gekommen, Miß West."

„Es ist gut, Jenny; bitten Sie ihn gleich hier- her zu mir."

Einen Augenblick später erschien Dr. Rurke selbst. Es war ein Mann von mittlerer Größe, mit leicht ergrautem, aber noch vollem Haar und einem Paar kluger Augen in einem Gesicht, worin Wohlwollen und Herzensgute aus den ersten Blick zu lesen warem

„Guten Abend, Miß West; Sie sehen, ich halte Wort. Nun, wie geht es unserer Patientin heute?"

„Guten Abend, Doktor. Ich danke Ihnen, daß Sie so Pünktlich sind. Bitte, nehmen Sie Platz. Einen Augenblick —"

. , . ttendrnSeret in Zulda

Monatrbellage: „zuldaer Geschichttolmter Fernsprecher Nr. 9.

Lari Schütte?

wochEae«: „Illustrierte Sonntagszeltung

Deutschland bedroht den Frieden, und die ge- chichtliche Erfahrung lehrt, daß es sich durch keine Rücksicht auf Recht und Gerechtigkeit vom Kriege abhalten läßt, wenn dieser ihm nur Ge- winn verheißt." In der übrigen Prefle ist man wenigstens in Worten zahmer. In der Richtung aber stimmen die Blätter aller Parteien darin überein, daß Deutschland trotz sein« vielen Friedensbeteuerungen der Angreifer, der Friedens- -törer sei. In Frankreich, daS in dem Schlieffen'schen Artikel als „Erbfeind" bezeichnet worden ist, in Rußland, demgegenüber von dem slavischen Haffe gegen die Ger- manen die Rede war, ist die Preffe nalür- ich ebenso gestimmt.

In den Zornesausbrüchen der ausländischen Presse findet fich öfter die Behauptung, der Kaiser habe nicht lediglich seinem Drange nach Aeußerung seiner Ansichten nachgegeben, als er den Artikel vorlas, sondern er habe einen Rebenzweck damit verfolgt. Als B'leg dafür muß die Tatsache herhalten, daß der General v. Schlieffen einem kaum zu rechtfertigenden PeffimismuS huldigt. Alle unsere Nachbarn ringsum liegen uns gegenüber hinter Wällen und Gräben, so sagt er, und mit ihm der Kaiser- Aber haben wir nicht noch viel stärkere Wälle und Gräben und haben wir nicht die furcht- barste Armee bet Welt?! Davon ab« spricht der General nicht. Die Auslandspreise leitet daraus die Vermutung her, es solle für die Militärvorlage von 1910, die nach der neuen Steuervermehrung ja so sich« kommen wird, wie Regen nach dem (Sonnen ;d) ein, Stimmung gemacht werden. Daß das im Aus- lande keine Deutschenfreunde schafft, ist klar.

Alle- in allem wird man leibet bie Auf­fassung nicht beseitigen können, daß auch diese kaiserliche Sloestercundgebung unsere Beziehungen zum Auslände nicht beffern wird.

Sie wissen es nicht, können es nicht begreifen, was dies für mich ist. Evelyn ist mein einziges mein alles, der Mittelpunkt meines Lebens, ^ch brn siebzehn Jahre älter wie sie; ich war die älteste einer großen Familie, sie die Jüngste, — sie sind alle tot außer uns beiden — Vater, Mutter, Bru­der, Schwestern — alle, außer uns beiden. Eve­lyn war erst vier Jahre alt, als meine Mutter starb und sie mir auf dem Sterbebette als hei­liges Vermächtnis cmvertraute. Seit Jahren habe ich sie geliebt und bin von ihr wiedergeliebt wor­den Ibn, den ich liebte, habe ich abgewiefen, weil ich mich nicht von der kleinen Evelyn trennen wollte. Mein ganzes Leben habe ich ihr aus- geopfert. Und nun dies! — Ach, mein Gott, daß es doch alles ein wüster Traum toäri», wie ich oft meine 1" „„ .

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen.

„Liebe Mß West," sprach der Arzt tröstend, „beruhigen Sie sich Es hat keinen Zweck, diesen Gedanken Raum zu geben; westen sie sie weit von sich. Ihre Schwester wird Ihnen Zweifel- los {einer Zeit über alles Klarheit geben.

Marian erhob den Kopf. „Nicht, daß ich etwas Unehrenhastes von meiner Schwester befürchtete, Doktor," sprach sie stolz, obwohl ihre Stimme noch zitterte, „aber dies vollständige Dunkel über alles, das ist es, was mich bedrückt und ängstigt. Wie kennte sie mich so hintergehen; warum sowohl ihre Liebe, wie ihre Heirat vor mir verbergen wo ich ihr doch Mutter und Schwester zugleich gewesen und ihr vollstes Vertrauen belaß? Hätten wir nicht hier in Abbotsville unsere Heiim reise nach London unterbrechen muffen, hatte sch nicht gerade Sie gefunden, und hätten sie sich nicht so äußerst gütig unserer angenommen — mein Gott, ich mag gar nicht daran denken, was andernfalls das Ende gewesen wäre!"

„Das ich getan, war lediglich meine Schuldig­keit als Arzt und Mensch, Miß West," erwidert/ Dr. Rurke einfach; „Sie würden mich verpfncy- ten, wenn Sie diesen Punkt nicht wieder berühren wollten Ot. f.t

Deutsches Reich,

■-u- Deutschland und Oesterreich.

Eine Berliner Korrespondenz der Wien« Reichspost" und eine Wiener Korrespondenz d« Berliner „Germania" hatten von einer schwanken­den Politik des Deutschen Reiches gegenüber Oesterreich-Ungarn gesprochen und die deutsck« Politik gemahnt, in der gegenwärtigen Krisis fest an der Seite des Verbündeten an der Donau zu stehen. Die „Nordd. Allg. Ztg." wendet sich heftig gegen die Anzweiflung der Bündnistreue Deutschlands und glaubt sich als etnen Versuch der „Zentmmspublizisstk" der „deutschen Zen- trumspolitk«" kennzeichnen zu müssen, die Stellung Bülows auf dem Umwege über das Ausland zu erschüttern.

Das ist törichtes Gerede, daß das Zentrum an dem Sturze Bülows kein Interesse hat, ist schon oft genug klargelegt worden. Es handelt sich hier nicht um Kundgebungen „der Zentrums­publizistik" oder „der deutschen Zentrumspoli- tiker", sondern allem Anschein nach um die Aus­lassung eines einzigen Zentrumspublizisten und Zentrumspolitikers, für welche bte Gesamtheit nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Gegen die angeblichen Machenschaften des Zentrums sind übrigens nicht bloß die deutschen sondern auch die österreichischen Offiziösen mobil gemacht worden. Das Wiener „Fremdenblatt erklärt die Vorwürfe gegen Bülows Politik für gänzlich ungerechtfertigt und stellt fest daß Deutschland von Anfang an Oestertelch-Ungarn

Mit diesen Worten schritt Marian in das an- stoßende Vorzimmer und schloß die aus demsel­ben zum Flur führende Tür sorgfältig ab, nach­dem sie sich durch einen kurzen Blick ringsum da­von überzeugt hatte, daß niemand darin zurück­geblieben war. Zurückkehrend schloß sie dann auch die aus dem Hauptgemache in das Vorzim­mer führende Tür hinter sich.

„MrS. Folksworth ist nicht zugegen, tote ich sehe," begann der Arzt wieder: „ich hoffe, die Besserung hält doch an?"

, Soviel ich beurteilen kann, gewiß," versetzte Mariaw „Nur ihr Gemütszustand macht mir ®orge Es ist, als ob eine schwere Wolke auf ihrer Seele laste; sie sitzt stundenlang, starrt aus dem Fenster hinaus ins Freie und zeigt eine solche Geistesabwesenheit und Gleichgültigkeit gegen ihre ganze Umgebung, daß ich ernstlich besorgt bin. Meinen Sie nicht, eine Luftveränderung wurde hier wohltätig einwirken? Dieses einförmige Leben kann einen Gesunden schwermütig machen, wie viel mehr eine kaum von schwerem Kranken­lager Erstandene, die zudem noch durch alles, was sie umgibt, an eine trübe und kummervolle Ver­gangenheit erinnert wird. Sie sagten doch bei Ihrem letzten Besuche selbst, wenn die Besserung in dieser Weise anhielte, würde unserer Abreise in längstens einer Woche nichts im Wege stehen."

Der Arzt räusperte sich „Sie sind doch bis jetzt nicht wieder auf diese Vergangenheit zuruckge- kommen, Mß West?" fragte er langsam.

„Nein, mit keiner Silbe; ich habe Ihre Wei­sungen in dieser Hinsicht nicht vergessen."

„Sie haben auch keinen Versuch gemacht, nahe- res von ihr zu «fahren, sie zu bewegen, .ebnen alles anzuvertrauen?" .

„Nein", erwiderte Marian leise und beschat­tete' die Augen mit der Hand, „obwohl jede Faser meines Herzens darnach verlangt, Klarheit zu haben. Ich gäbe ein Jahr — was sage ich, ein Jahr? — zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum, wenn Evelyn mir vertrauen wollte. Ach.

ft Der Kaiser über -en Krieg.

Die Mitteilungen des »Berliner Tageblattes- über die Ansprache des Kaisers an die kommandierenden Generäle waren von verschie­denen Blättern in Zweifel gezogen worden, von mehreren Seiten werden fie aber jetzt im großen und ganzen bestätigt. Der Kais« ging die Kaisermanöver des letzten Jahre- und das Goltz, che Manöver in Ostpreußen in einer bis ins einzelne gehenden Besprechung durch und verkds dann einen Artikel deS ehemaligen Chess des Gen«alstabs General-Oberst Gras Schliessen üb« die militärische Lage Deutschlands, der in d« Deutschen Revue' erschienen ist. Er fügte hinzu, dieser Artikel decke sich durchaus mit seinen Ansichten.

Der Artikel des Grasen Schlieffen schildert zunächst den Berlauf ein« Schlacht unter den gegenwärtigen Verhältnissen. D« Versasser betont:

„Das Wettrüsten, da« nach dem deutsch-französischen Kriege eingesetzt habe, habe es unter äußerUer An­spannung der „auf daS äußerste angestachelten Tech­niker" dahin gebracht, daß nahezu alle Armeen nicht nur Europas, sondern auch des fernen Ostens und Westens sich im Besitz ziemlich gleichwertiger Waffen befinden. Die Waffentechnik habe ihre „herr­lichsten Triumphe" gefeiert. Sie habe eine Erleichterung im Kampfe gebracht, aber niemandem eine Ueber­legenheil über den Gegner. Wenn heute die Armeen wie im 18. Jahrhundert in zwei Linien gegen­einander aufmarschierten und bei nicht zu großer Ent­fernung Salven abgeben dürsten, dann würden inner­halb weniger Minuten beide Armeen durch Schnellfeuer vom Boden vertilgt sein. Es sei auch heute nicht mehr angebracht, wie noch vor kurzem beadstchtigt worden fei, durch das Feuer dichter Schützenschwärme den Feind überwältigen zu wollen. Die Schützenschwärme würben baldigst niedergemäht werden. Nur unter Be­nutzung von Deckungen, von Bäumen und Häusern, von Mauern und Gräben, von Erhöhungen und Ver­tiefungen vermöge der Infanterist an den Feind heran- zukommen"

D« Artikel bespricht dann weit« die Zahlen, die bei der Abschätzung der Wehrmacht in Betracht kommen. Die vielfach angegebenen Rielenziffern «schienen ihm „mehr oder wenig« imaginär".

„Der Fabrikarbeiter, der gewohnt ist, morgens den Arbeitsplatz, abends fein Heim auf dem Rade aufzu- i neben, wird schwerlich, mit Waffe, Munition und Tornister beladen, täglich 30-40 Kilometer zuruck- »silegen vermögen. Daher berechnet der Verfasser, daß die Gesamtstärke vor Dem Feinde auf nicht mehr als eine Mill on zu veranschlagen sei. Wie das Zusammen­wirken dieser Mafien möglich ist und zu emem Erfolge führen km, das erörtert der Verfasser 'n Ausführun­gen, die in folgendem Satze msammenlaufen: „Erne Ermattungsstrategie läßt fich nicht treiben, venn der Unterhalt von Millionen den Aufwand von UiiUintDen erfor ert. Um aber einen entscheidenden tnb vernichtenden Erfolg zu erzielen, ist ein Angrrf von wei oder drei Seiten, also gegen die Front oder d<gen eine oder beide Flanken, erforderlich."

Zum Schluß w ird der Artikel politisch, er behandelt das neuerdings so beliebte Thema „Feinde ringsum":

„Frankreich habe seine Revanche-Idee noch nicht aufgegeben. Der Aufschwung der deutschen Industrie habe England zum unversöhnlichen Feind gemacht. Rußland stehe unter der ererbten Antipathie der Kluven gegen die Germanen. Italien, „ball die Berdrängung der Fremden, die ernst über bte Alpen in bte fruchtbaren Gefilde der Lombardei herabstregen, noch nicht für vollendet." „Es ist nicht ausgemacht", Heidt es werter, „daß diese Leidenschaften und Begehr­lichkeiten fich in gemeinsames Handeln umsetzen werden. Aber das eifrige Bemühen ist doch vorhanden, alle

biefe Mächte zum gemeinschaftlichen An­griff gegen di- Mitte zusammen,usühren. Im ge­gebenen Augenblick sollen die Tore geöffnet, die Zug- brücken Herabgelaffen werden und die Millionenheere über die Vogesen, die Maas, die Königsau, dem Riemen, den Bug und sogar über den Jsonso und die Tiroler Alpen verheerend und vernichtend hereinströmen. Die Gefahr erscheint riesengroß. Sie verringert ich etwas, wenn man ihr nähertritt." . • . „Durch bie üngsten Ereignisse auf der Balkanhalbinsel sieht sich Oesterreich für geraume Zeit nach jener Seite ge­bunden. Es kann seinem Verbündeten keine Unterstützung gewähren."

Auf die ,Daily-Telegraph'-Veröffmt- lichungen ist d« Kaiser, entgegen d« Mitteilung deS ,Berl. Tagebl/, nicht eingegangen. Da­gegen findet fich in dem Schluß des Artikels des Grafen Schliessen darauf eine kurze An- spielung. Diese Schlußsätze lauten:

„Trotz der soviel günstig gewordenen Lage scheinen die Feinde ringsherum immer noch nicht zu d e n W a s f e n greisen zu wollen. Die vielen Bedenken sind noch nicht beseitigt. Auch nach der Trennung find Oesterreich wie Deutschland immer noch zu stark. Sie sollen zunächst durch inneren Zwiespalt geschwächt werden. In Oesterreich wird der Na­tionalitätenhader durch freundschaftliche Vorstellungen der Diplomatie, durch zum Kampf ermutigende Ab­ordnungen und durch die Schlachtrufe der Preffe emsig geschürt. Wie in Deutschland der gleiche Zweck mit einem kurzen Zeitungsartikel, mit hinter­listig zusammengestellten verjährten An­klagen zu erreichen ist, hat sich erst kürzlich gezeigt. Und doch ist für den ferneren Kampf, er mag mit den Waffen in der Hand oder mit andere« Mitteln geführt werden, wenigstens nach außen hin ein „einig Volk von Brüdern" nötig, sowie eine große, starke, mächtige Armee, die von einer festen Hand ge­führt wird und von unbedingtem Vertrauen erfüllt ist.»

D« Kaiser hat den Generälen den Artikel vorgelesen, ab« « hat auch erklärt, d«selbe gebe seine eigene Ansichten wieder. Der Artikel ist also ein Ausdruck der Meinung des Kaisers, und die Kritik wird von dem Verfaff« auf den Kais« abgelenkt.

Die Aufnahme, die diese neueste Kundgebung deS Kaisers im Jnlande findet, ist ungemein bezeichnend. Nur sehr wenige Blätt« äußern eine eigene Ansicht. Die „Köln. Vstg." spricht von ein« „militärischen Fanfare" und fragt, welches der Zw.ck dieser Veröffentlichung sei. Die „Franks. Ztg." will nicht finden können, daß der Artikel eine besondere Aufmerksamkeit verdiene. Die meisten anderen Blätter, zumal die Block- blätter, halten mit ihrer Meinung zurück. Hat das Kaiserwortvonden„unberechtigtenUebertreibungen" auf einmal eine solche Scheu vor der kaiserlichen Empfindlichkeit hervorgerusen ob« fürchtet man für den Reichskanzler, ohne dessen Zustimmung offenbar wieder trotz der scharfen Aussprache im Reichstag d« Kaiser das Gewicht seiner Persön- lichkeit in die Wagschale des politischen Lebens geworsen hat? Um so laut« klingt aus der Presse die bange Frage: Was sagt das AuS- land dazu?

In uns«er gegenwärtigen Lage haben wir alle Veranlassung, daS Ausland nicht zu reizen. Was das Ausland aber antwortet, daS klingt recht unangenehm in unsre Ohren. Die englische Presse ist sehr «dost darüb«, daß der Kaiser Den Engländern feindselige Absichten gegenüber Dem deutschen Reiche nachsage. Die kons«vative englische Preffe, bie bie Hetze gegen Deutschlanb besonders nachdrücklich betreibt, ist auss Suß«ste erbittert. Der ,Daily Expreß' behauptet: „Nur

vollste diplomatische Unterstützung gewährt habe.

Dem gegenüber muß daran erinnert werden, daß es deutsche Blätt«, denen man Beziehun­gen zu amtlichen Stellen nachsagt, waren, bie zuerst fich in zweideutigen Wendungen üb« das deutsch-österreichische BundesverhäUnis er­gangen unb dadurch in Oesterreich eine gewisse Beunruhigung hervorgerufen haben. Zu diesen Blättern gehörte auß« der „Köln. Ztg." auch d,e „Nordd. Allg. Ztg." selbst. Beide haben sich tut ersten ©tabium der Annexionsaktion mehrfach in höchst merkwürdiger Weise geäußert und ließen einen unfreundlichen Grundton deutlich ernennen.

-r- Gefahren für bie Besoldungsreform »n Preußen.

Ehe der preußische Landtag in die Weihnachts­ferien ging, haben seine Kommissionen die Leh­rerbesoldungsvorlage und die Beamtenbesol­dungsvorlage in der Vorberatung erledigt. Das Plenum des Abgeordnetenhauses wird, voraus- ichtlich an den Kommiffionsbeschlüffen nicht mehr allzu viel ändern. Grundfalsch aber Ware es, damit bereits die Besoldungsreform als er- ledigt oder auch nur als gesichert anzusehen.

Die Lehr«besoldungsvorlage zwar hat die Zustimmung der Regi«ung gefunden, und auch das Herrenhaus wird ihr voraussichtlich bteJBtl- lioung nicht versagen. Anders steht es mit der Beamtenbesvldungsvvrlage. Einer ganzen Reihe von Kommiffionsbeschlüffen hat die Regierung ihr „unannehmbar" entgegengefetzt. ES fehlt nicht an Anzeichen, daß die Regierung den ihr auf das Herrenhaus zustehendcn Einfluß be­nutzen wird, um hier eine Ablehnung der als unannehmbar bezeichneten Aenderungen der x. or- lage zu erwirken. Gelingt ihr dies, so sieht sich das Abgeordnetenhaus vor die Entscheidung ge- stellt, die im Herrenhaus verschlechterte Vorlage anzunehmen oder die ganze Vorlage scheitern , zu lassen Die Situation wird für bte Parteien des Abgeordnetenhauses, vor allem für das Zen­trum sich in solchem Falle dadurch ganz besonders schwierig gestalten, da die als unannehmbar be­zeichneten Kommissionsbeschlüsse Verdes,erungen für die u n t e r en Beamtenklassen betreffen, wah­rend die Besserstellung der höheren Beamten von der Regierung durchaus nicht ungern geseyen wurde. Es liegt die Gefahr vor, daß bte Vor­lage bei ihrer Rückkehr an das Abgeordnetenhaus für die höheren Beamten ganz erhebliche Besse- nmgen bringt, während die unteren Beamten nur' fehr kärgliche Mehrbezüge erhalten sollen. Wie das Zentrum insbesondere sich in dieser Si­tuation verhalten wird, ist eine ernste Frage.

Zur Zeit viel bedrohlicher, tatsächlich aber nicht so ernst sieht eine zweite Gefahr aus, bte dem Zustandekommen der Besoldnngsreform droht. Die Regierung hat bekanntlich erklärt, daß sie die Besoldungsvorlagen zuruckziehen müsse, wenn ihr nicht für die dauernden Mehraus­gaben dauernde Mehreinnahmen bewilligt würden. Die Kommission des Abgeordnetenhau­ses dagegen hat in der ersten Lesung sich nur für eine vorläufige Bewilligung von Mehrein­nahmen erklärt. Es ist aber die Erwartung nicht auszuschließen, daß bis zur zweiten 2esuiig eine Verständigung zwischen Regierung und Parteien über die Deckungsfrage möglich sein wird. Die Forderung der Regierung, dauernde Mehrein­nahmen zu «hakten, ist in ihrem Kerne durchaus gerechtfertigt. Der Landtag dagegen hat etn dringliches Interesse daran, vor der Bewilligung dauernder Mehreinnahmen über die Finanzver- hältnisse des preußischen Staates bie «schöpfende Kenntnis zu erhalten, die ihm bis jetzt noch im­mer vorenthalten worden ist. Kommt bte Regie­rung dies« Forderung des Landtages nach und begründet sie darin die Notwendigkeit ^tuernder Mehreinnahmen, so ist nicht zu bezweifeln, daß