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Sotattonrdrucknab Verlag brr Zuibaer M» tienbruderei in Salbe Zerufprecher Nr.S.
JVä 3.
Fulda, Dienstag den 5. Januar 1909.
36. Jahrgang.
Grrstes Wlcrtt.
Wegen des Feiertags Hl. 3 König wird die nächste Nummer der ,Fuldaer Zeitung' erst am Donnerstag ausgegeben.
Deutsches Reich.
* Ansprache des Kaisers an die Generäle.
, Am Samstag hat im königlichen Schlosse das cjlbliche Diner der kommandierenden Generäle stattgefunden. Nach Aushebung der Tafel hielt der Kaiser einen sachlich militärischen Vortrag 'über die Aufgaben und Lehren der letzten Ma» I nöber. Der Kaiser wies an der Hand von Karten !auf diejenigen Momente der Manöver hin, die seiner Meinung nach geeignet sein könnten, anregend und belehrend zu wirken. Am Schlüsse dieses militärtechnischen Vortrages spielte der Kaiser, wie das „Berl. Tagebl." hört, mit einigen Worten auf die Vorgänge an, die sich im Anschluß an die Veröffentlichung des Daily-Telegraph.Jnterviews ereignet Der Kaiser sprach in sehr ruhiger Weise und das, was er sagte, ließ erkennen, das die letzten Ereignisse einen sehr ernsten Eindruck auf ihn gemacht haben. Er verlaß auch einen kürzlich erschienenen Revue-Artikel und fügte hinzu, daß dieser Artikel ungefähr das enthalte, was er selbst über die jüngsten Vorgänge sagen könnte. Als der Kaiser seine Rede geendet, nahm der rang- älteste der anwesenden Generäle das Wort, dankte dem Monarchen und versicherte ihn des rückhaltlosen Vertrauens der Armee. — Einem Berliner Telegramm der „Franks. Ztg." zufolge, !foH der Kaiser als Text der Predigt in der Schloßkapelle am Neujahrstage, die Worte gewählt haben: „Ich will Frieden haben mitmeinemVolke".
** Berlin, 4. Jan. 1909. Im Elisabethsaal -des Königlichen Schlosses hielt am Sonntag nachmittag Professor Her gesell, der bekannte -Aeronaut und Freund Zeppelins, einen Vortrag über Probleme der Luftschiffahrt. Zugegen waren außer dem Kaiser und der Kaiserin die Prinzen söhne und deren Gemahlinnen, die Prinzessin Viktoria Luise, Prinz Heinrich und Herzog Albrecht von Württemberg. Professor Hergesell sprach in einem fünfviertelstündigen, durch zahlreiche Lichtbilder erläuterten Vortrag über das Thema: „Die Erforschung der atmosphärischen Luft". Er berichtete über die Fortschritte der Luftschiffahrt und feine meteorologische Erforschung der höheren Atmosphären durch Drachen und kleine Ballons, die er bei Teneriffa auf Madeira vorgenommen hat. — Die „Köln. Ztg." betätigt, daß eine Novelle zum Strafge- etzbuch an den Reichstag gelangen wird. Es ollen besonders die Strafen, die aus sozialpoli- ifchen Gründen eine Berücksichtigung verdienen, geändert werden. — Das Reichsgericht sprach sich gegen jede Wiedereinführung des f l i e g e n d en Gerichtsstandes der Presse aus. — Der General der Kavallerie z. D. Graf Alexander v. W a r t e n s I e b e n ist in Berlin im 71. Lebensjahre gestorben. Graf Wartensleben, der die Feldzüge von 1864, 1866 und 1870/71 mit Bravour mitgemacht hatte, wurde 1899 mit Pension zur Disposition und a la suite des Dragoner- Regiments Nr. 7 gestellt. — Ein Geschenk
KurückgekeHrf.
Erzählung von Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.
87j (Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
„O ja!" tief Ursula, „das werde ich tun. Warte nur, Du wirst sehen, wie gut ich meine Sache mache."
Ihr Gesicht glühte vor Erregung und Wybo vertraute nicht sehr ihrer Vorsicht und lieber- legung.
„Ruhig, Ursula, ich bitte Dich!" sagte er zu ihr, „bedenke, daß die Gesundheit unseres armen Vaters davon abhängt und auch die Lucias. Trinke erst etwas und bringe Vater auch etwas, um ihm zu beruhigen."
Ursula ging ins Eßzimmer und Karaffe und Glas aus dem Schranke nehmend, trank sie erst selbst in langen Zügen, schenkte dann ihrem Vater em Glas ein und begab sich damit in sein Zim- mcr.
®r saß noch stets in derselben Haltung; sein linker Arm hing schlaff über die Stuhllehne, der .andere war gegen seine Stirn gedrückt.
Mit fast unmenschlicher Anstrengung zwang Ursula sich zur Ruhe, legte den einen Arm um feinen Hals und brachte mit der anderen Hand das Glas an seine Lippen.
„O Papa! Welch ein Glück bei all unserem .Unglück", flüsterte sie ihm zu, während er lang- ( fant trank.
Er erhob schnell den Kopf und schob das Glas 'weg.
„Was sagst Du, ein Glück? Das größte Un- 1 glück, das mich treffen konnte! Seine Unschuld , deutlich bewiesen zu sehen und nichts gutmachen zu können! So viele Jahre ihn beschuldigt, mit Gewillt mein Herz geschlossen zu haben vor meinem armen Jungen und nun zu wissen, daß ich ibn aus meinem Hause trieb, aus der Welt viel- .I-'.ckst — und unschuldig! Das ruft um Rache (Bunt Simmel"
der Stadt Dresden an den Kreuzer „D r e s d e n" wurde am Montag dem Kaiser vom Oberbürgermeister der sächsischen Hauptstadt überreicht. Es besteht in einem kostbaren Tafelaufsatz für die Offtziersmesse des neuen Kreuzers, der zurzeit in der Ostsee seine Versuchsfahrten macht und am 1. Februar der Nordseestation zugeteilt werden wird. Auf einer silbernen Schale erhebt sich eine schlanke, von Bernstein, Perlmutter und Muscheln geschmückte Säule, die von der Stadtkrone abgeschlossen wird. Die Wappen des Reiches und der Stadt, die Kriegsflagge der Marine und eine Inschrift zieren diese Krone. Geheimrat Beutler machte dem Monarchen von weiteren Stiftungen für die Mannschaft des Schiffes Mitteilung, die von wohlhabenden Dresdener Bürgern ausgehen; so von der Schenkung von 7850 als Fonds für Unteroffizere und Mannschaften, eines größeren Fonds für eine Bibliothek u. a. m.
* Der Besuch des .englischen Königspaares am Berliner Hof soll am 9. Februar erfolgen, jedenfalls erfolge er im Monat Februar.
(!) Die Strafprozeß-Reform bildete am Montag den Gegenstand der Verhandlungen der Landesgruppe Deutsches Reich der internationalen kriminalistischen Vereinigung. Der Referent Dr. Aschrott-Berlin hält die einheitliche Neuordnung des Strafrechtes und des Strafprozesses für notwendig. Als Vorteile des Entwurfes be- zeichnete Referent die Ausgestaltung dreier wert- voller besonderer Verfahrens-Arten: des Verfahrens gegen Jugendliche, des Privatklage-Verfah- rens und des schleunigen summarischen Verfahrens. Von den anderen Reformen sei die wichtigste die Einführung einer Berufung gegen Strafkammer-Urteile. Der zweite Referent, Professor v. Lifzt, stellt als Bedingungen für die Mit- arbeit an dem Entwürfe fest: eine andere Organisation der Berufungs-Gerichte (wenn Laien zur BerufungS-Jnstanz nicht hinzugezogen würden, sei der Entwurf unannehmbar), die Selbständig- feit der Hauptverhandlung gegenüber der inquisi- torischen Vorverfahren und schärfere Formulierung deS VerfolgungS-PrinzipS. — In der Diskussion forderte Oberbürgermeister Adickes-Frankfurt a. M., daß der Richter befreit werden müßte von aller Arbeit, die untergeordnete Leute verrichten könnten. — Ueber die Reform der Voruntersuchung referierte Hoftat v. Lilienthal - Heidelberg. Vor allem will der Referent, daß jede inquisitorische Befragung des Beschul- digten unstatthaft sei.
)( Bom Postscheckverkehr. Die Zahl der im Laufe Dezember — also noch vor Eröffnung des Buchungsverkehrs — bei den Scheckämtern eingegangenen Anmeldungen auf Scheckkonten beläuft sich, wie die ,Berl. Neuest. Nachr/ hören, bereits auf 7500 aus allen Handels-, Industrie-, Erwerbs- und fonstigen Kreisen; auch die Reichs- bank findet sich darunter. Die Erwartungen der Postverwaltung, die in ihrer dem Parlament vorgelegten Denkschrift über den Postscheck- und Ueberweisungsverkehr bekanntlich für Ende März 1909 mit 10000 Inhabern von Scheckkonten rechnete, sind also bereits insoweit übertroffen, als bei der täglich wachsenden Zahl der Anmeldungen am Schluffe des laufenden Quartals jene Schätzung weit überholt jein wird. Vom 1. Januar nehmen nunmehr alle Postanstallen die Zahlkarten zur Einzahlung auf Posticheck-
„Vielleicht ist es noch nicht zu spät . . ." wagte Ursula zu fragen.
„Noch nicht zu spät? Wann wird es denn wchl zu spät; zehn Jahre ist er schon weg, zehn Jahre irrt er umher, der Himmel weiß, wo; zehn Jahre habe ich aus ein Lebenszeichen von ihm gewartet. 341. tooKi ihm verzeihen, ich wartete auf sein Geständcis — aber wie konnte er bdennen, wenn er unschuldig war — unschuldig wie Lucia. — O, daß ich ei nicht in seinen Augen lesen konnte, in seiner Stimme, als er mir feine Unschuld beteuerte. — Unglücklicher Vater, der ich bin, ich habe mein Unglück selbst verdient."
, Aber lieber Voten Wenn Gctt nun in seiner großen Güte Wybo zurückkebren läßt . . ."
„Und wie, wie wird er sein, nachdem er zehn Jabre ohne einen Freund umhergeirrt ist, ohne Aufsicht, ohne Heimat? Welche Verantwortlichkeit für mich, wenn er verunglückt, verdorben ist! Bis jetzt dachte ich, er verdient es nicht besser, der Dieb! Aber nachdem du vor einigen Tagen meine Ansicht durch dein Geständnis erschüttert hattest, mußte ich immer an ihn denken. Immer dachte ich — wenn — wenn er nun doch nicht schuldig wäre. . . Und nun ist es Gewißheit! Und es ist nichts mehr daran zu ändern!"
„Doch wohl, Vater, doch! wird, kann alles gut werden, alles!"
Wenn Lucia besser Du weißt nicht
Er sah sie an, ein Hoffnungsstrahl leuchtete in seinen Augen.
„Was sagst du? ich dachte es soeben schon: Du weißt mehr als ich."
„Ja, Vater, ja, Gott sei Dank! Viel mehr als du."
„Von Wybo?"
„Ja, von ihm."
„Du hast einen Brief?"
Sie schüttelte den Kopf. „O nein, keinen Brief!"
„Du hast von ihm gehört?"
„Ja!"
„Gesehen?"
Sie sagte wieder ja, strahlend vor Freude.
„Ja, ich habe ihn gesehen . « ."
..Und er ift . . .*
tonten an. Dabei wird eine neue Erleichterung von den Kontoinhabern angenehm empfunden werden, mit welcher die Reichspoftverwaltung den Bedürfniffen des praktischen Erwerbslebens entgegenkommt. Von der Verfügung, daß die Sendungen der Scheckhefte im allgemeinen nur als Einschreibesendung mit dem Vermerk „Eigenhändig" und' gegen Rückschein von den Scheckämtern abgesandt werden dürfen, ift nachgelassen, daß jeder Firma, die ein Konto eröffnet bekommt, auf Antrag solche Sendungen nicht unter „Eigenhändig", sondern nur mit dem Vermerk „Einschreiben" gegen Rückschein übermittelt werden.
br. Operation des Präsidenten Castro. Präsident Castro hat, wie das „Berl. Tagebl." erfährt, am Sonnabend das Hotel Esplanade wieder verlaffen und ift von neuem in die Privatklinik des Profeffors Israel übersiedelt. Dort mußte sich Castro Montag einer Operation unterziehen, die fast vier Stunden in Anspruch nahm, aber gut verlief.
* Die weiblichen Rechtsanwälte. Durch Verfügung des bayerischen Justizministers sollen zunächst 50 Frauen an den bayerischen Tages- gerichlshöfen zur Verteidigung zugelasfen werden.
R. Darmstadt, 4. Jan. 1909. Die Zweite Kammer trat heute in die Beratung der dringlichen Interpellation der Abgg. Molthan und Genossen betr. die Reichsweinsteuer ein. Staatsminister Ewald erklärte, daß die hessische Regierung im Bundesrat mit allem Nachdruck gegen die Weinsteuer eingetreten sei. Nachdem eine grundsätzliche Ablehnung dort nicht zu er- reichen war, habe die hessische Regierung versucht, durch Abänderungsvorschläge die Steuer zu mildern. So habe sie die Steuerfteiheit bei den Privaten, sowie die gänzliche Steuerfreiheit aller Weine bis zu 70 Psg. die Flasche beantragt. Leider sei sie damit nicht durchgedrungen. Die Regierung müffe es ablehnen, im Reichstag nochmals Verwahrung einzulegen, dagegen erhoffe sie von dem Einfluffe der hessischen Reichs- taasabgeordneten die Ablehnung der Steuer. Abg. Molthan legte eingehend die schwere Schädigung hessischer Interessen durch die geplante Flascheuweinsteuer dar. Gerade Hessen werde am empfindlichsten getroffen, weil die hessischen Weine zum weitaus größten Teil in Flaschen gefüllt zum Konsum gelangen. Redner schildert die Notlage der hessischen Winzer, die durch die letzten Fehljahre und den Rückgang des Weinkonsums noch sehr verschärft wird. Der Minister des Innern Dr. Braun erklärte, daß die hessische Regierung durch die Wemsteuer unangenehm überrascht wurde, zumal der Reichs- schatzsekreiär im vorigen Jahre selbst darüber im Zweifel war, ob die Weinsteuer nennenswerte Ergebnisse für die Finanzreform liefern werde. Der Minister gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Reichstag das Steuerprokt ablehnen werde. Während die Abgeordneten Pagenstecher und Finger (natl.) im Sinne des Interpellanten gleichfalls gegen die geplante Steuer Protest entlegen, erneuert Abg. Ulrich (soz.) den Wunsch, daß die hessische Regierung zum Schutze der bedrohten Wmzer im Reichstag mit aller Entschiedenheit das Steuerprojekt bekämpfen möge. Finanzminister Dr. Gnauth ist erstaunt, daß Reichstagsabgeordnete Wert darauf legen, daß
„Ein Sohn und Bruder, um stolz darauf zu sein, ein edler Mensch, ein guter Christ, ein großer Künstler."
„Was, du hast ihn gesehen — er ist hier gewesen, wann? Sage mir alles! Ich habe das Recht dazu, es zu wissen."
Er war aufgestanden und hielt ihre Hand in seiner kräftigen Rechten; aber noch ehe sie antworten konnte, ging die Türe auf und sich umwendend, sah van Hogenvoorde Verdini vor sich stehen.
„Vater! Vater!" jubelte Ursula, „hast du es nicht vermutet? Hast du ihn nicht erkannt?"
Bestürzt sah der Bürgermeister bald seine Tochter, bald den Bildhauer an; aber noch ehe er zu sich selbst kommen konnte, hatte Wybo sich in seine Arme geworfen und rief:
„Vater, vergib mir! Ich habe auch Schuld! Ich bin so eigensinnig gewesen und so hart — all diele Jahre. Erst der Schmerz hat mich mild gemacht!"
Ursula schlich sich weg und ließ Vater und Sohn allein.
XXI.
Ohne die Reliquie der heiligen Lucia gefunden zu haben, kehrte Ursula ins Krankenzimmer zurück; die Geheimnisse, die nun keine Geheimnisse mehr waren, brannten ihr auf den Lippen und mit ihrem freudevollen Herzen fiel es ihr schwer, sich wieder an die Atmosphäre des Krankenzimmers zu gewöhnen.
Sie winkte Viktorine in das Nebenzimmer und teilte ihr alles mit; das Mädchen lauschte atemlos auf ihre Worte.
„Oh, bann begreife ich es," rief sie auS, „bann wirb er auch wohl bafür sorgen, daß kein Makel auf feinen Namen kommt durch eine Heirat seines Vaters mit Gertrud."
„Die Familie Wylandts," sagte Ursula, „wer denkt daran in diesem Augenblick! — Aber nun müssen wir Lucia vorbereiten. Wie glücklich wird sie fein, daß sie Wybo noch sehen — ober wenigstens sprechen kann. Willst du eS tun, Viktorine, du kannst es besser als ich, ich bin so ungestüm und so schrecklich aufgeregt."
die Regierung den Reichstag zur Ablehnung be» Steuer scharf machen; dies sei vielmehr jetzt Aufgabe der hessischen Abgeordneten. Der Minister wünscht, daß die letzteren bei ihre» Stellungnahme zur Reichsfinanzreform die hessischen Interessen besonders wahren. Die Debatte wurde sodann auf die Nachmittagssitzung vertagt.
br. Aus Deutsch - Südwestafrika. In de» Nähe des Swakopflussus, noch nicht 100 km von Swakopmund entfernt, ist vor längerer Zeil Erz entdeckt worden, das der „Deutsch-Süd- westasrikanischen Zeitung" zufolge Bedeutung zu erlangen verspricht. Man hat nämlich Tantalit, ein Erz gefunden, das ein sehr teures Metall, Tantal, enthält. Die Elekti otechnik verwendet Tantal zur Herstellung der Metallfäden in den sogen. Tantallampen, die sich als sehr ström- sparend erwiesen haben.
Ausland.
Zur Balkankrisis.
unter den Glückwünschen, die dem Reichskanzler Fürsten Bülow beim Jahreswechsel aus d.m Auslande zugegangen sind, befindet sich nach der „Nordd. Allg. Ztg." ein Telegramm deS österreichisch-ungarischen Ministers des Auswärtigen, worin dieser um Uebermittelung seiner Gratulation an das Kaiserpaar bittet und dem Fürsten Bülow seinen wärmsten Dank für die bundesfreundliche Unterstützung der österreichisch- ungarischen Politik ausspricht. In der „Wochenschau" der „Nordd. Allg. Ztg." heißt es u. a.: „Wenn wir die leitenden Gesichtspunkte de» deutschen Politik seit der erneuten Aufrollung de» Orientfrage rekapitulieren, so sind eS diese: Der deutsche Standpunkt ist von Anfang an der gewesen, daß wir die Wahrung der Großmachtstellung Oesterreich-Ungarns auch als ein eminentes Interesse der deutschen Politik betrachten; daß wir deswegen ohne Zögern an di» Seite unseres Bundesgenossen getreten sind; daß wir nach allen Seiten über unsere feste Entschlossenheit, uns nicht von Oesterreich-Ungarn abdrängen zu lassen, Klarheit gegeben haben. Dies hat der Reichskanzler im Reichstag in der entschiedensten und unzweideutigsten Weise wiederholt vor alle» Welt erklärt. Zu der Leitung der verbündeten Monarchie aber haben wir das Zutrauen, daß sie am besten beurteilen kann, welches die unentbehrlichsten Voraussetzungen ihrer Großmachtstellung sind. Ihr steht es daher auch allein zu, in den Einzelfragen die entscheidenden Entschlüsse zu fassen; und von Deutschland kann sie mit Recht erwarten, daß eS keinen Schritt tun werde, der als unerbetene Einmischung oder als Bevormundung auSgelegt werden könnte."
Eine abermalige Verschärfung der KrisiS ist durch die Fortdauer deS Boykotts entstanden, den die Jungtür. en nach wie vor gegen österreichisch-ungarische Herkünfte ausüben lassen. Der östeneichisch-ungarische Botschafter, Markgraf Pallavicini, machte am Samstag dem türkischen Minister deS Aeußern erneut Vorstellungen wegen verschiedener durch den Boykott veranlaßter Zwischensälle und wieS darauf hin, daß Oesterreich- Ungarn zwar bisher sehr nachsichtig gewesen sei.
„Sie ist jetzt ganz ruhig und vernünftig! Ich werbe alles aufbieten, es ihr klar zu machen Komm vorläufig nicht mit!"
Sie ging ins Zimmer unb sand Lucia halb aufgerichtet unb mit lauter Stimme bas Dies irae singend.
Riihrenb erklang bas Trauerlied durch das Krankenzimmer. Auf sie zueilend, schloß Viktorine, ohne an Ansteckung zu denken, sie in die Arme und flüsterte:
„Liebe, liebe Lucia! Dieses Lied paßt jetzt nicht. Jubeln mußt du unb froh fein. Deinen liebsten Wunsch hat Gott in seiner Güte erhört. Singe lieber bas Te Deum laudamus."
Wenn Lucia hätte sehen können, hätten ihre Augen nicht schärfer auf Viktorine gerichtet sein können.
„Mein liebster Wunsch?"
„Ja, ober worin besteht er beim?"
„Ich wage es nicht zu glauben — Wybo . . ."
„Ja, gerabe Wybo . . ."
„Er ist zurück! O Viktorine, ist es ivahr? unb Vater?"
„Er unb sein Vater sind jetzt zusammen. Sie haben einanber toiebergefunben . . . Alles ist Friebe, alles Glück. . ."
„Deo gratiasl"
Sie fiel in bie Kissen zurück, bet fast überirdische Glanz verbreitete sich wieder über ihr Gesicht.
„Laß mich nun in Stieben scheiben, o Herr! Nun bin ich beruhigt. Möge er halb hierherkommen, damit ich noch solange als möglich seine Gesellschaft genießen kann. Du hast es ja gesagt: Er ist hier — in der Nähe."
„Ja, bas ist er! Du kennst ihn sogar, du hast ihn gesprochen, bu hast seine Stimme gehört, ja, du hast sie erkannt. Dein Schwesterherz hat den unbekannten Künstler willkommen geheißen, noch ehe jemand an ihn dachte!"
Sie streckte die Hände entzückt aus.
„Verdini! Verdini! Er also! O, dann bin ich noch einmal so glücklich und beruhigt! Wenn er das geworden ist! Viktorine, rufe ihn hierher! Ihn, Papa und Ursula. Laß sie alle hierher kommen. Die Zeit drängt. Ich muß sie all»