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ÄREL wochenlxllag«: „Illustrierte Sonntagrzeitung"
36. Jahrgang
Fulda, Montag den 4. Januar 1909
JW 2.
(Nachdruck verboten.)
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Kritik. Am Schluffe meint er: „Die unerläßliche Borbedingung (für eine bessere Zukunft) bleibt im unbeugsamen Willen mit stählerner Spitze, der keine unüberwindlichen Hindernisse kennt. Ein 'olcher Wille würde auch die nationale Ent- ichlossenheit auslösen und das Ausland darüber nicht im Zweifel laffen, daß Deutschland unter Umständen durchaus gewillt ist, das Netz der Koalition eher mit dem Schwerte zudnrch- tiauen, als abzuwarten, bis sich dieses Netz immer mehr verdichtet. Es ist keine Schande, in politischen Dingen einen neuen Weg einzuschlagen, wenn der alte nicht zum Ziele führt." — Der alte Säbelraßler we ß gar nicht, wie er durch solche Worte den Engländern Freude bereitet.
A Der Postscheckverkehr hat bisher nur eine» glatten Mißerfolg aufzuweisen. In Berlin hat trotz intensivster Reklame das Postscheckamt feine Tätigkeit mit nur 1800 Konten eröffnet. Für diese 1800 Geschäftsleute werden ein Post, direktor, dessen Stellvertreter, 33 Beamte und 17 Gehilfinnen, zusammen 250 Personen, be« schästigt. Anderswo wird es nicht viel besser fein. — (In Fulda beträgt die Zahl der Teil, nehmer am Postscheckverkehr bis jetzt 5. Die Redaktion.)
(*) Das Steuerprivileg der Beamten hat einen sehr erheblichen E i n n a h m e a u s f a N bei den Kommunen zur Folge. Wie die „Städte-Ztg." feststellt, büßt von den preußischen Städten z. B. Berlin dadurch nahezu V/2 Millionen Al jährlrch ein, Breslau beinahe 600 000 Al. Nicht weniger als 23 preußische Städte erleiden durch das Privileg einen jährlichen Einnahmeausfall von mehr als 100 000 At bis 370 000 AL Wenn das Beamtenprivileg in Fortfall kommt, könnte Berlin feinen Steuerzuschlag um 9 Proz. ermäßigen, Bonn, Duisburg und Kiel um 20 Proz., Danzig um 22 Proz., Minden nm 26 Proz., Osnabrück um 28 Proz., Elberfeld um 29 Proz., Memel um 35 Proz., Schleswig gar nm 53 Proz., Wilhelms- Haven um 60 Proz. und Greifswald um 74 Prozent.
na. Der deutsche Klassenlehrerverein hat soeben in Dortmund eine außerordentliche Generalversammlung ab gehalten, um zu den Besoldungsvorlagen Stellung zu nehmen. Man beschäftigte sich vor allem mit der Heraushebung der Rektoren, die den Klassenlehrern als eine Bevorzugung erscheint. In der Debatte wurde anerkannt, daß das neue Gesttz namentlich in Bezug auf die Ortszulagen einen großen Fort- schritt bedeute. ES wurde aber bedauert, daß die Rektoren stark bevorzugt würden. Die Schuld daran wurde den großen üehrerverbänden zugeschoben, deren Le.tung meistens in den Händen von Rektoren liege. Man nahm schließlich eine Resolution an, in der verlangt wird, daß die Amtszulage für Rektoren und Haupilehrer aut einen festen Satz sestgelegt und Ortszulage und Mietsentfchädigung die gleichen sein sollen.
-4- Pädagogisck>e Seminare für Landwirtschaftslehre. Bekanntlich dürsen nur solche Kandidaten als landwirtschaftliche Fachlehrer bei den mittleren und niederen landwirtschaftlichen Lehrer- stellen angenommen werden, die an einem ganzjährigen Kursus der Landwirtschastsschnle zu Hildesheim oder Weilburg teilgenommen und das Befähigunaszeugnis für den Unterricht erhalten haben. Schon seit Jahren konnten in- folge des enormen Zudranges zu diesen Kursen zahlreiche Meldungen nicht berücksichtigt werden.
Er öffnete ein Fach, fand aber nichts, dann nodi eins und wieder eins, aber nirgendwo fan- den sie, was sie suchten.
„Es muß noch ein geheimes Fach in jener Abteilung sein, Papa", sagte Ursula, „ich weiß wohl, als Kind freute ich mich immer fo, wenn Du mich auf dem Schreibtisch sitzen ließest und daun alle Kästchen und Fächer herausnahmst. Es ist so verborgen, daß man es von außen gar nicht sehen kann."
„Darin kann sie nicht liegen: ich kann mrch der Zeit nicht mehr erinnern, daß ich es geöffnet habe."
„Oeffne es nur einmal 1 Wenn auch nur, um ihr sagen zu können, daß wir alles und alles durchsucht haben."
Herr van Hogenvoorde drückte auf eine geheime Feder und ein kleines, aber tiefes Kästchen wurde sichtbar.
„Siehst Du wohl, es ist leer", sagte er, und Ursula stellte sich auf die Zehen, um von oben hineinsehen zu können.
„Ah, da liegt etwas, Papa!"
Schnell brachte sie nun eine kleine Brieftasche zum Vorschein.
„Ein verborgener Schatz", sagte sie, es la- chelnd ihrem Vater überreichend: aber entsetzt trat sie einen Schritt zurück, als sie ihres Vaters Gesicht sah, das totenbleich geworden war und in dem feine Augen wild rollten.
„Großer Gott", rief er aus und fiel tote vernichtet in feinen Stuhl nieder, „auch das noch ... das!" . . .
„Aber Papa, was fehlt Dir denn, was ist Dir doch?"
Er antwortete nicht; wie leblos starrte er das Mädchen an, das noch stets mit der Brieftasche in der Hand vor ihm stand.
„Und ich selbst — legte sie hinein — nun weiß ich es . . . und es ist mir ganz entfallen — und nun — nun erinnere ich mich der Ereignisse so gut, als wären sie gestern geschehen — nun, da
«ffcheknt täglich mit Amuahm« der Sontu jmb Feiertage, viertel« jährliche'! Nezugsprel, ohne vringerlohn und Bestellgeld in Fulda so» Nie auswärts (.50 Alk.
verantw. Redakteur; f. y. : A. Weilet;
deshalb soll nun an der Landwirtschastsschule Eldena ein drittes Seminar eröffnet werden.
A Da8 blau-rote Bündnis bei den Kom- munalwahlen im Ruhrrevier bringt die Regierung in einige Verlegenheit. Sie weiß nicht, wie sie es mit jenen Beamten halten soll, die als nationalliberale Parteigänger dieses Bündnis mit der Sozialdemokratie unterstützt haben. Vor einigen Tagen regte man sich lebhaft über den Austritt des Baurats Meißner aus der Eisenbahndirektion Essen auf, der das Wahlbündnis der Sozialdemokratie in einem Wahlaufruf unter- schrieben hatte. Diesen Fall betrifft eine Nachricht, die jetzt die Runde durch die liberale Presse macht. Da heißt es:
„Der Austritt des könialichen Baurates Meißner aus der königlichen Eisenbahndirektion Essen ist nich't erfolgt wegen der Unterzeichnung des bekannten Wahlbündnisses mit den Sozialdemokraien anläßlich der Stadtverordnetenstichwahl, sondern hat seine Ursache in der Unterzeichnung einer Petition dec Eisen- bahnbeamlen an den Landtag im Oktober v. Js. wegen Gehaltsaufbesserung und höherer Mietsentfchädigung."
)( Die Beilegung der Unruhen in Deutschsüdwestafrika wird, das steht nach den neuesten Meldungen fest, noch erhebliche Schwierigkeiten machen, da wir nicht die Möglichkeit haben, die Eingeborenen auf englisches Gebiet zu verfolgen. Nach einer in Berlin eingetroffenen Meldung sind bei Riedfon 23 Hottentotten wieder über die Grenze in englisches Gebiet zurückgegangen. Es heißt, daß sie beabsichtigen, zu Simon Copper zu stoßen. Der stellvertretende Gouverneur hat den High Kommiffioner und den Gouverneur der Kapkolonie in Kenntnis gesetzt. Unter solchen Umständen leuchtet es ein, daß eine Weber» werfung des Ausstandes nur erreicht werden kann durch eine gemeinsame Aktion der Kap- volizei und der deutschen Schutzlruppe. Dem- bürg hat denn auch bereits, wie er durch die offiziöse Presse seststellen ließ, in London daraus Hinweisen lassen, daß England bei der gemein- tarnen Verfolgung des Interesses der weisen Rasse nicht versagen dürfe. Er will in dieser Richlubg auch bereits Zusagen von englischer Seite erhallen haben. Das scheint ihm aber nicht zu genügen, denn das offiziöse Regie- rungsblalt muß im Anschluß an derartige Erörterungen darauf Hinweisen, daß die englische Kappolizei im Grenzgebiete recht schwach sei. Den Engländern wird kS kaum übermäßig gefallen, daß sie im Grenzgebiete große Aufwendungen für die Polizei machen sollen, lediglich aus dem Grunde, weil die deutsche Kolonialverwaltung mit den Eingeborenen in einen Krieg geraten ist, der nach englischer Ansicht natürlich lediglich eine Schuld der Deutschen ist — denn warum haben die Engländer nicht auch mit den Hottentotten Kriege gehabt?! — Und der Appell an die „Interessen der weißen Raffe« steht bei den Engländern überhaupt nicht sehr hoch im Kurse.
bu weißt, auch die Schutzpatronm gegen Augen- leiden ist. Sie dankt ihr, daß sie durch ihre Fürbitte nun bald sehend werden wird, in dem etoi- gen Lichte, meint sie . . •"
„Und was sagte der Arzt?"
„Es kann noch einige Tage dauern und — und — es kann auch heute zu Ende gehen — hat er Papa erklärt, und nun hat sie mich in Vaters Büro geschickt, um ihn um dte Reliquie der hei- ligcn Lucia zu bitten, die er in fein Schreibpult gelegt haben muß. Gehe Du doch so lange zu ihr."
„Ja, aber zuerst muß ich Dir eine Mitteilung von Verdini machen. Er steht auch vollständig unter dem Eindruck ihres Zustandes und verlangt so danach, sie, noch einmal zu sehen. Er verehrt sie fast wie eine Heilige . .
„Ja, natürlich", antwortete Urfnla, ganz ver- geffend, daß Viktorine in die Wahrheit nicht ein- geweiht war, „werde ich ihn zu ihr bringen; aber zuerst muß ich sie vorbereiten. Wenn Papa jetzt nur . . ."
XX.
Herr van Hogenvoorde faß ticfbctrübi, den Kopf in die Hände gestützt, vor feinem Schreibtische, der mit Papieren bedeckt war.
Der Ausspruch des Arztes hatte ihn vollständig niedergeschmettert; jetzt erst fühlte er, was die stille Lucia — das Ebenbild ihrer Mutter — ihm gewesen war.
Als Ursula zu ihm kam, erhob er feinen Kopf und sah sie gespannt an.
„Ist es schlimmer?"
Das kann ich nicht sagen, aber sie ist überzeugt, daß sie bald stirbt. Nun bittet sie um die Reliquie ihrer Patronin, der heiligen Lucia. Ich habe sie überall in ihrem Zimmer gesucht, und jetzt glaubt sie, sie Dir gegeben zu haben, um sie einzuschließen." . . .
„Ja, ich erinnere mich Dann muß ich sie tn den Schreibtisch gelegt haben."
Ausland.
♦ Zu den Balkanfragen. Wie das Reuterfche Bureau von amtlicher Serie erfährt, haben England und Rußland Oesterreich-Ungarn ihre Annahme der Vorschläge mitgeteilt, die Oesterreich- Ungarn inbezug auf die Beratungen der der europäischen Konferenz vorzulegenden Fragen ge- macht hat. — Danach wäre also daS Zustandekommen der Konferenz gesichert, wenn
es zu spät ist, da ich ihn für immer verloren habe!"
Und der alte Mann brach in verzweiflungs» volles Weinen aus, zum großen Erstaune«: Ursulas. die ihren ruhigen, besonnenen Vater niemals in einem solchen Zustande gesehen batte.
„Mein Junge — mein armer, unschuldiger Junge!" hörte sie ihn immer stöhnen und nun ging ihr ein Licht auf; schnell öffnete sie dis Brieftasche und fand sie mit Papiergeld gefüllt.
All ihren Schmerz, Kummer und Sorge nm Lucia vergessend, stieß sie einen jubelnden Freu- deuruf aus und Brieftasche und Banknoten auf den Schreibtisch werfend, eitle sie aus dem Zimmer in Wybos Atelier. Ohne sich zu bedenken, warf sie sich an seine Brust und lachend und ivei« -.iciib zugleich rief sie:
„Wybo! Alles ist aur, komme mit zu Popal Er weiß es nun, er weiß nun alles - .
.Aber Kind, was hast Tu denn?"
Er toarf einen Blick auf die offene Türe, und fürchtend, das neugierige Blicke sie beobachten könnten, machte er sich sanft von ihr los, schloß die Türe und fragte:
„Sei doch etwas ruhiger und erzähle mir einfach und deutlich, was geschehen ist."
Aber das ging schlecht; es fiel Ursula ebenso schwer, alles ordentlich zu erzählen, wie Wybo, sie zu verstehen. Endlich verstand er die Hauptsache; sein Vater hatte ganz unerwartet den Beweis seiner Unschuld in die Hände bekommen; niemand hatte er etwas vorznwersen als allein sich selbst.
„Komm nun mit, komm nun mit!" schluchzte Ursula, „Papa ist wie gebrochen. Tröste ihn unb nimm toieber ben Platz ein, ber Dir zukommt."
„Nein", sagte Wybo, ber toteirbleich geworden war, „so geht es nicht. Kehre zu ihm zurück und bereite ihn langsam und vorsichtig darauf vor. Sage, daß Du etwas von mir weißt, und bann etwas mehr — enblich, enblich die Wahrheit — ich bleibe in der Nähe."
(Fortsetzung folgt.)
Deutscher Reich.
** Berlin, 3. Jan. 1909. Der Kaiser hörte am Samstag wiederum einen Vortrag des Reichskanzlers. — Der sozialdemokratische Abg. Singer feierte am Sam.tag das Jubiläum feiner 25jährigen Zugehörigkeit zur Berliner Stadtverordnetenversammlung. Eine Glückwunsch» adreffe, in der seine „Verdienste und treue Pflichterfüllung zum Wohle der Stadt« gepriesen werden, wurde ihm von einer Deputation überreicht. — Frau Hill, die Gemahlin des Botschafters der Vereinigten Staaten, desselben Mannes, gegen dessen Ernennung zum Botschafter in Berlin der Kaiser seinerzeit sich gewandt haben soll, weil er nicht über den in der deutschen Diplomatie üblichen großen Reichtum verfügt, ist am Samstag von der Kaiserin empfangen worden. — Der Bergarbeiterkongreß tritt Berliner Blättern zufolge am 31. Januar in Berlin zusammen.
)( Reichsschatzsekretär Dr. Sydow könnte nach einer Mitteilung eines mitteldeutschen Blattes famtsmüde geworden fein, weil ihm die Durchführung der Reichsfinanzreform unmöglich geworden sei. Reichsschatzsekretär Dr. Sydow selbst hat diese Meldung für „vollständig ans der Lust« gegriffen bezeichnet. — Daß aber eine solche Meldung aus kommen konnte, und zwar in ber,Saale» zeitung', einem mittelparteilichen Blatte, das ist ungemein bezeichnend für die Stimmung, die in Blockkreisen herrscht. Man fühlt, daß der Block nicht fähig ist, eine Reform der Reichsfinanzen durchzuiühren.
♦ lieber ben Verkauf preußischer Komgsschlosier .heißt es in eurer halbamtlichen Auslassung:
.Wenn Reich und Staat sich eine durchgreifende 'Beschränkung in ihren Ausgaben auserlegen müssen, B liegt es auf der Hand, daß auch die Krone den engsten Grundsätzen alipreußischer Sparsamkeit zu ldigen haben wirb, und zwar um so mehr, als bte allgemeine Sparsamkeitsparole am wirksamsten in die Tat umgesetzt wird, wenn die Krone auch in dieser Beziehung mit gutem Beispiel vorangeht.«
Sehr richtig! Und wir sind nun gespannt darauf, wie der Hof mit gutem Beispiele vorangehen wird. Denn daß mit dem Verkauf von ein paar unrentablen Schlössern, die der Hof ohnehin nicht braucht, dem Sparsamkeitsprinzip Genüge geleistet sei, wird niemand glauben, der die Gesamtkosten her preußischen Hofhaltung kennt. Man wird im Gegenteil dabei nur an jenen Raucher erinnert, der den Beschluß faßte, Streichhölzer zu sparen, unb deshalb eine Zigarre an der andern anzündete.
* Der Reichstag hat nach Neujahr ein un» gewöhnlich großes 'Arbeitspensum zu erledigen. Gleichwohl findet er bei feinem Wiederzusammen. tritt am 12. Januar für seine Tätigkeit nur recht dürftiges Material vor. Abgefehen von den Initiativanträgen, den Interpellationen über die Handhabung des Vereinsgesttzes und dem Ar» beitSkammergesetz liegt nichts vor, womit der Reichstag sich sofort beschäfligen lönnte. Alle großen Vorlagen, der Etat, die Besoldungs» und die Steuergesetze rc. befinden sich in Kommissionen. Die Kommissionen werden eine sehr rege Tätigkeit entfalten müssen, um dem Plenum daS erforderliche Beratungsmaterial so schnell wie möglich zu beschaffen, da die Session andernfalls sich leicht ins Endlose ausdehnen könnte.
.'. Der unzufriedene General Keim. Fürst Bülow hat sich in seinem Wahlmacher eine nette Rute gebunden; General Keim peitscht im ,Tag' auf seinen Gönner unerbittlich los und findet den „politischen Jahresabschluß" unter aller
Kurückg lehrt.
Erzählung dou Melati von Java, liebersetzt von Dr. I. B. Fuß.
Sie schlug die Augen nieder, aus Furcht, daß er darin vielleicht ihre Erregung oder ihr Entzücken lesen könnte.
„Ach, tote lange scheint mir das schon her zu sein!" seufzte sie, ihre Augen abtrocknend, „so lange, so sehr langet" .
„Und auch Ihre Angelegenheiten muß ich offenbar vernachlässigen; aber beruhigen Sie sich nur, vertrauen Sie mir. Sie sind in guten Händen."
„Daran zweifle ich nicht", antwortete sie, ihm einen dankbaren Blick zuwerfend, „aber Sie haben recht, dazu ist jetzt keine Zeit. Ein Glück ist es, daß Ursula jetzt so gut ist, sie scheint ganz verändert; ich begreife nicht, wodurch. Wenn Lucias Krankheit wenigstens diesen Vorteil gehabt hat, dann gewinnen wir doch etwas."
Sie waren beim Haufe angekommen und Serbin! fragte noch einmal:
„Wollen Sie fragen — fo sonderbar es Ihnen 'auch scheinen mag — ob ich die Kranke einmal sehen darf?" .
„Ich werde es Ursula sagen", sagte Viktorine; sie sand in dieser Bitte nichts Auffallendes. ^n ihren Augen war Lucia schon fast ein überirdisches Weien, eine halbe Heilige.
Sie begab sich zum Krankenzimmer und blieb tief gerührt an der Türe stehen; hell und voll erklang die Stimme der Kranken, die jetzt ihr Lieblingslicd, das Santa Lucia, sang.
„O, es ist fo hart, so hart!" sagte Viktorine; sphantasiert sie wieder? Und ist sie wieder un- .ruhig?"
„Nein, sie ist sehr gut bei Verstand. Sie betet Ku ihrer Schutzpatronin, der hl. Lucia, die, wie
nicht durch die unvernünstige Haltung jungtürkischer Chauvinisten neue Verwicklungen Herausbeschmoren werden. Dazu ist aber leider nur zu viel Aussicht vorhanden. Meldungen aus Saloniki zufolge plant nämlich das Boykott-Komitee, alls die Frage der Angliederung Kretas an Griechenland eine für die Türkei ungünstige Wendung nehmen würde, den Boykott auch auf griechische Waren auszudehnen. Wann wird man diesen Gesellen endlich daS Handwerk egen?
* Deutschland der Freund der Türkei. Der deutsche Botschafter Freiherr Marschall von Bieberstein hat im Namen seiner Regierung auf der Pforte die Erklärung abgegeben, daß die Türkei bei der geplanten Erhöhung der Einfuhrzölle und der Einführung beflimmtet Monopole auf die wohlwollende, fr en nd schaf tlicheUnterst ützungderdeutschen Regierung rechnen lönne. Die gesamte europäische und türkische Presse hebt die Bedeutung dieses Schrittes hervor. — Deutschland hat somit der Türkei einen neuen Beweis seines Wohlwollens gegeben. Werden die Jungtürken nun endlich einsehen, wie töricht ihre Verdächtigungen der deutschen Politik gewesen sind?
*♦ Das türkische Parlament beim Sultan. Der Sultan hat am 1. Januar alle Abgeordneten zu einem Diner eingeladen. Dieses Diner ist äußerst sreundschastlich verlausen. Der Sultan hielt eine Rede, wobei ihm die Tränen über die Wangen Herunterliesen. Dann beteuerte er seine Freundschaft zu den Abgeordneten und seine konstitutionellen Gefühle und umarmte schließlich eine Reihe von Abgeordneten. Leider ist nicht gesagt, was den Sultan so rührselig stimmte, daß er seinen Tränen freien Lauf lassen mußte.
*' Dir russische Duma ist am 2. Februar in die Ferien gegangen. Ihre Tätigkeit findet bei der Presse eine wenig schmeichelhafte Würdigung. Besonders die fortschrittlichen Blätter sprechen ihr Bedauern aus, daß die Duma, nicht schon früher in Ferien gegangen sei, da sie ja doch nichts geleistet und in der Duma nur die Sessel gedrückt habe. Außer dem Agrargesetz, von dem nur zwei Paragraphen angenommen wurden, hat die Duma nur noch die Ausnahme eines großen Pumps zur Deckung des Budgetdefizits beschlossen. In der letzten Sitzung vor den Ferien gab es noch einen Krach, als die Partei der Kadetten eine Tagesordnung beantragte, die den Unwillen über die täglich zahlreicher werdenden Todesurteile aussprach. Als die Duma den Antrag ablehnte, verließen die Kadetten und mit ihnen die Sozialdemokraten den Saal.
** Ein barbarisches Urteil. Vom Kriegs gericht zu EkaterinoSlaw ist dieser Tage ein Urteil gefällt worden, das an Grausamkeit in der ganzen zivilisierten Welt wohl einzig dasteht. Wegen Beteiligung an einem Eifenbahnaufstand im Jahr 1905 wurden 32 Angeklagte zum Tode, 152 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit und 49 zu Zwangsarbeit bis zur Dauer von 20 Jahren verurteilt.
*, Die diesjährigen Neujahrsempfänge bei den außerdeutschen Mächten boten nichts Außergewöhnliches. In Paris beschränkten sich die Ansprachen der Diplomaten auf emigeS Selbstlob unb in Budapest wurden, ungeachtet besten, daß sich in Ungarn die innerpolitischen Sorgen häufen, die alten magyarisch-nationalen Armeesorderungen wieder in den Vordergrund gestellt.
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