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Zernsprecher Rr.9.

JV$ 1.

36 Jahrgang.

Fulda, Samstag den 2. Januar 1909.

Zweites KZtcrtt.

wochen-Kun-jchau.

[:] Fulda, 31. Dezember 1908.

Unmittelbar am Schlüsse des Jahres 1908, Has an Katastrophen besonders reich war, hat sich tnt Süden Italiens ein Unglück vollzogen, an dem die gesamte zivilisierte Welt den innigsten Anteil nimmt. Die Schrecken des Unglücks von San Franzisko, von Martinique, die gewaltigsten Ueberschwemniungen in den Niederungen der gro- ßen Gebirgssysteme Asiens, das alles bleibt weit zurück hinter dein, was die Welt heute in Süd­italien sieht. Wenn die furchtbaren Zahlen, die da von 200 000 Toten reden, sicher auch übertrie­ben sind, so bleibt doch noch immer ein Unglück, ein Elend übrig, vor dem die gesamten anderen Interessen, Pläne und Wünsck)«, Hoffnungen und Kämpfe der Menschheit als kleinlich zurücktreten. ks ist wirklich so, wie der Präfekt von Messina meldet, daß das Unglück jede menschliche Einbil­dungskraft übersteigt. Der kurze und doch eine Ewigkeit dauernde, Höllenqualen mit sich füh­rende Augenblick einer halben Minute, während der die Erde sich schüttelte, genügte, um alle Bau- ten, die auf Hunderte von Meilen weite Strecken feit Jahrhunderten, kann man sagen, Menschen- fleiß und Menschenkönnen in solidem Stein er­richtete, wie Kartenhäuser umzublasen, die ihrem Werk vertrauenden Menschen darunter zu begra­ben und weite lachende Gefilde in Wüsteneien zu verwandeln. Die Feder sträubt sich, die kurzen »der fürchterlichen Seelenqualen der Unglücklichen zu beschreiben, die den gräßlichsten Tod vor Au- gen sahen, sich einen Augenblick zu retten ver­neinten, um im nächsten doch von fallenden Trümmern begraben zu werden. Und jene an- bern, die durch wahnsinnigen Schrecken hindurch mußten, und sich retteten, die wahrhaft aus Nacht zum Licht Vvrdrangen? Und das Elend der von allem Entblößten, die halbnackt in winterlicher Kälte draußen stehen ohne Obdach, die keine Klei­dung, keine Nahrung und kein Dach haben — es ist unsagbar! Bei solchen entsetzlichen Katastro- phen schtveigt der Zwist der Völker und der Kampf der Parteien, die Menschen und Völker in dem Mitleid mit den von der Katastrophe Betroffenen rücken näher und leisten werktätige Hilfe. Uns Deutschen geht das Unglück besonders nahe, da das Land, welches von ihm heimgesucht ward, uns verbündet ist. Wir wollen die Politik hier nicht hineinbeziehen, aber das eine darf gesagt werden, daß, wenn die Bündnistreue Italiens in den letzten Wochen in Zweifel gezogen wurde, Italien aus Anlaß der schweren Katastrophe er» neid den Beweis erhalten hat, daß die deutsche BundeStreue außer Zweifel steht. Die Sympa­thien, die Anteilnahme und das Mitleid, welche Deutschland im gegenwärtigen Moment Italien gegenüber bekundet, — sie sind nicht etwas von politischer Spekulation Eingegebenes, sondern-sie spiegeln die Empfindungen wieder, welche die Seele eines Volkes für das Unglück eines ihm derbiindeten Volkes hegt. Tiefe Empfindungen werden in Deutschland vom Kaiser herab bis in die unteren Volkskreise geteilt, und unserem Schmerze gereicht es zu einer gewissen Genug­tuung, daß Deutschland zu den ersten Staaten gehörte, in denen sich ein Hilfskomitee größeren Stiles für die von den Katastrophen Betroffenen bildete. Zahlreiche hochgestellte Personen aus allen Kreisen sind ihm beigetreten. Wie in Deutschland, so bereiten sich auch in anderen Län­dern Hilfsaktionen vor. Den Toten vermögen sie zwar das Leben nicht wieder zu geben, aber über die Toten dürfen nicht die verpesten werden, die nicht nur ihre Verwandten verloren haben.

sondern die auch um Hab und Gut gebracht sind und io wünscht das deutsche Volk, daß die Folgen der Katastrophen durch eine allseitige energische Werktätigkeit bald wieder für Italien behoben werden.

In Rußland hat der Minister Iswolski eine vielbeachtete Rede über die auswärtige Poli­tik gehalten. Seine Worte sind im allgemeinen günstig beurteilt worden. Besonders gefiel der Satz: Einen Protest erheben ohne die Absicht, ihn nötigenfalls mit den Waffen zu unterstützen, fei der größte politische Fehler, den er (der Redner) nicht habe begehen wollen. Darin sucht man die Gewähr, daß Rußland wegen der jüngsten Ereig- nifse iuf dem Balkan nicht losschlagen will. Eines von unseren alldeutschen Blättern macht sonderbarerweise dem russischen Minister einen Vorwurf aus dieser friedlichen Offenherzigkeit, es meint, man dürfe die eigene Schwäche oder in­nere Haltlosigkeit nicht so aufdecken, und vergleicht die Erklärung Iswolskis mit der bekannten Frage des Fürsten Bülow, ob er denn wegen Marokkos vom Leder ziehen solle. Ohne auf den letzteren Vergleich näher einzugehen, möchten wir hervor- heben, daß die fragliche Erklärung Iswolskis zur Beruhigung der öffentlichen Meinung in Europa in dankenswerter Weise beigetragen hat, und daß der russische Minister in seiner gegen­wärtigen schwierigen Stellung offenbar Anlaß genug hatte, gewissen Kriegstreibereien gegenüber ganz bestimmt auf die Grenzen der Tatkraft Ruß­lands hinzuweisen. Ein Staatsgeheimnis, das zu Ungunsten der russischen Diplomatie verwertet tocrben könnte, hat er damit nicht preisgegeben. Tie österreichischen und die deutschen Tipomaten müßten doch von allen guten Geistern verlassen sein, wenn sie über die entscheidende Vorfrage, ob und unter welchen Umständen die Gegenseite zum Losschlagen entschloßen sei, keine andern Infor­mationen hätten, als die öffentlichen Reden des ihnen gegenllberstehenden Ministers. Ebe Frhr. v. Aehrenthal zu der Annexion schritt, wird er sich darüber vollständig klar geworden sein, daß Rußland aus dieser Handlung an sich keinen Kriegsfall machen werde. Natürlich ist bei dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung auch die gegenwärtige Schwäche Rußlands infoge des unglückseligen ost­asiatischen Krieges und der inneren Krisen mit in Rechnung gestellt worden. Rußland ist durch die herben Erfahrungen der letzten Jahre vorsichtiger geworden. Wäre der Riesenstaat noch im Besitze seiner Machtmittel und im Vollbesitze feines Selbstbewußtseins, wie vor dem Kriege, fo wäre jetzt die Gefahr eines Zusammenstoßes auf dem Balkan sehr groß geworden. Aber nach den schweren Niederlagen und den inneren Heim- silchungen ist der frühere Uebermut fo weit ge­dämpft worden, daß der Redner oer äußersten Rechten in der Duma, der Abg. Purischkewitsch, die Erklärung abgeben mußte: die Partei halte einen Krieg gegenwärtig für unangebracht. Tas ist sehr bezeichnend; denn die Rechte war im übrigen mit der diplomatischen TaAik Iswols­kis nicht einverstanden, und doch erkannte und bekannte sie die gegenwärtige Kampfunfähigkeit Rußlands. Dahinter steckte keine politische Heu­chelei; denn Abg. Purischkewitsch spielte sich nicht etwa als einen Tugendbold des Friedens auf, sondern sprach ganz offen von den panslawistischen Hoffnungen auf einen Zukunftskrieg. Für diesen Zukunftskrieg will er die Kraft Rußlands auf­sparen, und der Zukunftskrieg soll der habsbur- gischen Erbschaft gelten. Dieses Programm kann natürlich nicht unseren Beifall finden, vielmehr müssen wir ihm gegenüber die Unterstützung und Verteidigung des habsburgischen Reiches uns erst recht angelegen fein lasten. Aber wir müst»: .. i- erfennen, daß Purischkewitsch und seine Freunde zielbewußt handeln. Von besonderem Interesse

ist es, daß Purischkewitsch die englische Umstri- ckungspolitik entschieden ab gewiesen hat. Er führte aus, seit den Zeiten Iwans des Schreck­lichen seien alle englisch-russifchen Verträge zu­ungunsten Rußlands ausgeschlagen; England stehe gegenwärtig in einem heftigen Kampfe mit Deutschland uom die Eroberung des Weltmarktes und strebe danach, Deutschland und Rußland in einen Krieg zu verwickeln und beide zu schwächen. Ter Mann hat offenbar den Kern der gegenwär­tigen Situation erfaßt. Hoffen wir, daß in Ruß­land die Ansicht die Oberhand behält, man müsse den Frieden und die gute Fühlung mit Deutsch­land trotz aller englischen Verlockungen wahren.

Das türkische Parlament hat zum er­sten Male mit Anstand und Wurde und lauten Redetönen getagt. Man muß abwarten, was da- binter sitzt. Ungemütlich ist das Verhältnis des Parlaments zum Sultan: man weiß so recht nicht, wer schließlich Parlament und wer Sultan ist?

In Venezuela hat man kurzen Prozeß mit dem Präsidenten, ehemaligen Viehtreiber und heutigen Berliner Gast Castro gemacht: er wurde abgefetzt und sein Hab und Gut mit Beschlag be­legt. Immerhin kwt er zeitig eine hübsche An­zahl Millionen bei Seite geschafft. ____

** Die Entwicklung der öffentlichen Schnloen

im Deutschen Reiche, in den Einzelstaaten und den Gemeinden.

Die Nachträge zur Denkichrist über die Finanz reform enthalten unter vielem anderen statistischen Material eine Zu ammenstellunq der Schlicken und ihres Wachrlums in den letzten 25 Jahren. Es betrugen hiernach die Geiamltchulden zu Be­ginn des Rechnungsjahres in Millionen:

gleich 100,0

Jahr

Reich

«kinz-lstaatea tnsqrtaniL

Gemeind-« über 10 000 Einwohner

1881

267,8

5305,9

771,8

18"1

1317,8

9255,6

1400 5

1907

8803 5

12960,4

5295,7

1908

4 03.5

13301,6

oder setzt

man die

Summe des

JahreS 1881

Jahr

«eich

Einzel kl«« insgesamt

fflftnrirbfx fiter 10000 em»i>l..e*

1881

100,0

100,0

100,0

1891

492,1

174 4

181,5

1907

1420.3

244,3

68o,2

1908

1495,0

250,7

Hiernach hätten die öffentlichen Verwaltungen in Staat, Reick und Gememve 22V« Milliar­den Mark Schulden, ßn Wirtlichkeit sind sie noch größer, denn für die Gemeinden ist die Steigerung tm Jahre 1908 nicht mitberechnet. Es ist bekannt, daß ger.be zu Beginn dieses Jahres und kurz vorher von gr ßen Stad ge- mei den noch ganz bedeutende Anleihen auf den Markt gebracht sind. Richt berechnet sind ferner die Schulden der Gemeinden von weniger als 10i 00 Einwohnern, die längst den modernen Typ angenommen haben, die Gegenwart au> Kosten der Zukunft belasten. Dazu kommen dann noch die Kreis- und Provinzial- verbände, die ihre eigene Vermögensoer wal- tunet, aber auch ihre besonderen Anleihen haben Schließlich hat auch noch das Reich seine Schuldenlast seit Beginn de- Jahres vermehr! und biS zum 1. Oktober um 250 Mill. Mark. ES ist deshalb gewiß nicht übertrieben, wenn an­genommen wird, daß im Jahre 1909 Reich, Staat, Gemeinden, Kreit und Provinzen ins­

gesamt eine Schuldenlast von mnb 30 Milliarde« Mark haben werden. Das wär« eine Steigerung der Schuldenlast in 25 Jahren von rund 8 Milliarden auf 30 Milliarden.

Für jeden einsichtigen Bürger ist es klar, daß es so nicht mehr weitergehen kann und darf. 30 Milliarden Schulden bedeuten bei 60 Millionen Einwohnern pro Kopf 500 Mark öffentlicher Schuld. Und dabei seufzt das Volk schon heute unter der schweren Last der hohen Steuern. Die vornehmste Ausgabe für alle Ver­treter in den Parlamenten des Reiches, der 'Linzelstaaten und der Gemeinden besteht deshalb nicht darin, neue Steuern zu erfinden, sondern vielmehr die Ausgaben auf ein vernünftiges Maß zurückzuichrauben. Mst allem Nachdruck rufeir wir deshalb auS: Landgraf, werde hartf

△ Aus der Unglückskolonie.

Nachdem ms Deulichsüdwestafrika ttt den letzten Jahren in den Aut ständen das Leben von 20W blühenden deuttchen Jünglingen und eine halbe Milliarde Mark gekostet hatte, hofften wir alle, eS werde nunmehr mit den Opfern zu Ende fein. Auch die Kolonialverwaltung ließ o,fi iöS und offiziell betonen, wir gingen jetzt befferen Zuständen entgegen. Das Land sei be­ruhigt, die Banden seien — mit Ausnahme de- weit in den Osten in die englische Kalahari ver­triebenen Simon Copper — zerstreut, und eS gehe jetzt ans Wiederausbauen besten, was der Krieg zerstört habe.

Leider hat sich diese schöne Hoffnung, die wir alle s» gern geteilt haben, nicht erfüllt. Im 'Korden der Kolonie herrscht eine grausige Hungersnot. Im Süden tauchen wiedep Banden aur, deren Vernichtung vielleicht wieder eine kostspielige Expedition notwendig machen wird.

Im Norden des Schutzgebietes wohnen dst OoamdoS, ein Stamm von zirka 150000 Köpfen,' von denen 40000 auf deutschem Gebiete wohnen; genau weiß man es allerdings nicht, da die Grenzen dort zwischen Deuttchsüdwestasrika und portugiefifch-Anaota nur aus der Landkarte sind. Die eingeboren»« Weißen wissen von ihnen nicht-., Im deutschen Teile dieses Gebiete- herrscht nun Die Hungersnot. Es sind wahre Schreckens- bilder, die sich da vor unseren Augen auftuen.! Reichshilfe muß unbedingt eingreilen, und zwar in größerem Umfange als eS bisher geschehen ist. Leider erichweren die ungeheuren Entfernungen (100 —150 km unwegsame Wüstenwege von der letzten Eilenbahnstation aus!) eine durchgreifende' Hche ganz ungemein.

Natürlich erbebt sich allenihalben die Fragt nach den Ursachen dieser bedrohlichen Er- idjeinung. Zunächst suchte man auf deutscher Seile die Sache als eine Folge Der vorjährigen portugiesischen Ooambo-Expedition hmzustellen. Dies. Auffassung aber kann sich heute nicht mehr halten. Es klang gewiß glaubhaft, wenn gesagt wurde, durch diese Expedition feien Die Ovambo- davon abgehalten worden, die Felder zu bestellen. Aber heute wird auch von deutscher Seite zuge­geben, daß man es hauptsächlich mit einer Folge des Bergbaues in Teutfchfüdwestasrika — im Norden, im Ooamboland, liegt bekanntlich die vielgenannte Otavi-Mme — zu tun hat. Eine Stelle nämlich, die sicher gerne die Jntereffen

Unpolitische ZeltlSufe.

(u) Berlin, 30. Dezember 1908, (Nachdruck verboten.)

In seinen letzten Tagen hat das Jahr 1908 der Welt noch einen Unglückstag verletzt, wie er seit hundert Jahren nicht vorgekommen. Messina, Reggio und viele kleinere Orte an der Meerenge zwischen Sizilien und Kalabrien sind durch ein Erdbeben zerstört worden. Heute schätzt man die Zahl der Toten und Verwuiideten auf 200 000. Eine entsetzliche Zahl! Man klammert sich gern an die Hoffnung, daß in der ersten Bestürzung die Maffe der $5pfer zu hoch geschätzt sei; aber nach allem, was man über den Umfang und die Wucht der Katastrophe hört, werden doch Wohl mehr als 100 000 Mitmenschen den furchtbaren Naturgewalten erlegen sein. ES wird berichtet, daß man die schnell verwesenden Leichen habe auf­schichten müssen zu großen Haufen, um sie zu ver­brennen.

Wir standen neulich tief erschüttert vor dem Bergnngliick von Hamm, daS mehrere Hunderte von Opfer forderte. Wir mochten uns kaum vor­stellen, daß noch größeres Elend die Menschheit heimsuchen könne. Und nun sind an den Ge­staden des Mittelmeeres plötzlich 500iual so viel Menschen hingerafft worden! Nicht in der Tiefe der Erde, wo man auf den Ausbruch unheimlicher Naturkräfte immer gefaßt sein muß, sondern teils in ihren Betten, wo sie von den Trümmern des einfallenden Hauses begraben wurden, teils auf der jähen Flucht, wo sie von den nirgeheuren Flutwellen überrascht wurden.

। Alles wirkte in diesem verhängnisvollen Augenblicke zum Verderben der armen Menschen zusammen: Erde, Wasser, Lust und Feuer. Die Erde bebte in fünf gewaltigen Zuckungen. Ter Kern les Erdbebens scheint unter dem Wasser in der Meerenge gelegen zu haben; denn das ,Wasser wurde hoch emporgehoben, um gleich dar- Ltlk tief Zurückzusinken, dadurch bildeten sich un­

geheure Wogen, die zahllose schwächere Schisse vernichteten und sich weithin in das Gestade hin­einwälzten, alles niederreißend. Dazu ein star­ker Sturm und Regen. Ebenso wie bei dem Erdbeben von San Franzisko brach auch hier vielfach Feuer aus. Zu den entfesselten Elemen­ten kam dann noch die menschliche Bosheit. Die ausgebrocheneu Sträflinge vereinigten sich mit dem Pöbel von Messina zu Plünderung und Raub. Ein Stück Hölle auf Erden I Und daS gerade in jenen Gegenden, die wir wegen ihrer paradiesischen Natur zu beneiden pflegen!

Allerdings find gerade dort, in dem Zwi­schenraum zwischen dem Vesuv und dem Aetna, seit alten Zeiten Erderschütterungen vorgekom­men. Bekannt ist das große Beben von 1783, das einen Teil von Messina zerstörte. Aber die jetzige Katastrophe übertrifft in ihren schrecklichen Wirkungen weitaus alle Vorgängerinnen. Auch das Unglück von San Franzisko ist übertroffen.

DaS alte Jahr hat uns zum Schluffe noch eine furchtbare Lektion gegeben: Ter Menschheit ist ihre Ohnmacht und Hinfälligkeit in der eindring­lichsten Weife vor Augen geführt worden. Trotz allem vielgepriesenen Kulturfortschritte ist und bleibt der Mensch ein Spielball in den Riesen- fünften der Naturgewalten. Nichts find wir und nichts vermögen wir, wenn der Finger des Allmächtigen eine kleine Bewegung macht.

Tie Gelehrten sagen, die Erdkruste bestehe auS durcheinander und übereinander Geschobenen Schichten, und wenn mal über einem Hohlraum das Deckenstück einbricht, dann gibt er da unten eine Erschütterung und ein Verschieben der Mas­sen, wobei der Boden ringsum in'S Zittern kommt. Ein ganz einfacher Vorgang; im Grunde auch ein ganz gewöhnlicher Vorgang, da bei fort­schreitender Abkühlung und Einschrumpfung der Erde auch die Erdkruste bald hier, bald da von neuem „sich setzen" müsse. Auf dem Antlitz der alternden Mutter, Erde bilden sich Runzeln; das ist alles. Aber diese simple Bewegung in einem Teil der Erdhaut, — welche Masse von Jammer,

Elend, Not und Verderben bringt sie über die hilflose Menschheit!

„Nichts zu machen!" So seufzt resigniert der sonst so fortschrittsstolze Mensch. Freilich, gegen die übermächtige Naturgewalt können die auf der Erdkruste herumkrabbelnden Zwerge nicht auf­kommen. Aber wenn das unabwendbare Unglück geschehen ist, fo läßt sich doch noch etwas machen. Mit genieinsamen Kräften können wir das Elend der Hinterbliebenen auf der Unzlücksstätte mil­dern. Wo die Macht des Menschen versagt, da bleibt für seine Liebe noch Spielraum. Tie Organisation der Liebeshilfe ist schon im Gange. Italien allein kann gegen die traurigen Nach­wirkungen eines fo furchtbaren Schicksalsschlages nicht auf kommen; das christliche Ausland muß mithelfen.

So lehrt uns das Unglück, daß wir erstens demütig sein sollen und zweitens edel, hilfreich und gut.

Bei jedem Unglück sollte man denken: Ich und die Meinigen sind verschont geblieben? Hat­ten wir einen Anspruch daraus, daß es uns bes­ser gehe als den anderen? Hätte uns das Ver­derben nicht auch saffen können? Müssen wir nicht dankbar sein wegen gnädiger Verschonung? Wie können wir den Tank bester bekunden, als durch werktätige Nächstenliebe, durch Unterstütz­ung der überlebenden Opfer? —

Der Menschheit ganzer Jammer hat unS auch schon gleich nach den Festtagen gefaßt, als die erfchütternde Kunde aus Mainz zu uns drang, daß der alte, brave, hochverdiente Vorkämpfer unserer hl. Sache, unser lieber Nikolaus RackS ermordet loorden, ermordet von einem wahnsin­nigen Sohne, ermordet mit dreien von seinen blühenden Töchtern! Welch' ein herzzerreißen­des Geschick ist da in der Frühe des zweiten Weihnachtstages wie ein Blitz hereingebrochen in eine hochangesehene, glückliche und friedliche Fa­milie, infolge einer Krankheit, deren schrecklichen Ausbruch kein Mensch zu ahnen vermochte. Wenn auch die Sonderbarkeiten des Sohnes dem Vater

und den Angehörigen schon Sorgen gemacht hat­ten, so konnten sie doch nicht an eine solche Krank­heit denken; um so weniger, als er nach den vorliegenden Berichten in den letzten Tagen vor­her nicht das mindeste von Aufregung oder Ver­wirrung hatte merken lassen, vielleicht mehr an den geistlichen und häuslichen Weihnachtsfeierlich­keiten sich ruhig beteiligt hatte. Und während dessen konnte in dem kranken Gehirn der schreck­lichste von allen Mordgedanken reifen, — der Plan zum Vatermord. Ach, was find wir Men­schen doch für jämmerliche Wesen, daß schon so eine kleine Entzündung, Verwachsung oder Ver­schrumpfung von Gehirnzellen uns auf einen bestialischen Standpunkt hinunterdrücken kann? Wenn man den Vorgang recht überdenkt, so erbebt das Herz in Mitleid und in Furcht. Mancher wird zum Himmel geseufzt haben: Herr, wenn Du uns heimsuchen willst, so wollen wir alle Not und alle Krankheiten in Geduld zu ertragen suchen, eher um eines bitten wir flehentlich: ver­schone uns mit Geisteskrankheit, erhalte uns die Vernunft, damit wir nicht zu unbewußten Werk­zeugen des Verderbens werden! —

Trotz aller Schicksalsschläge wird zu Neujahr wieder hoch und hoffnungsselig der Chor der Beglückwünschungen erschallen. Wir spü­ren es an allen Ecken und Enden, daß die Erde ein Jammertal ist. aber wir freuen uns doch, daß wir noch eine neue Jahreszstfer erleben, und bilden uns ein, es könne doch noch ein glückselige­res Jahr kommen. Dieses Gemisch von Leid und Lebenslust, von Furcht und Hoffnung ist so recht erdenmenschlich. DaS Klagen und Verzagen würde uns auch nicht vorwärts helfen. So lange wir leben, sollen wir streben, und das Stre­ben wird getragen von der Hoffnung, daß sich doch noch etwas erreichen laste. Ja wohl, es läßt sich auch etwas erreichen. Ob das neue Jahr uns den äußeren Frieden erhält, das wissen wir nicht; aber den inneren Frieden im guten Gewissen können wir uns erringen, wenn wir nach besten Kräften unsere Pflicht tun. Im gu-