Zuldaer W
36. Jahrgang
Fulda, Samstag den 2. Januar 1909
M 1.
Erstes Klatt
(Nachdruck verboten.)
i85]
«rschetnt täglich mit Ausnahme der §o.m- md Feiertage viertel- jährliche« 8e;«g5prei5 ohne »ringerlohn und Bestellgeld in Mda so« Wieaurwärtst.SOMt.
verant». «edaktrnrr Lar» »chsttte;
Hohenau mangels Beweise freigesprochen.
Einen politischen Hintergrund hatten auch die Borgänge im Flottenverein, sie endeten damit, daß der frühere General Keim abgesagt wurde und an Stelle des alten Präsidiums ein neues trat unter dem Borsitz des Groß-Admirals von Köster. In den Rahmen eines politischen Jahresrückblicks gehört,auch ein Ereignis, welches für unsere künftige Kriegsführung eine besondere Bedeutung gewinnen zu soelln scheint. Wir meinen den Beitrag zur Lösung des Luftschi f- fahrtsproblems durch den Grafen Zeppelin. Tas Unglück, von dem er in dem Momente betroffen wurde, wo er am Ziele seines Strebens angelangt zu sein glaubte, hat im deutschen Volke eine aufrichtige Teilnahme gesunden uud diese hat sich sofort in die Tat umgesetzt, sodaß es dem Grafen möglich war, schon kurze Zeit nachher seine Versuche wieder mit Erfolg cmizunehmew Um die gleiche Zeit hatten auch die Majore Groß und
Parfeval mit ihren äronautischen Versuchen erfreuliche Resultate erzielt.
geht, so find auch diesmal nicht alle Wünsche der Beamten erfüllt worden. Wo über die Vorlage der Negierung hinaus eine Aufbesserung möglich ist, wird das Zentrum seiner Tradition gemäß seinen Einfluß zugunsten, der Beamten geltend machen und in diesem Sinne wünschen wir der Beamtenschaft an der Wende des Jahres einen gedeihlichen Verlauf der Beratung der Beamtcn- vorlagen. Der Schwerpunkt der Tätigkeit des preußischen Landtags im Jahre 1908 fällt in den Anfang des verflossenen Jahres und hier war es namentlich die Enteignungsvorlagc, die das größte politische Interesse beanspruchte. Trotz aller Bemühungen des Zentrums und trotz aller wohlgemeinten Warnungen von anderer Seite an die Regierung ist das Ausnahmegesetz gegen die Polen zu Stande gekommen. Neben dieser Vorlage war es die Wahlrechtsfrage, die eine zeitlang im Vordergründe der öffentlichen Dis- kussion stand. Sie führte zu Anfang des Jahres zu großen sozialdemokratischen Straßendemonstra- Honen sowohl in Berlin wie auch in der Provinz. In Berlin ist es leider ohne einen scharfen Konflikt mit der Polizei dabei nicht abgegangen. Ten Blütenstaub von der Hoffnung der Liberalen auf eine Konzession des Fürsten Bülow in dieser Angelegenheit hat letzterer mit rauher Hand abge- sireift. Fürst Bülow ist für eine gründliche Reform des preußischen Wahlrechts noch immer nicht zu haben. Die Thronrede aus der letzten Tagung des Landtags spricht zwar von Reformen: wenn sie aber überhaupt kommen, so werden sie
Tie Sensationsaffäre dieses Jahres bildete nicht die Steuerreform-, sie kam ja über die suchvnden Erörterungen nicht heraus. Tas größte Aufsehen, das auch auf die Blätter der Geschichte des Reiches seine Schatten werfen wird, war die Debatte über das Kaiser-Interview tm „Daily Telegraph". Ter Kaiser hatte einem eng liscken Privatmann eine Unterredung gestattet Auf seinen Antrag wurde diesem die Verösfent- listung genehmigt. Leider schlug die wohlge- meinte Absicht einer friedlichen Verständigung mit England inS Gegenteil um. Da Bülow das Manuskript jener Veröffentlichung vorher tn Händen gehabt hatte — er hatte es nach seiner Dar- stellung ungelesen ans Auswärtige Amt gegeben —, mußte Bülow damit fallen, und auf daß m ; ihm nicht auch der Block dahingehe, veranstaltete dieser große Debatten im Reichstage nicht über die Veröffentlichung selbst, sondern die darin nut- geteilten Tatsachen. Und darüber entrüstete sich dann das deutsche Volk weidlich Keiner dachte daran, daß diese selben Kritiker diese Tatsachen längst gekannt und vorher stets hatten passieren
lasten. Nachdem die Kritik einmal eingeleitet worden war, war es geboten, sich daran zu erinnern daß manche Handlungen des Kaiser? tm Widerspruch mit dem Volkswillen standen. Da hat denn auch das Zentrum, aber sachlich und maßvoll in der Form, feine Meinung gesagt, nicht freilich, ohne darauf hinzuweisen, daß die ganze Affäre vermieden worden wäre, wenn der Reichskanzler jenes Manuskript »um Ge> wstande einer Vorstellung beim Kaiser gemacht hätte.
Tie wirtschaftliche Depression, worunter nicht nur Deutschland, sondern auch das Ausland im verflossenen Jahre zu leiden hatte, hat die Frage der Fürsorge für die A r b e i t s - ofen wieder aktuell werden lasten. Sowohl im Reichstag wie in den Parlamenten der Einzel- staaten ist die Arbeitslosigkeit zur Sprache ge- kommen. Der Reichstag und der preußische Landtag haben sich in dieser Beziehung mit einer Interpellation des Zentrums zu befassen ge- habt. In beiden Parlamenten haben die Redner des Zentrums dankenswerte Anregungen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und zur Unterstützung der Arbeitslosen gegeben. Es darf, nicht verkannt werden, daß viele Gemeinden sowie die Arbeiterorganisationen es sich haben große Opfer kosten lassen, um die bestehende Not zu lindern, aber diese Tätigkeit ist unzulänglich, es muß die Tätigkeit des Staates hinzutreten, namentlich durch eine Zentralisation des Arbeitsnachweises, durch eine gründliche Erfassung der herrschenden Notlage und durch bezirksmäßige Besprechungen dieser Notlage. In der Fürsorge für die Ar- beitslosen sind andere Staaten wie Bayern,, Baden, Hessen usw. Preußen voran und daher ist es zu begrüßen, daß der Zentrumsabgeordnete Trim- born im preußischen Landtage ein freies Wort zu unserer Staatsregierung gesprochen und ein aus der Praris mit vielem Fleiß gesammeltes sackkundiges Material den Ministern unterbreitet hat. Wie in der Frage der Arbeitslosigkeit, so hat sich auch nach einer anderen Seite hin eine Parallele zwischen Reich und Preußen gezeigt. Es war dies die Beamten auf besse- r u n g. Während die Kommissionen im preußischen Landtag ihre Lesungen beendet haben, stehen die Kommissionsberatungen für das Reich noch bevor. Wie es bei derartigen Vorlagen immer
recht bescheiden sein. Darauf deutet schon der I Widerspruch hin, den die Thronrede bei den Kon- ervativen gefunden hat. m
Tas Jahr 1908 war in parlamentarischerBe- ziehung insofern ein eigenartiges, als es im Juni I eine Session des Landtags von nur einigen Tagen brachte. Es trat zu dieser Zett der n e u e Landtag zusammen, zu welchem die Wahlen einige Wochen vorher flattgefunden hatten. Ter neue Landtag brachte hinsichtlich der numerischen Stärke der einzelnen Parteien keine wesentliche Verschiebung. abgesehen von den Nationallibera- len, deren Ziffer erheblich verringert wurde. Als ein Novum war die Wahl von 7 sozialdemokratischen Abgeordneten zu verzeichnen. Da wir gerade von den Sozialdemokraten sprechen, so sei darauf hingewiesen, daß ihre Partei in Bayern im verflossenen Jahr ähnlich wie in Baden und in Hessen für das Budget gestimmt hat und daß es daher auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Nürnberg zu einem schweren Zusammenstoß zwischen den norddeutschen und süddeutschen Genosten gekommen, ist. Letztere wurden überstimmt, gaben aber eine Erklärung ab, daß sie die Budgetfrage aus den Verhältms- fen des eigenen Landes heraus zu beurteilen sich für berechtigt halten. Wird dieser Erklärung in Zukunft praktisch Folge gegeben, so dürste es, sofern die Norddeutschen ihren Standpunkt nicht aufgeben, zu einem Zerwürfnis innerhalb der
„Das Aergste ist", antwortete Gertrud mit bitterem Spott, „bafe ich nun auch gleichgültig gegen mich selbst geworden bin. Mir liegt an nichts mehr etwas. Meine Heirat kommt doch nicht zustande. Wenn Fred es gewagt hätte, würde er sicher Hermann noch um Geld angesprochen haben, aber er hat einen heilsamen Schrecken vor van Hogenvoorde. In feinen letzten Briesen sprach er gar nicht mehr von meinem (Selbe, sondern bestand darauf, daß ich Hermann um Geld bttten sollte ..."
„Und Tu hast es nicht tun wollen? So hast Tu den armen Jungen zum Aeußersten getrieben. Hätte ich es ihm nur gesagt! Wer weiß, ob er es einer trauernden Mutter abgeschlagen hätte! Er hat doch auch Kinder,"
„Sehr fein! Eine Familie, die dem reichen Schwiegersöhne schon vor der Heirat auf der Tasche fitzt! Nun, .Hermann wird sich bestens da- für bebauten, einen Schwager zu bekommen, der mit fremdem Gelbe durchgebrannt ist."
„Latz ihn nur fdtoeigen von ehrlicher Familie, hat fein eigener Sohn benn nicht gestohlen?"
„Das ist im eigenen Hause geschehen, und es steht Dir nicht schöne, Mutter, etwas, das ich Dir tm Vertrauen erzählt habe, auszuposaunen. Eines wenigstens freut mich noch in all diesem Elende, datz ich so fest geblieben bin mit meinem Geld«. Damit können wir unsere Uebersahrt nach Amerika oder Transvaal bezahlen, um dort ein kleines Ladengeschäft anzufangen." ,
Es war etwas in der Art und Weife, wie ihre fDhitter sich hielt, in dem Ausdruck ihrer Augen und der Bewegung ihrer Hände, was Gertrud verdächtig vorkam, und einer plötzlichen Eingebung nachgebend, stand sie auf, nahm den Schlüssel und öffnete den Schreibtisch.
XIX.
Die Nacht verlief für die Kranke auf Groene- zathe ziemlich ruhig: am folgenden Morgen, als Ursula Viltorine, die die ganze Nacht gewacht hatte, ablösen wollte, hörte sie, datz Lucia viel
Deutsches Reich.
•* BerN», 1. Jan. 1909. Prinz Hein, rich soll, w>e in Marinekreisen verlautet, dem. nächst vom Oberkommando der Hochseeflotte zu« lücktrelen und den feit v. Kösters Ueberhitt in den Ruhestand unbesetzten Posten des General, mfpekteurs der Mar>ne übernehmen. — Dem Teil der Novelle zur Gewerbevidnung, welcher die Frauenarbeit behandelt, hat der Bundesrat zugestimmt. Da- so gestattete Gesetz ist vom Kaiser unterschrieben woiden und wird in den nächsten Tagen tm ,ReichSgejetzbla1tt veröffentlicht weiden. _
*♦ Die Neujahrsfeier im königlichen Schloß wurde gestern wie üblich durch das große Wecken eingelötet. Nach V«tO Uhr traf das Kaiser paar vom Neuen Palais aus im Automobil im kgl. I Schlöffe ein, ebenso die Mitglieder der kaiier« lichen Familie. Nach Entgegennahme der Glück- wünsche fand Gottesdienst in der Schloßkapell« statt, an dem auch Prinz Rupprecht von Bayern, der Reichskanzler, die Minister, die Präsidien der Parlamente u. a. teilnahmen. Daran schloß sich eine GratulationS- und Defilier-Tour. Stach der Cour empfing der Katter zur Gratulation die Botschafter, dm Reichskanzler, daS Staats«! I Ministerium, die kommandierenden Generale unD, Admirale und begab fich um V»1 Uhr zu Fuß nach dem Zeughaus zur großen Parole-Ausgade. Im Lause des Stach mittags fuhr der Kaiser bet den Botschaftern vor. — Bei dem Empfange der Botschafter hat der Kaiser nicht über Pott!» gesprochen. Er und die Kaiserin unttihielten sich längere Zett lebhaft mit dem italienischen Bot- fchaster Pansa über die Erdbeben-Katastrophe. !
= .Rückkehr zum Zentrum?" fragen bie ,Münch. N. Nachr/ ganz emwtzl gegenüber dem I non uns kürzlich erwähnten Aussätze eines Herrn von Massow in de« Leipziger ,Grenzboten'. o. Masiow klagt darin bekanntlich über emen Mangel an Entgegenkommen, den die liberalen Parteien der Regierung in der Frage der Reichs« finanzresoim erwiesen hätten, und kündigt an, daß ,\ürft Bülow, trenn die Liberalen sich nicht in der Finanzfrage willfährig erweisen sollten, de« Block pretägeben und sich wieder dem Zen« irum in die Arme werfen würde. Da fragen
A 1908.
Tie wichtigste Tatsache des ^gelaufenen Jahres ist, daß uns der Friede erhalten geblieben ist. Recht behaglich ist die Lage freilich im- mer noch nicht. Berge von Zündstoff hatten sich angefammelt und die Gefahr einer Explosion ist auch jetzt noch nicht völlig überwunden.
Wie im vorigen Jahre war es die M a r o t r o- e f f ä r e, die den Frieden bedrohte. Dazu kam in diesem Jahre als Kriegsgespenst die B a Han- frage und mit ihr die bedenkliche Zerrüttung unserer Beziehungen zu England. Die Ma- rokko-Assäre ist inzwischen erfreulicherweise aus dem Stadium der Kriegsgefahr herausgewachsen. Die Balkanfrage aber harrt noch immer bet Regelung; wenn nicht alles trügt, wird @nglanö dabei wieder mit allen Mitteln gegen Deutschlands Interessen arbeiten Eine direkte Kriegsgefahr besteht freilich nicht mehr, seit Deutschland sich nach unangenehm langem Zögern entschloß, klar und zweifelsfrei seine Unterstützung Oesterreichs im Falle eines Krieges zu betonen. Von da an hatte Rußland keinerlei Neigung mehr, kriegerische Verwickelungen zu provozieren; es wußte ja, daß aus einem solchen Kriege möglicherweise ein ganz und gar zerstückeltes Rußland her- vorgehen könne. England aber macht nur dann ein Kriegsgeschrei, wenn es jemanden hat, den es ins Feuer schicken kann. Seine eigene Haut zu riskieren hält es nie für gut.
Der Block hat fein zweites Jahr überstanden. Geleistet hat er zwar herzlich wenig, und von dem Wenigen taugt vieles sogar nach der Ansicht der Blockbrüder nichts. Auf sozialpolitischem Gebiete ist der damals so mannhaft beteuerte Wille zur Fortführung des großen Wer- kes — „nun erst recht I" - bis jetzt erst zur Verabschiedung eines Teiles der großen Gewerbenovelle gediehen, und auch da? erst, nachdem das Zentrum durch sein entschiedenes Verlangen nach einer schnellen Verabschiedung in dritter, Lesunf weiteren Cuertreibereien deS Blockes ein Zie fetzte. Sogar auf feinem ureigenstem Gebiet: bem^.nationalen" — so nennt man ja heute die Heeles- Marine- und Kolonialpolitik —, hat der Block nicht die „Zuverlässigkeit" gezeigt, die die Regierung von ihm erwartet. Erst soll bte große Reichsfinanzreform „ganze Arbeit" machen, damit man nachher aus dem Vollen heraus weiter rüsten könne. So tote sich die Aussichten der neuen Steuern bisher präsentieren, wird es aber wohl mit der „ganzen Arbeit" nichts werden.
IurückgskeHrt.
Erzählung von Melati von Java. Ueberfetjt von Dr. I- B. Fuß.
ÄS«. woch-nd-i-°e-: „illustrierte Sonntagszeitung"
xvin.
Als der Priester mit dem Allerheiligsten dem Hause nahte, faltete Lucia die Hände, richtete ihre lichtlosen Augen zum Himmel, erhob plötzlich ihre Stimme und sang hell und rein:
0 salutaris Hostia!
Und nachdem sie ihren himmlischen Bräutigam mit dem einzigen Talent begrüßt hatte, wel- djed ihr zu Diensten stand, empfing sie ihn mit der zärtliMen Andacht und dem lebendigsten Vertrauen.
„O Herr!" flüsterte sie, „nimm daz Opfer meines Lebens an, aber laß mich, wenn es möglich ist, meinen Bruder wiederzufinden und ihn mit meinem Vater verföhnt wifsen."
Außer ihrem Vater und den beiden Mädchen waren auch die Mägde bei der Zeremonie zugegen; niemand vermutete, daß in diesem Augen- blicke in der Kirche ein einsamer Mann kniete und seine Gebete mit denen des Priesters vereinigte und in tiefem Schmerze, bitterer als jemals, fühlte, daß das Elternhaus ihm verschlossen war und ihm selbst nicht einmal das Recht der Mägde vergönnt war, mitzubeten an dem Schmerzenslager feiner sterbenden Schwester.
Und im Hause der Damen Wylandts faßen Mutter und Tochter in ratloser Verzweislung einander gegenüber; mit bitteren Vorwürfen über- lud bie Mutter ihre Tochter, und bie Tochter ihrerseits schonte auch bie Mutter nicht.
Es war ein Brief von einem Kameraden Freds gekommen, der mitteilte, daß fein Freund am Morgen fpurlos verschwunden wäre und daß in der ihm anvertrauten Kasse eine große Summe vermißt würde.
„Das kommt von Deiner Unbarmherzigkett", schluchzte die Mutter, „nun ist mein Sohn weg, der einzige, der mich verstand, der einzige, der mich liebte, denn Du bist stets gleichgültig gewesen — gleichgültig gegen Deine Mutter und Deinen Bruder."
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monakbeilage: „Zuldaer Geschlchtrvlatter Lernsprecher «r. 9.
Partei kommen.
Das Kapitel der Sensationsprozeffe mit politischem Hintergrund ist im Jahre 1908 durch weitere Beiträge bereichert worden. Aus dem Vorjahr spielte herüber der Prozeß Harden, gegen den seitens des Grafen Moltke we-। gen feiner Veröffentlichung in der Zukunft Klage ] erhoben war. In erster Instanz wurde Harden freigefprodten, dagegen wurde er in dem Verfahren, das darauf der Staatsanwalt gegen ibn einleitete, im Januar zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Tiefes Urteil wurde am 14. Mai vorn Reichsgericht aufgehoben, weil infolge des bekannten Münchener Prozesses die Situation für den Fürsten Eulenburg derartig sich verschlech- fert hatte, daß feine Verhaftung am 8. Mai erfolgte. Tas Schwurgerichtsverfahren gegen den Fürsten Eulenburg begann am 27. Juni, mußte aber wegen der Erkrankung des Fürsten um die Mitte des folgenden Monats abgebrochen werden. Fürst Eulenburg verblieb noch bis zum 25. September als Unterfuchungsgefangener in der Berliner CbaritS, wurde dann aber infolge seines ,Zustandes gegen eine Kaution von 100 000 Mark auf freien Fuß gestellt. Ob und wann der Prozeß seine neue Auflage erfährt, steht dahin. In biefe Angelegenheit verwickelt waren die Grasen Lynar und Hohenau, letzterer Generalad- futant beim Kaiser. Graf Lynar wurde zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis verurteilt, dagegen
„Ich weiß nicht, Kind, ob ich ihm verzeihen muß, oder ob eS nicht meine Pflicht ist, feine Ehre wieder herzustellen. O, könnte ich wissen, was' ich tun mutz, aber vielleicht ist es schon zu spät! Wie sollen wir ihn auch finden?" | „Lucia sagt", fuhr Ursula zögernd fort, „sie .fühle, datz er in der Nähe sein mutz. .
„Ach Kindl das sind Träume einer Kranken, Fieberphantasien. Du begreifst doch, datz es nicht so ist."
„Ja, aber wenn eS doch fo wäre, toaS würdest Du dann tun, Vater?"
„Ich würde ihm — verzeihen."
„Auch feine Unschuld anerkennen?"
„Das kann ich ebensowenig wie an dem Tage feines Weggehen?."
Ursula wagte nichts mehr zu sagen, aus Furcht, ihrem Bruder ungehorsam zu fein; sobald sie konnte, eilte sie ins Atelier, um ihm zu erzählen, datz Viktorine nun da wäre und roeldjeS Gespräch sie mit ihrem Vater geführt hätte.
„Du hast, viel zu viel gesagt", sagte Wybo, ein wenig unzufrieden, „Du begreifst, datz so niemals die Rede sein könnte von einer Erklärung zwischen Vater und mir. Gehe nun und sage Lucia, datz sie aus ganzer Seele Gott um die .Entdeckung der Wahrheit bittet."
„Aber wie sollte das möglich fein, Wybo?"
„Ja, das weiß ich selbst nicht; aber Gottes Wege sind wunderbar. Er kann sein Licht auf eine Weise leuchten lassen, von der wir nicht die geringste Ahnung haben. Dann werde ich wenig- JtenS meine kranke Schwester besuchen können."
Die ,M 91. 91/ entsetzt:
„Ist b«8 möglich? Samt Fürst Bülow, derselbe Reichskanzler, der vor zwei Jahren mti der Ztwrurns- herrsch.ist brach, jetzt zum Zent» am »urücklehrrir? W. v. Masiow sagt — vermutlich im GtiwersländniS mH dem pürsirn Bütow —: ja! . . . Vermutlich Haden schon hinter den Üulisien vertrauliche Vorver. Handlungen mit Zentrum «sützrer« narb gefunden, denn W. v. Masiow weiß br>eits den Preis, den da» Zeuttum für ferne Muhrti e beider Finanz« tefotm fordern würde. Er ilt billig: -Nur" dr« Ernennung des reaklionäce» Miniiierialdirekiors Schwartz« köpf zum preußische» »ultusmmifter. Das wäre, tagt Massow, „immerhin nichts unetffiUbaieä“. Ma» ist allo über den Preis osieubar schon einig. Wie um defcheiden sind dagegen Die Liberale»! WaS verlangen sie für „Opfer von der Regierung"! „Bertafimtgsrecht« liehe ZugeilSndinffe größeren Umfangs, tot Reich ton« ftUuuoneUe Garantie», in Preuße» eine rabdaU Wahlrechtsreform"."
Ader all das verlange, so sagen die Münch. N. Nachr/, daS Zentrum ja auch! Und wenn trotzdem der Kanzler nicht parieren sollte, so hat man im liberalen Teil des Blocks noch grödereS i Geschütz auf Lager: ,
ruhiger gewesen war und selbst mttunter geschlafen hatte. _____ . „„
„Gehst Du nun etwas schlafen, Diktorrne? fragte Ursula teilnehmend; „wahrlich. Tu bedarfst wohl der Ruhe." ...»
„O nein, ich bedarf durchaus noch keines Schlafes. Ich werde mich etwas erfrtfäeu und einen Spaziergang durch den Garten machen, das wird mich erquicken und dann bleibe ich tn der Nähe. Heute sollte ja eine andere «Schwester kommen, um uns zu helfen?"
„Die ehrwürdige Mutter wollte alleS aufore- ten, um eine senden zu können. Aber wenn Du gleich hinausgehst, Viktorine, und vielleicht Herrn Verdini begegnest, sage ihm dami, wie es mit unserer lieben Lucia heute nacht gewesen ist, Er interessiert sich so für sie, das hat er bewiesen.
„Ich verspreche ez Dir", antwortete Viktorine.
Sobald sie sich angekleidet und gefrühstückt hatte, ging sie durch den Garten und begegnete bald in der grotzen Seitenallee dem Bildhauer. Es fiel ihr auf, datz er schlecht aussah. bleich und eingefallen, mit grotzen hohlen Augen.
„Man sollte eher von ihm sagen, daß er die Nacht durchwacht habe, als von mir", dachte Viktorine, und auf ihn zugehend, erzählte sie ihm als etwas Neues, daß Lucia gestern abend bie heiligen Sakramente empsangen hätte unb daß nun bie Nacht ziemlich befriebigenb gewesen wäre.
„Aber ich fürchte, baß es kein günstiges Zeichen ist", fügte sie seufzend hinzu, „mail sagt wohl, baß dies der Anfang vom Ende ist."
Sie erschrak über den Ausdruck seines Gesichtes, als er diese Worte hörte.
„Sollte ich sie nicht noch einmal sehen, noch einmal sprechen können?" fragte er. „Ich . • > ich . . . habe eine so angenehme Erinnerung von ihr behalten. Sie war so gut gegen mich ernten Fremden! Wissen Sie noch ..."
„O ja, an dem herrlichen Sonntag nachmittags, als Sie uns von Italien erzähltenl"
(Fortsetzung folgt.)