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35. Iahrqaim

Fulda, Tounerstaq den 31. Dezember 1908.

M 301

Ärgstes ^Ölcxtt

uldaer

krfchrint t«qNch mit Unsnabme der So.nu und Feiertage Viertel» jShrlichr'vezilgrpreir ohne Sringerlohn und Bestellgeld in Fulda so­wie aurwärtr 1.5« Mt.

verantw. «edatteurr «art rchlltte;

Krankheit gewußt zu haben.

Nack>den> sic nun doch hingegangen wäre, habe sie (Gertrud) ihrer Mutter zu verstehen gegeben, es gehe nicht länger an, die Furcht vor Ansteckung |o weit zu treiben, daß sie den zukünftigen Mann ihrer Tochter zu empfangen sich weigere; sie möchte nur im'Hinterzimmer bleiben, wenn sie (Gertrud) mit ihm im Wohnzimmer spräche, oder bester noch sie könnten mittags zusammen spazie­ren gehen, da in der freien Luft die Gefahr vor Ansteckung doch niemals so groß wäre.

Sie schloß mit der Erklärung, daß sie selbst chber diese kindische Angst erhaben sei, sich aber jdoch gezwungen sehe, auf ihre alte Mutter Rück­sicht zu nehmen Ferner sprach sie ihr großes iVerlangen aus, ihren geliebten Hermann nach 'einer so langen Abwesenheit wiederzusehen und iyi sprechen.

Tiefer Brief gab feiner schon erlöschenden Neigung für Gertrud neue Nahrung; er beküm­merte sich nicht einmal um Viktorinens Ankunft, und da es ihm im Hause — wo er doch nicht hel- fen konnte — zu eng wurde, bedachte er sich nicht lange und schellte an dem Hause, aus dem er so lange verbannt war.

Gertrud hatte nicht gehofft, ihren Verlobten so bald wiederzusehen nach ihrem Briefe, und noch weniger, ihn so leichtgläubig zu finden; er schien alles, was sie für gut befunden hatte, ihm zu er- zählen, für bare Münze zu nehmen, und offen­bar hatte weder Viktorine noch Verdini etwas zu ihrem oder ihrer Mutter Nachteil gesagt.

Toch empfand sie, daß sie sich auf Glatteis begeben hatte und daß eine Kleinigkeit genügen würde, das Lügengewebe zu zerreißen.

Daß er die Wahrheit sprach, davon war sie überzeugt ohne nähere Untersuchung; ihre Mut­ter wußte, daß Viktorinens Mutter einen Bruder besaß, einen bekannten italienisck)en Maler Va­lerio Noldani mit Namen. Was war einfacher, als daß er einen italienisierten Holländer geschickt hatte, um nach seiner Nichte zu suchen, über wel­che man ihn systematisch in Ungewißheit gelosten hatte? Und daß sie von Viktorine nicht viel Gu­tes hofsen konnte, ging deutlich genug aus ihren erbitterten Worten hervor, an welche sie niayt ohne Zittern zurückdenken konnte. ,

Und während alle diese Gedanken in ihrem Geiste umgingen, lauschte sie mit dem größten Interesse auf das, was ihr Verlobter von Lucias Krankheil erzählte, und zeigt« in jeder Weise ihre innige Teilnahme.

„Wären wir nur erst verheiratet", sagte sie, „wie gut würde ich sie dann pflegen!"

Aber sonderbar! Obsct)on er neben ihr ging, obschon er meinte, ihr nach einer so langen Tren­nung so viel erzählen zu können, fühlte der Bür­germeister sich immer weniger zu ihr hingezogen. Vielleicht war die große Veränderung, die in den letzten Tagen mit seiner Tochter Ursula stattge­funden hatte, die Ursache davon; aber er be­

vor! Dr. I. B. Fuß.

(Nachdruck verboten.)

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„Aber sie sviort

t Ei» neuer Morgen.

Wiederum ist es Abend geworden in der Zei­ten flüchtigem Wechsel, und in wenigen Stunden jerklingt vom hohen Turme dem müden Greise 1908 das Sterbelied.

Beim Abschiednehmen erwacht noch einmal der Erlebnisse Fülle in ungezählten Erinnerun- gen, in schönen und trüben Gedanken. Hier trifft das Menschenauge auf der Erfolge stolze Reihe, dort hastet es in wehmutsvollem Sinnen on dem Trümmerhaufen zerschellter Pläne, ge­scheiterter Hoffnungen. Leicht blüht da Verzag- nis neben überschäumenden Erwartungen; leicht rinnt die Träne dumpfer und stumpfer Ergebung ins UnoermeiblidK neben der brausenden Be- tzeisterung für ein stürmisch ersehntes, wild be- gehrtes Glück für die trügerische Fata Morgaua, die manchem törichten Menschenkinds das ver- sil>wommene, blendende Panorama des neuen Morgens vor das Auge zaubert......

Ter denkende Mensch, der gläubige, in des göttlichen Wortes ehernem Fundamente wur- zelnde Christ hütet sich aber vor den Fallstricken der beiden großen und extremen Irrungen dieser Welt hütet sich vor dem Ueberschwänge bet Gefühle wie vor den finsteren Pfaden der inneren Zerrissenheit und Verzweiflung. Gewiß, das alte Jahr nahm und gab, baute auf pnd vernichtete, aber es tat nur, was alle vor ihm getan, was alle nach ihm tun werden. Es schlug neue Wunden, riß kaum vernarbte wieder auf, zerstörte mit Herzblut erkaufte, mit der ganzen Kraft menschlichen Könnens erkämpfte Besitz- tümer wenige Schritte vor der siegreichen Vollen- düng. Manchem ward das Liebste jählings und erbarmungslos von der Seite geristen, er mußte fein im Sturm zu Boden geschmettertes Gluck betten unter kühlem Rasen, noch ehe er es kennen gelernt in seines Glanzes schönster Herrlichkeit. Aber sproß nicht auch neues Leben aus den Ruinen, ward nicht dem einen gespendet, was der andere verloren? Als ungeteiltes Gut verblieben der Vergangenheit ernste Lehren. „Wissen heißt" nach Webers prächtiger Philosophie „die Welt verstehen. Wissen lehrt verrauschter Zeiten und der Stunde, die da flattert, wunderliche Zei­chen deuten", und da nach des gleichen Dichters Wort „die neuen Tage sich aus dem Schutt der alten bauen, kann ein ungetrübtes Auge rück­wärts blickend vorwärts schauen."

Im Jahre 1908 ist des Kriegsgespenstes un­heimlicher Tritt oft nahe, ganz nahe an den Marken unserer Grenzen vorübergehuscht, doch es blieb uns in dielen stürmischen zwölf Monaten erspart das gräßliche Schauspiel sich zerfleichen- der waffenstarrender Millionen von Gottesge- schöpfen. Was die Zukunft bringt? Wir wissen es nicht, können nur emporflehen zum allmäch­tigen Lenker bet Geschicke: „Laß deinen Frieden walten über Land und Meer, über Hütten und Palästen, über allen Nationen der Erde." Kein Verzagen, kein feiges Erzittern, aber auch kein wilder Uebermut, fonbern das ernst - besou- nene Vor w är ts sch r eiten in den be­ton b r t e n Bahnen höher und immer höher zu den letzten ewigen Zielen d c r M e n s ch h e i t — d a s s e i d i e P a r o l c, mit der wir vertrauensvoll die schwankende Brücke von 1908 zu 1909 überschreiten wollen.

„In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne", und diese Sterne beleuchten den rauhen, ober schönen Weg zu harter, unverdrossener, von dem überirdischen Geiste beseelter Arbeit in allen Lagen und Erfordernissen dieses Lebens; ein jeder sei em wackerer Kämpfer, ein ganzer Mensch

an seinem ihm angewiesenen Posten. Tann braucht des Herzens banges Pochen,nicht zu fra­gen: Was birgt das neue Jahr in feinem Schoße? Dann braucht der Verstand nicht zu verzweifeln angesichts des gewaltigen Unergründlichen, bann olgen wir in des neuen Morgens frischer, sruh- lingssroher Dämmerung, an der Schwelle von der Erkenntnis reichem Schatze begrüßt, dem al­tem, sieggewohnten Banner der Hoffnung auf Gottes Hilfe und des Vertrauens auf bte eigene Kraft. .

solchen Anträge unter keinen Umständen zustimmen.

A Tr. Wiemer, der „Führer" der Freisinnigen Volkspartei und Vorkämpier für die Blockpolitik ist in feiner Wahl als unbesoldeter Stadtrat von Beilin vom Oberpräsidenten bestätigt worden. Wiemer ist bekanntlich Ge'chästssührer der Pavier- verarbeitungSbermsgenossemchast. Aus dieier Stellung ist auch der jetzige besoldete Bürger­meister Fischbeck hervorgegangen und zwar auf demselben Wege. Nachdem Wiemer sich als unbefolbetet Stadtrat neben feiner anscheinend sehr umfassenden Tätigkeit bei der Beruftgenossen- chgst in die kommunalen Geschäfte eingearbeitei haben wird, wird et wohl als besoldens Magistraismitglied angestellt werden. Selbst sreisinnige Blätter haben diese Stellung bei der Papierverarbeitungs » Berufsgenossenschaft eine Sinekure für freisinnige Politiker genannt.

Der Bund der Landwirte scheint an Werbekraft verloren zu haben, denn aus Ost­preußen, welches zu den stärksten Burgen des Bundes gehörte, kommt eine'Nachricht, bi: einen starken Rückgang des Bundes dortselbst ver- zeichnet. Auf der letzten Provinzialveisammlung in Ostpreußen hatte der Vorsitzende, Abq. Ro- galla v. Bieberstein, noch hervoraehoben, daß die Zahl der Mitglieder in Ostpreußen sehr erfreu­lich im Wachsen begriffen fei. In einem lehr scharfen Kontrast hierin steht ein Rundschreiben aus der Hand beweiben Herrn, worin er test- stellt, daß bis Zahl ber Mitglieder in Ostpreußen gegenwärtig einen Tiefstanb zeige, ber zu gründlichem Nachdenken Beranlasiung gebe. Merkwürdigerweise erblickt Herr Rogalkü von Biederstem das Mittel zur Hebung des Bundes nicht etwa in ber Lö ung wirlschatllicher Fragen, sondern u. a. in ber Bekämpfung der auf eine Abänderung des Wahlrechts hn,zielenden Be- strebungen. Wenn in dem Rundschreiben aus die Gefahr hingewiesen wirb, daß in den nächsten Jahren bie Jnauguierung einer anderen Han- delSvertragspolitik zu befürchten lei, io ist das nicht unberechtigt, denn schon jetzt wird nach dieser Richtung hin in ber freisinnigen Presse mobil gemacht. Das ist das decke Ende der Blockpolitik für die Konservativen. Hat man den Liberalismus einmal jfu einem wichtigen Glied in der SiaatSmaschine gemacht, lo wird diese Maschine später auf wirtschaftlichem Gebiete sicher nicht im Sinne der Konservativen arbeiten.

= Für einen Neligions - Unterricht ohne Dogmatik tritt die Franks. Zig" in 9lr. 259 ein. Ter sächsische Protestanten.Verein erläßt eine Erklärung, in der er das Vorgehen des sächsischen Lehrervereins in Sachen deS Religions-Unterrichtes in bet Schule „bant­bar begrüßt". Die Lehrer hatten auf ihrer dies- jährigen Hauptversammlung in Zwickau 9 Leit­sätze ausgestellt unb fast einmütig gebilligt, in denen sie nn wesentlichen eine Befreiung des staat­lichen Rellgions-Unterrichtes von allem Dogma- liechen verlangen. Die Gesinnung Jesu fei im Kinde lebendig'zu erwecken,ber Katechismus Luthers fei als Grundlage unbrauchbar. Der Unterricht solle lediglich nach pädagogischen Regeln erfolgen und ber kirchlichen Aussicht entzogen fein. Dazu schreibt bie ,Frank. Zig/ a. a. £).:

,Es ist keine Frage, daß mit der Gewährung dieser Forderungen nichr nur der R.ligions»Unterricht au einen ganz reuen Boden geUelll, zondern auch die Axt an die Wurzel des christlichen Staatsdegrii»

AurückgekeHrL.

Erzählung öou Melati von Java. Uebersetzt

ÄÄi«. wochE-L-: „Illustrierte SonntagrMng

ses gelegt würbe. Wäre das ein unwiederbringlicher Schaden? Wem eine freiheitliche und einheitliche Ent» Wickelung der Kiudesseele am Herzen liegt, wer die Zweifel kennt, in die gerade die seelisch empfindlichsten Kinder häufig gegenüber der kirchlichen Dogmenlehre geraten, der wirb mit seiner Antwort nicht zaudern."

Daß bie Axt on bte Wurzel des christlichen Staalsdegriffes gelegt werde, scheint der,Franls. Zig/ wohl das wichtigste zu sein. Daß Piotr« tunten - Verein, sächsischer Lehrrrverein und Re. orm-Judentum in dieser Hinsicht an einem Stricke ziehen, ist nicht ohne Jniereffe zu sehen.

Ueber die bedenkliche Ausbreitung dess Polentums in den rem deutschen Landesteilen erhebt bie „Kreuzstg." einen sorgenvollen Mahn, ruf. Sie konstatiert, baß bas Polentum im Westen schrittweise aber ununterbrochen vorrückt unb ersieht bann eine Gefahr, die ernste Be» achtung erfordere. Wenn das der Fall ist, fo möge sich bie „Kreu-ztg." doch auch einmal über­legen, woburch bie Gefahr hervorgerufen worben ist. Sie wirb erkennen, daß es bie unselige Polenpolitik ber preußischen Regierung ist, welche die Polen au5 ihrer Heimat vertreibt und sie zwingt, in anderen Lanbesterlen eine neue Heimat zu suchen. Diese Polenpolitik hat die „Kreuzztg." stets verteidigt unb gesörbert. ES wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als baß unsere Hakalisten roieber ein Ausnahmegesetz machen, wonach ben Polen, denen Ansässig- machung unb Broterwerb in ber Heimat gesetzlich verhmbert ist, nicht auswandern dürfen, um sich anderwärts ihr Brot zu suchen. Sie werden bann wohl mit ber Zeit verhungern und bann ist man sie glücklich los! Aus diese Weise wird bann die Polenfrage endlich aus die einfachste Weile von der Welt gelöst.

)( Die Handhabung des RkichsvereinsgesetzeS wird bei uns noch oft genug zu Klagen Anlaß ge- ben. Ein neues Beispiel von der „freihertlichen Auffassung des Vereinsgesetzes wird aus Bonn gemeldet. In dem gegenüberliegenden Städtchen Beuel besteht eine starke italienische Kolonie. Mitglieder derselben haben schon wiederholt zur Pflege der Geselligkeit Theateraufführungen in italienischer Sprache veranstaltet. Als dies nun kürzlich wieder geschehen sollte, erklärte die Poli­zeibehörde, das Vereinsgefetz laste Vorstellungen in fremder Sprache nicht zu. Ten fortgesetzten Bitten des Kaplans Custodi wurde allerdings schließlich nachgegeben und die Aufführung „ge­stattet". .Cosimo II., Tuca di Toscana" ging also über die Bretter, aber nur durch ertspolizei- liches Wohlwollen und „ohne einen Präzedenzfall zu schaffen".

* Zum Rixdorser „Staatsstreich". Von den fünf „liberalen" Nirdorfer Stadtverordneten, welche kürzlich für die Wahlrechtsverschlechterung ihrer Mitbürger gestimmt haben, sind nunmehr vier freiwillig aus dem Liberalen Verein zu Nix­dorf ausgetreten, während der fünfte durch Be­schluß aus dem Liberalen Verein ausgeschlossen wurde.

— Tie englische Beteiligung an den deutsch- füdwestasrikanischen Diamant-Minen scheint doch nicht so groß zu sein, wie cs den Anschein hatte. Jetzt wird nämlich gemeldet, die deutsche Beteili­gung aus Tcutschsüdwestafrika betrage mehr als 2/;, des gesamten Kapitals. — Aber wie wird der weitere Verlauf der Tinge fein? Wenn das Syn- dikat Kohlmanskop feine Absicht, bie Minen art die Engländer zu verkaufen, wahrmacht, bann ha­ben zwar die Inhaber der deutschen %'Beteiligung bei der ungeheueren Kurssteigerung der Minen (Anteile von 100 Mark kosten bekanntlich schc-N 24 000 Mark) ein ungeheuer fettes Geschäft ge-

veuisches Reich

» Berlin, 30. Dez. 1908. Der K ai f er hörte am Mittwoch den Vortrag des Chefs des Gene­ralstabes ber Armee und konferierte fodann mit dem Reichskanzler. — Für die Befestigung des Beamten st euerprivilegs hat sich der n Pofen abgehaltene Provinzial st aote- tag der Provinz Posen einstimmig ausgespro- chen.

» Daß der Kaiser einen vollständigen Fcld- zugsplan gegen die Buren der Königin von England übermittelt habe, hat der Reichskanzler bekanntlich als unrichtig bezeichnet. Er behaup­tete, es habe sich nicht um einen Plan, sondern nur um „Aphorismen" gehandelt. In einem Schreiben, das die sozialdemokratische Frankfur­ter „Volksstimme" erhält, wird nun mitgeteilt, daß während jenes Krieges in den Kasinos der deutschen Offiziere verschiedentlich Kriegs­spiele über das Thema des Burcnkrieges vor- anstaltet worden seien. Die beste Lösung — eine sogenannte Patentlösung — habe bann Wil­helm II. als Feldzugsplan mit eigenhändigen Randbemerkungen versehen oder, wie Bulow ge­fügt hat, mit „Aphorismen", nach England ge­schickt.

* Die Eisenbahngüterwagen - Gemeinschaft gesichert. Wie bie /Köln. Zig.' ertähtt, haben nunmebt sämtliche beutsche Regierungen mit Eisenbahn-Besitz dem Abkommen wegen Her- beiführung einer Güterwagen - Gemeinschast, bie Mitte letzten Monates in Frankfurt a. M. mit ben Vertretern sämtlicher Eiienbahn-Verwaltungen vereinbart worben war, zugestimmt.

Die Apotheker klagen vielfach über den Rückgang ber Rezeptur unb bie Zunahme bes Handverkaufs, bei welch letzterem sie als Zwischen- Händler für bie P.äparcste der chemtfchph trma- zeutischen Großinbustne sunkt onieren. Wie nun rin Berliner Blast mitteilf, soll bie Selbsther- stellung von Arzneimitteln unabhängig von dem neuen Apolhekengesetze burch eine Bunbesratsver- orbnung neu geregelt werben.

)(Die Lehrergehälter. Die Lebrerbesolbungs- kommission bes Abgeorbnelenhauses hatte sich bekanntlich in einem Kompromiß auf ein Grund- aeijalt von 14OD Mark für Lehrer unb 1200 Mark für Lehrerinnen geeinigt unb bie Regierung halle nach anfänglichem Widerstreben schließlich zugestimmt, obwohl bas eine Mehrbelastung von jährlich 5,2 Millionen Maik answache. Der Freisinn hat nun anscheinenb bie Absicht, sich her Lehrerbesolburtgsangelegenheit zum Zwecke ber Agüation zu bebienen. Er will nämlich weiter !ür ben anfänglich auch vom Zentrum vertretenen Antrag zugunsten eines Grundgehalts von 15(>0 Mark eintreten. Das würbe einen Mehrcmswanb von jährlich 10 Millionen nolroenbig machen. Die Regierung erläßt nun, wohl um ber frei­sinnigen Agitation bie Spitze abzubrechen, eine Erklärung des Inhalts, sie werde einem

Gottes heiliger Wille geschehe!" fügte hinzu. „Wenn er mich länger leben läßt, dann will ich ohne Murren seinen Beschluß ehren, und ich werde auch nichts tun, um meine Heilung zu verhindern."

Einen Augenblick später verlor sie wieder das Bewußtsein und begann zu phantasieren.

Kaum eine Stunde, nachdem Viktorine das Haus ihrer Tante verlassen hatte, erhielt der Bürgermeister von seiner Braut ein Briefchen, das ein Meisterstück der Verstellung und heuch- leritoer Politik war. Sie schrieb ihm darin, daß sie mit großer Mühe ihre Cousine überredet bette, nach Groenezathe zu gehen, was sie denn auch getan habe; sie scheine sich jetzt ihrer Feigheit zu schämen, und um diese zu verbergen, werde, sie wahrscheinlich behaupten, nichts von Lucias

gann es nicht einmal mehr so erwünscht zu fin­den, daß Gertrud ihren Einzug als Hausfrau auf Groenezathe hielt.

Gewiß, sie handelte höchst vorsichtig, höchst ver­ständig, aber — aber etwas weniger Weisheit und etwas mehr Herzlichkeit würden ihm sicher viel angenehmer gewesen sein.

Ta er aber immer etwas steif und zurückhal­tend war, merkte Gertrud nichts von seinen Ge­fühlen; sie begann zu klagen über Viktorinens Undankbarkeit und nannte sie eine falsche italie­nische Schlange, die sie an ihrem Bitten genährt hätte. Aber das schien den Bürgermeister durch­aus nicht zu interessieren.

„Höre einmal, Gertrud", sprach er, „das sind Familienangelegenheiten, darum bekümmere ich mich nicht."

Tie Wahrheit war, daß die scharfe Weise, in der seine Verlobte sich gegen ihre Cousine aus­sprach, ihm durchaus nicht gefiel und vielleicht eine Ahnung gab, was er später zu erwarten batte, wenn sie ihm mit allerlei Klagen über seine Töchter fönte. Er wollte ja gerade deshalb wieder heiraten, um sich ein angenehmes Heim zu verschaffen; aber wenn das so westerging, dann würde er gerade das Gegenteil seiner Ab­sicht erreichen und sein Haus zu einer Hölle machen.

Sehr anregend war der Spaziergang für beide nickst; je länger sie beieinander ivaren, desto mehr fühlten sie, daß sich eine Scheidewand zwi- schen ihnen erhoben hatte; es waren Dinge, über welche sie es vermieden zu sprechen, andere, die sie unangenehm berührten und worüber sie Mühe hatten, nicht etwas Scharfes zu fagen; und es mar eine wahre Erleichterung, als sie an der Türe Abschied nahmen.

„Bis morgen l" sagte Gertrud zum Abschied.

„Bis morgen, Gertrud, wenn Gott will", sagte der Bürgermeister vornehm.

Während er nach Hause ging, dachte er un­aufhörlich an seine kranke Tochter, wie er sie finden würde, ob wohl ichlimmer wäre. So still

Lucia auch ihres Weges ging, so übte sie^ doch einen heilsamen, friedlichen Einfluß im Hause aus; ohne ihr trauriges Gebrechen würde nie­mand würdiger die Stelle ihrer edlen Mutter ausgefüllt haben.

Herr van Hogenvoorde fühlte, wie er selbst das liebe, sanfte Mädchen vermissen würde, wenn sie für immer wcgginge, und mit Schaudern dachte er daran, daß, wenn er das Unglück hätte, Lucia zu verlieren, er nur noch e i n Kind be­hielte.

Ein Kind, Ursula — und sein Sohn- Und der Gedanke an diesen Sohn, den er mit Gewalt auS seinem Geiste verbannt hatte, kam plötzlich mit überwältigender Kraft über ihn.

In dieser Stimmung kehrte er nach Groene­zathe zurück, wo Derdini gerade die Statuen an der Faffade anbrachte.

Er ging ins Hans und vorsichtig die Treppe hinauf. Oben im Gange kam Ursula ihm ent­gegen.

„Wie ist es?" fragte er, bang die Antwort erwartend.

„Ach Papa,, es geht immer schlechter. Ter Arzt ist gerade hier gewesen und sagte . . ."

„Nun, was denn?"

„Taß ihr Zustand sehr gefährlich und es ge­raten wäre, ihr bte hl. Sakramente spenden zu lasten. Jetzt ist sie noch bei Besinnung, aber man weiß nicht, ob sie es morgen noch sein wird. O Papal" sagte sie, und schluchzend warf sie sich an feine Brust, „was für eine schlechte Schwester bin ich doch für Lucia gewesen, und auch Dir hätte ich eine viel bessere Tochter sein müssen."

Sprachlos vor Schmerz, drückte der Vater fein Kind ans Herz, und sie schluchzte weiter:

„Und sie ruft nur immer nach Wybo. O Papa, denke Tir einmal, wenn er zurückkäme — würdest Tu dann — würdest Du ihm bann ver- zeihen?"

^Fortsetzung folgt.)

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