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35. Jahrqaim

Fulda, Dienstaa den 29. Dezember 1908.

JV3 299

Grstes Wlcltt

einipung, Herr Dr. Strelemann von den Natro- nalttberalen und Herr Dr. Wagner von den Kon- servativen. Diese Herren sind bekanntlich bet den Blockwahlen nur mit größter Mühe gegen die im Königreich Sachsen sehr starken Sozialdemo­kraten gewählt worden. Glauben die sächsischen Blockabgeordneten vielleicht durch Hinderung der Sozialreform ihre Mandate gegenüber der Sozialdemokratie sichern zu können? Wenn das Zentrum dem Ansturm der Sozialdemokratie ge­genüber von allen Parteien am besten standbält, so ist dies nicht in letzter Linie darauf zuriickzu- führen daß eS mit Eifer für eine gesunde S o- zialreform eintritt und damit auch den Ar- beitern das Verbleiben in feinen Reihen mög­lich macht.

insbesondere durch amtliche Bedrückung geradezu unmöglich gemacht, ein Wahlkompromiß mit der ^ozialdemokralischen Partei abruschließen. Da ist es eine für die politische Bewegung erfreuliche Erscheinung, daß im Westen nicht eigentlich liberale Wählerrnaffen, sondern solche, die sich mit Vorliebe ihres „nationalen" Bewußt­seins rühmen, unter Billigung der .nationalen" Pi esse des Westens bei einem Wahlkampfe um die Sladloerordmlensitze zu Kompromißen mit der Sozialdemokratie griffen. Hat das ihrer .nationalen“ Gesinnung keinen Eintrag getan in einem Falle, da es gegen das auaen- ilicklich von der Blockpolitik ausgeichlosfene Zen- trum ging, so wird es auch den liberalen 'Var- leiem nicht als Zeichen „antinationaler" Gesin- nung gedeutet werden dürfen, wenn sie einmal solch' ein Kompromiß der Sozialdemokratie aus wahltaktschen Gründen eingehen." — Auch dem Zentrum nicht?

)( Folgen des Enteignungsgesetzes. Der ,Frankf. Ztg/ wird von einem Leser geschrieben:

Nach Publikation des polnischen Enteignung?, aesetzes haben die Galicier jeve Verbindung nrt Deutschland abgebrochen. Meine Firma wurde von dieser Maßregel schwer getroffen. Wir haben fle- kämpfs, wie es nur denkbar möglich war, ohne auch nur daS geriugSe Resultat zu erzielen. Untere Kunden beiteten miverrüglich nach EiOcheinen des vorerwäbnten Gesetzes Zelle! an ihre Schaufenster mit der Inschrift: „Hunden und deutschen Reisenden ist der Eintritt »er­boten !•; daS haben sie auch mit aller Energie durch- geführt, da für sie auf dem Spiele stand, enlwevcr die beichloflene Maßregel durchzuführen, oder selbst boy­kottiert zu werben. Die Post« und Eisenbahnbeamien haben streng darauf gewacht, daß keinerfer Mitteilung oder Wrren von Deutschland nach Gallien eingeführt wurden. Sie sagen mit vollem Recht, daß dreie Maßregel Milliarden kostet; das unierschreibe ich gleichfalls voll und ganz mit dem höflichen Be­merken, daß die Steuerkrast der Kauslente aus solche ®eiie stark reduziert wird.

4- Zum Fall Held. Wenn der natlib. Abg. Held gehofft halte, die gegen ihn erhobenen schweren Angriffe durch die gerichtliche Ver­handlung entkräften zu können, so ist ihm das jedenfalls nicht gelungen. Es wird deshalb all­gemein damit gerechnet, daß Held sein Mandat niederlegen wird, nachdem er feit dem Beginn des Prozesses bereit- dem Reichstage ferngeblieben war. Es mag bemerkt werden, daß Held inner­halb seiner (nätionalliberalen) Fraktion eine ziem­lich bedeutende Rolle spielte und insbesondere als der Baler der ZizateUenbanverole hervor- getreten ist.

* Den Rekord des Unsinnes in der Kamarilla- frage schlägt der ,Bieteselder General- a«zeiger'. In der Nummer 802 diese- Blattes liest man unter der Rubrik .Vermutungen" wörtlich da- Folgende:

Man schreibt uns: Tine neue Fußnote zum Kama- rillalrxt: „Jesuiten solle« eS fein, die an der Em- frembung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten von Bülow, indirekt natürlich, arbeiten. Wie ist dies Ge­rücht entstanden? Einmal anS der Annahme, daß ein Teil der Gegner des Fürsten Bülow ftch zum »atholi- zismus bekennt. Daun aus dem allerdings nicht weg' juleusneuden Umstande, daß daS Zentrum noch nie mit solcher Wärme für den Zusammenhalt Deutsch­lands mit Oesterretch-Ungaru emgetreten ist, als gegen­wärtig, da die vom strengkatholiichen Erzherzog-Thron­folger etngeleitete Politik der Donaumonarchie neue Richtlinien gewiesen hat. Dränge sich da, so wird weher geschloffen, nicht der Gedanke auf. daß „Rom" seine Hand im Spiele habe, daß die unvergleichlichen Diplomaten vom Orden Jesu die vertrauensvolle Freundschaft zwischen dein Erzherzog-Thronsolger und Kaiser Wilhelm im Sinne der „Entwurzlung" des dem Zentrum unangenehme« Aloek-Retchskanzlers nutz­

bar zu machen bestrebt sein? Es kann Vermutung ein, immerhin entbehrt die Vermutung nicht der realen Unterlage."

Das nimmt, so bemerkt dazu die ,K. D»tg/, das Blatt ohne jede Bemerkung auf, obwohl btt ganze Kamarilla-Erörterung von liberalen Blättern au-gegangen ist: von der »Neuen Gesellschaftlichen 'Korrespondenz, der .Kölnischen Zeitung' und den .Grenzboten'! In welcher Verfassung muß das Blatt feinen Leserkreis glau­ben, daß eS ihm so etwas zu bieten wagt. Es ist offenbar der Meinung, daß er durch Jesuiten- angst Zentrumsscheu und Romhaß völlig ver­blödet sei. Unheimlich ist dem Gewährsmann des BlatteS augenscheinlich auch der ^strengkaiho- lisch« Erzherzog-Thronsolger in Oesterreich". Vielleicht wäre eS ihm lieber, wenn auch der zu den Gegnern des Deutschen Reiches gehörte und sich an bet Seite des König- Eduard von Eng- land befände, der ja Protestant ist. Wenn man solche „Vermutungen" lieft, so dtä gt sich der Gedanke auf, daß bei manchen Gegnern mehr denn je heute wieder die Eigenschaft entwickelt ist, gegen welche Götter selbst vergebens ffimpren.

)( Bürgermeister Schucking kommt doch nicht so einfach aus seiner Affäre heraus, wie er sich ba8 gedacht hat, als er sein Abschiedsgesuch em- reichte. Der Regierungspräsident von Schleswig hat ihm nämlich mitgeteilt, er könne sem Ab­schiedsgesuch nicht eher annehmen bi» Schucking seine Berufung gegen da- Urteil des Bezirks­ausschusses zurückgezogen batte. ®egen diese» Verlangen hat Bürgermeister Schucking sich be­schwerdeführend an den Minister gewandt. Nutzen wird ihm da- freilich nicht». r

X Der Hottentottenaufstand in Südwest- afrita, dürste unS noch virl zu schaffen machen. Wie ossiziös zugegeben wird, gibt zu erheblichen Befürchtungen der Umstand Anlaß, daß, den Hottentotten reiche Beute an Munition, Waffen und Vieh in die Hände gefallen ist, wodurch sie von allen Seiten Zulauf von farbigem Gesindel erhalten werden. Zu nachdtückltche» Verfolgung der Hottentotten wird e8 nötig fern, sich der Beihilfe der englischen Nachbardehdr- den, au# deren Gebiet das Raubgesindel stammt, zu versichern. - Nach eiter Meldung au# Maseking haben sich auch bereit# der englische Leutnant Surmon von Betschuanaland und der Polizeibeamte Herbst in gemeinsamer Mission an die deutsche Nordwest grenz« zu dem Hotten­totten Simon Copper begeben, der, rote~ man annimmt, sich auf englischem Gebiet befindet. Nachrichten, die in Kapstadt aus Warmbad em- trafen, lassen auf erneute Unruhen schließen. Der Bondel Klein-Jakobu# und der Bauden- tührer Christian sind bei einem Fluchtversuch von der Kappostzei erschaffen worden.

(*) Die südwestafrikanischen Diamanten­felder. Gegenüber den Gerüchten von dem an­geblich beabsichtigten Berkaus des Diamanten- seldeS KolmanSkop bei Lüderitzbucht wird nach dem „tag* an maßgebender Stelle darauf hm« gewiesen, daß dir Interessen des Reiches vom Staatssekretär in jeder Weise gewahrt werden würden. Die Firma Lenz, die KolomalgeMfchaft, sowie daS Reich verkaufen jedenfalls nicht ihr» Diamantenfelder. '

* Weibliche Rechtsanwälte in Bayern. De, bayerische Justizminister hat eine Verfügung er­laßen, wonach die Frauen zur Verteidigung zu- gelaffen werden sollen. Die# betrifft zunächst 50 Damen, die als Verteidigerinnen an den

«rscheM täglich «4t Ausnahme der So nn und Heiertage. viertel- lShrltche»ve;«g;prrl» ohne Brtngerloti« und Vrpe5g«ldln8uldaso- Wie auswärts 1-50 fllt

-erantw Redakteur? Lae» Schütter

wochenbettae-: „Illustrierte Sonntagrzeltung

veutsches Keich.

** Berlin. 28. Dez. 1908. Der neue deutsche Botschafter Graf v. Tattenbach hat am<Dlon- tag in Madrid dem König Alfons fern Beglau­bigungsschreiben überreicht.—KonteradmiralJ na en- ohl wurde zum Kommandeur deS ostafiaüschm KreuzergeschwaderS ernannt.

---- Al# künftiger Kultusminister wird Mini­ster v. M o l t k e genannt: fein N^fokger im Mi­nisterium de» Innern soll der ostpreußische £ber- präsident von Windheim werden, der früher in Berlin Polizeipräsident war.

)( Der Geheimrat Klehmet aus dem Auswär­tigen Amte, der bekanntlich neulich kalt gestellt wurde, weil er das bekannte Kaifer-Interview im „Daily-Telegraph" gehrten,aber nicht bean- standet hatte, ist nunmehr definitiv ausgeschieden. Es ist nämlich der Freiherr v. Stumm, ein Neffe deS saarabifchen „Königs Stumm" zu fei­nem Nachfolger ernannt worden.

• Neue AmtsrichtersteUeiu Der neue preußi­sche Justizetat wird, laut ,Voff. Big.', wieder eine nicht unbeträchtliche Anzahl neuer Richterstellen, insbesondere von Amtsrichterstellen in Jndustrie- bezirken, aufweifen.

* Der Besuchszwang der ländlichen Fort- bildungSschnlen. Es wird erneut ein Gesetz­entwurf angelündigt, der sich mit dem Besuchs- zwang sür ländliche Fortbildungsschulen befaßt. ES handelt sich darum, daß die Gemeinden be­fugt werden, den Besuchszwang durch Ortsstatut einMühren.

(*) DaS blau rote Bündnis bei den letzten Kommunalwahien in einigen Städten Rhem- lands und Westfalens veranlaßt einen Reichs- tagsabgeordneten deS Westen» zu einer inte- restanten Zuichrift an die ,Vost. Ztg. (Nr. 607 vom 28. Dezember), deren Hauptsätze hier wieder- gegeben zu werden verdiene». Es heißt darin: „Wenn es bei Stadtverordnetenwahlen zulässig ist, daß „nationale" Männer au» parteipoli- tischen Rücksichten für einen Sozialdemokraten in Kommunalwahien stimmen auf Grund eine» Wahlbüudnistes, daS in anderen Bezirken ein Eintreten der Sozialdemokraten für die natio­nalen Parteien gewährleistet, so muß das auch für Re ich StagS wählen möglich fein. Nun gatt eS aber bisher al» ein Verbrechen an der „na- iioualen" Gesinnung, das insbesondere einen Beamten „der Achtung unwürdig" und des Ämtes verlustig machte, wen» ei« Bürger au8 >rahltallischen Erwägungen füt dir Wahl eine» Soz aldemokraten eintrat. Wurde doch selbst ein VerttaueuSarzt der ReichSposwerwattung gemäß- regelt, weil er au$ solchen Erwägungen einem Sozialdemokcaten m der Stichwahl tue Stimme gab. Er wurde bisher den liberalen Parteien

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* Zur Berabschieduug der Ge- werbeordnungsnovelle.

Ehe her Reichstag in die Weihnachtsferien ging hat er sich noch das Verdienst erworben, für einen Teil unseres Volkes eine schöne Werh- W.iiagabe zurecht zu machen.

Tie Novelle zur Gewerbeordnung über den Arberterinnenschuh bringt in der Tat eine Reihe von sozialpoliticheu Fortschritten. Worin diese tm einzelnen bestehen, ist an dieser Stelle bereits ibeS öfteren ausgeführt worden und soll heute nicht weiter erörtert werden. Dagegen scheint es nicht überflüssig, die Stellung der einzelnen Parteien 1« der Ausarbeitung der Bestimmungen über den Arbeiterinnenschutz etwas näher ins Auge zu fas­sen. In der Tat bot die Beratung der Novelle einen ausgezeichneten Prüfstein für die Stellung ber einzelnen $ arteten zu ben Forderungen der Sozialreform.

Wir beginnen mit der Rechten, Konservatr- ben und Reichspartei. Beide Parteien haben den benfeiten des Arbeitgebertums auf sie gestellten Erwartungen voll und ganz entsprochen. Wenn die Kommissionsbeschlüsse im Plenum des Reichs­tages nicht in ihrem vollen Umfange ausrecht er­halten werden konnten, so tragen die Schuld da- tan die Konservativen, die den Verichlechterungs- bnhägen von nationalliberaler und freisinniger teerte zustimmten. Die Stellung der fi b e r a- IIen Parteien zu der Sozralreform bekundete sich bann, daß sie die Zahl der Tage, an denen eine Ausnahme von dar zehnstündigen Marimalar- deitszeit zulässig ist, von 40 auf 50 erhöhte, am liebsten aber hätten es die genannten Parteien gesehen, wie auch ihre Wortführer e3 ausdrücklich «ausgesprochen haben, wen» die Regierungsvor- ;Iage, die 60 Ausnahmetage zulasten wollte, wie- iderhergestellt worden wäre. Die f oz i a 1 d e m o- kratische Arbeiterfreundlichkeit zeigte sich wie­der am besten darin, daß die Genossen durch Häu­fung ganz aussichtsloser Anträge die Debatten .versckffevpten und dadurch beinahe die Erledigung vor Weihnachten unmöglich gemacht hätten. Waz das aber für das Schicksal der Novelle selbst be­deutet hätte, darüber lassen die' inzwischen be­kannt gewordenen Tatsachen über die Bestrebun­gen des Arbeitgebertums keinen Zweifel. Nach alledem dürfe» wir mit Fug und Recht behaup­ten, daß allein das Zentrum den Forderun­gen der Sozialpolitik Durch ehrliche B rbeit gerecht geKrarben ist.

Die Verbesserung der Regierungsvorlage in der Kommission ist hauptsächlich das Verdienst des Zentrums geroefen. Insbesondere verdankten ber Initiative des Zentrums das Verbot der Mit- gabr vor Arbeit nach Hause und die Ausdehnung des Wöchnerinneuschiches auf insgesamt acht Wo­che« ihre Aufnahme in das Gesetz. Wie schon ge­sagt. ist eS nicht gelungen, die dritte vom Zen­trum in der Kommission dnrchgesetzte Verbefse- runa. nämlich die Beschränkung ber Arbeitszeit ber Arbeiterinnen an Samstagen auf sechs Stirn- beit, auch int Plenum durchzusetzen: und auch ein VermittelungSüntrag des Zentrums wurde von ber Blockmehrheit abgelehnt. Das Zentrum hat fedenfallS sein möglichstes getan, um einen wirksamen und ausreichenden Arbeiterinnenschutz zu erreichen.

Aus den Beratungen über die Gewerben rd- nungsnovelle verdieuk noch ein Punkt besonderer Erwähnung. Gegen die Bestimmung, durch die das Verbot ausgesprochen wurde, traten hinter- einander nicht weniger als 4 sächsische Abgeordnete auf. Herr Günther von dec Freisinnigen Volks- Partei, Herr Ha»isch von der Wirtschaftlichen Ver-

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ZuvückgskeHrt.

^cj8i^u»k you Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.

srj tRachoruck v»»boten.)

„Da» mißfällt mir sehr an Biktorine," sagte Ursula zu ihrem Vater, „ich kenne sie zwar weni­ger, aber Lucia schwärint so sehr für sie. Ich hätte geglaubt, daß sie aus Liebe für sie tun würde, was eine bezahlte Krankenpflegerin alle Tage für Geld ivagt.

„Tas Aergfte ist, daß es so schwer sein wird, eine Krankenschwester zu bekommen: es sind viele Kranke im Hospital und die ehrwürdige Mutter hat für mich nach der Stadt geschrieben."

„Vorläufig muß der arme Unglücksvogel sich nur mit mir behelfen."

Sobald Ursula die Gelegenheit dazu sah, schlich sie zu ihrem Bruder und erzählte ihm das ungünstige Urteil des Arztes über Lucias Zu­stand und die Weigerung Viktorinens.

„So sind nun die WylandtS alle", sagte sie erregt, „freundlich im Gesichte und falsch hinter dem Rücken. Lucia wird von dieser Viktorine betrogen, ebensogitt, wie ich es von Gertrud wur­de. Und welche Freundschaft hat sie hier doch zeiwsienl"

„Urteile nicht so schnell", mahnte Wybo, „ich kau« es nicht von ihr glauben. Sie schien unsere Schwester so innig zu lieben i Ich habe gestern mit ihr gesprochen und da erzählte sie mir, daß ihr verboten worden ist, so oft hierher zu kom- men."

„Verboten von Gertrud und ihrer Mutter?" „ES scheint sol Also ich glaube, daß sie Gründe Haben, sie von hier fernzuhallen." ) „Welche Gründe?"

( „Ja. nun fragst Du mehr, al» ich selbst weiß, /o&er soweit ich über die Berbäftntffe urteilen

kann, weiß Fräulein Ribert nichts von Vaters BUte."

„Das wäre doch zu arg. DaS will ich unter- suchen. Ich sage es Papa, und wenn er bann sieht, was für schlechte, falsche Menschen die Wy­landtS find, dann bricht er vielleicht mit ihnen."

„Nicht so übereilt handeln, bitte! Tu weißt, daß Tu mir blinden Gehorsam versprochen hast und diesen verlange ich nun wieder von Dir. Es find noch andere Interessen im Spiele, als die­jenigen, von welchen Du weißt. Und gehe jetzt nur in» Krankenzimmer zurück, und pflege die arme Lucia nach bestem Vermögen. Es ist eine strenge Schule für Dich, um Dir all Deine Dumm­heiten abzugewöhnen."

„Du schmeichelst mir auch gar nicht", sagte sie schmollend.

„Verdienst Du da» denn so sehr?" fragte er halb scherzend, halb im Ernst. „Grüße Lucia von mir und gebe nun schnell hin."

Es waren schwere Tage für Ursula; Lucia wurde schlimmer, sie hatte heftiges Fieber, und in ihren Phantasien rief sie immer nach ihrem Bruder und nach Viktorine. Ursula hatte ihre ganze Willenskraft notwendig, um nicht vor Ängst und Aufregung aus dem Krankenzimmer wegzulaufen.

Ihr Vater hatte den Wink Gertruds verstau- den und kam auch nicht mehr zu ihr ins Hau»: jeden Morgen sandte er den Diener mit dem Be­richt von der Nacht an die Damen WylandtS und vermied es selbst, ein Briefchen an sie zu schicken.

„Als Bürgermeister muß ich ein gute» Bei- spiel geben", sagte er, „um die behördlichen Vor­schriften bei ansteckenden Krankheiten streng au»- zuführen."

Aber bei sich selbst dachte er, daß em wenig mehr Wärme und Herzlichkeit von feite» feiner zukünftigen Frau ihm sehr willkommen gewesen wäre; unwillkürlich dachte er an den Geist auf- opfernder Liebe, der seine verstorbene Fran be- feelte, und immer mehr sträubte sein Herz sich dagegen, ihre Stelle einer anderen zu g«ew

Viktorine suchte nach einer guten Gelegenheit, um ein Briefchen nach Groeuezathe zu fenden; aber es ging nicht leicht, beim die Zugeherin wagte sie nicht in ihr Vertrauen zu ziehen und Tante und Gertrud sorgte« dafür, daß sie nicht auf die Straße kam.

So hatte sie auch nicht bte geringste Ahnung, daß Lucia krank war.

Derdini bot wohl alles auf, um ihr pi begeg­nen, aber eS gelang ihm nicht; sie war nirgend­wo mehr zu sehen und baS bestärkte ihn in seiner Vermutung, daß sie von den Verhältniffen auf Groenezathe nichts wüßte.

Ursula wurde nun von einer Barmherzigen Schwester unterstützt, die ihr treu half; der Va­ter erkundigte sich oft nach seiner kranke» Toch­ter, ging aber ohne Trost weg.

„Wenn ihr Geist ruhig wäre, könnten wir baS Fieber viel bester bekämpfen", erklärte der Arzt.

Und Ursula sah ratlos um sich; Viktorine und Wybo, die beiden, nach denen sie unaufhör- lid) rief, waren in ber Nähe und doch konnte sie sie nicht an» Bett der Kranken bringen.

Wybo verlebte auch traurige Tage; er hätte sich auch gerne seiner Schwester zu erkennen gegeben, aber tote konnte er da», solange er noch nicht mit seinem Vater versöhnt war? Würde diese» Verhältnis sie nicht noch mehr aufregen?

E» war nicht zu verwundern, daß er in diesen Tage» vorläufig die Sache zwifche» Noldnni und der Familie WylandtS ruhen ließ; sein Kops stand ihm nicht danach und die beiden Dame« waren unnahbar.

Endlich beschloß er, nadibem Ursula ihm in großer Erregung erzählt hatte, wie herzzerrei­ßend Lucia immer nach Viktorine rief, den gera­de» Weg einzuschlagen und nut frei bei de» Ta­rnen WylandtS zu schellen.

Die Zugeherin öffnete die Türe und auf seine Frage, ob die Damen zu Hause wären, ersuchte sie ihn heraufzukommen und führte ihn in» Wohnzimmer, wo Gertrud gerade einen verzwei­

felten Brief ihres Bruder- beantwortete, wah- rend Frau Wylandt stickte und Viktorine stopfte.

Ein Blick auf daS junge Mädchen überzeugte ihn, daß sie bleich und verstört auSfah; bet sei­nem unerwarteten Eintritte sprang Gertrud so­fort auf und wurde so rot, wie Wybo sie noch nie­mals gesehen hatte.

„Ich hoffe, daß die Damen nicht durch meine Gegenwart erschreckt werden", sagte er.

„Erschrecken! Was meinen Sie damit?" fragte bie alte Frau.

„Die Damen sind ja so bange vor ansteckenden Krankheiten, aber ich bjn nicht weiter gewesen, al» im Atelier, und durch den Spaziergang wer- den wohl die Bazillen in der Luft verflogen sein."

Diftorine sprang auf, totenbleich, mit großen, brennenden Auge» und zitternden Lippen.

„Ansteckung", rief sie, „wer ist den» krank auf Groenezathe?"

„Sei still Kind",, schrie ihre Zante, „Du wirst ja nicht gefragt. Herr Perdini kommt nicht Dei­netwegen."

„C nein, gewiß komme ich nicht wegen Fräu­lein Ribert! Sie hat ja entfliehen genug er­klärt, daß ihre Freundschaft für Fräulein Lucia van Hwgenvorde nicht groß genug ist. um bet Ansteckung zu trotzen."

Ihre italienischen äuge» schossen Flammen.

„Herr Verdini", rief sie entrüstet, „nun muf- sen Sie deutlich sagen, was Sie meinen. Wer ist krank auf Groenezathe?"

„Wie, sollten Sie das nicht wiffen? Der Bür­germeister hat Ihnen doch, nachdem der A^t von einer gefährlichen Krankheit gesprochen hatte, den Diener geschickt mit der Bitte, wenn Ihre Tante e» erlaubte, die Verpflegung ßuciaS zu über­nehmen."

Mutter und Tochter sahen Derdini an, atl ob sie große Lust hätte», ihm in die Haare zu