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35. Jahrqanq.

Fulda, Mittwoch den 23. Dezember 1908.

Erkies Watt.

Neuliches Reich.

** Berlin, 22. Dez. 1908. Der Bundesrat hat in einer seiner letzten Sitzungen die im Reichs­eisenbahnamt bearbeitete neue Eisenbahn- verkehrsordnung genehmigt und ihre Einführung zum 1. April 1909 beschlossen.

)( Was ist denn jetzt wieder los? Der Londoner Korresponoent der »Wiener Neuen Freien Presse' meldet, daß die Reise des eng» liichen Königsvaares nach Berlin, die bekanntlich für Februar n. Js. in Aussicht ge­nommen war, in Frage gestellt sei. Das Befinden des Königs Eduard soll jedoch nicht die Ursache fein, daß diese Reise unterbleibt, der Grund soll vielmehr in den Berliner Verhält­nissen zu suchen sein. Unter den ,,Berliner Ver­hältnissen" kann man alles mögliche verstehen. Hat man die Nachwirkungen des Kaiser-Inter­views im Sinn oder ist eine neue Differenz zwischen dem Berliner und dem Londoner Hof gemeint? Uebriaens konstatiert das »Berliner Tageblatt', daß in Berlin weder den Regierungs­stellen noch den Hofämtern etwas von einer Aenderung in den Reiteplänen des Königs be­kannt geworden ist. Eine Absage des angekün- bigien Besuches ist nicht erfolgt.

)( Das Kultusministerium. Der preußische Kultusmr. ister Dr. Holle wird wahrscheinlich doch nicht mehr in fein Amt zurückkehren. Im Befinden des Ministers, der sich seit zwei Monaten in Gardone aufhält, ist eine wesentliche Besserung nicht zu verzeichnen. Aus diesem Grunde dürfie er eine Verlängerung leine? Urlaubs erbitten, falls ihn nicht überhaupt sem Gesundheitszustand zwingt, um feine Entlastung nachzusuchen. — Zu der neuerdings wiederholt aufgerootienen Frage einer etwaigen Teilung bei Kultusministeriums wird offiziös mit« geteilt, daß an eine Trennung der kirchlichen und Schulangelegenheilen von den maßgebenden Stellen überhaupt nicht gedacht wird. Möglich wäre eine Angliederung der Medizinalabteilung an das Ministerium des Innern, aber auch diese Frage kann erst erledigt werden, wenn der Kuliusmimster selbst wieder zur- Stelle ist. In absehbarer Zeit wud sich an dem Gefüge des Ministeriums jedenfalls nichts ändern.

*, Die Krankheit des Präsidenten Castro von Venezuela ist nach der ei gehenoen Unter« suchung, die Prof. Dr. Israel in seiner Klinik in ihm vorgenommen hat, nicht ernster Natur. Castro leider an einer Niereneiterung, die eine Üperation nicht notwendig macht.

** Castro in Berlin. Wir müssen uns da­mit abfinden, daß Deutschlands Absichten unaus­gesetzt verdächtigt werben, mag es handeln, wie es will. Halte es Castro, den Präsidenten von Venezuela, als Feind empfangen, hätte es dem Manne, der, wie er fortgesetzt betont, nach Berlin kommt, um Heilung von einem schweren Leiden zu finden und der sich augenblicklich in einer Klinik authält, seine Grenzen verschlossen, fo hätten wir von allen Seiten zu hören bekommen, was die Deutschen für Barbaren sind. Jetzt erlaubt Deutschland Herrn Castro, zu seiner Ge­sundung auf deuttchem Boden die Schritte zu tun, die er für nötig hält und läßt das venezo­lanische Staatsoberhaupt, wie es sich schickt,

durch einen Vertreter begrüßen. Sofort erhebt sich in England ein Chor von Raben, die krächzen müssen, daß Deutschland die eifer­süchtigsten Pläne verfolgt. Lasten wir sie krächzen, da sie nicht anders können. Zum Ueberfluß tritt aber nunmehr ein Berliner offi­ziöses Telegramm der,Köln. Ztg/ der in aus­ländischen Blättern ausgesprochenen Auffastung entgegen, als ob sich Deutschland mit Castro auf ein Ränkespiel einlaste, das feine Spitze bald gegen Holland, bald gegen andere Staaten richte. Deutschland lebe jetzt mit Venezuela in normalen Beziehungen, weshalb kein Anlaß vorliege, Castro anders wie in der durch Brauch und Höflichkeü vorgeschriebenen Weise zu begegnen, lieber politische Pläne Castros fei in Berlin nichts bekannt.

* Von den neuen Dreimarkstücken werden, wie jetzt mitgeteilt wird, 15 Millionen bis Ende dieses Jahres ausgeprägt sein. Die Prägung weiterer 15 Millionen Mark in den neuen Münz- stücken wird sich alsbald anschließen. Dann wer­den auch die Klagen verstummen, daß das neue Geldstück auf dem Lande überhaupt nicht erhält­lich ist.

— lieber das sozialdemokratisch-liberale Wahl- bündnis am Rheine jubiliert der „Vorwärts". Er stellt fest, daß für die Stichwahl zu Mühlheim die liberale Partei die Parole ausgab: „Keine Stimme dem Zentrum I" während die Junglibe­ralen direkt zur Wahl der Roten aufforderten und mit Behagen erklärt das sozialdemokratische Organ:

„D«r ehrlichere Teil der Liberalen bat hat ohne jede Bemühung von unserer Seite für unS peftimmt. Genau fo war es im benachbarten Kalk, über das ähnliches behauptet wird. Bisher batte daS Zentrum stets im ersten Wahlgange gestegt. Das ist überhaupt der erste tatiächliche polrtifche Wahlerfolg im kalholiichen Teste der Rhrmprovmz. Die 3 Mühlheimer Genossen sind die ersten sozialdemokratischen Stadt­verordneten in den vier kalholiichen Regierung?« bezirken des NhemlandeS «Köln, Aachen, Koblenz und Trier). Wenn auch die Mühlheimer Sitze nicht ganz ohne liberale Stimmen gewonnen werden konnten, so bat sich doch gezeigt, dao daS Zentrum in einer durch und durch katholischen Stadt nicht mehr von vornherein des Steges gewiß ist."

Aber dieser erste Sieg ist nur erfochten wor­den, weil die Liberalen lieber „rot als schwarz" wählten. Nun wird ja wohl bald die Entrüst­ungsrede des Reichskanzlers kommen —?

ä) Rrichstagsersaywayl im streife Singen. Der ReichStagsäbg. Philipp Keller ist am Montag früh einem schweren Krebsleiden erlegen. Abz. Keller wurde 1907 un Wahlkreise Alzey« Bulgen, den früher der frf. Abg. Schmidt-Elber­feld vertreten halte, in der Stichwahl gegen den Abg. Schmidt-Elberfeld mit 11841 gegen 9031 Stimmen gewählt. In dem Wahltreife besitzt das Zentrum knapp ein Drittel der Wahlstimmen. Bei den Blockwahlen hatte bas Zentrum feine Stimmen auf zwei Kandidaten verteilt, um nicht selbst in eine aussichtslose Stichwahl zu kommen. Es gelang ihm so, unter den gegnerischen Kan­didaten dem kleineren ILbel zum Siege zu ver­heilen. Der bevoistehende Kampf bei der Ersatz- wähl wird voraus stchtltch sehr heftig werden.

△ Ein ausländisches Urteil über ein deutsches „Witz"-Blatt. Der Präsident des Berner Sill- lichkeitsverems hat gegen den „SimplizifsimuS' wegen anhaltend grober Verletzung der Sittlich­keit Klage erhoben. Das ,'Berner Tageblatt' ist damit einoerfianben und bemerkt dazu:

„Wir betrachten den Inhalt des ,Simp!izisfimus' alS Po,nograph,e. Das Blatt zieht alles in den Kot,

wa? mit Autorität zusammenhängt. Staat und Regie­rung, Armee, Geistlichkeit, alle? wird in einer Weise verhöhnt, daß es eigentlich wunderbar ist, daß das eilige Blatt in Bürgerkreifen überhaupt gelesen wird. Wir würden es im Jnleresie der moralischen Gesund­heit unseres Volkes mit Freuden begrüßen, wenn sich unsere Wirte dahin vereinigten, diese deutsche lrichtiger sorialdeniokratifche) Gislpflanz« abzuschaffen. DaS Blatt unlerwühlt die heutige Gesellichast, fpekul.erl auf die niedrigsten Instinkte der Menschen und ist unserem Volksleben völlig fremd."

Es ist bekannt, daß dieses Blatt im AuS- lande, speziell in Frankreich und England, sehr verbreitet ist und gern gelesen wird. Presse und Publikum dieser Länder schöpfen den größten Teil ihrer falschen und gerade u törichten Urteile über deutsche Verhältnisse aus dem „Wltz"-Blatt. Da wird allerdings manches erklärlich.

* Breslau, 21. Dezember 1908. Auf der gest­rigen zweiien vorberatenden Versammlung zur Vor­bereitung der Katholikenvers ammlung 1909 in Breslau teilte, wie wir der Schief. Vstg. entnehmen, Justtzrat Dr. Porsch mit, daß für den Garantiefonds bereits über 75,000 Mark ge­zeichnet sind, daß sich also für die Abhaltung der Generalversammlung ein sehr erfreuliches Interesse kundgibt. ____________

Ausland.

* Das dreibundfrcundliche Italien. Ter ita- lienische Minister des Aeußeren Tittoni hat am Montag im Senat noch einmal seine vor kur­zem in der Kammer abgegebenen Versicherungen über Italiens Treibundtreue wiederholt. Er er­klärte, wenn bie Regierung in der Frage einer italienischen Universität in Oesterreich irgend welche Tätigkeit habe entfalten können, dies im Grunde dem Bestehen des Dreibundes zu danken sei, ohne das jedes auch nur rein vertrauliche, nicht offizielle Vorgehen unmöglich gewesen wäre. Ohne den Dreibund wurde es kein Mittel sür Italien gegeben haben, seine Stimme anders zu Gehör zu bringen, als durch die Gewalt. Mit Bezug auf bie italienische Orientpolitik sagte Tittoni: „In diler Richtung gibt es nichts, was mit dem Dreibund in Wider­spruch steht, dem wir treu sind und bleiben. Unsere Politik ist eine Politik des Friedens in Ehren und sie wird es bleiben, wenn das Parlament uns seine Unterstützung nicht versagt."

* Der deutsch-schweizerische Mehlstreit, der schon sehr uivl Staub aulgewirbelt hat, ist immer noch nicht beigelegt. Der schweizerische Bundes­rat hofft immer noch die deutsche Regierung be» wegen zu iönnen, den im Handelsvertrag ge­bundenen schweizerischen Mehlzoll sreizugeben. Er hat vor einem halben Jahre bereits eine da­hingehende 9lole nach Berlin gerichtet, aber, wie am Montag in der Bundesversammlung mit geteilt wurde, noch keine Antwort darauf erhalten.

* Holland. Die Regierung hat der Kammer mitgeteilt, daß sich die Königin länger als 4 Monate m gesegneten Umständen befindet.

** Eine Sensationsnachricht macht gegen­wärtig die Runde durch die belgische Presse. Es wird nämlich erzählt, die Pläne zum Aus- bau der Antwerpener Befestigungen seien auf Wunsch des Königs von einem deutschen Re- gierungsbaumeister, der sie zuerst einen Monat lang tn den Büros des deutschen Konsuls in Antwerpen bearbeitet hatte, nach Berlin mit» genommen worden, um sie daselbst fertigzustellen. Die daran geknüpfte Frage, ob nämlich der Architekt in Berlin vielleicht in Gemeinschaft mit dem deutschen Generalstab an den Plänen ar»

AurückgekeHrt.

Erzählung von Melati von Java. Uedersetzl von Dr. I. B. Fuß.

29j (Nachdruck verboten.)

Sie kamen auf den Kirchhof und trafen da­selbst Wybo, der feine Auszeichnungen machte über Lage und Größe des Grabes: beide waren dar­über erstaunt und noch mehr, als der Bildhauer einfach sagte, daß die Fräulein van Hogenvoorde ihm den Auftrag gegeben hätten, ein neues Grab­mal für ihre Shutter zu errichten.

„Und du weißt nichts davon? Dürfen deine Töchter sich das schon erlauben?" fragte Gertrud mit schlecht verborgenem Aerger.

„Ich habe es verdient," antwortete der Bur­gern eister mit edlem Schuldbewutzffein, „das Grabmal sieht schändlich aus und es ist verkehrt von mir, daß ich so viel Geld und Mühe für mrtit eigenes Haus verschwende und die letzte Ruhestätte meiner guten Frau schändlich vernach­lässigte. Von jetzt an, Herr Vcrdini, arbeiten Sie jridjt im Auftrage meiner Töchter, sondern in meinem Namen."

Wybo verneigte sich und wandte sein Gesicht ab, um seine Rührung zu verbergen. Gertrud wußte, daß es in ihrem Interesse sei, Sympathie zu heucheln und ihren Bräutigam in seinem gu­ten Vornehmen zu bestärken; aber sie konnte das nicht über sich gewinnen. Sie war, wie ihre Mut­ter, der Meinung, daß Liebe zu den Toten etwas Törichtes und für verständige Menschen unnötig wäre. Sie sah auch Blumen, und ihre Erbitte­rung nahm zu.

„Wer brachte diese Blumen?" fragte ihr Ver­lobter.

„Ich glaube, daß sie hier niedergelegt wurden im Auftrage Fräulein Lucias."

„Sollte Biktorine hier gewesen sein," dachte Gertrud, sagte es aber nicht laut; sie mußte auch )hre Hände falten und ihre Augen Niederschlagen,

während Herr van Hogenvoorde am Grabe sei­ner Frau betete; aber jedes Gebet war fern von ihren Lippen und noch ferner von ihrem Herzen. So schnell sie konnte, zog sie den Bür­germeister weg und sagte beim Verlassen des

macht doch immer einen schauerlichen, düsterenEindruck, einen Kirchhos zu besuchen, be­sonders gegen Abend."

^Ja, aber die ernsten Gedanken, die die Grä­ber in uns wachrusen, haben doch auch ihre gute Seite. Ich wenigstens mache es mir zum Bor- Wurfe, daß ich mich von denselben durch bie Ge­schäfte des täglichen Lebens ganz abziehen ließ; aber von dir, Gertrud, die doch einen fo ernsten und soliden Eindruck macht, hätte ich mehr Ge­fühl erwartet für die Stätte, wo unsere teu­ren Toten die Stunde der Auferstehung er­warten."

Gertrud sah mürrisch vor sich hin. Sie war und blieb verstimmt, der Bürgermeister vielleicht noch mehr als sie und als sie, unter dem Vor­wande, Briefe schreiben zu muffen, ihn bat, sie nach Haufe zu bringen, anstatt nach Groenezathe zurückzirkchren und dort Tee zu trinken, hielt er nicht lange an und nahm an der Türe ziemlich kühl von ihr Abschied.

Ihre erste Frage zu Hause war:

„Ist Biktorine zu Hause gewesen?"

„Natürlich, das Fräulein hatte wieder etwas auf dem Kirchhofe zu tunl"

Ein häßlicher Zug kam über Gertruds Ge­sicht.

„Smmer dieser KinWofl"

„Natürlich, nun sie nicht mehr nach Groene- zathe gehen darf, trifft sie ihren Freund irgend- wo anders und wäre es nur zwischen den Grä- bern."

Biktorine hörte den liebenswürdigen Ausdruck ihrer Tante unb die Röte der Entrüstung stieg ihr ins Gesicht.

„O Gott, hilf mir, mich zu beherrschen l" seufzte sie, „wie kann ich mir das faaen lassen?"

„Biktorine," rief die kreischende Stimme der alten Frau, „war das der Grund deines Aus­gehens, daß du diesen Mann dort treffen muß­test?"

„Ich wußte nicht, daß er auf dem Kirchhofe War," antwortete das Mädchen.

„Also du hast ihn gesprochen?"

„Ja."

„Und worüber?"

„Ueber Italien." i

„Erzähle alles, was er gesagt hat!"

„Ich habe nichts zu erzählen."

Sie hatte ihre Bügelarbeit beendet und brachte das Kleid ihrer Kusine ins Wohnzimmer.

„Willst du es sagen?"

„Nein."

„Gehe in dein Zimmer und du verläßt das Haus nicht mehr, ohne daß wir es wissen. Ich werde dich lehren, solche unpassende Dinge zu tun." .

Nun konnte das Mädchen sich nicht langer halten; sie verlor ihre Selbstbeherrschung, vergaß alles, was Serbin! ihr ans Herz gelegt batte über Vorsicht und jagte mit flammenden Augen:

„Was ich tat, ist nicht unpassend. Slber un­passend ist eS und noch ärger als das — eine himmelschreiende Sünde, eine arme Waise zu betrügen, ihr Geld zu verzehren und sie dann zu behandeln, wie man eine Magd behandeln würde."

Und ohne noch ein Wort zu sagen, ohne mehr etwas in der Küche zu tun, wo daS Feuer noch brannte und das Wasser noch kochte, ging sie auf den Speicher, wo sie in einem armseligen Käm­merchen hauste.

Dkutter und Tochter sahen einander schweigend In tiefer Niedergeschlagenheit an; erst als sie oben bie Türe schließen hörten, begann Gertrud ihrer Mutter Vorwürfe zu machen:

„DaS ist deine Schuld l Warum mußtest du sie zum äußersten treiben? Warum läßt du mir nicht freie Hand? Ich weiß genau, wie weit

beitet, ist ebenso bösartig, wie die ganze Nach­richt, die zur Beruhigung der aufgeregten Ge­müter wohl bald richtiagesteüt werden wird.

C. Ueberall dieselben! Mister W. Red­mond und Lord Edmund Talbot, letzterer ein Bruder des Herzogs von Norfolk, haben im englischen Parlament einen Gesetzentwurf einge­bracht, der mit den letzten Ueberreften der Aus- nahmegesetze aufräumen will, die in den Zeiten der Krtholikenoerfolgung gegen die eng­lischen Katholiken geschmiedet wurden. Dieser Gesetzentwurf hat in den Kreisen der „protestan­tischen Allianz", die so etwa die gleichen „fried­lichen" Zwecke verfolgt, wie bei uns der Evan­gelische Bund, den auch bei unseren Bündlern in solchem Falle üblichen „Sturm der Entrüstung" Hervorrufen. In einem an die englischen Parla­mentarier gerichteten Manifest erklärt die Liga, daß durch Annahme diefeS Gefetzes der Thron in Gefahr gerate, daß dieses Gesetz eine Ver­schwörung gegen den Thron und die Konstitution bedeute, daß die Regierung und daS Oberhaus, die dem Ge'etz in der ersten Lesung zustimmten,, nur die Arbeit der auswärtigen Hetzet besorgen würden, deren Generalg uartier sich in in Rom befinde und deren Chef derJeiuiten« general sei! Der Zweck dieser Leute sei, den König von England zu stürzen und die Prin­zessin von Bayern (?), die der römisch-katho­lischen Kirche angehört, auf den Thron zu er«| heben. — Tollere Blüten kann der Fanatismus nicht mehr treiben. Dieselben Leute waren eS auch, welche gelegentlich des eucharift en Kon­gresses im September zu London den Premier Minister Asquith so einzafchüchtern wußten, daß er die Abhaltung der Sakramentsprozeffion unter iaate.

* Die portugiesische Kabinettskrisis rst noch nicht beigelegt. Der Pcoggessift Beirao, dem die Bildung des Kabinetts übertragen wurde, dürste, diese Ausgabe wohl kaum erfüllen können, zurnal^ sein Programm von seinen Parteigenoffen nicht gebilligt wird. Man spricht bereits davon, daß die Bildung eines liberalen Ministeriums Der*1 sucht werden soll.

*„ Der serbische Kronprinz scheint weiterhin den Maulheiden spielen zu wollen. Er hielt dieser Tage bei einem in der russischen Gesandt« schäft abgehaltenen Bankett eine Rede, in der et die baldige Vereinigung Bosniens und der Herzegowina mit Serbien erhoffte. Die anmefen« den Diplomaten und Würdenträger hörten bi« Rede, die einen überaus peinlichen Eindruck machte, schweigend an, und die Konversation verstummte, bis der Kronprinz schweigend der Saal verließ. Dieser Zwischenfall hat großes Aufsehen hervorgerufen und gibt zu verschiedenen Kommenlaren Anlaß. Auch sonst macht der Kronprinz noch immer in unliebsamer Weife von sich reden! So foll er in der letzten Sitzung des Ministeriums wiederum scharf feinem Vater entgegengetreten sein, sodaß die Minister sich ver­anlaßt Iahen, den Saal zu oerlafjen.

♦* Castros Sessel beginnt wackelig zu werden. Was sich, während Castro in Berlin weilt, in fei­nem Lande abspielt, wird immer unklarer. Vize­präsident Cemez handhabt zunächst gründlich die Depeschenzenlur und auch die Meldungen, dre herausdrinaen, geben kein zuverlässiges Bild über das, was tm Lande passiert. Ueber bie Insel Trinidad ist in Newyork die Meldung eingetrof­fen, Comez habe das alte, dem Präsidenten Ca­stro ergebene Ministerium entlassen und em ich gehen kann, aber du trabst immer durch dick und dünnl"

Frau Wylandts war so bestürzt, daß sie ver­gaß, sich zu verteidigen und jammernd ausrref:

„Nun weiß sie alles, nun weiß sie alles! Wer kann es ihr gesagt haben? Und ich erhalte da gerade einen hoffnungsvollen Brief von Fred. Wenn wir ihm nicht schnell, helfen, dann ist alles verloren und weiß er nicht, was er tun foll."

„Fred, Fred," rief Gertrud, erregt hin und her laufend, „der Augenblick ist recht gut gewählt um von ihm zu sprechen! Möge er nur selbst sehen,, wie er sich rettet. Ich habe das wenige, was ich besitze, selbst nötig, besonders auch, wen ich einsehe, daß aus meiner Heirat nichts wird."

„O Himmel," heulte die Mutter, „das wäre doch zu schrecklich! Alles kommt auch fo zusam- menl" .

„Wer hat ihr das doch in den Kopf gesetzt — die Wahrheit — die reine, unverfälschte Wahr­heit", spottete Gertrud bitter und boshaft.

„Ich fürchte, daß sie es gestern gehört hat, ' als du so laut schriest wegen der kleinen Summe, um welche der arme Junge gebeten hat. Ach, Gertrud! Sende ihm doch baS Geld. Bedenke doch, wenn es herauskommt, muffen wir doch alles abgeben."

„Und wenn wir nach Transvaal oder Anwrika gehen müßten, er bekommt es nicht, was auch ge­schehen möge."

„Ach! er schreibt fo herzzerreißend. Das ärgste ist, daß er noch stets an dieses Kind zrr denken scheint. „Wäre ich mit ihr verheiratet, dann würde ich ein anderer Mensch geworden sein schreibt er."

„Und du bist noch so einfältig, das zu glau­ben? Dann stände es vielleicht noch trauriger mit uns als jetzt, obschon ich anerkennen mutz, daß es saft nicht trauriger sein könnte! Morgen wird es in der ganzen Stadt und auf Groene- zathe bekannt feinl"

(Fortsetzung folgt.)