MaerW Zeitung
verantw. Redakteur: Lar» Schütte;
«rscheint täglich mit Xusnahme der So.m< »ndZelertagevlertel- 1Shrlicherve;«grprel, ohne vringerlotzn und Bestellgeld in Zulda so. toit auswärts 1.50 MIL
Monatsbettage: „Zuldaer Geschichtrblätter"
s-EtturittStttoa. Wochenberlage:„Illustriertebonntagzzeitung"
Surekgt«: Vie ehe« spaltige Petitzeile oder deren Kaum J5 pfg. BeNamendiePetltzeil« 28 pfg., bet Wiederholungen wird eutspr.
Rabatt gewährt.
Rotationsdruckund Verlag der Luldaer Ak- tlendruckerel i« Fulda Fernsprecher Rr. 9.
M 295
Fulda, Dienstag den <2. Dezember 1908.
35. Jahrgang.
Zweites Wtcltt.
..................■■■.....
X Der Boykott in der Türkei
Negen österreichische Ware hält noch an.
Anfänglich wollte bekanntlich auch so etwas «ie eine Boykoitbewegung gegen Deutschland aufkommen, sie flaute aber schnell wieder ab. Erst später besann man sich in jungtürkischen Kreisen, daß das Deutsche Reich in den äußeren Formen der Sympathiekundgebung für die türkische Freiheitsbewegung hinter Len übrigen Mächten um ein weniges zurückgeblieben sei; da Deutschland selbst nicht in der Welt als ein -Sott der bürgerlichen Freiheit gilt, nahni man in Konstantinopel an, daß Deutschland der Türkei seine , neue Freiheit mißgönne. Das ist nun gewiß nicht richtig, war aber im Zusammenhand mit unserer österreichischen Bundesbrüderschaft geeignet, uns bei Len Türken etwas in Hintertreffen zu bringen und einer er- nmrten deutschfeindlichen Bewegung einige Aus- sichi zu verleihen. Man hört neuerdings nichts mehr davon, und es wäre auch zu bedauern gewesen, wenn die Bewegung Erfolg gehabt hätte, La die Türkei dank ihrem freiheitlichen Auf- lchwunge binnen kurzem ein Land sein wird das für enorme Mengen deutscher Arbeitskraft und Arbeitsprodukte aufnahmefähig ist.
Schon vor längerer Zeit wiesen ine englischen HanLelsblatter darauf hin, daß der deutsche $-rSnileJ. ’n Mesopotamien sich in euer- grschem Vormarsch befände. Die Firmen Berk, Puttmann u. Co. in Bagdad, Woenkhaus u Co m Basra und viele andere ziehen sowohl Hinsicht- lrch ihres Gebietes, als auch hinsichtlich ihrer Ausfuhrartikel immer weitere Kreise. Die Bag- daLbahn, die zeitweise gänzlich dem französischen Einfluß verfallen schien, hat schließlich doch ihren Ursprung im deutschen Unternehmungsgeist nicht verleugnet. Fast die ganze ausgebaute Strecke entlang findet man deutsche Firmen, die einst- weilen klein sind, aber eine starke Anwartschaft auf Weltbedeutung haben.
..Der Zentralpunkt aber nicht nur Les türkischen. sondern Les ganzen vorderasiatischen Handels wird binnen kurzem in K o n st a n t i n o p e l fern, zugleich wird sich dort die große Umschlag- stelle für den Wagenverkehr nach dem Indischen Ozean bilden. Umgekehrt wird Konstantinopel der Markt für die reichen Bodenschätze werden, die Kleinasien, L-prien, Arabien und Mesopotamien bergen.. Man kann mit Recht behaupten, daß es kaum einen gleich großen Fleck Erde sonstwo gibt, an dem sich alle Naturschätze so lückenlos zusammenfinden, die für die Weliindustrie nötig fmd, wie in Mesopotamien: Holz, Edelhölzer, Magnesit, Eisenerze, Kupfer, Zinn, Quecksilber, Petroleum, Kohle und alles andere. Das ist augenblicklich um so bedeutungsvoller, als der ebenso reiche russische Kaukasus von Monat zu Monat ein heißerer Boden für fremdländische Unternehmungslust tvird. Die unablässigen Kampfe zwischen Tataren und Armeniern einer- leits, Russen und diesen beiden Nationen andererseits, sowie die völlige Unfähigkeit der russischen Regierung, einen erträglichen Nechtszustand zu I™,' ™' bringen die Schätze des Kaukasus der Welt so fern, als wenn sie nieilenHef/unter der Erde lagen. Deutsche Unternehmer berichten, daß sie dort Petroleumland, Kupferminen, Graphit- lager und Farmen besäßen, aber seit länger als fünf Zähren ihr Eigentum nicht hätten betreten curfcn, weil die Tataren darauf hausten und jede Ausnutzung verhinderten.
Ganz im Gegensatz dazu berichten die deutschen Geschäftsleute, daß auf türki'chem Gebiete für Ausländer selbst unter dem alten Regime
immer eine Art von Rechtszustand und fast unbedingter Lebenssicherheit bestanden hätte); nicht als ob es ohne „Backschich" ginge, Schmiergelder sind in ganz Asien die Vorbedingung des Erfolges, aber man könne doch schließlich zu einem Ziele kommen. Von dem jungtürkischen Regime verspricht man sich aber nun wirtschaftliche Reformen, zumal Eisenbahnen und Wegebau, die einen regen Warenaustausch ermöglichen; vor allem erwartet man das Erblühen eines wirtschaftlich starken türkischen Mittelstandes, der als Konsument und Produzent die Grundlage eines starken Handelsverkehrs bilden werde.
Was auch immer die momentanen Balkan- wirren bringen mögen, soviel ist sicher, daß die neue Entwicklung in dem türkischen Staatswesen einen festen Bau der Ordnung schaffen wird.
Deutsches Reich.
(*) Das neue Steuergesetz und der Gemeindesäckel. Eine böse Kunde für den Gemeindesäcke! in den preußischen Städten als Folge des neuen Steuergesetzes bringt die ,Köln. Zig/. Das Blatt setzt auseinander: „Die Höhe der neuen Lasten für die Städte, soweit sie aus Schul- und BeamtenbesoldungS-Ausbesserungen stammen, sind schon erheblich. Ganz außerordentlich hoch sind aber die Ausfälle an Kommunalsteuern infolge deS Kinder-Privilegs. Der Staat hat es gut gemeint damit, daß kinderreiche Familien weniger zur Steuer herangezogen werden sollen; aber das Resultat für den Gemeindesäckel in kinderreichen Städten ist verblüffend. So beträgt der Steuerausfall infolge der Erweiterung des Kinder-Privilegs sür Hamboln 35,000 Mark, für Alteneffen 17,000 Mark, für Slarkrade 42,000 Mark, für Kray 11,000 Maek, für Bor- deck 32,000 Mark rc. Diese rheinisch-westfälischen Jndustrieplähe müssen zur Deckung dieses Steuerausfalles ihre Kommunalsteuer um 25 bis 30Prozent erhöhen, und anderswo steht es ähnlich. Während nun der Staat durch straffere Heranziehung der Einkommen über 7000 Mark diese Ausfälle an staatlicher Steuer nicht allein deckt, sondern weit darüber bedeutende Mehrein- nahmen erzielt, ergibt sich für die kinderreichen industriellen Gemeinden das Resultat, daß sie ange nicht die durch das Kinder - Privileg ent« tehenden Ausfälle decken können. Es sind eben zu wenig wohlhabende Bewohner da.
= Gegen das viele Hurrahrufen ist in den Tagen, wo man sich allgemein gegen das persönliche Regiment wandte, viel geschrieben und noch mehr am Biertisch geredet worden. Mit Recht wies man darauf hin, daß ein großer Teil der Schuld auf jene falle, welche in stetigem Byzantinismus schon auf dem Bauche liegen, wenn nur der Name einer hohen Person genannt wird. Einen drastischen Fall von Byzantinismus, der hierhin gehört, erzählt ein Münchener Blatt aus dem Verein für die Geschichte Berlins. Am 22. Januar dieses Jahres fand im Verein ein Lichtbildervortrag statt, dem auch das Kaiserpaar beiwohnte. Zur Erinnerung an solch einen denkwürdigen Tag mußte eine Medaille gestiftet werden! Zwei künstlerisch veranlagte Mitglieder wurden zu Entwürfen aufgefordert. Die Entscheidung sollte der Kaiser selbst treffen. Es ging aber nur ein Entwurf von dem Bildhauer A. M. Wolff ein. Der Kaiser hat in der Tat dieser Erinnerungsmedaille sich nachhaltig angenommen; vom Kultusminister kam nämlich am 1. Mai ein Erlaß, in dem es unter anderem heißt: Allerhöchstdieseiben sehen zunächst die Vorlegung eines plastischen Modells zu der Medaille entgegen
und halten einige Aenderungen der eingereichten, anbei zurückfolgenden Emwurfsskizze für erforderlich. Cr. Majestät wünschen, daß Ihre Majestät im Bilde ein Diadem trägt und Allerhöchstihre eigene Person im Küraß zur Darstellung lommt . . . Aller- höchstdieselben haben diese Aenderungen auf der Skizze Eigenhändig anzudeuten geruht . . . Der Vorlage eines hiernach entworfenen plastischen Modells sehe ich entgegen. I. A.: Schmidt.
Nunmehr plastisches Modell vom Bildhauer Wolff; abermalige Vorlegung am 2. Juli; Ergebnis: eine Verfügung des Kultusministers des Inhalts, Medaille habe hohen Beifall gefunden. Um die kaiserliche Entscheidung, wie es einem Geschichtsvereine geziemt, als eine historische, von Bedeutung gebührend zu kennzeichnen und zu ehren, hat der Verein es sich nicht nehmen lassen, die — Geschichte der Medaille in fünf lebensgroßen, zu einer Tafel gufantmenge- stellten Bildchen zu verewigen. Da erblickt man zunächst den Entwurf des Künstlers (Vorder- und Rückseite). Darunter die Vorderseite mit den Korrekturen des Kaisers: Diadem im Haare der Kaiserin, Andeutung des kaiserlichen Kürasses, Nasenansatz erhöht, Tränendrüse, Nasenflügel und Backenknochen schärfer markiert. Endlich unten die ausgeführte Medaille (Vorder- und Rückseite). Lapidarer Schlußsatz der vierseitigen Geschichte: „Möge die hochherzige Stiftung dieser Medaille zum ferneren Segen des Vereins gereichen!" Am 22. November, also fünf Tage nach Beginn der neuen Aera, hat das Kaiserpaar eine Deputation „zu empfangen geruht", die jene historische Medaille überreichen durfte.
Ein anderes Bild! Im Jahresbericht einer schlesischen Diasporaanstalt liest man über den Tod zweier in der Nähe wohnenden Fürstlichkeiten folgendes:
„Wir, die wir des Vorzugs gewürdigt wurden, hier in der nächsten Nähe Höchstihrer Residenzen zu arbeiten, und den Glanz Höchstihrer edlen Charaktereigenschaften zu schauen und die Wärme Höchst- ihrer Glaubens- und Liebesarbeit unmittelbar zu empfinden, werden nun des Verlustes desto mehr inne. War es uns doch als eine besonders getrost machende Fügung unseres Heilandes erschienen, als unsere erste untertänigste Bitte an diese hochgestellten Wohltäter um Höchstihre Mithilfe bei der Wiederausrichtung dieses altehrwürdigen Herdes evangelischen Bekenntnisses sofort ein gnädiges Echo aus Höchstihren großmütigen Herzen erhielt, welches die Gründung unserer Anstalt in Aussicht stellte und tatsächlich herbeiführte. Und war es doch ein immer auss neue dankbar empfundenes Zeichen des gemeinsamen Bekenntnisses, daß Höchstihre Beiträge für dieses Stift all die Zeit über bis zu Höch st ihr em Heimgange kein Jahr ausgeblieben sind. Groß war die Zahl der Einzelsälle, in denen wir persönlich Zeugen sein dursten von Höch st ihrem brennenden Eifer, auch mit Höchstpersönlichen Opfern durch eindrucksvolles Vorbild im Dienste deS Herrn der kleinen verschüchter- Gemeinde Trost und Mut zuzusprechen."
Wahrlich, von vielen Deutschen gilt auch heute noch das Wort: „Der Zopf, der hängt ihm hinten!"
Ausland.
* Die Zukunftspartei der französischen Katho- iken, die „Aktion liberale", hat in diesen Tagen ihren Kongreß abgehalten. Die Gegner gestehen ein, daß in der „Aktion" Tätigkeit und Eintracht herrschen, und daß sie allein den radialen Machthabern von heute Besorgnisse einzuflößen vermag. An den Kongreßdebatten ha- den mehr als 30 der hervorragendsten Deputierten und Senatoren teilgenommen, Cuverville, Lerolle, Grouffeau, Plichon, Gailard, Castelnau u. a. An beitragzahlenden Mitgliedern sind 250000 vorhanden. Das ist eine gute Entwicklung. Mehr als die Hälfte der 3600 Kantone des Lan
des ist mit ein.r vollständigen Organisation au& gestattet, die auf Vertrauensmännern in jedei Gemeinde beruht. Außerdem sind 300 Kantorn neu in Angriff genommen. Zum Vergleich mit dieser straffen Organisation kann eigentlich nm der deutsche Volks erein herangezogen werden. Der politische Kampf gegen den mächtigen Feint währt ununterbrochen; die letzten Gemeindewahler haben dargetan, daß er zu werfen ist, wo d« „Aktion" ein Komitee besitzt. Tagtäglich werde» auch neue soziale Werke für die kleinen Leu!« geschaffen, die früher oder später ihre guten Früchte zeitigen müssen. Die christliche Idee soll die Grundlage und Krone der „Aktion" sein.
volkswirtschaftliches und Soziales.
' Zwecks Bekämpfung des Borgunwrsens im Handwerk wird in Kürze sämtlichen deutschen Handwerks- und Gewerbekamern ein Rundschreiben zugehen, das zur Verteilung an die Innungen und gewerblichen Vereine bestimmt ist. Es wird darin auf die Schäden des Borgun- weftns und auf die Mittel zu seiner Bekämpfung ausdrücklich hingewiesen. Es soll ferner zu Be- ginn des neuen JahreS im ganzen Reiche eine Bekanntmachung erfolgen, in der iüls kaufende Publikum auch seinerseits zur Bekämpfung des Borgunwesens aufgefordert wird, und zwar nach Möglichkeit Lurch Barzahlung bei der Lieferung.
Aus dem Nachbargebiet.
* Mansbach, 21. Dez. 1908. Einen em* pfindlichen Schaden erlitt ein Einwohner aus Unterbreizbach. Er hatte ein fettes Schwein gekauft. Unterwegs verendete das Tier, vermutlich an Rotlausseuche.
* Frankfurt a. M., 21. Dez. 1908. Ein Fall, der in der Strafjustiz zu den Seltenheiten gehört, ereignete sich hier dieser Tage: die Vertagung einer Verhandlung wegen Ueberbürdungdes Gerichtshofes. Nachdem die Strastammer von 8Vs Uhr vormittags bis 5Vs Uhr nachmit- ags (mit einer Pause von 5 Minuten) verhandelt hatte, sollte der letzte Fall gegen einen Schneider wegen Fahrrad-Diebstahls an die Reihe kommen. Der Vorsitzende, Direktor v. Forckenbeck, erklärte jedoch, ein Teil des Kollegiums sei derart ermüdet, daß die Verhandlung, zu der eine große Beweisaufnahme nötig sei, nicht mehr statt- inden könne. Er vertagte hierauf diese Verhand- ung „wegen Ueberbürdung des Gerichtes". Er )ob hervor, daß die Sache bald wieder angesetzt würde, damit der Angeklagte unter der Vertagung nicht zu leiden brauche. Die vielen Zeugen (die Sache war auf 1 Uhr angesetzt) mußten nach 4Vsstündiger Warte unverrichteter Sache wieder ortgehen.
* Mainkur, 21. Dez. 1908. In der Wirk- chaft „Zur neuen Mainkur" kehrten vor einigen s'agen reisende Schirmflicker ein, um dort ja rasten und ihr Pferd füttern zu können. Während nun die Reisenden beim Essen saßen, wurde ihnen durch eine fremde Mannsperson da- Pferd samt dem Wagen gestohlen. Der Dieb wurde in Frankfurt verhaftet.
* Oberweyer (Nassau), 21. Dez. 1908. Der riesige Raiffeisen - Verein wird sich dem .Nass. Boten' zufolge wegen schlechten Geschäfts- ganges auflösen.
Boni Limplontrmnel.
Der Bau des Simploniunnels, dieses hervorragenden Kulturwerkes der Neuzeit, war s. Z. von einer Gesellschaft von Ingenieuren übernommen, die aber zumeist die Vollendung dieses Riesenwerkes nicht mehr erlebten. Einem aber war es vergönnt, von Anfang bis zu Ende an dem Ba-i mitwirken zu können, dem aus Kasse' ftamn-enben Ingenieur Kart Br and au, dessen hervorragende Verdienste um das Werk der Architekten- und Ingenieur-Verein in Kassel da- durch anerkannte, daß er ihn zu seinem Ehren- niitgiiede ernannte. Herr Brandau bat nun kürz, lich in dem genannten Verein einige Mitteilungen über den weiteren Ausbau des Werkes gemacht, die von allgemeinem Interesse fein dürften.
Ter Tunnel sollte planmäßig ans 2 ein- 6 ,sei s i g e n Tunnels bestehen, von denen zunächst der östliche zur Ausführung kam, während von dem westlichen nur der Sohlenstüllen ange- legt ist. Dieser diente hauptsächlich dazu, die außerordentlich große Menge von Frischluft, welche bei der Ausführung des Tunnels I benötigt wurde, einzuführen und die Kühlwasser- leitunQ nufjnnc^rncn, boniit bot Ort immer eine Erträgliche Temperatur herrschte. Durch die gleichzeitig mit Tunnel I ausgeführte Anlage des Paralellsystems war es allein möglich, den Tunnel zu vollenden, trotzdem sich zu den von Anfang an vorausgesehenen Schwierigkeiten noch die gewaltigen Hindernisse gesellten, die aus den heißen Quellen erwuchsen, welche im Tunnel angeschlagen wurden, und aus der Wärme im Fel. feninnern, die sich als erheblich größer erwies, als ursprünglich berechnet war.
, Der eigentliche Tunnel wurde im Februar •1906 übergeben und im Februar dieses Jahres tobgenommen, nachdem durch sorgfältige Unter- strchung festgestellt war, daß nennenswerte Schäden sich nicht gezeigt hatten.
Die Schweiz hatte sich nun durch Staatsvertrag Italien gegenüber verpflichtet, den zweiten Tunnel dann auszubauen, wenn eine Einnahme von 50 000 Frs. für den Kilometer im Monat überschritten würde. Es hat sich aber die Not- Wendigkeit ergeben, schon alsbald mit dem Ausbau zu beginnen; einmal aus Rücksicht auf die Sicherheit des ersten Tunnels, und sodann aus Rücksichten auf den Betrieb. Nach dem Gutachten einer Sackwerständigenkommission fei zur Si- cherung des Bestandes des Parallelstollens jetzt ein Kapital von etwa 2% Millionen Frs. erfor- derlich. Da die damit möglichen Maßnahmen nur auf 10 bis 20 Jahre vorhielten, so sei es besser, einen sofortigen Ausbau des Tunnels II vorznnehmen. Die Betriebsrücksichten bedingen eine Auswechslung des Oberbaues von Tunnel I innerhalb 10 bis 12 Jahren, da die vorhandenen Schienen, trotz besonderer Güte, den Verkehr nicht länger aushalten. Eine Auswechslung während des Betriebes im Tunnel vorzunehmen ist aber kaum möglich und würde soviel Zeit kosten, daß man schon jetzt anfangen müßte, um rechtzeitig den ganzen Tunnel mit neuem Gleis versehen zu können.
Auf der anderen Seite nun will die Baugesellschaft nicht mit dem Bau beginnen, wozu sie vertraglich verpflichtet wäre, ohne wenigstens einigermaßen die Sicherheit zu haben, ihre Rechnung dabei zu finden. — Die Kosten für die Vollendung des Tunnels II waren anfänglich auf 15 Millionen Frs. festgesetzt und wurden im Lause der Zeit auf 19Z4 erhöht, während die Gesellschaft die erforderlichen Aufwendungen auf mindestens 30 Mill, beziffert.
Diese Mehrkosten rühren einmal daher, daß die Ableitung der 45 Grad Celsius warmen und sehr starken Quellen, (etwa 20 cbm in der Minute), die jetzt durch den Parallelstollen abgeführt werden, bei gleichzeitiger Einführung von Frischluft und Kühlwasser besondere Maßnahmen verlangt; sodann, weil es nötia ist beim Ausdruck
des Tunels II sehr vorsichtig zu Werke zu gehen, um nicht den nur 10 Meter starken Kern zwischen beiden Tunnelen zu erschüttern, und dadurch Bewegungen im Gestein hervorzurufen, die dann unter Umständen die Zerstörung von Tunnel I zur Folge haben könnten.
Die Furcht vor solchen Bewegungen erscheint wohl begründet, nachdem aus den Feststellungen bei Ausbruch des Tunnels I sich ergeben hat, daß die Lagerung der Gesteine eine ganz andere ist, als man ursprünglich, auf Grund der beim Bau des Gottharbtunnels gemachten Fesfftellun- gen annahm.
. Nach einer von Brandau gegebenen Profilzeichnung durch den Tunnel hat in einem großen Teile des Gebirges ein Aufstau der Schichten stattgefunden. Die Geologen erklären dieses in der Weise, daß sie annehmen, es habe sich in der Urzeit (Altterziär) eine mächtige Senkung der Erdoberfläche von Piemont bis zum Harz erstreckt, die im Süden zwischen Montblanc und Gotthard hindurch ging. In späterer Zeit habe nun ein ungeheuerer Schub in der Erdkruste statt- gesunden, wodurch eine gewaltige Gesteinsmasse nach dem Norden hinaufbewegt sei. Diese Flut habe an dem Aar-Gotthardmassiv sich aufgestaut und überschlagen, wodurch dann die Verwerfung der Schichten im Simplongebirge eingetreten sei. Hierdurch sind naturgemäß auch die Festigkeits- Verhältnisse in diesen Schichten sehr verändert, sodaß eine Durchbohrung und Tunnelauskleidung nur mit größter Vorsicht ausgeführt werden kann.
Aus diesen Gründen ist eine Einigung zwi- scheu der Regierung und der Baugesellschaft über bie Kosten des Ausbaues bislang noch nicht zu Stande gekommen, es ist aber im Interesse der Durchführung des so großartigen Werkes zu wünschen, daß die Parteien sich auf einen 23er« trag einigen, der weder der Sc^veiz zu große Opfer miferlegt, noch die Unternehmer schädigt.
K.
— Christbaumschmuck. Zu den vielerlei Weih- nachtsarbeiten, die jetzt allerorten die Hände be- schäftigen, gehört auch die Anfertigung von Christbaumschmuck. Zwar gibt's alles Erdenkbare fix und fertig zu kaufen, und jedes Jahr bringt eme Unmasse Neuheiten, die man sich füglich nicht entgehen lassen möchte, aber man macht dennoch dies oder jenes gern selbst ober erfreut die Kinder damit. Manchmal hat man's auch auf Heber- raschungen abgesehen; wir meinen z. B. die Wicn- dernüsse, die irgendein besonderes Geschenk, wie em Ringlein, oder auch einen Bonbon, ein Geldstück usw. enthalten. Das früher übliche Vergolden der Nüsse und Aepsel mit Schaumgold ist nicht mehr recht gebräuchlich. Man wickelt Nüsse und Aepsel jetzt lieber in glänzendes Staniolpa- pier ein, das in allen Farben zu haben ist. Kleineren Kindern machen die einfachsten Dinge am Baum den größten Spaß: Körbchen aus den Schiebekastchen von Streichholzschachteln, mit buntem Papier beklebt, am Rande ausgefranst unb mit vier Eisgefpinnstfäben aufgehangen, können Konfekt aufnehmen. Auch Eierschalen kann man verwenben: etwas Wasser mit Rüböl eingegossen unb darauf ein Nachtlichtchen gibt eine hübsche durchscheinende Ampel. Mit Salz beklebte Tannenzapfen dürfen wohl auch nicht fehlen. Beliebt sind ferner noch gefüllte Briefchen und Düten aus buntem Gelatinepapier, das man mit Essig zusammenklebt, unb vor allem aus Karton geschnittene, mit Goldpapier beklebte, mit Lametta verzierte Sterne usw. Besseres Kon- sekt wickelt man in Staniolpapier, damit es nicht so sehr verstaubt.
— Sicher ist sicher. „Jedenfalls will ich nicht wegen Steuerdefraudation bestraft werden; und wenn man für Glühlampen wirklich bezahlen muß, leg' ich mir eben ’ne kleine Banderole um die Nase!"
— Uebertrumpst. „Wollen Sie eine gute Geschichte hören, die Sie Ihrer Frau erzählen können, wenn Sie spät nach 'Hause kommen?" — „Hat keinen Wert. Ich komme doch nicht zu Wort."