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M 295.
Fulda, Dienstag den 22. Dezember 1908.
35. Jahrgang.
Das blau-rote Bündnis
Im Ruhrrevier und am Rhein gehen Nationalliberale mrd Sozialdemokraten bei den Stadtverordnetenstichwahlen Arm in Arni gegen das Zentrum vor.
Es ist noch nicht allzulange her, da hallte die nationalliberale Presse wieder von Wutausbrüchen gegen das Zentrum, das durch seine Unter- stiitzung von Sozialdemokraten die bürgerlichen Parteien schwäche. Mit der Unwahrhaftigkeit, die dieser Presse eigen ist, wurden die sozialdemokratischen Stichwahlsiege in allen möglichen Wahlkreisen dem Zentrum aufgebürdet, obgleich das Zentrum vielfach direkte Beschlüste gegen eine Beteiligung an der Wahl gefaßt hatte. Nachher wurde dann im Reichstags immer und immer wieder an der Haltung eines kleinen Teiles der ZentrumNvähler herum genörgelt. Selbst Bülow hatte den Mut, sich daran zu beteiligen.
Und nun muß man sehen, wie diele selben Leute, die Wochen und Monate lang über das Zentrum geschimpft haben, jetzt — anscheinend auf Beschluß einer wichtigeren nicht ganz untergeordneten Patteiinstanz — dasselbe tun, was sie einem kleinen Teile der Zentrumswähler, nicht etwa irgend einer Parteiinstanz des Zcn- ttums, laut zum Vorwurf machten. Wahrlich: Die berüchtigte Moral des: „Wenn zwei dasselbe tun, dann ist das nicht dasselbeI" scheint bei den Nationalliberalen auf guten Boden gefallen zu sein.
Interessant ist auch die Haltung der Sozialdemokraten. Auf sie kommt es ja schließlich letzten Endes an. Die Sozialdemokraten im Ruhrrevier sind fast ausschließlich Protestanten. Soweit sie nicht zugezogen find, waren sie früher notionalliberal und dienten ihren großen Herren als Sturmböcke gegen das Zentrum. Seit sie aber zur Erkenntnis gekommen sind, daß ihre schlimmsten Feinde die nationalliberalen Groß- indnstttellen und Bergwerksbesitzer sind, haben sie sich von Herrn Hue und Konsorten inS Schlepptau Bebels nehmen lassen. Sie stehen aber nach wie vor unter der Einwirkung ihrer protestantischen Erziehung. Wenns gegen die „Schwarzen" geht, wird ein Durchschnittsgenosse Les Ruhrreviers wieder „blau"; besonders wenn sich noch ein Geschäft damit machen läßt. Und Las macht man auf alle Fälle, da es den Nationalliberalen nicht so sehr darauf ankommt, selbst Mandate in der dritten Klasse zu erlangen, als dafür zu sorgen, daß nur ja das Zentrum keine Mandate erlangt. In Mülheim (Rhein) haben die Nationalliberalen bekanntlich den Sozialdemokraten drei Mandate zugeschanzt, die bis. her in den Händen des Zentrums waren. Bei den übrigen Bündnisten ist die Sache ähnlich gedacht.
Das „Berl. Tageblatt" nennt das blau-rote Bündnis eine „interestante Nengruppie- r u n g der politischen Parteien". Neugruppierung? Der Redakteur, der diese Weisheit aus- gefnobelt hat, scheint in politicis noch recht unerfahren zu sein. Daß die Gruppierung National- liberale und Sozialdemokratie im Kampfe gegen Las Zentrunl interessant rst, stimnit ja, aber eine Neugruppierung ist dies keineswegs. Vielleicht nimmt der betreffende Herr sich einmal die Mühe, die Geschite der letzten Reichstagswahlen sich ein wenig näher anzusehen, er mag auch einmal nach dem Musterländle hinuntergehen und sich Len badischen Großblock betrachten, und er wird bald erkennen, daß die blaurote Koalition schon eine recht alte Gruppierung ist.
Wir 1
IurückgekeHrt.
Erzählung von Melati von Java, llebersetzt von Dr. I. B. Fuß.
281 «Nachdruck verboten.)
XIV.
Inzwischen kam Viltorine zu Hause zugleich mit ihrer Tante an, die mit ihrer Tochter auf Groenezathe gegessen hatte, aber nun allein zu- rücktehtte; der Bürgermeister und seine Braut hotten sie eine Strecke begleitet und waren dann allein weitergegangen, eie machte noch einige Einkäufe und kehrte nun nach Hanse zuriick.
„Was, bist Du aus gewesen?" fragte sie, „wie kannst Du das Haus alikin lasten?"
„Das geschieht doch wohl häufiger, fast alle Lage. Ich wußte nicht, daß ich es burfte."
„Ohne meine Erlaubnis darfst Du nicht ausgehen. Solange Du noch unter meiner Vormund- schäft stehst, bin ich für Dich verantwortlich, verstanden? Und wo bist Du gewesen? Doch nicht auf Groenezathe? Das hätte ich Dir verboten."
„Auf dem Kirchhofe. Der Gärtner hat mir auf Befehl Lucias frische Blumen gebracht und diese habe ich in Sträuße gebunden und dann aufs Grab gelegt."
Welch' eine törichte Sentimentalität! Du und Lucia fdjtoörmt Euch noch verrückt. Das macht auch etwas, ob du dort Blumen auf einen alten Stein legst: wer hat nun davon etwas? Und das ärgste ist, daß du dafür deine Haus- arbeit liegen läßt. Hast du Gertruds Kleid gebügelt?"
„Das werde ich heute abend wohl tun."
„Siehst du wohl, welch rin freches, faule- Ding du bist! Du wirst _yx viel verwöhnt mit der Betschtr>ester Lucia. Sie behandelt dich als ihresgleichen, und dadurch vergißt du, daß du «gentlich nichts bist als ein armes Mädchen, das in einen Dienst hätte gehen müssen, wenn dein guter Onkel nicht so töricht gewesen wäre,
Zu der Wahl in Mühlheim a. Rh. wird noch geschrieben: Terror und Boykott, Lüge und Verleumdung waren die sozialdemokratischen Waffen, die sie nicht nur gegen die Zentrumspartri und rhre Angehörigen richteten, sondern namentlich gegen die kacholische Geist- IWrit und in ganz erbärmlicher Weise sogar gegen eine wehrlose katholische Armenfchwester, die sie zur „Hauptagitatorin der Zentrumspartei" stempelten. Nächtlicherweile wurden an die Läden derjenigen Geschäftsleute, welche für das Zentrum zu stimmen gewagt hatten, Zettel mit dem Aufdrucke „hat schwarz gewählt" geklebt, ferner wurden ihnen Zirkulare zugesandt, in denen ihnen „rücksichtslose ge chöstliche Schädigung" angedroht wurde, falls sie dem Zentrum ihre Stimme geben würden. Der Erfolg war, daß ein großer Teil der Geschäftsleute ihr Stimmrecht ni<A auszuüben wagten.. Infolge der Verbrüderung -wischen Sozialdemokraten und Liberalen wählten von ca. 750 Wählern, die bei der Hauptwahl liberal gestimmt hatten, mindestens 5'00, darunter Mitglieder und Vorstandsmitglieder von Stieger- und anderen „patrioti- scheu" Vereinen, unter Billigung ihrer Vorgesetzten, ja zum Teil auf deren birefte Aufforderung hin, die sozialdemokratische Liste. In dem Werk einer großen Firma wurde bei der Hauptwahl ein derattiger Druck auf die Beamtenschaft ausgeübt, daß ein großer Teil der zentrumstreuen Beamten, die ihre und ihrer Familien Zukunft nicht in Gefahr bringen wollten, auf die Stimmabgabe verzichtete, ja sogar viele, entgegen ihrer Ueberzeugung, liberal zu stimmen gezwungen waren. Derartigen Gegnern gegenüber hatte die Zenttumspartei einen schweren Stand. Trotzdem in der Hauptwahl die Stimmen der Zentrums- Partei gegenüber der Wahl vor zwei Jahren von 1800 auf etwa 2700 und bei der Stichwahl sogar auf 3190 wuchsen, unterlag sie doch der blauroten Koalition mit rund 100 Stimmen.
deutsches Reich.
. n Ein merkwürdiger Nachtrag.
Die Bedarssrechnung für die neue Reichs- finanzresorm scheint dem Reichsschahsckretär Dr. Sydow etwas sehr daneben geraten zu sein.
Er hat jetzt der große • Denkschrift zur Begründung seiner Finanzvorlagen noch eine neue Denkschrift folgen lassen; worin mstgeleill wird, daß, wenn wegen der Beschleunigung des Abschlusses des Denkschriftenbandes eine Anzahl der eingesetzten Zistern nur schätzungsweise habe ermitteln können. Diese Zistern sind nunmehr nachgeprüst worden, und es werden jetzt wenigstens zu einem Teile Je richtigen Zif« lern mitgeteiit, während andere noch rnitgeteilt werden sollen. Die Unterschiede, die sich zwischen den rm großen Denkschrifidande milgeteitien Ziffern und den jetzigen ermiitelten -definitiven Zif- fern ergeben, sind aber so erheblich, daß die ganze Bedarfsrechnung und damst die ganze Begründung der neuen Vorlage eigentlich über den Hausen fällt. Es ist ganz unverständlich, wie es kommen konnte, daß z. B. heute noch bei der Berechnung des DurchschniltsbedarieS der Jahre 1886—1890 eine Differenz von 9ö Mill. Mark mehr austauchen konnie. Im Durchschnitt der Jahre 1896 1900 beträgt dieser Unterschied 65 Mill. Mark, in den Jahren 1901 — 05 sogar 190 Mill. Mark, im Jahre 1905 204 Mill. M. Äehnliche Unterschiede ergeben sich auch bei anderen Positronen.
dich ins Haus aufzunehmen. Magd hättest du fein müsten, sonst nichts."
Das italienische Blut kochte in den Adern deS Mädchens: ihre Augen funkelten, ihre Lippen zitterten, und sie war im Begriffe, ihrer Tante ein vernichtendes Wort zu sagen, aber mit aller Willenskraft, die in ihr war, bezwang sie sich und verließ das Zimmer.
Frau Wylandts, die aus verschiedenen Gründen sehr erbittert und schlechter Laune war, fuhr aber mit sich selbst sprechend fort:
„Es hätte nur noch gefehlt, daß sie meinen Scchn, meinen einzigen Sohn geheiratet hätte, dem sie den Kopf toll gemacht hat; sie hat ihn und auch meinen guten Mann mit ihren Künsten bezaubert. Er hatte nichts gegen eine solche Heirat, sondern wenn ich mich nicht fo widersetzt hätte, wäre das Möbel meine Schwiegertochter geworden. Und dann nimmt sie noch den Schein an, als ob sie Fred, der die besten Partien machen konnte, nicht gewollt hätte."
Jetzt wich Viktorinens Zorn einer großen Heiterkeit. Tante hatte ein so sonderbares Gedächtnis. In ihrer Erinnerung sah sie alle Tinge, wie sie es am liebsten hatte und vergaß dabei, daß andere Menschen, die auch dabei gewesen waren, eine ganz andere Vorstellung davon behalten hatten.
Viktorine br«hte in der Küche alles in Ordnung und ließ ihre Tante schimpfen.
„Aber so sprich doch ein Wort," rief die zornige alte Frau entrüstet aus, „dein Schweigen ist noch frecher-als die frechste Antwort. Das bedeutet nichts anderes als: du bist nicht wert, daß ich mich um dich bekümmere. Was du sagst, ist nichts als Unsinn."
Viktorine lachte in sich selbst, daß Tante ihre eigenen Worte so richtig beurteilte; aber gleich darauf sprach sie ernst und bedeutungsvoll:
„Tante, verlange nicht, daß ich spreche. 68 Kante sein, daß ich Dinge sage, die du lieber nicht hättest und die du auch nid# von mir erwarten würdest."
♦* Berlin, 21. Dez. 1908. Die Studien des Kronprinzen im preußischen Finanz- Ministerium werden, wie verlautet, Ende Januar beendet sein. Seit einigen Wochen orientiert sich der Kronprinz in den preußischen Etatsarbeiten. Demnächst beginnen die Studien des Kronprinzen im Reichsmarineamt.
* Reichs-Marineamt und Kohlen-Syndikat. Der Hfannov. Kour. läßt sich aus Berlin berichten, daß fast der ganze Kohlenbedarf der Marine für 1909 wieoer vom deutschen Kohlen- Syndikat gedeckt werden soll. Der Abschluß iei nach langen Verhandlungen dadurch zustande gekommen, daß das Kohlen - Syndikat in seiner Forderung auf einen Preis zurückgegangen sei, der der Marine - Verwaltung annehmbar erscheine.
-*7 Wir sparen — nicht beim Militär. Die Angaben, wonach aus Sparsamkeits - Rücksichten in den Avancements« und Pensionierungs-Verhältnissen der Armee eine 9len- derung eintreten solle, ist nach der ,Tägl. Rundschau' unrichtig. Für diese Dinge gebe allein die Rücksicht auf die Schlagfertigkeit der Armee den Ausschlag. — Das Blatt wird wohl recht haben. Es ist aber sehr bedauerlich, daß noch immer in der alten Weise fottgewirtschaflet werden soll, was weder den Interessen der Offiziere selbst, noch auch im Interesse der ReichSfinanzen liegt, dazu auch durch die „Rücksicht auf die Schlagfertigkeit der Armer". wie berufene Kenner zugeben, keineswegs erfordert ist.
(*) Eine neue Postzollordnung wird soeben im Bundesrat bearbeitet. Ihr Ziel ist die Beschleunigung und Vereinfachung der Postzollabfertigung.
* Von den rheinischen KönigSschlöffern gehören, wie man in Düsseldorf etmttteU hat, bte Schlösser Jägerhof und Benrath gar nicht der Krone, sondern dem preußischen Staate, der Krone sind sie gegen Erstattung der lausenden Unterhaltungs-Kosten nur zur Nutznießung überwiesen worden. Würde der preußische Staat, waS in der Tat beabsichtigt zu sein scheint, diese seine Schlösser verkaufen, so würde die Verwaltung des Kronvermögens daraus wohl kaum die unerwarteten Mehrkosten der Ausstattung des Schlosses Achilleiou auf der griechischen Insel Korsu decken können.
-s- Den Fahnen der Kriegervereine wird regierungsseitig nach wie vor große Aufmerksamkeit geschenkt. Der Minister der Innern hat die Oberpräsidenten angewiesen, auf di« Durchführung einer kaiserlichen Verfügung zu achten, nach der bei den von Veteranen, Kriegern und Regimentsvereinen geführten Fahnen das Fahnentuch nicht mehr, wie es bisher vielfach geschehen, mit dem linken, sondern mit dem rechten Rande der den preußischen Adler tragenden Haupt- bezw. Paradeseite am Fahnenstocke befestigt werden soll. — Die Wichtigkeit dieser Neuordnung sür die Zukunft deS Vaterlandes sieht jeder loyale Staatsbürger ein.
* DaS neue Dreimarkstück bleibt vorläufig eine Rarität. Die Ausprägungen gehen so langsam von statten, daß die starke Nachfrage bei weitem nicht gedeckt werden kann. Einzelne Geschäfte der Berliner Friedrichstadt handeln sogar das Dreimarkstück neuer Prägung mit 25 Pfg. Aufgeld ein. Es ist ferner die Klage durchaus
Erstaunt blieb FrauWylandts stehen; sie sprach kein Wort mehr, ein kalter Schauder fuhr durch ihre Glieder. Was konnte sie meinen? Wußte ! sie etwas? Oder war es nur, um sie bang zu machen? Nein, es war unvorsichtig, das Mädchen zu reizen. Sie konnte oft solche Augen machen, daß sie, die außer Fred nichts fürchtete, bang werden konnte; aber das durfte sie nicht wissen, um keinen Preis.
Doch war ihr Schweigen für Viktorine Beweis genug daß ihre Worte gut getroffen hatten; eine Todesstille herrschte rm Hause, die nur unterbrochen wurde von dem Briefträger, der einen Brief brachte. Er kam von Fred, und aus der Küche hätte das Mädchen die alte Frau seufzen.
Eine halbe Stunde später kam Gertrud nach Hause; der Bürgermeister begleitete sie bis an die Türe, er «»Ute nicht heraufkommen und ging, in Gebanftn vertieft, nach Hause. Ss fdjieu, daß er, je näher die Heirat kam, um fo mehr dagegen war; vieles an Gertrud und ihrer Mutter gefiel ihm schlecht. Bei näherer Betau.ckschaft gewannen fie nicht, obwohl beide sich bemühten, sich von der günstigsten S ile zu zeige t. Unwillkürlich dachte er an seine verstorbene Frau, deren Andenken gerade ut diesen Tagen wieder besonders ü-dendi.! in ihm wurde. Daß Lucia nicht zu Tische kam, hatte ihn unangenehm berührt, wie es ihn dagegen i.bcrreschte, daß Ursula besorgt für sie zu sein schien.
In der letzten Zeit waren kleine Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Gertrud vorgekommen. Dez Mittags noch waren Mutter und Tochter furchtbar gegen Viktorine loSgezo» gen und als Ursula sehr freundlich fragte, ob Lucia keinen Besuch von ihrer Freundin empfangen bürste, antwortete Gertrub mit einer Schürfe, die er nicht an ihr gewohnt war, bie aber diejenigen, welche täglich mit ihr umgingen, kannten. Sie sagte, Viktorine dürfe nicht mehr so oft auf Groenezathe kommen, das Mädchen nehme einen fo unpassenden Ton an, sie vergesse gan- unb gar ihre Stellung, und außerdem vernachlässige sie inte Pflichten, e8 beständen überhaupt
berechtigt, daß von den bisher geschlagenen etwa 15 Millionen an Dreimarkstücken auf das platte Land überhaupt noch nicht- gelangt ist, obwohl gerade in bäuerlichen Kreisen die Begehr danach groß ist. Für da- Jahr 1909 ist, wie rs heißt, eine Ausprägung von weiteren 30 Millionen Mark vorgesehen. Damit dürften die Liebhaber des Talers jedoch noch keineswegs zu befriedigen sein.
(*) Dem nächsten rheinischen Provinzial« Landtage wird durch die StaatSreglerung eine Vorlage betr. die Abänderung der rheinischen Gemeinde-Ordnung unterbreitet werden.' Damit wird ein feit langem dringend geäußerter Wunsch erfüllt, wonach daS Wablrecht moderner ausgestaltet werden soll.
+ Eine schreckliche Geschichte ist dem ,Berl. Tagebl.' zu Ohren gekommen. In München sollen der Verkehrsminisler und der Finanz-^ Minister mit den Spitzen der Zenttumspartei' eine Konferenz gehabt haben in der über daS Schicksal der mittleren Verkehrsbeamten eine Aussprache stattgefunden hat. Das liberale Blatt heulmaiert ganz jämmerlich über den „unerhörten Vorgang" und klagt beweglich: •
,Al, mit der «ufUSfung bei Reichstags am 13. Dezember 1906 der »ulissenwirtschaft des Zentrum- im Reich ein Ende gemacht wurde, da ging ein Auf», atmen in ganz Deutschland. In Bayern laufen die Minister dem Zentrum nach."
Wie schrecklich, daß ein Minister mit den Führern der darlamentarischen Mehrheit über aktuelle politische Fragen eine Konferenz abhält. DaS heißt, schrecklich ist die- nur, wenn diese Mehrhest da« Zentrum bildet; wenn dagegen Fürst Bülow mit den Häuptlingen der Btockmehrheit bei Sekt und Eaviar Block» kompromiffr zurecht deichselt, dann ist das voll» ständig in der Ordnung.
A. Ans unseren Kolonien liegen wieder urt» erfreuliche Nachrichten vor. In Südwestafrika scheinen die Hottentotten immer noch rauflustig zu fein. Nach einer amtlichen Mitteilung ritt am 24. Oktober rin Polizeiwachtmeister mit einem Farmer in den Karra-beraen ab, als er unversehens von Hottentotten beschossen wurde, wobei der Farmer und der ihn begleitende Eingeborene fielen. In HettachabiS wurden bald darauf drei von den Hottentotten festgenommen. Ferner wurden Eingeborene der Polizristation UkamaS am 12. November durch Hottentotten erschossen.Auch au-S a m o a werden neueAufstandS- gefahren gemeldet. Angeblich versuchen einige Häuptlinge in Samoa, Unruhen zu stiften, weil sie durch die Auflösung de- ehemaligen samoanischen Parlament- an Macht und Würde verloren zu haben glauben und die Anschauung verfechten, Deutschland sei nur ihr Protettor und nicht- »eiter. Wenn da- samoanische Parlament wieder zusammentritt, wünschen fie, die samoanische Flaggen zu hissen, und es ift wahrschein, sich, daß sie an England und Amerika appellieren werden, damit diese Länder entscheiden, ob ihre Handlungsweise gerechtfertigt sei oder nicht.
♦ Stuttgart, 21. D«. 1908. Die zweite Kammer lehnte heme bei der Beratung bet Volksschul« Novelle den Antrag der Volkspartei auf obligatorische Einführung de- achte« Schuljahr- mit 60 gegen 87 Stimmen bet Volttpartei und bet Sozialdemokraten ab, baaeaen »webe ein Antrag der Kommission auf fakultative Einführung beachten Schuljahre- angenommen.
sehr wichtige Gründe, warum fie es nicht für gut halte, daß Viktorrne alle Tage auf Groenezathe komme.
Dagegen war nicht- -u sagen; was Gertrud sprach, war verständig und sachlich, ober Loch war etwas darin, da- sogar den Bürgermeister unangenehm berührte, wenn et e- auch nicht ausdrücken konnte, und diese- Gefühl wurde nicht geringer, als seine zukünftige Schwiegermutter, bte er schon so nicht besonder- liebte, hinzufügte:
„DaS Kind vergißt viel zu sebr. Laß sie ihr ganze- Leben daS Gnadenbrot bei uns gegessen hat und es niemals genug vergelten kann."
Das fand Gettrud nun auch wieder unklug ausgedrückt; dieses Pochen mit dem Gnadenbrot — und das so hart wie möglich gewesen war — paßte hier gar nicht und konnte später wohl einmal unangenehm werden.
Ter Bürgermeister wurde still und es traten die Falten um seine Lippen und auf feine Stirne, die Gertrud nun schon zu gut kannte und die fie für die Zukunft fürchten ließen.
AlS sie zusammen einen Spaziergang machten, Mug er unerwartet vor, auf den Kirchhof zu gehen. Gettrud fand dies unangenehm und unzart; denn was hatte sie mit ihrer Vorgängerin zu tun — und sie ließ deutlich merken, daß ihre Begeisterung für den Plan nicht groß war.
Sie liebe die Gräber nicht, sagte sie; sie könne ihre geliebten Toten sonstwo ebenso gut ehren, al- gerade auf dem Kirchhofe und besonders gegen Abend finde sie es dort gruselig; aber wenn Herr van Hogenvoorde einmal einen Plan gefaßt hatte, bann war nichts dagegen zu tun; er hätte e» nicht sagen können, was ihn jetzt wie mit unwiderstehlicher Gewalt zum Grabe seiner Frau trieb. Seit Jahren hatte er es gemieden, auch auS einem gewissen Grauen vor dem Tode; aber nun schmerzte ihn plötzlich seine Gleichgülttgkeit, und er hielt es für geziemend, mit ihrer zukünftt- gen Nachfolgerin derjenigen eine Art Huldigung zu bringen, deren Verdienste er erst nach ihrem Tode richtig hatte schätzen lernen. kF. f.)