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M 294

Fulda, Montag den 21. Dezember 1908.

35. Jahrgang.

Gr-stes WrccLL.

v Der amtsmüde Reichskanzler.

Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt uns: Fürst Bülow sehnt sich nach Ruhe. Er, der noch vor zwei Jahren so sehr an seinem Amte klebte, vaß er sogar eine Schwenkung in der Jnlandspolitik unternahm, wäre nun herzlich froh, wenn er in seine Villa Malta in Rom einziehen dürfte. Aber die einst von ihm in den Vordergrund g.stellte „Reputation" duldet es vorerst nicht. In Rom hat man zwar die ganze Villa wohnlich eingerichtet und läßt eS stch eine sehr schöne Summe Geldes kosten, um sie ganz in Ordnung zu halten, damit sofort von Berlin abgereist werden kann. Bülows Streben geht jetzt dahin, stch mit der Erledigung der Finanz, reform einen „guten Abgang" zu schaffen. Ist pe unter Dach und Fach, dann verschwindet er.

Fürst Bülow hatte schon unter den Block- wirren viel zu leiden. Früher hatte er eS mit der Jnlandspolitik sehr bequem; die Mehrheit war immer da; ste zu schaffen, wurde dem Zentrum überlassen. Jetzt liegt es anders. Der Reichskanzler selbst muß sich ;edeSmal abmühen, eine Mehrheit zu schaffen; nahezu jeden Tag muß er mit den einzelnen Parteien verhandeln und jedem nach seinem Geschmack reden. Hat er die Mehrheit beieinander, so kommen die Sorgen der Auslandspolitik. Indem letzten Jahrzehnt war für uns ein Jahr ungünstiger als das andere: die Sorgenberge wuchsen immer mehr, bis im Nov. 1908 ein ganzer Chimboraffo sich auftürmte. Um diese Aufregungen und Unsicherheiten auszu­halten, muß man eiserne Nerven haben; aber am Ende halten auch diese nicht mehr stand. Wenn daher die Fürstin Bülow erklärte, daß sie unter keinen Umständen mehr eine Zeit wie die jüngste durchmachen wolle, so glaubt ihr das jedermann und wünscht ihr und ihrem Gatten angenehmere Tage. Aber solche sind für den Reichskanzler vorerst nicht zu hab?n; die Wirkungen der verfehlten Auslandspolitik und der falschen Jnlandspolitik machen sich mit jedem Tag mehr geltend.

Schon im Dezember 1907 stellte Fürst Bülow dem Block sein Amt zur Verfügung, im Oktober 1908 dem Kaiser; das Entlassungsqesuch wurde beide Male abgelehnt, weil man keinen Ersatz fand. Fürst Bülow hatte ja großartig dafür gesorgt, daß alle Anwärter auf den Reichs­kanzlerposten verschwanden, so daß nur ein höherer „Militäranwärter" noch in Betracht kommen kann. Aber dennoch sind seine Tage gezählt, auch wenn seine Getreuen versichern, daß er nahezu jeden Tag freundschaftliche Briefe von dem Kaiser erhalte. Was Kaiser Wilhelm im November 1908 angetan wurde, das geht über die Berliner Märzrevolution von 1848; noch nie hat das Parlament so über emen Hohen- zollern geurteilt wie der Blockreichstag über Kaiser Wilhelm II. und dabei sand sich auch nicht eine Stimme zu seinen Gunsten; alle seine Minister schwiegen und der Reichskanzler unter stützte noch die schonungslose Kritik. Seit man im Parlament über den Kopf Ludwigs XVI. entschied, wurde nie mehr so hart über einen Fürsten gesprochen. Auf einen solchen „Sieg" folgt die" Reaktion so sicher wie das B nach dem A. Man warte nur erst Kaisers Geburts­

tag ab. Kaiser Wilhelm II. mag dem Reichs­kanzler abermals „verziehen" haben, wie es nach der Publikation in dem englischen Blatte ge­schah; aber ein Hohenzoller vergißt das nicht und besonders Kaiser Wilhelm II. nicht. Er ver­gißt auch nicht, daß diese bittere Kritik, die er unberechtigt hält, von jenem Reichstage aus­ging, den er in der Wahlnacht so freudig be- grüßte. Es ist gar nicht überraschend, daß in dieser dumpfen Stimmung die Hofkamarilla sich geltend machen konnte und daß eine Schlange nach der anderen am Wege Bülows empor­züngelt. Die Arbeitssreudigkeit des ohnehin nicht so stark auf Arbeit verseffenen Reichskanzlers gewinnt dadurch nicht.

So kommt es, daß die Zügel am Boden schleifen, daß man sich allerorts darauf einrichtet, daß Fürst Bülow amtsmüde ist, und die Er­neuerung seines Entlassungsgesuches nur eine Frage der Zeit ist. Wir schildern diese Situation nicht, weil wir ein Interesse an dem sofortigen Ausscheiden des Fürsten Bülow haben, sondern damit unsere Sifer den Schlüffe! haben für so manches Vorkommnis der nächsten Tage, das ihm sonst rätselhaft bleiben würde.

Deutsches Reich-

** Berlin, 20. Dez. 1908. Der Kaiser hörte am SamStag Marinevorträge und den Vortrag des Reichskanzlers. — Prinz Joachim von Preußen, der jüngste Sohn des Kaiser­paare-, hat in Plön die Fähnrichsprüfung be- standen. — Der Vorstand des deutschen Städte- tageS hat seine Stellungnahme gegen die Elektrizi- täts- und Gassteuer nunmehr in einer Eingabe an den Reichstag eingehend begründet.

(*) Die neuen Versicherungsgesetze sZusam- meulegung der Jndaliditäts-, Unfall- und Kran­kenversicherungsgesetze sowie das Gesetz über die Witwen- und Waisenversicherung) sollen, wie of­fiziös gemeldet wird, im Laufe des Monats Januar an den Bundesrat gelangen. An der Fertigstellung dieser Gesetze ist in den letzten Wo­chen in: Reichsamte des Innern mit größtem Eifer gearbeitet worden. Das vereinigte Ver­sicherungsgesetz dürfte wohl eines der umfang­reichsten werden, das jemals geschaffen wurde; es wird aus annähernd 1500 Paragraphen be­stehen.

Q Die Reorganisation des Auswärtigen Amtes. Von der ,Köln. Ztg/ ist bekanntlich eine Vermehrung des Personals des Auswärtigen Amtes angekündigt worden. Wie nun die,Ham- bürget Nacht/ zu melden wiffen, soll als Direktor des Amtes Geheimrat Hammann in Aussicht genommen fein, während Chef der Preffeabtei- lung der Publizist Wilhelm v. Massow werden soll, der zurzeit Chefredakteur der ,Berl. Neuest. Nacht/ ist, diese Stelle aber zum 1. Januar nieberlegt, da sich die ,Berl. Neuest. Nachr/ zu diesem Termin mit Friedrich Langes ,Deutsche ßeitung' verschmelzen. Daß Geheimrat Ham­mann nach den bekannten Vorfällen noch die Treppe hinauffällt und daß man ihn an den exponiertesten Posten stellt, paßt ja ganz vor­trefflich in unseren neuesten KurS, ebenso aber auch die Einstellung v. MaffowS. v. Massow ist bekannt als Alldeutscher und als Zenlrums- gegner von reinstem Master. Solche Leute m äffen an die Spitze!

x Wie Ersparnisse am Poffetat möglich sind, setzt Oberingenieut Nissen tn der ,Post' auseinander.

Er fordert vor allem eine Dezentralisation der Oberpostdirektionen. Wenn die engltche Post so hohe Erträgnisse abwerfe, so liege da? daran. Laß diese keine Oberpostdirektionen kenne. „Das ständige Anwachen des Personals der Oberpostdirektionen muß aufhören; tn den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Räte und Inspektoren fast verdoppelt! Die jetzige Methode, daß, nur um Beamte unterzubringen, neue Titel und Gehaltsstufen geschaffen und die Zahl der etatsmäßigen Stellen ständig vermehrt wird, muß ein Ende finden. Die Institute der Vizedirektoren und und Hilfsreferenten sind doch wahrlich unnütz. Man sollte die Amtsvorsteher mit größeren Vollmachten ver- seh-n und sollte den größeren Aemtern einen Etat geben, nach dem sie wirtschaften können. Jetzt darf kein Schemel, kein Gummistempel, keine Schraube,ohne Ge­nehmigung der Oberpostdirektion beschafft werden, fast jede Beschwerde wird von ihr verfolgt, keine 5 Pfg. Porto dürfen dem Publikum aus Billigkeitsaründen erstattet werden, keine Reparatur über 15 Mk. ohne aktenmäßige Untersuchung ausgeführl werden. Wenn in irgend einer Verwaltung, so sind bei der Post kaufmännische Gesichtspunkte am Platze. Den Nutzen eines Kopierbuches und der Stenographie kennt diese Behörde noch nicht. Wieviel teuer bezahlte Ar­beitskraft ließe sich besser aus nützen, wenn den höheren Beamten tüchtige Stenotypisten beigegeben würden und wenn man durch rationellen Gebrauch des Fernsprechers das Schreibwerk einschränkte!"

Es ist doch gut, wenn ab und zu einmal in die Geheimnisse der Bürokratie hineingeleuchtet wird. Der Verfaster fordert weiter eine Reform des Fernsprechwesens. Jnterestant ist die Mit­teilung, daß die privaten Telephongesellschasten der Vereinigten Staaten von Amerika bis zu 15 Ptoz. Dividende verteilen. Damrt soll nicht einet Nachahmung amerikanischer Geschäfts­gepflogenheiten das Wort geredet werden. Aber ein wenig mehr Anlehnung an wirtschaft­liche Geschäftsprinzipien darf man von der Reichspostverwaltung denn doch mit Recht verlangen.

(*) Die afrikanischen Diamantschätze. Dem Reichskolonialamt gingen aus Deutfch-Südwest- afrifa als Probe der letzten dort gemachten Funde 23 R o h d i a m a n t e n zu. Die Steine sind nicht groß, einzelne aber von sehr schönem Feuer und wasserreiner Farbe, sodaß der Lgie im ersten Moment den Eindruck bekommt, er halte bereits geschliffene Steine in der Hand.

* Neber den bayerischen König Otto, der bekanntlich seit Jahr.n vom Wahnsinn befallen ist, sind in der letzten Zeit vielfach Meldungen verbreitet worden, die schwer kontrollierbar sind. Wie jetzt berichtet wird, leidet König Otto I. von Bayern seit einigen Tagen mehr denn je unter dem Ausbruche heftiger Wahnvorstellungen, die nicht ohne nachhaltige Wirkung auf fein körper­liches Befinden sind. Seine Herzkrankheit, die ihn feit 3 Jahren plagt, hat eine besorgniserregende Ausdehnung angenommen, sodaß die Aerzte Be- sürchtungen für daS momentane Eintreten einer Krisis hegen. Von Zeit zu Zeit hat König Otto in den letzten Wochen lichte Augenblicke gehabt und die Personen feiner Umgebung erkannt, und jedesmal folgte einem solchen Zustande ein heftiger Tobsuchts-Ans all, sodaß oft 4—6 Personen den unglücklichen König bändigen müffen.

Ausland.

♦ Die internationale Seerechtskonferenz, die seit dem 4. Dezember in London tagt, hat bis jetzt sechs Plenarsitzungen abgehalten, in denen u. a. die Fragen der Blockade und des Verkehrs von Kauffahrteischiffen der krieg führend en Macht unter neutraler Flage besprochen wurden.

** Die Korruption in Serbien. Die serbische Zeitung „Otaobinu" fagt, niemals war die Mo­

ral so tief gesunken, wie im gegenwärtigen Mo­ment. Tie größten Diebereien werden bei den wichtigsten Staatsinstituten begangen. Einige Staatsbeamte haben sich durch Stehlen ein Ver­mögen erworben und sich Villen gebaut, aber Niemand getraut sich, ihnen etwas anzuhaben. Ein gewisser Ciuba Radosawljewitsch, der beim Belgrader Gericht an gestellt ist, hatte über Hun­derttausend Franks veruntreut; als er zur Re­chenschaft gezogen werden sollte, sagte er: „Wenn die anderen aus der Kasse des Königs Alexander Millionen stehlen konnten und heute noch als ehr­liche Menschen figurieren, so darf ich Wohl hun- derttausend Franken stehlen." — Nette Zustande.

volkswirtschaftliches und Soziales-

):( Gewerkschaften und Fachabteilungen. In dem Kampfe, der zwischen den Fachabteilungen Berliner Richtung und der christlichen Gewerk­schaften tobt, ist bisher immer noch die Frage offen geblieben, wieviel Mitglieder di« Fachabteilungen haben. Jetzt macht sich in dem „Zentralblatt der christlichen Gewerk­schaften" jemand näher an die Sache heran. Nach der Feststellung beffen, was bisher ver­geblich zur Ermittelung der Mitgliederzahl der gesamten Fachabteilungsbewegung geschehen ist, schreibt er: „Die Gesamteinnahmen der katho­lischen Fachabteilungen betrugen im Jahre 1907 199 020,55 Mark. Diese Summe setzt sich aus den wöchentlichen Beiträgen der Mitglieder, Nachzahlungen und der Delegiertensteuer zu­sammen. Der wöchentliche Beitrag schwankt zwischen 15—70 Pfg. Nach mir vorliegenden Mitgliedsbüchern von Fachabteilungsangehörigen,' die zu den christlichen Gewerkschaften übergetreten sind (im Jahre 1907 und 08), bewegt sich di< Beitragshöhe meist in den mittleren Lagen, ob»1 wohl auch solche aus den höchsten BeitragSklaffen darunter sind. Um nicht den Schein aufkommen zu lassen, ich nehme zur Berechnung der Mit­gliederzahl den Durchschnittsbeitrag zu hoch an, nehme ich zu meiner Feststellung einen durch­schnittlichen Wochenbeittag von 30 Pfg. bei 44 Wochen im Jahre an. Das ergibt einen durch­schnittlichen Jahresbeitrag von 13,30 Mk.; dis Gesamteinnahrne durch diese Summe dividiert ergibt eine Mitgliederzahl für die Fachabteilungen von 15077. Das sind gleich 12V, % des zu Pfingsten d. I. mit 123 000 Mitgliedern ange­gebenen Verbandes der kathol. Arbeitervereins (Sitz Berlin.) In 600 Arbeitervereinen waren die Fachabteilungen eingeführt. Es entfallen somit auf einen Verein durchschnittlich 25 Mit­glieder, auf die 988 Vereine, die der „Berliner" Verband zu Pfingsten d. I. zählte, nur 15 Mit­glieder.

+ Eine Mafsenaussperrung wird am 1. Januar in Mannheim und Umgebung stattfinden. Es ist bekannt, daß vor etwa zwei Monaten die Arbeiter des Mannheimer Strebel­werkes in den Ausstand getreten sind. Unter der Mitwirkung des Mannheimer Oberbürger­meisters Martin und des badischen Gewerde- inspektorS Geheimrat BittmanS gelang es jedoch in letzter Stunde mit den Arbeiterführern eine Einigung zu erzielen. Eine Versammlung der ausständigen Arbeiter sollte die Abmachuckgen gutheißen. Wie die berliner Neuesten Nachrichten' mitteilen, erhielt nun der Metallindusttiellen-Ler- band die Mitteilung, daß 90 Prozent der in der maßgebenden Versammlung anwesenden Arbeiter die Fortführung deS Streiks befürwortet

AurückgetteHrt

Gegen Jahresschluß gelangt an dieser Stelle zum Abdruck:

Mime des Gchcimmffes

Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

Wir bieten hiermit eine umfangreiches, in Swff und Aussührung sehr interessantes Feuilleton mit meisterhaft gezeichneten Cha­rakteren und dramatisch bewegten Situationen. Der Roman ist außerordentlich fesselnd ge­schrieben und steigert die Spannung des Lesers bei jeder Fortsetzung.

Erzählung cou Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.

87 j (Nachdruck verboten.)

„Und nun gehe ich", sagte Ursula, «und sorge für Deine Gesundheit. Bleibe still und ruhig «egen, rege Dich vor allem nicht auf."

Sie trocknete ihre Tränen ab und lachend in wehmütiger Freude, leicht wie eine Feder, ging sie hinunter, um für die Kranke Erfrischungen zu bestellen. Lucia hatte die Hände gefaltet und betete:

„Lieber Gottl Ich danke Dir für diese Ver­änderung in Ursula. Möge sie nur dauernd seinl Hi mm das Opfer meines Lebens an — damit wrch Wybo zurückkehren möge und wie der ver­lorene Sohn in seines Vaters Haus aufgenom- jnen werde!"

Am Abend ging Wybo von Hogenvoorde nach vollbrachter Arbeit zum Kirchhofe; nicht allein, um das Grab seiner Mutter zu besuchen, sondern auch, um einige Messungen für sein Werk vorzu­nehmen.

Er fand daselbst Viktorine, die ein Körbchen voll frischer Blumen brachte; das Mädchen sah gedrückt aus, ihr Gesicht trug Spuren von Trä­nen, aber als sie den Bildhauer sah, erheiterten sich ihre Züge.

„O, wie froh bin ich, daß ich Sie sehe", rief sie in ihrer kindlichen Unschuld aus, „ich habe so verlangt, Sie zu sprechen, und . . . und ... ich darf nicht mehr nach Groenezathe kommen."

„Was sagen Sie da? Nicht mehr nach Groen- zathe kommen? Und Lucia?"

In seiner Verwirrung vergaß er, seine Schwe­ster Fräulein zu nennen; aber Viktorine achtete nicht einmal darauf.

„Ja", sagte sie mit Tränen in den Augen, „das ist das ärgfte und nun hörte ich, daß die arme Lucia krank ist und ich darf sie nicht einmal besuchen. Haben Sie vielleicht etwas von ihr ge­hört?"

„Ich glaube, daß es eine Erkältung ist, nichts anderes."

„Gott gebe es! Aber sie ist fo schwach und zart und . . ." Sie wagte es nicht zu sagen, aber Wybo lag es in ihren Augen, die echt italie­nisch, ebensoviel, wenn nicht mehr, sprechen konn­ten, als ihr Mund.

„Sie hat so wenig Pflege. Wer wird für sie sorgen?"

Und nun plötzlich begann sie zu schluchzen und ihn ernst und zugleich kindlich ansehend, fragte sie:

„Darf ich meiner Tante ungehorsam fein und doch nach Groenzathe gehen, um sie zu pflegen? Dem» eigentlich hat Dante mir nichts zu sagen und ... ich bin schon so alt, fast dreiundzwanzig Jahre."

„Verlangen Sie denn so sehr danach?"

„Nicht meinetwegen, sondern wegen der armen Lucia! Ach. Sie wissen eS auch und ich erzähle

Ihnen nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, wie verlassen die Unglückliche ist. Die Mägde haben onst Arbeit genug und — man weiß, wie Mägde ind — der Bürgermeister hat viel Beschäftigung etzt besonders, und Ursula, nun, ja . .

„Ich darf und will Ihnen keinen Rat geben, vor allem nicht wegen gewisser Umstände."

Ihre Augen glänzten plötzlich wieder und sie schlug die Hande in Entzücken zusammen.

„Haben Sie das Bild meiner Mutter zurück- erbalten?" Und . . . und hatten Sie recht?"

„Ja, ich habe es wieder und meine Vermutung war richtig. Mein bester Freund — und Vater beinahe — ist Ihr Onkel. Er ruft Sie nach Italien, er wirft sich fein langes Stillschweigen und scheinbare Gleichgültigkeit vor."

„O", rief sie mit Begeisterung, „könnte ich schnell hineilen, aber — die gute, liebe Lucia 1 Und bann wird Tante mir keine Erlaubnis geben. Was muß ich tun? O, ich bitte Sie, raten Sie mir! Wen sollte ich sonst befragen? Darf ich etwas tun gegen den ausdrücklichen Willen meiner Tante und wäre es nur, nach Groen­zathe zu gehen?"

„Tun Sie es nicht! Ich verspreche Ihnen, nach Fräulein Lucias Zustand zu fragen und auch zu untersuchen, ob sie, wenn ihr Unwohlsein wirklich ernstlich ist, genügende Pflege hat. Aber nun müssen Sie mir aufrichtig sagen: Wissen oder vermuten Sie auch, warum dieses Verbot ge­geben worden?" Sie errötete und schlug die Augen nieder.

„Ich glaube, daß sie fürchteten, daß ich mit Ihnen spreche. Vielleicht ahnen sie, daß Sie meine Sache in die Hand genommen haben, viel­leicht ist es auch nur das böse Gewissen; denn ich habe sehr häßliche Dinge gehört, ohne es zu wollen, und wenn diese wahr sind — aber ich weiß nicht, ob ich es sagen darf!"

„Sie müssen es sagen; ich bin hier als Be­vollmächtigter Ihres Onkels. Eine der vornehm­sten Ursachen, warum ich nach Holland zurück-

kehrte, war, auf fein Verlangen Sie zu suchen und in Ihrs» Interesse zu arbeiten."

Dankbarkeit leuchtete in ihren Augen.

„Mein Onkel Noldani?" fragte sie, „der Bruder meiner Heben Mutter? O, wie froh bin ich. Ja, bann will, bann muß ich Ihnen alles sagen, aber ... aber ... O, wenn Tante wüßte, daß ich hier mit Ihnen spreche!"

„Es geht nicht anberg; ber Kirchhof wäre nun auch gerade nicht die Stelle, die ich wählen würde, um „Geschäfte" abzumachen, aber bedenken Sie. daß wir bei dem Grabe einer Frau stehen, deren Mann und Kinder wir vor einem großen Unglück bewahren, wenn die Wahrheit bekannt und die Lüge entlarvt wird."

„Sie glauben also auch, daß die Familie mei­ner liebsten Freundin zu gut ist, um mit Men­schen in Berührung zu kommen wie Tante, Ger­trud und Fred?"

„Ich fürchte esl"

„Es ist so! Es tut mit leib, daß ich es Ihnen sagen muß, aber sie haben mich, glaube ich, schlecht behandelt, sie haben mich als eine arme Waise angenommen, die bei ihnen das Gnadenbrot aß, und inzwischen lebten sie jahrelang üppig von dem Gelds, das mir gesetzlich zu kam. Gertrud hatte eine glänzende Erziehung erhalten, für mich hat man das billigste und einfachste Pensionat ausgesucht. Sie haben mich die schmutzigsten At- beiten verrichten lassen, aber das ärgfte von allein war, daß sie mich zwingen wollten, die Frau Freds zu werden, eines Mannes, den ich nicht neben und noch weniger achten konnte."

„4?aben Sie das verlangt? Wie glücklich, daß Sie wenigstens einem solchen Lose entgangen sind!"

„Aber was mußte ich deshalb leiden 1 Bis jetzt habe ich mir selbst ost den Vorwurf gemacht, daß ich vielleicht, ohne es zu wollen, Onkels Tod be­schleunigt habe; aber gestern sind mir die Augen aufgegangen."