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JV§ 293.
Fulda, Samstaq den 19. Dezember 1908.
35. Jahrqanq.
Zweites Wtcrtt
Im großen und ganzen ist es aber bet modernen j Wer vermag diese Wurzeln des Nebels zu be-
fettigen? Man kann nur den einzelnen Beteilig
Menschheit ganz gesund, daß zu Weihnachten oder bei sonstigen guten Gelegenheiten den Leuten
den Wiener Standpunkt gebilligt. Natürlich werden die übrigen Großmächte gegen eine solche Erledigung der heiklen Frage keinen Einwand erheben, und die kleineren Mächte, besonders Serbien und Montenegro werden sich fügen müssen. Doch das Verhältnis zwischen der Psorte und der Donaumonarchie hat sich wieder bedeutend gebessert. Die türkische Regierung nimmt keine Partei für die Boykottbewegung gegen Oesterreich sondern bekämpft sie gemäß ihren Versprechen nach Kräften. Der Boykott hat indes nicht nur nicht abgenommen, sondern sich noch bedeutend verschärft.
so rasch wie möglich den ungastlichen Boden der Republik zu verlassen. Jetzt weilt er in Berlin. Er will sich dort einer Operation unterziehen, uin von seinem Nierenleiden befreit zu werden. Unterdessen nehmen die Zwistigkeiten zwischen Holland und Venezuela ihren Fortgang. Nachdem dieser Tage erst die Holländer das venezolanische Kriegsschiff „Alix" eingebracht haben, be- richtet der Draht, daß die holländischen Kriegsschiffe nun auch den venezolanischen Regienmgs- schuner „23 de Mayo" beschlagnahmt hätten. Es handelt sich um Repressalien, durch welche Holland Venezuela zur Erfüllung aller Forderungen zwingen will. Nach neueren Nachrichten hat Venezuela daraufhin an Holland den Krieg erklärt.
Der Boykott in Böhmen, den die Tschechen und Deutschen gegenseitig inszenierten, hat an Bedeutung stark verloren. Das über Prag verhängte Standrecht ist aufgehoben worden, sodaß 11861t damit rechnen kann, daß die Ruhe bald wieder völlig hergestellt ist. Die Tschechen versuchten zwar am Dienstag der österreichischen Regierung einen kräftigen Stoß zu versetzen, indem sie durch die iiblichen Radauszenen im Abgeordnetenhause die Bewilligung des Budgets-Provisoriums zu verhindern gedachten. Doch gelang es ihnen nicht. Das Provisorium wurde mit Hilfe der Sozialdemokraten nach heftiger Debatte bewilligt. Dadurch ist der Wiener Regierung eine größere Aktionsfreiheit auf dem Balkan gewährt.
Die Fremdenlegion macht wieder einmal in wenig erfreulicher Weise von sich reden. 50 Legionäre machten einen Anschlag auf einen Eisenbahnzug, den sie auf freier Strecke halten ließen und zur Umkehr veranlaßten. Die Deserteure, an deren Spitze ein Soldat stand, der sich als Offizier verkleidet hatte, machten sich darauf aus dem Staube, doch sind sie inzwischen sämtlich wieder eingefangen worden. Der „Temps" weiß zu melden, daß sich die aufständischen Soldaten ausnahmslos aus deutschen Deserteuren zusam- mensetzen. Man darf wohl behaupten, daß diese Flüchtlinge sich wohl nicht ohne Grund von ihrem Truppenteil entfernt haben. Französische Blätter regen sich weiter darüber auf, daß es die Deutschen sind, welche derartige Ausschreitungen begehen. Wir wüßten dem „Temps" und der französischen Regierung ein vorzügliches Mittel: sie soll einfach den deutschen Deserteuren den Eintritt in die Legion verweigern und es fo machen, wie beispielsweise die deutsche Regierung, welche Deserteure anderer Nationen einfach nach einem anderen, von den Deserteuren zu bestimmenden Grenzland abschiebt. Sie täte damit den unbesonnenen jungen Leuten, welche vielfach in einem Momente der Kopflosigkeit ihren Truppenteil verlassen, einen großen Gefallen, indem sie sie bot einem frühen und jammervollen Tod bewahrte, dem die meisten Desertenre nach unsäglichen Qualen in der Fremdenlegion zum Opfer fallen.
Die Balkankrisis hat erfreulicherweise an Schärfe bedeutend verloren. Oesterreich- Ungarn und Rußland scheinen sich dahin geeinigt zu haben, daß die Frage der Annexion Bosniens und der Herzegowina zwar den Gegenstand von poliiisck>en Verhandlungen bilden soll, daß sie aber nicht auf der beabsichtigten Konferenz, sondern schon vorher durch Verhandlungen von Kabinett zu Kabinett erledigt werden solle. Dis russische Antwortnote auf die bezüglichen Vorschläge der Donaumonarchie ist bereits abgegangen, und hat auch nach zuverlässigen Meldungen
schwierige Sachen häufig „dilatorisch", d. h. fit zögern die unbequeme oder gefährliche Entscheidung möglichst lange hinaus. Dabei können sie freilich in noch größere Schwierigkeiten geraten, aus dem Regen in die Traufe kommen. Die Eheschließung. erfordert Klugheit, doch keine Diplomatenkniffe. Ter gerade Weg ist der beste, und wenn ein Mann, der diesen Namen verdient, nach gründlicher Prüfung und Ueberzeugung erkannt hat, daß seine Neigung auf eine wirklich geeignete Persönlichkeit gefallen ist, dann wirt er auch alsbald die Sache in Ordnung bringen. Das Hinschleppen in Unklarheit Entspringt entweder einer unmännlichen Feigheit oder gar der arglistigen Spekulation, ob sich nicht noch eint „bessere Partie" bieten könnte. Solche Hinterhältigkeit wäre weder anständig noch christlich. Wer Hoffnungen erweckt und dann wieder mutwillig knickt, ladet auf sein Gewissen die verursachten Schmerzen und Schäden. Die nötige Vor- Prüfung kann erfolgen, ehe man irgend eine Verbindlichkeit begründet hat. Sind berechtigte Hoffnungen erweckt, so dürfen sie nur aus ernsten Gründen enttäuscht werden, nicht aus Eigennutz oder Laune. Darum könnte man den Dichterspruch auch so fassen: Drum prüfe, ehe du ihr Herzchen bindest!
Bei gutem Willen und etwas Geschick kann der Einzelne die Gefahren der modernen Ehescheu und Eheflucht wohl für sich ausgleichen. Aller- diugs wird immer noch eine Anzahl boij. Einsiedlern Zurückbleiben müssen, die an den höchsten Festtagen des Familienlebens verstimmt dasitzen. Zu den Aufgaben der christlichen Liebe gehört es auch, diesen Vereinsamten etwas Trost und Erquickung zu bieten. Die Männer und Frauen, die ein behagliches Nest am warmen Herde gefunden haben, follten besonders diejenigen in ihren geselligen Verkehr ziehen, die „den Anschluß verpaßt haben". Hub zwar nicht etwa bloß in die steife Geselligkeit bei den üblichen Abfütterungen, sondern in einen zwanglosen, herzlichen, gemütlichen Verkehr. Ebenso sollte man sich bemühen, den jüngeren Leuten in ihrem Zwischenstande zwischen dem Vaterhaus und der eigenen Häuslichkeit möglichst viel Anschluß an das Familienleben zu ermöglichen. Die Einsamkeit kann sonst leicht zur Verödung von Herz und Sitte führen.
ten den guten Rat geben: Sieh du für deinen Teil zu, daß du den rechten Anschluß nicht verpassest! Halt dir die Vorteile eines christlich- deutschen Familienlebens vor Augen und scheue dich nicht vor den entsprechenden Pflichten, die nicht so drückend sind, wie die modernen Jrr- lehrer sie dir schildern wollen. In der „Freiheit", die du als vereinzelter Mensch hast, steckt doch wahrlich nicht der rechte Frieden und Segen. Wenn man das Familienleben als ein Dasein in Banden dir hinstellen will, so glaube nicht daran, sondern denke zurück an das glückselige Dasein, das deine Eltern und deren Anverwandte in ihrer „Gebundenheit" geführt haben. In der schönen Ordnung des echten Familienlebens entfallet sich der Wunsch erst in der rechten Freiheit. Die sogen. Ketten find, wenn die Sache vernünftig begründet und fortgeführt wird, Nosenketten. Wie mancher, der früher über das „Joch der Ehe" gespöttelt hat, beneidet nachher die Freunde, die rechtzeitig eine bessere Hälfte und hoffnungsvolle Kinder sich errungen haben. „Zu spät", seufzt er dann und tappt in seiner Einsiedelei weiter, die ein Elend ist, auch wenn die Geldmittel da sind, um sie äußerlich glänzend zu machen.
Wo der Wille ist, da ist auch ein Weg. Wer vernünftig erkennt, was ihm gut ist, der findet auch unter den moderen Verhältnissen den Weg zum warmen, eigenen Herde. Und ein gesundes, braves Mädchen braucht auch nicht zu verzagen. Allerdings — wer zu hoch fliegen will, der kommt nicht ans Ziel. Ein Mädchen, das nichts hat, kann wohl von einem vernünftigen Mann gefreit werden, aber ein Mädchen, das nichts kann in dem hausfraulichen Beruf, wer soll die wählen? Große Ansprüche machen und nichts mitbringen als ein schnippisches Näschen, — die Ehe nur als eine reichliche Versorgungsanstalt betrachten und von den häuslichen Pflichten keine Ahnung zu haben — das kann wahrlich nicht verlockend wirken. Ein junger Mann müßte doch schon ganz verblendet sein, wenn er statt eines gemütlichen Hausmütterchens sich fo ein Hauskreuz wählen sollte
„Prüfe, wer sich ewig bindet", sagt der Dichter mit Stedjt. Aber es heißt nicht: Prüfe ewig, wer sich binden will. Die Diplomaten behandeln
wochen-Rundschau.
[:] FuIdä, 18. Dezember 1908.
Es geht was vor, man weiß nur nicht was — hinter den Kulissen nämlich. Die bisweilen aus besonderen Quellen gespeiste „Neue Ges. Kocr." brachte vor einigen Tagen einen schon erwähnten Artikel, der sich gegen „jene gewissenlose Sorte von Männern" richtete, die „fürchten, der Ernst des Herrscherberufs könnte von Zukunft ab sie und ihr inhaltloses, aber glänzendes Leben, wie verdient, in den Hintergrund schieben und ihre Rollen verkleinern. Kaiser Wilhelm dürfte, besonders nach den jüngsten Erfahrungen, sich hüten, den Reaktionären, die niemals ihre Zeit, nur ihre eigensten Interessen verstehen, sein Ohr zu leihen. Das wäre der Bankerott der Krone." Die offiziöse „Köln. Ztg." bemerkte dazu, die Veröffentlichung bestätigt, daß „nach dem Sturze der einen Kamarilla, Eulenburg und Genossen, bereits eine neue sich gebildet hat, die der Existenz Bülows gefährlich zu werden beginnt. Die Gefahr, die ihn bedroht, ist dauernd. Persönliches Regiment und Kamarilla sind einander ergänzende Institutionen, und so geht der Kampf weiter, und diese Veröffentlichung der „Köln. Ztg." ist der Schuß, der gegen das persönliche Regiment von sorgenden Freunden des Kanzlers abgefeuert wird. Der Alarm setzte sich dann durch den Blockblätterwald fort. Man sprach von geheimen Umtrieben gegen die Person des Kanzlers und von den Bemühungen ungenannter Persönlichkeiten, dem Kaiser die Meinung beizubringen, daß die Angriffe auf das persönliche Regiment ungerechtfertigt gewesen feien und seine ihm vom Fürsten Bülow diktierte Erklärung vom 17. November dem Ansehen der kaiserlichen Krone geschadet habe. Wie auf Kommando ertönen aber jetzt wieder die offiziösen Beschwichtigungsklänge, daß der Alarm unnötig und unbegründet gewesen. Ist danach anzunehmen, daß die Warnrufe ihren Zweck erfüllt haben? Die Aktion, die augenscheinlich vom Fürsten Bülow selbst inspiriert worden ist, hatte die ersichtliche Absicht, die Stellung des Kanzlers zu festigen. Daß er seit den Novembertagen an das Vertrauen des Kaisers in erheblichem Maße verloren habe, wird zwar von der ihm ergebenen Presse lebhaft bestritten, ist aber trotzdem wahr und bei der Charakterveranlagung des Kaisers nicht weiter verwunderlich. Es geht das Gerücht, daß der Kanzler schon während der Weihnachtsferien den Abschied erhallen werde. Möglich wäre es schon, aber es erscheint in der gegenwärtigen politisck-en Situation nicht gerade wahrscheinlich, auch nicht wünschenswert. Fürst Bülow mag die Aussicht, durch Hofintriguen und Kamarilleupolitik gestürzt zu werden, wenig angenehm fein; er möge indes bedenken, daß auch er felbst auf diesem Wege zur höchsten Würde gelangt ist und daß auchUne politische Tätigkeit nicht mehr von sachlichen Motiven geleitet ist, sondern in Zweck und Mitteln von dem Wirken seiner höfischen Gegner der Art nach sich in nichts unterscheidet. Wie der Kampf hinter den Kulissen auch enden möge, das deutsche Volk hat keinen Anlaß, für eine der beiden Parteien Stellung zu nehmen. Einen natio
nalen Schmerz wird der Rücktritt des Fürsten Bülow jedenfalls nicht erwecken.
Im preußischen Abgeordneten Hause herrschte in diefer Woche reges Leben. Die verstärkte Budgetkommission und die Lehrerbesoldungskommission berieten über die Neuregelung der Gehälter in zweiter — entscheidender — Lesung. Die Lehrerbesoldungsreform wurde auf Grund eines Kompromisses sämtlicher Parteien zum Abschluß gebracht. Da die Regierung ihre Zustimmung erklärt hat, so darf man die von der Kommission beschlossene Neuregelung wohl als endgültig ansehen. In der Budgetkommission dagegen kam es zu lebhaften Kämpfen zwischen der Regierung und den Volksvertretern. Eine ganze Reihe von Gehaltserhöhungen wurden angenommen, trotzdem sie von der Regierung als unannehmbar bezeichnet worden waren. Die Regierung setzt nun ihre Hoffnung auf das Herrenhaus. Die schwersten Kämpfe aber werden erst nach Neujahr kommen in der Steuerfrage. Es ist zu bedauern, daß die Regierung bett gerechten Forderungen des Abgeordnetenhauses so heftigen Widerstand entgegensetzt und lieber die ganze Besoldungsreform scheitern lassen als in der Steuerfrage ein Nachgeben zeigen will. Hoffentlich gelingt es aber doch noch, einen für Regierung und Volksvertretung annehmbaren Mittelweg zn finden.
Die Reichstagsersatzwahl in Mese- ritz »Bomst hat mit dem Siege des konservativen Kandidaten Grafen Westarp geendet. Eine mit aller Macht einsetzende amtliche Wahlmache wie eine in gleichem Maße noch selten gesehene „nationale" Hetze gegen das Zentrum lassen das Resultat nicht überraschend erscheinen. Wenn trotzdem die Stimmenzahl der bereinigten Parteien Zentrum und Polen gegen das Vorjahr nicht abgenommen, sondern sogar noch zugenommen hat, so darf man mit diesem Erfolg schon recht zufrieden sein. Die Wahl hat aber auch gezeigt, wieviel für die Zentrumspartei in dem Wahlkreise Meferitz-Bomst, wie überhaupt in der Ostmark, an Agitation und Organisation noch zu tun ist. Zieht die Zentrumspartei daraus die notwendigen Lehren, fo ist sichere Hoffnung vor- Händen, daß bei der nächsten Wahl der Wahlkreis unser sein wird.
Die B e a m t e n g e h a l t s r e sio r m ist von der verstärkten Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses noch vor Weihnachten ins Trockene gebracht worden, und da das Reich sich wohl nach Preußen richten wird, ist damit auch einige Klarheit für die kommenden Dinge im Reich geschaffen worden. Man hat sich in der zweiten Lesung in der Hauptsache geeinigt und es wird sich jetzt nur noch darum handeln, die Mittel zur Deckung zu beschaffen. Eine übermäßig leichte Aufgabe ist das freilich nicht, denn die Kommission lehnt die dauernde Erhöhung der Einkommensteuer und die Gesellschaftsteuer ebenso entschieden ab, wie die Regierung sie verlangt.
Cipriano C a st r o ist augenblicklich der Mann, von dem man am meisten spricht. In Frankreich ist es dem Präsidenten Castro wenig gut gegangen. Die Presse brachte nicht die übliche Begrüßung, die man sonst bei Ankunft hervorragender Personen lieft, fondern forderte sogar direkt, die Regierung solle den venezolanischen Präsidenten, mit dem Frankreich noch eine Rechnung von früher her ins Reine zu bringen hat, hinter schloß und Riegel bringen und ihn nur gegen Lösegeld freilassen. Castro zog es darauf vor,
Unpolitische Zeitlause.
(::) Berlin, 17. Dezember 1908.
(Nachdruck verboten.)
Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei! — Diele Wahrheit lernt mancher erst zu Weihnachten kennen, wenn er das Fest mit seiner schönen häuslichen Gemütlichkeit an sich Vorbeigehen lassen muß, weil er keinen „Anschluß" hat. Die Seufzer der Vereinsamten steigen jetzt zum Himmel. Als ich vor einem guten Men- schenaller anfing, Weihnachtsartikel und Weih- nachtsgeschichtchen zu schreiben, da waren es immer in ä iinliche Personen, die als melancholische Helden der Einsamkeit auftraten. Jünglinge, die in ihren Lehr- und Wanderjahren aus dem clterlidjen Hause herausgerissen waren und ein neues Heim noch nicht gefunden hatten, sowie Hagestolze in den älteren Jahrgängen, die es zu keinem eigenen Herd gebracht hatten, sie bildeten den dunklen Hintergrund zu dem lichten Bilde der weihnachtlichen, Familienfreuden. Von der unberbeirateten Weiblichkeit nahm man damals noch ohne weiteres an, daß sie irgendwo einen Anschluß an eine Familie, einen Unterschlupf am warmen Herd und am Weihnachtsbaum gefunden hätte. Inzwischen ist das anders geworden: jetzt haben wir auch ein Heer von alleinstehenden Jungfrauen, die ihre Einsamkeit während des Festes besonders schwer fühlen. (Der Ausdruck „Jungfrauen" klingt schon etwas altbÄerlich; die moderne Welt nennt alle ausgewachsene Weiblichkeit in Bausch, und Bogen ,Frauen".) In den Zeitungen bon heute finde ich öffentliche Einladungen, daß bereinfamt weibliche Personen sich am heiligen Abend und an den Feiertagen in den Räumen dieses ober jenes Vereins einfinden möchten, wo sie an einer gemütlichen Weihnachtsfeier teilnehmen könnten.
Wir leben in einer Zeit der Surrogate. Wie für die Butter und den Kaffee, so gibt es auch Surrogate für das Familienleben. Surrogate find Notbehelfe und zeugen bon einem Notstand. Aber sie sind doch wenigstens besser, als gar nichts. > Wer zu Weihnachten sich einsam und berlassen /fühlt, verdient ja mehr ober weniger Mitleid, — jobgestuft nach dem Maße feiner Schuldlosigkeit.
wieder einmal reckst zum Bewußtsein kommt, welch" große Vorzüge das Familienleben vor dem Einzelleben hat, und wieviel Behagen und Segen verloren geht, wenn man allein steht wie ein vereinzelter Baum auf der windigen Heide.
„Ja, man kann doch nicht heiraten unter den jetzigen Verhältnissen." So lautet die landesübliche Antwort auf alle solche Klagen. Der Eine spricht es dem Andern nach, und die Eine spricht es der Andern nach; sie halten sich für bemitleidenswerte Opfer der modernen Entwicklung. Das ist höchstens zu einem Bruchteil wahr. Die angebliche Unmöglichkeit haben sich die Betreffenden oft selbst geschaffen. Die junge Welt will klüger sein, als ihre Eltern, die so „leichtsinnig" waren, sich schon früh „in das Joch der Ehe" zu spannen, sogar in das Joch eines „dürftigen" Hausstandes. Die Jünglinge von heute wollen zum großen Teil „erst das Leben genießen", — obschon dieses Bummelleben eigentlich gar fein menschenwürdiger Genuß ist. Daneben rechnen sie darauf, daß ihnen im Laufe der Jahre ein Goldfisch in die Finger geraten könne. Tie weibliche Jugend ist zum Glück noch nicht so genußsüchtig, aber um so anspruchsvoller. Die Mädchen wollen „selbständig" sein; sie werfen sich auf alle möglichen Berufe, um auch unverheiratet durchs Leben gehen zu können. Das wäre nun an sich nicht schlimm, wenn an der Emcmzi- pationsrose nicht die Dornen ständen: 1. die berufseifrigen Fräulein vernachlässigen oft die Vorbereitung für den -ersten und schönsten und eigentlichen Beruf als Hausfrau und Mutter. 2. In dem Bewußtsein, daß es mit dem Heiraten keine Eile habe, werden sie leicht wählerisch, stoßen brave Bewerber in bescheidener Stellung zurück, warten auf eine „glänzende Partie", altern und verbittern dabei, werden zu unzufriedenen Slofinen. 3. Durch den Wettbewerb der billiger arbeitenden Damen werden den jungen Männern eine Masse von bisherigen Brotstellen in Privatbetrieben und sogar in der Beamtenlaufbahn fortgeschnappt, fo daß für zahllose junge Leute die Möglichkeit, eine Familie zu gründen, fortfällt oder wenigstens weit hinauSgeschoden wird.
Deutsches Keich.
X Gegen einen Verkauf der Schlosser Benrary, Jägerhof und Stolzenfels hat sich die Generalversammlung des Rheinischen Vereins für Denk mafsschutz ausgesprochen. Bei einem etwaigen Verkauf müßten sie als Baudenkmäler erhalten und der Oeffentlichkeit zugänglich bleiben. — Die „Voss. Ztg." bringt einen Beschwichtigungsartikel, in dem es heißt: „Möglich, daß der Erwerb des große Unterhaltungskosten verursachenden Achilleion auf Korfu dazu beigetragen hat, dem Hausministerium den Verkauf anderer Schlösser nahezulegen, möglich, daß weiter die Ausstattung o Soy des ua iers o e Zwiume io zu belasten beginnt, daß auf die Schaffung flüssiger Mittel Bedacht genommen werden muß. In jedem Fall liegt fein Grund vor, an dem Verkauf von deutschem Privatbesitz der Krone, mit dem besondere nationale Erinnerungen nicht verknüpft sind, Anstoß zu nehmen. Im Gegenteil, es kann nur Befriedigung erregen, wenn unnötige Ausgaben des Hofes fortfallen und überflüssiger Luxus begrenzt wird. Es scheint, als ob auch in dieser Hinsicht der 17. November einen Wendepunkt bedeute. Die seitdem gemachten Erfahrungen lassen einen solchen Schluß zu. Ob der Wandel von Dauer fein wird, muß die Zukunft lehren." — Angeblich soll der Fürst zu F ü r st e n b e r g, der jüngst beim Kaiser in Potsdam war, die Absicht haben, einige der Schlosser zu erwerben. Er hals dazu. ।
O Die Austrittsbewegung aus der protestantischen Kirche nimmt in Berlin immer größere Dimensionen an. Die Zahl der für 1908 erfolgten oder angemeldeten Austritte (mindestens 10 000) wird die des Vorjahres bedeutend übersteigen. Bis zu 300 Anmeldungen sollen täglich bei dem Amtsgericht eingehen und 5 Hilfskräfte zur Bearbeitung der Austrittsgesuche angestellt worden sein. Unter diesen Umständen kann von einer künstlich hervorgerufenen Bewegung, die bald abflauen werde, nicht die Rede fein. Fragen wir nach der Ursache, fo verweist man gewöhnlich auf die Kirchensteuern. Auch die Austretenden selbst geben sie gern als Grund an; und gewiß ist das Verlangen, von der Kirchensteuer befreit zu sein, in vielen Fällen bei unmittelbare A n laß zur Austrittserklärung, zumal jetzt infolge der Neuordnung der Einkommensteuer zahlreiche Personen zur Kirchensteuer herangezogen werden, die früher, weil man ihr Einkommen unterschätzte, von der Kirchensteuer befreit waren. Sie machen ihrem Aerger übet die vermehrte Steuerlast dadurch Luft, daß sie die einzige Steuer, der sie sich entziehen können nämlich die Kirck-ensteuer, durch ihre Austrittserklärung von sich abwälzen. So mag die Steuer