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JV§ 293.

Fulda, Samstaq den 19. Dezember 1908.

35. Jahrqanq.

Zweites Wtcrtt

Im großen und ganzen ist es aber bet modernen j Wer vermag diese Wurzeln des Nebels zu be-

fettigen? Man kann nur den einzelnen Beteilig

Menschheit ganz gesund, daß zu Weihnachten oder bei sonstigen guten Gelegenheiten den Leuten

den Wiener Standpunkt gebilligt. Natürlich wer­den die übrigen Großmächte gegen eine solche Er­ledigung der heiklen Frage keinen Einwand er­heben, und die kleineren Mächte, besonders Ser­bien und Montenegro werden sich fügen müssen. Doch das Verhältnis zwischen der Psorte und der Donaumonarchie hat sich wieder bedeutend gebessert. Die türkische Regierung nimmt keine Partei für die Boykottbewegung gegen Oester­reich sondern bekämpft sie gemäß ihren Verspre­chen nach Kräften. Der Boykott hat indes nicht nur nicht abgenommen, sondern sich noch bedeu­tend verschärft.

so rasch wie möglich den ungastlichen Boden der Republik zu verlassen. Jetzt weilt er in Berlin. Er will sich dort einer Operation unterziehen, uin von seinem Nierenleiden befreit zu werden. Unterdessen nehmen die Zwistigkeiten zwischen Holland und Venezuela ihren Fortgang. Nach­dem dieser Tage erst die Holländer das venezo­lanische Kriegsschiff „Alix" eingebracht haben, be- richtet der Draht, daß die holländischen Kriegs­schiffe nun auch den venezolanischen Regienmgs- schuner „23 de Mayo" beschlagnahmt hätten. Es handelt sich um Repressalien, durch welche Holland Venezuela zur Erfüllung aller Forderungen zwin­gen will. Nach neueren Nachrichten hat Vene­zuela daraufhin an Holland den Krieg erklärt.

Der Boykott in Böhmen, den die Tschechen und Deutschen gegenseitig inszenierten, hat an Bedeutung stark verloren. Das über Prag ver­hängte Standrecht ist aufgehoben worden, sodaß 11861t damit rechnen kann, daß die Ruhe bald wie­der völlig hergestellt ist. Die Tschechen versuchten zwar am Dienstag der österreichischen Regierung einen kräftigen Stoß zu versetzen, indem sie durch die iiblichen Radauszenen im Abgeordnetenhause die Bewilligung des Budgets-Provisoriums zu verhindern gedachten. Doch gelang es ihnen nicht. Das Provisorium wurde mit Hilfe der Sozialdemokraten nach heftiger Debatte bewilligt. Dadurch ist der Wiener Regierung eine größere Aktionsfreiheit auf dem Balkan gewährt.

Die Fremdenlegion macht wieder ein­mal in wenig erfreulicher Weise von sich reden. 50 Legionäre machten einen Anschlag auf einen Eisenbahnzug, den sie auf freier Strecke halten ließen und zur Umkehr veranlaßten. Die Deser­teure, an deren Spitze ein Soldat stand, der sich als Offizier verkleidet hatte, machten sich darauf aus dem Staube, doch sind sie inzwischen sämtlich wieder eingefangen worden. Der „Temps" weiß zu melden, daß sich die aufständischen Soldaten ausnahmslos aus deutschen Deserteuren zusam- mensetzen. Man darf wohl behaupten, daß diese Flüchtlinge sich wohl nicht ohne Grund von ihrem Truppenteil entfernt haben. Französische Blät­ter regen sich weiter darüber auf, daß es die Deutschen sind, welche derartige Ausschreitungen begehen. Wir wüßten dem „Temps" und der französischen Regierung ein vorzügliches Mittel: sie soll einfach den deutschen Deserteuren den Eintritt in die Legion verweigern und es fo machen, wie beispielsweise die deutsche Regierung, welche Deserteure anderer Nationen einfach nach einem anderen, von den Deserteuren zu bestim­menden Grenzland abschiebt. Sie täte damit den unbesonnenen jungen Leuten, welche vielfach in einem Momente der Kopflosigkeit ihren Truppen­teil verlassen, einen großen Gefallen, indem sie sie bot einem frühen und jammervollen Tod be­wahrte, dem die meisten Desertenre nach unsäg­lichen Qualen in der Fremdenlegion zum Opfer fallen.

Die Balkankrisis hat erfreulicherweise an Schärfe bedeutend verloren. Oesterreich- Ungarn und Rußland scheinen sich dahin geeinigt zu haben, daß die Frage der Annexion Bosniens und der Herzegowina zwar den Gegenstand von poliiisck>en Verhandlungen bilden soll, daß sie aber nicht auf der beabsichtigten Konferenz, son­dern schon vorher durch Verhandlungen von Ka­binett zu Kabinett erledigt werden solle. Dis russische Antwortnote auf die bezüglichen Vor­schläge der Donaumonarchie ist bereits abgegan­gen, und hat auch nach zuverlässigen Meldungen

schwierige Sachen häufig „dilatorisch", d. h. fit zögern die unbequeme oder gefährliche Entschei­dung möglichst lange hinaus. Dabei können sie freilich in noch größere Schwierigkeiten geraten, aus dem Regen in die Traufe kommen. Die Eheschließung. erfordert Klugheit, doch keine Diplomatenkniffe. Ter gerade Weg ist der beste, und wenn ein Mann, der diesen Namen verdient, nach gründlicher Prüfung und Ueberzeugung er­kannt hat, daß seine Neigung auf eine wirklich geeignete Persönlichkeit gefallen ist, dann wirt er auch alsbald die Sache in Ordnung bringen. Das Hinschleppen in Unklarheit Entspringt ent­weder einer unmännlichen Feigheit oder gar der arglistigen Spekulation, ob sich nicht noch eint „bessere Partie" bieten könnte. Solche Hinter­hältigkeit wäre weder anständig noch christlich. Wer Hoffnungen erweckt und dann wieder mut­willig knickt, ladet auf sein Gewissen die verur­sachten Schmerzen und Schäden. Die nötige Vor- Prüfung kann erfolgen, ehe man irgend eine Ver­bindlichkeit begründet hat. Sind berechtigte Hoffnungen erweckt, so dürfen sie nur aus ernsten Gründen enttäuscht werden, nicht aus Eigennutz oder Laune. Darum könnte man den Dichter­spruch auch so fassen: Drum prüfe, ehe du ihr Herzchen bindest!

Bei gutem Willen und etwas Geschick kann der Einzelne die Gefahren der modernen Ehescheu und Eheflucht wohl für sich ausgleichen. Aller- diugs wird immer noch eine Anzahl boij. Einsied­lern Zurückbleiben müssen, die an den höchsten Festtagen des Familienlebens verstimmt dasitzen. Zu den Aufgaben der christlichen Liebe gehört es auch, diesen Vereinsamten etwas Trost und Er­quickung zu bieten. Die Männer und Frauen, die ein behagliches Nest am warmen Herde gefun­den haben, follten besonders diejenigen in ihren geselligen Verkehr ziehen, die „den Anschluß ver­paßt haben". Hub zwar nicht etwa bloß in die steife Geselligkeit bei den üblichen Abfütterungen, sondern in einen zwanglosen, herzlichen, gemüt­lichen Verkehr. Ebenso sollte man sich bemühen, den jüngeren Leuten in ihrem Zwischenstande zwischen dem Vaterhaus und der eigenen Häus­lichkeit möglichst viel Anschluß an das Familien­leben zu ermöglichen. Die Einsamkeit kann sonst leicht zur Verödung von Herz und Sitte führen.

ten den guten Rat geben: Sieh du für deinen Teil zu, daß du den rechten Anschluß nicht ver­passest! Halt dir die Vorteile eines christlich- deutschen Familienlebens vor Augen und scheue dich nicht vor den entsprechenden Pflichten, die nicht so drückend sind, wie die modernen Jrr- lehrer sie dir schildern wollen. In der „Frei­heit", die du als vereinzelter Mensch hast, steckt doch wahrlich nicht der rechte Frieden und Segen. Wenn man das Familienleben als ein Dasein in Banden dir hinstellen will, so glaube nicht daran, sondern denke zurück an das glückselige Dasein, das deine Eltern und deren Anverwandte in ihrer „Gebundenheit" geführt haben. In der schönen Ordnung des echten Familienlebens ent­fallet sich der Wunsch erst in der rechten Freiheit. Die sogen. Ketten find, wenn die Sache vernünf­tig begründet und fortgeführt wird, Nosenketten. Wie mancher, der früher über das „Joch der Ehe" gespöttelt hat, beneidet nachher die Freunde, die rechtzeitig eine bessere Hälfte und hoffnungs­volle Kinder sich errungen haben. „Zu spät", seufzt er dann und tappt in seiner Einsiedelei weiter, die ein Elend ist, auch wenn die Geldmit­tel da sind, um sie äußerlich glänzend zu machen.

Wo der Wille ist, da ist auch ein Weg. Wer vernünftig erkennt, was ihm gut ist, der findet auch unter den moderen Verhältnissen den Weg zum warmen, eigenen Herde. Und ein gesundes, braves Mädchen braucht auch nicht zu verzagen. Allerdings — wer zu hoch fliegen will, der kommt nicht ans Ziel. Ein Mädchen, das nichts hat, kann wohl von einem vernünftigen Mann gefreit werden, aber ein Mädchen, das nichts kann in dem hausfraulichen Beruf, wer soll die wählen? Große Ansprüche machen und nichts mitbringen als ein schnippisches Näschen, — die Ehe nur als eine reichliche Versorgungsanstalt betrachten und von den häuslichen Pflichten keine Ahnung zu haben — das kann wahrlich nicht verlockend wir­ken. Ein junger Mann müßte doch schon ganz verblendet sein, wenn er statt eines gemütlichen Hausmütterchens sich fo ein Hauskreuz wählen sollte

„Prüfe, wer sich ewig bindet", sagt der Dich­ter mit Stedjt. Aber es heißt nicht: Prüfe ewig, wer sich binden will. Die Diplomaten behandeln

wochen-Rundschau.

[:] FuIdä, 18. Dezember 1908.

Es geht was vor, man weiß nur nicht was — hinter den Kulissen nämlich. Die bis­weilen aus besonderen Quellen gespeiste „Neue Ges. Kocr." brachte vor einigen Tagen einen schon erwähnten Artikel, der sich gegen „jene ge­wissenlose Sorte von Männern" richtete, die „fürchten, der Ernst des Herrscherberufs könnte von Zukunft ab sie und ihr inhaltloses, aber glän­zendes Leben, wie verdient, in den Hintergrund schieben und ihre Rollen verkleinern. Kaiser Wilhelm dürfte, besonders nach den jüngsten Er­fahrungen, sich hüten, den Reaktionären, die nie­mals ihre Zeit, nur ihre eigensten Interessen ver­stehen, sein Ohr zu leihen. Das wäre der Banke­rott der Krone." Die offiziöse „Köln. Ztg." bemerkte dazu, die Veröffentlichung bestätigt, daß „nach dem Sturze der einen Kamarilla, Eulen­burg und Genossen, bereits eine neue sich gebildet hat, die der Existenz Bülows gefährlich zu werden beginnt. Die Gefahr, die ihn bedroht, ist dauernd. Persönliches Regiment und Kamarilla sind ein­ander ergänzende Institutionen, und so geht der Kampf weiter, und diese Veröffentlichung der „Köln. Ztg." ist der Schuß, der gegen das per­sönliche Regiment von sorgenden Freunden des Kanzlers abgefeuert wird. Der Alarm setzte sich dann durch den Blockblätterwald fort. Man sprach von geheimen Umtrieben gegen die Person des Kanzlers und von den Bemühungen unge­nannter Persönlichkeiten, dem Kaiser die Mei­nung beizubringen, daß die Angriffe auf das persönliche Regiment ungerechtfertigt gewesen feien und seine ihm vom Fürsten Bülow diktierte Erklärung vom 17. November dem Ansehen der kaiserlichen Krone geschadet habe. Wie auf Kom­mando ertönen aber jetzt wieder die offiziösen Beschwichtigungsklänge, daß der Alarm unnötig und unbegründet gewesen. Ist danach anzuneh­men, daß die Warnrufe ihren Zweck erfüllt ha­ben? Die Aktion, die augenscheinlich vom Für­sten Bülow selbst inspiriert worden ist, hatte die ersichtliche Absicht, die Stellung des Kanz­lers zu festigen. Daß er seit den Novem­bertagen an das Vertrauen des Kaisers in erheblichem Maße verloren habe, wird zwar von der ihm ergebenen Presse lebhaft be­stritten, ist aber trotzdem wahr und bei der Cha­rakterveranlagung des Kaisers nicht weiter ver­wunderlich. Es geht das Gerücht, daß der Kanz­ler schon während der Weihnachtsferien den Ab­schied erhallen werde. Möglich wäre es schon, aber es erscheint in der gegenwärtigen politisck-en Situation nicht gerade wahrscheinlich, auch nicht wünschenswert. Fürst Bülow mag die Aussicht, durch Hofintriguen und Kamarilleupolitik ge­stürzt zu werden, wenig angenehm fein; er möge indes bedenken, daß auch er felbst auf diesem Wege zur höchsten Würde gelangt ist und daß auchUne politische Tätigkeit nicht mehr von sach­lichen Motiven geleitet ist, sondern in Zweck und Mitteln von dem Wirken seiner höfischen Gegner der Art nach sich in nichts unterscheidet. Wie der Kampf hinter den Kulissen auch enden möge, das deutsche Volk hat keinen Anlaß, für eine der bei­den Parteien Stellung zu nehmen. Einen natio­

nalen Schmerz wird der Rücktritt des Fürsten Bülow jedenfalls nicht erwecken.

Im preußischen Abgeordneten Hause herrschte in diefer Woche reges Leben. Die ver­stärkte Budgetkommission und die Lehrerbesol­dungskommission berieten über die Neuregelung der Gehälter in zweiter — entscheidender — Lesung. Die Lehrerbesoldungsreform wurde auf Grund eines Kompromisses sämtlicher Parteien zum Abschluß gebracht. Da die Regierung ihre Zustimmung erklärt hat, so darf man die von der Kommission beschlossene Neuregelung wohl als endgültig ansehen. In der Budgetkommission dagegen kam es zu lebhaften Kämpfen zwischen der Regierung und den Volksvertretern. Eine ganze Reihe von Gehaltserhöhungen wurden an­genommen, trotzdem sie von der Regierung als unannehmbar bezeichnet worden waren. Die Re­gierung setzt nun ihre Hoffnung auf das Herren­haus. Die schwersten Kämpfe aber werden erst nach Neujahr kommen in der Steuerfrage. Es ist zu bedauern, daß die Regierung bett gerechten Forderungen des Abgeordnetenhauses so heftigen Widerstand entgegensetzt und lieber die ganze Be­soldungsreform scheitern lassen als in der Steuer­frage ein Nachgeben zeigen will. Hoffentlich ge­lingt es aber doch noch, einen für Regierung und Volksvertretung annehmbaren Mittelweg zn fin­den.

Die Reichstagsersatzwahl in Mese- ritz »Bomst hat mit dem Siege des konserva­tiven Kandidaten Grafen Westarp geendet. Eine mit aller Macht einsetzende amtliche Wahlmache wie eine in gleichem Maße noch selten gesehene „nationale" Hetze gegen das Zentrum lassen das Resultat nicht überraschend erscheinen. Wenn trotzdem die Stimmenzahl der bereinigten Par­teien Zentrum und Polen gegen das Vorjahr nicht abgenommen, sondern sogar noch zugenom­men hat, so darf man mit diesem Erfolg schon recht zufrieden sein. Die Wahl hat aber auch ge­zeigt, wieviel für die Zentrumspartei in dem Wahlkreise Meferitz-Bomst, wie überhaupt in der Ostmark, an Agitation und Organisation noch zu tun ist. Zieht die Zentrumspartei daraus die notwendigen Lehren, fo ist sichere Hoffnung vor- Händen, daß bei der nächsten Wahl der Wahlkreis unser sein wird.

Die B e a m t e n g e h a l t s r e sio r m ist von der verstärkten Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses noch vor Weihnachten ins Trockene gebracht worden, und da das Reich sich wohl nach Preußen richten wird, ist damit auch einige Klarheit für die kommenden Dinge im Reich geschaffen worden. Man hat sich in der zweiten Lesung in der Hauptsache geeinigt und es wird sich jetzt nur noch darum handeln, die Mit­tel zur Deckung zu beschaffen. Eine übermäßig leichte Aufgabe ist das freilich nicht, denn die Kommission lehnt die dauernde Erhöhung der Einkommensteuer und die Gesellschaftsteuer eben­so entschieden ab, wie die Regierung sie verlangt.

Cipriano C a st r o ist augenblicklich der Mann, von dem man am meisten spricht. In Frankreich ist es dem Präsidenten Castro wenig gut ge­gangen. Die Presse brachte nicht die übliche Be­grüßung, die man sonst bei Ankunft hervorragen­der Personen lieft, fondern forderte sogar direkt, die Regierung solle den venezolanischen Präsiden­ten, mit dem Frankreich noch eine Rechnung von früher her ins Reine zu bringen hat, hinter schloß und Riegel bringen und ihn nur gegen Lösegeld freilassen. Castro zog es darauf vor,

Unpolitische Zeitlause.

(::) Berlin, 17. Dezember 1908.

(Nachdruck verboten.)

Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei! — Diele Wahrheit lernt mancher erst zu Weih­nachten kennen, wenn er das Fest mit seiner schönen häuslichen Gemütlichkeit an sich Vorbei­gehen lassen muß, weil er keinen „Anschluß" hat. Die Seufzer der Vereinsamten steigen jetzt zum Himmel. Als ich vor einem guten Men- schenaller anfing, Weihnachtsartikel und Weih- nachtsgeschichtchen zu schreiben, da waren es im­mer in ä iinliche Personen, die als melancho­lische Helden der Einsamkeit auftraten. Jüng­linge, die in ihren Lehr- und Wanderjahren aus dem clterlidjen Hause herausgerissen waren und ein neues Heim noch nicht gefunden hatten, sowie Hagestolze in den älteren Jahrgängen, die es zu keinem eigenen Herd gebracht hatten, sie bildeten den dunklen Hintergrund zu dem lichten Bilde der weihnachtlichen, Familienfreuden. Von der unberbeirateten Weiblichkeit nahm man damals noch ohne weiteres an, daß sie irgendwo einen Anschluß an eine Familie, einen Unterschlupf am warmen Herd und am Weihnachtsbaum gefunden hätte. Inzwischen ist das anders geworden: jetzt haben wir auch ein Heer von alleinstehenden Jungfrauen, die ihre Einsamkeit während des Festes besonders schwer fühlen. (Der Ausdruck „Jungfrauen" klingt schon etwas altbÄerlich; die moderne Welt nennt alle ausgewachsene Weib­lichkeit in Bausch, und Bogen ,Frauen".) In den Zeitungen bon heute finde ich öffentliche Ein­ladungen, daß bereinfamt weibliche Personen sich am heiligen Abend und an den Feiertagen in den Räumen dieses ober jenes Vereins einfinden möchten, wo sie an einer gemütlichen Weihnachts­feier teilnehmen könnten.

Wir leben in einer Zeit der Surrogate. Wie für die Butter und den Kaffee, so gibt es auch Surrogate für das Familienleben. Surrogate find Notbehelfe und zeugen bon einem Notstand. Aber sie sind doch wenigstens besser, als gar nichts. > Wer zu Weihnachten sich einsam und berlassen /fühlt, verdient ja mehr ober weniger Mitleid, — jobgestuft nach dem Maße feiner Schuldlosigkeit.

wieder einmal reckst zum Bewußtsein kommt, welch" große Vorzüge das Familienleben vor dem Einzelleben hat, und wieviel Behagen und Segen verloren geht, wenn man allein steht wie ein ver­einzelter Baum auf der windigen Heide.

„Ja, man kann doch nicht heiraten unter den jetzigen Verhältnissen." So lautet die lan­desübliche Antwort auf alle solche Klagen. Der Eine spricht es dem Andern nach, und die Eine spricht es der Andern nach; sie halten sich für bemitleidenswerte Opfer der modernen Entwick­lung. Das ist höchstens zu einem Bruchteil wahr. Die angebliche Unmöglichkeit haben sich die Be­treffenden oft selbst geschaffen. Die junge Welt will klüger sein, als ihre Eltern, die so „leicht­sinnig" waren, sich schon früh „in das Joch der Ehe" zu spannen, sogar in das Joch eines „dürf­tigen" Hausstandes. Die Jünglinge von heute wollen zum großen Teil „erst das Leben genie­ßen", — obschon dieses Bummelleben eigentlich gar fein menschenwürdiger Genuß ist. Daneben rechnen sie darauf, daß ihnen im Laufe der Jahre ein Goldfisch in die Finger geraten könne. Tie weibliche Jugend ist zum Glück noch nicht so ge­nußsüchtig, aber um so anspruchsvoller. Die Mädchen wollen „selbständig" sein; sie werfen sich auf alle möglichen Berufe, um auch unverhei­ratet durchs Leben gehen zu können. Das wäre nun an sich nicht schlimm, wenn an der Emcmzi- pationsrose nicht die Dornen ständen: 1. die be­rufseifrigen Fräulein vernachlässigen oft die Vorbereitung für den -ersten und schönsten und eigentlichen Beruf als Hausfrau und Mutter. 2. In dem Bewußtsein, daß es mit dem Heiraten keine Eile habe, werden sie leicht wählerisch, sto­ßen brave Bewerber in bescheidener Stellung zu­rück, warten auf eine „glänzende Partie", altern und verbittern dabei, werden zu unzufriedenen Slofinen. 3. Durch den Wettbewerb der billiger arbeitenden Damen werden den jungen Män­nern eine Masse von bisherigen Brotstellen in Privatbetrieben und sogar in der Beamtenlauf­bahn fortgeschnappt, fo daß für zahllose junge Leute die Möglichkeit, eine Familie zu gründen, fortfällt oder wenigstens weit hinauSgeschoden wird.

Deutsches Keich.

X Gegen einen Verkauf der Schlosser Benrary, Jägerhof und Stolzenfels hat sich die General­versammlung des Rheinischen Vereins für Denk mafsschutz ausgesprochen. Bei einem etwaigen Verkauf müßten sie als Baudenkmäler erhalten und der Oeffentlichkeit zugänglich bleiben. — Die „Voss. Ztg." bringt einen Beschwichtigungs­artikel, in dem es heißt: „Möglich, daß der Er­werb des große Unterhaltungskosten verursachen­den Achilleion auf Korfu dazu beigetragen hat, dem Hausministerium den Verkauf anderer Schlösser nahezulegen, möglich, daß weiter die Ausstattung o Soy des ua iers o e Zwiume io zu belasten beginnt, daß auf die Schaffung flüs­siger Mittel Bedacht genommen werden muß. In jedem Fall liegt fein Grund vor, an dem Verkauf von deutschem Privatbesitz der Krone, mit dem besondere nationale Erinnerungen nicht ver­knüpft sind, Anstoß zu nehmen. Im Gegenteil, es kann nur Befriedigung erregen, wenn un­nötige Ausgaben des Hofes fortfallen und über­flüssiger Luxus begrenzt wird. Es scheint, als ob auch in dieser Hinsicht der 17. November einen Wendepunkt bedeute. Die seitdem gemachten Er­fahrungen lassen einen solchen Schluß zu. Ob der Wandel von Dauer fein wird, muß die Zu­kunft lehren." — Angeblich soll der Fürst zu F ü r st e n b e r g, der jüngst beim Kaiser in Pots­dam war, die Absicht haben, einige der Schlosser zu erwerben. Er hals dazu. ।

O Die Austrittsbewegung aus der pro­testantischen Kirche nimmt in Berlin immer größere Dimensionen an. Die Zahl der für 1908 erfolgten oder angemeldeten Austritte (mindestens 10 000) wird die des Vorjahres be­deutend übersteigen. Bis zu 300 Anmeldungen sollen täglich bei dem Amtsgericht eingehen und 5 Hilfskräfte zur Bearbeitung der Austrittsge­suche angestellt worden sein. Unter diesen Um­ständen kann von einer künstlich hervorgerufenen Bewegung, die bald abflauen werde, nicht die Rede fein. Fragen wir nach der Ursache, fo ver­weist man gewöhnlich auf die Kirchensteuern. Auch die Austretenden selbst geben sie gern als Grund an; und gewiß ist das Verlangen, von der Kirchensteuer befreit zu sein, in vielen Fällen bei unmittelbare A n laß zur Austrittserklärung, zu­mal jetzt infolge der Neuordnung der Einkom­mensteuer zahlreiche Personen zur Kirchensteuer herangezogen werden, die früher, weil man ihr Einkommen unterschätzte, von der Kirchensteuer befreit waren. Sie machen ihrem Aerger übet die vermehrte Steuerlast dadurch Luft, daß sie die einzige Steuer, der sie sich entziehen können nämlich die Kirck-ensteuer, durch ihre Austritts­erklärung von sich abwälzen. So mag die Steuer­