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Rotationsdruckund Verlag der Luldaer Ak- ttendruckrrei in Lulda

Zernsprecher Ur. 9.

JV3 293.

Fulda, Samstaq den 19. Dezember 1908.

35. Jahrqana.

Wiertes Matt.

0. Bei den protestantischen Maturen.

Der ärmste der ostpreutzischen Gaue — M a- suren — wird in neuerer Zeit viel genannt. Die masurischen Prachtwälder und die melan­cholischen Seen ziehen auch solche Touristen aus der Ferne an, welche des Großartigen und Er­habenen so viel gesehen haben, daß sie hum Aus­gleich einmal die masurische Idylle genießen mö­gen. Der Bau des vielgerühmten Schiffahrts­kanals wird Handel und Wandel in die entlegene Landschaft ziehen und mancl)es andere Gute, sicher aber auch vieles weniger Erwünschte, wie über­haupt derartige Unternehmungen, im Gefolge haben.

Mehr »och interessieren die religiösen und sprachlichen Verhältnisse Masurens. Die Masu­ren sind bekanntlich ein polnischer Volksftamm, dessen Angehörige zum Unterschiede von den eigentlichen Polen aber evangelisch sind. Deni Wunsche des Vorsitzenden der Synodalkommission für ostpreußische Kirchengeschichte Folge leistend, hat Pfarrer Paul Hensel in Johannisburg einen Beitrag zur Frage der „katholischen Propa­ganda" in Königsberg unter der Ueberschrift: „Die evangelischen Masuren in ihr er kirchlichen und nationalen Eigen- a r t" veröffentlicht, der des Bemerkenswerten ge­nugsam bietet.

Während Hensel Land und Leute als genauer Kenner dec einschlägigen Verhältnisse hu ganzen getreu und unparteiisch schildert, huldigt er in bezug auf den Katholizismus den schlimmsten Vor­urteilen. Hierauf foll aber an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

Am meisten interessieren den Katholiken jene Mitteilungen der Broschüre, welche sich mit den bei den Masuren bis heute beobachteten katho­lischen Gebräuchen befassen. In nach­stehendem folgen nähere Angaben, welche durch eigene Beobachtungen noch ergänzt werden.

, Vor dem Altar verneigt sich der Masure beim Eintreten und Verlassen des Gotteshauses. Die Worte in der Broschüre „und vieles andere mehr" lassen auf noch andere katholische Gebräuche schlie- ßen. Nicht selten machen die Leute das Zeichen des Kreuzes. Nach einer seltener werdenden Sitte machen es die Fuhrleute vor Beginn der Fahrt, damit kein Rad zerbreche. Hensel spricht von einer „abergläubischen Weise". Nach unserer Meinung foll das Kreuzzeichen zu einer glücklichen Fahrt verhelfen, was namentlich bei den Wegeverhält­nissen früherer Zeit erklärlich erscheint.

Oft werden Opfergaben, meist zur Abwen­dung von Krankheit oder einer anderen leiblichen Not, auf dem Altäre niedergelegt. Nicht selten in drei Kirchen, wovon am besten die eine katho­lisch ist. Besonders am Tage der Verklärung Christi werden „scharenweise" katholische Kirchen ausgesucht und Opfer am Altäre niedergelegt. Manche protestantische Geistliche haben sich ver­anlaßt gesehen, an diesem Tage evangelische An­dachten einzurichten, um den Besuch des katho­lischen Gottesdienstes zu verhindern.

Die Wallfahrten nach Heiligelinde mögen wohl infolge des steten Eifern dagegen niidjge- lassen haben, sie sind jebodj namentlich am Feste Peter und Paul immer noch zahlreich. Nach alter Tradition wohnten die Protestanten der nm vier Uhr gefeierten hl. Messe bei, die unseres Wissens jedoch leider abgeschafft worden ist. Aber auch während der übrigen Andachten sieht man Ma- suren in der Kirche, wie sie Kerzen in der Hand halten und aus ihrem Kancyonal singen zum Ausdruck ihrer unauslöschlichen Liebe zur Mut­tergottes. Vielleicht wird diese Treue dazu die­nen, nm die bedauernswerten Leute, welche Her­zog Albrecht nur durch List und Gewalt der Mut- terkirche entfremdet hat, für die Kirche Christi wiederzugewinnem Man sieht selbst protestan­tische Masuren, wie von unwiderstehlicher Gewalt gedrängt, sich dem Beichtstuhl oder der Kommu- nionbank nahen. Von der Hostie haben sie meist die Vorstellung der Katholiken und nennen sie noch heute cialo Boze ,das heißt Leib Gottes. Die Anzahl der Kommunikanten ist iin Hinblick auf die deutschen Gemeinden außerordentlich hoch, sie beträgt bis 100 Prozent und darüber. Nach dem Abendmahl beten die Masuren knieend in tiefer Andacht.

Außer dem 6. August feiern die Masuren noch verschiedene andere katholische Feiertags durch Enthaltung knechtischer Arbeit. Auch das Fasten beobachten sie nach althergebrachter Sitte. Man erzählt, daß die Protestanten darüber Aergernis empfanden, als der erste katholische Pfarrer nach Osterrade gekommen war und dessen Leute an einem Multergottestage, den die Kirche auf den Sonntag verlegt hat, im Garten arbeiteten Ka- tholische Bilder in recht grellen Farben, mitunter selbst den heiligen Vater, sieht man häufig in ihren Wohnungen. Ueberhaupt hängt der Masure sehr zähe am Althergebrachten.

Mit großer Begeisterung und einer bei den Deutschen ungewohnten Ausdauer singt der Ma- sure in der Kirche. Dann tönt's wie ein rauschen­des Meer durch das Gotteshaus: „0 Jezusie, zbaw ma’ dusze" (Jesu, rette meine Seele) oder „Pola juz biale" (Tas Feld ist weiß), sodaß der Orgelklang in dem Gesangesrauschen ohnmächtig untergeht. Hensel erwähnt, daß die Masuren (ganz wie dis katholischen Polen) schon eine

Stunde vor Beginn des Gottesdienstes ein Lied anstimmen.

Bei den Toten wird jeden Abend von Haus­genossen und Nachbarn gesungen. Zu beiden Sei- tcn des Sarges sitzen auf langen Brettern und Stühlen die singenden Männer und Frauen. Auch am Begräbnistage wird viel gesungen, noch ehe der Geistliche da ist. Die Friedhöfe sehen ver­wildert aus, dagegen ist es auffallend, daß der Verstorbenen noch jahrelang in einer kirchlichen Fürbitte gedacht wird. Der kindlich fromme Sinn der Masuren läßt sie das Sterben nicht schrecklich finden. Beim Läuten der Kirchenglo­cken wird selbst auf der Straße das Haupt ent- blößt. Nicht wenige Masuren besitzen eine er­staunliche Bibelkenntnis, sodaß sie selbst jüngere Geistliche in Verlegenheit setzen.

Trotz ihrer Vorliebe für Festfeiern schätzen sie das. Erntefest, den Bußtag und die Totenfeier wenig. Ten Bußtag als swieto krolewskie (kö­nigliches Fest) wollen sie durchaus nicht aner­kennen.

Mehr noch als den deutschen Protestanten nei­gen die Masuren zum Sektenwesen, weil sie bei der Kälte der Landeskirche darin mehr Betäti­gung für ihren religiösen' Sinn finden. Beson­ders die Geeminschaftsbewegung, gromadki — Häuflein genannt, erfüllt die Pastoren mit Sorge.

Das, was Hensel über den Aberglauben der Masuren, die Trunksucht, den Hang zur Unauf­richtigkeit und ihre guten Eigenschaften wie Gut­mütigkeit,, Anspruchslosigkeit, Königstreue sagt, mag an dieser Stelle nur gestreift werden. Von einer „katholischen Propaganda" ist bisher in Masuren keine Spur vorhanden, man müßte denn die kirchliche Versorgung zerstreut lebender Glau­bensgenossen, die rein zufällige Ansiedelung von Katholiken aus Ermland und Westpreußen dafür ansehen. Hensel erblickt freilich in allem System, die aufgeregte Phantasie sieht eben überall An­strengungen des Katholizismus, Ultramontanis- mus und Jesuitismus.

X Zur Aufbewahrung des Obstes.

„Unsere Aepfel sind stark am Faulen, das macht gelviß die anhaltend milde Witterung", so hörten wir vor einigen Tagen eine Hausfrau jammern. Nein, auf die milde Witterung ist das Faulen der Aepfel nicht zurückzuführen, Jeden­falls hapert es hier mit dem Aufbewahrungs­raum.

Wo und wie Aepfel und Birnen am besten und längsten sich aufbewahren lassen, darüber sind die verschiedenartigsten Versuche gemacht worden; aber die Ansichten, auch diejenigen der Fachleute, gehen darin vielfach auseinander. Tie einen sagen, daß der Lagerraum kühl, aber trocken und luftig sein müsse, die anderen geben mäßig feuch­ten Räumen, tote Kellern, den Vorzug. Jene wollen die wertvollen Früchte in Seidenpapier ausbewahren, diese legen ihr Obst frei auf Stel­lagen und decken es nur bei Frostgefahr zu. Einige empfehlen die Aufbewahrung in trockenem Sande, andere sprechen sich für Torfmull aus. Obne uns von vornherein für das eine oder das andere entscheiden zü wollen, möchten wir zu-' nächst das Für und Wider der verschiedenen; Lagerräume und Aufbewahrnngsmethoden etwas näher uns anseheu. Nehmen wir an, der Lager- tnum fei trocken, warm und luftig. Jeder Obst­züchter wird, die Erfahrung gemacht haben, daß das Obst bei der Aufbewahrung, namentlich in der erften Zeit, bedeutende Gewichtsverluste er- leidet, und zwar sind diese Verluste bei den ein­zelnen Sorten und je nach der Beschaffenheit des Obstes bei der Ernte verschieden. Man hat ge­funden, daß die rauhschaligen Aepfel int allge­meinen größere Verluste erleiden, als die glatt- fchaligen. Große vollsaftige Früchte mit poröser weicher Schale verlieren auf dem Lager mehr an Gewicht als mittlere, feste Ware. Dasjenige, was verloren geht, ist Wasser. Es ist nun klar, daß in trockenen, wannen Aufbewahrungsräu­men die Wasserverdunstung des Obstes größer ist, als in kühlem, feuchtem Lagerraum. Mithin welken in einem solchen Raume die Früchte weit mehr, als au kühlen, mäßig feuchten Orten. Auch wird da§ Obst eher kagerreif, und dadurch wird seine Haltbarkeit beeinträchtigt. Dagegen be­halten die Früchte an luftigen, trockenen Orten am besten ihren Wohlgeschmack. In kühlen und feuchten Räumen (z. B. in Kellern) geht die Wasserverdunstnng viel langsamer vor sich, die Lagerreife tritt mithin >rft später ein und das Obst hält sich in Folge dessen länger. Auch bleibt es saftiger. Wenn ein solcher Aufbewahrungs­ort aber nicht sehr häufig und gründlich gelüftet total, so nehmen die Früchte leicht einen unange­nehmen Geschmack an. „Der Apfel schmeckt nach dem Keller," hört man darum zuweilen sagen. Der hohe Wassergehalt der Früchte beschleunigte die Fäulnis derselben, namentlich, wenn die Ver­dunstung des Wassers sehr langsam stattfindet, tote dtes in feuchten, kühlen Räumen der Fall ist. Um nun die Wasserverdunstung vor der Lagerung des Obstes vor sich gehen zu lassen, wendet man ein eigentümliches Verfahren an, man läßt das Obst schwitzen, d. h. man schüttet es nach der Ernte auf etwa meterhohe Haufen und läßt es so eine Zeit lang liegen. Die Früchte ent­wickeln bei dieser Lagerung eine gewisse Wärme,; und es verdunstet der größte Teil des überflüs­sigen Wassers, ohne daß ein Welken der Früchte eintritt. Es ist klar, daß ganz feines, nur für Tafelzwecke bestimmtes Obst von dieser „Schwitz­kur" auszuschließen ist, oder dabei mit doppelter Vorsicht behandelt werden muß. Namentlich sind empfindliche Sorten sorgfältig mit der Hand übereinander zu legen, nicht aufeinander zu chütten. Das „gefchwltzte' Obst bleibt auch aus >em Lager eher saftig und voll in der Schale.

Was die Aufbewahrung in Sand und Torf­mull betrifft, so sind dabei Frostschäden aller­dings selten, allein, namentlich in feuchten Räu­men, ist Gefahr vorhanden, daß das Obst an Wohlgeschmack verliert. Die freie Lagerung auf Stellagen hat den Nachteil, daß die Obstvorräte, wenn nicht genau aufgepaßt wird, womöglich vom Froste überrascht werden und Schaden nehmen. Dagegen hat diese Art der Aufbewahrung unter andern Vorteilen auch den, daß die Früchte, einen säubern Lagerraum vorausgesetzt, zum Genüsse am appetitlichsten sind.

Will man Aepfel und Birnen aufbewahren, ohne daß sie besonders Schaden nehmen, dann wähle man einen recht kühlen, aber nicht zu feuchten Raum. Wir sind kein Freund der Auf­bewahrung des Obstes in Kellenr, namentlich aber nicht in solchen Kellern, in denen auch Kar­toffeln, Knollen und anderes Gemüse, sowie Steinkohlen aufbewahrt werden. Das wichtigste Erfordernis auch im Obstlagerraum ist die frische Lust. Der frische Luftstrom gibt dec Lust in der Obstkammer die nötige Feuchtigkeit und entfernt die überflüssige, er fegt die schädlichen Pilze weg und schützt gegen das Welken der Früchte; er ist somit das allerbeste Mittel, das Obst frisch und gesund zu erhalten. Wir sorgen daher beständig für eine gute Durchlüftung des Lagerraumes und schließen die Fenster nur bann vollstänbig, .wenn Frostgefahr im Verzüge ist. Die Aepfel selbst lagere man auf trockenes, frisches Richtstroh nebcneinanber. Harte Sorten schichfenweise llber- einanber legen. Auf dem Lager ist das Obst streifenweise ausgebreitet, sodaß man zwischen den einzelnen Streifen bequem hindurchgehen kann. Alle drei bis vier, längstens alle acht Tage wird das Obst nackmesehen, nm faulende und stark welkende Früchte zum Verbrauche herauszulieh- men. Das nötige Deckmaterial liege stets zur Hand. Es besteht in sauberm Richtstroh, worüber bei starker Kälte noch eine Schicht Grummet zu liegen kommt. Sobald die Kälte nachläßt und die Temperatur es eben gestattet, wird gründlich gelüftet. Wenn die Lust in der Obstkammer zu trocken scheint, stelle man ein Gefäß mit Wasser hinein. Durch die Verdunstung des letzteren wird der Lust die nötige Feuchtigkeit zugeführt. Man kann auf diese Weise zwei Fliegen mit einem Lappen schlagen, nämlich die Temperatur erhöhen und die Stift feuchter machen, wenn man einen Kübel kochenden Wassers aufstellt. Wenn man fein Obst gut durch den Winter bringen will, ist vor allem nötig, die Früchte bei der Ernte einer genauen Durchsicht zu unterziehen. Was nicht ganz tadellos ist, wähle man zum sowrtigen Ver­brauch oder zum Verkauf auf dem Markte; zur Ai slcwahrung für den Winter oder gar zum nächsten Frühjahr sollen nur gesunde, gut ent- wickclte und völlig baumreif: Früchte genommen weiden.

Kc. Kälte—Hitze.

Vor einigen Jahren traf ich eine Bekannte, die ich seit langem nicht mehr gesehen hatte. Es war eine Bärenkälte, wie man zu sagen pflegt und ich, der gar kein besonderer Freund derjenigen Temperatur ist, die sich tief unter Null aufhält, schoß die Straße entlang: die dick behandschuhten Hände tief in den Taschen des Ueberziehers, den Kragen bis bald an die Augen aufgeklappt, die Schultern hoch an die Ohren geschoben, krumm- rückig wie ein fröstelndes Windhündchen — und s i e: kerzengerade, fast leicht angezogen, blühend strahlte das Gesicht.

Lachend wurde der frierende Spatz angebalten. Aber als die freudige und heitere Begrüßung vorüber war, bekam ich eine lustig-spöttische, ganz kurze Strafpredigt: „Schämen L>ie sich doch, so zu frieren! Ich friere gar nicht! Es sind ja höch­stens 20 Grad unter Null!"

Ich hatte mein Teil, verschob aber meine Rache.

Es mochte zwei oder drei Jahre später sein. Ich war durch den Schwarzwald gewandert, um schließlich im schönen Baden-Baden vom „badische Ländle" Abschied zu nehmen. Aber auch das „alte Schloß", d. h. die gewaltige Ruine mit dem Kaffee- und Weinrestaurant mußte ich doch noch einmal hinauf steigen; ich hätte eine Sünde gegen alte liebe Erinnerungen begangen, würde ich es nicht getan haben.

Freilich Ivar der Nachmitfag^„glühend". Doch was verschlug mir das, dem Sonnenfreund, der so „riesige" Hitze, wie meine Bekannten sagten, „spielend" ertrug.

Heiß war der Aufstieg den ziemlich steilen Weg hinauf, aber ich fühlte mich wohl dabei. Oben wischte ich mir schnell die Perlen von der Stirn und schritt durch die alte Wölbung dem Restau­rant zu. . . .

Was müssen meine Augen sehen? l In der kühlsten, dunkelschattigen Nische zwischen zwei moosangehauchten Burgmauern--sitzt meine

alte Freundin — glührot int Gesicht und schnappt nach Luft bezw, Kühlung.

Schnell noch einmal mit Taschentuch über Ge­sicht und Stirn gefahren und dann rasch auf sie zu — Rache zu nehmen!

„Wie freue ich mich, Sie wiederzusehen! Und gerade hier auf der herrlichen Bergeshöhe und bei diesem Prachtwettec!"

Der Gegengruß war wenig herzlich: „Ach, las- feit Sie mich aus mit dieser „Bergeshöh". Ich bm heranfgefahren, den langen, langen Zickzack- fahrweg und — komme doch um vor Hitze! Und „Prmchtwetter"? Entsetzliches Wetter!!"

Sie mußte bemerkt haben, daß mir ein lustiger e>pott um die Lippen gehuscht lvar. Aber sie wurde nicht bös, sondern ganz kleinlaut. „Ach ia,. ich habe Sie des öftern schon wegen Ihrer Feindschaft gegen die Kälte verspottet, und jetzt

spotten sie im stillen über meine Unfähigkeit, der Hitze zu widerstehen. Es ist wahr! Man soll nicht jeden nach sich selbst beurteilen wollen!"

Wie uns beiden, geht es allen Menschen, wenn auch nicht so im Extrem. Der eine fröstelt, wo es dem andern angenehme Temperatur ist, der eine scheut die Sonne, der andere flieht beit Schatten; der eine mehr, der anbere weniger.

Also werben wir am besten tun, gerade auf dem Gebiete ber Temperatur gegenseitig tolerant zu sein. Und biese Toleranz, wenn wir bas Wort gebrauchen sollen, wirb noch zwingender, wenn wir bebenfen, baß der Mensch in den glühendsten Zonen, wie in den kältesten, ebenso wie in den ge­mäßigten .doch eben — Mensch bleibt.

Was für ungeheuere Temperaturunterschiede das Menschengeschlecht verträgt, dafür einige Be­weise:

Daß es unter dein Aequator heiß ist, erfährt jedes Kind schon in der Schule, aber eine Wärme oder eigentlich „Ucber"-Hitze von 65 Grad Celsius (wir rechnen immer nach Celsius), wie sie gar nicht selten an den Küsten des Roten Meeres vor­kommt, können wir uns doch kaum vorstellen. In Abessinien hat man 60 Grad beobachtet, in dey Oase Mursuk, mitten in der Sahara auf dem Wege von Tripolis zum Tschadsee 56 Grad, in der Nähe von Suez 52 Grad und Arabien weist 50 Grad (alles im Schatten gerechnet) sehr oft auf.

Aber auch in Europa kennt man zuweilen hohe Hitzgerade. von Südspanien und Südfrankreich ganz abgerechnet. So stieg in London am 12. Juli 1852 die Temperatur auf 41 Grad und in Deutsch­land hat man mehrere Male das Thermometer auf 35 — 37 Grad stehen sehen.

Dagegen die höchste Kälte:

Alte Schriftsteller berichten z. B., daß im Jahre 400 n. Chr. fast das ganze Schwarze Meer zugefroren war. Im Winter 355 kamen viele Menschen vor Frost in Gallien, dem heutigen Frankreich um. 566 blieb der Schnee selbst in dem so warmen Südfrankreich volle fünf Monate liegen. Im Jahre 763 fror sogar die Meeres- straße der Dardanellen, westlich von Konstanti­nopel, trotz ihrer Breite und ihres reisenden Stro­mes fest zu. 1305 und 1364 froren alle Flüsse Frankreichs zu. Die Eisdecke der Rhone soll eine Decke von 15 Fuß erreicht haben. Aus dem Jahre 1620 berichten byzantinische Schriftsteller, daß wiederum das ganze Schwarze Meer zuge­froren war; und zwei Jahre später war ein gro­ßer Teil des Adriatischen Meeres mit starrem Eis bedeckt. Im Winter 1740 baute, man in Pe­tersburg auf dec Newa den geschichtlich berühmt gewordenen Eispalast und gleichzeitig stellte man in London auf der Themse eine Eisküche her. in der ein ganzer Ochse gebraten wurde. In den Jahren 1333, 1399, 1408, 1423 und 1459 war der größte Teil der Ostsee zugefroren. Wieviel Grad Kälte es in den genannten Jahren gegeben hat, entzieht sich der Kenntnis. Jedenfalls werden wir aber alle Klagen über ein bißchen Kälte eiligst verstummen lassen, wenn wir die wissenschaftlich erwiesene Tatsache vernehmen, welch ein furchtba­rer Frost in den zwei kältesten Gegenden der be­wohnten Erde, in Ostsibirien und im nördlichsten Amerika zuweilen zu verzeichnen ist. In Wercho- jansk (Sibirien) fällt der Termometec bis 69 Grad und im zweifgenannten Land auf 58 Grad. Das ist Kälte und doch leben Menschen dabei, ebenso wie in den Gegenden mit der oben ange­führten Hitze. Der Mensch hält viel aus.

Allerlei.

— Ein wunderbares Naturschauspiel, dessen Ursachen noch nicht ergründet sind, bietet gegen­wärtig das Städtchen Roma in Australien im Queensland., Der ganze Westen des Staa­tes wäre ohne die zahlreichen artesischen Brun­nen (über 600 an der Zahl) kaum büvohnbar; die Bohrungen sind teilweise sehr tief — in Blackall S-B. 2590 Fuß — und liefern oft salziges, heißes Wasser. Auch in Roma hat das Bohrloch eine bedeutende Tiefe; schon lange fiel es auf, daß einer Oeffnung in seiner Nähe ein brenn­bares Gas entströmte, das die Bewohner häu­fig, zum Kochen ihrer Speisen benützten. Vor einigen Tagen nun geriet plötzlich das dem Haupt­bohrloch entströmende Gas in Brand, und eine 80 Fuß hohe Flammensäule stieg in die Luft, und zwar mit einem Gebrüll, als sei ein mächtiger Schmelzofen in voller Tätigkeit — 40 Meilen weit war es zu hären. Man hoffte sehr stark eine ergiebige Petroleumguelle zu finden. (An diesem kostbaren Oel ist Australien noch immer sehr arm.) Jene Hoffnung erwies sich aber als trü­gerisch, denn die Flamme ist völlig rauchlos. Be­sonders bei Nacht bietet die lodernde Glut einen großartigen Anblick.

--ein wenig bekanntes Volk sind die Chi- lvnks, ein Stamm, der in einer der unwirtlichsten Gegenden des oberen Nils haust. Dieses Volk scheint recht bizarre Sitten und Gebräuche zu ha­ben. Was bei, ihnen ganz besonders frappiert, ist die Achnlichkeit ihrer Formen mit den Vögeln, bie sich in jener Gegend vorfinden. Die Chilouks haben lange, magere Beine, gehen langsam und greifen weit aus, wobei sie das Knie des voran- schreitenden Fußes heben. Ihr Körper ist schmal, ihr Hals lang und ihr Kops schmal und platt. Sie haben sämtlich Plattfüße, deren Fersen sich etwas nach hinten verlängern. Sie gleichen in gewissem Sinne auch den Storchen, da sie, wenn sie an einer Stelle ruhig stehen, sich auf einem Fuße halten und den anderen in die Höhe ziehen. p.

— Unterschied. .... Warum werfen denn die Besucher alle faulen Aepfel nur dem Heldendar­steller an den Kops? Die anderen spielen doch auch miserabel.' — .Der hat aber doch heute seine Benefizvorstellung!*