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M 293.
Fulda, Samstaa den 19. Dezember 1908.
35. Jahrgang.
Drittes Wlcrtt.
ö Die Salzburgische Emigration.
Vor „ultramontanen" Türen zu fegen, ist bekanntlich die Spezialbeschäftigung des Evangelischen Bundes. Was soll er sonst tun, wenn im eigenen Hause alles wohlbestellt ist! Und dem ist ja so, wie männiglich weiß. Besonders unter den Herren Pastoren gibt es viele edle Seelen, die mit rühmenswerter Aufopferung gern den katholischen Dreck vornehmen. Und das was sie dafür ansehen. Doch des zeitgenössischen Drecks ist lange nicht genug vorhanden. Er befriedigt ihren Tätigkeitsdrang nicht. Da wühlen sie denn den vermoderten Schutt vergangener Jahrhunderte auf und suchen dort nach verborgenem Unrat.
Wir bedauern es aussprechen zu müssen, daß auch Herr Pastor Hattendorfs in Fulda gelegentlich derartigem nebenamtlichen Zeitvertreib zu huldigen scheint. Am. letzten Novembersonntage sind nämlich in Steinau bei Schlüchtern die Staubwolken nur so aufgeflogen, Staubwolken aus einer Zeit, die zwei Säkula und länger hinter uns liegt und die hergeholt waren weit hinten aus dem schönen Salzburger Lande. Und das hat mit seinem Besen Herr Pastor Hattendorfs getan.
Wir sind Herrn Pastor Hattendorfs unter den Wortführern des Evangelischen Bundes nicht zu sehen gewöhnt ,darum tut es uns weh, ihn jetzt in dieser Gesellschaft zu sehen.
In der „Steinauer Zeitung" vom 2. Dezember, die uns erst in diesen Tagen zufällig zu Gesicht kommt, finden wir einen Bericht über die Versammlung des dortigen Evangelischen Bundes vom 29. November, in der Herr Pastor Hattendorff einen Vortrag hielt „über die Vertreibung der Salzburger Protestanten". Das Blatt erzählt:
„Wenn ja auch zur Genüge bekannt ist, welcher absolut menschenunwürdigen Greuel sich die von christlicher Nächstenliebe predigende kalholische Kirche (oder richtiger der Ultr amonta« nis muss an den Anhängern der Reformation zu Schulden kommen ließ, so mußte doch dieses Bild, das Herr Pfarrer Hattendorff nun in wohldurchdachler Rede vor dem Geiste der Zuhörer entrollte, mit Abscheu erfülle n."
Wir nehmen natürlich nicht an, daß das die A b- ficht der „wohldurchdachten Rede" war. Ein Diener der Religion der Liebe hat ja doch schließlich andere Aufgaben, als die Drachcnsaat des Hasses auszustreuen und seine Glaubensgenossen „mitAbscheu zu erfüllen" vor der katholischen Religion. Bedauerlicherweise aber scheint Herr Pastor Hattendorff von seinen Hörern mißverstanden worden zu sein; die „Steinauer Ztg." behauptet ja, daß sie „mit Abscheu" erfüllt wurden. Einem Redner, der seine friedenfördernden Bestrebungen mit so schlechtem Erfolge belohnt sieht, gebührt zweifelsohne herzliche Teilnahnie. — Neber den wohldurchdachten Vortrag selbst berichtet die „Steinauer Ztg."
„Redner scbilderle, nachdem er einleitend einen kurzen Ueberblick über Salzburgs Land und Leute gegeben, die ersten Aniänge und das rasche Uinstchgreisen der Refonnation dortselbst, wie bann um die Bewegung auszurotten, die Evangelischen Geistlichen aus Anstiften des dortigen Bischofs des Landes verwiesen, in Ketten gelegt und gemartert wurden, welche Mühial, Not und Verfolgung später die an ihrem Evangelischen Glauben festhallenden Gemeinde- giteber zu erdulden hatten, rote sie sogar in schneidender Winlerkälte unter gewaltsamer Zurückhaltung ihrer unmündigen Kinder und ihrer Habe von rohen Söldnern aus dem Lande getrieben wurden. Was den Kindern von den Eltern als heiligste Pflicht eingepflanzt worden sei, habe die katholische Lehre nicht auszurotten vermögen und so sei bei der
In Versuchung.
Skizze von W. Wimmer.
(Nachdruck verboten.)
Der Buchhalter Walte» ivar feit Jahren in dem großen Betriebe tätig und erfreute sich der Wertschätzung seiner Chefs. Pünktlich und solide, leistete er nur tadellose Arbeit. Tas wußte er auch und er wäre mit der Stelle sehr zufrieden gewesen, wenn sie nur etwas besser dotiert wäre. Schlecht war ja gerade der Verdienst nicht, aber er reichte nicht aus, eine so zahlreiche Familie, wie Walten sie besaß, standesgemäß zu ernähren. Man mußte anständig wohnen, gut gekleidet fein und auf die Bildung der Söhne und Töchter auch etwas verwenden. Was blieb da übrig sür Waltens Privat- zwecke? Rauchen und Biertrinken hatte er sich schon so halb abgewöhnen müssen, und sonstige Extravaganzen, wie Kegelabende, Skatpartie, die andere Männer sich erlauben konnten, waren ihm verbotene Tinge. Er hätte sie ja auch gerne vermißt, wenn er nur nicht gar so genau rechnen und mit Spannlmg von einem zum andern Ersten warten müßte. Und nun noch Weihnachten!
Ja, das Weihnachtsfest stand bevor, das Fest, an welchem jeder Mensch denen, die er liebt, eine Freude bereitet. Für seine Kinder konnte Walten ja in etwa sorgen, wenn auch die einzelnen Gaben gering waren und sich nur auf notwendige Gegenstände beschränkten, aber, und das tat seinem Herzen weh, für seine liebe Frau, die sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend um der Familie Wohl bemühte, hatte er nichts, rein nichts!
„Es ist zum Verzweifeln," brummle er vor sich hin, „daß man bei aller Arbeit noch nicht soviel erringen kann. So am Groschen, am Pfennig zehren zu müffen, das ist hart".
Der Mann vertiefte sich in seine Arbest, aber immer wieder hielt er inne und gab seinen Gedanken nach.
„Wenn eS nur zwanzig Mark wären, daS genügte schon, aber woher nehmen?"
heranroachsenden Generation die Evangelische Lehre erneut zur Blüte gelangt, um bann aber von den Gegnern mit barbarischen Gewaltmaßregeln — welche in der abermaligen Ausweisung von etwa 30000 Evangelischen Christen gipfelten — bekämpft zu werden.
So Herr Pastor Hattendorff. Schade, daß man nicht nähere Einzelheiten aus dem Vortrage erfährt. Nach den Mitteilungen des Blattes hat es den Anschein, als habe der Redner lediglich aus den einseitigen Protest. Streitschriften über jene Zeiten geschöpft und die alten parteiischen Darstellungen sich zu eigen gemacht. Man kann ruhig zugeben, daß damals Maßregeln ergriffen worden sind, die heute sicher kein Mensch mehr verteidigt. Man ging in jenen Zeiten überhaupt nicht so glimpflich vor. Vergehen, die heute mit ein paar Mark Geldstrafe oder geringfügigen Haftstrafen geahndet werden, wurden mit einer uns heute unverständlichen Härte bestraft. Auch in kirchlichen Strafsachen verfuhr man nicht glimpflich: auf lutherischer Seite mindestens nicht glinrpflicher als auf katholischer. Also das kann man ruhig zugeben, deshalb sind aber noch längst n i ch t a l l e Rä u b e r g e s ch i ch t e n, die von der Verfolgung der Protestanten erzählt werden, wahr. Schon manche, die jahrhunderte lang als geschichtliche Wahrheit galten, sind von der Wissenschaft als Schwindel entlarvt worden.
Aber selbst wenn das auch alles wahr wäre, was soll uns das heute? Warum heute noch diese alten, auf jeden Fall doch verjährten Geschichten ausgraben? Der Erfolg ist, wie die unverdäch- tige „Steinauer Ztg." zugegeben hat, daß die Zuhörer „mit Abscheu erfüllt" wurden vor der „von christlicher Nächstenliebe predigenden katholischen Kirche". Muß das denn sein? Kann das der Vertiefung des Glaubenslebens dienen?
Daß die Protestanten aus deut Salz- burgischen auswanderten, ist richtig. Es geschah das in den Jahren 1731 und 32. Nach den Emigrationsakten sind im ganzen etwas über 19 030 Personen ausgewandert, darunter auch die sog. Dürrnberger» die nicht auswandern mußte n, die auswandern wollten und die wiederholt baten, ihnen die Auswanderung zu gestatten. Fürsterzbischof Firmian, der damals in Salzburg residierte, hatte mehrere Versuche gemacht, sie zum Bleiben zu bewegen, bewilligte ihnen aber schließlich ihren Wunsch. Daraus geht schon hervor, daß es dem Fürsterzbischof nicht um die Vertreibung der Protestanten chres Glaubens wegen zu tun war. Die Salzburger Protestanten mußten aus- wandern, das ist geschichtlich erweisliche Tatsache, weil sie größtenteils Rebellen waren, denen die R e l t g i o n nur zum Vorwand diente.
Zum Verständnis des Ganzen muß man wissen, daß durch Luther, der bald erkannte, wie die Gewalt der Fürsten der Verbreitung feiner Lehre förderlich sein mußte, sogleich im Anfang der Reformation der später von protestantischen Theologen und Juristen gepriesene Grundsatz aufkam: Wem das Land gehört, dem gehört auch das Recht, seinen Untertanen ein bestimmtes religiöses Bekenntnis aufzuzwingen. Gerade von protestanti- fchen Fürsten ist dieser Grundsatz tüchtig ausge- beutet und die Religion nach Willkür reformiert worden. Originell ging es z. B. in der Pfalz zu. Unter dem Kurfürsten Friedrich III. mußten die lutherischen Pfälzer Lande kalvinisch werden. Sein Sohn war lutherisch, flugs mußte auch das ganze Volk lutherisch werden. Nach dessen Tode wurde wieder zwangsweise alles kalvinisch gemacht. Wer sich nicht fügte, wurde aus dem Lande verjagt. Wenn Herr Pastor Hattendorff also die Ergebnisse dieses von protestantischer Seite aufgestellten und eifrig durchgeführten Grundsatzes feinen Zuhörern vorführen wollte, dann brauchte er gar nicht bis ins hinterste Oesterreich zu gehen; es gibt Beispiele, die uns näher lie-
Da leuchteten seine Augen auf. Vor ihm auf dem Tische lag es ja, mehr noch als zwanzig Mark. Eben war eine Rechnung bezahlt worden, er hatte sie in Abwesenheit des Kassierers quittiert, und da lag das Geld, um in die Kasse abgeliefert zu werden. Noch war eine Eintragung in die Bücher nicht erfolgt, da konnte er ja---
Doch fort mit diesen Gedanken; das war verwerflich !
Aber was konnte da schlimmes fein, wenn er das Geld nahm und für sich verwandte? Am nächsten Ersten konnte er es ja wieder hinlegen und dann sagen, die Rechnung fei bezahlt worden.
Rein, nein, — Walten schüttelte den Kopf — das war nicht recht!
Immer wieder trat der Versucher an ihn heran.
Nimm es doch, Du kannst Deinem Frauchen dann eine Freude machen zu Weihnachten. Die paar Tage! Dann legst Du es wieder hin!"
Und der Versucher siegte; als der Kassierer hereintrat, war das Geld verschwunden. Auf die Frage: „War niemand hier?" erwiderte Walten vor sich hin:
„Daß ich nicht wüßte!"
Wie ihm daS Geld auf der Seele brannte! Er hatte die ganze Nacht nicht ruhig schlafen können. „Du bist ein Dieb," so sagte ihm sein Gewissen. Und mit diesem Gelde sollte er ein Weihnachtsgeschenk für seine Frau kaufen? Wenn sie das wüßte!
„Ach waS, dummes Zeug, Du gibst es ja wieder; eS kann doch egal sein, ob es heute oder erst in 14 Tagen zur Kasse kommt," mit diesem Einwand suchte Walten fein Gewissen zu beruhigen.
Als er feiner Fran und feinen Kindern in die Augen schaute, da war eS ihm, als müfle er daraus dm Vorwurf lesen:
„Du bist ein Dieb, Du befleckest unsere Ehre!"
(Eben hatte er fein kleines Mädchen vor sich auf dm Schoß genommen.
„Gelt Papa," fo fing die Kleine zu plaudern an, „jetzt kommt bald daS Christkindchen!"
-Äa. Kind"
gen. Was heute im Hessischen protestantisch ist, das ist es in der Vorzeit geworden, weil die Territorialherren es protestantisch gemacht haben. Ueberhaupt sind die protestantisck-en Landesteile entstanden größtenteils durch solche gewaltsame Protestantisierung seitens der Landesherren. Herr Pastor Hattendorff hätte auch gar nicht so weit in die Jahrhunderte zurück;»- wandern brauchen. In Schweden wurden noch bis in die neueste Zeit, bis mitten ins gepriesene 19. Jahrhundert hinein, die Konvertiten aus dem Lande verbannt und ihres Erbrechts verlustig erklärt! Wir nehmen an, daß uns Herr Pastor Hattendorff für diese kleinen Hinweise dankbar ist und sie in einer dernnächsti- gen Rede verwertet, um den „Abscheu" gerecht zu verteilen.
Die Salzburgischen Lande waren zu der Zeit, von der Herr Pastor H. erzählte, wie heute katholisch. Protestanten fanden sich nur strichweise im Gebirge vor. Ueber die Verfolgungen, die sie erduldet haben sollen, sind viele Märchen erzählt worden, so die Erzählung von „Prügel mit Hage- bornigten Stöcken", und das angebliche Verbot, bei der Auswanderung das Vermögen und die Kinder mitzunehmen. Diese Geschichten sind längst als Lügenbeuteleien entlarvt worden.
. Der Landesherr, Fürstbischof Firmian, suchte zunächst die Ausbreitung der lutherischen Lehre zu verhindern und wies fremde, ins Land ziehende Prediger, die den Abfall vom Glauben predigten, aus. Eine solche Maßregel sollte doch schließlich ein Redner des Evangelischen Bundes würdigen können, desselben Evangelischen Bundes, der noch jetzt im aufgeklärten 20. Jahrhundert aus Rand und Band gerät, wenn ein Jesuit im eigenen Vaterlande nicht etwa Protestanten zum Abfall bringen, sondern nur seinen Glaubensgenossen predigen möchte, der in eine Art Delirium verfiel, als endlich der berüchtigte Ausweisungsparagraph des Jesuitengesetzes aufgehoben wurde, dem es die höchste Wonne ist, daß in den Mufterstaaten der Toleranz in Mitteldeutschland katholische Geistliche nicht mal eine Nottaufe spenden, nicht eine hl. Messe im Beisein von Gläubigen lesen dürfen ohne besondere ministerielle Genehmigung, die ohne Angabe von Gründen untersagt werden kann. Herr Pastor Hattendorff sieht, abermals, es war gar nicht nötig, die Zuhörer mit Geschichten von anno Toback gruselig zu machen.
Es wurden also in Salzburg die Verbreiter der lutherischen Lehre unter dem Volke zur Auswanderung gezwungen, die große Menge b l i eb. Es ist auch kein Fall nachgewiesen, daß unter Firmian einzelne, weil sie sich zur lutherischen Konfession bekannten, bestraft worden wären. Der Fllrsterzbischof berief vielmehr, um das Reforma- tionsrecht, das die protestantischen Fürsten in ihrem Lande ungescheut ausübten, auch bei sich geltend zu machen, Jesuiten ins Land, die in den verdächtigen Landesteilen Missionen abhielten und verbot häretische Schriften. Bald aber bekam der religiöse Widerstand der lutherischen Bauern einen politischenBeigeschmack, er wurde zur Auflehnung gegen den Landesherrn, zur Meuterei. Die Unruhestifter waren keineswegs korrekte Lutheraner, ebensowenig wie sie gute Katholiken waren, sie waren lediglich Unruhestifter, denen die Religion Vorwand war. Selbst der protestantische Kirchenhistoriker Schröck sagt: „Gemeiniglich nennt man alle diese Emigranten Evangelische. Es ist aber längst bemerkt worden, daß wohl nur ein kleiner Teil derselben diesen Namen im strengen Verstände verdienen möchte".
Die Aufwiegelung nahm überhand, die Bewegung wurde immer friedensgefährlicher, sodaß der Fürsterzbischof sogar Truppen vom Kaiser kommen lassen mußte, um die Enwörer im Zaume zu halten. 33 Aufwiegler wurden gefan-
„Aber es kommt nur zu braven Kindern, die immer beten. Weißt Du, wie ich immer bete, Papa?" ,
Christkindlein, mein Herz ist rein,
Kehre Du nun bei mir ein.
„Betest Du auch so, Papa, ist Drin Herz auch rein?"
Heiß zuckte es in feinem Herzen auf, er preßte das Kind an sich und küßte eS, indeflen die Tränen seine Augen erfüllten.
„Du bist mein Retter, Kind, mein guter Engel. O Gott, aus welcher Bahn bin ich gewesen. Dicht vor dem Abgrunde reichtest Du mir Deine väterliche Hand. Dank fei Dir!"
Eine Stunde später betrat Walten die Kirche, wo er im stillen Winkel niederkniete und innig dem Herrn dankte, daß er ihn wieder aus den rechten Weg geführt. Dann begab et sich ins Geschäft und bald lag das Geld in der Kaffe und der Posten war in den Büchern gelöscht.
„Es ist gut, daß die Leute bezahlt haben," sagte der Kassierer, „heute wollte ich chnen eine energische Mahnung senden."
Walten beugte fein errötendes Gesicht tief in die Bücher.
Am nächsten Tage ward der Buchhalter zum Chef beschieden, der ihm freundlich die Hand reichte.
„Herr Walten," meinte er lächelnd, „angesichts der gegenwärttgen Teuerung wird Ihr Gehalt vom Ersten kommenden Monats ab um 20 Mark pro Monat erhöht. Außerdem erlauben wir unS für Ihre treuen Dienste Ihnen bereits heute eine Weih- nachtS-Gratifikation einzuhändigen. Eie werden doch noch manches einkaufen wollen?"
Walten stammelte gerührt feinen Dank. Wie hatte er das verdient; das war Gottes Hand.
Am Abend trat er an daS Bettchen seines kleinen Mädchens, das da ruhig schlummerte. Als er eS auf die weiße Stirn küßte, da flüsterte die Kleine im Traum:
Christkindlein, mein Herz ist rein, Kehre Du nun bei mir ein!
gen genommen. Die gerichtlichen Verhandlungen stellten den aufrührerischen Charakter der Bewegung fest. Die Akten darüber sind noch vorhanden. Die Milde des geistlichen Landesfürsten schenkte ihnen jedoch die Freiheit. Ein solches Vorgehen pflegt man sonst nicht „barbarische Gewaltmaßregeln" zu nennen. Als nun jedoch die Unruhen nicht nachließen und die lutherischen Gebirgsbauern in der Hoffnung auf Unterstützung von den protestantischen Ständen immer unbotmäßiger wurden, erließ Fürsterzbischof Firmian den Auswanderungsbefehl. Die Ausführungsmaßregeln waren mit hinreichender Milde angeorbnet, Kinder und Kranke sollten geschont und geduldet werden, der Verkauf der Guter war für längere Zeit freigegeben. Als daun allerdings die Lutherischen noch unduldsamer wurden, die Katholiken beschimpften, begann die zwangsweise Vollziehung des Auszuges. Die Emigranten wandten sich nach Augsburg, Ulm (wo sie erst noch in der lutherischen Ltzhre unterwiesen werden mußten!) und nach Preußen, wo sie, soweit sie Vermögen hatten, gern ausgenommen wurden, toeil man dort großen Wert auf Ansiedlungen in den durch den Polen- und Schwedenkrieg entvölkerten Provinzen legte. Später gestattete der Bischof den noch nicht Ausgewanderten eine dreijährige Frist, falls sie sich ruhig verhalten wollten. Das wurde aber nicht angenommen. Selbst der einseitige und kritiklose Geschichtsschreiber der Emigration, Gö- cking, kann nicht verschweigen, daß die Lutheraner einen Drang nach Preußen hatten und die Zeit nicht erwarten konnten, ihm nachzugeben, auch daß Tausende den Lockungen folgten, die früher ans Auswandern nicht gedacht hatten. Auch Dänemark, Holland und Schweden suchten die Auswanderer in ihr Land zu locken. Aus purer Nächstenliebe natürlich! Dabei verfuhren diese Länder selbst aber gegen ihre katholischen Untertanen viel härter, als der Fürsterzbischof gegen die meuterischen Bauern. In Holland waren den Katholiken alle Kirchen und Schulen weggenommen und sie von allen Stellen ausgeschlossen. In Schweden stand Todesstrafe auf der Verbreitung der katholischen Lehre, in Brandenburg war den Katholiken weder öffentliche noch private Ausübung der Religion gestattet.
Insgesamt zogen von den 19 000 Emigranten 16 000 nach Preußen. Dort aber hat man keineswegs eine glänzende Aquisition an ihnen gemacht. Bald mußte auch der König von Preu- ßn ihre Widerspenstigkeit erfahren. Es war eine eigensinnige, arbeitsscheue, trunksüchtige Gesellschaft. Schließlich kam es so weit, daß die Hauptunruhestifter auf die Festung gebracht werden mußten; es wurde sogar Befehl gegeben, solche, die zu entwischen suchten, einfach aufzu- hängen. Das geschah, wohlbemerkt, im protestantischen Preußen, nicht im Salzburgischen. Hat Herr Pastor Hattendorff auch davon erzählt?
Auf protestantischer Seite wird über diesen einen Fall der Vertreibung von Protestanten seitens eines katholischen Kirchenfürsten vor 200 Jahren immer und immer wieder ein fürchterliches Lamento erhoben. Die Verdrängung von Kat holikenaus katholischen Gebieten, die heute noch in unserem deutschen Vaterlande vor sich geht, findet man ganz in der Ordnung. Wir haben kürzlich (vergl. Nr. 290 2. Blatt) darauf hingewiesen, daß in den Gebieten, in denen die Ansiedelungskommission arbeitet, in den Jahren von 1885 bis 1905 b 11 Zahl der Katholiken von 26682 gesunken ist auf 7832, dagegen d i e Zahl der Protestanten gestiegen ist von 4062 auf 3 7017. 19 000 Katholiken, just so viel wie Protestanten in Salzburg auswandern mußten,
— Schreibt deutliche Brirfadreffeu. Seit Jahren bemüht sich die Postverwaltung, das Publikum mit Hilfe der Presse und durch sonstige Einwirkungen zu richtiger, deutlicher und vollständiger! Abfassung der Briefaufschriften und zur Angabe des Absenders auf den Sendungen zu veranlassen. Auch die Schulen sind mit dankenswertem Eifer auf diese Anregungen eingegangen und haben die Anfertigung von Briefaufschriften in den Unter- richtsplan aufgenommen. Man sollte meinen, daß diese Bemühungen endlich von Erfolg begleitet sein müßten und daß die Zahl der unanbringlichen Postsendungen abnähme. Aber weit gefehlt, gerade das Gegenteil ist der Fall! Binnen Jahresfrist sind im Reichspostgebiet 1978 250 Postsendungen endgiltig unbestellbar geblieben und haben durch Feuer vernichtet werden müssen. Welche Unsumme von Aerger und Verdruß hätte erspart werden können, wenn der Absender auf die Abfassung der Aufschriften die ersorderliche Sorgfalt verwandt und auf oder in den Briefen ihre eigene Adresse vermerkt hätten. Im Hinblick auf den verstärkten Briefverkehr zur bevorstehenden Weih- nachts- und Neujahrszeit ist daher die Mahnung am Platz, die Aufschrift der Briefschaften stets deutlich und bestimmt abzufassen und die Angabe der eignen Adresse nicht zu vergessen. Denn man kann vorher nie bestimmt wissen, ob der Brief nicht aus irgend einem Grunde als unbestellbar zurückkommt. Dabei ist noch darauf hinzuweifen, daß bei Briefen nach dem Auslande die Aufschrift in lateinischen Brrchstaben niedergeschrieben wer- den sollte, da hierdurch den Beamten der Bestimmungspostanstalt die schnelle und richtige Auffindung des Empfängers erleichtert wird.
— Boshafter Trost. „Um Gottes willen! WaS ist denn geschehen?" — „Denk Dir nur, die Katze hat das ganze Mittagessen gefreffen, das ich gekocht habe." — „Das arme Tier! Aber tröste dich, ich werde Dir eine andere Katze kaufen!"
— tzöflichkeftsaustausch. „Zeppelin, Sie sind der größte Deutsche des 20. Jahrhunderts." — „Bitte nach Ihnen, Majestät."