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Aotatkonsdrucknnd Verlag der Zntdaer M tiendnrckerei in Znlda Zenisprecher Nr. 9.
M 292.
Fulda, Freitag den 18. Dezember 1908.
35. Jahrqanff.
Kvstes Mcrtt.
a Schutz den alten Kriegern!
Der neue Reichshaushaltsplan für 1909 ficht iie Summe von 22 742 000 Mark für Beihil- ’en an hilfsbedürftige Kriegsteilnehmer vor. Gegen 1908 bedeutet das ein Mehr von 1421 000 M.
Als im Reichsinvalidenfonds anfangs der neunziger Jahre einmal ein erheblicher lieber- schuß vorhanden war, meldete sich gleich der Wunsch, auch denjenigen bedürftigen Kriegsteilnehmern, die einen direkten Schaden durch die Feldzüge nicht nachweisen konnten, von den Uber- Schüssen dieses Fonds Beihilfen zu gewähren. So nm das Veteranengesetz vom 22. Mai 895 zustande, das zunächst lJ/y Millionen Mar1 ftir die Kriegsteilnehmer bewilligte, die sich, ohne Invalide zu sein, bei nachgewielener ehrenvoller Kriegsteilnahme wegen dauernder gänzlicher Erwerbsunfähigkeit in unterstützungsbedürftiger Lage befinden. Der Bewerber darf während der Feldzüge keine Ehrenstrafen erlitten, er muß sich während der Zivilzeit einwandsfrei geführt haben und muß dauernd, nicht vorübergehend, erwerbsunfähig sein. Ergibt sich nach Prüfung aller Verhältnisse, auch der der Anverwandten, daß wirklich Hülfsbedürftigkeit vorliegt, so wird der Antragsteller zur Beihilfe von 120 Mark vornotiert. Unter den notierten Anwärtern werden bei gleicher Anwartschaft in erster Linie die berücksichtigt, die eine Auszeichnung vor dem Feinde erhalten haben, in zweiter Linie entscheidet die frühere Feldzugsperiode und zuletzt das höhere Lebensalter.
120 Mark ist recht wenig, und die Voraussetzungen für die Erlangung einer solchen Beihilfe sind sehr schwierig. Eine ausreichende und gerechte, Regelung der Veteranenfürsorge ist das nicht. Tie gestellten Bedingungen sind der Kriegs- teilnehmer so wenig würdig, daß sich viele wirk- lich bedürftige Veteranen haben abhalten lassen, um Beihilfe nachgusuchen. Man ist inzwischen auch in den Parlamenten und wohl auch auf Seiten der Regierung zu der Erkenntnis gelangt, daß eine Aenderung jener rigorosen Bedingungen geboten ist.
Der Wortlaut der Eingangs erwähnten Etatsposition läßt schon erkennen, daß die Reichsregierung nunmehr von dem Nachweise der dauernden Erwerbsunfähigkeit absieht und lediglich den Nachweis der Hilfsbedürftigkeit verlangt. Damit ist aber noch nicht die Bestimmung aus dem Gesetze beseitigt, daß die Veteran- nen nur einen bedingten, von der Entscheidung der Behörde abhängigen Anspruch auf Gewährung der Beihilfe haben, und hiergegen haben sich mit Recht verschiedene Parteien in den Parlamenten gewendet. So hatte im Reichstage das Zentrum einen Antrag eingebracht:
»Der Reichstag wolle beschließen, im Titel 8 des Kap. 68 zuzusügen: Als hilfsbedürttig gelten Kriegsteilnehmer, deren steuerbares Einkommen nach den landesrechtlichen Bestimmungen über die allgemeine Einkommensteuer nicht mehr als 900 Mark beträgt." Die Blockparteien machten den Einwand, daß der Zentrumsantrag staatsrechtlich bedenklich, unzulässig, verfassungswidrig sei, eine Störung der Grundlagen der deutschen Reichsverfassung enthalte, und wie alle die schönen Worte gelautet haben, und stimmten den Antrag mit 127 gegen 116 Stimmen nieder. Dem Vernehmen nach wird das Zentrum ober diesen im Frühjahre abgelehnten Antrag für 1909 erneut ein- bringen.
Wir sind doch neugierig, ob die mit Unter- kützung der Kriegervereine gewählten Blockpar
teien auch dieses Mal den Mut haben werden, den so recht nationalen Antrag des Zentrums abzu- lehnen.
Deutsches Reich.
** Berlin, 17. Dez. 1908. Da» gewerblich» Sehen halte wieder einmal einen bedeutenden Fachmann zu sich herangezogen. Der Geheimrat Hemptenmacher, der als Stadtkommtffar bei der Berliner Börse fungierte, wird über kurz in den Borflaud der Kommers- und DiSkonto-Bauk em- treten.
c In der BeloldungSkommisfi»» des Abgeordnetenhauses wurde am Donnerstag zunächst über das Ergebnis der Vorberatung der Eubkom- mission über die Frage der Gehaltserhöhung und Erhöhung der Stellenzulagen der höheren Beamten über 7000 JC berichtet. Es liegt ein Kompromißantrag der Konservativen, Nationalliberalen und Freisinnigen vor. Danach erhalten eine nicht pensionsfähige Zulage von 400 JK, die Leiter der höheren Unterrichtsanstalten von geringerer als neunjähriger Kursusdauer und eine pensionsfähige Zulage von 600 die Direktoren der Vollanstalten, die Oberlandesgerichtsräte, Staatsanwälte als Vertreter der Oberstaatsanwälte, die ersten Staatsanwälte bei den Landgerichten, die Provinzialschulräte und andere im Range gleich- stehende Beamte. Der finanzielle Effekt dieses Kompromißantrages beziffert sich auf 1 100 000 Mark. Der Kompromißantrag will weiter eine pensionsfähige Zulage von 600 gewähren im Hinblick auf die bevorstehende Derwaltungsre» form, den etatsmäßigen Mitgliedern der Regierungen in gehobenen Stellungen bis zu einem Drittel der Gesamtzahl der etatsmäßigen Stellen^ sowie den etatsmäßigen Mitgliedern der den Regierungen gleichgeordneten Provinzialbehörden der Spezialverwaltungen ebenfalls nur bis zu einem Drittel der Gesamtzahl der etatsmäßigen Stellen. Vom Zentrum lag ein Antrag vor, dem dienstältesten Drittel der Staatsanwälte, der Land- und Amtsrichter eine pensionsfähige Zulage von 600 zu gewähren. Der Finanzminister erklärte sich aus ftnanziellen Gründen gegen den Antrag des Zentrums, wie auch gegen einen weiteren Abänderungsantrag der Fre'kon- servativen, die für die Regierung unannehmbar seien. Der Kompromißantrag bedeute keine Durchbrechung des Prinzips der Gleichstellung der Richter mit den Regierungsräten, da er tatsächlich mir den in gehobenen Stellungen befindlichen Beamten eine Besserstellung verschaffe. Bei der Abstimmung wurde der Kompromißantrag nahezu einstimmig angenommen, während die beiden Äbänderungsanträge abgelehnt wurden. Darauf wurden eine Reihe von Kompromißanträgen zu den noch übrigen Klasten der höheren Beamten ohne erhebliche Debatte angenommen. Nach Annahme einiger Resolutionen zur Besoldungsordnung wurden für die Präparandenlehrer Gehäl- ter von 2100 bis 4500 beschlossen. Die zweite Lesung der Besoldungsreform ist beendet.
3 Wir sparen! Der Reichskanzler hat einen Erlaß an die Reichsämter gerichtet, deren Zweck die Einschränkung der amtlichen Be. teiligung an Kongressen aller Art ist. Bisher hat jedes Ressort selbständig darüber entschieden, wie und in welcher Weise eS an internationalen Kongreffen usw. teilnimmt. Nunmehr md sämtliche Einladungen zu solchen Beran- laltungen dem ReichSamt des Innern mitzuteilen, das dann für eine entsprechende Vertretung Sorge tragen wird. Diese neue Regelung, ist zu begrüßen, denn bisher ist es vorgekommen, daß auf einem Kongreß mehrere deutsche Delegierte
anwesend waren; auch solche von Einzelstaaten, während auf anderen Kongressen, ». B. bei Arbeitern überhaupt fein Beamter erschienen war.
*:* Zum Kapitel „altpreußische Sparsamkeit" kann aus Kassel ein kleiner Beitrag geliefert werden. Das neue Dienstwohngebäude der Oberlandesgerichts - Präsidenten, das kürzlich bezogen worden ist, hat mit dem Bauplatze, der in einer der teuersten Lagen des Westens sich befin- bet, rund 220,000 Mark gekostet, was bei der hohen Gebäudesieuer und den Gebühren, welche die Stadt erhebt, einem jährlichen Miekbetrage von 12—13,000 Mark entspricht. Dabei hat der jetzige Bewohner des Hauses gar keine Verwendung für die vielen Räume und scheint, um die Unsinnigkeit solcher Dienstwohnungen einleuchtend zu machen, persönlich an Sparsamkeit nachholen zu wollen, was der Staat versäumte. Die zahlreichen für Gesellschaften bestimmten Räume sind Abend für Abend in Dunkel gehüllt. Ein oder zwei bescheiden erleuchtete Zimmer verraten, daß daS Haus bewohnt ist. Die ganze Anlage ist eben eine solche, daß nur ein sehr wohlhabender Mann genügenden Gebrauch davon machen kann. Der Präsident würde aus eigenem Antriebe sicher nicht den brüten Teil der Summe als Miete ausgeben, die Verzinsung und Unterhalt des HauseS den Steuerzahlern kosten.
□ Daß unser diplomatischer Dienst vielfach sehr viel zu wünschen übrig läßt, daS hat unS das politische Leben der letzten Jahre wieder gezeigt. Darum ist wiederholt die Forderung aufgesteklt worden, man möge dort f ine gründliche „Blutauffrifchung vornehmen, und dem Zustand ein Ende machen, daß fast nur Stetige zur diplomatischen Karriere zugelaffen roluben. Jetzt - hat die ,Frkf. Ztg/ eine Zusammenstellv^a der
j Namen unserer Diplomaten (Bottchvft,^ und j Legationsräte) «gefertigt. Diese List? ;«t ein Bild, wie eS sich selbst deu ärgste Pessimist nicht oorgestellt hat Unter den Hundert Namen dieser Liste sind nämlich nur vier Bürgerliche, und diese Bürgerliche hat man naf Abessinien, nach Marrokko, nach Peru uni? nach ‘x’ufieit geschickt. Alle übrigen sind abtitg. Man kann wirklich einem liberalen Blatte nur zustimmen, wenn eS meint: „Wäre eS nicht endlich an der Zeit, es auch einmal mit bürgerlichen Diplomaten zu versuchen? Mehr verderben als es ihre adeligen Vorgänger getan, könne» sie sicher nicht.
X Der Vorstand des preußischen Städte- tages war am Donnerstag in Berlin zusammen. Man beschloß, die im vorigen Jahre abgesandte Petition um Aushebung des Beamtenprivilegiums hinsichtlich der Gemeindesteuern noch einmal an den Landtag zu senden.
* (*) Abg. Dr. Müller-Meiningen unter den Radern. Der große Blockmann hat in seinem Kommentar zum Reichsvereinsgesetz auf Seite 13s geschrieben: „Aus dieser Antwort geht hervor, daß die ganze Gewerkoereinsbewegung, gleich viel welcher politischen Richiung sie angehört, gleichmäßig behandelt werden soll." In einer langen Zuschrift an die »Frankfurter Zeitung" sucht er zu beweisen, daß er damit nicht auch die polnischen Gewerkschaften gemeint habe, die der Staatssekretär jetzt ausgenommen reiften will. Aber ganz unverständtich ist, wie Herr Müller, wenn er alles das als selbstoer- ständlich ansah, was er jetzt als selbstverständ- lieh ausglbt, die angezogene Stelle fernes Kom
mentar- absaffen konnte, wie er es getan hat. Treffend sagt die .Frankfurter Zeitung": „Menn Herr Müller-Meiningen gewußt hat, was die Erklärungen des Herrn Staatssekretärs bedeuten sollten, dann hätte er eben jene wichtige Stelle seines Kommentar- zum Vereinsgesetz anders fasten müffen, denn dem Leser kommt es nicht daraus an, waS Herr Müller-Meininpen sich dabei dachte, sondern auf das, was er schrieb, und der Leser kann nicht wiffen, daß die „ganze" Gewerkoereinsbewegung, von der dort die Rede ist, nicht die ganze Gewerkvereinsbewegung ist."" Herr Müller hat durch diese ErNärung weder seine, noch des Staatssekretärs, noch des Freisinns Lage verbeffert!
X Präsident Castro von Venezuela, unser Berliner Gast, wird sich nach den Untersuchungen des Proseflors Israel einer Operation unterziehen müffen. Die kostbaren Räume de- prunkvollen Esplanade-Hotels mußte er bereits mit den nüchternen Räumen der Jirael'schen Klinik vertauschen.
* Breslau, 16. Dez. 1908. Die Breslauer Handelskammer faßte einstimmig eine Resolution gegen die geplanten Bier- und Weinsteuern, das Branntwein-Monopol, die Inseraten-, Zigarren«,' banderoten- und Beleuchtungssteuer und gegen den Entwurf eines GefellschaftSsteuergesetzeS. -* Ein etwa- summarisches Verfahren.
Hessischer Landtag.
-P Darmstadt, 17. Dez. 1908. Die feierliche Eröffnung des Landtag- fand heute mittag im Residenzschloffe mit großem höfischen Gepränge statt. Der Groß Herzog hielt die Thronrede, die sich mit den Aufgaben des neuen Landtagebeschäftigte. Zunächst wird der Erwartung darin Ausdruck gegeben, daß die auf dem »origen' Landtag erzielte Verständigung Über die Grundlagen einer Reform deS LandtagSwahl<i rechts nunmehr zu einer enögiltigen Regelung dieser Materie führen wird. Der Staatsetat für 1909 wird durch die Ungunst der allgemeinen Wirtschaftslage, sowie insbesondere durch dii Ausfälle bei ben Einnahmen der Eisenbahn» gemeinschaft stark beeinflußt, sodaß der Ausgleichs^ sonds nut einem hohen Betrag hercmgezogen werden muß. Zu diesen unerfreulichen Tatsachen kommt die Ungewißheit über da- Schicksal bet Reich-finanzresorm. Zu hoffen sei, baß dieselbe in einer befriedigenden auch für die Bundesstaaten erträglichen Weise gelöst wird. So lange die Finanzreform im Reiche nicht beendet sei, könne an die Lösung zahlreicher kultureller Aufgaben nicht gedacht werden. In Aussicht gestellt wird die Anforderung von Mitteln lür den Bau neuer Eisenbahnen und ben Schutz weiter Gebiete bet Rhein - Niederungen gegen Hochwasser-Gefahren, die Uebersüh- rung landwirtschaftlich benutzten Domanial - Besitzes in das Privateigentum, sowie vor allem die Wiederembringung eines neuen Gemeindesteuer- Gesetzes. Bei letzterem wird die Regierung sich den Schutz de» Mittelstände» gegenüber bestimmten Formendes Gewerbebetriebes und des Handels mit ländlichen Grundstücken angelegen fein lassen. Wieder vorgelegt wird beitll Landtage eine Städte« und Landgemeinde- Ordnung, sowie der Entwurf eines Gesetze» Über die Verwaltungs-Rechtspflege. Der auf dem vorigen Landtage gescheiterte Gesetzentwurf über die Jagd soll von neuem mit einigen Abänderungen vorgelegt werden, ebenso Gesetze über den
AurückgekeHrt.
Erzählung vou Äelati von Java. Uebetsetzl von Dr. I. B. Fuß.
25J (Nachdruck verboten.)
„So? Sie arbeiten doch so leicht, so bequem. Es geht so schnell bei Ihnen, warum sollte ich es nicht auch können? Ich habe immer gerne gezeichnet und nun — ach! die ganze Stadt weiß es, also auch Sie gewiß, nun mein Vater zuni zweitenmal heiratet, ist für mich kein Platz mehr auf Eroenezathe und muß ich selbst meinen Weg zu machen suchen. Die Frage ist nur, was ich tun soll."
Er sah sie halb ernst, halb spöttisch an. „Wollen Sie, daß ich Ihnen Rat erteile?"
„Ja, gewiß! Was meinen Sie, wenn ich nach Italien ginge, um dort die Malerei zu erlernen? In der Tat, ich glaube, daß ich das ebenso gut könnte, wie in Deutschland den Doktortitel erwerben. Ilrid ich habe mehr Interesse dafür, oder besser gesagt, ich habe für keines von beiden Interesse. Meine einzige Freude war bis jetzt, auf dem Veloziped zu fahren, aber das ist mir auch ichon langweilig."
„Versuchen Sie es doch einmal mit der Haus- Haltung. Das ist doch eigentlich das Vornehmste, was eine Frau tun und kennen muß."
„Wie? Reden Sie auch so altmodisch. Sie ein Künstler! Das hätte ich niemals von Ihnen gedacht, das gefällt mir gar nicht von Ihnen das kann bei Ihnen nur Scherz sein. Oder denken Sic, daß dazu kein Talent nötig ist, und vor allem keine Lust?"
„Mit Willenskraft kann man viel, aber Ki'inst- lerbegeirterung entzünden dort, wo kein Fünkchen derselben vorhanden ist, das ist unmöglich."
„Und wer sagt Ihnen, daß kein Fünkchen in mir glimmt? Es liegt in der Familie. Mein Bruder konnte auch so hübsch zeichnen und in Holz schnitzen. Ich glaube gewiß, daß er Talent
hatte, aber Vater wollte absolut einen Advokaten aus ihm machen und — und — dann ist er auf Irrwege geraten."
„Lebt er nicht mehr?"
„Ich weiß es nicht", antwortete sie scheinbar gleichgültig, „vielleicht wohl, vielleicht auch nicht", und bann plötzlich ihren Ton verändernd, „ich spreche nicht gerne über meinen Bruder."
„Warum? Hasten Sie ihn so?"
„Nein, aber ich war noch ein Kind, als er wcgging, und zwar ein törichtes Kind. Wir spielten viel zusammen, und einst hatte Papa ihm verboten, hinauszugehen, da er seine Schularbeiten machen mutzte. Aber ich hatte keine Ruhe und hielt so lange bei ihm an, biz er still aus dem Fenster kletterte und mit mir in den Wald ging. Niemand merkte, datz wir dort den ganzen Mittag gespielt hatten, anstatt zu arbeiten. Darauf kletterte er wieder still durch das Fenster und ich ging ins Studierzimmer und arbeitete, als ob nichts geschehen wäre. Aber an diesem Mittag ist etwas vorgefallen — Wybo wurde die Schuld gegeben und er sagte aufrichtig, daß er nicht im Hause gewesen wäre, daß er mit mir im Walde gespielt hatte. Aber das glaubte Papa nicht."
„Und Sie haben es geleugnet?"
Er sah sie an, totenbleich, mit brennenden Augen und zuckenden Lippen, und das Mädchen, das vor niemand bange war, trat plötzlich voller Schrecken zurück und rief, halb weinend:
„Warum fehen Sie mich so schrecklich böse an? Sagen Sie mir doch, was ich getan habe? Wie unverständig bin ich auch, solche Dinge einem Fremden zu erzählen!"
Aber er war aufgesprungen und ergriff sie am Handgelenk.
„Was Sie da getan haben, ist häßlich, sehr häßlich! Und haben Sie niemals bekannt, was an jenem Tage wirklich geschehen ist?"
„Nein", schluchzte sie und versuchte, ihre Hand loszureißen, „ich habe es nicht gesagt."
„Und warum nicht?"
„Ich wagte es zuerst nicht, an jenem Tage! Ich war bange vor Strafe; Papa stellte mich Wybo stets als Muster dar, daß ich so eifrig wäre und er dagegen so faul und nachlässig — darum log ich."
„Falsche Katze!" rief er entrüstet, ihre Hand loslafsend.
Wie vom Blitze getroffen stürzte Ursula zurück und schaute ihm in das zornige Gesicht.
„Wie dürfen Sie das sagen — Sie, ein — Arbeiter im Dienste meines Vaters —"
Aber plötzlich ihm doll ins Gesicht sehend, zitterte sie am ganzen Körper und stöhnte:
„Tas hat er mir auch gesagt — dasselbe: „falsche Katze", und er faßte mich auch am Handgelenk, um mich zu zwingen, es zu sagen . .
„Und nun bekennst Du es von selbst?"
„O Gott! es ist doch nicht . . . Wybo , , . Bist Du Wybo, mein Bruder?"
Er sah sie an, noch stets voll Groll.
I „Denkst Du das?" fragte er spottend. „End-
„Wybo! O, daß ich es nicht eher vermutete! Und Lucia, der immer Deine Stimme auf siel! Wybo, o Wybo, nun erkenne ich Dich! Verzeihe mir doch!"
Und ohne sich sonst um etwas zu bekümmern, warf tze sich schluchzend an seinen Hals; er wehrte ihr nicht. Zuerst war feine Erbitterung noch zu groß, aber ihre Tränen und Reue erweichten sein Herz; sie war doch seine Schwester und die erste, die ihn nach seiner Rückkehr begrüßte; e£ zog sie an seine Brust.
„Beruhige Dich, Ursula! Ich hätte nicht geglaubt, daß Du die erste sein würdest, um mir im Elternhause das „Willkommen" zuzurufen."
„Und warum kommst Du als Fremder hierher?"
„Habe ich denn noch Rechte in meines Vaters Hause? Hat mein Vater mir nicht die Tür gewiesen, als einem Diebe?"
„Und durch meine Schuld I O Wybo, Du weißt nicht, wie mich das stets auälte, diese ©rinne-.
rung . . . Niemand hat mich mehr danach gefragt. Und darum konnte ich nirgendwo Ruhe finden. Darum versuchte ich alles und hatte zu nichts Lust. Ich suchte zu vergessen und konnte nicht, aber nun werde ich zu Papa geh'n und — ihm alles bekennen."
„Noch nicht! Warte damit, bis ich Dich darum bitte. Höre einmal, Ursula! Es ist nicht allein das Heimweh, das mich hierher trieb, um als ein Fremder in meinem Elternhause zu arbeiten. Es sind noch andere Interessen, welche ich zu vertreten habe. Wenn Tu meinst, Verpflichtungen gegen mich zu haben, dann zeige es, indem Du mir hilfft und vor allem mir folgst."
„Ich werde alles tun, was Tu mir sagst. O Wybo, wie ist es möglich? Als Du das Wort sprachst, mit dem Du mich an jenem Tage gescholten: „falsche Katze", war e§ mir, als ob ein Toter zu mir spräche, und nun ich Dich betrachte, be- greife ich nicht, wie Papa und ich so blind sein konnten, Dich nicht wieder zu erkennen, und doch.... doch.... Ich habe Dich genug betrachtet — denn Du interessiertest mich doch so!"
Wybo mutzte trotz des ernsten Augenblickes lachen.
„Dann tut es Dir vielleicht leid, daß ich nur Dein Bruder bin, und wolltest Du Künstlerin werden, nur damit ich mich auch für Dich interef- sieren möchte."
„Vielleicht wohl", antwortete sie aufrichtig und demütig, „aber ich bin doch so froh, daß Du zurückgekehrt bist, Wybo, und ich werde alles tun, was Tu sagst. Aber darf Papa es nicht wissen und auch Lucia, die auch so glücklich fein wird?"
„Nein, Sula, noch nicht! Du bist die einzige, die Weitz, datz ich nicht bin, wofür Vater mich hält. Lucia in ihrer englischen Güte vertraut mir, aber sie weiß nicht . . . Und vorher habe ich noch etwas anderes zu tun." .
»Und was sagst Du zu Papas Plänen? Findest Du e« nicht furchtbar?"
■ J3ortfe6ung folgt»)