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Ratationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak» tiendruckerei in Fulda Fernfprecher Nr. 4.
JV3 291.
Fulda, Donnerstag den 17. Dezember 1908.
35. Jahrgang.
Grstes WlatL.
Politischer Ringkampf.
Man schreibt uns aus Berlin: Nicht vor der breiten Oeffentlichkeit, aber dafür um so heftiger hinter den Kulissen tobt seit 8 Wochen ein heftiger politischer Ringkampf; Auf der einen Seite ftefr die konservativ-agrarische Partei, auf der anderen die liberal-industrielle Gruppe; beide streiten um die Oberherrschaft im Reiche. Der Kampf gegen den Kaiser war nur ein Mittel zum Zwecke, er war die Staubwolke, welche die Kämpfer verdecken sollte; dieses Experiment ist bis zu einem gewissen Grade gelungen. Aber der Kampf ist noch nicht entschieden und mit den denkbar stärksten Mitteln wird weiter gearbeitet; alles, was man jetzt über die Kamarilla liest, ist im Kerne auf diese Auseinandersetzungen zurückzuführen. Die auffallend heftigen Artikel der „Rhein. Wests. Ztg." geben nur die Stimmung wieder, die in den Reihen der Lochfinanz, und Großindustrie herrßht; daher verdienen sie erhöhte Beachtung.
Dieser seit Jahren latente Kampf loderte hell auf, als der wirtschaftliche Rückschlag eintrat. Die großen Schiffsgesellschaften sahen zuerst ihren Ge- winn zusammenschmelzen, dann ging es der Rhederei schlecht; der ganze Handel leidet nun schon «ot und jetzt sieht die Hochfinanz, daß ihre Zins- rrträgnisse kleiner werden. Das geht über den Patriotismus dieser Kreise. Man sucht nach der Erklärung für diese Tatsachen und glaubt, sie in unserer schlechten Auslandspolitik gefunden zu haben Fürst Bülow, der mit diesen Kreisen enge Fühlung hat, wäscht sich von aller Schuld rein; so kommt der ganze Aerger auf das persönliche Regiment. Die Hochfinanz sand ihren Blitzableiter im Kaiser; dem Reichskanzler paßte das gut in seine politischen Pläne twie einstmals bei der Kaiserreise nach Tanger) und so konnte die „Hatz" beginnen. Wer die Fäden zwischen der Presse und den Goldleuten kennt, ist nicht überrascht, wenn er eine gewisse Einmütigkeit vorfindet. Man müsse den Kaiser zum Schweigen bringen! so lautete die Parole dieser Gruppe; des Kanzlers sei man sicher. Vor keinem Mittel schreckte man zurück, um dieses Ziel zu erreichen; man spricht selbst von dem Ruin der Hobenzollernkrone und von der kommenden An- archie, wenn das persönliche Regiment wieder etabliert werden sollte. Diese Gesellschaftsichicht hat in den letzten Jahrzehnten tüchtig gearbeitet; sie hat viel Geld verdient und ist reich geworden. Aber es genügt ihr nicht mehr, im Berliner Ge- sellschastsleben die erste Violine zu spielen; sie will auch politisch herrschen. Dieser Wille erhält einen mächtigen Ansporn durch die heutige schlechte Wirtschaftslage. Würden heute alle großen Gesellschaften 10 Proz. Dividende verteilen, dann hätte das Kaiserinterview keinen Staub ausgewirbelt, denn als schon vor Jahresfrist die „Tailv Tlspatch" ihre Publikation brachte, blieb alles ruhig; als Minister Brashford zum ersten Mal die Jnterviewsangelegenheit der Welt mitteilte, regte sich niemand auf. Jetzt aber soll es anders sein: jetzt wurde über den Kaiser tagge- Sogen, tote es noch nie erhört war. Dem Kanzler aber, dem durfte kein Haar gekrümmt werden.
Die Konservativen haben bereits erkannt, daß ihnen der Kampf gilt; die einen kamen früher, die anderen später zu der Erkenntnis; daher sind sie auch heute noch etwas uneinig. Die Konservativen haben freilich drei mächtige Stützen: Hofkreise, Militär und Verwaltung. Aber sie müssen sehen, tote eine nach der anderen brüchig wird und wie die Gegenseite sich immer mehr ausdehnt und überall sich einnistet. Ein großer Teil des Adels hat sich vom Hofe zurück
gezogen, weil er den LuxuS nicht mehr mitmachen kann; daher erschallt auch von rechts her der Nu nach SparsamkeiL Die Bank und Börsenwet hält jeden LuxuS aus, den konservativen Granden aber geht der Atem aus und es fällt ihnen schon schwer, ihre Söhne noch alle in der Garde zu taffen. Da soll nun Sparsamkeit abhelfen. In den Reihen der Kotiservativen wußte man eine Zeitlang nicht, soll man gegen das persönliche Regiment sich stellen oder nrcht. Wenn man sich den Tadlern anschloß, so geschah es in der Erwartung, daß man dabei für die Partei ein gutes Geschäft machen könne. Heute merken sie aber schon, daß eine andere Richtung sich die Hände an dem helllodernden Feuer wärmt und darum wird auf der ganzen Linie gelöscht. Den Leuten um Stolberg, Heydebrandt und Manteuffel ist es heute sehr schwül; denn sie müssen sich sagen, daß sie ihre besten Pferde vor den Wagen der Gegner gespannt haben; nun will man zurück und bläst das Signal: Ruhe!
Der Kampf zwischen beiden Teilen wird mit großer Heftigkeit geführt, auch wenn einzelne Kämpfer sich vor ben Kulissen zulächeln. Die Konservativen wollen und wünschen, daß der Kaiser des 17. Navember 1908 ihnen und sich selber treu bleiben möge. Die Industriellen und Bankengruppe strebt dahin, daß der 17. November nur der erste Schritt sei und daß der Kaiser immer mehr in den Hintergrund zu treten habe; dann werde auch unser Verhältnis zu anderen Staaten ein besseres, ein herzlicheres, wir würden wieder bündnisfähig und die Spannung mit England lasse nach. Wir sehen dem Ausgang dieses Ringens vorerst ruhig zu. Das Zentrum wird sich nicht dazu hergeben, der einen ober anderen Partei die Kastanien aus dem Feuer zu holen, es wird sich so stellen, wie es daS Interesse der Allgemeinheit erheischt.
Deutscher Reich.
** Berlin, 16. Dezbr. 1908. Zur Beratung von Verwaltungsfragen der Invalidenversicherung trat im Reichsversicherungsamt unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Kaufmann eine Konferenz von Vertretern der Landesversicherungs- äm!er, der Jnvalidenversicherungscmstalten und der zugelafsenen Kasieneimichtungen zusammen. —
(*) Die obersten preußischen Verwaltungsbehörden begingen am Mittwoch morgen in einet Festsitzung die Erinnerung an den Erlaß des Publikandums vom 16. Dezember 1808, wodurch die Neuregelung dieser obersten Verwaltungsbehörden des Staates anaeordnet wurde.
)( Die Prinzessin Viktoria Luise, das jüngste Kind des Kaiserpaares, soll sochn wieder verlobt werden. In Potsdam, wo man in höfischen Angelegenheiten das Gras wachsen hört, erzählt man sich, König Dom Manuel vonPortu- g a l werde im nächsten Frühjahre nach Berlin kommen, und dann solle die Verlobung eingeleitet werden. Von offiziöser Seite wird dazu beteuert, das Kaiserpaar hänge so zärtlich an der Tochter, daß es deren Geschick Wohl kaum mit dem des wankenden Thrones eines von Revolutionen und Anarchie unterwühlten Landes verknüpfen lassen werde.
e. In eer Budgetkommission des Abgeordnetenhauses wurde am Mittwoch ein weiterer konservativer Antrag, die in erster Lesung beschlossene Besierstellung der Katasterkontrollcure wieder rückgängig zu machen und ihnen dafür eine pensionssähige Stellenzulage von je 300 M. zu gewähren, mit 15 gegen 12 Stimmen abge- lehnt. Ein Zentrumsanlraz, der für Klaffe 25 olgende Gehälter festtetzen will: 3000, 3400,
3800, 4200, 4500, 4800 Mark, wurde mit großer Mehrheit angenommen. Da die Sud- komwission zu einer Einigung betreffend die in erster Lesung abgelehnte Erhöhung von Gehältern und Stellenzulagen für einen Teil der höheren Beamten noch nicht gekommen ist, wurde die Beratung der Klaffen 38 bis einschließlich 51 ausgesetzt.
.. Vom Fürsten Philipp zu Eulenburg Wir hatten ebenso wie andere Blätter die Rach- richt verbrestet, eine gerichisärzlliche Kommission habe auf Schloß Liebenberg eine überraschende Untersuchung deS Gesundheitszustandes des Fürsten Eulenburg vorgenommen und diesen so schlecht befunden, daß an eine Wiederaufnahme des gegen ihn schwebenden Meineidsprozesfes in absehbarer Zeit nicht zu denken sei. Ganz anders tautet, was uns unser Berliner Mitarbeiter meldet: „Fürst Eulenburg ist frisch und munter; er unterhält einen sehr lebhaften Briefwechsel mit dem In- und Ausland. Auch werden in Liebenberg fortwährend Besuche empfangen und das politische Geschäft blüht wieder wie in früheren Jahren. Der Fürst wird nur dann von einer gewissen Nervosität hetmgesucht, wenn die Gerichtskommiffion sich dem Schlosse naht, um über den Gesundheitszustand deS Angeklagten zu befinden."
)( Ter freisinnige Wahlrechts-Antrag sollte nach einer Meldung der,Ltber. Korresp.' im Laufe des MonalS Januar im preußischen Abgeordneten- hause zur Verhandlung gelangen. ES handelte sich dabei nur um einen Fühler. Mit gewohnter Pünktlichkeit erfolgt von konservativer Seite eine deutliche Absage. Tie .Deutsche TageSztg/ ist empört über die freisinnige Anmaßung, denn der Landtag habe im Januar „wirklich Dringlicheres zu tun als zweifelhafte Zukunftsbilder zu diskutieren." „Zweifelhafte Zukunftsbilder" — so nennt der Blockgenoffe die erste versaffungSpolili- sche Forderung seines Freundes. Ter Freisinn aber wird sich der Belehrung zweifellos zugäng- tich erweiien.
* Mit der Ablehnung der Nachlaßsteuer soll jetzt auch Staatssekretär Sydow einverstan- den fein, wenn ihm der Block einen ausreichenden Ersatz für diese Steuer bietet. Die Schwierigkeit liegt jetzt bei den freisinnigen Parteien, die dir Durchführung der Nachlaßsteuer als die un- erläßliche Vorbedingung für ihre Mitwirkung an dem Reformwerk bezeichnet haben.
— Die Blockfreunde unter sich. Die „Krzztg." hält den Wationalliberalen das folgende drastische Spiegelbild vor:
Die nationalliberale Presse hat stets mit Emphase verlangt, daß die „Blockidee" auch im preußischen Adqeordnetenhause gellen müsse, und bis zu einem gewissen Grade nnllfahrt ihr auch die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses. Wie aber steht es im sächsischen Landtage? Bekanntlich hatten zwei nationalliberale sächsische Landtagsabgeordnete im Landtagshause auf einem Schreibtische den Entwurf eines Rundschreibens gefunden, den der konservative Abg. Schmidt aus Versehen hatte liegen lassen und der als „streng vertraulich" bezeichnet war; trotz dieses Vermerkes hatten sie das Schristftück abgeschrieben und veröffentlicht; das Original ist dabei „abhanden gekommen". Beide natk. Abg. ließen es dann stillschweigend geschehen, daß Angestellte des Landtages des Diebstahls verdächtigt und in strafrechtliche Untersuchung gezogen wurden. Nun erinnere man sich, daß am 11. Februar 1895 im Reichstag ein Fall zur Sprache kam, in dem der sozialdeurokratische Abg. Dr. Schönlank eine Rolle spielte: ein Brief, den ein konservativer Abg. im Waschramne des Reichstages hatte liegen lassen, war in der,Leipz. Volksztg/ abgedruckt
worden. Der Führer der sozialdemokratischen Fraktion, Abg. Bebel, verurteilt« diesen schweren Vertrauens« bruch im Namen der Partei auf das schärfste. Di« .Natronalzeitung' schrieb: „Darüber, daß ein derartige» Mißbrauch eines gefundenen Privatbriefes unverantwortlich ist, kann keine Meinungsverschiedenheit bestehen. ,Ziehnlich sprachen sich ander« nationalliberal« Blätter aus. Die .Deutsche Tagesztg.' hat nun vor etwa zehn Tagen das Vorkommnis im sächsischen Landtage ausführlich erzählt und dazu gesagt, die beide« nationallideralen Abgeordneten seien in den Augen aller anständigen Menschen gerichtet; es erscheine ausgeschlossen. daß eine Fraktion, die auf Achtung Anspruch erhebe, solche Leute in ihren Reihen dulde« könne. Aber darin halte sich die »Deutsche Tagrsztg/ geirrt. Der eine der beiden Abgeordneten, Herr Lang- Hammer, ist nach wir vor dritter Vorsitzender seiner Fraktion und tritt fortgesetzt im Landtage als deren Sprecher auf. Aerger kann sich eine Partei nicht bloßstellen. Und was tut die nationalliberal« Presse, dir einem Sozialdemokraten gegenüber so entschiedene Worte gefunden hatte? Sie schweigt. Sie schweigt zu den Ausführungen der .Deutsche« Tageszrttungf, sie schweigt zu dem Verhalten der Fraknonl So sieht die „Blockidee" bei den National liberalen aus, so sieht die Presse auS, die unS dr» Blockfemdschast beschuldigt.
„Sehet, wie sie einander lieben!" klingt e< auS jedem Sah dieser ebenso inlereffanlen und lehrreichen Auseinandersetzung hervor. Aber allzu stolz braucht die ,Kremztg/ nicht zu tun. Waste hier den Nationalliberalen mit Recht zum schweren Vorwurf macht, haben diese dem Fürste« Bismarck abgelauscht. Daß z. Zt. deS Kulturkampfes das Briefgeheimnis nicht geachtet wurde, hat die Ausnutzung des an sich so harmlosen Briefes des Abg. Dr. Windthorst an den Domherrn Kozmian und eine Reihe anderer durch gerichtliche Beschlagnahmungen mögliche Indiskretionen gezeigt. Der Fall Arnim bietet in seinen einzelnen Zwischenfällen eine wahre Fundgrube zum Beweise der Skrupellosigkeit, womit der Altreichskanzler nach dieser Richtung vorzu« gehen pflegte.
* Der Reichsverband gegen die Sozialdemokrat tie, der im Nebenamts bekanntlich auch die Bekämpfung des „Ultramontanismus" betreibt, entfaltet nach wie vor eine ungeheuere Agitation. Nach dem Jahresbericht, der auf der soeben abgehaltenen ordentlichen Ausschußsitzung erftattet wurde, hat der Verband 1908 16 604 Mitglieder gewonnen und damit seine Mitgliederzahl auf annähernd 180 000 gebracht. 726 Versammlungen wurden von den zahlreichen, mit großen Mitteln unterhaltenen Geschäftsstellen veranstaltet. Dazu kamen fliegende Rednerkurse und ein „national- ökonomisch-politifcher Ausbildungskursus für Lehrer".
a Tie Hauptstelle deutscher Arbeitgeberverbände hielt in diesen Tagen in Berlin eine Hauptversammlung ab. Nach dem Jahresbericht gehören der Hauptstelle gegenwärtig 77 selbständig« Vereine an, die zusammen über 1 Million Arbeiter beschäftigen. Der Jahresbericht läßt weiter erkennen, daß der Vorstand der Hauptstelle im Laufe des Jahres gegen alle sozialpolitische Forderungen und Regungen, die irgendwo aufgetaucht sind, Front gemacht hat. In dieser Hauptversammlung selber beschäftigte man sich auch mit den sogen. „Gewerkvereinen". Man behauptete, i)iefe Vereine hätten nichts mit den sogenannten „gelben" Vereinen zu tun und man beschloß, sie mit Nachdruck zu unterstützen. Weiter besprach man die Organisation der Privatangestell- : en und der geistigen Arbeiter. Man hielt es für )a? richtigere, die alten, nicht radikalen Verbände zu unterstützen, um dadurch die jüngeren energischer arbeitenden zurückzudrängen.
* Marburg, 15. Dez. 1908. Wie die hessische Sanbe^ettung' erfährt, beabsichtigt Bürger-
KurückgekeHrl.
Erzählung von Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.
841 (Nachdruck verboten.)
Ich toar so mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß ich — zu meiner Schande muß ich es gestehen — meinen Schwager und meines Vaters Geschäft ganz oder doch größtenteils vergaß.
Nach meiner Heirat reiften wir nach Genua und vernahmen dort, daß die Liquidation abge- taufen toar. Mein Anteil und der meines ©rtjtoa- gers betrug für jeden von uns nicht mehr als 20 000 Lire. Eine traurige Summe, wenn man bedenkt, welche große Geschäfte mein Vater gemacht hatte.
Doch toar ich zufrieden, daß alles wenigstens ohne Verlust abgelaufen war, und es tat mir wirklich leid, zu hören, daß mein armer Schwager mit jedem Tage niedergeschlagener wurde, so daß er jetzt nur noch dahinvegetierte.
Man hatte ihn in eine Anstalt gebracht, und dort fand ich ihn, eine traurige Ruine. Von dem lebenslustigen Mann toar nichts mehr übrig geblieben als ein Schatten.
Er erkannte mich nicht einmal; ich hörte, daß fein holländischer Verwandter schon wieder in feine Heimat abgereist war und daß der arme Antonio, noch ehe der Wahnsinn seinen Geist um- nachtete, die Gelegenheit benutzt hatte, ihm die Vormundschaft über sein Kind zu übertragen.
Für mich kein Wort, keinen Auftrag, nichts! Er hatte verlangt, daß seine Tochter eine ganz holländische Erziehung erhalten sollte, und sie darum seiner Familie anvertraut.
Ich war jung und sorglos, und obgleich ich wußte, daß Antonio nicht halb zurechnungsfähig genannt werden konnte, als er diese Anordnun- aen traf, so fühlte ich mich doch beleidigt, als ich göre mujjte, daß ich, der einzige Bruder von Vik
torias Mutter und ihr nächster Anverwandter — denn Antonio hatte weder Brüder noch Schwestern — durchaus nicht befragt worben war.
Aber, wie ich sagte, ich ging in jener Zeit auf in meiner Kunst und in meiner jungen Frau; so schüttelte ich diese unangenehme Wahrnehmung bald von nur ab; wir verließen Genua mit den 20 000 Lire und wohnten im Winter in Rom, im Sommer in Albano; die Kinder kamen und nur noch selten dachte ich an mein Nichtchen.'
Unsere Begegnung zu beschreiben, wirb wohl unnötig sein bester Junge! Ich sehe Dich noch erschöpft zwischen ben Bogen unb gebrochenen Säulen des Forums schlafen, erschöpft von Hun- ger und Ermüdung. Du nennst mich Deinen Wohltäter, aber der hebe Gott weiß, wie wenig Verdienstliches in meiner Tat war, unb wenn dies auch der Fall wäre, so hast Tu mir bas reich- "ch vergolten burch Deine Freunbschaft unb Dankbarkeit, besonders durch Deine Liebe zu unterer Marietta, die wir Dir so gerne zur Frau gegeben hätten, wenn Gott es nicht anders gefügt hätte.
Aber laß mich, mein Sohn - denn bas bist Du noch stets in unseren Augen und in unserem Herzen — die traurigen Erinnerungen nicht weiter verfolgen. Unsere Marietta blüht nun im Paradiese; wie meine Schwester, toar sie nicht stark, nickst imstande, den Kampf gegen das Seiden auf dieser traurigen Welt zu ertragen.
Ich weckte Dich, als Du da im Schlafe lagst, in der Furcht, daß Du dort in der feuchten Nachtluft die Malaria (bas Sumpffieber) bekommen könntest. Deine ersten Worte klangen mir bekannt in die Ohren; denn ich hatte von meinem Schwager manches holländische Wort gelernt
„Wo bin ich doch, wo?"
Das zog mich an; das übrige ist Dir bekannt; Du hast Dich zu einem großen, einem echten Künstler entwickelt. Deine Familie, die Tich verkennt, hat das Recht, stolz auf Dich zu sein; wir liebten Dich als unseren ältesten Sohn, und unser liebster Wunsch wäre erfüllt gewesen, wenn Du unb Mariettq ein Paar geworden wäret.
Es sollte nicht sein, und siehe: nach ihrem Tobe wurde die Erinnerung an meine Zwillingsschwester, die lange in meinem Herzen geschlafen hafte, wieder wach in mir; ich fragte mich, ob Gott mir meine älteste Tochter nicht zur Strafe genommen hätte, weil ich das einzige Kind meiner Schwester vollständig vernachlässigt hatte.
Der Gedanke an bas Mädchen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe, und bann habe ich mit Dir über die Sache gesprochen.
Du gestandest mir darauf, daß Du das Bedürfnis hättest. Dich zu zerstreuen, unb daß bas Verlangen nach Deinem Heimatlande Dein Herz erfüllte. Du wünschtest Dein Elternhaus toieber- zusehen, Dich mit Deinem Vater zu versöhnen, und daraus trug ich Dir auf, mein Nichtchen zu suchen.
Sie ist seit tanger Zeit ganz verwaist, das Leben ihres armen Vaters ist sanft wie ein sterbendes Licht erloschen. Der Name der Verwandten ist Wylanbts; aus dem Kloster, wohin ich die kleine Viktoria brachte, wurde sie schon lange zurückgefordert.
Die Sache war mühevoll; Du hast sie aber bis jetzt ausgezeichnet ausgesührt. Bringe alles zu einem guten Abschluß, labe den untreuen Dor- mund vor das Gericht, wenn Du es gut findest, und sei nicht besorgt wegen des Gelbes. Ich bin. Gott sei Dank, reich genug, um dem Kinde meiner Schwester eine geziemende Aussteuer zu geben.
In jedem Falle mußt Du die Schurken bange machen; sie verdienen es. Ihre Sünde ruft um Rache zum Himmel; aber bringe bald Viktoria zu uns.
Ihre Tante und ich erwarten sie mit offenen Armen; sie wird uns eine liebe Tochter, unseren Kindern eine andere, ältere Schwester fein."
XIL
Serbin! ließ den Brief auf feinem Schoße ruhen und blickte gedankenvoll in die Ferne.
„Die Glieder der Kette find wohl da, aber wie nun alle miteinander verbinden? Wie soll ich es
anfangen, für die Interessen dieses Kindes zu sorgen, ohne — zu ftüh zu sprechen? Ich muß jemand ins Vertrauen ziehen, aber wen?"
Während er so noch überlegte, kam Ursula van Hagenvoorde an ihm vorbei.
„Ruhen Sie etwas aus?" fragte sie, ihn frei ansehend.
„Ja, ober vielleicht nein! Ich arbeite jetzt vielleicht mehr, als wenn ich im Atelier bin."
„Wie meinen Sie das?"
„Glauben Sie denn, baß solche Arbeit allein mit ben Hänben gemacht wirb?"
„Ah fo! Sie lassen sich inspirieren?"
„Das bemerken Sie sehr gut"
Und plötzlich kam ihr ein Gedanke:
„Sollte ich denn keine Künstlerin werden können?"
Er hatte schon Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken.
„Das könnte ja leicht geschehen, Fräulein, dazu gehört nur eine Kleinigkeit, nämlich Talent."
„Kann man bas nicht bekommen, ober ist es wohl so unentbehrlich?" Ich bin vor einiger Zeit mit Papa in Amsterdam gewesen unb besuchte bort die Ausstellung, unb als ich all' die Gemälde sah, dachte ich: „Sollte bas so schwer sein?" Ich wollte mich wohl in einem Fache ausbilden. Lange habe ich daran gedacht, Arzt zu werden, aber das ist so beschwerlich und so unangenehm; nun könnte ich auch wohl etwas anderes studieren, aber wenn ich Gelb verdienen will, bann muß ich Unterricht geben, unb ich liebe die Kinder, andere Leute nicht."
„Ich meine, als Künstler verdienen Sie so bequem unb ehrenvoll Gelb."
„Glauben Sie das? Ich habe immer gehört, baß kein Weg dornenvoller ist als der des Künstlers. Also dürfen Sie sich wohl zweimal bedenken, ehe Sie ihn betreten."
(Fortsetzung folgt)