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Fulda, Mittwoch den 16. Dezember 1908.
35. Jahrgang.
JA 290.
Kustes W^cltt
Deutsches Reich.
A Zur Reichsfinanzreform läßt die Reichsregierung offiziös beteuern, fie habe nicht dir Absicht, zuzulasien, daß jetzt wieder „halbe Arbeit" gemacht werde. Es solle auf längere Zeit Ordnung in den Reichsfinanzen erzielt werden, und darum könne von den geforderten 500 Millionen Mark nichts ab- gelassen werden. Wenn der Reichstag das nicht bewilligen wolle, dann werde die -fahr- kartensteuer nicht aufgehoben werden und ebensowenig bas OrtSporto für Postkarten auf 3 Pfg herabgesetzt werden. Auch sei dann an eine Herabsetzung der Zuckersteuer von 14 Mark aus 10 Mark nicht zu denken. — Offenbar will die Regierung die Konservativen mit der Zuckersteuer und den liberalen Blockflügel mit der Erfüllung feiner Hoffnungen auf Verkehrserleichterungen für die Sybowfchen Steuerpläne gefügig machen.
Daß man an Regierungsstellen die ganze Steuersammlung sür sehr gefährdet hält, geht auS einer Erklärung des sächsischen Finanzministers Dr. v. Rüger vom Dienstag hervor, wonach der Stand der Reform „nicht günstig" sei. Man müffe mit der Möglichkeit rechnen, daß den Einzelstaaten ganz ungeheure Matri- kularbeiträge ausgebürdet würden, und daß auch die gestundeten Matrikularbeiträge noch von ihnen bezahlt werden müßten. — DaS wird wohl so kommen. Wenn der Block eine ReichS- finanzreform nicht zustande bringt — und das muß man ja saft glauben — dann wird das Reich gezwungen sein, große Summen auf die Matrikularbeiträge zu nehmen. Einen Nachteil kann man übrigens darin nicht erblicken; denn je mehr die Einzelstaaten von der Lerantwort- lichkeit, die in Gestalt von Matrikularbeiträgen auf ihnen lastet, befreit werden, desto mehr werden sie geneigt sein, alles zu bewilligen, was von dem rüstungslustigen Preußen verlangt wird.
Um den Bundesstaaten die lästige Schuld der gestundeten Matrikularbeiträge abzunehmen und sie der Reichskaffe in möglichst gelinder Form aufzuerlegen, schlagen die ,Berl. Reuest. Nach»/ vor, die 145 Millionen zwar durch neue Steuern zu tilgen, aber dafür für die nächsten fünf Jahre die Herabsetzung der Zuckersteuer von 35 Millionen jährlich noch nicht eintreten zu lasten. Rechtliche Bedenken ständen einer solchen Maßnahme nicht gegenüber. Um ihren Lorsch lag recht plausibel zu machen, gibt
4- Castro in Berlin
Präsident Castro ist bei seinem Besuche in Ber- lin von der Presse mit ungewöhnlichem Interesse empfangen worden.
Die Reporter der Sensationspresse haben ihn auf dem Bahnhofe in einer geradezu ekelhaften Weise belagert und auszufragen versuckst. Meistens haben diese würdigen Repräsentanten der „siebenten Großmacht" natürlich nichts erfahren; denn schließlich hat jemand nach einer sehr langen Eisenbahnfahrt in der Regel doch andere Bedürfnisse, als dieser Sorte Preßvertretern, die sich in ihrer großen Mehrzahl aus mehr oder weniger freiwillig abgegangenen ehemaligen Offizieren rekrutierten, Rede und Antwort zu stehen. Dre Sensationspresse weih infolgedessen im allgemeinen denn auch recht wenig zu berichten, was irgendwie von Belang wäre. Um so umfassender aber sind dafür die Mitteilungen über Neußer- lichkeiten.
Es wirkt geradezu abstoßend, was man in den Schilderungen der Blätter darüber zu lesen bekommt, wie Castro empfangen wurde, wie er von Interviewern bestürmt wurde, wie man ihn schon während der Fahrt interviewte, ihm ins Ho- tel hinein folgte, und da er sich zu Interviews nicht bereitfinden ließ, ihm bald ins Speisezimmer nachrannte und ihm auf den Lisch guckte, um der Welt wenigstens verkünden zu können, daß er mit bestem Appetit ein recht opulentes Mahl zu sich nahm. Es wird in der Presse dann geschildert, wie er aussieht, wie er gekleidet ist, vor allem auch, wie seine Frau gekleidet ist. wie er geht, wieder steht, wie er raucht, wie er Mester und Gabel hält, sodaß man meinen könnte, man hätte es mit irgend einem hervorragenden Monarchen zu tun. Man hat der Person Castros eine weit größere Bedeutung beigelegt, als er eigentlich verdient.
Zunächst erscheint Castro in Berlin nur als Privatmann; er will die Berliner Aerzte, die er für erste Kapazitäten hält, wegen seiner angegriffenen Gesundheit konsultieren. Aber wenn auch die Reise irgend einen politischen Hintergrund hätte, von Bedeutung wäre das nicht, denn es kann sich nicht darum handeln, d a ß rt) i r i n d i e Händel, die Herr Castro durch feine „Diplomatie in Hemdsärmeln" angeftiftet hat, uns tinmischen. Andererseits haben wir von dem despotisch veranlagten Herrn auch nichts zu erhoffen, da er für unsere politischen Bestrebungen belanglos ist.
Deutschland hatte im Jahre 1902 einen Konflikt mit Venezuela, d. h. mit dem Präsidenten Castro. Stach langen und fruchtlosen Verhandlungen war Deutschland im Bunde mit England und Italien zu einer Blockade der venezolanischen Küste genötigt, da auch unser Ultimatum auf Herrn Castro keinen Eindruck gemacht hatte. Als wir ihm die Zähne, gezeigt hatten, gab er freilich nach, und der Schiedsgerichtshof im Haag brachte den Rest in Ordnung. Jetzt ist der damalige Streitfall längst vergessen und es ist nie wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Venezuela gekommen.
Natürlich wird die deutsche Regierung jetzt nicht umhin können, Castro trotz des privaten Charakters seines Besuches die übliche Ehrenbezeugungen zu erweisen. So war es denn , ganz in der Ordnung, daß der Staatssekretär im Auswärtigen Amte v. Schoen den Wirklichen Legationsrat G o e t s ch zu Castro ins Hotel schickte, um ihn zu begrüßen. Die Eisenbahnvertval- tung hatte dem Präsidenten von Köln ab einen deutschen Salonwagen zur Verfügung gestellt.
Daß Castro den Interviewern, welche ihn über die Politik befragen wollten, abgewinkt und fie auf eine spätere Zeit vertröstet hat, daran hat er sehr gut getan, denn was er ihnen hätte sagen können, wäre für ihn selbst nicht gerade angenehm gewesen, denn während er sich in Berlin aufhält, nehmen in Venezuela die F e i n d f e I r g- keiten mit den Niederlanden ihren Fort- gang, und noch in diesen Tagen hat sich die Si- tuatton zwischen den beiden Ländern verschärft. Die Holländer haben bekanntlich vor Puerto Ca- bello das venezolanifche Küstenwachtfchiff „Alix" aufgebracht und nach Curacao geschleppt. So dickfellig Herr Castro immer fein mag, so dürfte ihn gerade dieser Schlag ziemlich empfindlich getroffen haben. Weiter haben inzwischen niederländische Kriegsschiffe an der Nordküste von Venezuela die venezolanische Regierungsgaleasse „Majo" beschlagnahmt. Die Besatzung wurde samt der Armierung an die Küste gebracht.
\ Berlin, 15. Dez. 1908. Der Kaiser hört jetzt täglich wieder Borträge. Zur Frühstücks- täfel war gestern der Staatssekretär von Schoen geladen. — Das preußische Staatsministerium hielt auch gestern (Dienstag) wieder eine Sitzung ab. Es handelt sich bei diesen wiederholten Sitzungen augenschemlich um die Festsetzung beS Staatshaushaltsetats. — Der neue Berliner Oberstaatsanwalt Preuß hat von seinem Vorgänger, dem nunmehrigen Generalstaatsanwalt Dr. Jsenbiel, die Prozesse Eulenburg und Moltke-Harden übernommen. Im letzteren wird demnächst ein neuer Termin anberaumt.
Ö Dem Kaiser wollte die Berliner Studentenschaft zu seinem 50. Geburtstag einen Fackelzug darbringen. Das Hosmar- schallamt hat aber nunmehr dem Komitee mitgeteilt, daß der Kaiser und König für die freundliche Absicht, den bevorstehenden Allerhöchsten Geburtstag durch einen Fackelzug zu begehen, sehr dankbar sei, mit Rücksicht auf die kalte Jahreszeit aber bitte, von dieser Veranstaltung Abstand nehmen zu wollen.
= ES ist nichS daran, nämlich an dem Gerede von der neuen Kamarilla, so lautet die neueste offiziöse Parole. Der Berliner Korr. der „Franks. Zig." versichert, daß der Kanzler das Vertrauen deS Kaisers nach wie vor genieße, „wie es ein Arzt genießt, den der Patient auch dann noch für seinen Freund hält, wenn er ihm eine bittere Medizin hat ein geben müffen". Zudem
daS Blatt folgende Charakterisierung der Bedeu- tung der bekanntlich vor ungefähr Jahresfrist von den Blockparteien beschlossenen Zuckersteuerermäßigung:
„Daß die Ermäßigung der Zuckersteuer sachlich eine andere Bedeutung hatte, als ein Geschenk an die Jnteresienten, wird ernstlich niemand bestreiten wollen. Liebesgaben stehen bekanntlich bei den liberalen Parteien in einem üblen Geruch, und doch ist die Ermäßigung der Zuckersteuer auch nur eine Liebesgabe, die aber diesen ominösen Namen nicht trägt, weil an ihr außer den rübenbauenden Agrariern auch die verarbeitende Industrie und der Handel teilnimmt. Man hat es kaum verstehen können, als der Reichstag im vorigen Jahre, mitten in den größten Finanmölen, auch noch eine sichere Einnahmequelle um 35 Millionen kürzte, nur um einem keineswegs notleidenden Erwerbszweig einen Vorteil zu verschaffen. Denn daß wirklich bei einer Entlastung des Doppelzentners Zucker um 4 Mark eine Konsumsteigerung , die unserer Volksernährung so dringend nötig sein sollte, eintreten wird, kann niemand behaupten. Der Nachlaß von 2 Psg. auf das Pfund Zucker wird im Kleinhandel überhaupt nicht zum Ausdruck kommen, sondern der Detailist wird ihn in die Tasche stecken, da er sich bisher mit einem minimalen Gewinn beim Zuckerhandel begnügen mußte."
Letztere Voraussage wird wohl nicht eintreffen, sondern den ganzen Profit werden die Fabrikanten und Großhändler einstecken. Daß die Zuckersteuerermäßigung fachlich nicht zu rechtfertigen ist, hat daS Zentrum von Anfang an betont, und wir freuen uns, als Kronzeugen dafür jetzt die,Berl. Neuest. Nachr.' zitieren zu können. Wir möchten wünschen, daß ihre Ausführungen recht viele Beachtung fänden, denn wir sind sicher, daß bann bte Ermäßigung der Zucketsteuer vollständig wieder rückgängig gemacht werden wird. Den Reichsfinanzen käme es fehr zugute. Die Idee, mit ben hier gewonnenen Geldern die Matrikularbeiträae zu tilgen, kann uns dagegen nicht gefallen. DaS Reich ist nicht in der Lage, alS fplenbiber Eeschenktzsber aufzutreten.
fei feine Stellung auf dem Gebiete, daS sich um das fog. persönliche Regiment drehe, recht stark. BundeSrat und preußische- Ministerium ständen hinter ihm. Zugegeben wird, daß er Gegner habe, die über den 17. November mißgestimmt seien; aber ihre Aktionsfähigkeit wird bestritten. Aehnlich äußern sich andere offiziöse Blätter. Vorläufig hat also Fürst Bülow keine Angst mehr.
4- Mit ber Reichsfinanzkommifsion find verschiedene Blockblätter sehr unzufrieden. Die „Berliner Neuest. Nachr." schelten weidlich auf di« Kürzung der Bedarfsrechnung deS SchatzfekretärS um 145 Millionen und rufen aus:
„Die Ubgeorvneten sollen nur nicht glauben, daß man auf diese Weife eine wirksamere Reichsfinanzreform machen kann, daß man zunächst dir Bedarfsrechnung zu^ammenstreicht. Die gestrichenen Millionen sind damit noch nicht bezahlt, und die Sorge um ibre Bezahlung wird nur von heute auf morgen verschoben."
Gewiß sollen die 145 Millionen bezahlt werden und zwar bald bezahlt werden, aber von denen, die sie schuldig sind, von den E i n z e l st a a • t en. Die „Tägl. Rundschau" empfindet „lebhaftes Befremden" darüber, daß die Kommission sich fast fünf Wochen Ferien gönnen wolle, während man als selbstPerftändlich erwartet hätte, „daß sich die Kommission ihre Ferien weniger reichlich zu- gemessen hätte, um der großen noch Por ihr liegenden Arbeit im nationalen und wirtschaftlichen Interesse mit möglichster Beschleunigung gerecht werden zu können." Zunächst ist zu bemerken, daß die Kommission von dem Reichsschatzamt weiteres statistisches Material für die Weiterberatung verlangt hat, das sie wohl kaum vor Anfang Januar erhalten wird. Im übrigen möchten wir bemerken, daß der „nationale" Eifer der Block- prefse um die baldige Erledigung der Finanzreform unS recht komisch anmutet in Erwägung der Tatsache, daß die Finanzreform heute bereit- unter Dach und Fach sein könnte, wenn man di« Einbringung der Vorlage nicht im B l o ck i n - t e r e f f e um fast ein Jahr hinauSgezögert hätte I
a. Das Lehrerbesoldungsgesetz wurde gestern | in der Kommission dcS Abgeordnetenhauses in zweiter Lesung einstimmig angenommen. Wie schon in den Vorbesprechungen beschloffen war, sollen die Alterszulagen zweimal 21)0 Mk., zweimal 250 Mc. und fünfmal 500 Mark betragen ; für Lehrerinnen dreimal 100, fünfmal 150 und einmal 200 Mark. Ein freisinniger AgitationSaMrag auf Aufhebung der Küsterdienst« wurde abgelehnt.
c. In ber Budgetkommission wurde am Dienstag bei Klasse 12 a beantragt, daS Höchstgehalt bereits in 18 Jahren erreichen zu lasten. Der Vertreter deS Finanzministers' bekämpfte den Antrag, der IV» Millionen Mark mehr fordere. Der Antrag wurde mit 15 gegen 13 Stimmen angenommen. Ferner wurde ein Zentrumsantrag angenommen, daß die vor dem 1. April 1903 dauernd in den Justizdienst übernommenen Assistenten je 300 Mark persönliche penstonssähig« Zulagen erhalten sollten. Bei Klaffe 20 fand eine längere Debatte statt über bi« vom Zentrum beantragte Gleichstellung ber GerichtSschreiber imb »©etretäre bei ben Sanb» unb Amtsgerichten mit ben Regie- rungSsekretären. Der Antrag würbe schließlich abgelehnt. Ein Antrag deS Zentrums, ber ben 99 Rechnungsrcvisoren und 109 Rendanten im Hauptamt und dem ZwangSverwaltungSinspektor eine pensionsfähige Stellenzulage zubilligen will, wurde angenommen, ebenso ein Antrag, den Oberzollsekretären eine Stellenzulage von 600 Mk.
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Perantw. Redakteur r «art schfitte,
J.XÄ?Ä«. rvochenbeicaxk: „Illustrierte Somttagrzeittlng"
KurückgekeHrt.
Erzählung von Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.
83] (Nachdruck verboten.)
Sie begleitete ihn bis zur Treppe; aber che fie es verhindern konnte, war Viktorine schon hinuntergeeilt und erwartete Verdini unten an der Türe.
Da Gertrud oben an der Treppe wartete, bis ihro Cousine den Besucher hinausgelassen hatte, konnte das Mädchen ihm nur die Worte zuflüstern:
„Hieß meine Mutter nicht Noldani?"
„So hieß wenigstens mein bester Freund!"
Sie konnten kein Wort mehr wechseln. Ver- dini stand auf der Straße, Viktorine schloß die Türe und ging langsam hinauf; dort wurde fie mit einer Flut von Vorwürfen empfangen.
Was fie unten zu tun gehabt? Sonst fei sie nicht so schnell, um die Leute hinauszulassen. Und jetzt hätte sie es so eilig gehabt. Das paffe sich durchaus nicht für junge Mädchen, fo übertrieben freundlich gegen Fremde zu fein, besonders wenn inan sie kaum kenne. Was sollte der Herr wohl von ihrem törichten Benehmen denken?
Auch Tante Wylandts half ihrer Tochter eifrig und fang big erste Stimme in dem lieblichen Duett, das zu Viktorinens Ehre angeftimmt wurde.
Zum ersten Male feit langer Zeit fühlte Vik- torine in ihrem Innern sich etwas regen gegen diese ungerechten Vorwürfe; sie war so fehr daran gewöhnt worden, daß fie weder kalt noch warm dadurch wurde, jetzt aber empfand fie die ganze Ungerechtigkeit derselben; dennoch bezwang sie sich und antwortete nichts auf alle-, was Tante und Cousine für gut fanden, ihr vor die Füße tu werfen.
Berdini saß in dem Garten vor feinem Atelier
und las einen Brief; neben ihm lag bas Porträt der Mutter Viktorinens.
„Bester Freund", so las er in dem italienisch geschriebenen Briefe, „ich beeile mich. Dir das Porträt zurückzufenden, in dem ich sofort meine tiefbetrauerte Schvester erkannte. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie glücklich ich bin, zu hören, daß ich ßegrünode Hoffnung habe, ihr einziges Kind noch vor meinem Stöbe wiederzusehen; aber daß ihre Verhältnisse nicht die angenehmsten sind und daß die Menschen, welchen ihr Vater sie an- vertrante, schändlichen Mißbrauch machten von feinem allzu großen Vertrauen, hat mich mit Traurigkeit und Entrüstung erfüllt und, ich bekenne es, mit Selbstvorwürfen.
„Ich hoffe, daß Du sofort alle Schritte tun wirst, um die arme Viktorina ihrem traurigen Schicksale zu entreißen I Ich danke der Vorsehung, die Dich so schnell und unerwartet mit ihr in Berührung brachte.
„Alles weitere überlasse ich Dir. Tue alle Schritte, die im Interesse des jungen Mädchens notwendig sind; solltest Du gesetzliche Hilfe nötig haben, dann werden die Konsuln Dir Wohl bei- stehen. Ich bin bereit. Dir eine Generalvollmacht zu geben. Noch einmal, tue so, als ob es Deine Sache wäre oder wie ich selbst handeln würde.
„Aber damit Du mit voller Sachkenntnis han- dein kannst, halte ich es für nötig, Dir nochmals eine kurze Uebersichst über die ganze Sache zu geben. Mündlich habe ich Dir zwar oft genug alles erzählt, aber es wird vielleicht notwendig sein, daß Du auch schriftlich einen Anhaltspuntt hast betreffs desfen, toa8 Du tun mußt und darum ist es nötig, daß die ganze Sache von neuem ausführlich erzähle.
„Wir stammen, wie Du weißt, aus Genua ab; mein Vater Francesco Noldani war ein sehr geachteter unb reicher Kaufmann; wir waren Kvei Kinder, meine Avillingsschwester Lorenza und ich.
„Auf dem Kontor meines Vater- arbeitete ein junger Holländer, der bald sein volles Ver
trauen genoß und es auch in jeder Hinsicht verdiente. Antonio Riberti nannten wir ihn auf italienisch — in seinem Lande hieß er Anton Ribert. Er war ursprünglich nach Italien gegangen, um daselbst Malerstudien zu machen und ich hatte ihn in Florenz kennen gelernt, denn auch ich fühlte mich nicht zum Kausrnannsstande berufen und wünschte Maler zu werden.
„Daß ich hierin nicht Unrecht hatte, weißt Du, bester Freund, denn ich habe mich über meine Künstlerlaufbahn nicht zu beklagen.
„Riberti hatte Anlagen, aber keine großen, und es ging kein großer Maler an ihm verloren, als er durch einen Fall feinen rechten Arm brach, infolgedefsen er doch niemals mehr ben Pinfel ordentlich hätte führen können.
„Auf meine Bitte gab mein Vater ihm nun eine Stelle auf feinem Kontor, und Antonio gewann feine ganze Zufriedenheit; er wurde meines Vaters rechte Hand, und bald betrachteten meine Elfern ihn als ihren zweiten Sohn.
„Meine Schwester Lorenza und er liebten einander und nichts stand ihrer Heirat im Wege; sie heirateten zu unserer großen Freude und ihr Glück war so vollkommen, wie es hier auf der Welt fein kann, besonders als die kleine Vitoria geboren wurde.
„Leider lebten meine guten Eltern nicht lange mehr; sie starben kurz nacheinander und Riberti führte nun allein unsere Geschäfte; aber er war und blieb ein Fremdling; als Untergebener hatte er alle Anweifungen zur Zufriedenheit ausgeführt, als Chef tat er verschiedene unkluge Schritte. Seine Unbekannffchaft mit dem Charakter der Italiener war vielleicht die Ursache derselben; in jedem Falle blühte das Geschäft nicht mehr, wie unter der Leitung meines Vaters.
„Zum Ueberfluß begann Lorenza noch zu kränkeln. Ribetti widmete ihr all' feine Sorgen und vernachlässigte da» Geschäft immer mehr; et verließ sie nicht, als sie in dem benachbarten Nervi auf einer herrlichen Villa wohnte.
„Lorenza wurde immer schwächer pnd esneS
Tages erhielt ich ein Telegramm, das mich nach Nervi entbot, weil ihr Zustand gefährlich war.
„Hch fand meine arme Schwester fast sterbend und ihren Mann ratlos; sie starb fast wie eine Heilige, ihr Töchterchen ihrem Manne und mir anvertrauend.
Nach ihrem Tode blieb Antonio lange Zeit tote vernichtet; auf den Rat von Freunden ersuchte er mich, sein Töchterchen in ein französisches Pensionat zu bringen, wo auch Lorenza erzöge» worden war.
Ich brachte das Kind in dieses Kloster unb vertraute es den guten Schwestern an; nach Genua zurückgekehrt, hörte ich, wie traurig die Geschäfte der Firma standen und daß nur eine schleunige Liquidation die Sache vor einem schmachvollen Bankerott bewahren könnte.
Ich nötigte meinen Schwager, feine Traurig- feit zu überwinden und der Wirklichkeit scharf ins Ange zu fehen; ich felbst mußte wieder nach Rom zurück, wo ich mein Atelier hatte und wo mich große Bestellungen erwarteten.
Antonio behauptete, es fei ihm unmöglich, die Sache zu einem guten Ende zu führen, und teilte mir seine Absicht mit, seinen Onkel, der in Holland wohnte und auch eine Verwaltungsstelle bekleidete, zu effuchen, ihm in dieser schweren Angelegenheit beizustehen.
Dagegen konnte ich nichts einwenden, und noch ehe derselbe angekommen war, reiste ich wieder nach Genua.
Ich will es Dir nur gestehen, lieber Verdinl, mein Schwager und ich waren gar keine Geschäftsleute: beide Künstlernaturen, kannten wir den Wert des Geldes nicht und berfianben von Geldgeschäften nichts; überdies habe ich als Künstler niemals Mangel gehabt. Die Bestellungen überströmten mich damals schon, und für eine große religiöse Arbeit, die ich gerade übernommen hatte, mußte ich ein« Reise ins heilige Land machen; auf der Rückreise brachte ich den Winter in Aegypten zu und lernte dort meine jetzige Frau kennen. .(Fortsetzung folgt/