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JV3 289.

Fulda, Dienstag den 15. Dezember 1908.

35. Jahrgang.

Erstes Wlatt.

X Zentrumshetze und Kanzlerkrisis.

„Ein Kaiserwort über das 8 en- st r u m" zitieren „Magdeb. Zig.", „Tägl. Rund­schau" usw. aus einem soeben erschienenen Buche „Fürst Bülow und seine Zeit" von einem Ano­nymus, der sich Germanikus nennt. In diesem Buche teilt Germanikus mit,

»daß der Kaiser schon 1904 an einen Zeitungs­artikel, der der deutschen Regierung die scharfe und ausgiebige Vertretung nationaler Forderungen in Japan als Muster vorhielt, die Randbemerkung ge­schrieben hat: »Ja, wenn wir das Zentrum nicht hätten!-' Der Kaiser hat also schon lange Zeit, bevor sich Fürst Bülow zu dem enogiltigen Bruch mit der unerträglich gewordenen Zentrums-Tyrannei «ltschloß, die nationale Schädlichkeit der kleri­kalen Partei erkannt. Man kann deshalb, selbst wenn die immer erneuten Versuche deS Zen­trum-, den Kanzler durch vergiftete Pfeile aus dem Amte zu treiben, einmal von Erfolg begleitet sein sollten, doch damtt rechnen, daß die Neigung des Kai­sers, die nationale Würde abermals in die Land des Wtramontanismus zu geben, nicht allzu groß sein wird."

SDer Kaiser ist auf das Zentrum nicht g u t z u f p r e ch e n, das ist er nie gewesen. Man weiß das längst. Wie sollte es auch anders sein bei den Quellen, die den Kaiser informieren: Fürst Eulenburg, der jetzt kaltgestellte Romhasser, ge­hörte zu den Vertrauten des Kaisers und die „Tägl. Rundschau", das „Los von Rom"-Organ, war eine Zeitlang die einzige Zeitung, die dem Kaiser unzerschnitten vorgelegt wurde. Da müßte es ja mit Wunderdingen zugehen, wenn der Kai­ser nicht auch über das Zentrum und dessen na­tionale Gesinnung, die übrigens vom Fürsten Bü­low selbst bescheinigt ist, falsch orientiert wäre.

Mit der Abneigung des Kaisers hat das Zen­trum sich nun einmal abzufinden. Es wird des­halb über die neueste „Enthüllung" schwerlich zu Tode erschrocken sein. Es scheint aber, daß ge­wisse Leute, die in den Tagen der „nationalen Entrüstung" über die Veröffentlichung der Kai­sergespräche im „Daily Telegraph" ihren wenig kaiserlichen Gefühlen ganz und gar keinen Zügel anlegten, das Bedürfnis haben, ihre Worte in Vergessenheit zu bringen. Darum schimpft man zur Abwechslung mal wieder auf das „klerikale" und „ultramontane" Zentrum. Diesem unterstellt Man „vergiftete Angriffe" gegen den Reichskanz- .ler, „die von der Absicht eingegeben feien, den 'Kanzler beim Monarchen als Hausmeier anzu- fchwärzen, der die kaiserliche Gewalt zugunsten der ministeriellen zurückdrängen wolle."

Die Blockbrüder scheinen in der Tat für die Stellung des Fürsten Bülow zu fürchten. Dafür spricht der kürzlich erwähnte Artikel der Reuen Gesellschaftlichen Korrespondenz über die gegen Bülow gerichteten höfischen Einflüsse. Da­für spricht ein weiterer Artikel des Hamburger Korrespondenten, der sich gegen „Versuche" wen­det, „den Kaiser in die Weihrauch-Atmospäre zu­rückzulocken". Es ist da die Rede von Revolte und von der Erschütterung der Grundpfeiler des mo­narchischen Empfindens' da ist direkt die Rede von einer „zäh arbeftenden Gruppe, die den Kanzler stürzen möchte". Dem Fürsten Bülow würden alle nationalen Politiker im Parlament und Presse aufpassen helfen. Die ganze Nation habe ein Interesse daran, die Gefahr des Kon­fliktes nicht wiederkehren zu sehen.

Diese Konfliktsversuche werden von dem libe­ralen und bisweilen offiziösen Hamburger Kor- respondenten den Konservativen zur Last gelegt. Vielleicht glaubt man sie besser durchkreuzen zu können, wenn man nun dem Zentrum an­hängt, als verfolge es dieselben Siete.___________

Ein „nationales" Organ hat. dieser Tage darauf hingewiesen, daß Fürst Bülow seit dem 17. November den Kaiser nicht gesehen habe. In­zwischen ist der Kanzler einmal zum Vorttag em­pfangen worden. Immerhin liegt klar am Tag-, daß Fürst Bülow wieder einen Kampf um seine Stellung kämpft. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß die Bülow-offiziöse „Köln. Ztg." den Artikel des „Hamb. Korrespondenten" verständnisinnig abdruckt. DaS Zentrum sieht diesem Kampfe ruhig zu. Wenn die „nationalen" Bülowfreunde das Zentrum an die Seite der „antinationalen Reaktion" stellen, so beweisen sie lediglich, daß sie glauben, mit dem ulttamontanen Popanz ihre liberalen Zwecke fördern zu können.

* ♦ ♦ ♦

Die ,Nat. Ztg/ erhäll eine Zuschrift, in der auSgeführt wird, daß gegenwärttg eine „kleine Partei geschäftig am Werke sei, dem Reichskanzler anS Anlaß der bekannten Reichstagsvorgänge die Arbeit sauer zu machen, und daß sie wünsche, der Reichskanzler möge lieber schon heute als morgen Palais in der Wilhelmsstraße aufgeben. Der Ge­währsmann des nationalliberalen Blattes versichert aber, „an den wirklich maßgebenden Stellen" habe denn doch eine gesunde realpolitische Auffassung der Verhältnisse „zur Stunde noch" die Oberhand. „Kleine vorübergehende Trübungen ver­mögen an dieser Sachlage nichts zu änderen."

Auch die ,Kreuzzeitung- erzählt von der Existenz einer „Hoflamarilla", sie verwahtt sich aber mit Entschiedenheit, daß man ihr unterstellt, sie gehe mit diesen Leuten durch dick und dünn. Einzelnen Mißvergnügten in hohen Kreisen möge die Person des Kanzlers ein Hindernis sein. Das Blatt hat Anhaltspunkte dafür in Gestalt anonymer Zu­schriften, die — offenbar auf postalischen Umwegen — an dasselbe gelangen, und immer dieselbe Hand- schrist zeigen.

Deutscher Reich.

** Berlin, 14. Dez. 1908. Für das neu her» zustellende 25 Pfennig-Stück sind 50 Ent- würze in Berlin eingeqangen. Das Preisgericht tritt in der nächsten Woche zusammen. — Das preußische Staatsministerium hat am Mon­tag unter Bülows Vorsitz eine Sitzung abgehalten. — Der Kaiser hat dem Prinzen Leopold von Bayern aus Anlaß seines 50jährigen Mllitär- Jubiläums ein Handfchreibrn gesandt.

(*) Daß der Gesandte v. Kiderlen-Waechter wegen seiner Bukarester Hausdamen-Affäre den Abschied nehmen müßte, wird, wie gemeldet, offi­ziös bestritten. Nach dem „Berliner Tageblatt" soll Herr v. Kiderlen-Waechter diesmal ebenso wie vor drei Jahren, als infolge einer Beschwerde des Legationsrates v. Brünnig die Sache zuerst das Auswärttge Amt beschäftigte, erklärt haben, daß er mit seiner Hausdame keine Beziehungen unter­halten habe. Gleichwohl ist damals v. Brünnig, als seine dienstliche Beschwerde abschlägig beschie- den wurde, zurückgetreten.

c. Die Budgetkommission des Abgeordneten­hauses setzte am Montag die zweite Lesung der Beamtenvorlage bei den Gehältern der Unterbeamten fort Zu Klaffe I wurde ein Antrag der Nationalliberalen und des Zentrums angenommen, der ein Grundgehalt von 1100 M. und ein in 18 Jahren zu erreichendes Höchstge- halt von 1300 Mk. vorsieht. Finanzminister Frhr. von Rheinbaben beziffert den finanziellen Effekt dieses Antrages einschließlich des Beschlus­ses der ersten Lesung auf 1754000, Klaffe n (Schaffner und Bremser bei der Eisenbahnoer- waltung, Stationsdiener, Brückenwärter und

Schirrmänner) wurde unter Ablehnung der Ab- änderungsanträge des Zentrums und der Frei­finnigen nach den Beschlüffen erster Lesung auf- rechterhalten, ebenso Klaffe III, die die Schul- diener bei den höheren Lehranstalten, die Amts- diener, Eifenbahngehilfinnen, Weichensteller und Wagenwärter umfaßt. Anträge des Zentrums und der Freisinnigen, die Schirrmeister und Fahrkartenausgeber der Eisenbahn aus Klaffe 6b in 7a zu versetzen, wurde mit 14 gegen 13 Slim- men angenommen. Ein konservativer Antrag, die Wagenmeister, Telegraphisten, Lademeister, Weichen^eller 1. Klaffe und Bahnhofsausseher wieder in Klasse 6 b, wie die Regierungsvorlage lautete, zurückzuversetzen, wurde gegen die Stim­men der Konservativen abgelehnt. Ein Antrag des Zentrums, die Werkmeister zwischen Klasse 7a und 7b einzusetzen mit Gehältern von 1400 bis 2100 Mk., erreichbar in 12 Jahren, wurde mit 15 gegen 13 Stimmen angenommen. Auf Anfrage des Zentrums erklärte der Eisenbahn­minister, daß die Fahrbeamten des Direktionsbezirkes Frankfurt a. M., deren Einkünfte von der Probe, ob in Zukunft anstelle der Kilometergelder Stundengelder taten sollen, berührt werden, keinen Schaden erleiden sollen. Die Maßnahme erscheine im allgemeinem empfehlenswert; wenn sie durchgeführt werde, solle auch dm anderm Beamten kein Schaden erwachsen. Zu Klasse 9b liegen verschiedene Anträge vom Zentrum, den Nationalliberalen und den Kon­servativen vor, betteffend die Aufbesserung der Gehälter der Förster (vergleiche das 2. Blatt) und Lokomotivführer, für die ein Endgehalt von 2700 Mark vom Zentrum und den National­liberalen, erreichbar in 15 bezw. 18 Jahren, gefordert wird. Der Antrag der Nationalliberalen wurde gegen 8, der des Zentrums gegen 11 Stimmen abgelehnt. Dagegen wurde der Antrag der Konservativen, daS Endgehalt der Förster auf 2500 Mark, erreichbar in 18 Jahren, fest- zulegen und das gleiche Gehalt dm Lokomotiv­führern (erreichbar in 15 Jahren), angenommen. — Es ist zu bemerken, daß die Verhandlungen — vor allem auf Drängen der Konservativen — in derart überstürztem Tempo betrieben werden, daß die zahlreich eingehenden Anträge von dm Kommisstonsmitgliedern kaum gelefen, geschweige denn in ihren Konsequenzen geprüft und ge­würdigt werdm können. Man kann nicht fugen, daß eine solch« Erledigung der wichtigen Vor­lagen im Eilzugtempo der Sache angemessm und dienlich sei.

.'. Anrechnung der Militärdienstzeit auf das Besoldungsalter. Nach unseren Jnfor- mationm wird vom 1. 4. 1909 ab den Militär­anwärtern derjenige Teil der Militärdienstzeit angerechnet, der nach bem 9. Militärdienstjahr liegt, jedoch nicht über 3 Jahre. Diese Bestim­mung soll auf 1. 4. 1908 rückwirkend gemacht werden und für alle Militäranwärter gelten, die fest 1892 im Staatsdienst sich befinden. Sie gilt auch für Militäranwärter, die sich in Vor- rückungsstellm befinden. Eine Nachzahlung des Gehaltes findet natürlich nicht statt. Im allge­meinen entspricht diese Regelung den Forderungen der Zeuttirmspartei und den Wünschen der Milüäranwärtcr.

)-( Die südwestafrikanischen Diamanten werden im Kolonialamt anscheinmd recht hoch eingeschätzt. Auf Betreiben DernburgS hat sich

bereits eine Vereinigung der Großbanken zur Erweiterung und Verwertung der Diamanten­ausbeutung gebildet. Und L ernburg hat schnell eine Verordnung erlassen, wonach der Export der Diamanten mit einer Steuer in Höhe von 33 Prozent des Wertes belegt wird. — Möchten die Funde dort doch so reich werden, wie Dernburg sie uns geschildert hat, dann können wir bei dieser hohen Steuer vielleicht auS der kolonialen Misere herauskommen.

A Das Automobilgesetz, das bekanntlich die Haftpflicht der Automobilisten sehr eng begrenzt, ist im Reichstage nicht übermäßig freundlich aus­genommen worden. Jetzt heißt es in Berliner Blättern, das Gesetz sei gefährdet, weil zwischen dem Bundesrate und der Regierung über di« Strafbestimmungen und die Schadensersatzbeträgs Meinungsverschiedenheiten aufgetaucht seien. Der Reichstag verlange eine schärfere Heranziehung der Automobilisten, während die Regierung auS Furcht vor einer Schädigung des Automobil­wesens diesen Gesetzentwurf zurückziehen werde. — Auch wenn die Strafverschärfung nicht in dem Maße erhöht werden kann, wie es von der Kommission verlangt wird, wäre das Zustande- kommen des Gesetzes zu wünschen.

x Bürgermeister Schücking in Husum hat sein Amt niedergelegt. Als Grund für den Rück­tritt gibt er an die Behandlung, die ihm von höheren Staatsbeamten, während der Vorunter­suchung zuteil geworden ist. Die Blccksreisinuigen sind über diesen Ausgang der Affäre Schücking hoch erfreut, nun brauchen sie doch den Mann nicht zu verteidigen, der wegen seiner politischen Gesinnung gemaßregelt wurde.

---- Aus dem Flottenverein. Der früher« Präsident des Flottenvereins, Fürst Salm- Horstmar, ist zum Ehrenvorsitzenden deS west- Mischen Provinzialverbandes des Flottenvereins gewählt worden. Zugleich hat der Provinzial­verein aber beschloffen, im Flottenvereine zu bleiben.

* Die „altpreußische Sparsamkeit" im Ministerium der öffentlichen Arbetten illustriert recht treffend folgende Notiz des ,Berl. Tagebl/t „Als vor einigen Jahren in Elberfeld ein Wechsel in der Besetzung der Eisenbahndirektion eintrat, da wurde die Dienstwohnung des Herrn Präsidenten mtt einem Kostenaufwand von 30 000 Mk. (wofür man sich anderwärts schon ein HauS kaufen kann) renoviert. Jetzt braucht der Herr Präsident aber auch noch größere Re« präsentationSräume, infolgedeffen werden zwei Oberbeamte aus ihren Dienstwohnungen im Elsenbahndirektionsgebäude exmittiert und di« dadurch frei gewordenen 12 oder 14 Zimmer wurden mit einem Kostenaufwand von weiteren 14000 Mk. „adaptiert". Die Dienstwohnung deS Herrn Eisenbahnpräsiderüen muß danach jetzt ca. 24 Räume (!) umfassen." — Daß auch sonst daS Ressort deS Herrn Breitenbach wenig wirtschaftlich verfährt, dafür ist das beste Beispiel der bekannt« mehrjährige Abschluß deS EisenbahnfiSkaS mit dem Stahlwerksverband, zu einer Zett, als di« Zeichen finkender Konjunktur und der Rückgang der Preise bereits von allen Spatzen auf den Dächern verkündet wurden. ES war ein „Geschäft", aus dem nach sachverständiger Schätzung allein 30 bis 40 Millionen hätten erspart werden kön­nen. Da kann man sich wahrlich nicht wundern, wenn der Betriebskoeffizient der Eisenbahnen immer mehr in die Höhe geht.

IurtirckgekeHrt.

Erzählung vcm Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.

22] (Nachdruck verboten.)

Einen Augenblick später ging sie, während Ger- trud den Brief beantwortete, in die Küche und erschrack gewaltig, als sie dort unerwartet Bikto- tine sah.

Das Mädchen kniete vor dem Ofen und zün­dete das Feuer an; so kehrte sie ihrer Tante den Rücken zu. ~

„Bist Du hier?" fragte Frau Wylandts tn einem Tone, in dem Erstaunen und Schrecken la­gen. „Ich meinte, daß Du bei Lucia wärest."

„Soeben kam ich zurück."

„Aber ich habe Dich nicht schelten Horen.

„Die Tür war offen."

„Bist Du schon lange zu Hause?"

Mehr wagte Frau Wylandts nicht zu fragen; das Blut erstarrte ihr in den Adern; sobald als möglich kehrte sie zu Gertrud in das Wohnzim­mer zurück und flüsternd sagte sie:

„Denke Dir, das Kind war in der Küchel"

„Nun, was soll das?" fragte Gertrud, stets weiterschreibend, denn sie war jetzt gerade damit beschäftigt, ihrem Bruder tüchtig die Wahrheit zu sagen.

„Was soll das? Du hast so laut geschrien; wenn sie da schon in der Küche war, dann weiß sie jetzt alles."

„Auch gut, mir liegt gar nichts daran." „Ja, mir aber wohl. Denke Dir einmal , „Sie hat doch keine Beweise, es hat nichts zu bedeuten."

f Indessen stand Biktorine in der Küche, halb betäubt wie jemand, der plötzlich einen schweren Schlag auf den Kopf erhalten hat.

Sie war unbemerkt die Treppe heraufgekom- Jmen und verrichtete ihre gewöhnliche Arbeit, als

sie ihre Tante und Cousine heftig miteinander sprechen hörte.

Das war nichts außergewöhnliches, und sie achtete nicht darauf und dachte nur: „Fred hat wieder Geld nötig. DaS ist ja immer so", und sie bekümmerte sich nicht mehr darum.

Da hörte sie deutlich:

„Das Geld Viktorinensl" „Betrüger, Aben­teurer!"

Und gleich darauf die Stimme ihrer Tante, die Gertrud ermahnte, ihretwegen leiser zu spre­chen ; unwillkürlich, ob sie wollte oder nicht, wurde Viktorine jetzt aufmerksamer, bis sie plötzlich die zornige Stimme Gertruds alles ausschwatzen hörte, was Jie betraf.

„Noldaml Meine Mutter würde dann viel­leicht Noldani heißen und sie hatte Vermögen, und sie haben mich als Magd erzogen und von meinem Gelbe haben sie all' die Jahre üppig ge­lebt und um Onkels Gewissen zu beruhigen, sollte ich Fred heiraten! Welch ein Bettug! Und ich, die glaubte, ihr Gnadenbrot zu essen und niemals genug arbeiten zu können, um gutzumachen, was ich ihnen schuldig war! O, wer konnte das denken!"

Aber an das schändliche ihr zugefügte Unrecht dachte Vittorine kaum weiter; was plötzlich ihren Geist erfüllte, war der Gedanke an die Familie van Hogenvoorde; der Bürgermeister, der höchst achtungswerte Mann, sollte sich mtt solchen Men­schen verbinden; die gute, edle Lucia eine solche Stiefmutter bekommen — die Tochter von Be- ttligeru, selbst mitschuldig an einem solchen Ver­brechen. Das war furchtbar!

„Betrüger, Abenteurer!" so hatte Gertrud sich selbst und ihre Familie genannt — und die soll­ten sich nun auf Groenezathe festsetzen, die sollte» Schande und Unehre bringen über diese doch schon so unglücklichen, aber doch immer aö^ungswerten Menschen!

Und doch, wie konnte sie es verhindern? Wen sollte sie um Rat fragen? Sie konnte doch nickst Herrn van Hogenvoorde, der sie stets als ein un­bedeutendes Mädchen behandelte, das kaum für

ihn existierte, alles, was sie zufällig gehört, mit- teiten.

Die Frage war, ob er ihr glauben würde; und dann gefiel es ihr auch nicht, die Verräterin zu spielen; um jo mehr, weil es sich auch um sie hau- delle. Natürlich konnte sie die blinde Lucia nicht um Rat fragen. Die heftige, unverständige Ur­sula würde alles verderben. Aber wen denn, wen?

Während sie verwirrt und unentschieden hier­über nachdachte, wurde geschellt.

Viktorine öffnete mechanisch die Türe, wie es stets ihre Pflicht war.

„Sind die Damen zu Hause, Fräulein Ri- bert?"

„O, sind Sie es, Herr Derdini?" fragte sie, „ich werde Tante fragen, ob sie nicht verhindert ist."

Frau Wylandts und Gertrud sahen erstaunt auf und die blassen Wangen Gertruds röteten sich ein wenig, als sie den Besucher ankündigte.

„Ja, taß den Herrn nur eintreten."

Gertrud eilte vor den Spiegel und ordnete ihre Haare; Frau Wylandts wischte fdjneü einige Stäubchen vom Tische und setzte ihr würdiges Ge­sicht auf, als der Künstler hereintrat.

Gertrud ging ihm freundlich lächelnd entgegen. Wer diese beiden Damen so freundlich und ruhig nebeneinander sah, würde gewiß nicht bermutet haben, daß kaum vor einigen Minuten ein so hef­tiger Auftritt zwischen ihnen ftattgefunbert hätte; keine Spur davon war übrig geblieben.

„Nehnwn Sie Platz, mein Herr!" sagte Ger­trud und auch Fran Wylandts lud ihn ein, es sich bequem zu machen.

„Ich will Sie nicht lange stören, meine Da­men", sprach er etwas förmlich, ober höflich wie immer, „ich komme nur mit einem kleinen Auf­trag von Herrn van Hogenvoorde."

Und et fegte die Sache auseinander; ei war wegen des Medaillons, das er nur In Gips ge­gossen hatte und Gertrud zeigte.

„Herr van Hogenvoorde hätte es gerne in Marmor ausgeführt gehabt, aber ich bat ihn, da­

mit zu warten, bis ich mehr Zeit hätte. Und' wenn es Fluren fo gefiele, hätte Herr van Hogen- voorde, wie er mir sagte, auch nichts dagegen."

„O ja, es ist ganz gut", antwortete Gertrud; „wie gefällt eS Dir, Mama? Echt künstlerisch, nicht wahr?"

„Ja, es ist herrlich!"

„Wünschen Sie mehr Abgüsse für Ihre Fa­milie oder Freunde?"

„Für mich natürlich und für Deinen Bruder!" rief Frau Wylandts; „und bann hast Du noch Freundinnen."

Ohne die geringste Verlegenheiten antwortete Gertrud:

gönnte ich denn noch drei haben?"

„Sehr gut, Fräulein, ich werde dafür sorgen." Er stzand wieder auf.

„Haben Sie solche Eile?"

„Ja, meine Zeit ist sehr beschrankt. Heute morgen hat der Herr Bürgermeister mir aufge- tragen, an der Fassadenverzierung schleunig wei­terzuarbeiten, weil das Haus spätestens bis zum Ende des Monats fertig fern soll."

„O ja! Hermann verlangte, daß Ihr Euch über vier Wochen zur Ehe anmelden solltet, nicht wahr, Gertrud?"

„Ja", antwortete Gertrud dumpf, mit dem Ausdruck einer Märtyrerin, „ich glaube wohl."

„Und um diese Zeit hoffen Sie alles borbe­reitet zu haben? Aber ich fürdjte, dann noch nicht fertig zu fein.“

„Ueberarbeiten Sie sich nur Nicht", beeilte Gertrud sich zu sagen, „wenn die Hochzeit deshalb auch aufgelegten werden müßte, das wäre auch nicht schlimm."

„Das hängt nicht von mir ab; ich hoffe, bald die Arbeit den Gehilfen überlaffen zu können und mit ein wenig Fleiß werden sie bann, wohl fertig werden."

„Darf ich bald einmal kommen, um sie zu sehen?" fragte Gertrud ganz freundlich.

„Es wird mir eine Ehre fein meine Damen l"

<Fortfevuna total)