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erscheint täglich nut Ausnahme der So.m- nnd Feiertage, viertel- jShrlicheivezugrprelr ohne vringerlohn und vestellgeldinZuldafo» «le <nuroart$1.5omt

Verantrv. Redakteur: Carl Schütte;

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Z.Pa^eller'inM'da. wochmbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

Zeitung

Msnatrbellage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

»nzetgenr Me Ätz spattigepetitzeileodch deren Raum 15 pfg. ReNamendiepetitzetl« 25 pfg., bei wiedefi Holungen wird entspt, Rabatt gewährt.

Rotationrdruckund Verlag der Fulda« Ad tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

M 288.

Fulda, Montag den 14. Dezember 1908.

35. Jahrgang.

Erstes WLatt.

ö Ueber gewisie Borgänge am Kaiserhofe.

werden den „Braunschw. Neuesten Nachr." inter­essante Mitteilungen aus Berlin gemacht. Der anscheinend gut unterrichtete Gewährsmann be­richtet :

„In der ganzen Zeit seit der Reichstagsdebatte über das persönliche Regiment hat der Herrscher keinen der Flügeladjutanten, die sich sonst ständig in seiner Umgebung befinden, ge­sehen, und die Auffassung dürfte nicht unbegrün­det sein, daß er diese Herren nicht hat sehen wollest. Dieser Entschluß des Kaisers datiert allerdings von jener Reichstagsdebatte und ist auf sie zurückzuführen. Nicht nur in konservativen, auch in liberalen Kreisen hat es einiges Aufsehen, einiges Befremden und einigen Unwillen erregt, als man an den Tagen der Reichstagsdebatte die Bemerkung machte, daß die H o f l o g e Les Reichs­tages, die sonst durch gähnende Leere sich vor den übrigen Tribünenlogen auszeichnete, von militä­rischen Halbgöttern und insbesondere von Offi­zieren aus der nach st en Umgebung des Kaisers geradezu wimmelte. Man hatte im Plenum zuerst geglaubt, diese Herren seien in die Hofloge kommandiert, man glaubte sie beauftragt, dem Kaiser über den Eindruck der Debatten einen Bericht zu erstatten, der dem Herr- scher sozusagen als Korrektiv für den zu erwar­tenden Bericht des Kanzlers dienen sollte. Das war nicht der Fall. Hätten die Abgeordneten nicht von anderer Seite erfahren, daß ein derartiger Auftrag des Kaisers an seine Flügeladjutanten nicht vorlag, so hätte es ihnen schon das Verhalten dieser Herren während der Sitzung gezeigt. Der starrste Republikaner auf der Tribüne hätte nicht mehr Freudeüberdie kritischenGän ge der Volksvertreter mit der Person des Monarchen bezeugen können, als die Herren aus der nächsten Umgebung des obersten Kriegsherrn. Wie dem Kaiser Kunde geworden ist von diesem Verhalten von Männern, in denen er seine täglichen Ver­traute sah, das bleibe hier ununtersucht. Genug, die Sache ist ihm nicht verborgen geblieben. Ver­borgen ist ihm auch nicht geblieben, daß die Hof- locje nur an den Tagen der Kaiserdebatte die Hof- mrlitärs beherbergte, daß nachher bei der doch wahrlich auch nicht uninteressanten Etatsdebatte die Herren, die so begierig der Kaiserdebatte lauschten, so wenig wie vorher es für nötig be­funden haben, den Reichstag mit ihrer Gegen­wart zu beehren. Der Monarch mag daraus seine Schlüsse gezogen haben, und zu diesen Schlüssen mag es gehören, wenn die beteiligten Flllgeladju- tunten und sonstigen Offiziere seitdem keine Ge­legenheit gefunden haben, den obersten Kriegs­herrn von Angesicht zu Angesicht zu sehen."

Man wird im Volke über diese Abkühlung der militärischen Umgebung nicht gerade Tränen ver­gießen. Die Hofniilitärs scheinen aber nicht die ein­zigen zu sein, die die Ungnade des Kaisers fühlen müssen. Wie man sich in Berliner politischen Kreisen erzählt, empfängt der Kaiser nur die notwendigsten Besuche und ist auch diesen gegenüber v e r sch l o s s e n und wortkarg, so baß viele ihn nicht wieder erkennen. Tags über, heißt es, gehe er allein im Park spazieren und Ver­kehre dann nur mit der Kaiserin. Persönlichkei­ten, die mit Hofkreisen,gute Fühlung unierhalten, versichern, daß der Kaiser den Schmerz, der ihm im Monat November bereitet wurde, nicht ver­wunden habe und nie vergessen werde. Er fei be­sonders empört darüber, daß bei dem Jubiläum der Städteordnung der Reichskanzler ihm vor aller Welt öffentlich die Rede überreicht habe, wo­

durch dokumentiert werden sollte, daß jetzt eine neue Aera beginnen werde. Manche Politiker fassen die derzeitige Stille nur so auf, als stelle sie die Ruhe vor dem Sturm dar. Der Sturm werbe in erster Linie dem Für st en Bülow gelten, wenn der Kaiser sich bisher gegenüber einem Wechsel im Kanzleramt ablehnend Verhal­ten habe, so sei das zunächst darauf zurückzufüh­ren, daß kein geeigneter Kandidat für diesen wich­tigen Posten vorhanden sei. Es hält natürlich schwer, festzustellen, was an diesen Meldungen wahr ist, und was nur auf der Kombination fin­diger Köpfe beruht; aber das eine steht unbestrit­ten fest, daß Fürst Bülow es meisterhaft verstan­den hat, alle Kandidaten für den Reichskanzler­posten der Reihe nach kalt zu stellen, so daß er als der unentbehrliche Mann erscheint.

Was an diesem dunklen Gerüchte wahr ist, wer will es wissen? Verschiedentlich werden sie ange­zweifelt. Die „Deutsche Tagesztg." gibt zu, daß der Kaiser den Reichskanzler seit den kritischen Novembertagen nicht mehr empfangen habe, sie will dem aber keine besondere Bedeutung beimes­sen. Bekanntlich sei der Kaiser während Lieser Zeit unpäßlich gewesen, trotzdem habe ein brief- lrcher Verkehr auch in diesen Tagen stattgefunden. Das Blatt meint: ,,Davon, daß das herzliche und gute Verhältnis zwischen -em Kaiser und dem Fürsten Bülow irgend eine TriLimg erfahren habe,' kann erfreulicher Weise keine Rede fein."

Hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Fürst Bülow wäre heute sicherlich nicht mehr Reichskanzler, wenn man einen Nachfolger für ihn wüßte. Ueber Jahresfrist wird er aber bestimmt nicht mehr die allzu schwere Last des Amtes zu tragen haben. Die Krisis ist keineswegs schon beendet, sie bleibt latent.

Deutsches Reich.

Etatsresolutionen des Zentrums. Das Zentrum hat folgende Resolutionen zum Etat eingebracht:

1. Der Reichstag wolle beschließen: die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, noch in dieser Session einen Gesetzentwurf über die Abänderung des Preß­gesetzes vorzulegen, durch welchen bestimmt wird, daß mit der Herausgabe von Zeitungen und Zeit­schriften eine Versicherung irgendwelcher Art nicht ver­knüpft werden darf.

2. Die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, bei der bevorstehenden Reform der Krankenversiche­rung die Verhältniswahl obligatorisch sestzu- setzen.

3. Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, die er­forderlichen Schritte zur Ausbildung des internatio­nalen Gewerberechts einzuleiten, wonach die gewerbs­mäßige Herstellung und Verbreitung unsittlicher Schriften und Bilder unterdrückt wird.

4. Die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, tun­lichst bald einen Gesetzentwurf 'vorzulegen, welcher durch Abänderung der entsprechenden Bestimmungen der Gewerbeordnung ermöglicht, daß der Handel mit Flaschenbier auf dem Wege der Bundesgesetz­gebung der Konzessionspflicht unterstellt werden kann.

5. Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, Anord­nungen zu treffen, durch welche bestimmt wird: daß alle auf Grund des § 15 des Schutzgebietsgesetzes er­lassenen Verordnungen der Kolonialzentralverwaltung und der Gouverneure der einzelnen Schutzgebiete dem Reichstage zur Kenntnisnahme vorgelegt werden.

△’ Gegen den Kultusminister Dr. Holle wird wieder Sturm gelaufen. Die Liberalen, die nichts so sehnsüchtig wie eine Demission wünschen, hoffen aus dem Umstand, daß sein Urlaub verlängert worden ist, auf baldige Er­füllung ihres Wunsches, befürchten aber anderer­seits, der ihnen noch mehr verhaßte Ministerial- diiektor Schwartzkopff könnte Holles Erbe anlreten. Daher wird schon bei Zeiten auch gegen Schwartzkopff Sturm gelaufen. Er sei

politisch gegenwärtig der unmöglichste Kultus­minister, da seine Ernennung die ganze Block- Herrlichkeit zu Nichte machen könnte. — Run, so schnell geht der Block wohl nicht in die Brüche.

* Revision des deutschen Patent - Gesetzes. Der § 11 des deutschen Patentgesetzes wird eine einschneidende Aenderung erfahren. Da England neuerdings deutschen Staatsangehörigen das Patent für Großbritannien entzieht, falls die Erfindung nicht 3 Jahre nach der Erteilung des Patentes auch in England selbst ausgeführt wird, wird der § 11 unseres Patentgesetzes in dem Sinne geän­dert werden, daß die Patente jedes Ausländers in Deuschland nach denselben Grundsätzen behan­delt werden sollen, wie die deutschen Patente in den betreffenden fremden Staaten.

X Gegen den Arbeitskammergesetzentwurf hat der Vorstand des Vereins deutscher Arbeit­geberverbände Stellung genommen. Er be­hauptet, daß der Entwurf auch in der abgeän- derten Fassung die Interessen des Handels und des Gewerbes schwer schädigen müsse. Er legt daher gegen den Entwurf entschieden Stellung ein.

)( Die Gewerbehygiene soll tätkrästige ge­fördert werden. In Frankfurt a. M. kon- stltuierte sich am Freitag der große Rat des Instituts für Gewerbehygiene. Unter den An­wesenden befand sich u. a. Professor Albrecht von der Zentralstelle für Volkswohlfahrt in Berlin, Geheimrat Koch vom Reichsamt des Innern und Geheimrat Frick vom preußischen Handels­ministerium.

* Einen Beitrag zur Beleuchtung der „Parität" in der Ostmark liefert, rote wir dem ,Westpr. Volksbl/ entnehmen, die Stadt D i r s ch a u. Es gehören dort 1625 Schulkinder der katho­lischen und 858 der evangelischen Religion an. Trotz dieser überwiegenden Mehrzahl katholischer Kinder wirken in Dirschau 26 evangelische und nur 25 katholische Lehrkräfte. Dazu ruht noch die Leitung der Schulen in den Händen zweier evangelischen Rektoren, eines evangelischen Hauptlehrers und nur auf der Neustadt in den Händen eines katholischen Rek­tors. Nach dem prozentualen Verhältnis müßten an den Dirschauer Volksschulen nicht 26 evan­gelische und 25 katholische, sondern 19 evange­lische und 34 katholische Lehrkräfte wirken. Auch in der nächsten Umgebung von Dirschau, in Lunau, Rokittken, Waczmirs, Baldau, Quieschau u. a. m. ist der erste Lehrer, obwohl drei Fünftel bis vier Fünftel und noch mehr sämtlicher Schüler katholisch sind, evangelisch. Daher kann, sagt das ,Westpr. Volksbl/, die Parität auf dem Gebiete des Schulwesens nur dann gewahrt werden, wenn wir konfessionelle Schulen bekommen, worauf jede positiv christliche Religion das größte Anrecht hat." Um diese zu erlangen, müßten die Katholiken vor allem dafür sorgen, daß sie in den Gemeindeverwaltungen die ent» sprechende Vertretung finden. Leider waren bei den Kommunalwahlen in Dirschau die Katholiken aus ihrer sträflichen Gleichgiltigkeit nicht aufzu- rütteln.

= Der Zentrumsabg. Dr. Pfeiffer-Bamberg, der kürzlich auf der Papstfeier der Kasseler Katholiken einen mit begeistertem Beifall auf­genommenen Vortrag gehalten hat, ist bereits mehrfach als Freund der Kunst und der Künst­ler hervorgetreten. In diesen Tagen wurde ihm von den Berliner Schauspielern eine großartige Ovation -orgebracht. Eine stark besuchte Ver­

sammlung der Berliner Bühnenkünstler legt« nämlich Protest ein gegen den vom Deutschen Bühnenverein und der Genossenschaft deutsche: Bühnenangehörigen ausgearbeiteten neuen Ver­tragsentwurf. Neben anderen Theaterfreunden waren auch die Reichstagsabgeordneten Dr Pfeiffer. Geck und Stadthagen erschienen, Ersterer nahm im Laufe der Debatte das Wort, und über sein Auftreten berichtet die „Berliner Zeitung am Mittag":

„Seinen Höhepunkt erreichte der Abend durch da« Eingreifen des Reichstagsabg. Dr. Pfeiffer. Ein« B e w e g u n g des Staunens ging durch die Versarmw lung, als der also Angekündigte das Podium betrat Ein intereffantes, scharfprofiliertes, bartloses Schau- spielcrgesicht. So gut auch alle vorausgegangener Sprecher von Beruf ihre Sache machten, dieser jugend- feurige Parlamentarier übertrifft sie alle an Rednev kraft. Mit unbeschreiblichem Elan versichert er di« Kämpfer um ihr Recht und ihre Ehre seiner Sympathi« und teilt mit, daß gerade heute im Reichstag eine Ro folution angenommen worden sei des Inhalts, daß di« Verhältnisse des Theaters einer Neuregelung durch einen Gesetzentwurf unterzogen werden möchten. In schwungvollen, bilderkräftigen Worten gibt er der Hoff­nung Raum, daß ein deutsches Theatergesetz zustande kommen möge, das der Kulturhöhe des Volkes der Dich­ter und Denker würdig sei. Nicht endenwollender Bei­fall folgte der Rede deS interessanten Gastes, der sich nur mit Mühe den brausenden Ovationen seiner enthusiasmierten Zuhörer zu entziehen ver­mochte."

* Stuttgart, 12. Dez. 1908. Bei der gest­rigen Bürgerausschußwahl wurden ge­wählt 6 Sozialdemokraten, 4 Nalionalliberale, 2 Konservative, 2 Volksparteiler und 1 Zen« trumsmann.

* Oldenburg, 13. Dez. 1908. Der Groß­herzog wurde heute vor und während der Tafel, die für die Landtagsabgeordneten gegeben wurden von Ohnmachtsanfällen befallen. Die Ur< fache ist wahrscheinlich in einem Magenleiden zu suchen.

** Kiel, 13. Dez. 1908. Das Linienschiff „Posen- ist am Samstag auf der Germania­werst glücklich vom Stapel gelaufen. Nach einer „Taufrede" des Oberpräsidenten v. Waldow „taufte" die Fürstin Radolin das Schiff auf den Namen „Posen".

* Meseritz, 12. Dez. 1908. Bei der heu­tigen RelchstagSersatzwahl wurden für den konservativen Kandidaten Grafen Westarp 11,506 und für den Kandidaten des Zentrums Propst Rönspieß 10,211 Stimmen abgegeben. Graf Westarp ist somit gewählt. Bei der letzten Wahl wurden 11,888 konservative, 8427 polnische, 1682 Zentrums- und 102 sozialdemokratische Stimmen abgegeben. Diesmal unterstützten di« Polen das Zentrum. Die Anstrengungen der beiden vereinigten Parteien, dar Mandat zu er­obern, sind leider nicht von Erfolg belohnt gewesen,

□ Die preußische Besoldungsordnung.

Die verstärkte Budgetkommission des Abgeordnetenhauses hat am Samstag mit der zweiten Lesung der Beamtenbesoldungsordnung begonnen.

Die erste Lesung hatte für die Beamten in­sofern einen beunruhigenden Ausgang genommen, als die Kommission die Deckungsfrage in einer nach Ansicht der Regierung unannehmbaren Form geregelt hatte. Sie hatte die Gesellschaftssteuer und die ständige Erhöhung der Einkommensteuer abgelehnt und nur für zwei Jahre einen Extra­zuschlag zur Einkommensteuer beschlossen. Die Weigerung der Regierung, sich mit einer derar­tigen Deckung zufrieden zu geben, bedeutete immerhin eine Gefährdung der Vorlage.

IrrrückgekeHrl.

Erzählung von Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.

21J (Nachdruck verboten.)

Und wenn sie träumte, dann war es von dem glüdlicben Leben, das sie neben einem Manne ihres Alters führen könnte. Was lag daran, ob er arm war, ob sie sich einschränken mußten, wenn sie einander nur verstanden und liebten, besonders wenn keine vorlauten, großen Töchter da waren, die sie immer ärgern mußten, und vor allem — wenn sie nicht auf das Niederstürzen eines über ihrem Kopfe hängenden Felsens zu warten brauchte, der ihr geringes Lebensglück noch elend zerschmettern sollte.

Und dann stellte sie sich, solch ein bescheidenes, ruhiges Leben vor, neben einem arbeitsamen, lie­benden Manne, der sie auf den Händen trüge — denn dies war für Gertrud eine Hauptbedingung — und daß sie dann niemals mehr Klagen hören würde über Freds Geldmangel oder die ängstlichen Schreckensbilder ihrer Mutter von einem sie er­wartenden Unglücke.

Kehrte sie aus diesen Träumen wieder zu der Wirklichkeit zurück, dann war sie unangenehm und mürrisch geftimmt, und sie hatte alles zu tadeln Und über alles zu klagen.--

„Gertrud!" sagte die Mutter in einem Tone, den die Angesprochene nur allzugut kannte und der sie mit Schrecken erfüllte, denn sie wußte aus Erfahrung, daß, wenn ihre Mutter so langsam •JSertrub" sagte, wieder neues Elend im Anzuge stvar.

„Was ist wieder?" fragte sie scharf.

„Gertrud! Hier ist ein Brief von Fred!" / „Und wieviel muß er wieder haben?" rief sie, frhenn darum handelt es sich natürlich."

Die Augen weit geöffnet, sah die alle Frau ihre Tochter an.

„Wie weißt du ba»?*

Gulden geholfen. Ach, tue es doch, liebste, beste Gertrud, ich verspreche dir, ferner sollst du auch gar keine Last mehr von uns haben. Ich werde in eine Anstalt für alte Damen geben, sofort nach deiner Heirat und dein Mann wird Fred wohl einmal helfen, wenn er wieder wegen Geld kommt. Das ist jetzt zum letzten Male!"

„ES ist schon so oft zum letzten Male gewe­sen!"

„Aber nicht wie jetzt! Denke nur, wieviel davon abhängt, gerade in diesem Augenblicke, wo die Hochzert bevorsteht — eine solche Schande würde allem ein Ende machen. Bürgermeister van Ho- genvoorde würde keine Frau heiraten, die ein solches Brandmal in ihrer Familie hat, und dann kommt das andere auch noch heraus."

Die alte Frau begann hilflos zu weinen; aber Gertrud war nicht zu erweichen. Sie schlug mit der Faust auf den Tisch — nicht sehr frauenhaft — und schrie laut:

„Ich tue es nicht, mein Geld bekommt et nicht!"

'Aber du haft ja noch mehrt In Amsterdam auf der Bank steht auch noch eine Kleinigkeit . ."

„Der Rest des Geldes der Noldanis? Nein, das rühre ich nicht mehr an. Etwas muß Vikto- rine doch behalten von dem schönen Vermögen ihrer Mutter. DaS bleibt für sie stehen — wenn keine Nachfrage kommt und sie es in irgend einer Weise nötig hat."

^Lächerlich! Es wird viel helfen die Kleinig-

„Auf diese Kleinigkeit werde ich achtgeben und Fred muß sehen, wie er Geld erhält. Gib mir nur seinen Brief, ich werde ihn beantworten."

Die Mutter seufzte und schluchzte, aber sie fland ganz unter dem Einfluß ihrer Kinder; sie sah deutlich genug ein, daß Gertrud jetzt zu er- eroittert war, um etwas von ihr zu erhalten und ließ sie deshalb in Ruhe.

Gortsetzung folgt)'

„Nun, das ist doch wahrlich keine Kunst. Als ob er zum erftenmale solche Brandbriefe schriebe! Aber es ist bald aus. Habe ich einmal die Kette um den Hals, dann will ich nichts mehr von ihm wissen, nichts!"

„Ach, Kind, das meinst du nicht sos Der arme Junge!"

„Mutter, höre auf mit deinen Klagen! Laß mich den Brief erst einmal lesen. Oder sage mir nur, wieviel es sein muß. Das alte Liedchen kenne ich doch"

„Nein", sagte die Mutter, ängstlich zögernd, „nun ist etwas anderes dabei, etwas sehr Schreck- liches."

„Was denn nur wieder?"

„Ach Kind, mache doch nicht solche Augen! Du machst mich ängstlich, ich kann doch nichts daran ändern . . ."

Und sie begann zu weinen.

„Mutter, mache mich nicht toll! All das Wei- non und Klagen hilft doch nichts. Der Wahrheit mußt du in die Augen sehen. Was hat der Tau­genichts wieder angefteut?"

„Er hat Geld — au8 der Kaffe genommen."

»Das mußte schließlich so kommen. Und wie­viel?"

„650 Gulden."

„Und müssen wir das nun wieder geben? Wo nehmen wir es denn?"

„Ach, du weißt wohl. Du haft ja noch Geld; das ist mehr als genug."

„Mein letztes Geld! Du weißt doch wohl, daß ich damit meine Aussteuer und mein Brautkleid bezahlen will, um wenigstens nicht als Bettlerin in das Haus meines Mannes, und feiner Kinder zu kommen. Nein, daraus wird nichts!"

„Aber was dann? Bedenke einmal, Gerttud, wenn feine Kasse revidiert und das Defizit entdeckt würde . .."

„In Gotte- Namen! Dann platzt die Bomb« jetzt, und alle- geht auseinander; vielleicht ist das auch da» Beste. Aber mein Geld bekommt er nicht."

„Ach Gertrud, wie kannst du so unbarmherzig sein? Sein Name ist auch der unfrige und der deines guten, ehrlichen Vaters."

„Mein guter, ehrlicher Vater! Er hat damit begonnen, uns ins Unglück zu stürzen. Wenn er das Geld Diktorinens nicht gebraucht hätte und dem Kinde nicht eine so armselige Eniehung hätte geben lassen, dann wären wir vielleicht ebenso arm gewesen wie jetzt — aber wir konnten unseren Kopf bann hoch tragen, und nun — was sind wir? Betrüger — Abenteurer!"

„Schweige, Gertrud, schweife! Sprich nicht so laut! Das Kind könnte dich einmal hören; sie ist aus, Gott sei Dank! Aber wenn sie einmal zu- rückkäme — denke dir!"

Ich danke dafür, mich nun noch weiter aufzu­opfern. Es ist schon traurig genug, daß ich meine ganze Zukunft durch diese elende Heirat verderbe, und nun soll ich noch meinen letzten Pfennig die­sem Taugenichts zum Opfer bringen, um bann, ohne Brautkleid, ohne Aussteuer, von den dummen Gänsen ausgelacht zu werden? Ich danke bestens dafür!"

„Was schwätzest du doch? Du kannst ja alles auf Kredit kaufen! Bist du einmal verheiratet und kommen die Rechnungen, bann bezahlt bein Mann doch alles."

„Sehr angenehm für mich! Auf solch eine Weile komme ich nicht in bie Familie. Daß ich kein Gelb habe, bas weiß Herrmann, aber baß ich ohne anftänbige Kleider — ober mit solchen, bie von ihm bezahlt sind — in dieses Haus komme, dafür habe ich noch zu viel Ehrgefühl."

„Laß deinen Bruder bann nur gebranbmarft werden und sich totschießen."

„Droht et damit? Nun, das ist doch etwas neues. Das haben wir noch nicht gehabt, glaube ich Ja, vor solchem Heldenmut muffen wir Ach­tung haben. Gewiß."

„Ach, Kind, spotte doch nicht. ES ist so furcht- bar traurig. Gerade jetzt, wo alles dem Ende naht und wir bald gerettet sind! Schicke ihm doch das Geld Im Notfälle ist ihm auch mit 500