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— * , , , , , ,.... .. tiendruckerei in Fulda Monalsdellage: „Zuldaer Geschichtsblatter" Fernsprecher Rr. y.

M 287.

Fulda, Samstaa den 12. Dezember 1908.

35. Jahrqansi.

Zweites Wtcrtt.

Wie man im Reiche ipaet.

Unter den hohen Bergen von Drucksachen, die dem Reichstage in der letzten Zeit zugegangcn sind, sind die interessantesten die Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben für 1907 und der neue Etat für 1909. Die erste umfangreiche Denk­schrift läßt erkennen, wie man im Vorjahr die Gelder ausgegeben hat; der Etat sagt uns, wie es im nächsten Jahre gehalten werden soll. Vor allem interessiert in unserer Aera der Sparsam­keit-Versprechen, in diesen Drucksachen sich zu unterrichten, wie bei uns gespart wird. Wir greifen nur einige Einzelheiten heraus.

Nehmen wir das Kapitel der D i e n st Woh­nungen. Im Auswärtigen Amte werden 17 000 c4t verrechnet, weil im Jahre 1906 ein neuer Staatssekretär eingezogen ist; 1907 kam schon wieder ein anderer und sofort werden wie­der für die Wohnung 19 000 M aufgewendet, so daß in der kurzen Zeit 36 000 für Möbel, Vorhänge ufro. ausgegeben worden sind. Noch toller ist es im Reichsamt des Innern. Im Som­mer 1907 zog Graf Posadowsky aus und Herr v. Betbmann-Hollweg ein; es sind nun, ohne den Reichstag zu fragen, 130 000 <At ausgegben worden, um die Wohnung in Stand, zu fetzen. Nicht um das gesamte Dienstgebäude handelt es sich, denn für dieses sind auch 44 000 M eingestellt, nur der Teil, der die Amtswohnung enthält, soll aus dem Anlaß des Ministerwechsels' 130 000 cM. verschlungen haben. Hält man das für möglich? Um 130 000 M kann man eine protzige Villa mit samt der Einrichtung haben; hier aber ist diese Summe ausgegeben worden für Möbel, Vorhänge usw. Den Reichstag fragte man nicht zuvor; jetzt soll er einfach das Geld bewilligen. Noch ein Fall. Für den Kolonial­staatssekretär sind 5600 <At für die Einrich­tung des Dien st zimmer s ausgegeben worden und zwar aus dem Dispositionsfonds des Reichskanzlers. Solange Herr Dernburg Ko­lonialdirektor war, tat es das alte Dienstzimmer; als er Staatssekretär wurde, mußten 5600 aufgewendet werden, und das für ein Dienstzim­mer, in dem ein Schreibtisch und auch ein Sopha steht,

Im Etat des Reichskanzlers für 1909 werden 20 000 eAt angefordert, um dem Unter st aats- sekretär v. Löbell eine Wohnung mieten zu können; kein anderer Staatssekretär hat eine Dienstwohmmg. Ein anderes Stück: Der Reichs­kanzler hat in seinem Palais einen Hausinspek­tor; alle Leute von dieser Stellung wohnen sonst im Hause selbst: der Name sagt es ja schon. Ob- Wohl nicht bekannt wurde, daß der Reichskanzler im letzten Jahre mit Kindern gesegnet wurde, soll nun der Hausinspektor ausziehen und man soll jetzt nicht weniger als 1600 bewilligen, nm ihm eine Wohnung mieten zu können. Heute er« Hält der höchste Beamte keine 1600 »K Wohnungs- veldzuschnß, aber der Hausinspektor des Reichs- Kanzlers muß sie haben I

Was nützen alle schönen Worte von der Spar­samkeit, wenn nicht die Taten folgen! Da, nun der Bundesrat vollständig versagt hat, muß jetzt der Reichstag einsetzen und auf diesem Gebiete nachholen, was versäumt worden ist. Der Rotstift muß unnachsichtlich walten; es muß den

höchsten Kreisen durch hohe Abstriche gezeigt wer­den, daß es so nicht mehr weiter geht, daß das Volk, das selbst nicht im Luxus lebt, aus Spar­samkeit sieht. Die Opposition gegen die neuen Steuern hat keinen Wert und keinen Erfolg, wenn die alte Wirtschaft weiter geht.

9 Zum Schulkampf in Württemberg.

Der öffentliiche Protest des Bischofs v. Keppler in Rottenburg (vergl. Fuldaer Ztg. Nr. 282) beschäftigt die gesamte Presse des Reiches.

Es ist lange her, daß ein katholischer Bischof in einem der Oeffentlichkeit übergebenen Schrei- ben gegen Maßnahmen der Regierung protestiert. Der Bischof und das gesamte Ordinariat sind sich der Schwere dieses Schrittes wohl bewußt; aber sie wissen auch, daß die ganze Diözese geschlossen hinter ihnen steht. In allen katholischen Kreisen und darüber hinaus wird man dem Bischof dank­bar fein, daß er nicht schweigt zu einer. Stunde, in welcher der Einfluß der Kirche auf die Schule geschmälert werden soll. Mit ernster, Sprache und sachlicher Ruhe erhebt der Bischof feierlichen Pro­test gegen die Beseitigung der geistlichen Schul­aufsicht und die Einführung der Simultanschule. Mit Recht beschwert er sich darüber, daß der in Rede stehende Gesetzentwurf vor seiner Publi­kation wohl der evangelischen Oberkirchenbehörde unterbreitet worden war, nicht aber dem Ordina­riate und doch soll in diesem entschieden werden, wie sich künftig die Rechte der katholischen Pfarrer gestalten. 572 Jahre hindurch hat der Klerus unentgeltlich das Amt der Schulaufsicht übernom­men und nun wird ihm der Dank in solcher Weise abgestattet vom Hause Württemberg.

Der heutige Schulkampf hat eine lange Vorge­schichte, die reich an politischen Einzelerscheinungen ist. Schon 1891 wurde ein Versuch auf Durch­löcherung der geistlichen Orts- und Bezirksschul­aufsicht unternommen, aber das Experiment ge­lang nicht. Je mehr die Volkspartei an das Ru­der kam, um io stürmischer forderte sie die „Befrei­ung der Schule von der Kirche." Die Regierung stellte sich der Volkspartei zur Verfügung, aber ihre liberalen Absichten scheiterten an der katho­lischen Mehrheit der Ersten Kam m e r. Nun erhob sich (1904) gegen diese ein künstlich entfach­ter Sturm. Die Standesherren hielten zunächst Stand und kümmerten sich wenig um das Geschrei. Aber die Regierung gab nach; sie brachte einen Verfassungsentwurf ein mit Sem sehr deutlichen Endzweck, die katholische Mehrheit der Ersten Kammer zu beseitigen: gleichzeitig war sie so schlau, die Machtbefugnisse der Ersten Kammer zu erweitern. In der Zweiten Kammer schuf der furor protestantieus eine gehorsame Mehrheit. Aller Augen waren auf die Erste Kammer gerich­tet; mehr als 80 Jahre war diese ein Bollwerk für die katholische Minderheit gewesen; sie bil­dete eine Schutzwehr für die Katholiken. Die Standesherren selbst hatten einige Jahre zuvor erklärt, daß kein Geschrei sie einschüchtern könne. Aber es kam anders. Wie man erzählt, hat der König von Württemberg sich sehr lebhaft um das Zustandekommen der Reform bemüht und einzelne Standesherren für diese gewonnen. Langsam bröckelte die Mehrheit ab und da der Ersten Kam­mer das Recht zugestanden werden sollte, daß keine Steuererhöhung vorgenommen werden soll, ohne ihre Zustimmung, so schmolz die Opposition

wie Schnee an der Sonne. Der Schuh des Geld­beutels stand höher, als der Schutz der geistigen Güter. Die liberale Derfassungsreform kam zu- stände; die Erste Kammer erhielt an Stelle der katholischen Mehrheit eine protestantische.

Nun schritt das Unheil schnell voran. Die Re­gierung brachte einen liberalen Gesetzent- Wurf ein, der die geistliche Bezirksschulaufsicht abschaffte und die geistliche Ortsschulaufsicht ganz aushöhlte. Bei der Beratung des Entwurfs in der Abgeordnetenkammer wurde auch noch die Simultanschule darin aufgenommen. Irgend eine Sicherung des Einflusses der katholischen Kirche aus die religiöse Erziehung der Jugend wurde nicht gegeben. In dieser Situation ergriff nun der Bischof das Wort zu dem ernsten und wuchtigen Protest.

Für die Katholiken ist die Sachlage klar; es ist ja selbstverständlich, daß sie hinter ihrem Bi­schof stehen; denn er ist nur ihr Wortführer. Die katholischen Familienväter wollen die Garantie haben, daß ihre Kinder in der Schule in dem Geiste erzogen werden, der in der Familie lebt. Die geistliche Schulaufsicht ist eine Garantie und heute um so notwendiger, als in einem Teile der württembergischen Lehrerschaft, auch der katholi­schen, ein liberaler Sinn weht. Gewiß gibt es viele wackere katholische Lehrer, denen man sein Kind ruhig anvertrauen kann; aber nicht alle Lehrer sind so und der Vater hat nicht das Recht der Auswahl unter den Lehrern; er muß sein Kind demjenigen Lehrer übergeben, den die Re­gierung sendet. Deshalb fordert er Garantien für die religiöse Erziehung seiner Kinder und diese sind im Einvernehmen zwischen Staat und Kirche sestzusehen, nicht einseitig von dem Staate.

Die schwäbischen Katholiken haben in dem ihnen aufgedrungenen Kampfe,die Sympathien des, gan- zen katholischen Volkes hinter sich; das mag ihnen Kraft geben in diesen schweren Tagen.

Deutsches Reich.

* Das mutzte verhindert werden. Am Dienstag erzählte in einem Vorträge der natio­nalliberale Partei'ekretär Dr. Breilhaupt folgen- des sehr bezeichnendes Histörchen über die Be­handlung der,Daily-Telegraph'->Angelegenheit im Reichslage:

Die Führer der Blockparteien hatten wohl wegen einer gemein »amen Aktion miteinander Fühlung genommen, diese scheiterte jedoch an dem Widerstände der Konservativen. Das war am 2. November. Dann ist am 10. November dieBassermannsche Inter­pellation eingebracht worden. Dies mußt» ge­schehen, da man hier nicht die Sozialdemokratie vor- greifen lassen durfte. Die Zentrumspartei war allerdings geneigt, ein solches gemeinsame- Bor­gehen einzuleiten. Di« Nationalliberalen waren hier parteipolitisch vor eine schwere Entscheidung gestellt. In diesen» besonderen Falle wäre durch da- Zusam­mengehen mit dem Zentrum der Block gesprengt worden, und da» Zentrum hätte das erreicht, was eS seit 1907 anstrebt, nämlich den Block zu zerreiben. Dies mußte verhindert werden.

So wahrt der Reichstag seine Rechte! Und da sage noch einer, daß den Blockparteien das Vaterland nicht über die Parteien gehe!

Wo gespart werden könnte. Einen Bei­trag zu diesem Kapitel bietet in postalischer Hin­sicht das zum Kreise Gelnhausen gehörige Dorf Gettenbach. Der mitten im Dorfe liegende

Gutshof, Witwesitz der Gräfin von Jsenburg- Meerholz, Prinzessin Marie von Reuß ä. L., ge­hört zum Landbestell-Bezirk Gelnhausen, während das Dorf selbst zum Landbestell • Bezirke Post­agentur Lieblos gehört. Jeden Vormittag kom­men nun zwei Landbriesträger zu gleicher Zeit, der Gelnhausener, der aus dem Gutshose, und der Liebloser, der im Dorfe den Bestellungsdienst versieht. Am Nachmittage wird der Gutshof von Lieblos auS bestellt. Rechnet man den Landbrief­träger mit 1000 Mark Gehalt jährlich, so find gleich eine halbe Tagestour (500 Mark) unnütz verausgabt. Roch ander» Kuriositäten weist dieser doppelte Bestellbezirk aus. Die Gräfin zahlt für ihre Briefe nach Gelnhausen 5 Pfg., die Dorfbewohner aber müssen 10 Pfg. zahlen. Umgekehrt braucht der Gelnhausener Absender für Briefe nach dem Gutshose nur 5 Pfg. zu ent­richten, Briese nach dem Dorfe aber kosten 10 Pfg.

-T- Neber die Arbeiten des Rechnungshöfe- des Deutschen Reiches berichtet eine anscheinend offiziöse Meldung, daß die Prüfung der Rech­nung über die Ausgaben für die Niederwerfung des Aufstandes in Südwestafrika und der Expedition nach Ostafien besonders schwierig und langwierig sei und daß wohl noch mehrere Jahre vergehen würden, ehe dieses Prüfungen beendet seien. Sehr schade, denn gerade, die Rechnungen der Feldzüge in Südwestafrika und Ostafien enthalten gewiß manches interes­sante Detail. Vielleicht soll der Reichstag fxe nie zu sehen bekommen. Wenn man bedenkt/ daß die gewöhnlrchen Kolonialberechnungen öfter- schön bis zu acht Jahren Prüfunqszeit erfordert haben, kann man stch darauf gefaßt machen, daß! die schwierigen Kolonialrechnungen erst der nächsten Generation vorgelegt werden. v

* Interessante Erinnerungen weckt eine Zu­schrift an die „Köln. Volksztg." anläßlich der Nachricht, daß Ministerialdirektor Kirchhoff dieser Tage auS dem preußischen Eisenbahn­ministerium auSscheiden werde. Da heißt eS, auch die politische Presse sei sich darin einig/ daß es sich bei dem Ministerialdirektor Kirchhoffs um einen der verdienstvollsten Beamten des Ministerium- für die öffentlichen Arbeiten/ wie der offizielle Titel für da- preußische Eisen­bahnministerium lautet, handelt. DaS ist des­halb von besonderer Bedeutung, weil die SBe*! rusung Kirchhoffs durch Minister v. Maybach seinerzeit nicht ohne Anfechtung geblieben ist, weil er zufällig — katholisch war. Dem katholischen Minister v. Maybach, dem als Fach­minister auch Fürst Bismarck ein uneingeschränktes Lob gespendet hat, ist wiederholt der Vorwurfs gemacht worden, er bevorzuge die katholischen Beamten seines Refforts. Tatsächlich war für; ihn nur die Tüchtigkeit entscheidend, und kurz nach seinem Abgänge waren neben den Unter- staatssekretären fünf Direktoren protestantisch und nur einer, Kirchhoff, katholisch. Allerdings wollte er auch nicht, daß ein katholischer Bewerber wegen seiner Konfession znrückgesetzt werde. Bezeichnend für MaybachS Gesinnung ist jeden­falls der an einen Verwandten in Bochum gerichtet« Brief, als der Bochumer Verein zu Beginn

Unpolitische Zettlöuse.

(::) Berlin, 10. Dezember 1908.

(Nachdruck verboten.)

Noch 14 Tage!... Noch 13 Tage!... Noch 12 ?agc!" Und so weiter. Bis daß ez heißt: „Nur noch 1 Tag! Morgen ist die Bescherung. Einmal werden wir noch wach; heißa, dann ist Weihnachtstag." Wie freuen sich die Kinder im voraus! Wie gründlich genießen sie die Freuden, die erst noch kommen sollen! Welch eine unbe­wußte Kunst des Genießens steckt in dieser Hoff­nungsrechnerei! Die Freude wird auf das Zehn­fach^', Hundertfache gesteigert, indem die frische Phantasie des Kindes die angenehme Zukunft schon tage- und wochenlang vorher so lebhaft durch­kostet, als ob sie bereits Wirklichkeit wäre. Ja, nicht selten ist der liebliche Vorgeschmack das beste an der ganzen Mahlzeit. Die rauhe Wirklichkeit bringt nur zu oft Enttäuschungen. Die Gaben sollen nicht ganz so aus, wie man sie gewünscht hat; in die Stimmung fällt durch irgend einen Zufall einen Mißton; wenn die bescherten Herr- lichkeiten in Gebrauch genommen werden, so gibt es bald Störungen, Schäden, Brüche. Ja, das er­träumte Ideal war doch schöner; das Schwel­gen in hoffnungsseliger Erwartung war die reinste und reichste Freudenquelle. Es lebe die Hoffnung I

Da sagt nun der ausgewachsene Griesgram: die Jugend verdankt es ihrer Einfalt und Dumm­heit, daß sie so vergnügt darauf los hoffen kann. Wenn sie durch Erfahrung erst so klug geworden ist, lvie wir, wird sich die Hoffnungsseligkeit schon legen. Wir wiegen uns nicht mehr in Selbst­täuschung: wir wissen, daß in diesem Jammertal mehr Dornen als Rosen wachsen und auf dem Grunde des Kelches die Hefe lauert. Hoffen und Harren macht die Menschen zu Narren.

Hat der Schwarzmaler recht? Freilich bleiben diele Hoffnungen unerfüllt und manche Glücks­träume laufen aus in bittere Schäume. Aber es kommt doch nicht immer zu grausamen Enttäu­schungen. Es kann schief gehen, eS kann aber auch ?;ut gehen. Solange es überhaupt noch bernünf- ige Gründe für die Hoffnung gibt, darf man sie nicht m Bausch und Bogen für törichte Einbil- fcupn-» erklären. Die Wahl steht so: Entweder

siehst du die Dinge von der schwärzesten Seite an und legst verzagt und ärgerlich die Hände in den Schoß; oder du richtest deinen Blick auf die gün­stige Seite der Lage, behältst den Kopf oben und arbeitest irisch und stark weiter, um deinem Ziele näher zu kommen. Was ist vorteilhafter? Von der Verdrossenheit kannst du gewiß nichts pro­fitieren. Aber wenn du an der Hoffnung fest­hältst, so Parst du zum mindesten vorzeitigen Aer- ger rind erhöhst obendrein die Spannkraft in der Seele und in den Gliedmaßen. Das ist aber die Hauptsache; denn wir müssen uns das Glück be- kanntlich selbst schmieden, und dazu gehört die zähe Anspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte. Den Mut darf man nicht verlieren; sonst ist alles verloren. Der Mut aber lebt und stirbt mit der Hoffnung.

Die Hoffnung gleicht der Schwimmblase. Das ist ein Windbeutel, über dessen realen Wert die Kritiker am Ufer die Nase rümpfen mögen. Für den Mann, der im Wasser zappelt, ist dieser Windbeutel mehr wert, als alle Schätze der Welt: er bewahrt ihn vor dem Untergang.

Auf die schöne Jugendzeit blicken wir mit sehnsüchtigem Neid zurück. Aber bei Lichte be­trachtet — war denn damals alles so schön und vollkommen, wie es zur reinen Glückseligkeit ge­hört? Haben wir nicht in den jungen Jahren mannigfache Entbehrungen erdulden, rauhe Lehr­jahre durchmachen müssen? Das jugendliche Glück war zumeist nicht in den äußeren Verhältnissen begründet, sondern in unserem Innern. Unsere Brust war von Hoffnungen geschwellt, wir ge­nossen im voraus das Glück einer Zukunft, die wir bereits für sichere Wirksamkeit hielten. Der süße Zauber der Jugend wurzelt in der Hoff­nungsseligkeit.

Soll nun mit der Jugend zugleich die Hoff­nung verschvinden? Das wäre ein trauriges Los. SBer klug ist, hält die Hoffnung fest bis zum letz­ten Atemzuge, und wer ein Christ ist, dem wird das Hoffen leicht gemacht in dem Gottvertrauen.

Bei dem vorschreitenden Alter bist du mit dei­ner Gesundheit nicht mehr so recht zufrieden. Dein Schritt wird nach und nach langsamer; bei der Arbeit darfst du nicht mehr so stürmisch in- Zeug gehen; im Essen und Trinken mußt du etwas vorsichtiger werden. Ja, das ist so der Lauf der

Dinge auf dieser Welt. Wenn du willst, so kannst du dich in den Winkel setzen und Grillen fangen wegen deiner Gesundheit; du kannst die Mängel und SchN'ächen aufblasen und dich selber quälen mit den Aengsten vor allen möglichen Krankheiten und vor einem baldigen Tode. Aber wenn du klug bist, so machst du dich nicht zum Hypochonder, sondern rechnest vielmehr so: Es geht mir nicht anders, als den andern Leuten; ich sehe, daß viele ein behagliches Alter durchleben, obschon sie auch die Last der Jahre zu spüren bekommen haben. Wenn ich meine Lebensweise vernünftig einrichte, so habe ich die Aussicht, auch noch eine geraume Weile leben und schaffen zu können. Also ftisch vorwärts; mit Gottes Hilfe werde ich mir noch einen gedeihlichen Lebensabend verschaffen! Wer so denkt und handelt, der hofft nicht ins Blaue hinein, sondern er braucht das richtige Mittel, um seinen Zweck zu erreichen; denn frischer Mut und geregelte Tätigkeit verlängern die Lebenskraft.

Auch im Seelenleben gibt es hin und wieder dunkle Tage und trübe Erfahrungen, welche die Hoffnung knicken wollen. Du möchtest besser wer­den; aber von Zeit zu Zeit übermannen dich wie- der alte Schwachheiten und schlechte Gewohnheiten. Tu strauchelst und fällst. Sollst du nun in Ver­zagtheit und Verzweiflung liegen bleiben? Oder willst du nicht lieber in erneuter Hoffnung dich aufrichten und wiederum vorwärts streben? Der Gerechte fällt sieben Mal an einem Tage, sagt die hl. Schrift. Aber er läßt die Hoffnung nicht fah­ren, wildern zeigt gerade in der Ausdauer seines Strebens, daß er zu den Gerechten gehört.

Die Geschäfte gehen schlecht; du hast ber­get und Sorgen in deiner Berufstätigkeit. Was ist da zu tun? Klagen und Schimpfen bringt nichts ein. Wenn du den Kopf verlierst und die Hände sinken läßt,so. bricht alles zusammen. Aber wenn du alle Klugheit und Kraft zusammen- nimmst, bann darfst du hoffen, über die Schwierig­keiten hinwegzukommen, wie fchon vor dir so manche bedrängte Geschäftsleute durch größere Nöten sich durchgearbeitet haben. Es wird viel­leicht saure Wochen und bittere Monate für euch geben; doch wenn du unverzagt tust, was du kannst, dann winkt auch die Aussicht auf Rückkehr in den alten behaglichen Stand. Halte die Hoff­nung fest und flöße auch den Deinigen Hoffnung ein; sie ist nicht bloß eure Trösterin in der be­

drängten Zeit, sondern auch die beste Bundesge­nossin im Kampfe um die bessere Zukunft.

Auf Erden schießt das Unglück schnell empor, während das Glück nur ganz langsam keimt und wächst. Wer hier etwas gutes und schönes errei­chen will, muß vor allem Ausdauer haben. Er nurß in Geduld sich fassen, wenn wieder und wieder die Erfüllung feiner Wünsche sich ver­zögert; er darf nicht ermatten, wenn auch immer neue Schwierigkeiten austauchen. Nur wer aus­harrt, wird gekrönt. Zum geduldigen Ausharren und zum zähen Weiterstreben befähigt uns aber nur die Hoffnung. „Es muß doch besser werden." Und es Närd auch besser, wenn man nur unausge­setzt seine Pflicht tut. Im allerschärfsten Falle wird es wenigstens insofern besser, als die Ruhe des guten Gewissens sich einstellt: „Ich habe das meinige getan nach besten Kräften; ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Friede den Menschen, die eines guten Willens sind, — verkündet das bevorstehende Fest. Der gute Wille macht den Menschen selig, auch wenn die äußeren Verhältnisse nicht nach Seligkeit aus­sehen. Der gute Wille aber schöpft seine Lebens­kraft aus der Hoffnung.

„Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf", sagt der Dichter von dem Christenrnenschen. Es müßte eigentlich heißen: Gerade am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. Die Aussicht aus den Ausgleich im Jenseits macht den Christen allezeit unverzagt, hosfnungssroh und arbeits- lnstig, — auch in den schwierigsten Verhältnissen dieses Pilger gebens.

Die Kinder genießen die irdische Weihnachts­freude schon vorweg in ihrer lebhaften Hoffnungs­seligkeit. Ahmen wir ihnen nach, und lassen wir uns das Gute, was uns verheißen ist, auch schon vorweg zum Labsal und zur Erfrischung gereichen. Immer vorausgerichtet den Blick — vor- auSgerichlet bis in die Ewigkeit hinein! Vor- auSgerichtet auf den Frieden und das Glück, die allen redlichen Strebern versprochen find. Wer guten Willens ist, darf hoffen, und wer hofft, der trogt einen Quell des Trostes und der Erqur- ckung in sich Der alte Spruch vom Hoffen und Harren muß verbessert werden:

Hoffen und Streben — ist daS rechte Leben;

Streben und Hoffen -- macht den Himmel offen.