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Fulda, Samstag den 12. Dezember 1908;
35. Jahrgang.
287.
K- Das Erdbeben im Fnldaischen im Jahre 1807.
In Mitteldeutschland hat in den letzten Monaten wiederholt die Erde gebebt. In unserer engeren Heimat haben Erdbeben feit längerer Zeit nicht stattgefunden, aber vor ungefähr 100 Jahren wurden hier starke Erdstöße verspürt, worüber noch ein Bericht vorhanden ist. Ein Freund unseres Blattes stellt uns eine „offizielle Nachricht über das Erdbeben, welches teils im Fuldaischen, teils an dessen nördlicher und nordwestlicher Grenze den 11. Oktober 1807 ist verspürt worden", zur Verfügung. Der Bericht ist entnommen dem „Gemeinnützigen Hauskalender für das unter K. K. französischer Administration stehende Fürstentum Fulda auf das Jahr 1809". Die Leser der „Fuldaer Zeitung" in den vielen, von dem damaligen Erdbeben betroffenen Ortschaften werden die folgenden Mitteilungen des „Gemeinnützigen Kalenders", die wir mit Weglassung von Nebensächlichem hier wiedergeben, jedenfalls nicht ohne Interesse lesen:
Das Oberamt B u r gh a u n berichtete unter dem 23. Oktober 1807 der hiesigen Fuld. Regierung den Vorfall und vernahm die Amtsschultheißen sowohl, als andere Gemeindsglieder darüber zil Protokoll, zugleich setzte es sich mit den benachbarten Aemtern in Korrespondenz, beides tn der Absicht, um gründliche, und tiefer in das Detail eingehende Nachrichten einliefern zu können.
1) Der Lberschultheiß zu Burghaun bescheinet, daß am 11. Oktober 1807. Abends gegen 8 Uhr daselbst nicht nur ein Erdbeben, von 14 bis 15 Sekunden, stattgehabt, sondern dasselbe auch in einer Straße mehr als in der andern verspürt worden. 2) In der Gemeinde Gruben war nichts dergleichen empfunden worden: wohl aber 3) in Rothenkirchen, mit der Bemerkung, daß die Häuser ganz in Bewegung gestanden hätten. 4) Der Pfarrer zu Michelsrombach meldet in einem Schreiben, daß er zwischen 7 und 8 Uhr abends, an besagtem Tage, ein schreckliches Donnern und Krachen und darauf einen so heftigen Schlag gehört, daß er geglaubt, das Gewölbe seines Kellers sey unter ihm zusammengebrochen; hieraus sey er in seinem Sessel, wie ein Schiff auf dem Wasser, einigemal geschwind hin und her getrieben worden, der Stoß sey von Nordwest gekommen und nach Südost gegangen; im Keller wäre weiter nichts, als ein Krug umgcfallen, und den folgenden Tag habe er gehört, daß mehrere Menschen die nämliche Bewegung empfunden hätten. 5) Der Schullehrer zuBurghann berichtet, daß die Erschütterung von der Art gewesen, daß das ganze Haus dadurch betoegt worden und die Fenster geklappert hätten; ihn habe es im Belte geschlittert, als wenn man auf einem Wagen mit angespannten Pferden über krause Steine stark, fährt. 6) Von Langenschwarz geht die offizielle Nachricht ein, daß daselbst der Erdstoß tim 7 Uhr 57 Minuten stattgehabt; ein Knecht, der sich auf einer Wese aufgehalten, habe vor dem Erdstöße in der Atmosphäre einen Tumult bemerkt, wie der ist, wenn eine Gewitterwolke herannahet, jedoch sei das Getöse weniger stark gewesen; hierauf sei der Erdstoß erfolgt. Alle Vögel hätten Bäume und Hecken verlassen, und es hätte ihn deshalb ein heftiger Schrecken befallen. Im Orte selbst war die Erschütterung so heftig, daß 11 Personen, die an einem Tische saßen, die Empfindung hatten, als wenn das Haus einen Schuh in die Höhe gehoben und wieder niederge- läffen würde; auf dem Boden sei ein solches Gerumpel gewesen, als fielen sämtliche Schlöte zusammen; die Gläser auf dem Tische seien dadurch zusammengestoben, daß man sie deutlich habe klingen, hören; übrigens habe die ganze Erscheinung nicht länger als 16—17 Sekunden gedauert. Im dangen sogenannten Schlößchen sey während dem Stoßen ein Kind von fünf Jahren aus dem Bette gefallen; ebendaselbst seyen 20 Menschen auf Bänken und Stühlen so heftig bewegt worden, daß sie auf einmal in der größten Angst herausge- sprangen. 7) Zu Wehrda spürte man zufolge gütiger Mitteilung des Amtes zwey Erdstößen, der zweyte war der heftigste und so stark, daß Leute daselbst, das Tönen der Glocken im Kirchturm gehört haben, und kupferne Geschirre von einem Schranke herabgefallen sind; übrigens habe weder am Barometer, noch Thermometer, eine merkliche Veränderung statt gehabt rc. Die ältesten Leute wußten sich endlich keiner solchen Erschütterung zu erinnern. 8) Zu H ü n h a n spürte man nichts, aber zu Roßbach bemerkten der Schullehrer und einige Nachbarn die Erschütterung und das Zittern der Häuser. 9) Auch zu Eiterfeld und in der Nachbarschaft, mit der besonderen Bemerkung des Oberamts, daß an jenen Orren, welche zwischen Bergen und etwas sumpfig gelegen sind, der Stoß stärker gewesen, als in hoch oder in einer Ebne gelegenen Dörfern, ?. B. in Buchenau heftiger, als zu Eiteret d, und H e r s f e l d wieder etwas stärker; Leute, die auf den Straßen gewesen, wollten ein entferntes, dem Donner ähnliches Brausen gehört haben. 10) Der Pfarrer zu Langen- schwarz bemerkt noch, daß der Fußboden sich bewegt habe, welches aus Nr. 6 begreiflich ist. 11) Diese Erderschütterung wurde, wie Dr. Rau fei S ch l i tz Nachricht gibt. nicht nur dort, son
dern auch in dem zur Stadt gehörigen Gebiete bemerkt. Sie bestand in drey aufeinanderfolgenden Stößen, wovon der zweyte am heftigsten war. Das ganze Phänome dauerte ungefähr y4 Minute. Die Stöße schienen sich von Südwest nach Nordost zu bewegen. Die Heftigkeit der Erschütterung war an verschiedenen Orten äußerst verschieden. In einigen Häusern der Stadt wurde nichts wahrgenommen, in anderen, welche nur 20 Schritte davon liegen, fühlte man sie ziemlich stark. Aus allen von ihm eingezogcnen Erkundigungen ergebe sich, daß die Erschütterung in allen den Häusern am stärksten gewesen, welche nahe an dem linken Ufer der Schlitz oder Fulda stehen. In einigen derselben sprangen die Türen auf, die Fenster und Gläser aus den Tischen klirrten. Verschiedentlich wolle man mehrere Stunden vorher Unruhe an Pferden und Katzen bemerkt haben. In einigen benachbarten Orten, z. B. in S t o ck- Hansen im Riedeselisch, sei nicht das Geringste von einer Erschütterung gespürt worden. 12) In Buchenau spürte man um die nämliche Zeit in einer Wohnung eine Erschütterung, als die von einem Falle; hierauf folgte eine zweyte und dritte weit stärkere, wovon Fenster und Türen stark zitterten und ein Geräusch verursachten. Auf der steinernen 'Treppe vor dem .Hause habe ein Bursche gesessen, der ganz erschrocken dastand und erzählte, daß sich die Treppe bewegt habe. Eine Menge Menschen, welche die Erschütterung teils im Bette in die Höhe geworfen, teils auf andere Art in Schrecken gesetzt, seyen auf der Straße umhergelaufen; unter andern habe ein dasiger Förster, welcher in der untersten Etage des ganz massiven Schlosses wohnt, erzählt, die Erschütterung sei darin so stark gewesen, daß ein in der Stube stehender Schrank umzufallen gedroht, und ein auf solchem gestandenes Glas her- iinter gefallen und in der oberen Etage ein schreckliches Gepclter gewesen. 13) In Holzheim wurden zwei- heftige Stöße verspürt, welche sogar diejenigen, welche bereits im Schlafe lagen, munter machten. 14) In Geis spürte man die Erderschütterung ebenfalls und zugleich einen heftiger! Wind, der im Geiser Walde 300 Bäume umriß.
Einzelne, zu Acten genommene Aussagen von Schulteißen und Gemeindegliedern des Amtes: 15) Johannes Altstadt, 75 Jahre alt, aus Burghaun, erklärte auf sein Gewissen, daß er als ein Kind von 8 Jahren (?) ein Erdbeben daselbst, item eines vor etwa 40 Jahren, folglich nebst deM letzteren vom 11. Oktober, drey Erdbeben erlebt habe. 16) In K lau ß mar b ach sey die Erschütterung so stark gewesen, daß man geglaubt, die Balken in den Dächern wollten herunterstür- zen. 17) In Steinbach wäre die Erschütterung 'mäßig und von kurzer Dauer gewesen; es wäre gewesen, als wenn ein Gewehr wäre abgeschossen worden, und die Schäferhütten auf dem Felde hätten sich geregt; falsch sey es aber, daß Leute (wie im Jntelligenzblatte gestanden) von den Bäumen und aus den Vettern gefallen, in solchem Falle hätte ganz Steinbach unter und ober sich gestürzt werden müssen, wofür sie der liebe Gott bewahren wolle. 18) Zu Großen- m o h r hätten die Häuser gezittert und man habe gemeint, die Kornböden seyen heruntergefallen. Dreß sey das dritte Erdbeben, das er, Schultheiß Kind, letzt 63 Jahre alt, erlebt habe, doch wäre das letzte das stärkste gewesen. 19) In K l e i n- mohr sey es heftig genug gewesen, man hätte geglaubt, ein Donner rolle im Erdboden, dieses Rollen hätte wohl 1 Minute (?) gedauert, worauf ein starker plötzlicher Krach verspürt worden, wel- cher ein Zittern an Gebäuden und Fenstern verursacht. Dietz sey auch das dritte Erdbeben, daß er, Schultheiß Schmitt daselbst erlebt. 20) Völlig eben so in Hechelmannskirchen. 21) In Schlotzau mäßige Erschütterung, in älteren Zeiten habe man auch schon ein Zittern bemerkt. 22) In Oberfeld nichts verspürt. 23. In Harberg nichts. 24) In Mahlerz mäßig. 25) In O b e r r o m b a ch habe man nut in einem einzigen Hause ein Zittern bemerkt.
Der Leser nehme sich nun eine Charte zur Hand und verfolge selbst den Weg, den das Erdbeben genommen. Die wahrscheinlichste Ursache findet man wohl in der äußerst trockenen Witte- rung des damaligen Sommers, in dem starken, mit Donner begleiteten Regengüssen in den ersten Tagen des Octobers und in der Luftelectricität, die sich in diesem Monate häufig und noch am 6. November so stark zeigte, datz sie nicht nur in ein sck>weres, sondern sogar mit vielem Hagel bealci- tetes Donnerwetter ausbrach, bei dessen Bildung sie immer ihren höchsten Grad bon' Spannung besitzt, und nach ihrer Entladung wieder zum Gleichgewicht zurückkehrt. Uebrigens sind derglei- chne Erdbeben in Deutschland nicht selten, ihnen aber wegen ihrer großen Entfernung vom Meere wenig Schaden."
So der amtliche Bericht des 100 Jahre alten Kalenders des unter französischer Administration stehenden Fürstentums Fulda.
Die Erklärung, die der Chronist von den Ur- fachen des Erdbebens gibt, mutet heute etwas narv an. Offenbar hat es sich um ein sogenanntes tektonisches Erdbeben gehandelt, das feinen Ursprung hat in der fortdauernden Zusammen- ziehung der Erdrinde. Es werden dadurch Span- nungen erzeugt, die dann Verschiebungen, Brüche und Reibungen erzwingen, mit denen fühlbare Erschütterungen auf der Erdoberfläche in Verbindung stehen.
Kf. Das türkische Parlament
wird am 14. ds. Mts. eröffnet werden, ein geschichtlich bedeutsamer Akt. Die Eröffnung bedeutet noch nicht den Beginn der Verhandlungen, da zahlreiche Abgeordnete noch nicht gewählt oder zurzeit noch auf der Reise nach der türkischen
Hauptstadt begriffen sind. Die Abgeordneten in Asien brauchen vielfach zwanzig Tage zur Reise nach der Hauptstadt, können also, wenn sie auch noch in diesen Tagen gewählt werden sollten, nicht zeitig zur Eröffnung anwesend sein.
Die bereits gewählten Abgeordneten machen sich bereits aus allen Teilen des weitausgedehn- ten türkischen Reiches auf den Weg nach der Hauptstadt. Dabei kommt es zuweilen zu ergreifenden Szenen. Dies ist z. B., wie wir einem Briefe aus Jerusalem entnehmen, bei der Abreise der Abgeordneten aus der Hauptstadt Palästinas der Fall gewesen. Als der Tag der Abreise der Abgeordneten gekommen war, da erschien eine große Menschenmenge auf dem Bahnhofe, um ihnen Lebewohl zu jagen. Die Abgeordneten find Moharr-medaner, aber auch die Christen und Juden Jerusalems waren voller Begeisterung für die Abgeordneten, von denen ganz Jerusalem Er- lösmrg von vielen Uebeln erhofft. Die Abgeordneten hiellen Ansprachen an die tief bewegte Menge; dann mußten sie vor ihren Wagen Platz nehmen, während ein merkwürdiger Auszug begann. Die ganze große Menschenmaste nämlich defilierte jetzt an den beiden Männern vorbei, um ihnen einzeln Lebewohl zu sagen. Die Bauern aus Bethlehem küßten ihnen die Hände und Schultern, die Männer aus der Stadt machten ihren Salaam auf tiirkasche Weise, und wer mit ihnen verwandt war, der umarmte sie herzlich. So de- filierten nach und nach Tausende von Menschen vorbei, jung und alt, reich und arm, Mohammedaner, Christen und Juden. Die Glocke erklang, die Schaffner mahnten zum Einsteigen, die Maschine gab Dampf, aber die begeisterte Menge war nur mit Mühe davon abzuhalten, daß sie sich vor den Zug spannte und ihn schleppte. Unter wilden Hochrufen auf die Verfassung und das Parla- ment dampfte endlich der Zug langsam ab.
Von der Wahl in Konstantinopel geht unS folgende Schilderung zu: Wahltage in Konstan- tiiwpel! Das ist ein Ereignis von kulturhistorischer Bedeutung, das sich vor einem Jahre niemand hätte träumen lassen. In den Tagen vor dem großen Ereignis waren alle Straßen von einer dichten Menschenmenge erfüllt und es herrschte nichts als Jubel und Freude. Am Abend vor dem Wahltage erschallten überall die Töne der „Daul", der großen Trommel, die sonst während des Fasten monates dem Türken das Ende des Tages verkündet, ihn, wenn der Ramadan vorbei ist, zum Bairamsfeste ruft und ihn dieses Mal zur Wahl auffordert. Von überall her bringt man die Wahlurnen in die Wahllokale, zu denen Moscheen und Kirchen auserfehen sind. Tie Urnen werden in feierlichem Umzüge, mit Bändern und Blumen geschmückt, unter lautem Jubel durch die Straßen gefahren und wo sich zwei solche Züge begegnen, schallt der Ruf: „Es lebe das Vaterland, es lebe die Freiheit!" Dec wichtigste Versammlungsplah ist im Hofe des Lyce- ums des Galatha Serails. Hier sollen die Türken und Armenier ihre Stimmen abgeöen. Aber in alle Freude mischt sich ein Mißklaug, aus dem noch Unheil erwachsen mutz: Die Griech-n wollen demonstrieren! Zuerst demonstrieren sie ganz friedlich und beschränken sich auf Geschrei; schließlich aber kommt es doch zu Ausschreitungen, denn sie fühlen sich benachteiligt. Es scheint nach den übereinstimmenden Berichten italienischer und englischer Blätter, als ob bei der Abnahme der Wahlzettel nicht ohne Ansehen der Personen verfahren sei. Im Garten sitzt die Wahlkommission, und, solange keine Griechen dabei sind, geht alles in größter Ruhe zu. Türken und Armenier lammen in schönster Ordnung herein und zeigen dem Jnian ihren „Hamidie", ein Answerspapier, das gleichzeitig Geburtsurkunde und vollständige Per- wnalakte ist, die eine genaue Beschreibung der Nationalität und Person des Inhabers enthält. Der Jman mustert mit ernstem Blick den Schein, ohne die Person auch nur eines Blickes zu würdigen. Scheint ihm das Papier in Ordnung zu sein, so versteht er es mit einem Zeichen, es wird gestempelt, und der glückliche Besitzer kann seine Stimme abgeben. Es macht dem Jrnan durchaus nichts aus, toemt ein hoffnungsvoller lojähriger Jüngling auf diese Weise an der Wahl teilnimmt, obwohl nur Personen von 25 Jahren an stimmen dürfen. Wird bei den Türken und Armeniern so ein Auge zugedrückt, so wird die Wahl der ©riedjen mit Luchsaugen betrachtet. Jeder Grieche wird einem eingehenden Verhör unterzogen, wobei natürlich viel Zeit verloren geht. Die Griechen beklagen sich darüber, daß man sie hinhält, bis es überhaupt zu spät ist. eine Stimme abzugeben, und so, sagen sie, kommt nur der zehnte Teil der Wahlberechtigten wirklich dazu, das Wahlrecht ausAuüben. Natürlich lassen die Türken diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen. Sie behaupten dagegen, ihre Vorsicht gegenüber den Griechen sei sehr wohl am Platze, denn unter 10 Ausweis- papieren seien mindestens 3 gefälscht. Es kämen ferner Kinder, um ihre Stimme abzugeben, ja es würden die Ausweispapier längst verstorbener Personen vorgezeigt. Was von den Behauptungen beider Teile richtig sein mag, alles ändert nichts an der Tatsache, daß es darüber doch zu einer großen Demonstration gekommen ist. Tie Griechen erfüllten die ganze Stadt mit echt griechischem Lärm, sie läuteten die Glocken in allen ihren Kirchen und zeigten den Truppen, die die Ordnung in den Straßen aufrecht erhalten sollten, daß sie sich mit Revolvern bewaffnet hatten. Es wurden Drohungen laut, sie schwuren, für ihr Recht zu sterben, und zogen in schönster Ordnung zur „hohen Pforte".. Weder das türkische Publi- kmn noch die Polizei verhinderten ihren Umzug, und so gelangte eine Menge bon einigen tausend Mann bis vor die Regierungsgebäude in Stam- bul, wo sie lautes Geheul anstimmten. Ter Groß- Vezier erschien auf dem Balkon, vermochte aber nicht, sie zu beruhigen; sie verlangten, daß die
Wahle» für ungiftig erklärt werden sollten, und' schließlich kam es dazu, daß der Minister Mauro- cordato von der Menge beschimpft wurde. Hier mußte das Militär eingreifen. Man muß dem Militär nachrühmen, daß es sich sehr taktvoll benommen hat. Die Soldaten beschräntten sich daraus, die Demonstranten einzuschließen und sie allmählich zurückzichrängen. Sie hatten strengsten Befehl, jede Gewalt zu vermeiden und als echte Türken haben sie diesen Befehl gut befolgt Denn dadurch zeichnet sich der türkische Soldat aus: er kann heute, wenn es ihm befohlen ist, der friedfertigste Mensch von der Welt sein, um morgen, toenn es ihm geheißen wird, das grausamste friedfertigste Mensch von der Welt fein, um mor-
Allerlei.
— Tas erkannte Antlervolk. Aus Zürich toirtf der „Franks. Zig." geschrieben: Ein niedliches @e- schichtchen von ungewöhnlicher Mund-fertigkeit eines Hinteregger Bauernbuben (Kanton Zürich) weiß das hiesige „Volksrecht" zu berichten. War da auf der Landstraße in der Nähe seines Hei- matdörschens ein Vierkäsehoch mit dem Einsammeln von Roßäpfeln beschäftigt, als ein Automobil in scharfem Tempo dahergefahren kam. Statt nun seinen Karren auf die Seite zu nehmen, ließ der Knabe das Fuhrwerk mitten auf der schmalen Straße stehen und sprang selber abseits in einen Acker hinein. Da ein Ausweichen nicht möglich war, mußte der Automobillenker halten, und da der Knabe auch der Aufforderung, den Karren aus dem Wege zu räumen, nicht nachkam. mußte der Krastwagenführer schließlich selber aussteigen, um die Bahn frei zu machen. Das geschah nicht gerade in sanftester Art, und das Mistfuhrwerk landete schließlich im Straßengraben und kippte um. Aber nun wurde der Bauernbich wütend. Und ioährend der Autler schimpfend seinen Benzin- Wagen wieder in Gang brachte, schrie der Knabe in Hellem Zorn in die Kalesche hinein: „Stinke chönt er, ihr Chaibe, aber Rotzböbbele mache, des chönt er not! . . . Nun war doch er der Sieger.
— Der Kaiser als Ehestifter. Die französische Presse interessiert sich bekanntlich in hohem Maße für Kaiser Wilhelm II. und registriert mit der größten Sorgfalt alle Handlungen des Kaisers, welche die Oeffentlichkeit intereffieren können. Dieser Tage ist in der französischen Presse eine Anekdote erschienen, worin Kaiser Wilhelm die Rolle des Ehestisters spielt. Wir geben die amüsante Anekdote in Uebersetzung wieder, ohne uns für ihre Richtigkeit zu verbürgen, weil es eine bekannte Tatsache ist, daß besonders in Frankreich manche Journalisten stark im Erfinden solcher kleinen spaßhaften Erzählungen sind. Kaiser Wilhelm hat den Tod des Generals Hülsen-Häseler, der seit feiner Thronbesteigung sein bevorzugter Generaladjutant war und Midi, schmerzlich empfunden. Als der Kaiser den Thron bestieg, stand Hülsen-Häseler erst im Range eines Majors; dank der Protektion feines kaiserlichen Chefs kletterte er jedoch rasch die Sprossen der militärischen Stufenleiter empor. Wilhelm II. war es auch, der ihn verheiratete. Major von Hülsen-Häseler hatte um die Hand der Tochter des im Ruhestand lebenden Tivisionsgenerals von Lucardon angehalten, wurde jedoch abschlägig beschieden. Der Kaiser, der von dem Mißgeschick Hülsen-Häselers erfuhr, beschloß, die Sache in Ordnung zu bringen. Mit einem prachtvollen Bukett in der Hand präsentierte er sich eines schönen Tages bei der Familie von Lucardon und überreichte das Büket der Tochter des Hauses, indem er sie beglückwünschte zu ihrer demnächstigen Vermählung mit einem Offizier, dein er die größte Hochachtung entgegenbringe. Darauf wandte sich der Kaiser zur Türe und verschwand ebenso schnell als er gekommen war. General von Lucardon und auch dessen Tochter verstanden und bald darauf war die Hochzeit perfett. , -p.
— Auch ein Held von Waterloo. In der Näh« von Waterloo ist es unlängst zu einem Eisenbahnzusammenstoß gekommen, wobei verschiedene Personen verletzt wurden. Ein Herr begegnete dieser Tage in Brüssel einem kleinen Knirps, der de« einen Arm in der Binde trug. Auf seine Frage wie er zu dieser Verletzung gekommen sei, erwiderte der Dreikäsehoch mit Stolz: „Bei Waterloo !* .p,
— Schloß Stolzenfels. Das allen Rheinreisenden bekannte, oberhalb des OrteS Kapellen herrlich gelegene Schloß Stolzenfels, das demnächst ans dem Besitze des Kaisers m Pttvatbesitz übergehen dürfte, ist in den Jahren 1242—1259 von dem Trieret Kurfürsten Arnold von Isenburg erbaut worden und war oft Wohnsitz der Erzbischöfe von Trier. 1689 wurde es von den Franzosen zerstört. 1802 kam die Ruine in den Besitz der Stadt Koblenz, die ft« 1823 dem damaligen Kronprinzen, späteren König Friedrich Wilhelm IV. überließ. Dieser ließ nach den Plänen Schinkels das Schloß für eine Million Taler wiever herstellen und glanzend ausstatten. In dem großen Rittersaale enthält c8 eine Sammlung aller Waffen und Rüstungen nebst anderen Sehens- Würdigkeiten. Im kleinen Rlltersaale fesseln den Besucher die schönen Freskogemälde Stilles. Besonders prächtig ist die Aussicht vom Schlöffe aus da! Rhein« und Lahntal.
— TaS Wertvolle. Ein Milliardär aus dem Dollarlande gerät auf einer Reise durch die Abruzzen in die Hände von Räubern, die ihn gefangen halten und nur gegen ein Lösegeld heraus« geben wollen. Der gefangene Krösus findet nun den Bettag von 30 000 Dollars höchst lächerlich und ruft gettäntt: „Soviel kostest sa schon meine Rrcroattennabell* — »Mylord, die ist schon mitgerechnet', sagt sarkastisch der Bandenchef.
— Der Essen. Mutter: .Willi, hast Du Dir auch wirklich die Hände gewaschen?' — Willi: »Ja, Mama. Wenn Du es nicht Glaubst, guck Di» nur das Handtuch an.*