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Sari Schütte;

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M 287.

Fulda, Sanlstaq den 12. Dezember 1908.

35. Jahrqanq.

Drittes Wlcrtt.

wochemNundschau.

[♦] Fulda, 11. Dezember 1908.

. lieber „Scheinkonstitutionalismus" in Deutsch­land klagte am 2. Dezember der freisinnige Abg. Müller-Meiningen in gar beweglichen Tönen. Er hätte hinzufügen können, daß seit gerade zwei Jahren der Reichstag das Wenige an Rechten und Einfluß der Volksvertretung, das er besaß, auch noch preisgegeben hat. Es war die notwendige Folge der durch Regierungsgnade ins Leben ge­rufenen und am Leben erhaltenen Blockpoli­tik, daß die Mehrheitsparteien zu Puppen in der Hand des Kanzlers herabsanken. Jeder Schritt, den sie gehen, ist ihnen sorgsam vorge­zeichnet, Bestätigung eigenen Willens und eige­ner Initiative ist ihnen nur soweit gestattet, als sie den Interessen des Kanzlers nicht zuwiderläuft. Diese Unselbständigkeit des Reichs- t a g e s tut sich in nichts so klar kund als in der stunrpfen Interesselosigkeit, die über dem Reichs­tage lagert. Fürst Bülow leitet die Geschicke des Reichstages, er dekretiert die Stellung „feiner" Parteien zu Vorlagen und Anträgen. Was braucht es da eigener Arbeit? Nur darum han­delt es sich noch, für die Wählerschaft einige schöne prinzipienfeste Reden zu halten, die Entscheidun­gen fallen nicht im Kampfe der Parteien, sondern in Konventikeln der Blockführer. In den letzten Tagen standen im Reichstage Angelegenheiten zur Beratung, die in normalen Zeiten das politische Leben in seiner stärksten Kraftentfaltung gezeigt hätten. Jetzt aber war die Stimmung gekenn­zeichnet durch Leidenschaftslosigkeit, stumpfe Ruhe, man möchte fast sagen Leblosigkeit. Ein Kampf ohne Leidenschaft — und schlechte Schauspieler, da sie nickst einmal den Schein von Leidenschaft dar­zustellen vermochten. Jetzt steht der Etat zur Beratung,, in früheren Zeiten der Turnierplatz, auf dem die Volksvertreter ihre Fehde mit Büro­kratie und antikonstitutionellen Mächten zum Austrag brachten. Heute ist von Kainpfrüstung und Kampfgeschrei nichts zu merken, die einzigen, die im hohen Saale auf die Worte der Reichsboten acht geben, sind die Stenographen. Wenn ein Parlament sich selbst des Einflusses begibt, wie kann es verlangen, daß seine konstitutionellen Rechte Achtung und Berücksichtigung finden? Scheinkonstitutionalismus — gewiß ist es so, aber die Schuld tragen diesmal nicht die Regierenden, sondern der Reichstag selber. Das Parla­ment brauchbares Mittel zum Zweck, zu seinen Zwecken, so meint und versteht es Fürst Bülow. Dein entsprach auch der Inhalt der Ausführungen, die er am Montag über die auswärtige Lage machte. Wenn der Leiter der auswärtigen Poli­tik über seine Politik im Deutschen Reiche spricht, so ist es klar, daß seine Worte auch eine politische Aktion bedeuten, daß Form und Inhalt auf die Wirkung im Auslande berechnet sein müssen. Aber der Hauptzweck soll doch sein die Informa- tion des Inlandes. Messen wir danach die Be- deutnng der Bülow'schen Rede, so müssen wir ge­stehen, daß der Hauptzweck nicht einmal nebenher berücksichtigt worden ist. Fürst Bülow kam es allein darauf an, dem Auslande etwas zu sagen. Was er sagte, das Treueversprechen an Oesterreich, die Warnung an Italien, war schön und gut, aber das brauchte er dem deutschen Volke nicht zu sagen. Was das deutsche Volk erwartete zu er­fahren, in welcher Situation das Reich heute sich befindet, was wahr ist oder nicht wahr an den Gerüchten von den Mißerfolgen der deutschen Po- litik, von der Isolierung Deutschlands, von der Einbuße an Vertrauen und Einfluß im Rate der Völker, was geschehen soll, damit es den Platz

zurückgewinne, der ihm gebührt — all davon sagte der Kanzler nichts. Am Schlüsse feiner Rede die übliche Friedensversicherung, der alle inländischen und ausländischen Offiziösen un- verweilt den gewohnten reichen Beifall spenden. Diese ewigen Friedensbeteuerungen fangen nach­gerade an unheimlich zu werden. Wenn alles in der Welt den Frieden und nur den Frieden will, dann ist es wahrlich unnötig, soviel davon zu sprechen.

Die R e i ch s st e u e r r e f o r m ist insofern auf einem toten Punkte angelangt, als bei der Beratung im Reichstage sogut wie kein heiles Haar an den meisten Projekten gelassen worden ist. Die Kommission ist zusammengetreten, um die Vorlagen durchguarbeiten. Ihre Arbeiten knüpfen formell an das an, was die Regierung in den Vorlagen bietet. In der Tat aber wird man etwas ganz Neues schaffen müssen. Eine Jnteressenkorporation nach der andern greift jetzt in elfter Stunde noch einmal kräftig in das „Steuerrad", um dessen Kurs möglichst im Sinne der eigenen Interessen zu drehen. In Preußen ist die Gesellschaftssteuer zu Fall gekommen, we­nigstens in der 1. Lesung der Kommission. Mög­licherweise aber taucht sie inzwischen doch wieder auf; denn das Zentrum wird bei ihr mittun, so­bald die Regierung ihre Absicht, die Genossenschaf­ten und Konsumvereine aller Art mitzubesteuern, aufgegeben haben wird.

In I t a l i e n hat die Deputiertenkammer vier Tage lang über die auswärtige Politik ver­handelt. Das Ergebnis war die Billigung der Politik der Regierung (Tittoni-Gwletti) mit 297 gegen 140 Stimmen. Dieser Beschluß könnte den Eindruck erwecken, als ob alles beim alten bliebe. Aber dem ist doch nicht so. Herr Tittoni, der Mi­nister des Auswärtigen, hat, um eine imposante Mehrheit sich zu sichern, Wein in sein Wasser gie­ßen müssen; d. h. die freundliche Rede, die er als­bald na chder Annexion von Bosnien hielt, um das Vorgehen Oesterreich-Ungarns seinen Lands­leuten mundgerecht zu machen, mußte er nachträg­lich mit Kritiken und Vorbehalten würzen. Nach der damaligen Rede ^jttonis schien es, als ob Italien dieselbe wohlwollende Haltung gegenüber der habsburgischen Monarchie einnehme, tote das Deutsche Reich. Jetzt aber hat sich die italienische Politik dem Standpuntt Rußlands ange- nähert; Herr Tittoni unterstützt die Taktik des Herrn Iswolsky, der eine Konferenz für nötig hält, um die von Oesterreich vollzogene Tatsache nicht bloß zu registrieren, sondern erst noch ihrer Entscheidung zu unterwerfen und wenigstens zur Erzwingung von Kompensationen zu verwerten. Im Dreibunde bleibt also Italien bis auf weite­res eingeschriebenes Mitglied. Aber es faßt seine Verpflichtungen mehr nach dem Wortlaute des Vertrages, als nach dem Geiste der Solidarität auf. Zu Oesterreich nimmt es jetzt eine ähnliche Stellung ein, wie seinerzeit zu Deutschland in der Marokkokrisis. In Algeciras war Oesterreich- Ungarn unser „brillanter Sekundant"; Italien hielt sich damals auf der französischen Seite, die es für seine „Butterseite" hielt. Jetzt steht Deutsch- ! and, obschon ihm das Vorgehen Oesterreich- Ungarns kein ungemischtes Wohlgefallen bereitet !>at, dach rückhaltlos zu feinem alten Bundesbru- j)er, dagegen sieht Italien nur mit einem halben Auge auf Oesterreich, während es die anderen anderthalb Augen auf Rußland, England und rFankreich richtet, mit deren Hilfe es für sich elbst etwas herausschlagen möchte wenigstens in m r5’}tln'«.tocnn m^lich sogar in Treutino. Der

Kammer bedeutet nicht die rückhalt- lose Anhänglichkeit an den Dreibund, sondern geht auf eine zweihändige Politik hinaus: Italien will die Vorteile, die es aus der Zuge­hörigkeit zum Dreibund ziehen kann, noch nicht preisgeben, aber es will auch von dem neuen Ein­

verständnis mit Rußland, von der alten Annähe- rung an England und von der aufgefrischten Freundschaft mit Frankreich nach Kräften profi­tieren. Also heißt die Parole: Bündnis und Freundschaften! Dabei ergibt sich unter den gegen- »artigen Verhältnissen für das Bündnis eine for- male, papierne Bedeutung, während die nebenher lausenden Freundschaften ihren materiellen Wert in dem Druck auf Oesterreich-Ungarn bekunden sollen. In Jatalien ist der Eigennutz sehr stark entwickelt. Das zeigte sich besonders in der Tat­sache, daß sogar führende Abgeordnete steif und fest glauben, Oesterreich-Ungarn sei zu Gebiets- abtretungen in Trentino förmlich verpflichtet für den Fall, daß es eine Erweiterung seines Gebietes auf dem Balkan erlange. Die gegenwärtige Um­änderung des Titels „Okkupation" in „Annexion" sollte nun schon eine kompensationspflichtige Er­weiterung des österreichischen Gebietes bedeuten! Der Minister mußte ausführlich darlegen, daß 1) ein Versprechen wegen Abtretung tn Trentino überhaupt nicht bestehe, und daß 2) die bestehende Garantie für die italienischen Interessen in Maze- donieii und Albanien _ nur wirksam werde bei neuen Okkupationen, nicht aber bei der Erhaltung des seit 30 Jahren sanktionierten Besitzstandes in Bosnien und der Herzegowina. Troy alledem ist die Begehrlichkeit der italienischen Politik durch die Umtaufung des bosnisch-herzegowinischen Be­sitzstandes erweckt worden, und obendrein hat die­ses Vorgehen Oesterreichs den Gegnern des Drei­bundes neue Handhaben für ihr Ränkespiel gege­ilt — sowohl in Rom als in Konstantinopel, ne­benbei auch in Prag. Die Moral von der gegen­wärtigen Sachlage ist: daß man zwar den glim­menden Docht der Dreibundtreue Italiens nicht auslöschen soll, aber sich auch nicht auf diesen un­sicheren Kantonisten verlassen darf, — dagegen das Heil ausschließlich suchen muß in der Solida­rität der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche. Diese muß mit aller Kraft und Kunst gepflegt werden, und zwar von beiden Seiten. Auch in der inneren Politik ist diesem höchsten Bedürfnis der beiden Staaten Rechnung zu tragen, z. B. drüben in dem Schutz der Deutso^n und ihrer In- teressen, hüben in der Mäßigung der antipolni­schen Kampfpolitik.

Die Lage auf dem Balkan hat in diesen Tagen insofern eine Klärung erfahren als bei den Verhandlungen zwischen der Türkei und Bulga­rien über die bulgarische Abfindung eine be­stimmte Summe: 80 Millionen Franks genannt worden ist. Da es der Türkei in der Hauptsache nur um die Wahrung ihrer „Ehre", weniger um die Erlangung größerer Geldsummen zu tun ist, wird man sich tn Konstantinopel damit wohl zu­frieden geben. In Serbien betreiben der Kron­prinz Georg und seine montenegrinische 58er- wandtschaft, gestützt auf Anregungen und Ermun­terungen von Rußland und von Italien her, die Hetze gegen Oesterreich weiter. Wahrs^inlich wird das ganze Sammelsurium von Streitigkei­ten, das den Balkan bewegt, in einer Balkankon- erenz seine Erledigung finden. Den verschieden- ten Andeutungen der beteiligten politischen Jn- tanzen darf man entnehmen, daß es tatsächlich zu einer solchen Konferenz kommen wird. Dabei werden Rußland und England natürlich in erster Linie dafür sorgen, daß weniger die Interessen i)er Balkanstaaten, als Vielmahr die russischen oder englischen Interessen gefördert werden.

Auf der Insel Haiti hat es zur Abwechs- lung wieder einmal eine Revolution gegeben, bei der der ergraute Präsident Alexis Nord, ein Ne­ger, der seit mehreren Jahrzehnten einen maß­gebenden Einfluß auf die Negerrepublik ausübt, zur Flucht gezwungen worden ist.

X Der österreichische Thronfolger.

Es hat bisher immer als eines der größten Meisterwerke der Bismarckschen Staats- k u n st gegolten, daß er nach der Erkaltung der russischen Freundschaft den Bündnisv ertrag mit Oesterreich zustande gebracht hat. Oester- reich hat vergessen, was vorausgegangen war und mit anerkannter Loyalität seine Bündnispflichten erfüllt. Ter früher Wohl einmal über die Ach­sei angesehene Kaiserstaat an der Donau ist in­zwischen politisch und wirtschaftlich erstarkt und hat infolgedessen auch im europäischen Konzert an Bedeutung gewonnen. Das ftarfmütige Ein­greifen des hochbefähigten österreichischen Thronfolgers in das politische Getriebe ist nicht unbeteiligt an dieser glücklichen Wendung der Truge. Nun ist er in einer Reihe englischer und deutscher Blätter offenen und versteckten An­griffen ausgesetzt, mit denen sich ein Mitarbeiter der „Augsburger Postzeitung" (Nr. 281) in be­merkenswerter Weise auseinandersetzt. Man kann, so, führt er aus, dreierlei Motive genau unterscheiden, weswegen diese ständigen Angriffe erfolgen:

1. In gewissen rheinischen und westfälischen Blät. tern ist es bebende G e sch ä f t s a n g st, daß die Ge- schäfte im Orient leiden könnten, wenn Oesterreich energisch vorgeht. Die rheinische Großindustrie und, verschiedene Großbanken sind für diese Sorte An­griffe als intellektuelle Urheber zu bezeichnen.

2. Eine zweite Gruppe hat ihren Sitz in Berlin. Berliner »freisinnige" Blätter, aber auch Herr Harden« Witkowski ist ihr zuzurechnen. Bei den Liberalen ist die Furcht vor einer Differenz mit Eng­land, die durch Orientwirren herbeigeführt werden konnte, maßgebend. Diese „Deutschen" fürchten nur Gott nicht, sonst alles auf der Welt. Und da Oester­reich ihnen bei weitem ungefährlicher als England dünkt (welcher Irrtum I!), prostituieren sie sich vor Eduard und schimpfen auf Franz Ferdinand. Neben­bei fpielt auch hier der „liberale" Gedanke eine große Rolle: Franz Ferdinand ist überzeugter K a t h o l i k, macht daraus, obwohl er natürlich kein Hospitant irgend einer Partei ist, durchaus kein Hehl, also ist er für den echten „liberalen" Mann vogelfrei: über ihn schimpfen gilt als Freiheitstat. Und man hat redlich über ihn geschimpft.

3. Ganz andere Motive leiten die englische P r e ß m e u t e, die gegen den Thronfolger kläfft. AuS Eduards Angriffen tönt „verlorener Liebe Pein" her­aus. Wie hat man sich noch in diesem Regensommer bemüht, O e st e r r e ich mit Sirenengesängne zur E n» tente-Politik zu bekehren, es von Deutschland zu lösen. König Eduard weiß — langjährige Erfahrung hat ihn die Kunst gelehrt — meisterhaft die Cour zu schneiden, und diesmal hat er alles drangesetzt, zum Ziele zu gelangen! Und alles war umsonst; das schmerzt, das wurmt, das heischt Rache. Nichts Gemeineres, nichts Kläglicheres gibt es, als die Angriffe des „Daily Telegraph" und ähnlicher Organe gegen den österreichischen Thronfolger. Und sie haben nicht nur in den drei Königreichen, nein, auch in Oesterreich selbst und am Balkan, einen großen Erfolg erzielt; mit der platten Gemeinheit kann niemand um den Erfolg Wettlaufen! Sie haben die radikalen Tsche­chen zu ihrem haßerfüllten Benehmen gegen die Dynastie direkt gereizt, sie haben in Serben und Mon­tenegrinern grüßenwahnwitzige Pläne genährt, sie ha­ben Jnsurrektionsideen in Bosnien verbreitet. König Eduards Saat wird im Frühjahr blutig aufgehen! Aber die Früchte werden nicht ihm zu­gute kommen, darin täuscht er sich; der Haß hat ihn blind gemacht."

Die „Kölnische Volksztg." bemerkt, daß ihre Beobachtungen sich mit den Feststellungen der „Augsb. Postzeitung" decken. Als König Eduard in Ischl mit seinen Lockungen, Oesterreich von sei­nem nordischen Verbündeten zu trennen — so fügt sie bei — abgeblitzt war und seinen Aerper bgar an den Hofdamen ausließ — von diesem Augenblick an war es klar, daß O e st e r r e ich i)ie Rache Eduards zu fühlen haben werde. So oder so wäre sie gekommen, auch ohne die formelle Annexion Bosniens, die durch die

AurückgekeHrt.

Erzählung von Melati von Java. Uebcrsetzt von Dr. I. B. Fuß.

20J * (Nachdruck verboten.)

„Und den Namen Ihrer Mutter — wissen Sie den auch nicht, oder haben Sie feine Por­träte?"

„Wahrlich, Sie fragen mit solchem Interesse danach, daß ich fast meine, eines schönen Tages werde sich zeigen, daß ich eine gestohlene Prinzes­sin bin. Denke dir einmal, Lucia, wenn Herr Verdini etwas derartiges ans Licht brächte!"

„Ach, beste Nina, solche Dinge geschehen doch nur in Büchern, und man weiß doch wohl, wer du bist."

„Man vielleicht, aber ich selbst nicht. — O, was fragten Sie doch noch, mein Herr? Sie ha­ben uns so herrlich erzählt, daß ich Ihnen auch zum Danke mit einer Kleinigkeit einen Gefallen erweisen muß. Ob ich Mamas Namen weiß? — :Ihren Vornamen wohl, aber nicht ihren Familien­namen. Sie hieß Lorenzia, und ein Porträt — Gott Dank, das habe ich"

Und eine Brieftasche hervorholend, nahm sie eine alte, vergilbte Photographie heraus.

„Das war meine Mutter; von meinem Vater habe ich leider nichts mehr."

Verdini betrachtete das Bild einen Augenblick schweigend; darauf fragte er sehr ernst:

„Wollen Sie es mir nicht einige Tage leihen? Ich verspreche Ihnen, daß ich gut dafür sorgen werde."

1 Unwillkürlich sah Viktorine ihre Freundin fra- ßenb an, als ob diese ihren Blick sehen könnte; ober es war, als ob Lucia es fühlte.

„Können Sie uns nicht sagen, mein Herr, wa­rum Sie es nötig haben?" fragte sie.

..Es tut mir leid, Fräulein, aber das Gelingen einer sehr wichtigen Sache hängt ganz und gar von einem absoluten Stillschweigen ab, nicht allein

von mir, sondern auch von Ihnen beiden, gegen wenn es auch fein möge."

"Das wird noch intereffant!" rief Viktorine erregt aus; „wahrhaftig, ich werde Prinzessin! Nun denn, wenn du es gut findest, Lucia, und Herr Verdun verspricht, mir das teuere Porträt bald zuruckzubrtngen, ohne daß etwas daran fehlt, bann — will ich es nur wagen."

Sie küßte das Bild innig und gab es ihm dann mit Tränen in den Augen.

»Gottes Segen darüber!" sagte er, „der Gruß einer Tochter kann nur Glück bringen."

. Es wnde Seit für ihn, wegzugehen, da eine der Magde hereinkam mit Lucias Mantel und Hut, wie sie jeden Sonntag nachmittag regel- mäßig um halb vier tat. u

Er nahm Abschied und versprach Viktorine, so­bald er konnte, das Porträt zurückzugeben.

Sie sah ihm besorgt nach, und bann Lucia um ben Hals fallend, fugte sie traurig:

„Ach, Lucia, es ist mir so hart, mein Mütter- d)en Weggehen zu sehen, wer weiß wohin! Sollte ich nicht unvorsichtig gehandelt haben?"

Aber die Blinde schüttelte den Kopf.

„Beunruhige dich nicht, liebes Kind, wenn ein lunger Mann tn unserer jetzigen Zeit in einem wichen Tone und mit solchem Feuer über diese großen ernsten Dinge sprechen kann, dann kann man ihm durchaus vertrauen."

„Ja, aber du weißt, die Heuchelei ist groß in der Welt. Sollte denn nicht . . .»

„Pfui, Kind! Du bist noch so jung, und da steht dieses kluge Mißtrauen so unnatürlich. Glaube mir, Worte können täuschen, Augen ton­nen lügen, aber eine Stimme, die spricht die Wahrheit, sie ist die Zunge der Seele selbst. Und außerdem,welches Interesse kann dieser Mm» an dem Porträt haben, da» allein für dich hohen Wert hat?"

„Ja, das ist wahr. O Lucia, ick wollte ja nichts lieber al» ihm vertrauen. Ich finde ihn auch so

sympathisch, und weißt du warum?"

„Nun?"

„Er erinnert mich fo an dich. Ich weiß nicht, woran das liegt, denn ihr beide gleicht einander gar nickst. Meine Lucia ist so zart und so schmäch­tig, daß man fürchten sollte, sie zu brechen, und er ist groß, stark, fast rauh, wenigstens sah er so in seinem Kittel aus — und doch ist etwas, ich weiß nicht was, das mich unaufhörlich denken läßt: so würde ick mir deinen Bruder vorstellen."

„Mein Bruder", seufzte Lucia, „oh, wenn es möglich wäre, daß ich ihn wiedersähe — ich meine, ihn wieder träfe, so wie dieser Mann ist, so tüch­tig, so reif, so ernst, dann . . . bann . . ."

Sie schwieg plötzlich, und Viktorinens Hand nehmend, sagte sie:

„Laß uns gehen, Liebste! Ich muß zur Kirche, — es ist in mir eben so düster wie um mich her, und doch — doch — ich fühle, daß der Tag, das helle Sonnenlicht naht."

„Ja, und ich will auch beten — daß ich end­lich auch einmal das Licht über mein unbedeuten­des Persönchen darf scheinen sehen. Aber ach! was hilft es mir noch? Meine Eltern sind tot, und Geld allein habe ich nicht nötig."

X.

Gertrud Wylandts tat etwas, was bei ihr nur selten geschah — sie träumte.

Sonst war sie zu praktisch und zu sehr beschäf­tigt, um sich solchen Liebhabereien hinzugeben; aber tn der letzten Zeit träumte sie stets; jedoch ihre Laune wurde nicht besser dadurch. Im Ge- genteil, sie schien jetzt viel mürrischer und reiz­barer als sonst zu sein und ihre Mutter und vor allem Viktorine mußten es stets erfahren.

Wenn sie ihre sonderbare Gemütsstimmung ernstlich untersucht hätte,märe es noch eine große Frage gewesen, ob sie die Ursache gefunden hätte; sie fühlte nichts als eine entschiedene Unxufrie- denheft mit ihrem Lose und das Bedürfnis, sich

gegen die Zukunft zu sträuben, der sie entgegen­ging.

Da sie aber verpflichtet war, ihrem bejahrten Bräutigam gegenüber immer ein freundliches Ge­sicht und angenehme Manieren zu zeigen, rächte sie sich wegen dieses Zwanges, den sie sich selbst auflegen mußte, durch verdoppelte Unfreundlich- feit, sobald er sich entfernt hatte. Die Wahrheit war eigentlich, daß Gertrud, je mehr die Heirat nahte, sie desto mehr fürchtete; sie empfand für van Hogenvoorde nicht die geringste Neigung und von Pflichterfüllung hatte sie kaum einen Begriff.

Von Jugend an hatte sie stets das getan, wozu sie Lust hatte und nun schließlich Notwendigkeit und Lust miteinander in Kollission kamen, fiel es ihr nicht ein, nur aus Pflichtgefühl ihr Schick­sal zu tragen und es durch Selbstaufopferung zu heiligen.

Sie hielt es für ungerecht, daß sie jetzt Mut- ter und Bruder retten sollte. Es war nicht zu än- öern, aber sie fürchtete mehr oder weniger ihren zukünftigen Mann, und feine Kinder konnte sie nicht ausstehen.

Tie Roheit Ursulas konnte sie eben so schlecht ertragen wie die demütige Unterwerfung Lucias.

Und jetzt — dies würde sie sich um keinen Preis selbst eingeftanben haben — seit ihren Sitz­ungen auf Verdinis Atelier, kam ihre Bestim­mung ihr noch unerträglicher und unverdienter vor.

Der junge Bildhauer hatte schon fofort einen günstigen Eindruck auf sie gemacht und je mehr sie ihn kennen lernte, desto mehr nahm dieser Ein­druck an Kraft zu; er war stets gleich freundlich und zurückhaltend gegen sie, aber gerade dies ge­fiel ihr. Sie bildete sich mit Recht oder Unrecht ein, daß er auch Sympathie für sie fühlte und sie beklagte, weil sie mit folch einem viel älteren Manne, der ihr Vater fein konnte, verlobt war.

GoAetzung folgt)