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Fulda, Freitag den 11. Dezember 1908.

35. Jahraairq.

Kustes HZtcrtt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 10. Dezember 1908.

Fortsetzung der ersten Beratung des

Etats.

Abg. Haußmann (südd. 93p.): In der Debatte ist teils ein trauernder Pessimismus teils ein glatter Optimismus hervorgetreten. Ich glaube, weder für daS eine noch für das andere lag eine Beranlassuug vor. Auf dem Gebiete der internationalen Politik hoffe ich, daß die Schwierigkeiten in der Marokko frage jetzt endlich ihren Abschluß finden. Die Casablanca- Affäre beweist, daß unsere Diplomatie ihren Aufgaben nicht gewachsen ist. Wir muffen Frankreich durch die Lat bewerfen, daß wir freundnachbarltch mit ihm leben wollen. Sehr gewundert hat mich daS Bedauern des Herrn Baffermann über den Abschied deS Herrn v. Holstein. Ihm hat ein großes Berliner Blatt im Dezember vorgeworfen, daß er die Berichte unserer auswärtigen Vertreter abgeändert und korrigiert habe zur Information des Kassers. Dieser Vorwurf ist biS heute nicht widerlegt worden. Wie Frankreich mit Del- eaffs fertig geworden ist, so erheben wir entschiedensten Widerspruch gegen eine Rückberufung deS v. Holstein, der in der Marokko-Angelegenheit die Rolle eines tleii en Deleafst hat spielen wollen. (Sehr gut! links.) Daß Deutschland gegen alles auftritt, roaS geeignet ist, die Türkei zu schwächen, ist eine Forderung der Klugheit und der Gerechtigkeit. Auch Oesterreich dürfen wir keine Schwierigkeiten bereiten. Gewundert habe ich mich nur über den leichten Ton, mit welchem der Reichskanzler über die Sache hinwegging, alS ob Deutschland gar nicht weiter ärgerlich darüber sei, daß ein in Berlin abgeschlossener Vertrag, den es selbst garantiert, so ohne weiteres einseitig aufgehoben wor­den ist. Bezüglich der Haltung Italiens scheint mir nach een neulichen Debatten in der italienischen Kam­mer der Dreibund dis zu einem gewiffen Grade aus- gehöhlt zu fein. Deutschland befindet sich in einem Zustand der Vereinzelung. Es wäre daher zu erwägen, ob es sich nicht etroaS anders zu orientieren hat. Eine größere Annäherung Deutschlands an Frankreich wäre natürlich, da beide Staaten so zahlreiche Berührungs­punkte haben. Draußen hat man nicht das rechte Ver­trauen zu uns, weil wir noch kein wahrhaft konstitutio- nel.es Regiment haben. Es ist dieselbe Sache wie mit einem Mann, der keinen Hausschlüssel hat. Er wird auch nicht für voll angesehen. (Heiterkeit) Sehr dank- Ibar sind wir dem Slaatssekietär v. Bethmann-Hollweg, der gestern erklärt hat, daß er baS B ereinsgesetz völlig loyal durchführen wolle. Was das Sprachen­verbot angeht, jo muß den deutschen Gewerkschaften möglich gemacht werden, auch Polen für ihre Bestre­bungen zu gewinnen. (Beifall links.)

V 'Reichskanzler Fürst Bülow kommt auf die von ver­schiedene« Rednern berührte Ein schränkungen der deerüftungen zu sprechen. Em Vorschlag auf Minderung der Seerüitung ist nicht an uns heran- getrelen. Eine internationale Beschränkung der Rüstungen haben wir für eine wünschenswerte Sache. gehalten; wir waren nur zweifelhaft, ob sie durchführbar ist. Der Wunsch allein tut es nicht. Schon die technischeii Schwierigkeiten scheinen sehr groß zu sein. Dann der Maßstab; welche Kriterien sollen geltend fein V Tech­nische Erfindungen und ihre Wirkungen können nicht im Voraus berechnet werden. Wir stehen auf dem strategisch ungünstigsten Platz aller 5 Weltteile und müssen uns nach allen Seiten verteidigen. Die Situation in Europa ist derzeit keine be­sonders behagliche; auch ich habe manche Wünsche. Aber wir würden den Frieden gefährden, wenn wir unsere Rüstungen vermindern ^wollten. Die Flotte ist durch Gesetz bestimmt; über das Maß bet Notwendigkeit gehen wir nicht hinaus. Der Abgeordnete Haußmann hat den Namen eines lan ssährtgen Beamten beS Auswärtigen Amtes in die , Diskussion gezogen. ES handelt sich um einen in langer und harter Arbeit unter vier Reichskanzlern ergrauten Beamten, dessen selbständiger Charakter allen denjenigen Achtung emstößen muß, die ihn kennen. Ich weise die gegen den Wirklichen Geh. Rat v. Holstein gerich­teten Angriffe zurück. Abg. Haußmann hat weiter angedeutet, daß in der Marokkoan gelegen-

ZurückgekeHrt.

"Erzählung von Melati von Java. Uchersetzl von Dr. I. B. F uh.

19J (Nachdruck verboten.)

Ter Blick, den Gertrud ihr zuwarf, war auch nicht gerade liebenswürdig.

' Die alte Dame fand, daß sie von dec Seite fo fremd aussähe — denn sie war nicht gewohnt, sie von der Seite zu sehen, stets von vorne.

„Man muß sich erst daran gewöhnen," behaup- tete sie.

Der Bürgermeister versicherte zum hundert- steninal, daß er von den Dingen nichts verstände; er für seine Person sähe viel lieber ein gemaltes Porträt, daran wäre wenigstens Farbe.

Lucia hatte natürlich keine Stimme und nach Biktcrinens Urteil fragte niemand; aber als sie Las Modell, nachdent es im Salon, während sich daselbst Besuch befand, von allen Seiten gut be­trachtet worden, wieder dem Bildhauer zuriick- Lrachte, konnte sie es nicht unterlassen, ihm zu sagen:

„Ich glaube, daß Sie ein großer Künstler sind!"

Eine lebhafte Röte stieg ihm in die Wangen und in die Stirne und seine Augen glänzten.

„Wie kommen Sie zu der Meinung?"

„Nun, jemand, der mit einem solchen Modell "etwas so Schones machen kann, von dem man die Augen nicht abwenden kann, muß nach meiner Meinung ein Künstler von Gottes Gnaden fein."

„Ich habe noch selten ein Lob gehört, das mir so schmeichelte."

I Es war etwas in Gertruds Spcechlveise, das ihn warnte, seine Untersuchungen nach dieser Seite chin weiter auszndehnen; entweder sprach Gertrud nicht gerne über Liesen Gegenstand, oder sie hatte Grund, sobald Viktorinens Abkunft zur Sprache i.fom, auf ihrer Hut zu sein.

t Er machte also eine gleichgültige Bemerkung

b eit sich verschiedene Einflüsse bemerkbar gemacht hätten. In einem mir unterstellten Ressort buloe ich keine Unter- und Nebenströmungen. Endlich hat Abg. Haußmann auch an dem Vorgehen Oesterreich- Ungarns Kritik geübt. Oesterreich-Ungarn ist unS seit einem Menschenalter ein treuer Bundesgenosse ge­wesen. Ich halte es nicht für richtig, die Schwierig­keiten, in denen sich gegenwärtig unser Bundesgenoffe befindet, durch eine unfruchtbare Kritik zu erhöhen. Ich wiederhole: Wir stehen zu Oesterreich-Ungarn, und wir glauben, auch der Sache des Friedens am besten dadurch zu dienen, daß wir keinen Zweifel lassen über die Unerschütterlichkeit dieses Bündnisses und über den Ernst, mit dem wir unsere Bündnispflicht be­trachten. (Stürmischer Beifall rechts, in der Mitte und links.)

Staatssekretär des Auswärtigen Amts v. Schoen: Ueber die Marokkoangelegenhett wird dem Hause nach den Weihnachtsferien ein Weißbuch zugehen, welches manche Berichtigungen bringen wird. Die Zurück­ziehung unserer Truppen aus China haben wir bereits in's Auge gefaßt, halten aber den gegen­wärtigen Zeitpunkt, in dem soeben erst ein Thron­wechsel ftattgefunben hat, für die Zurückziehung nicht für geeignet Daß die Umwälzungen in Konstanti­nopel mit solcher Schnelligkeit vor sich gehen würden, konnte niemand vorauSsehen. Dem neuen amerikani­schen Botschafter bringt hoch (was Redner stark betont, Heiterkeit) und nieder Sympathie entgegen. Jrn Aus­wärtigen Amte istsinanches »erbefferungSbebürftig; aber Reformen sind in Arbeit. Neues Blut wird der Diplomatie zugeführt. Ich hoffe, daß das Urteil über unsere Diplomatie bald ein günstigeres sein wird. (Bei­fall rechts.)

Abg. Zimmermann (wirtsch. Vgg.): Die Vorgänge in Prag sind nicht geeignet, dem deutschen Volke die Freude an dem Bündnisse mit Oesterreich zu erhalten. Das Tschechentum ist in Deutschland bedenklich im Wachsen. Die BeamtendefoldungSvorlage hat mit Recht in den weitesten Streifen unserer Beamtenschaft Mißstimmung hervorgerufen. Auch die Klasseneinteilung der Orte für den Wohnungsgeldzuschuß läßt in jeder Beziehung zu wünschen übrig. Redner fordert dann eine energische Mittelstandspolitik und bemängelt, daß seitens der Postverwaltung zum Schaden beS gewerb­lichen Mittelstandes die Postkonsumvereine unterstützt und privilegiert würden. Zu bedauern sei auch die von Jahr zu Jahr zunehmende Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte im Postdienst.

Abg. Dröschcr (kons.) behandelt die Besolbungs- oorlage, die an vielen Stellen Enttäuschung und Er­bitterung hervo-gerusen habe. In der Ausbesserung der Unterbeamten müsse noch mehr geschehen. Die Ansangsgebaltsätze seien zu niedrig bemessen.

Abg. Beck-Heidelberg (natl.) meint, neben den Be­amten müsse auch Rücksicht genommen werden auf die Steuerzahler; deshalb müßten die Beamten ihre Forderungen etwas einschränken. Die An- fangSgehälter bedeuteten ein ausreichendes Entgeld sür die Arbeiten der Beamten. In der Kommission müfle eingehend geprüft werden, ob überall das Richtige ge­troffen worben fei.

Freitag: Weiterberatung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 10. Dezember 1908.

Interpellation Trimborn bett. Arbeitslosigkeit.

Die Interpellation lautet: Durch welche Maß­nahmen gedenkt die StaatSregierung jur Linderung der Arbeitslosigkeit mitzuwirkeu, welche an zahlreichen Orten der Monarchie auf gewerblichem Gebiete in er­heblichem Umfange in tue Erscheinung tritt und sich weiter auszudehnen droht?

Auf Vorschlag deS Abg. v. Hehdebrand (kons.) werden die beiden auf der Tagesordnung stehenden Anträge Aronsohn (frs. Bp.i, die Regierung zu er­suchen, zur Hebung des ArbeitSMarktes öffentliche Ar­beiten schleunigst in Angriff zu nehmen, und Ra- Hardt (kons.), betr. die schleunige Vergebung öffent­licher Arbeiten, namenttich im Baugewerbe, mit der Besprechung der Interpellation verbunden, da sie das­selbe Thema behandeln.

über die Arbeit, und weiter fragte er nichts mehr nach Viktorine Ribert; ober eines wußte er we- nigstcns. Die Wylandts vermieden lieber diese Sache. Sie hatten ihre Gründe, nicht öffentlich darüber zu sprechn.

Am folgenden Sonntagnachmittag saßen Vik­torine und Lucia zusammen unter der Veranda; die anderen waren alle aus, der Bürgermeistr mit feiner zukünftigen Frau und Schwiegermutter waren auf ein benachbartes Dorf gefahren, um Besuche zu machen. Ursula war mit ihrem Velo- ziped zu einer Freundin und die beiden jungen Mädchen erfreuten sich eines ruhigen Stünd­chens.

Viktorine las Lucia die neuesten Zeitungen vor, daraus aus einem Erbauungsbuche; gegen vier Uhr wollten sie zusammen zur Andacht gehen.

„Ich glaube, daß der Bildhauer heute wieder nicht kommt," sagte Lucia mit einem Seufzer, „ich möchte so gerne einmal hören, wann er für mich arbeiten kann und dann — es ist lächerlich ich verlange danach, feine Stimme zu hören;' die bringt mich so zurück in die Vergangenheit."

„Als du noch sehen konntest, Lucia?"

„Ja — und noch später."

, »Du hast mir so viel erzählt, Lucia, aber über eine Sache hast du immer geschwiegen: wie du eigentlich blind geworden bist; denn du bist doch nicht blind geboren."

Ein schmerzlicher Zug zeigte sich auf ihrem Ge- sichte, während sie die Hand ihrer Freundin nahm und flüfterte:

„Danach muß du niemals fragen, liebe Vik­torine. Es regt mich zu sehr auf, darüber zu spre­chen. Willst du?"

„Gewiß!" sagte Viktorine zerstreut und nach­denkend.

Woran sie nun dachte, war, wieviel Unglück in diesem reichen, großen Hanse wohnte; in den letzten Jahren hatte sie stets über Geldmangel klagen und den Besitz von Geld als das höchste Glück auf Erden Preisen hören, und hier schien man Geld im Ueberfluß zu haben und doch welch

Handelsminister Delbrück erklärt sich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten.

. Abg. Trimborn <Ztr.): Die umfangreiche Arbeits­losigkeit hat ihren Grund in der gegenwärtig bestehen­den wirtschaftlichen Krisis, die von Amerika ausgegangen ist. Wenn die Arbeitslosigkeit in Deuisch- lanb eine milvere Form zeigt, besonders gegenüber England, so ist daS zum Teil dem Umstande zuzu- schreiben, daß Deutschland nicht ein ausschließlicher Industriestaat ist und daß wir noch eine starke, lebens­kräftige Landwirtschaft haben. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum und rechts.) Da auch der Genosse Catwer anerkannt hat, daß die zahlreichen Betriebseinschrän- kungen in mehr ländlichen Gegenden von den Arbeitern leichter ertragen würden, da hier die Landwirtschaft reichlich Arbeitsgelegenheit biete, so ist damit der Ver­such, die Wirtschastspolitik der letzten Jahre in Deutschland als die Ursache der Arbeitslosig­keit hinzustellen, hinfällig geworden. Der Um­fang des Notstandes ist nicht in allen Gewerben und an allen Orten gleich groß. Im September feierten in Deutschland rund 4000 0 Industriearbeiter, trotzdem die Arbeitgeber sich bemüht haben, die @ntlaffungen einzuschränken. In der schlestschou Textilindustrie ist die Arbeitszeit schon seit Monaten von 60 auf 44'/» Stunden herabgesetzt und in zahlreichen Orten ist eine vollständige Arbeitslosigkeit zu erwarten. Andererseits aber suchen die Bergwerke in Oberschlesien noch tausende von Arbeitern und die Landwirtschaft klagt bitter über Arbeitet mangel. Auch der kleine Hand­werkerstand ist in Mitleidenschaft gezogen. Auch auf die Privatbeamten, besonders das kaufmännische Personal hat die Arbeitslosigkeit übergegriffen. Die traurigsten Folgen sind Unterernährung, Verschlechterung der Be­hausung und Belleidung. Die Not wäre noch größer, wenn wir nicht die Arbetterversicherungen hätten. (Lebhafter Beifall.) Besonders die deutschen Gewerk­schaften wirken in dieser Hinsicht segensreich. Im Jahre 1907 haben die Hirsch-Dunkerschen, die christltch-natio- nationalen und bie freien Gewerktchaften, im ganzen 7'M Millionen für Arbeitslosenunterstützung auSgegeben. Auch zahlreiche Städte und Gemeinden zeigen eine rührige Tätigkeit. Leider wird oft die bargebotene Arbeitsgelegenheit verschmäht, weil bie Leute ihre Stadt nicht verlassen wollen. Dem Notstand müssen aber auch Reich und Staat entgegentreten, und baS ist der Zweck unserer Interpellation. Es liegt hier eine Verpflichtung des Staates vor. In Preußen müssen die einzelnen Behörden vor allem da,ür sorgen, daß möglichst viel Arbeitsgelegenheit von Staatswegen geboten wird. Dr« bewilligten Kredite müssen sofort und ganz auSgenutzt werden. Vielleicht könnte auch nach den Weihnachtsferien ein Notgesetz eingebracht werden, durch welches diejenigen Posten des Etats, die sich auf öffentliche Bauten beziehen, sofort in AuSgabe gestellt würden, ohne die Genehmigung des EtatS, die erst Ende März erfolgt, abzuwarten. Gewaltige Maßnahmen hat der englische Premierminister ASquith angetünbigt. Es liegt ein grober Zug in feinem Vorgehen. Will Preußen nicht feinem -Beispiel folgen? (Der Handelsminister zuckt die Schultern.) Abg. Trimborn zu ihm hin­gewandt: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. (Bei­fall im Zentrum.) In der Arbeiterschaft wird viel ge­klagt über die Masset beschäftigung ausländischer Arbeiter. Wo aber der einheimische Arbeiter leistungs- sähig und ausdauernd ist, muß er unbedingt den Vorzug vor dem ausländischen Arbeiter haben. Der Staat muß ferner vorsichtig bei der Verteilung der yiefangenenarbtit sein, denn dies« vermindert die Arbeitsgelegenheit für die freien Arbeiter. Weiter darf der Staat keine Lieferungen ins Ausland vergeben, deren Bedarf im Inland gedeckt werden kann. Bei öffentlichen Bauten sollte man mehr Rücksicht nehmen auf die im Bezirk selbst vorhandenen Baumaterialien. Die Methode der öffentlichen Fest­stellung der Notstände muß verbessert werden. Es muß ein System von Erhebungen geschaffen werden, welches nach möglichst einheitlichem Muster den ganzen Staat um,aßt und fortlaufend einen klaren Ueberdlick gewährt. Dazu muß der Staat mithelsen. Ferner müßte das Netz der Arbeitsnachweise verdichtet werden, sie müßten eine größere Zentralisation erfahren und von Seiten des Staates Bergünstigungen erhalten. Hand in Hand hiermit würbe ine Pflege der Arbeiter- ivanberftätten gehen. Bei den Notstanbsarbeiten müssen Gemeinden und Staat Hand in Hand gehen. Auch müßte der Staat sich mit dem Arbeitslosenproblem eingehend beschäftigen und Besprechungen von Be­teiligten und sozialpolitischen Autoritäten veranlassen.

eine unglückliche Familie wohnte in diesem Hansel

Tie Mutter tot, der Sohn verschwunden, die eine Tochter blind durch eine Ursache, die das Unglück noch schmerzlicher inachte, die andere Toch­ter unausstehlich durch ihre modernen Liebhabe­reien und — in nächster Zukunft — die Herr­schaft zweier Frauen, wie ihrer Tante und ihrer Kusine.

„Nein," war die Schlußfolgrung ihrer Erwä­gungen, „der liebe Gott schenke mir Zufrieden­heit bei meinem Lose, sei es auch noch fo beschei­den, aber kein Geld, oder es sei denn, um anderen wohl zu tun."

Eine Magd kam herein und meldete, daß Herr Verdini Fräulein bau Hogenvoorde zu sprechen wünschte.

„Es ist gut. Ersuche den Herrn, hierher zu kominen," sagte die Blinde schnell und als das Mädck)en sich entfernt hatte, fragte sie Viktorine: „Ich tue doch nichts Unpassendes, indem ich ihn empfange in meinem Alter und in meinem Zu­stande?"

„Das Alter würde ich nur weglassen," ant­wortete Viktorine lachend, ich sehe nichts anderes darin, als daß du auch einmal ausnahmsweise eine angenehme Stunde haben willst, weil — diese Stimme dich angenehm berührt."

Verdini kam in die Veranda, gewählt geklei­det und ganz und gar Weltmann, wie er sich hier noch nicht gezeigt hatte. Er grüßte die Damen sehr freundlich und Lucia empfing ihn artig und mit einer gewissen mütterlichen Würde, die so gut zu ihrem Unglück paßte.

Man sprach natürlich zuerst über die Arbeit, aber Viktorine, die von Verlangen brannte, ihn von Italien erzählen zu lassen, wußte dem Ge­spräche bald eine andere Wendung zu geben und langsam wurde Verdini begeistert; er erzählte von dem herrlichen Sonnenlande, wo Kunst und Natur so innig mit einander verbunden sind, daß Kunst Natur und Natur Kunst zu sein scheint.

Er zauberte vor ihre Phantasie die aus wei-

Jch bitte bie Regierung um Auskunft über bie Maß nahmen, bie sie ergriffen hat. befonberS aber, wie ftt über bie Verbreitungen und Rüstungen beS Staates für etwaige künftige Fälle bentt. (Lebh. Seif, im Ztr.)

Abg. Dr. Pachmcke (fr. Vgg.) begründet ben frei­sinnigen Antrag. Ein Hauptmittel zur Linderung bet Arbeftsnot besteht darin, baß in ben Zeiten der Hoch­konjunktur mit ber Erteilung von Aufträgen an bt Industrie etwas langsamer vorgegangen wird, damit in Zeiten des Niedergangs bie ArbeiiSnot keine allzu große wird. Die Kommunen müssen die paritätifcbei* ArbeitSnachwesse unterstützen. Ich hoffe, daß bie Syndikate nicht wie früher die Preise für Rohmateria­lien auch in Zeiten des wutschastl. Rückganges hoch­halten, da dadurch notwendigerweise die Zahl der Arbeitslosen gesteigert werden muß. Ich bitte, bie Anträge nicht an die Kommission zu verweisen, sondern sie gleich im Plenum anzunehmen, damit das Volk siebt, daß das Abgeordnetenhaus der Linderung der Arbeitsnot fo rasch als möglich abzuhelfen wünscht.

Abg. Rahardi (kons.) begründet den konservativen Antrag und wünscht, daß die SefängniSarbeit einge­schränkt werde. Mit der Arbeitslosenversicherung könne er sich nicht befreunden, da man darüber noch nicht klar sei und sie sich praktisch wohl auch nicht werde durchsühren fassen.

Handelsminister Dr. Delbrück: Der Abg. Trim- bom ist bestrebt geroejen, bie Dinge nicht nur mit bem Auge des Volksvertreters, sondern auch mit bem Auge beS Ministers objektiv zu bewachten. (Heiterkeit.) Das Problem ber Arbeitslosigkeit beschäftigt unS heute nicht das erste Mal unb leider nach menschlicher Berechnung auch nicht zum letzten Mal. Unser Martt ist im all­gemeinen außerordentlich widerstandsfähig gewesen. Die GeldkristS, bie Quelle deS Hebels, gilt alS überwunben. Am schlechtesten geht eS in ber Textilindustrie. Hier ist aber ebenso wie in ber Eisenindustrie wohl das schlimmste schon überwunden. Die Frage der Arbeitslosigkeit wird man nicht aus ber Welt schaffen können, sondern man wirb nur immer die Frage auf­werfen können, waS wir im gegebenen Falle tun können, um diese Arbeitslosigkeit zu lindern. ES ist sehr schwer, den Arbeitsmarkt zu deinfluffen. Die Schwierigkeiten, bte einer Arbeitslosenversicherung gegenüberstehen, sind ja bekannt. Die preußnche Regierung steht da auf demselben Standpunkte, ben der Staatssekretär des Innern vor einigen Wochen im Reichstage kundgegeben hat. Den Arbeitsmarkt kann man ja in gewissen Grenzen durch eine verständige Regelung und Ent­wickelung des Arbeitsnachweises beeinflussen. Die preußische Regierung ist unausgesetzt bemüht gewesen, das ganze Arbeitsnachweiswesen zu fördern unb namentlich eine Zentralisierung anzustreben. (Bttf. rechts).

Eifenbahnminister Breitenbach: Ein große Zahl Industriearbeiter sind in der Eisenbahnverwaltung tätig. Dte Eifenbahnverwaltung hat in diesem Jahre eine besonders große Bautätigkeit entfaltet; wir wenden 338 Mtlltonen dafür auf, doppelt so viel als 1904. Mr werden uns bemühen, bie Schwierigkeiten, bie der Linderung der Arbeitslosigkeit entgegenstehen, zu über» winden. (Beifall rechts.)

Abg. Borgmann (Soz.): Die Frage, wie derartigen Krisen tn Zukunft abzuhelfen ist, kann nur gelöst werden, wenn die sozialdemokratische Wcltanfchauung zur Geltung kommt. (Schallende Heiterkeit.) Ich be- ftirchte, daß sich die Lage bei uns noch verschlechtern wird. Die Arbeitslosenunterstützung ist feit dem vorigen Jahre stetig gestiegen. Die Dinge liegen bei unS keineswegs besser als im Ausland und werden noch verschärft durch den Boykott infolge ber Vorgänge auf bem Balkan. Darin stimme ich dem Abg. Trim- born zu, daß eine bessere Organifation des Arbeits­nachweises und der statistischen Erhebungen notwendig ist. Gegen bie Arbettslosigkeit schaffe man doch eine Notstandssteuer in Form einer Zuschlagssteuer zur Einkommensteuer. Die besitzenden Klassen wissen nichts von bem Notstanb.

Abg. Malkewitz (kons.): Für bie heutige Krisis ist die frühere Wirtichastspolittk verautwortlrch, wo eS hieß: Deutschland ist ein Industriestaat. Die Arbeiter- löhne sind bei uns gegen früher gestiegen. Es ist zu wünschen, daß dem Wettbewerb ber Gefangenenan­stalten mit dem freien Handwerk Einhalt getan werde. Die Arbeitslosigkeit in Berlin beruht zum Teil auf einem leichtsinnigen Zuzug nach Berlin. Der Forde­rung deS Abg. Trimborn, daß Arbeiten, die im In­land besorgt werden können, nicht an das Ausland vergeben werben sollen, stimme ich zu.

Präsident v. kiröcher schlägt vor, bie nächste Sitzung am 12. Januar 19uti abzuhalten mit ber Tagesord-

ßem Marmor gebaute Kathedrale von Mailand, wo der große hl. Karl Borromäus in feinem silbernen Sarkophage ruht, er schilderte die herr­lichen User der lombardischen Seen, Jfola Bella, den Thron des Frühlings in der vollen Pracht feiner Kamelien- und Azaliensträucher, seiner hohen Zitronen- und Lorbeerhecken, feiner Cy- pressen- und Orangenbäume. Er beschrieb das blaue Meer, das Genna und die beiden Rivieren bespült, die Weißen Paläste und die Kirchen voll Marmor und Mosaik, Ghibertis Portale an der Taufkapelle zu Florenz und das Paradies mit fei­nen Engeln, das Fra Angelico uns eröffnet, und dann — Rom, die ewige Stadt, Rom mit seinen düsteren Katakomben, sein verwüstetes Kolosseum und seine jubelnde St. Peterskirche, den Kampf, das Leiden und den Triumph des Christentums, seine Obelisken und Springbrunnen, feine Hügel und Gärten.

Und wenn er so sprach — dann teilten die Mäd- chen seine Begeisterung, und der lichtlose Blick der armen Lucia und die strahlenden Augen Vik­torinens schwammen in Tränen.

„Oh, könnte ich einmal dahin gehen!" seufzte Viktorine. Und sie plötzlich scharf beobachtend, fragte er:

„Sind Sie eine Italienerin? Und woher? „Ich glaube, von Genua! Aber ach! ich weiß so wenig, so bitter wenig über meine Herkunft!"

„Und wollen Sie mir dieses wenige nicht sagen! Oder darf sie es nicht, Fräulein von Ho­genvoorde?"

„Warum sollte sie es nicht dürfen?" antwor­tete Lucia, ihre Augen trocknend.

„Ich weiß sicher, daß meine Mutter eine Ita­lienerin war. Mein Vater war, glaube ich, ein Holländer; wenigstens nehme ich das an ,die Ver­wandtschaft zwischen Tante Wylandts und nur kommt durch ihn. Meine Eltern, waren gut und gewiß sehr glücklich miteinander; ich erinnere mich nur noch, tote sie mit mir spielten und mich lieb­kosten — nach dieser Zeit hat es niemand mehr getan," fügte sie seufzend hinzu. (F. f.).