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M 285.

Fnlda, Donnerstog den 10. Dezember 1908.

35. Jahrqanq.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 9. Dezember 1903.

Das Haus verabschiedete bei schwacher Besetzung in dritter Lesung das deutsch-österreichische Uebereinkommen über den gewerblichen Rechts­schutz. Dann begann die dritte Lesung der Novelle über den

Arbeiterinnenschutz.

Abg. Frbr. v. Gamp (Rp.) wollte die Verschiebung der dritten Lesung damit begründen, daß man noch nicht wisse, ob Belgien und England sich der Berner Konvention anschlöffen.

EiaatSsekrerär v. Bethmann-Hollweg hegte aber daran keinen Zweitel.

Abg. Henning (tonf.): Wir sind damit einverstan­den, daß der Schutz erweitert wird. Man soll den Arbeiterinnen aber nicht Wohltaten aufzwingen, (Ge­lächter links) die sie garnicht haben wollen. (Hört! Hört! und Gelächter.) Wenn die Interessen der Unter« nehmerkreise gefährdet werden, dann trennen sich unsere Wege. «Gelächter links, Beifall rechts.)

Abg. Günther-Sachsen lfrs. Bp.): Ich bedauere, daß die berechtigten Wünsch« der vogtländischen und erzgebirgilchen Stickerei- und Spitzenindustrie durchaus nicht berück ichtigt worden sind.

Abg Dr. Stresemann (nL): Wir müssen auch den Anschein vermeiden, als ob wir die Stimmen der In­teressenten nicht hören wollten. Leider ist die Vorlage in der Kommission sehr verschärft worden. Die Zahl der Ansnabmetag« ist mit 40 viel zu gering festgesetzt worden, man sollt« wenigstens 50 gestatten. (Lachen links, Beifall bei den Stall.)

Abg. Stadthagen (Soz): Die Vorlage ist nur eine ganz germg« Abschlagszahlung; sie entspricht den be­rechtigten Wünschen der Arbeiter durchaus nicht. (Bei­fall links.)

Abg. Erzberger (Zentr.) widerspricht der Behaup­tung, daß Die Sache üb-rstürzt worden fei; seit dem IS. Dezember 1907 liege der Entwurf vor; die An­träge seien seit März 1903 bekannt. Zahlreibe Petitionen sind auch eingelaufen. Das Handwerk wird durch die Beschlüsse der 2. Lesung nicht weiter berührt als durch die Vorlage. Die Industrie hat genügend Gelegenheit gehabt, sich zu äußern; auch in der Kom­mission haben sich die Vertreter der Industrie gerührt und wir haben alleS gehöit, was gesagt werden kann. Die Proteste einzelner Betriebe haben nicht hohen Wert; man weiß, wie di« Unterschriften der Petitionen zustande kommen, rote man Arbeiterinnen nötigt. Herr Strese­mann hat gesagt, man - hätte draußen den Entwurf nicht gekannt. Aber die Arbeiterinnen, die die Petitionen unterschrieben haben, haben ibn natürlich gekannt. (Sehr gut! und Heiterkeit im Zentr.) Meine politi­schen Freunde haoen leider schon eine Reche von be­rechtigten Wünschen der Arbeiterinnen zurückstellen müssen. Betätigen Sie doch auch etwas von dieser Bescheidenheit. Die peinliche Lage des Abg. Günther, der auf seine Wahlkreisinteressen Rücksicht nehmen muß, begreife ich ja; es ist ja schon eine Art sächsische Revolution ausgebrochen. (Heiterkeit.) Der Beschluß der 2. Lesung muß aufrecht erhalten bleiben mit der Ausnahme, daß man 50 Ausnahmetage znläßt, wenn die Ueberarbeitszeit eingerechnet wird. ®ieie Ueber- arbeit aber wird selten gefordert werden, weil sonst der glatte 10-Iiundentag gegeben werden muß. Geben wir doch den Arbeitern ein kleines Weihnachtsgeschenk. «Beifall.)

■lamit schließt die Generaldtskussion. In der Spezialdebatte wird § 138a (Ausnahmetagei Ab­satz 1 unverändert angenommen. Zu Absatz 2 liegt ein Antrag Manz (tri. Vp.) und Stresemann (natlb.) vor, wonach die höhere Verwaltungsbehörde Aus­nahmen auch für mehr als 40 Tage, jedoch im Höchst­fälle für 50 Tage im Jahre gewähren kann, und zwar unter Der Voraussetzung, „daß die Arbeitszeit für den betreffenDen Betrieb so geregelt wiid, daß Die tägliche Dauer im Durchschnitt der Betriebslage des Jahres die regelmäßige gesetzliche Arbeitszeit nicht überschreitet". Admtz 2 rotiD mit diesem Anträge angenommen. — Zu § 1 !9a, Absatz 2 liegt ein Antrag Manz-Strese- mai n vor, wonach die Bestimmung, daß die Arbeits­zeit für Arbeiterinnen, die em Hauswesen zu besorgen haben, 56 Stunden betragen soll, gestrichen wissen will, so daß also auch für diese Arbeiterinnen die 58ftünbige

IrrrückgekeHrt.

Erzählung von Melati von Java. Uebersctzt von Dr. I. B. Fuß.

18] (Nachdruck verboten.)

.,Jn, das ist wohl möglichI Ich darf hier meine Zeit nicht verplaudern; aber eines muß ich Sie noch fragen, jedoch sagen Sie niemand, daß ich es Sie fragte. Warum sind Sie Sonn­tag nicht zu Lucia gekoinmen? Sie hatte sich so seor darauf gefreut, der arme Engel. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber sie hört Ihre Stinime so gerne, die erinnert sie an ihre Mutter, sagt sie."

Die unschuldige Offenherzigkeit, mit der das junge Mädchen sich ihrer Freundin annahm, rührte ihn tief.

„Es freut mich sehr, daß Fräulein van Ho- genvoorde etwas Angenehmes an mir findet. Ich bin glücklich, ihr dienen zu können, und ich ver­spreche Ihnen, am Sonntag zu kommen."

„Und dann höre ich auch von Italien," sagte sie fröhlich und weggehend suntmte sie ihr Lieb­lingslied:

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?"

Am folgenden Morgen mußte Gertrud wegen einiger Kleinigkeiten noch einmal sitzen und zu ihrem Erstaunen richtete Verdini ganz gegen seine ©etoobnbeit eine Frage an sie:

„Ist Fräulein Ribert eine Kusine von Ihnen?"

„Ja," antwortete Gertrud zögernd.

„Eine Tochter Ihrer Schwester?"

„Ich die Tante Viktorinens?! und ihre Stim­me klang nun entrüstet, „aber für wie alt halten Sie mich denn?"

„Oh, nehmen Sie es mir nicht übel,,, beeilte sich der Künstler, seine unkluge Frage gut zu ma- cheu

„Mitunter kommt es doch vor, daß eine Schwe- £er zwanzig Jabre älter ist als die andere und h glaubte, daß das hier der Fall wäre."

„Nein", antwortete Gertrud nun ganz zufrie-

Arbeitszeit aufrecht erhalten werden foll. Ferner liegt tu Absatz 8 ein Antrag Manz-Stresemann vor, welcher die lieberarbeit bis zu 50 Tagen ausgedehnt wissen will, wenn die Arbeitspit in der Weise geregelt wird, daß ihr« tägliche Dauer im Durchschnitt der Betriebs- tage des Jahres die rege'mäßige gesetzliche Arbeitszeit nicht überschreitet. — § 139 a wird mit diesen beiden Anträgen angenommen. — Zu Artikel 5 liegt ein An­trag Henning (tonf.) vor, welcher die Inkraftsetzung Der Novelle für Arbeiterinnen, die auf Bauten beschäf­tigt sind, anstatt, wie in der Novelle vorgesehen, am 1. April 1918, auf den 1. April 1915, welcher für alle übrigen Arbeiterinnen in der Novelle vorgesehen ist, anftrebt. Artikel 5 wird mit dem Antrag Henning an­genommen. Hierauf wird in der Gesamtabstimmung das ganz« Gesetz angenommen.

Es folgt die Fortsetzung der

Ersten Lesung des Etats.

Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: Der Abg. Basterm ann hat in seiner Etat^rede das B er eins - gesetz berührt und an mich die Aufforderung gerichtet, mich möglichst bald noch vor den Ferien über die Stellung zu äußern, die das Reichsamt des Innern zu der Handhabung des Gesetzes einnimmt. Ich komme der Aufforderung nach rücksichtlich der Angriffe, welche gegen mich wegen Der Handhabun z des Sprachen­paragraphen gegenüber den polnischen Gewerk­schaften gerichtet sind. Keine der Parteien, welche das Gesetz angenommen haben, hat sich in einer Täuschung über die Tragweite ihrer Entichließungen befunden. (Hört! hört! links und Sehr richtig! rechts.) Es ist niemand im Zweifel darüber gewesen, welche äußerste Grenze in dieser nationalen Frage die Ver­bündeten Regierungen festzuhalten enlschloffen sind. (Sehr richtig! rechts.) Die Reichsregierung ist von Anfang an bestrebt gewesen, gerade dielem Gesetze eine Ausführung zu sichern, welche dem Sinn entsprach, in dem das Gesetz entworfen und erlassen worden ist. Wir sind uns hier im Plenum und in Der Kommission alle darüber einig gewesen, daß es gerade beim Bereins- gesetz weniger auf den Wortlaut, als auf die Art an- ko m me, in der es gehandhabt werden dürfe. (Sehr richtig!) Ich habe deshalb wiederholt ausgesp-ochen, daß das Gesetz nicht in einem kleinlichen und dikta­torischen Sinne ausgeführt werden sollte. Mit mir werden die Herren ans diesen Besprechungen ersehen haben, daß man in Süddeutschland durchaus zu­frieden gewesen ist. (Hört! hört! im Ztr.) In Pr eil­st en w uDe eine umfangreiche Instruktion ausgeai beitet, die sich an die im Reichstage gegebenen Zusagen anschlost. Wir waren von Anfang an bestrebt, dem Gesetze eine loyale Ansiührung zu sichern, aber Mißgriffe sind vorge- fommeu (hört!). Für die unteren Polizeiorgane war es nicht sehr leicht, sich in dieses Gesetz einzuleben. Ein jeder soll sein Recht finden. Die Beschwerden sind sehr über­trieben worden. Bei uns tm Reichsamt sind nur 4 Beschwerden eingelaufen; aber der Instanzenweg war nicht eingehalten. Man überschätze nicht Den Einfluß der Reichsregierung auf die Ausführung des Gesetzes; Die Einzelstaaten Haden die Gesetze auszusühreil und die Gerichte sind zur Enticheidung berufen, lieber die Oeffentlichkeit der Verlammlungen und über die Ge- werkoereinsversammlungen entlcheidet in kurzem das Oberverwaltungsgericht. Ich habe alle mir entgegenge- brachien Fälle kontrolliert. Ich richte an die Jnttr- pellanten die Bitte, mir alle jene Falle nritzuteilen, in denen ungesetzlich verfahren worden ist, (f. r. I.), bann werde ich jeden Fall eingehend prüfen und tarnt Ihnen Auskunft geben. (Der Reichskanper erscheint im Saale.) Ich wünsche, daß das Gesetz einwandfrei gehandhabt wird. (Beifall im Block.)

Staatssekretär im Reichspostamt flrätfe: Mehrere Etatredner haben schwere Angriffe gegen die Reichs- postverwaltung gerichtet. Der erste Vorwurf ging dahin, wir wirtschafteten zu teuer und lieferten nicht genügenden Ertrag. Aber wir haben den Bersonal- sonds in c en letzten Jahren gerade nach Ihren Wünschen wachsen lassen, weil der Wunsch voilag, das Ariieits- maß unserer Beamten zu verringern, ihnen Erholungs­urlaub zu gewähren und sonstige Entlastung ein treten zu lassen. Weiter hat der Abg. Freiherr v. Gamp be­mängelt, daß unsere Organisation nicht einfach genug sei. Wie sie noch einfacher gestaltet werden kann, weiß ich wirklich nicht. Wir haben nur drei Instanzen, Zentralbehörde, Provinzialbehörde und Lvkalbehörde, die Eisenbahnverwaltung vier. Den dritten und schwersten Vorwurf hat der Abg. Freiherr v. Gamp erhoben auf Grund des Vergleichs unserer Postoer- roaltung mit Der englischen. Nun hat die englische

Postverwaltung allerdings einen Neberschuß von 102 Millionen Mark. Sie büßt aber einen Teil bei der Telegraphie wieder ein, sie hat auch nicht für die Witwen und Waisen zu sorgen.

Abg. Schrader (frs. Vag.i: Für die Erklärung des Staatssekretärs zum Reichsvereinsgesetz sind wir dankbar. Die Beschwerden, die wir über die verkehrte Handhabung des Gesetzes haben, werden wir dem Staatssekretär rechtzeitig unterbreiten. Wir haben dos lebhafteste Jnterffe daran, daß den Mißständen endlich ein Ende gemacht wird. In den Ausführungen des Reichskanzlers über die auswärtige Politik war der bedeutendste Punkt, der über unter Verhältnis zu Oesterreich. Fürst Bukow hat sich sehr vorsichtig ausgedrvckt, wie es die Pflicht des Leiters der Politik eines großen Staates ist. Wir begrüßen, daß er aus­drücklich festgestellt hat, daß Oesterreich unser Ver­bündeter ist und es auch bleiben wird. Die türkischen Verhältnisse liegen noch nicht klar. Jedenfalls sind wir erfreut, wenn endlich in der Türkei geordnete und freiheitliche Verhältnisse sich einstellen würden.

Kolonialsekretär Dernburg erklärt, daß er, entgegen den Behauptungen englischer Blätter, niemals unter Umgebung Der englischen Regierung mit den Ministern der Kapkolonie über die Abtretung der Walfischbai an Deutschland verhandelt habe.

Donnerstag: Weiterberatung.

ä Der Kampf um die Matrikular- beiträge.

14434 Millionen Abstriche.

Reichsschatzsekretär Dr. Sydow hat den Bedarf des Reiches an neuen Steuern auf V-z Mil­liarde berechnet und verlangt dementspreibend neue Steuern. Unter der halben Milliarde Be­darf befinden sich auch 60 Millionen Mark, die das Reich 4 Jahre lang aufbringen soll, um den Ein­zelstaaten die gestundeten Matrikular- beiträge aus den letzten 3 Jahren von zusam­men 144,7 Millionen Mark zu erlassen.

Am Mittwoch beschäftigten diele gestundeten Matrikularbeiträge die Finanzkommission des Reichstages. Als bei der letzten Finanzresorm bestimmt wurde, die Zahlung der über den Betrag von 40 pro Kopf der Bevölkerung hinausgeben- den Matrikularbeiträge solle für drei Jahre den Bundesstaaten gestundet werden, wollte man den Bundesstaaten die Zahlung erleichtern — nichts weiter. Niemand hatte damals daran ge­dacht, den Bundesstaaten die Beiträge zu s ch e n- ken. Daß die neue Reichsfinanzvorlage die Schenkung dieser gestundeten Verpflichtungen an die Einzelstaaten enthält, nahm bei ihrer ganzen Tendenz, die Einzelstaaten nach Möglichkeit von jeder Abgabe an das Reich zu entlasten, nicht wun­der. Von Anfang an ist von liberaler und Zen­trumsseite gegen die llebernahme auf die Reichs- kasse Einspruch erhoben worden.

Die Kommission des Reichstags hat nun ge­stern nach langer Debatte und gegen den lebhaften Widerspruch des Reichsschatzsekretärs beschlossen, die Matrikularbeiträge der Jahre 19 06 b i s 190 8, also 144% Millionen, aus der Bedarfsrechuung auszuscheiden, ohne im übrigen sich schon zu entscheiden, wie und von wem sie gedeckt werden sollen. Der Beschluß kann also nicht dahin ausgelegt werden, daß es nun bei dem bestehenden Zustand bleiben solle, daß also die Bundesstaaten die gestundeten Bei­träge zu leisten hätten. Zu der Frage, wie die ge­nannten 144 Millionen bezahlt werden sollen, hat eben, wie bemerkt, die Kommission noch keine Stellung genommen.

Von nationalliberaler und konservativer Seite lag ein Antrag vor, die ueugedeckten Matri­kularbeiträge der Jahre 1906 bis 1908 durch eine mit 3 Proz. zu tilgende Reichsanleihe zu decken, daß aber Verzinsung und Tilgung den Bundesstaaten zur Last fallen solle und von ihnen nach Verhältnis der Matrikularbeiträge aufzu­bringen sei. Der Antrag ist gestern nicht mehr zur

den. „Sie ist nur entfernt mit uns verwandt. Ich weiß nicht, wie diese Verwandtschaft sich der- hält; aber es muß nur sehr entfernt sein."

„Sie schwärmt so für Italien, und auch ihre Erscheinung ist ganz südlich. Ist sie vielleicht von italienischer Abstammung?"

„Ihre Mutter war eine Italienerin; und sie ist selbst auch in Italien geboren. S-ie ist eine Waise und meine Eltern haben für ihre Erziehung Sorge getragen."

Die an ihrer Stelle! Ich müßte mich sehr täuschen, wenn sie sich hier nicht noch von ihrer besten Seite gezeigt hat. Sie scheint mir zu freundlich, zu gefchliffen, um wahr zu fein. Ich muß sie näher kennen und dazu ist das Medail­lon ein guter Vorwand. Lucra muß ein wenig Geduld haben, aber es ist ja auch zu ihrem Be- sten! Und die andere Sache, die ich hier noch zu untersuchen Habel Wahrlich! Ich bekomme hier viel zu tun, Arbeit, die vielleicht zu schwer ist für meine Schultern. Aber nur Mut! Luna betet ja für mich.

Er arbeitete an diesem Tage länger als ge­wöhnlich. und es war schon sehr spät am Nach­mittag, als er sein Atelier verließ, um in die Stadt zurückzukehren; wie gttvöhnlich ging er durch den Garten und gelangte darauf durch ein Seitentürchen ins Freie; so brauchte er keinen Umweg zu machen.

Gerade wollte er die Türe öffnen, als sie von der 0liieren Seite aufgedrückt wurde und Vikto- rine vor ihm stand.

„O, Fräulein Ribert," sagte er; „es freut mich, daß ich Ihnen begegne. Sie gehen gewiß zu Frau- lein van Hogenvoorde?"

„Ja, mein Herr!"

„Ich habe für sie eine ziemlich unangenehme Nachricht. Heute hat der Bürgermeister mir auf- getragen, ein M^aillon-Porträt von Fräulein Wylandis zu machen."

Der schelmische Ausdruck, der ihr so allerliebst stand, trat wieder in ihre Augen.

„O, ich weiß es, mein Herr! Heute mittag bei Tische wurde von nichts anderem gesprochen als von dem Porträt. Meine Kusine ist lehr stolz darauf, daß Sie sie verewigen wollen und meine Taute nicht minder."

Und dann plötzlich ernst werdend: »

„Lucia wird sehr enttäuscht sein. Sie hat schon lange gewartet. Sie wird wohl noch Geduld ha­ben, die liebe Seele. O mein Herr!" und sie sah ihn mit ihren sprechenden Augen dankbar an, „wie froh bin ich, daß Sie sie so glücklich gemacht haben, die arme, gute Lucia! Es ist ihre einzige Freude, und sie hat so wenig, so bitterwenig!"

„Glauben Sie. daß es nicht auch eine Genug­tuung für mich ist, einige Freude in ihr trauri­ges Dasein zu bringen?"

Und plötzlich sich zu ihr beugend:

„Hat sie Ihnen niemals erzählt, wie sie blind geworden ist?"

Sie schüttelte, erstaunt über diese Frage, den Kops.

„Ist sie denn nicht blind geboren?"

„Rein," antwortete er ihr, „niemand weiß öS — selbst nicht ihr Vater — wenigstens glaubt man das. Und doch weiß ich es."

„Und sie?"

„Ja, sie weiß es, aber sie denkt nicht mehr daran."

Und ihre Hand drückend, sagte er:

„Sie find gut, sonst könnten Sie ihre Freundin nicht sein. Ihretwegen bringen Sie auch gewiß Blumen auf das Grab?"

„Gewiß! Aber ich tue es auch meinetwegen. Ich habe meine Mutter nur schwach gekannt, und durch alles, was ich von Lucia von ihrer Mutter hörte, habe ich auch Liebe und Achtung vor der Toten gewonnen."

Und bittend fragte sie:

„Sie machen das Grabmal doch sehr hübsch, ni$ wahr, Herr Verdini?"

„Wie für eine FüMtz " antwortete er mit Ueberzeugung.

Beratung gekommen, die Entscheidung über ihn wird voraussichtlich erst im Februar — im Zu­sammenhang mit der Beratung der Anleihevor» schläge der Regierungsvorlage — fallen. Unter den Blockparteien hat der genannte Antrag sym- pathisckie Aufnahme gefunden. Gleich zur Ein­leitung des großen Reformwerkes eine neue Ver­mehrung der Reichsschuld — es macht wirklich keinen guten Eindruck. Weshalb sollen die Bun­desstaaten nicht die Beiträge bezahlen, tote eS ihre Pflicht ist. Sie haben sich doch drei Jahre darauf vorbereiten können. Bayern und Würt­temberg haben die nächstens fälligen Summen be­reits liegen. Wenn einzelne Bundesstaaten jetzt erklären, um die fälligen Beiträge zu bezahlen, müßten sie Anleihen aufnehmen, so ist das für sie ja recht unangenehm, gibt uns aber zu dem Vortourf Anlaß, daß sie sorglicher ihre Berechnungen hätten auf st eilen sol­len.

Im Uebrigen tragen die mittleren und die kleineren Bundesstaaten selber Schuld daran, wenn es ihnen schlecht geht. Als das Reich immer neue Hunderte von Millionen für eine uferlose Militär-, Kolonial- und Sonnenplatzpolitik for­derte, da haben die Vertreter der mittleren und kleinen Bundesstaaten im Bundesrat diese Poli­tik wacker mitgemacht.

Aus den gestrigen Kommissionsberatungen fe noch erwähnt, daß man sich auf freisinniger Seit» besonders gegen die Eisenbahnpolitik Preußens wandte und auffordertr, da- „Gewimmer" der Einzel st aaten nicht ernst zu nehmen, die bet dem allgemeinen Finanzramsch nur so viel mit möglich berauszuschlagen versuchten. Von konfer« valiner Seite wurde angeregt, die 98 Millionen für die Teuerung szulagen deS vorigen Jahres auf das Reich zu übernehmen und in fünf Jahren zu tilgen, von nationalliberaler Seite, die Matrikular« beiiräae der Jahre 1906 bis 1908, im Betrage von 144 Millionen, auf Reichs schuld zu übernehmen an­statt der schwebenden Schuld im Interesse des (Selb» Marktes. Das Zentrum erklärte sich für den Ver­mittelungsvorschlag, die Teuerungsbeiträge auf Reichskosten zu übernehmen, den Rest aber den Einzelstaaten zu belassen. Die Freisinnigen forder» len in einem Antrag die Regierung zu Erwägungen auf über eine andere Verteilung der Lasten int Sinne einer Veredelung der Matrikular­beiträge. Der Schatzsekretär erklärte, der Bun« desrat habe dieser Frage bereits seine ernste Auf­merksamkeit geschenkt, gber ohne Erfolg, gleichwohl wurde der Antrag angenommen.

Deutsches Reich.

-4- Rüstungsausgaben.

Gerade im gegenwärtigen Augenblick, wo diesseits und jenseits der Vogesen in Zeitungen und, Parlamenten so viel von steigenden Ausgaben gesprochen wird, dürfte es interessant fein, ein» mal die Ausgaben Deutschlands und Frankreich- auf Grund der Haushaltsentwürfe für 19o9 mit«’ einander zu vergleichen. Hiernach werden in Deutschland gefordert:

Für das Heer 817,9 Mill. M.

Für di« Flotte 411,4 „ „

FürPenüonen

und Renten 147,2 „ „ Gesamtsumme 1376,5 Mill. rlfl.

Hingegen in Frankreich: ■ ... __

Für das Heer 631,9 Mill. M. einschl b. Koloniallrnppen Für die Flotte 267,0 „ „

Für Pensionen 129,6 „ „ einschl. befand. Zulagen, nach Abzug von 5% der Gehälter.

Gesamtsumme 1028,ö Mill. M.

IX.

Gertrud sand tue Sitzungen für ihr Porträt sehr interessant. Der Künstler blieb Immer so bescheiden und freundlich, sagte sie; er war nicht zudringlich und sprach nur dann, wenn sie das Wort an ihn richtete.

Viel mehr als Ursula bekam sie auch nicht aü- ihm heraus; er war ganz jung nach Italien ge­gangen. erzählte er, und Familie besaß er dort nicht. Aber Gertrud war redselig, sie mußte wis­sen, ob er viel verdiene, ob die Bildhauerei ein einträgliches Geschäft wäre, warum er nun gerade hierher gekommen wäre.

Auch auf alle diefe Fragen gab er auswei­chende Antworten, ließ jedoch durchblicken, daß er hier fein Geld für feinen Aufenthalt in Holland verdienen wollte.

Solange Gertrud im Atelier war — allein oder in Begleitung ihrer Mutter — ließ Ursula sich nicht sehen; aber kaum war sie weggegangen, bann erschien sie wieder, kritisierte feine Arbeit, spottete über ihre frühere Freundin und über die Inspiration, die sie ihm für seine Kunst geben mußte.

Auch hierauf antwortete er nichts; nein, man konnte bet diesem Manne wahrhaft nichts ausrich- ten. Er hielt sich immer in ehrerbietiger Ent­fernung, obgleich seine Arbeitgeber alles aufbo- ten, um sich auf vertraulichen Fuß mit ihm zu stellen.

Die et sicher am liebsten empfing, besuchten ihn nun gar nicht mehr — Lucia und Viktoriue, und darum beeilte er sich mit fieberhaftem Eifer, das Medaillon herzustellen. Endlich war es fer­tig und mußte nun geprüft werden. Gertrud gefiel es besonders; sie sah in der Tat klassisch darauf aus, meinte sie, worauf Ursula bissig be­merkte:

„Nun, um klassisch zu fein, muß man zu den Alten gehören. Und das ist doch die Absicht nicht."

LFortsezung folgt.)