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M 283.

Fulda, Dienstag den 8. Dezember 1908.

35. Jahrgang.

GrKes Wtcrtt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 7. Dezember 1908.

Ein Nebereinkommen zwischen dem Deutschen Reich rnd Oesterreich-Ungarn betr. den gegenseitigen zewerblichen Rechtsschutz wird in erster Lesung »ebattelos angenommen. — Es folgt dann die Fort­setzung der ersten Beratung des

Etats.

Abg. Graf Kanitz (tonf.1: Bei den neuen Steuer- »orlagen muß selbst dem geduldigsten Steuerzahler die Salle überlaufen. (Heiterkeit.) Nur beim Militäretat nacht stch die Sparsamkeit geltend. Bei aller Sympa- !hie für die Flotte ist mir doch zweifelhaft, ob diese Ausgaben im richtigen Verhältnis mr Steuerkraft des )eutichen Volkes stehen. (Sehr richtig!) Neben un­serem Heer auch noch die zweitgrößte Flotte zu unterhalten, geht über unsere Kraft. (Sehr richtig!) Man hätte die Konstruktion unserer Luft­schiffe nicht so in allen Einzelheiten veröffentlichen 'ollen, daß sie uns jeder nachmachen kann. Bedauerlich Ist es, daß die Verhandlungen über den Handelsver­trag mit den Bereinigten Staaten nicht vorwärts kommen. Die Neuerungen auf dem Balkan bedeuten keine große Umwälzung; in der Hauptsache ist es ja »er status «pro des Berliner Vertrages. Die schärfste Mißbilligung muß ausgesprochen werden gegen die Art der Kritik des Herrn Abg. Scheidemann. Durch seine Maßlosigkeit hat er ja seinen Angriffen die Spitze ab­gebrochen. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Wiemer (srs. Vp.s: Die schutzzöllnerische Teuerungspolitik, die allgemeine Teuerung ist leider rauhe Wirklichkeit. Jetzt in der Krise machen sich ihre bösen Folgen doppelt bemerkbar. Die Beamten­ausbesserung bedarf sowohl hinsichtlich der vor­geschlagenen Gehälter als auch deS Wohnungsgeldzu- schuffes in der Kommission einer eingehenden Prüfung. Beim Heeresetat sind noch Abstriche möglich. Die gleichmäßige Behandlung der Verheirateten und Jung­gesellen billigen wir. Die zweijährige Dienstzeit für berittene Truppen halten wir nicht für unmöglich. Ge­ändert muß die Stellung des Militärkabinetts werden. (Sehr richtig! links.) Es soll kein Hofamt sein, (Sehr richtig! links) kein Organ des persönlichen Regimes, sondern denl Kriegsministrr unterstellt. Das Kriegsministerium hat heule nur reine Berwaltungs- befugniffe, daher Unstimmigkeiten und Mißgriffe, wie z. B. auch die Hebergriffe militärischer Behörden in das bürgerliche Leben der Reserveoifiziere und Aspiranien. Der Marineetat hält sich im Rahmen des Flottengesetzes. Der Vorschlag des Abg. Speck, eine Verlangsamung in unserem Flottenbau cintreten zu lassen, möchte ich nicht rundweg ablehnen. Auch der Gedanke einer Einschränkung der Rüstungen auf dem Wege eines Vertrages ist nicht glatt abzulehnen. Erfreulich ist, daß die Reichszuschüffe für die Kolonien sich fort­gesetzt vermindern. Ob dir Forderung von 5000 Mk. ür die Anlage von 4 öffentlichen Aborten in Kamerun von Sparsamkeit zeugt, möchte ich bezweifeln. (Heiterk.) 1250 Mark für jede dieser werbenden Anlagen sind ein bischen viel. (Heiterkeit.) Was die auswärtige Politik anlangt, so haben wir nicht den Eindruck gewinnen können, daß unsere Vertreter in Berlin nicht und auswärts immer auf der Höhe chrer Aufgaben ge­standen haben. Das Bild der gegenwärtigen politischen Lage ist nicht glänzend und nicht erfreulich. ES nvird aller Besonnenhest, Opferfreudigkeit und Einmütigkeit bedürfen, um aus den Schwierigkeiten hcrauszukommen. Der beste Weg ist eine volkstümliche ssteforwpolitik, die den Forderungen der Gegenwart gerecht wird. Da­durch würde das Vertrauen zur Auswärtigen Politik ■nb das Ansehen des deutschen Reichs im Rate der

stturvölker gehoben werden. (Beifall links.)

Reichskanzler Fürst Bülow: Von allen -Rednern aus dem Hause sind schwerwiegende Fragen der aus­wärtigen Polstik besprochen worden. Ich will darüber das nachstehende sagen. Die politische Lage rn Europa ivurde in den letzten Monaten von dem

Umschwung in der Türkei beherrscht. Der jg. Scheidemann hat sich zu der Behauptung ver- fj.cn, daß diese Bewegung angeführt worden wäre ou Verschwörern und Schnorrern, die angeblich bei ihrem früheren Aufenthalt in Deutschland von meiner Serie eine unfreundliche Behandlung erfahren hätten.

IrrrückgekeHrt.

Erzählung von Melati von Java. Nrbersctzt von Dr. I. B. Fuß.

16j (Nachdruck verdaten.)

„Finden Sie das wirklich? O, welch eine große Last nehmen Sie mir vom Herzen, Komm, Rina, wir wollen Herrn Verdini nun nicht mehr länger stören. Das bleibt also abgesprochen! So­bald Sie können, zeigen Sie meiner Freundin das Modell. Ich danke Ihnen freundlichst, Herr .Verdini."

„Aber gehen Sie doch noch nicht weg, meine Damen! Sie stören mich durchaus nicht!" sagte er, und ob er nun seine Stimme nicht niehr be­zwang und natürlich klingen ließ, oder ob Lucia nun, von ihrer Sorge befreit, ihr mehr Aufmerk­samkeit widmete, sie erschrak wieder, wie an bent ersten Tage; ihr ganzes Gesicht drückte so innig ihr großes Verlangen aus, nicht allein zu hören, sondern auch zu sehen, daß Viktorine und der Bildhauer von tiefem Mitleid ergriffen wurde über ihre traurige Ohnmacht.

„Nein! So egoistisch sind wir nicht, nicht wahr, Viktorine, Sie Ihrer kostbaren Zeit zu berauben mit unseren Angelegenheiten, während wir fo wenig Interesse für die Ihrigen geigen. Be­suchen Sie uns doch einmal, z. B. Sonntag nach­mittag, dann sind Viktorine und ich stets allein. Sie kommen aus Italien, und sie ist auch eine Italienerin, durch ihre Mutter, und sie wird sich sehr freuen, über ihr herrliches Vaterland spre­chen zu hören."

„O ja!" und das ganze Gesicht des jungen Mädchens leuchtete, „das wäre eine echte Sonn­tagsfreude."

„Nun, Ihr Anerbieten ist zu verführerisch, Um keinen Gebrauch davon zu machen", antwor­tete er, „ich zweifle nicht daran, daß Sie es mir nicht machen würden, wenn Herr van Hogen- ^voorde es nicht billigte."

Die Führer der Bewegung waren keine Schnorrer, sondern meist Offiziere, tüchtige Offiziere. Die Be- wegung hatte Würde und hat der ganzen zivilisierten Welt Achtung und Sympathie einaeflößt. Auch bei diesem Anlaß sind im Auslande wieder allerlei Hn- wahrhesten über unsere Politik verbreitet worden. Man hat gesagt, wir wären Gegner dieser Bewegung, weil wir in guten und freundlichen Beziehungen zu dem allen Regiment in der Türkei standen. Darin liegt eine völlige Verkennung der diplomalischen Gewohn­heiten und das ABC aller Politik. Es kann nicht Aufgabe einer Politik sein, anderen Vorschriften über verfaffungSmäßige Einrichtungen zu geben, sich in die inneren Verhältnisse fremder Länder einzumischen und den Schulmeister zu spielen. (Beifall.) Wir haben auch jetzt keinen anderen Wunsch, als die Türkei poli­tisch und wirtschaftlich gekräftigt zu sehen. Der zweite Punkt, über den ich nicht einen Augenblick zweifelhaft war, war

die Treue zu dem uns verbündeten O efterreich-Ungarn. (Bravo!) Wir find von der Absicht der österreichisch-ungarischen Regierung, die Okkupation in eine Annexion zu verwandeln, ungefähr gleichzeitig mit Italien und Rußland in Kenntnis ge­setzt worden. Uebet den Zeitpunkt und die Form der Annexion war uns vorher Näheres nicht bekannt. (Hört! hört! links.) Ich denke nicht daran, dem Sßiener Kabinett das übel zu nehmen, offen gestanden, ich bin ihm sogar dankbar dafür. (Heil.) Die österreichisch-ungarische Monarchie kann und muß selbständig entscheiden, welche Fragen für sie Lebens­fragen sind, und wie sie solche Fragen behandeln will. Dem Meister Iswolski gegenüber haben wir feinen Zweifel gelassen, daß wir in der Konserenzsrage uns nicht von Oesterreich trennen können. Im übrigen be­gegneten Herr Iswolski und ich uns in der Heber« zeugung, daß die deutsche Politik keine Spitze gegen Rußland haben sollte und umgekehrt, daß die traditionellen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Reichen auirechterhalten bleiben müßten. (Beifall rechts.) Herr Iswolski hat mir auch bei diesem Anlaß wieder versichert, daß keine, weder offene noch geheime russisch-englische Ab­machungen bestünden, die sich gegen die deutschen Interessen richten könnten. <Hört! hört! rechts.) Ich hoffe zuversichtlich, daß der Gegen­satz zwischen

Italien und Oesterreich sich wieder aus­gleichen wird. Es liegt im Interesse Italiens, nicht nur mit Deutschland, sondern auch mit Oesterreich- Ungarn verbündet zu sein. Abenteuer würben die Ent­wickelung Italiens in Frage stellen. Der italienische Minister Giolitti hat mir gegenüber die segensvolle Wirkung de« Dreibundes bervorgehoben, der den drei durch ihn verbündeten Reichen — und ich füge hinzu — ganz Europa eine lange Periode des Friedens und des steigenden Wohlstandes gesichert hat. i©el)i richtig')

Was unser Verhältnis zu Frankreich angeht, so birgt das marokkanische Problem noch mancherlei Schwierigkeiten in sich. Man hat bei diesem Anlaß in der Presse wieder von einer Niederlage der deutschen Politik gesprochen Wo­rauf es ankam, war, den diplomatischen Streit formal in einer der Würde beider Teile entsprechenden Weise zu erledigen. Das ist durch die von uns ge­wünschte und vereinbarte Formel geschehen. Ich glaube, daß die verständigen, nernunftigen, fried­liebenden Elemente in beiden Ländern "mit dieser Regelung zufrieden sein können und sehe m der ge­fundenen Lösung einen Sieg der Vernunft. (Lebhafter Beifall.) Es macht sich bei uns, wie auch anderswo bei solchen Anlässen, eine Ueberschähung der fogenannten Prestigepolitik geltend. Gerade so, wie es Frauen gibt, die keine Schminke brauchen (Heiterkeil, gibt es auch Länder, die start genug sind, um zu ihrem eigenen Vorteil auf eine kleinliche und uniruchtbare Prestigepolitik verzichten zu können. Suchen wir unseren Vorteil, suchen wir unsere Ehre in der Er­haltung der Fundamente der deutschen Machtstellung und in der Wahrung der Zukunft deS deutschen Volkes, nicht in Eitelkeiten und Flitter. Als erfreulich betrachte ich es, daß die Entwickelung der orientalischen Frage zwischen der deutschen Politik und der fran­zösischen Politik nicht nur keine Gegensätze hervor­gerufen , sondern manche Berührungspunkte geliefert hat. Heber das Abkommen das die

Ver einigt e n Sta aten und Japan über ihre Interessen im Stillen Ozean abgeschlossen Haden, will ich das Nachstehende sagen: der Inhalt dieses

„Warum sollte er es mißbilligen? Sonntag- nachmittags ist Viktorine frei; mein Vater geht mit seiner Braut und ihrer Mutter aus. Ursula macht weite Touren mit ihrem Veloziped, und Viktorine darf mir Gesellschaft leisten. Sie wür­den uns sehr verpflichten."

Sie verbeugte stch mit einer gewissen vorneh­men Anmut; es lag in ihrem ganzen Auftreten in ihrer Sprechweise und ihren Gebärden etwas Mütterliches, etwas, das nicht mit ihrer Jugend übereinstimmte; denn sie war jung, scheinbar fast noch jünger als Verdini, und es war auch nichts Aeltliches in ihren Manieren; es war eine ge- wiffe ruhige Würde, eine Folge des hohen Ern­stes, der ihr eigen war und der einen besonderen Stempel auf ihr ganzes Tun und Lasten drückte und sie davor behütete, etwas Unpassendes zu tun.

Verdini konnte sich wenigstens in einer Sache nicht bezwingen. In ganz unholländischer Weise nahm er ihre weiße Hand und drückte sie ehr­erbietig an seine Lippen.

Sie lächelte freundlich und ließ sich diese Hul­digung wie eine Fürstin gefallen; darauf gingen sie weg, und der Künstler blickte nach der ge- schlossenen Türe, hinter der sie verschwunden waren, als hätte diese sich geöffnet, um eine süße Vision zu zeigen.

Er konnte noch nicht arbeiten; er ging rasch in dem Zimmer auf und ab; die Schweißtropfen perlten auf seiner Stirne, seine Augen glühten und seine Mundwinkel zitterten.

Da erklang plötzlich über ihm ein Ton und noch einer, und nun erkannte er die Melodie; es war die eines einfachen Kinderliebes, das Frau van Hogenvoorde früher ihren Lieblingen vorzusingen pflegte, und nun sank der starke Mann wie ver­nichtet nieder; fein kräftiger Körper zitterte, seine Hände falteten sich unwillkürlich, und mit beben­der Stimme stammelte er die Worte des Liedes nach.

„Sie <chnt «, sie <chnt es!" rief er plötzlich aus, „warum soll ich mich längst bezwingen? Warum ihr nicht alle» gestehen?"

Wkornrnens ist von den Vertretern der beiden betei­ligten Mächte amtlich mitgeteilt worden. Wir haben ans dieser Mittestung ersehen, daß die neue Verein­barung durchaus im Einklang ist mit den Prinzipien, die der deutschen Politik im fernen Osten zugrunde liegen. Das ist die offene Tür auf wirtschaftlichem Gebiet. Von unserer Ausschließung ist also in Ostasien so wenig die Rede wie in der Türkei oder anderwärts. Was die bedauerlichen

Exzesse in Prag und anderen Orten der öster- reichifch-ungarischen Monarchie betrifft, so haben unsere Vertreter sogleich die erforderlichen Schritte getan, um festzustellen, ob und inwieweit deutsche Reichsangehörige dabei beteiligt oder zu Schaden gekommen sind, und um sich zu vergewissern, daß diesen deutschen Reichs­angehörigen der nötige Schutz in gebührendem Maße zuteil wird. Darüber hinaus können wir uns in die Streitigkeiten eines fremden Landes nicht einmischen, ebenso wie wir nicht erlauben würden, daß Fremde sich in unsere inneren Verhältnisse einmilchen. Wenn Cie

Englische Politik sich neuerdings sehr wohl­wollend zur Türkei gestellt hat, so freuen wir uns darüber. Wenn auch England eine gefunbe Türkei wünscht, io könnte das allerdings den Beziehungen zwischen Deutschland und England nur zugute kommen. Wir führen dort keinen Konkurrenzkampf und brauchen uns dort gegenseitig nicht auszuschließen. Ebenso teile ich die Ansicht des Staatsl ekr-tärs Grey, daß die Bal­kankonferenz ein starkes Beruhigungsmittel oder ein Erregungsmittek fein könnte.

Wünschen wir, daß es ein Berubigungsmittel ist und hoffen wir, daß der europäische Frie­den nicht gestört wird. Wir wollen unsere eigenen Interessen wahren, unseren Verbündeten treu zur Seite stehen und alle auf die Erhaltung des Frie­dens gerichteten Bestrebungen unterstützen. (Lebhafter Beifall)

Abg. Freiherr v. Gamp (Rp.): Die Ausführungen des Reichskanzlers werden im ganzen Lande mit Be­friedigung ausgenommen werden. Die Verabschiedung des Etats wird diesmal eine schwierige Ausgabe sein. Die Anregung, einen bestimmten Prozentsatz von den Ausgaben des Militäretats zu streichen, halte ich nicht für fachgemäß. Der vom Abg. Speck befürwortete Verlangsamung des Flot'enbaues vermag ich nicht bei- zuftimmen. Besondere Befriedigung empfinden wir über den Kolonialetat. Die 600000 Mark, die wir bisher für die Verteidigung von Kiaukschou aufwandten, würden wir wohl besser für Schulzwecke daselbst auf­wenden, damit möglichst viele Chinesen daielbst die deutsche Sprache erlernen. Sparsamkeit ist angebracht beim Postetat, ebenso bei der Eisenbahn. Eine durch­greifende Svarfamkeit muß in allen Zweigen der Ver­waltung Platz greifen.

Abg. Lattmann ivirtsch. Vgg.) gibt feiner Freude darüber Ausdruck, daß der Arbeitskammergefetzentwurf jetzt enokich an den Reichstag gelangt fei. Besonderes Jvtereffe erfordere die Bekoldungsresorm, die nach all­gemeinem Urteil den gerechtfertigten Ansprüchen nicht Rechnung trage. Redner bemängelte besonders, daß die Postassistenten mit den Eisenbahnafmteisten gleich­gestellt seien, da für die ersteren das Zeugnis für den einjährigen Dienst gefordert werde, für die letzteren nicht.

Mittwoch: Dritte Beratung der Gewerbeordnungs- uovelle; Fortsetzung der Etatsberatung.

deutscher Mich.

+ Ueber die auswärtige Politik

Hai am Montag der Reichskanzler seine seit acht Tagen bereits an gekündigte Rede gehalten.

Es war keine große Rede, weder formell noch inhaltlich. Wer Enthüllungen, sensationelle Mitteilungen erwartet hatte, kam nicht auf feine Kosten. Fürst Bülow skizzierte kurz die Stellung Deutschlands zu den aktuellen Fragen der aus­wärtigen Politik. Bemerkenswert und erfreulich war die Entschiedenheit, mit der er das Fest­hallen des deutschen Reiches an seiner Bünd­nistreue zu Oesterreich-Ungarn betonte. Fürst Bülow darf gewiß sein, daß er in dieser Politik das ganze deutsche Volk hinter sich hat. Ebenso sind wir einig mit ihm darin, daß die

Schon hatte er den Türknopf in der Hand, schon war er im Begriffe, die Treppe, die er noch fo gut kannte, hinaufzufliegen, um dann uner­wartet in das Zimmer der Spielenden zu dringen, als er plötzlich die Hand wieder kraftlos niederfal­len liefe.

„Nein, noch nicht!" seufzte er, „ich will, ich darf sie nicht umarmen — denn ich kann den Kopf noch nicht frei erheben, in ihren Augen und in den seinigen bin ich noch nichts anders als — ein Dieb!"

VIIL

Am folgenden Morgen erhielt Verdini einen ganz anderen Besuch, als der vom vorigen Tage gewesen.,

Herr van Hogenvovrde und Fräulein Wylandtz wünschten ihn zu sprechen, und er mußte sie na­türlich mit aller möglichen Freundlichkeit em­pfangen.

Herr van Hogenvoorde warf einen zerstreuten Blick auf die Modelle, die der Künstler ausgear- beitet hatte, und fragte dann Gertrud, wie sie ihr gefielen.

„Ausgezeichnet! herrlich!" war die Antwort, die mit demselben Gesichtsausdruck gegeben wurde, als ob sie ein Tapetenmuster aussuchte; darauf fragte sie, sich nach ihrem Bräutigam wendend:

„Findet Sula sie gut?" Dann dürfen wir auf ihren Geschmack vertrauen. Du weißt: fo viele Köpfe, so viele Sinne."

„Ja, meine Tochter war sehr damit zufrieden, nicht wahr? Sie ist fehr künstlerisch beanlagt."

Beide bemerkten nicht das spöttische Lächeln auf dem Gesichte des Künstlers.

«Dein Sohn hatte doch auch sehr gute An­lagen," sagte Gertrud, die wohl viel Takt besaß, aber ihn nidjt immer zur richtigen Zeit anzu­wenden verstand.

„Mein Sohn war ein Pfuscher, ein Schmierer, mehr nicht," antwortete der Bürgermeister in einem Tone, der keine Antwort duldete und der .die Eigentümlichkeit hatte, die fo schon kühle

deutschfeindlichen Ausschreitungen in österreichischen Städten unter keinem Vorwande dazu benutzt werben dürfen, die Beziehungen zu Oesterreich« Ungarn zu verschlechtern. Daß Herr v. Aehren« rhal den Plan der Annexion Bosniens und der Herzegowina Deutschland zu gleicher Zeil mit Rußland und Italien mitgeteilt hat, durfte erwartet werden; wenn Fürst Bülow weiter meint, daß das Wiener Kabinett ihm über den Zeitpunkt und die Form der Annexion vorhe« kerne Mitteilung gemacht, müfle er sogar be­grüßen, so läßt sich darüber zum mindester streiten.

Die Betonung der DreibundStreue des deutschen Reiches hatte gewiß auch eine aktuelle Bedeutung. Die durch die SelbständigkeitSerklärung Bul­gariens und die Annexion Bosniens und der Herzegowina aufgerollte Balkan frage will nämlich ihrer Lösung noch immer nicht näher­rücken. Die Verhandlungen zwischen Oesterreich und der Türkei scheinen auf dem toten Punkt an gelangt zu fein. Wo friedliche Vereinbarung nicht entscheiden kann, muß die Entscheidung her­beigeführt werden durch den Widerstreit der Kräfte, sei eS aus dem diplomatischen Schauplatz, sei es auf dem Felde der Waffen. Da ist e8 nun allerdings zeitgemäß, daß heute der ganzen Welt offen kundgetan wird, daß wir bei der Lösung der Balkanftage auf Oesterreich- Seite stehen und unsere Diplomatie für di« Forderungen und Jntereffen Oesterreichs rückhalt­los eintreten wird. Dies gewissen Mächten inS Gedächtnis zu rufen, war umsomehr angebracht, als die jüngsten Verhandlungen der italienischen Kammer über die auswärtige Politik eine scharfe antiöfterreichische Note nicht verbergen konnten. Fürst Bülow aber ging noch weiter, indem er Italien eine deutliche Warnung zurief, sich nicht in Abenteuer auf dem Balkan einzulaffen. Möge der Wink verstanden und beachtet werden, es ist zu Italiens eigenem Vorteil.

** Berlin, 2. Dez. 1908. Einige Zeitungen hatten gemeldet, es sei ein deutsch-japanisches Abkommen über Ostasien abgeschlossen worden. Nmtmehr wird amtlich erklärt, bafe kein solches Abkommen abgeschlossen ist; es ist auch nicht nötig ,da Japan dem schon am 16. Oktober 1900 vereinbarten deutsch-englischen Vertrage über Ost- asien beigetreten ist, welches dasselbe besagt. —< Die Fraktionen des Abgeordneten­hauses haben Sitzungen für den 11. Dezember anberaumt, um zu den Beschlüffen der Kommis­sionen betr. die esoldungsgesetze Stellung zu neh­men.

RC Der Reichstag setzte am Montag di- erste Beratung des Etats fort. Wiederum waren die Tribünen stark besetzt und bet Sitzung-« laal wies große Lücken auf. Diesmal aber sollten die Tribünenbesucher sich in der Hoffnung, daß der Reichskanzler Fürst Bülow das Wort ergreifen werde, nicht enttäuscht sehen, wohl aber werden sie enttäuscht worden sein durch das, was der leitende Staatsmann sagte und durch die Art und Weise, wie er e8 sagte. Der äußeren Form nach war die Rede des Fürsten Bülow außerordentlich matt und eindruckslos und in­haltlich brachte sie nichts wesentlich Neues. Da- einzig bemertenSwerte war eigentlich nur, daß der Reichskanzler in seiner Rede zum erftenmale kein« Zitate gebrauchte. Vor dem Reichskanzler sprachen die Abg. Graf Kanitz (k.) und Dr. Wiemer

Gertrud bis in die Tiefe ihrer kleinen Seele zu verletzen.

Verdini schien eS nicht zu hören: aber das spöttische Lächeln um feine Lippen Wurde nun fast fröhlich.

„Wissen Sie, warum wir eigentlich kommen," fuhr Herr van Hogenvoorde fort, „denn ob diese Puppen nun etwas hübscher oder häfelicher wer­den, kann mir eigentlich furchtbar gleichgiltig sein."

Tie praktische Gertrud hielt diesen Ausspruch ihrer Bräutigams für sehr unverständig; wenn er so sprach, war es bann zu verwundern, daß der fremde Billchauec nur Pfuscherarbeit lieferte und sein gutes Geld annahm für schlechte Arbeit? Sie beschlafe, ihm später darüber einmal tüchtig die Wahrheit zu sagen.

„Ich möchte gerne eine Büste von dieser Samt haben. Können Sie eine solche machen?"

Der Blick, den Verdini auf die Zukünftige Frau van Hogenvoorde warf, war nun gerade nicht sehr schmeichelhaft. ES schien wohl, daß dielet Auftrag ihm nicht besonders gefiel; wenig­stens wenn diese beiden ihn gestern gesehen hät­ten, als Lucia und Viktorine auch mit einer Be­stellung zu ihm kamen, Würde der Unterschied zwischen seiner gestrigen und heutigen Haltung ihnen sicher aufgefallen sein.

In der Tat bot daS eckige, scharfe Gesicht Ger­trud Wylandts mit dem endlosen Halse wenig An­ziehendes für daS Auge des Künstlers. Aber plötzlich bedachte er sich, und der Ausdruck feines Gefechtes erhellte sich.

„Es wird mir eine große Ehre sein, das Fräulein abbilden zu dürfen."

„Nun ja," sprach Gertrud, „aber dann mutz auch ein Gegenstück dabei fein, nicht wahr? Dar­auf bestehe ich, und dann mufet du auch deine Büste machen lassen, Hermann."

„Gewiß, mein Herr, das gehört dazu," ver­sicherte Verdini in festem Tone.

(Fortsetzung folgt)