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MaerW Zeitung

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krscheint ir-ttch mtt Ausnahme der $o.m« und Zeiertage. viertel« jährlich« vezugspreii ohne vringerlohn und vestelgeld in Fulda so­wie auswättri-SoMt.

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»otatlon«dr«Sn»h Verla- der Fuldaer Ä» tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr.-.

JW 281.

Fulda, Sanlstaq den 5. Dezember 1908.

35. Jahrgang.

Wrevtes

△ Die deutschen Katholiken im Osten. * In den letzten Jahren haben sich aus den ka­tholischen geselligen Vereinen im Osten, anschei­nend auf eine von irgend einer Stelle ausgegebene Parole hin, politischeVereinedeutscher Katholiken entwickelt. Leider haben diese Vereine der deutschen Katholiken, obwohl tn ihrer Leitung, wie eine „Veceinsstatistik" in der letzten Nummer ihrer Rundschau ausweist, die polni­schen und wendischen Namen eine sehr große Rolle Rolle spielen, obwohl ihr Verbandsvorsitzender selber ein unverfälschter Rasse-Pole ist, gegenüber den Polen sehr bald eine Stellung eingenom­men, die im Zentrum die lebhaftesten Be­denken Hervorrufen mußte. Diese Bedenken haben schließlich zum offenen Widerspruch und „zerschnittenen Tischtuch" geführt.

Jetzt steht die Wähltn Meseritz-Bomst bevor. Dort ist bekanntlich für einen konservati­ven Abgeordneten eine Ersatzwahl vorzunehmen, und nun wird dort auf Grund eines Wahlbündnis­ses zwischen Polen und Zentrum voraussichtlich em Zentrumsmann dieses Mandat erhalten. Na- türlich wendet sich das Zentrum an alle Katholi- ken des Wahlkreises, ob polnisch oder deutsch mit dem Verlangen nach Wahlunterstützung. Die „Katholische Rundschau", das Verbandsblatt der Vereine der deutschen Katholiken im Osten, gibt tu der Dezembernummer die Antwort auf diese Wahleinladung des Zentrums. Sorgsam werden dort einige unüberlegte Aeußerungen von polni­scher Seite aufgeführt, und auf sie begründet man dann den ablehnenden Bescheid an das Zentrum: ; „Werden die deutschen Katholiken des Wahlkreises 88 auch diesmal ablehnen, ein Kombromiß ein- zugehen, durch das die allpolnifchen Aspirationen nur ion Starke und Ausdehnung gewinnen könnten, sie .werden feinen Anhänger der Zentrums­partei wählen, weil diese im Reichstage und im ganzen öffentlichen Leben und Auftreten nicht mit denen gebrochen haben, die polnische Sonderrechte, polnische jAbsonderung von den Deutschen und die Verbrüderung mit den Etammesgenossen im Auslande zum Schaden unseres Vaterlandes pflegen und fördern; sie könne» nicht einen Mann wählen, der sich zu in Beschützer und Werkzeug der polnischen Anmaßung hergeben müßte.'-

Das Zentrum wird also die deutschen Katho­liken, soweit sie der offiziellen Vereinsleitung fol- gen, zu Gegnern haben. Wir glauben aber nicht, daß diese Kundgebung dem Zentriimskandidateu sehr viel schaden wird. Diese Vereine deutscher Katholiken blühen trotz der gewaltigen politischen Erregung, »die durch die polnischen Landesteile geht, tote ein Veilchen im Verborgenen. Ihre Mitglieder setzen sich zum weitaus größten Teile ans Beamten zusammen. Unter den 28 Vor- standsmitgliedern der in der Vereinsstatistik der Dezembernummer aufgeführten 9 Vereine befin- den sich nur ein Kaufmann, ein Bureauvorsteher und ein Siedemeister. Alles übrige sind Beamte und Lehrer. Aehnlich wird es auch wohl mit den übrigen Vereinen und der „breiten Masse" der Vereinsmitglieder aussehen. Die Mitgliederzahl der Vereine hält sich in sehr engen Grenzen. Im Wahlkreise Bomst-Meseritz werden vielleicht einige putzend — hoch gerechnet! — Leser der „Katholi­schen Rundschau" sein.

Die Blockpresse, die sich so vergnügt über die Haltung dieser deutschen Katholiken stellt, wird nach der Wahl hoffentlich ein anderes Gesicht auf- setzen. _____________________

# „Neue Mittelstandspolitik".

Wenn die neuzeitliche soziale Gesetzgebung und Fürsorge sich in erster Linie des Arbeiters an-

nahm, so war dies in den gegebenen Verhältnissen begründet und durchaus berechtigt. Im Arbeiter­stand gab es eben die meisten und schwersten Mißstände, die zuerst beseitigt werden mußten. Angesichts dieser sozialen Förderung des Arbeiter- standes kann man recht häufig die Meinung Ho­ren, daß darunter die andern Berufsstände, spe­ziell der gewerbliche und kaufmännische Mittel- stand, etwas zu kurz gekommen seien, daneben nicht die genügende Berücksichtigung gefunden hät­ten. Doch darf man, .um nicht einseitig zu sein, nicht übersehen, daß die Gesetzgebung allein die soziale Hebung des Arbeiterstandes nie hätte bewirken können, wenn nicht die Selbsthilfe der Arbeiter so kräftig mitgetoirkt hätte. Staatshilfe und Selbsthilfe haben sich hier gegenseitig ergänzt. Leider läßt sich bei dem gewerblichen und kauf­männischen Mittelstand eine energische und ziel- bewußte Selbsthilfe in dem Maße bisher nicht feststellen. Teils dem Mangel an Entgegenkom­men auf «eite der Gesetzgebung, teils dein Feh­len einer systematischen Selbsthilfe ist es zuzu- schreiben. daß die Lage des Handwerker- und De­taillistenstandes nach mancher Hinsicht eine so schlimme Entwickelung nehmen konnte.

In der letzten Zeit scheint aber auch hier ein Umschwung eintreten zu wollen. Tie Mit­telstandsfrage tritt wieder mehr in den Vorder­grund des allgemeinen und des politischen Inter­esses. Im letzten Jahre sind wichtige, den Mittel­stand berührende Gesetze zustande gekommen. Es sei hier vor allem auf den kleinen Befähigungs­nachweis, daneben das Scheckgesetz, das Gesetz der Erleichterung des Wechselprotestes verwiesen. An­dere Gesetze werden mit Bestimmtheit dem Reichs­tage vorgelegt werden, tote die Abänderung des Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wett- betoerbs. Auf dem Gebiete der Getoerbeförderung bat man vor allem der Förderung des Genossen- schaftstoesens erhöhtes Interesse zugetoandt. Eine Anzahl von Städten hat ihre Submissionsbedin- gungctt in einem handtoerkerfrenndlichein Sinne geändert.

Als größten Fortschritt der S e l b st h i l f e läßt sich der Umstand bezeichnen, daß der Mittel­stand allmählich dazu übergeht, sich auf den Bo­den der g e g e b e n e n Verhältnisse zu stel­len. Bisher betrachtete ein großer Teil der Handwerker und kleinen Kaufleute die Verhält­nisse der Vergangenheit, speziell der Zeit der Zünfte, als erstrebenstoertes Ideal und verlor darüber den Blick für die Gegentoartsforderun- gen. Bezeichnenderweise haben die Handwerker die Forderung der obligatorischen Innung und des großen Befähigungsnachweises zurückgestellt und begnügen sich damit, mit der fakultativen Ztoangsinnung tveitere Erfahrungen zu sammeln und der Ausbildung des Hcmdtoerkernachtouchsts mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ein Fort­schritt ist auch nach der Richtung hin unverkenn­bar, als die Erkenntnis des Wertes der t h e o r e- ti scheu Kenntnisse neben einer tüchtigen Fachbildung int Wachsen begriffen ist. Man ge­steht zu, daß die Leistungsfähigkeit des gesamten Standes in erster Linie auf einer tüchtigen Ausbildung des Handwerker- und des kauf­männischen Nachwuchses auch nach der theoretischen Seite hin beruht. Der Handwerker, der Detail- list, der die auf die Fortbildungsschule verwandte Zeit für verloren hält, wird immer seltener. Das Gesetz betr. den kleinen Befähigungsnachweis wird voraussichtlich die Wirkung haben, daß die Zahl der Fortbildungsschulen und Meisterkurse, die ja theoretische Kenntnisse vermitteln sollen, noch eine große Vermehrung erfahren und sodann der Pflege der theoretischen Kenntnisse noch größerer Wert beigelegt werden wird. Wenn auch die Zahl der Wirtschaftsgenossenschaften so- wohl beim Handwerk wie beim Kanfmannsstand

nicht eine solche Zunahme erfahren hat, wie e8 wünschenswert wäre, so läßt sich doch auch hier eilte Aufwärtsentwicklung verzeichnen. Im Kauf­mannsstand hat vor allem die Rabattvereinsbe- toegttng an Ausdehnung gewonnen.

Unter Berücksichtigung all dieser Veränderun­gen und neuen Ansätze ist wohl nicht unberechtigt, von „neuer Mittelstandspolitik" zu sprechen. Mö­gen die geschilderten Ansätze zu einer Besiernng der Verhältnisse im gewerblichen und kaufmänni­schen Mitte"stand eine gedeihliche Weiterentwick­lung nehmen. Die Bewegung ist nun glücklich in neuem Fluß; eine Unterbrechung darf auf keinen Fall eintreten.

veutsches Reich.

# Ein Sturm im Glase Wasser ist glücklich beschworen worden. In Abgeordnetenkreisen ging das Gerücht, Staatssekretär v. Beth - m a n n-H olltoeg habe seine Entlassung ein­gereicht anläßlich des Verhaltens der Freisin­nigen zum Vereinsgesetz bei der Debatte über das Unglück auf Zeche Radbod. Bekanntlich hat der Abg. Gothein erklärt, daß 11 Freisinnige nicht für den Sprachenparagraphen des Vereiusgesetzes gestimmt haben würden, falls sie gewußt hätten, daß die Erklärung des Staatssekretärs bezüg­lich der Anwendung des Sprachenparagraphen so aufzufassen sei, wie er jetzt im Reichstag dar- gestellt habe. Angesichts dieser Drohung des Staatssekretärs sind nun die Freisinnigen ivie üblich zusammengeknickt und haben verspro­chen, bei der nächsten Gelegenheit im Reichstag öffentlich zum Ausdruck zu bringen, daß sie der Interpretation des Herrn Staatssekretärs zustim­men und seine Erklärung billigen.

0 Ein hübscher Anfang der Sparsamkeit. Ein 5. Nachtragsetat für das Rechnungsjahr 1908 ist dem Reichstage zugegangen, er verlangt 118 600 Mk. zur Uebernahme des o st a s i a t i s ch e n Detachements durch die Marine. Es habe sich, heißt es dort, „als unzweckmäßig erwiesen, alle in Ostasien befindlichen Truppen unter die einheitliche Verwaltung der Marine zu stellen. Das bisherige ostasiatische Detachement solle des- halb im Juni 1909 abgelöst werden. An seine Stelle tritt eine von der Marine aufzustellende Neuformation, das ostasiatische Marinedetache­ment, das an die Formationen des Schutzgebietes Kiautschou angegliedert wird. Die Verwaltungs­geschäfte können infolgedessen gleich in Ostasien erledigt werden. Die Ausgaben verringern sich dadurch um 25 Prozent. Der vorliegende Nach­tragsetat ist erforderlich, weil etwa die Hälfte der Mannschasten Anfang Febuar 1909 einge­stellt werden muß." — lieber diesen Vorschlag ist man in den Kreisen der Abgeordneten einfach sprachlos. Alle Welt erwartete die Zurückzieh­ung der Truppen; statt dessen sollen sie nun dauernd in Ostasien gelassen werden. Alle anderen Mächte haben weniger Soldaten in China, manche nur 30 Mann als Gesandschafts- wache. Deutschland allein leistet sich den Luxus, noch über 700 Mann dort zu lassen. Hoffentlich bleibt der Reichstag fest und lehnt diese Art von Sparsamkeit rundweg ab.

:/: lieber die Handhabung des Vereinsgeseyes >vird der Regierung, wie gemeldet, im Reichstag Gelegenheit zur Aussprache gegeben werden. In­zwischen mehrt sich täglich das Material für die Anklage gegen den Staatssekretär des Innern, laß er nicht das geringste tut, um die Anwendung )e$ Vereinsgesetzes in Preußen mit seinen Ver- prechungen in Einklang zu bringen. So wird uns aus Dortmund gemeldet, daß am letzten Sonntag in der Zahlstellenversammlung des Bergarbeiterverbandes in A ltenbögge (Kr.

Hamm) zwei Gendarmen erschienen, um die Ver­sammlung zu überwachen. Als sich die Gendar­men trotzAufforderung nicht entfernten, schloß der Bezirksleiter die Versammlung. Wenige Stun­den später sollte im gleichen Orte die Filialver­sammlung des sozialdemokratischen Vereins statt­finden. Auch in dieser Versammlung erschienen die Gendarmen. Sie verlangten die Anweisung eines Platzes, und als ihnen dieser verweigert wurde, lösten sie die Versammlung auf. Sie er­klärten, Anweisung vom Amte Pelkum zu haben, die Versammlung zu überwachen, Mitgliederver­sammlungen des sozialdemokratischen Vereins würden als öffentliche angesehen. Die katho­lischen Arbeitervereine des Ostens werden ähnlich behandelt und im Kreise M e f e r i tz-B om st wollte man gar Wahlversammlungen, die nicht angemeldet toaren, verbieten.

♦ Portofreihrit der hohen Standcshcrrcn. Der Abg. Dr. Müller-Meiningen hat im Reichstage zur Reichsfinanzreform hervorgehoben, daß bei den hohen Standesherren, die doch mit gutem Beispiel vorangehen sollten, gerade am wenig­sten von der „brennenden leidenschaftlichen Vater­landsliebe" zu finden sei, die der Reichssilmtz- sekretär Sydcw in seiner Finanzrede verlangt hat. Es sind in der Tat noch eine Menge vcn Privilegien vorhanden, die bei der Finanznot des Reiches nun doch abgelöst werden sollten. Auf Grund des Portofreiheitsgesetzes von 1869 ge­nießen z. B. sämtliche Sendungen von und an die regierenden Fürsten des Deutschen Reiches voll­ständige Gebührenfreiheit bezüglich der Postbe­förderung, desgleichen sind sämtliche Sendungen aus den „Allerhöchsten" Vermögensverwaltungen portofrei. Namentlich dieses letztere Privileg ist im hohen Maße bedenklich. Alle möglichen Post- sendimgen, Butterpakete, Hasen, Rehe, Damwild ufto.-, werden von den fürstlichen Gütern an Pri- vatkundschast frei versandt, unter der Bezeich­nung: königliche, fürstliche usw. Angelegenheit.

i Hier, wo es sich um rein geschäftliche Trans­aktionen der fürstlichen Herrschasten handelt, ist die Portofreiheit ein ungehöriges Privileg. Denn es werden dadurch indirekt die anderen Ge­schäftsleute benachteiligt, die für ihre Sendungen volles Porto entrichten müssen. Wie die „Lib. Korr." hört, wird bei der Etatsberatung von freisinniger Seite diese Angelegenheit zur Sprache gebracht und ein Antrag auf Beseitigung dieser fürstlichen Vorrechte vorgeschlagen werden.

— Unglaublich. Wie der ,Frts. Zig/ kürz­lich geschrieben rou v, soll jüngst die Schulbehörde einer preußischen Smdl — der Name wird leider nicht genannt — erklärt haben, sie erkenne an, daß Lehrer altkatholischen Bekenntnisses sowohl in Lehrerstellen an simultanen wie auch in solche an katholischen konfessionellen Bürger­schulen berufen werden könnten. Sie würde demnach gegen die Anstellung eines altkatholischen Lehrers an einer der bezeichneten Schulen grund­sätzliche Bedenken nicht erheben. Sie lehne es ab, bei Ausschreibungen von katholischen Lehrer­stellen zwischen dem allkatholischen und römisch- katholischen Bekenntnisse zu unterscheiden. Die ,Frks. Ztg/ knüpft daran die Bemerkung:

„Nach dieser Entscheidung der Schulbehörde konn­ten sich also alikatholische Lehrer oder römisch-katholische, die allkalholisch werden wollen (!), für jede aus­geschriebene Lehrerstelle an einer Simultanjchule, die natürlich zunächst nur in Betracht kommt, zu melden. Es leuchtet aber auch ein, wie wichtig das Zugeständ­nis ist, daß altkatholische Lehrer auch an einer kon­fessionell katholischen Schule angestellt werden iönnen. Damit könnie in den Konsessionalismus der preußischen Schule, soweit die katholischen Schulen in Betracht kommen, Bresche gelegt werden."

Soweit sind wir hoffentlich doch noch nicht. Zunächst hat die betreffende Entscheidung der

IurückgekeHrf.

Erzählung von Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.

14| tRachdruck verboten.)

Und sie fuhr fort, ihre Seele in Tönen aus- sugießen, und er, dessen Gegenwart sie nicht ver- mmete horte entzückt zu und es war ihm. als ob süßer Balsam sich tn seine verwundete Seele er- gofie, als ob das Leben, von dem er so wenig Gluck mehr erwartete, sich vor ihm von neuem tn glänzendem Lichte öffnete, als ob er wieder lieben und hoffen dürfte, als ob eine Türe, die vor ihm geschlossen war, sich langsam öffnete'und thn in das Heiligtum des häuslichen Glückes und des Seelenfriedens führte.

Schon war der Gottesdienst beendigt und die Kinder hatten die Kirche verlassen, aber noch immer spielte Lucia auf dem Harmonium. End­lich war der letzte Ton verklungen; es war ganz dunkel um ihn geworden. Viktorine kam auf sie ju, legte besorgt ein Tuch um ihre Schultern und führte sie aus der Kirche.

Ter Fremde folgte ihnen in der Ferne, als hielte er es für nötig, sie zu beschützen, bis sie Groenezathe erreicht hatten; dann kehrte er in den „Ruhenden Hirschen" zurück, wo die Wirtin ibn schon gut kannte und, wie es schien auch hoch, schätzte.

Sem Abendessen erwartete ihn, und wie ge­wöhnlich begann sie eine Unterhaltung mit ihm, äucift über das Wetter, dann über einen Brand, der am Nachmittag airsgebrochen war; er sprach meistens sehr wenig und begnügte sich damit, auf alles, was sie behauptete, bejahend zu antworten und ihr nie zu widersprechen.

Heute aber hatte er eine Frage auf dem Her- gen und er erzählte ihr, daß er in der Kirche ge- toefen war.

»Da wird so schön Orgel gespielt und ge­

sungen", fügte er hinzu, „ist es möglich daß eine blinde Dame das tat, die ich in der Kirche sah?"

„Gewiß, mein Herr, gewiß!" Tagte die Frau, froh, daß ihre Gesprächigkeit endlich Stoff erhielt, „das ist das gute Fräulein Lucia von Groene­zathe. Sind Sie ihr denn niemals begegnet?"

Er war froh, darauf nicht antworten zu müs­sen, denn die Wirtin fuhr in einem Atem fort:

»Nun, das ist kein Wunder, denn das Frärrlein kommt wenig heraus, das arme Schaf! Ich glau­be, daß sie nicht viel Freude hat. Sie überlassen sie ganz den Dienstboten. Glücklicherweise hat sie wenigstens Fräulein Viktorine. Nun kann sie wenigstens mitunter spazieren gehen und sie hat dann auch Unterhaltung. Die beiden gehören so zusammen."

„Meinen Sie die junge Dame, die sie führte?" „ »$a gewiß, das ist ein liebes Mädchen. Etwas ärmlich gekleidet — wenn ich so sagen soll."

„Ist das denn ihre Gesellschaftsdame?"

... Himmel, nein! Es ist die Nichte ihrer zu­künftigen Mutter! Sie wohnt nicht auf Groene­zathe, sondern hier in der Stadt bei Frau Wh- landts. Sie muß dort alle Arbeiten verrichten und doch kann man es ihr ansehen, daß sie bon ganz anderer Abstammung ist als ihre Tante"

„Wie heißt sie?" -

»Ihr Vorname ist Viktorine, aber sonst sagt man hier immer Fräulein Wylandts. Die Leute wissen es nicht besser. Es ist doch eine sonderbare Gesellschaft, ich weiß eigentlich nicht, was unser Bürgermeister denkt, daß er sich an solche Men- scheu hängt, als ob hier keine tüchtigen, braven Damen wären, die froh sein würden, in Groene- zathe als Herrin einziehen zu können. Aber wenn es nicht aus der Fremde kommt, taugt es nicht!"

„Frau Wirtin", sprach der Gast kurz, „wollen Sie mir nicht noch ein Glas Bier geben?"

Die Frau beeilte sich, den Befehl auszuführen, und beunruhigte sich wohl ein wenig, ob sie nicht zu viel gesagt hätte; denn es schien, daß der Fremde etwas empfindlich war. Und da fiel ihr

plötzlich ein, daß sie vielleicht eine große Dumm­heit begangen hätte, indem sie sagte:

„Wenn es nicht aus der Fremde kommt, taugt es nicht."

Das hatte er gerade so gut auf sich selbst be­ziehen können; denn ihm war doch die Arbeit gegeben worden, um die so viele in der Stadt ihn beneideten, und er kam auch aus der Fremde. Sie hätte sich auf die Stirne schlagen mögen und fragte sich, während sie das Glas Bier herein­brachte, ob sie sich entschuldigen oder aber tun solle, als ob sie es nicht verstände.

Der Gast saß am Tische in tiefes Nachdenken versänken; er hatte die Worte der guten Frau nicht einmal gehört, noch weniger sie auf sich be­zogen, aber er dachte über das Gehörte nach und fragte sich, was er ferner tun müsse.

Er dankte zerstreut für das Bier und sah in den Garten hinaus, der durch die geöffneten Fen­ster so schön im Mondenfchein aussah: und nach- dem er langsam fein Glas geleert hatte, stand er auf und ging noch einmal ziellos durch die Stra­ßen.

Als er vor dem Hau e der Familie Wylandts stand, eilte Viktorine wie immer, schnell nach Haufe, in der Furcht, wieder gescholten zu werden, weil es so spät war und sie fo laut schellte. Ge­rade ging die Türe auf und ließ den Bürgermei­ster heraus, der einen Bestich bei seiner Braut gemacht hatte.

vn.

In dem Zimmerchen, das er sich als Atelier eingerichtet hatte, saß Verdini bei der Arbeit; es war ein stilles Gemach an der Hinterseite des Hauses, mit guter Beleuchtung, und obgleich kühl

Fast täglich erhielt der Künstler Besuch von Fräulein Ursula; sie kam bald mit diefer, bald mit jener Nachricht und hatte immer einen Vor- wand zu einem langen Gespräche.

Sie sah so gerne den Bildhauer bei der Arbeit, sagte sie, und hätte auch fast Lust, modellieren zu lernen, aber — und dann zeigte sie ihre hüb­

schen weißen Hände — sie fürchtete, ihre Finger zu verderben. Und dann mußte sie allerlei Auf­schlüsse haben und nötigte Verdini, der doch nicht sehr gesprächig war, zum Plaudern; aber am liebsten sprach sie selbst.

Dann zeigte sie ihre Kenntnisse auf dem Ge- biete der Kunst, sprach über Michel Angelo und Rafael, über Canova und Bernini, über die neuesten französischen Bildhauer, über Jdealis- mus in der Kunst und schoß manchmal in ihrer hohen Weisheit so gewaltige Böcke, daß der Bild­hauer sich oft umtoenben mußte, um sein Lächeln zu verbergen, und seine ganze Höflichkeit nötig hatte, um dieser eingebildeten Törin nicht den Kopf zurecht zu setzen.

Sie erklärte aber jedem, der es nur hören wollte, daß er ein sehr angenehmer Mensch wäre, so typisch künstlerisch, und wenn sie ihn dann eine Zeitlang mit ihrem unverfftändigen Geschwätz aufgehalten hatte, dann ging sie wieder weg, in der Ueberzeugmig, auf den Fremden den Eindruck einer höchst gebildeten jungen Dame gemacht zu haben. Sie behauptete, daß die Augenblicke, die sie mit dem Bildhauer plaudernd zubrachte, ihr sehr nützlich und lehrreich wären, und so machte sie es sich schließlich zur Gewohnheit, sie niemals mehr einen Tag zu versäumen.

Nun hatte sie wieder eine ganze Weile bei ihm gesessen und geplaudert, und er atmete auf, als sie sich endlich entfernen wollte und er sich wieder ganz feiner Arbeit widmen konnte.

Er saß noch nicht lange da, als wieder geklopft wurde, und ein wenig ärgerlich rief er:

„Herein I"

Das war nicht die Weife, mit der Ursula stets die Türe öffnete; sie stürmte immer wie ein Wirbelsturm herein. Jetzt wurde die Türe be­scheiden, fast zögernd geöffnet, und in der Hoff­nung zeigte sich das dunkle Krausköpfchen Vik- torinens.

(Fortsetzung folgt.)