M 280.
Fulda, Freitag den 4. Dezember 1908.
35. Jahrgang
Zweites Wtcrtt
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Kleines Feuilleton
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ihrer Verhaftung, und nicht selten kommt es dabei zu ergreifenden Szenen, wenn ein irrtümlich oder unter falschem Verdacht Verhafteter, von «cham überwältigt, seine Unschuld beteuern will. Kurz wird ihm das Wort abgeschnitten, das Urteil oder der Freispruch ist die Sache der Richter.
— Die Hutsteuer. Hart ist der Reichstag mit den Steuerprojekten umgegangen; es sieht in der Tat aus, wie ein Redner sagte, als ob ein Hagelschlag über ein Aehrenfeld gegangen wäre. Herr Sydow, der vor der verschwundenen Herrlichkeit steht, möge sich trösten an einem wunderbaren Plan, den ein Kluger der „Köln. Ztg." einschickt; dieser zukünftige Steuersekretär schlägt eine — Hut st euer vor: Die Gründe, die für die Hut- steuer sprechen, liegen auf der Hand. Erstens: tvährend der eine direkte Steuern wünscht, will der andere durchaus nur indirekte Steuern; wie schnell wäre beiden geholfen, wenn die Hutsteuer käme! Da fast jeder Kopf im Reiche durch einen Hrft bedeckt wird, kann man eine Hutsteuer sehr Wohl eine Kopfsteuer nennen; eine Kopfsteuer ist aber eine direkte Steuer. Als Verbrauchssteuer ist die Hutsteuer zugleich eine indirekte Steuer. Die Verfechter der direkten wie der indirekten Steuer würden demnach durch eine Hutsteuer unter einen Hut — dieser steuerfrei — gebracht! Zweitens: Muß man eine Hutsteuer nicht auch als eine Luxussteuer bezeichnen? Im besondern: welchen Luxus treiben nicht die Frauen in Hüten! (Ich schreibe diese Zeilen ohne Vorwissen meiner Frau.) Doch auch die Panamahüte der Herren gehören hierher. Alles predigt Sparsamkeit, dabei werden die Hüte immer größer und kostspieliger. Besteuert den Luxus, wo er zu fassen ist, und die alten einfachen Sitten werden von selbst zurückkehren I Drittens bedeutet die Hutsteuer auch einen Schritt weiter auf dem Wege der Gleichberechtigung der Frauen. Bisher mußten versteuert werden: Branntwein, Bier, Zigarren, dann in umgekehrter Reihenfolge, Zigarren, Bier und Branntwein, und so fort — immer Genußmittel der Männer. Eine •fciitfteuer würde endlich auch die Frauen beglü- pen. . . 60 Millionen Köpfe im Vaterlande wer- Pen fast alle behütet herumgetragen, und die
nische Firmenschilder können staatsgefährlich werden. Dem Bäcker Labendzki auf Jersitz wurde dem ,Dzienn. Pozn/ zufolge aufgegeben, sein in weiß-roter Farbe bemaltes Firmenschild umzuändern. Labendzki ließ nun den einzelnen Buchstaben einen grauen Farbenanstrich zusetzen, aber auch diese- genügte nicht, da die weiß-rote Farbe nach Ansicht der Polizeibehörde zu viel hervortrat. Um weiteren Maßregeln aus dem Wege zu gehen, änderte L. die Farben in schwarz- weiß! — Nun ist das Vaterland gerettet!
scher in die Brust traf, der schwerverletzt in hoffnungslosem Zustande ins Schwesternhaus nach Eisenach gebracht wurde.
* Wiesbaden, 3. Dez. 1908. Am 4. v. Mts. hat sich der 28jährige Kaufmann Siegfried Würz- burger, der hier bei einem Nervenarzt in Be- Handlung stand, entfernt, um zu seiner Familie nach Mannheim zu fahren. Er ist dort nicht eingetroffen und wird seitdem vermißt. Auf die Auffindung des Vermißten bezw. seiner Leiche ist jetzt eine Belohnung von 500 M ausgesetzt worden.
* Erfurt, 3. Dez. 1908. Wegen Beteiligung an den Diebstählen in der Königlichen Gewehrfabrik befinden sich nunmehr 6 Personen in Untersuchungshaft.
* Meiningen, 3. Dez. 1908. Vor einigen Tagen starb hier das etwa 2y2 Jahre alte Kind einer ledigen Frauensperson namens Groß. Die gerichtliche Leichenöffnung ergab, daß das Kind i n geradezufurchtbarerWeisemißhan- delt worden sein muß. Infolge dieses Befundes wurde die Mutter verhaftet.
* Vom Eichsfelde, 3. Dez. 1908. An der philosophischen Fakultät der Universität Würzburg erwarb sich die Doktorwürde der Augustiner- pater Bernard Merked aus Rimbach auf dem Eichsfelde gebürtig, zurzeit Lehramtspraktikant am Realgymnasium zu Würzburg. Er hatte erst vor einigen Wochen das Staatsexamen aus der Philologie der neueren Sprachen in München ab- gelegt.
* Würzburg, 3. Dez. 1908. Hier wurde der Kranke nwärter Joh. Friedr. Aechtner von Weißenstadt bei Wunsiedel verhaftet. Aechtner hat hier im Oldensgewand der Barmherzigen Brüder in Trier seit einigen Tagen, vorgeblich für das Trierer Blindenmstftut, namhafte Geldbeträge gesammelt; das Ordensgewand hat er in der Zweigniederlassung der Barmherzigen Brüder zu Bonn gestohlen.
teten. „Gesicht zur Seite", tönt es nach einer Weile, die Züge werden beobachtet rind unten in der Schar der „Geheimen" hört man das Rascheln von Papier und das Knirschen von Bleistrften. Bei allen wird der Name genannt und der Grund
dadurch, daß aus ein Telegramm, das der Vater fernes Opfers am 2. September nach Coburg an ihn richtete mit einer Unterschrift, die nur dem angeblichen Fereneczy verständlich sein konnte, schon am 5. September die Schweninger nach München kam und 500 Jü auszahlte.
* Die Macht der Uniform. Ein geriebener Hochstabler, der sich unter dem Namen eines Oberstabsarztes von Mertens aus Karlsruhe in den besieren Gesellschaftskreisen Neubreisachs Zu- trrtt zu verschaffen gewußt hat, inspizierte das dortrge Garnisonslazarett, war häufiger Gast im Kasino, unternahm mit Offizieren Ausflüge und pumpte schließlich einen Zivilarzt um 30 M an. Als ihm der Boden zu heiß wurde, ging er nach Kolmar, wo er in einem Schneideratelier ein halbes, Dutzend Anzüge bestellte und in einer Drogerie namhafte Einkäufe für das Lazarett in Neubreisach machte. Bei dieser Gelegenheit wurde der Gauner als ein umherziehender Bäckerbursche entlarvt.
* Der Herr Landrat. Für den bedenklichen Kultus, der in manchen Gegenden mit der Person des „Herrn Landrats" getrieben wird, bietet ein Vorkommnis einen interessanten Beleg, das dem „Berl. Tagebl." aus dem hannoverschen Kreise Sulingen berichtet wird. Dort war kürzlich der Landrat Dr. H. gestorben. Der evangelische Superintendent, Voigt in Sulingen hielt es nun für angebracht, in einem amtlichen Rundschreiben die ihm unterstellten Geistlichen von diesem Todesfall in Kenntnis zu setzen, mit der Anheimgabe, „den Gemeinden im Gottesdienste von der Kanzel herab in geziemender Weise den Heimgang des Herrn Landrats mitzuteilen und des Heimgegangenen im offiziellen Kirchengebete zu gedenken". — Sämtliche Geistlichen des Bezirkes haben,aber dem überpatriotischen Superintendenten mitgeteilt, daß sie nicht in der Lage seien, dieser Weisung nachzukommen.
* Ein neues lenkbares Luftschiff. Nachdem' durch eine Indiskretion bekannt geworden ist, daß an der Danziger Technischen Hochschule Pläne für ein lenkbares Luftschiff ausgearbeitet sind, ist die „Danziger Allg. Zeitung" zur Veröffentlichung folgender Angaben ermächtigt: Das Luftschiff, dessen Pläne von Hochschul-Professor Schütte-Danzig ausgcarbeitet worden sind, ist nach starrem Sy st em entworfen. Der Tragkörper ist 100 Meter lang und hat einen Durchmesser von 16 bis 17 Metern. Die Enden verlaufen paraboloidförmig (etwa wie die Spitze eines spitz zulaufenden Eies). Das Gerippe wird nicht aus Aluminium, sondern aus doppelt diagonal verlausenden Holzträgern verfertigt. Die etwa 40 Meter lange und 4 Meter breite Gondel wird in der Form des Schiffskörpers gebaut und ist mit dem Tragkörper fest verbunden. Seinen Antrieb erhält das Schiff durch einen 150pferdigen Gasmotor, der die Fahrtschraube direkt antreibt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit wird 70 bis 80 Kilometer pro Stunde betragen. Da die Tragfähigkeit infolge der Verwendung von Holz an Stelle des Aluminiums wesentlich größer ist, kön- nen außer der Bemannung und sämtlichen erforderlichen Betriebsmaterial etwa 2000 Kilo Spreng st off mitgeführt werden.
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Ausland.
* In Prag ist unter dem Standrecht nun endlich Ruhe eingekehrt. Die Möglichkeit, daß ein bei einem Exceß auf frischer Tat Ertappter zum Tode verurteilt und Linnen zwei Tagen hingerichtet werden kann, — der Wiener Scharfrichter hat sich gemäß den Bestimmungen der Strafpro- zeßorbnung mit seinen Gehilfen nach Prag begeben — hat den Pöbel von weiteren Ausschrei- tungen abgeschreckt. Die Wirtshäuser und Branntweinschänken werden um 8 Uhr geschlossen. Militärpatrouillen durchziehen die Stadt.
* Lord Roberts steht mit feiner Agitation für Verstärkung der englischen Landmacht nicht allein, das war schon aus der vielerörierlen Debatte und Abstimmung des Oberhauses zweifelsfrei zu ersehen. Aber noch immer Ire en neue anerkannte Persönlichkeiten auf feine Seite. Feldmarschall Sir George White, als einstiger tapferer Verteidiger von Ladysmith, einer der populärsten englischen Generale hielt in Hampstead eine Rede, worin et sich zu der Frage der englischen Heere-s reform u. a. folgendermaßen aussprach: Die Zeitverhältniffe raten dringend zur Kriegsbereitschaft. Dem britischen Reich liegt unter Umständen die Verteidigung der Rechte nnd Freiheiten von 400 Millionen Menschen ob, und zur Erfüllung dieser ungeheuren Verantwortung unterhalten wir eine kleinere Armee als die Schweiz., Indem wir unsere staatliche Sicherheit allein der Flotte anverlrauen, laufen wir eine schwere nationale Gefahr. Jeder Bürger sollte die zur Landesverteitigung nötige Ausbildung erhalten." Die Versammlung nahm diese Ausführungen mit lautem Beifall aus.
Zahl soll immer noch zunehmen, wenn man den Statistikern glauben bars. 60 Millionen Köpfe dürften wohl mindestens 90 Millionen Hüte im Jahr verbrauchen. Von diesen 90 Millionen Hüten können — sagen wir — 20 Millionen ganz steuerfrei bleiben. Für die übrigen 70 Millionen ließe sich dagegen eine Steuer von mindestens 100 Mill. Mark zusammenbringen. — Will nicht jemand auch den Plan einer Schnurrbartsteuer ausarbeiten? Dann dürfte die Finanzreform wohl erreicht sein. =y
— Auf Leben und Tod. In der Nähe 'von Zoutpansberg in Nordtransvaal hatten zwei Buren ein Löwenjunges geschoffen. Die Löwin die ihren Verlust bald bemerkt hatte, folgte den Spuren der Buren. Dabei stieß sie mit zwei des Weges kommenden Polizeisoldaten zusammen und griff sie laut brüllend an. Der eine Polizist schoß und traf das Tier, verletzte es aber nur leicht. Als er sein Pferd spornte, um zu entrinnen, blieb es wie versteinert stehen, während das andere Pferd mit seinem Reiter durchgebrannt war. Die Löwin sprang auf den zurückgebliebenen Polizi- stcn und riß ihn, vom, Pferd. Der Mann kam aber fofort auf die Beine, umklammerte die Löwin und gelangte auf ihren Rücken. Seinen rechten Arm schlang er fest um den Hals der Bestie und mit der Linken riß er ihren Kopf zurück, indem er mit zwei Fingern in ihre Nasenlöcher faßte. Die Bestie brüllte vor Schmerz und Wut und versuchte, ihren Angreifer los zu werden. Der Löwin gelang es, ihre Krallen in die Glieder des Soldaten zu schlagen. Mit den Pranken riß sie ihm das Fleisch in Fetzen von den Beinen. Aber immer wieder gelang es dem Mann, den Kopf der Bestie zurückzureißen. Endlich, als er der Erschöpfung nahe ivar, kam Hilfe. Tie beiden Buren hatten den Schuß gehört und waren darauf umgekehrt in der richtigen Annahme, daß die Löwin einen Menschen getroffen und angegriffen habe. Beim Nahen der Buren ließ die Löwin von ihrem Opfer und wandte sich zur Flucht, sodaß der Polizist sie loslassen mußte; sie wurde
aber nach den ersten Sätzen von der tödlichen Ku- gel eines Buren ereilt. Der junge Polizist starb leider an Blutvergiftung. Welche Kraft die Verzweiflung dem Manne gegeben hatte, geht daraus hervor, daß er der Löwin die Nase vollständig aufgerissen hatte. -a.
— Unter der schwarzen Maske. Eine eigenartige Szene spielt sich allmorgendlich im Harrpt- guartier der Newyorker Polizei ab. Auf ein Zeichen des Agenten öffnen sich die Pforten eines Nebensaales, in dem alle am vergangenen Tage unter irgend einem Verdacht verhafteten Personen zusammengebracht sind. Schon im Vorzimmer haben Männer wie Frauen den Hut abnehmen müssen, und im Saal des Geheimpolizisten erwartet sie ein seltsames Schauspiel. 150 Man- ner oder mehr, bisweilen sogar über 200 sind versammelt, aber nicht ein einziges Gesicht ist zu erkennen, denn alle tragen große schwarze Masken, die ihre Züge geheimnisvoll verhüllen. Vor wenigen Jahren noch kamen die Beamten ohne Masken zu dieser täglichen Parade des Verbrechens. Bald aber mußte man erfahren, daß ihnen dadurch ihr Beruf erschwert und in vielen Fällen der Erfolg ihrer Arbeit schwer geschädigt wurde. Denn die gewohnheitsmäßigen Verbrecher lernten auf diese Weise die geheimen Beamten der Kriminalpolizei kennen. Seitdem ist verfügt worden, daß alle Beamten mit Maske zu erschei- neu haben. Schnell und ohne Förmlichkeit voll- zieht sich die Besichtigung dec Verhafteten. Sie müssen den „schwarzen Gang" durchschreiten, der alte Gewohnheitseinbrecher, der, damit bereits vertraut, schnell die Stufen hinaufschreitet, wie die Dame, die im Laden bei einem Diebstahl ent- deckt wurde, das junge Mädchen, das der Zech- Prellerei beschuldigt wird, weil die Geldsendung von .Hause vielleicht nur um wenige Stunden zu spat ankommt, und der junge Handlungsgehilfe der die ihm anvertraute Kasse schlecht verwaltete. „Gesicht geradeaus", tönt es dann kurz durch den Raum, und eine Weile heften sich die Blicke von vierhundert Augen auf das Gesicht des Verbak-
— Eine neue Art, sich vom Leben zum Tode zu befördern, haben die Chinesen erfunden, indem sie Gold verschlucken. Es handelt sich jedoch nicht etwa um Gold in Pulver oder in Blättern, sondern um ein Stück Gold, das einen gewissen Umfang haben muß. Das Gewicht des Goldklumpens verhindert denselben, seinen Weg durch die verschlungenen Wege der Gedärme zu nehmen, sondern es drückt infolge seines Gewichts auf du Teil des, Darmes, wo es liegen bleibt und zerstört ihn in wenigen Tagen, was den sicheren Tod zur Folge hat. Diesen luxuriösen Selbstmord können sich natürlich nur sehr reiche Leute leisten, für den armen Teufel ist es nichts.
-p.
— Marschleistung einer Katze. Vor etwa einem Monat wurde eine Katze von Newcastle nach Too- ting verbracht. Die beiden Orte liegen etwa 450 Kilometer auseinander. Zwei Tage nach ihrer Ankunft in Tooting verschwand die Katze und ist letzter Tage wieder in ihrer früheren Behausung angelangt. Diese Marschleistung verdient bekannt zu werden, denn es ist wohl selten, daß eine Katze einen Weg von solcher Entfernung zurück- legt -p.
— Rausch. „Wann fan S' denn gestern vom Stammtisch heimkommen, Herr Gründünger?" — „Kann's net g’nau sag'»; zuerst hab' i' mi’ allweil d'sonnen, ob i’ hoamyeh' soll, und bis i' richti' zur B'sinnung kommen bm, hab' i's verlor'n g'habtff
Deutsches Reich.
• Zur Finanzreform hatte die Freuzftg/, bekanntlich u. a. mitgeteilt, da die Nachlaßsteuer für Kinder und Ehegatten als gescheidert zu betrachten sei, so würden im Reichsschatzamt Er- satzvorschläge vorbereitet. Die meiste Aussicht auf Verwirklichung scheine die Erhöhung der Matrikularbeiträge von 80 Pfg. auf etwa zwe Mark für den Kopf der Bevölkerung zu haben. Hierzu schreibt man uns aus Berlin: An dieser Meldung ist richtig, daß eine derartige Regelun« । des Ersatzes der Nachlaßsteuer den Wünschen vieler Konservativen sehr entspräche — damit dürfte die Richtigkeit aber auch schon erschöpft sein. I O Zentrum und Inseratensteuer. Gegnerische Blätter melden, daß die Zentrumsfraktion des Reichstages, die bisher entschlossen gewesen sei, für die Jnseratensteuer einzutreten, plötzlich au: eindringliches Zureden der führenden Zentrumspresse ihren Standpunkt geändert habe. Diese Behauptung ist unrichtig. Das Zentrum hat sich schon in seiner Fraktionssitzung vom 19. November einmütig gegen die Jnseratensteuer erklärt seither hat es keine Sitzung mehr darüber gehäb: und braucht sich deshalb auch nicht anders zu stellen. Wenn nur alle Liberalen fest bleiben.
c. Die Viehseuche,ikommission des Reichstages hat die erste Lesung des Gesetzentwurfes beendigt. Es wurde hierbei noch ein Zentrumsantrag angenommen, der vom Reichsgesundheitsamt eine volkstümliche Darstellung über die gesamten Dor- schriften des Gesetzes und Merkblätter über die einzelnen Viehseuchen fordert; diese sollen bann unentgeltlich unter den Landwirten verteilt werden.
— Einen Haupttrumpf gedachte der bekannte Abg. Müller-Memingen beiden Steuerdebatten gegen das Zentrum und gegen den Abg. Dr. Am Zehnhoff auSspielen zu können. Er bestntt dem Zentrum das Recht, gegen die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Kinder zu stimmen, da gerade Dr. Am Zehnhoff mit Unterstützung eines wesentlichen Teiles der Zentrumspaltei für dieselbe bei Schaffung der letzten Steuergesetze geworben habe. Der Schlag trifft völlig daneben! Die Steuer, wie Dr. Am Zehnhoff sie projektierte, war fo fein ausgebildet, daß weder niedere noch mittlere blaffe von ihr betroffen werden konnten. Für die Landwirtschaft erhielt fein Entwurf Bestimmungen, die eine Anwendung der Steuer für geradezu unmöglich machten. Abg. Am Zehnhoff fah die direkte Erbschaftssteuer kommen und suchte eben ein Ventil für die kleinen Leute und die Landwirtschaft zu schaffen. Wie sehr er recht hatte, beweisen die heutigen Tatsachen unumstößlich. Wenn einmal, so ist gerade in dieser Sache das Vorgehen deS Abg. Dr. Am Zchnhoff und des Zentrums, welches seinen Gedankengang erfaßte, glänzend gerechtfertigt worden.
r*3 Staatsgefährliches aus Posen. Der Pole Drzymala in Rakonewitz muß weiter frieren. Bekanntlich haust er mit seiner Familie in einem Zigeuuerwagen, weil ihm auf Grund des Ansiedelungsgesetzes die Erlaubnis zum Bau eines Hauses nicht erteilt wurde. Auf Anordnung des Landrats hat man ihm nun zum zweitenmale den Herd und den eisernen Öfen aus d m Zigeunerwagen entfernt. Da Drzy- mala die Kosten nicht zahlen konnte, hat man hm feine einzige Ziege gepfändet. — Auch pol
vermischtes.
* Der unbekannte Mörder. In Mannheim wurde ein gut gekleidetes Mädchen von etwa 20 Jahren von einem Mann in einem Hausflur überfallen und durch Dolchstiche, die die Schlagader des Halses durchschnitten, verletzt. Ehe Hilfe lani, war der Täter verschwunden. Das Mädchen, dessen Name unbekannt blieb, verblutete in wenigen Minuten.
* Der Maschinenschlosser Nthofs, der, wie kürzlich berichtet, als angeblicher Beamter der Düsseldorfer Polizeibehörde in dem katholischen Pastarat in Unterbach erschien und in Abwesenheit des Pastors eine Geldkassette mit etwa 5600 M beschlagnahmte, wurde vom Schwurgericht zu einer Zuchthausstrafe von acht Jahren bei zehnjährigem Ehrverlust verurteilt.
— Ein Scnsationsprozeß wird gegenwärtig vor dem MünchenerSchwurgericht gegen den Geheimen Hofrat Professor Dr. Büttner-Pfänner zu Thal aus Kobnrg wegen Verleitung zum Meineid verhandelt. Gleichzeitig mit ihm ist die Pri- vatiere Franziska Schweninger aus Innsbruck wegen zweifachen Meineides, zu dem sie nach der Anklage von Professor Büttner verleitet worden sei, angeklagt. Es handelt sich um eine recht häßliche Liebesgeschichte. Soweit man hier darauf eingehen kann, behauptet die Anklage, daß Bütt- ner im Jahre 1904 in München als angeblicher Kunstmaler Ferenczy-Roth sträflichen Verkehr gehabt habe, und als er im vergangenen Sommer deswegen zur Rechenschaft gezogen werden sollte, dre Mitangeklagte Schweninger veranlaßt habe, durch ein falsches Zeugnis zu bekunden, daß er nicht Fereneczy fei. Schwer belastet ist Büttner
Aus dem Nachbargebiet.
* Gelnhausen, 3. Dez. 1908. In Romsthal, Nendorf und Helfersdorf ist die Schwein e- s e u ch e, in Aufenau die Rotlaufseuche festgestellt worden. In Hettersroth und Kirchbracht ist die Schweineseuche erloschen. — Der Gemeinderechner Heinrich Brack in Wettges ist zum kommis - arischen Bürgermeister der Gemeinde Wettges ernannt und verpflichtet worden.
* Eisenach, 3. Dez. 1908. Durch die Unvor- lchtigkeit eines Fernsprechteilnehmers in einer Thüringer Stadt, der, als er nach Naumburg prechen wollte, die Kurbel seines Fernsprechers zu anhaltend und scharf gedreht hatte, ist eine Beamtin des Fernsprechamtes in Naumburg an ihrem Nervensystem fo geschädigt worden, daß sie sich in eine Jenaische Heilanstalt begeben mußte und vielleicht gar noch später Ansprüche auf eine lebenslängliche Rente erheben kann Wir wollen nicht unterlassen, diesen Vorfall als beherzigenswerte Warnung mitzuteilen. — Auf dem Rittergute Dippach hantierte ein Kutscher und ein Schäfer mit einer Pistole, die sich entlud und den Kut-
Erscheint täglich mit ,
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