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Fulda, Freitag den 4. Dezember 1908.

35. Iahrsitlttsi

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Verantw. Redattevrr Larl Schütte»

«rschetut täglich mit Aurnahmr der So m« und Feiertage, viertel­jährlicher vezugrpreir ohne Sringerlohn und Veßellgeld in Fulda ss> roieaurwärtrl.soMt.

Monatrdellager „8uldaer Geschichtrblätter"

r»reigt»: Vie ei» spaltige Petitzeile oder dere» Saum sS pfg. Retlamen drepetitzeile 25 Pfg., bei wieder« Holungen wird entspr, Rabatt geroShrt.

Sotationrdruckund Verlag der Fuldaer N> tiendrnckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

J.ParzeLer in Fulda. K)0^C1t6ctZ(tß6? „Zlluftriette Sonntagszeitung"

Erstes Matt

(Nachdruck verbotm.)

18J

JrrrückgekeHrt.

Erzählung von Melati von Java. Uebersetzt von Dr. I. B. Fuß.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 3. Dezember 1908.

Fortsetzung der Beratung der Anträge betr. die

Minifterverantwortlichkeit.

Abg. Graes (wirtsch. Bgg.): Wir sind für ein par­lamentarisches System nicht zu haben; die Anträge lehnen wir auch ab. Man kann durch kein Verant- wortlichkettsgesetz einen Reichskanzler zwingen, sich zu einer bestimmten Anschauung zu äußern. Der Fleisinn hat gar keine Farbe bekannt, ob er das parlamentarische System wünscht. Das persönliche Regiment hängt von der Persönlichkeit des Monarchen ab; ein kraftvoller Monarch wird sich immer durchzusetzen wiflen. Wir stimmen gegen alle Anträge. (Berfall rechts.)

Abg. Naumann (srs. Bgg.): Der Abg. v. Dirksen hat sich in seiner gestrigen Rede zwar im allgemeinen gegen unsere Anträge ausgesprochen, aber er führte dem Reichstage selbst eine Anzahl von Machtmitteln des Haches vor. Er nannte die Adreffe an den Kaiser. Ganz recht! aber, als der Gedanke aufgeworfen wurde, an den Kaiser eine Adresse zu richten, da waren es gerade die Herren von der Rechten, für die Herr v. Dirksen ge>prochen hat, die dieses Machtmittel nicht anwenden wollten. (Sehr wahr! links.) Ferner hat Herr v. Dirksen auch das Budgetrecht als ein Machtmittel bezeichnet. Ich fürchte aber, wenn wir nach dieser Me.hode vorgehen wollten, dann würde man dort von rechlS uns sagen: wie kann man eine nationale Ausgabe wie die Finanzresorm darunter leiden lassen, daß man zugleich mit ihrer Hilse politische Fortschritte erstreben will! Sehr gut! links) Dann hat der Abg. Ledebour einen Appell an die bürgerlichen Parteien gerichtet, sie sollten diese Mittel in der jetzigen Situation der Reichsfinanzen anwenden. Aber die Sozialdemokraten werden sich des Nürnberger Parteitag« erinnern, dessen Beschluß es ihnen unmög­lich macht, in eine derartige politische Aktion überhaupt einzutreten. Daher ist dieses Verfahren auS Mangel an der möglichen Mehrheilsbrldung im Augenblick leider nicht ernsthait dtkutabel. Wie kann dann im Lause eines Menschenalters in einem Volk, das so viel Zerspaltenheit in seiner Geschichte hat, mit einem­mal der Geist nationaler einheitlicher Politik zur Sicherheit werden! Die großen organisatorischen Talente, die Deutschland besitzt, die es beweist in seiner Industrie und Landwirtschaft, die großen Talente, von denen die Sqndikalsbildungen der letzten Jahre fabel­hafte Beispiele geliefert haben, sie haben sich mit dem Problem der Ersparung von Straft und des geordneten Mechanismus im parlamentarischen HaushaUe bisher nrcht beschäftigt. Der Reichstag ist heute nur ein fleißiger Hilfsapparat der nationalen AUtagsarb eit. Warum ist dieses Bolksvertretungssystem so schwach. Der Bundesrat arbeitet geheim. Aber darin liegt die große Kunst des Apparates, daß er nach außen fertig und abgeglättet heraustritt. Dieser Apparat kann Sachver-ändige und Berater heranziehen, wenn er will. Er ist unauflösbar, auf Erblichkeit begründet, wechselnd zwar durch das Kommen und Gehen der einzelnen Personen, aber sozusagen unveränderlich in der Institution. Der Reichstag kommt und geht end wenn er nicht gefällt, dann wird er aufgelöst. Ach unterschätze nicht den großen Dialog zwilchen Volksvertretung und Krone, der über den Erdball hm- gerollt ist zu allen Ländern, wo überhaupt politisch gedacht wird. iZustimmung links und in der Mille.) Wir wiflen, daß es ein Stück auf dem Wege ist, um dem deutschen Reichstage zu etwas mehr geschichtlichem Verantivortlichkeitsgefühl und politischem Gefamkeinfluß zu verhelfen. (Sehr wahr! links.) Wrr wollen nicht eine schematische Nachahmung Englands, aber wir wollen doch in der Geiamtrichtung der englilchen Entwickelung vorwärts gehen. Dazu müssen wir eine Stärkung der Verantwortlichkeiisgefühle des Bolles im ganzen erreichen. Die Sozialdemokratie hat den Stier bei den Hörnern gefaßt, sie hat gefor­dert, daß wir unsererseits die Absetzung des Reichs­kanzlers aussprechen können. Ich sage nichts dagegen. Jedes Volk, welches auf politische Rechte hätt, muß dieses Ziel haben, daß der erste ausführende Berireler jeS Staates unmöglich wird, wenn er nicht das Ver- itaueu der Mehrheit der Volksvertretung besitzt, lieber die Anträge, die wir und andere Parteien eingebracht

Verdini hatte unbegreiflich schnell einen hüb­schen Löwen modelliert und dem Bürgermeister und seiner Tochter gezeigt.

Urfbla liest sich herab, die Arbeit sehr gut zu finden, und da auch der Preis, den er für die Bild­hauerarbeit forderte, nicht zu hoch zu sein schien, beschloß man, ihui die Arbeit zu übertragen.

Gertrud hielt cs eigentlich für Versctstvendung; sie hatte einige Veränderungen auf Groenezathe gewünscht, aber dast ihr Zukünftiger nun so hef. tig vom Baufieber ergriffen war, fand sie, be- wnders im Hinblick auf gewisse zu erwartende Verwicklungen, weniger angenehm.

Aber daran war nichts zu ändern. Sobald Ursula bemerkte, daß Gertrud mit diesem Plane nicht einverstanden war, setzte sie ihn mit aller Kraft durch. Sie fand es dabei interessant, dem Italiener gegenüber ihre Kunstkenntnisse zu zei­gen und sie veranlahte ihren Vater, ihm ein Zimmer als Atelier zu überlassen. Bei Tisch wurde wegen der Standbilder mehr als sonst ge­sprochen und so erfuhr Lucia auch alles.

Als Viktorine sie eines Tages abholte, um Ie zur Kirche zu bringen, wo sie bei dem Goites- ienst das Harmonium spielte, schien sie etwas auf dem Herzen zu haben.

„Hast Du den fremden Mldhauer schon ge­sehen. Viktorine?" fragte sie auf dem Wege.

„Ja, gewiß. Es ist derselbe, der an jenem Morgen, als ich so lange bei Dir geblieben war. Dich durch seine Stimme so an Deine Mutter er­innerte. Ich habe noch mit ihm gesprochen und ihm Auskunft erteilt.

„Oh, berl"

Sie schwieg eine Weile und fuhr dann fort:

haben, bin ich der Ansicht, daß wir zur Besserung dL Verhältnisse einsetzen müffen bei unserer Geschäftsord­nung; die Arbeitsmethode muß vereinfacht iverden. Die Stellung der Reichstagspräsidiums muß politisch gehoben werden. Bei diesen Fragen müssen partei­politische Fragen ausscheiden. Wir müflen große und kleine Interpellationen zulaflen, letztere mit einer Be­schlußfassung. Wir müflen die Frage in den Vorder­grund stellen: Was ist daS Parlament wert? Ein rein juristischer Schematismus genügt dem Volke nicht. Das Verantwortlichkeiksaesetz schallet die Talente nicht aus; dieses soll eine Waffe sein, die an der Wand hängt, aber vor derselben muß man Angst haben. (Bei­fall.) Wir wollen hoffen, daß der Reichskanzler uns einen Entwurf vorlegen wird, der der Stimmung des Volkes Rechnung trägt. (Beifall.)

Abg. Binbewald (Refp.) gibt namenS seiner Partei die Erklärung ab, daß sie für die Erweiterung der Verantwortlichkeit des Reichskanzlees und seiner Stell­vertreter eintreten werden. Demgemäß würden sie für die Anträge des Zentrums und der Polen stimmen.

Abg. Singer (Soz.): Aus Herrn Naumanns schöner Rede kann niemand ersehen, 'was er nun eigentlich will. Er hat von den Machtmitteln des Reichstages gesprochen, aber er verzichtet darauf, auch nur mit einem Wort anzudeuten, ob er gewillt ist, von diesen Machtmitteln Gebrauch zu machen. Woher stammt denn das Wort von der Erpresserpolitik? Doch aus den Reihen der Freisinnigen. Wir haben die Wahl Naumanns unterstützt, ohne uns hätte er seine schöne Rede nicht halten können: der Freisinn aber hat auf unsere Kosten 32 Blockvruder ins Haus gebracht. Sie verhindern die Bildung einer OpposttionSmehrheit uns dann stellen Sie sich her und klagen uns an! Die ganze Rede Naumanns durchzieht ja auch ein Zug der Resignation. Seine heutige Rede war eine Grabrede auf fein einstiges Ideal Demokratie und Kaisertum! Der Redner beantragt bann, die Verfassungsanträge an eine besondere Kommission zu verweisen, an deren Beratung auch die Regierungsvertreter teilnehmen würden; dagegen die Anträge zur Geschäftsordnung gesondert an die Geschäftsordnungskommission, denn der Reichstag muffe streng darauf halten, daß seine Geschäitsordnung von jeder, auch unmittelbaren Be­einflussung frei c leibe. Die einzige Waffe des Reichs­tages ist die Geldbewilligung. Bei der Reichsfinanz­reform muß der Reichstag darauf beharren, daß er die Gelder erst bewilligt, wenn er die gebotenen Garantien hat. Das Volk steht hier ganz hinter dem Reichstag. Wenn diese Gelegenheit nicht benützt wird, bann traut man allen Versicherungen nicht mehr- Das persönliche Regiment ist dahin. Deutschland wurde unter feiner Herrschaft zum Gespött der Welt. (Beifall linß.)

Abg. Dietrich (I.) bekämpft den Antrag, wonach an die Besprechung bon Interpellationen Beschlüsse ange­knüpft werden können. Der Vorschlag, daß bei Der Kriegserklärung der Reichstag mitwirken soll, ist so un­geheuerlich, datz ich bitten möchte, ihn nicht einmal der Ehre einer Kommissionsberatung zu würdigen. Ebenso unannehmbar ist für uns der Antrag Brandys, wonach die Berufung deS Reichstages erfolgen muh, sobald sie von einem Drittel der Mitglieder verlangt wird. Die Schaffung von verantwortlichen Reichsministern wider­spricht dem förderativen Charakter des Reichs. Die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers haben wir schon in der Freiheit der Kritik und in der Wucht der öffent­lichen Meinung. Wir haben das Vertrauen zu einem Kaiferwort, an dein wir nicht rütteln wollen. (Zuruf: Hurra!) Wir lehnen sämtliche Anträge ab.

Abg. Tr. Ricklin (Els.): Wir werden für alle An­träge eintreten, welche geeignet erscheinen, im deut­schen Reich das parlamentarische Regime einzuführen und den Einfluß des Reichstages auf den Gang der inneren und äußeren Politik zu verstärken.

Damit fchließt die Besprechung. Die Antragsteller erhalten das Schlußwort.

Abg. v. Payer (Vp.): DaS Schicksal dieser Vorlage kennt man; sie gehen an eine Kommission; sie wer­den auch wieder herauSkommen, hoffentlich mit erheb­lichen Verbesserungen. Dem Bundesrat schulden wir keinen Dank für die Anwesenheit; aber sie ist immer­hin ein Fortschritt. Wollte der Bundesrat die Anträge rundweg ablehnen, dann hätte er eine andere Sprache gefunden. Die Entschließungen deS Bundesrates wer­den nicht negativ ausfallen (Sehr gut! links.) Der Abg. Dircksen hat gemeint, durch ein Ministerverant- wortlichkeitsgesetz würde das parlamentarische Siegt» ment in das deutsche Reich einziehen, ich wollte, er hätte recht, aber der Abg. Dircksen hat die Begriffe „purla-

mentarisch" unb „konstitutionell" nicht scharf auSein- anbergehalten. Bei der jetzigen Zusammensetzung deS Reichstages wäre ein parlamentarisches Regiment überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit. Nehmen Sie einmal an, das Zentrum und die Sozialdemokratie hat- ten die Mehrheil, und es sollte nun ein parlamenta- rischeS Regiment eingeführt werden, welche Partei sollte bann die Minister stellen? Etwa das Zentrum allein? (Abg. Dr. Spahn schüttelt mit dem Kopf.) Der Abg. Dr. Spahn verneint das; bann etwa die -So­zialdemokratie? Herr Dr. Spahn verneint auch das. Es bliebe dann also nur übrig, daß beide Parteien ge- meinsam die Minister stellten, und für ein solches par­lamentarisches Regiment würde selbst ich mich bedan­ken.

Abg. v. Tzimbowski (Pole) empfiehlt nochmals kurz den polnischen Antrag. Wir unterstützen die konsti­tutionelle Bewegung. Die Haltung des Bundesrates ist ganz unbefrtedigend.

Abg. Heine (Soziald.) wünscht, daß die Aenderung der Geschäftsordnung sofort erfolgen soll. Redner ver­teidigt den Antrag der Sozialdemokraten. Der Abg. Funk habe den sozialdemokratischen Antrag stark kriti­siert; aber was er aussetzte, steht gar nicht in unterem Antrag, sondern im freisinnigen, (große Heiterkeit) also bei seinem Blockbruder. (Heiterkeit.) Unser Volk null, datz Dinge, wie wr sie vor 14 Tagen besprochen haben, nicht mehr Vorkommen. Wir reden nicht über die Poli­tik von übermorgen, sondern über die von heute. Stemmt im Reichstage nichts zustande, so sprechen die Leute außerhalb des Haufes, spätestens bei den nach- ften Wahlen. (Sehr gut!) Wir sorgen dafür, datz die Sache nicht vergessen wird. (Seif.) Man hat davon gesprochen, datz unsere Anträge geeignet seien, eine Kluft zwischen Krone unb Volk zu schaffen. Tas erin­nert mich an das Wort aus den 40er Jahren: Zwi­schen mich und mein Volk soll sich kein Stück Papier drängen I Tas Bleibende ist das Volk. Beim Volk liegt der Schwerpunkt. Was dem Volke am besten dient, das dient auch am besten dem Vaterlande. (Bei- fall links.)

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Gegenüber den vielen schiefen und unrichtigen Auslegungen unseres Stand- punltes berufe ich mich noch einmal auf die Ausfüh­rungen des Freiherrn v. Hertling vom 10. November und auf das, was ich gestern gesagt habe. Es handelt sich bei der ganzen Debatte nicht um daS Verhältnis von Mensch zu Mensch, sondern um das von Kanzler zum Reichstag. (Sehr richtig! im Zentrum.) Wrr verlangen, wie gesagt, daß der Kanzler den Wtllen und dte Kraft besitzt. den Einfluß zubcwahren, der ihm zusteht. ES ist gesagt worden, wir hätten uns die Sache leicht ge­macht, und eine Resolution übers Knie gebrochen. Wenn es auf die Fixigkeit angekommen wäre, so hätten wir in derselben Stunde, in der unsere Resolution an den Reichstag ging, auch einen Entwurf fertigstellen kön­nen. Aber wir haben schwere Bedenken gegen einen ausgearbeiteten Gesetzentwurf gehabt. Und ich mutz dazu bemerken: Wenn das Ministerium einen Ge- setzent ourf einbriugt, und er kommt nachher nicht zu­stande, so trägt es allein die Verantwortung. Wenn wir aber einen Gesetzentwurf einbringen, und er bringt nachher nicht durch, so ist der Reichstag nicht nur blamiert, und trägt er nicht allein die Verantwor­tung, sondern dann wird ihm auch der Bundesrat sa­gen, wir denken nicht daran, euch einen Entwurf an- zubieten, denn ihr seid nicht einmal imstande, den eigenen durchzubringen. (Bravo! im Ztr.) Ich hoffe, daß die Kounnission einen befriedigenden Gesetzent- Wurf fertigbringen wird. Allrdings habe ich augen­blicklich nach den gestrigen und heutigen Reden der ein­zelnen Parteien wenig Hoffnung. (Sehr rich­tig! im Ztr.) Sehr gewundert habe ich mich über daS, was der Abg. v. Payer über das Zusammenwirken von Zentrum unb Sozialdemokraten in einem aus diesen Parteien gebildeten Ministerium gesagt hat. Ich habe den Kopf geschüttelt, daß ein Mann von der Stellung des Herrn v. Payer derartiges in den Mund nehmen kann. Es gibt innerlich keinen größeren Widerspruch und keinen größeren Unterschied als den der zwischen uns und den Sozialdemokraten besteht. (Stürm. Beif. im Ztr.) Der Abgrund zwischen unS unb ihr ist diel breiter als der zwischen ihr und Herrn von Payer. (Stürm. Beifall im Ztr.) Zum Schluffe wiederhole ich noch einmal kurz, was wir immer gesagt haben, und was ich auch gestern noch einmal ausdrücklch erklärt habe: Wir sind der Auffassung, daß eine Verfassung?, änberung bezüglich des Reichskanzlers oder des Bun- deSrats oder des Kaisers nicht notwendig ist, sondern

daß daS, was die bestehende Verfassung gewährt, in der entschiedensten Weise ausgeführt werden muß, und daS wird genügen. (Lebhafter Beifall im Ztr.)

Es folgt die Abstimmung. Die sämtlichen Anträge und Nesolutioneii gehen an die auf 28 Mit­glieder verstärkte Geschäftsordnungskommifsion. Die Konservativen enthielten sich der Abstimmung.

Ter Präsident beraumt die nächste Sitzung auf Samstag an: Erste Lesung des Etats.

Abg. GieSberts (Ztr.) beantragte, am Samstag die Gewerbeordnungsnovelle zu erledigen. Es sei durch die Presse die Nachricht gegangen, daß eine Abord­nung der Arbeitgeberverbände an den Präsidenten herangetreten sei mit der Bitte, die Er­ledigung der Novelle ein Jahr hinauszuschieben. (Lebh. Höri! Hört!) Er sei überzeugt, daß der Präsident sich nicht beeinflussen lassen werde.

Abg. Bassermann (ntl.) schlägt vor, die Novelle morgen zu erledigen.

Abg. Singer ISoz.) schließt sich an, ebenso Schack (wirttch. Vgg.) und v. Normann (kons.)

Di: nächste Sitzung ist deshalb Freitag. Auf der Tagesordnung steht: Gewerbeordnungsnovelle.

C. Konstitmermrg des Landes-Aus" Schusses der preufj. Zerrtrumspartei.

Am Dienstag den 1. Dezember d. I. fand zu Berlin in einemBeratungszimmer desAbgeordneten« Hauses die schon lange dringend gewünschte und tn sorgfältigen Vorberatungen vorbereitete Be­gründung eines Landesausschusies der preußischen Zentrumspartei statt.

DaS Bedürfnis nach einheitlicher und straffer, zugleich aber auch vielseitiger und auf breiter Grundlage aufgebauter Organisation machte sich angesichts der wachsenden Kompliziertheit aller Parteiverhältnisie immer mehr geltend und führte zunächst zu einer Zentralisation in den Provinzen und darunter besonders in denjenigen, in denen die Partei über eine große Zahl von Anhängern verfügt. Hier wurden die lebendigen Kräfte der Partei in den einzelnen Gemeinden, Kreisen und Wahlkreisen zusammengefaßt; an die Spitze trat ein Provinzial - Ausschuß, der sich die erforder­lichen Arbeits-Organe durch Anstellung von Par­tei-Sekretären und Partei-BureauS schuf und daS Beitragswesen ordnete.

In dieser Weife sind bereits die Rheinprovinz, Westfalen, Schlesien, Kurheffen und Naffau auf8 vorzüglichste organisiert; in den meisten der übrigen Provinzen ist die Organifation teils wähl-" kreisweise durchgeführt, teils in der Entwickelung begriffen.

Dieses auf dem unerschütterlichen Fundamente der Parteitreue und des Voltswillens errichtete Organisations-Gebäude durch Schaffung einer Landeszentrale zu krönen, war das Verlangen der Gesamipartei. Die Konstituierung des Lander- Austchufses ist die Erfüllung dieses Wünschest

Der LandeS-AuSschuß der preuß. Zentrums-, pari« ist unter Währung der Selbständigkeit der Provinzial- und Lanoes-Organisationen zuständig für bte Förderung der Partei - Organisation in Preußen, insbesondere in den Provinzen, in denen eine solche nicht besteht, und für die Verständi­gung zwischen den preußischen Provinzial-Orga« nisationen über die bei Reichs- und Landtags- wählen (Haupt- und Ertatzwahlen) zu beobach­tende Taktik, insbesondere hinsichtlich deS Ab­schlusses von Wahlbündnissen mit anderen Par­teien und von Kompromissen bei Stichwahlen.

Der Landesausschuß besteht aus folgen­den Mitgliedern: 1) Den Vorstandsmitglie­dern der Zentrumssrak'ion des preußischen Ab- geordnetenyauses: Dr. Porsch, Herold, Dr. Ditt- rich, Roeren, Strombeck, Kirsch, Graf Strachwitz-

„Das freut mich sehr."

„Warum denn?"

„Nun, weil seine Stimme mir so sympathisch ist und ich also denke, daß er tun wird, um was ich ihn bitten will."

„Willst Du ihn um etwas bitten, Lucia?"

„Ja, Rina. Und Dir kann ich es wohl er­zählen, aber für andere muß es vorläufig ein Geheimnis sein. Du weißt, ich habe noch ein wenig Geld. Papa gibt mir alle drei Monate mehr als genug, um mich zu kleiden und für meine Armen. Nun, Du weißt, ich habe nicht viele Kleider nötig und meine Armen stehen sich nicht schlecht dabei, und nun habe ich feit einigen Jahren immer etwas beiseite gelegt — um einen neuen Grabstein für Mamas Grab machen zu lassen. Ich fonnte den Gedanken nicht ertragen, daß es so verwahrlost aussieht und daß, während hier das Haus so schön wird für die neue Frau van Hogenvoorde, die Stelle, wo die erste ruht, sich in einem so traurigen Zustande befindet."

„Daran erkenne ich wieder meine Lucia", sagte Viktorine tief gerührt. „Und wieviel hast Tu gespart?"

„Zweihundertdreißig Gulden."

„Dafür kannst Du gewiß ein sehr schönes Grabmal bekommen", sagte Viktorine, obgleich sie wenig davon verstand, in sehr entschiedenem Tone, und wenn Du vielleicht zu wenig hast, wird Papa Dir gewiß noch etwas geben. .

„Nein", antwortete Lucia, „das geht nicht. Ich will es selbst geben, und darum möchte ich so gerne einmal mit diesem Bildhauer sprechen. Also glaubst Du, daß es hinreicht?"

„Ganz gewiß."

„Wenn ich nur einmal mit ihm gesprochen habe, dann werde ich zufrieden fein. Es hat feine Eile, PapaS Arbeit geht natürlich vor, aber oh, ich sehe es vor mir, so etwas Anmutiges und doch Erhabenes. Gerade etwas, was meiner lieben Dlutter würdig ist."

„Still, ich sehe ihn dort gerade ankommen." Wirklich kam Verdint den beiden Mädchen ent­

gegen; er hatte jetzt einen Sommeranzug an, der ihn sehr gut kleidete, und Viktorine mußte ge­stehen, daß sein Aeußeres sehr sympathisch war.

„Ein Italiener! Wie gerne möchte ich ihn von meinem teuren Vaterlande sprechen hören", dachte sie. „Er kommt gerade aus Italien! Ich meine die Orangenblüten zu riechen, wenn er an mir vorbeigeht."

Aber diesen Gedanken, den sie selbst für tö­richt hielt, gestand sie nicht einmal Lucia."

„Ist er vorbei?"

„Ja, und er schien uns wieder zu erkennen, denn er grüßte."

„Eine Blinde und ihre Führerin erkennt man immer", sagte Lucia traurig, „unb außerdem grüßt man hier jeden."

Er blieb aber an der Straßenecke stehen unb sah den beiden nach, wie sie langsam weitergingen und als sie weit genug von ihm entfernt waren, daß es fein Aussehen erregen konnte, folgte er ihnen.

Sie schlugen eine Seitenstraße ein, die zur Kirche führte; die Fabrikmädchen, die vor der Kirche standen, grüßten sie freundlich. Lucia streckte mitunter die Hand aus und dann flogen die Kinder auf sie zu und ergriffen sie mit gro­ßer Freude.

Sie verschwanden in der Kirche und die Mäd­chen folgten ihnen. Verdint trat auch hinein; er verbarg sich hinter einem Pfeiler unb sah um sich.

„Oh, warum finde ich meine alte Kirche nicht mehr wieder?" seufzte er, „bann hätte ich viel­leicht beten können, wie ich es wünsche. Dann wäre der Geist der Vergangenheit über mich ge­kommen und ich hätte sie alle wiedergesehen, die ich so lieb hatte; aber diese Kirche sagt mir nichts. Sie ist so neunwdisch, besonders die Bilder find unschön, alles ist meinen Augen fremd und meine Seele bleibt still und totl

Er sah, wie die Mädchen allmählich die Kirche füllten unb der Priester zum Altäre ging.

„Der gute, alte Pfarrer, der fo viele Mühe

mit mir hatte, ist auch schon lange zur Ruhe ge­gangen. Wie schade l Ich würde zuerst zu ihm gegangen sein und mich ihm zu erkennen gegeben haben. Er hätte mich nicht verstoßen — den armen, einsamen Flüchtling!"

Führerin zwischen ihnen kniete unb den Ton aus dem Harmonium und erfüllte die Kirche; die Mädchen fangen mit und er bemerkte, daß LuciaS Führerin zwischen ihnenen kniete unb ben Ton angab.

Ter Anschlag war nicht kräftig, aber unbe­schreiblich zart unb fromm. Die feinsten Töne erfüllten die Kirche wie mit bem Dufte von Lilien unb Rosen; und unter ben ungeübten, oft rauhen Stimmen der Mädchen schwebte ihr eigenes sanftes und süßes Organ, eine Engel­stimme zwischen denen gewöhnlicher Menschenkin- ber, ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht und sie mit seinem Glanze vergoldet.

Diese Stimme und dieses Spiel betete, klagte, weinte, flehte, jubelte Gott und seinen Heiligen zu Ehren; die Seele der armen Blinden, auf der einen Seite von der Außenwelt abgeschlossen, ent­faltete sich desto voller auf der anderen. Sie brach die irdischen Fesseln, die sie umschlossen unb stieg jauchzend in Freude und Dankbarkeit in höhere Sphären.

Verdini hörte andächtig zu unb große Tränen füllten seine Augen, die schon so lange bas Wei­nen verlernt hatten.

Schmerz, Reue, sehnliches Verlangen unb Hoffnung erfüllten seine Seele; er fiel auf die Kiste unb verbarg bas Gesicht in ben Hänbcn.

O Lucia I Süßer, lieber Engel! Du weißt nicht, tote wohl Du mit tust. Unb wem Du eS tust? Ich danke Dir, o mein Gott, ich danke Dir, daß ich sie hören darf, daß sie wenigstens mich noch erwartet; daß sie für mich betet. Deinem Gebete besonders habe ich es zu danken, arme Märtyrin, daß ich nicht tiefer gefallen bin, daß ich im Gewühl der Welt unb in der Brandung der Leidenschaften ben Glauben meiner Mutter und den Demigen picht verloren habe!" F-!-)