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»Station,drnSnnd Verlag der Zuldaer Ak- tiendrnckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Donnerstag den 3. Dezember 1908,

35. Jahrgang.

JW 279.

Zweites Wtcrtt.

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„Dieser" Reichstag «ud die

Sozialpolitik.

Auch Sozialpolitik treibt der Blockreichstag. Aber natürlich! Und die Blockhäupter sind nicht venig fiolz daraus, daß auch sie Sozialpolitik machen können, seit man das Zentrum an die Wand gedrückt hat. „Nun erst recht!" ist ihre Parole.

Freilich, sobald es sich um eine praktische Tat handelt, dann lautel's ander-. Dann heißt's: „nach Möglichkeit". WaS aber die „Möglichkeit" ist und waS außerhalb ihre» Bereiche» liegt, darüber entscheidet der Block.

Die Abstimmungen im Reichstage über den Schutz der verheirateten Frauen in Fa­briken hat in dieser Beziehung sehr interrffant« Belege beigebracht. Man sollte meinen, daß sich im deutschen Reichstage eine Mehrheit zum Schutze der Familie finden lasten müßte. „Dieser" Reichstag ist ja „national". Er will da» Wohl des Staate» und auch im Block, vielleicht mit Ausnahme eine» Teile» der „Asphaltliberalen" erkennt man in der Familie die seste Grundlage eines Staate». Bei den Beratungen über den Schlitz der in Fabriken beschäftigten Frau hätte Der Block die allerbeste Gelegenl)«it gehabt, diese 0 undlage der heutigen Gesellschaftsordnung zu stützen. Aber, aber . . . nur „nach Möglichkeit!" Das Zentrum verlangte, daß die Frau, die ein Hauswesen zu besorgen habe, an Samstagen und an Tagen vor Sonn» und Feiertagen 3 Stunden rher nach Hause gehen solle, bezw. daß sie nur 3 Stunden beschäftigt werden solle. Wer eine Ahnung vom Hauswesen hat, weiß, daß es in einer Familie, deren Leiterin tagau», tagein von morgen srüh bi» abend» spät in die Fabrik gebt, nicht so aussehen kann, wie e» die Hausfrau wünschen mag. Im Interesse auch der Pflege des Familienleben» durch die Männer wäre diese E'leichterung der Frauenarbeit sehr zu wünschen gewesen. Wenn der Arbeiter zu einem Teile mehr Zeit im Wirtshause verbringt, al» nötig ist, waS ist da die Schuld daran? Zum großen Teil da» unzureichend bestellte Hauswesen. Stur zu oft ist ein so bestellte» ArbeiterhauSwesen frostig und unfreundlich. ES fehlt ihm der heimi!che Zug, die Bequemlichkeit, die Annehm­lichkeit.

Man hätte also gar nicht erwarten sollen, daß eine im Jntereste der Hebung des Familien­leben» so zu begrüßende Maßnahme, wie die Ver­kürzung der SamStagsarbeit für verheiratete Ar­beiterinnen, bei der Mehrheit der Reichs Vertreter so wenig Anklang fand. Aber die Scharf» wacher waren an der Arbeit; die Vertreter der Texr il» Industrie belagerten am Montag und Dienstag die Wandelhalle de» Reichstages, um Die Abgeordneten in ihrem Sinne zu bearbeiten. Run, die sind auch Menschen und so sahen sie bald ein, daß die „Möglichkeit", dem Familien­leben diese Stärkung zu verschaffen, nicht vor­handen war. Also Ablehnung! Gründe waren aatürlich feil wie Brombeeren. Besonders wich« iig war für sie die angebliche Konkurrenz - Un- fämg'eit gegenüber dem AuSlande. Phrasen, zichts al» Phrasen! Zahlen denn z. B. die eng» fischen Unternehmer nicht bedeutend mehr Löhne als die unferrgen? Weit mehr, al» diese Mehr­

belastung der deutschen Unternehmer durch diese Sozialpolitik ansmacht! Ist nicht in England die Arbeitszeit kürzer? Hält nicht der Engländer trotzdem den Konkurrenzkampf auf seinem Spezial- gebiete gut au«? Diese so geringe Einschränkung der wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit der Unter­nehmer ist etwas unbequem, aber für die Pro» duktionSsähigkeit kaum von Belang.

Deutsches Reich.

s. Die Kommission des Reichstages für das Weingesetz lehnte zu § 3 den im Jnlerefse des schlesischen Weines gestellten Antrag ab, der die Möglichkeit der Zuckerung ohne jede örtliche Beschränkung geben wollte. Auch die im Jnte­reste der Motel gestellten Anträge auf Streichung der Anzeigepflicht für die Zuckerung wurde ab­gelehnt. Die Bestimmung über die Zulässigkeit des Zuckerzusatzes zum Zwecke der lkmgärung kranken Weines wurde gestrichen.

* Der liberale Abg. Dr. Müller-Mciningcu hat im Reichstag behauptet, die Zentrumspresse hccke den verstorbenen Freisinnsführer Eugen Richter mit Schmutz beworfen. Dem konsta­tiert die „Augsb. Postztg.", daß Richter mit Windthorst enger befreundet war und stets vom Zentrum gewählt wurde. Es ist ein vollendeter Unsinn, was Dr. Müller behauptet. Auf ihn gerade war Richter sehr schlecht zu sprechen und darum sollte Müller es unterlassen, sich als Verteidiger Richters aufzuwerfen, der von ihm nichts wissen wollte.

e. lieber die Wandgemälde im Sitzungs­saale des Reichstages fällt der Zcntrumsabge- ordnete Dr. Pfeiffer ein auf Anordnung des. Reichstagspräsidenten sämtlichen Mitgliedern des Reichstag« zugängig gemachte» Urteil, worin er u. a. sagt:

„Die SujetS, die dem freien künstlerischen Ermessen anheimgettelll waren, erscheinen nicht glücklich gewählt. Da es sich um den Repräfentationsraum des deutschen Volkes handelt, so wäre es wün>chenswert gewesen, Momente ans der Geschichte des deutschen Parlamentes in diesem Raume dargestellt zu sehen. Man kann hier­bei an bedeutungsvolle Szenen aus der Geschichte des alten deutschen Reiches denken, z. B. den Erlaß der goldenen Bulle, an den Reichstag von 1255, der auch das Bürgertum in den Vertretern der Städte zum Rate rief, an den Reichstag zu Münster, der den wcst- sälifchen Frieden brachte, ober an eine Episode des Regensburger Reichstages. Bor allem aber dürfte nicht fehlen eine Bezugnahme auf das Parlament des Jahres 1848 Für das Hauptgemälde würde die Szene der Eröffnung deS ersten Reichstages 1871 einen höchst er­freulichen Gegenstand geboten haben mit der Dar­stellung der berühmten Parlamentarier jener Zeit, die in ihrer Wesensart ür immer in der Geschichte des deutschen Volkes wirk am geworden sind."

Auch künstlerisch übt Dr. Pfeiffer an der Jankfchen Malerei eine außerordentlich scharfe Kritik, hält sie für unwahr und technisch für gänzlich unzulänglich. Die Darstellung der über den Vordergrund gebreiteten französischen Fahne mit der Blutlache über dem weißen Streifen er­klärt Dr. Pfeiffer direkt für geschmacklos. In der AuSschmückungSkommifsion des Reichstags wird, wie wir erfahren, von freikonservativer Seile der Antrag auf Ablehnung der Jank­fchen Wandgemälde gestellt werden. Wie wir weiter hören, hat der Antrag starke Aussicht aus Annahme. Die von Dr. Pfeiffer geübte Kritik ist von den Mitgliedern verschiedener Parteien sehr beisällig ausgenommen worden.

*’ Einst und Jetzt. Ein Zufall fpielt der ,Allg. Armee-Korr/ die Rangliste von 1818 in die Hände und regt zum Vergleich an. Er ist

nicht unintereffant. So z. B. zeigt er, wie spar- fam man damals mit Orden im Vergleich zu unserer Zeit war. Die 8 Adjutanten Friedrich Wilhelms III. besaßen zusammen 35 Orden. Der vor anderthalb Wochen verstorbene Chef des Militärkabinetts Graf Hülfen-Haeseler dagegen allein hatte deren 54! Generaloberst v. Plesfen trägt ihrer sogar 58, während die 5 der Armee angehörenden Flügeladjutanten des Kaisers zu­sammen über 100 Dekorationen besitzen! Der vornehmste Offizier des preußischen Heeres von 18t8, der Marschall Blücher, nannte nur 15 Orden sein eigen. Em Generalleutnant (v. Kosin-ki) hatte überhaupt keinen Orden — das wäre gegenwärtig einfach unmöglich.

* Protestantisierung des Ostens. Das Deutsche Volksblatt" für Westpreußen berichtet,: In Lissa fand die Einweihung des evangelischen Lehrerseminars statt. Vor kurzem konn­ten iviederum zwei evangelische Kirchen in der Provinz Posen eingeweiht werden, die neue Gemeindekirche in Kupferhammer, Kreis Meseritz, und die in S o n t o p im Kreise Neuto- mischl. In einem einzigen Monat sind der „Ger­mania" zufolge vier neue evangelische Kirchen in der Provinz Posen eingeweiht worden, und zwar in Kupserlxfmmer, Son top, Altraden, und in Alt- Boyen-Robaczyn. Tas ist natürlich kein Vor­dringen des Protestantismus in der Provinz Po- sen, sondern nur Förderung des Deutschtums. Sonderbar jedoch, daß das Deutschtum in der Ost­mark nur durch den Bau von evangelisechn Kir­chen und Schulen und Ansiedelung von Protestan­ten gefördert werden Fann. Soll eine katholische Kirche gebaut werden, dann wird Zeder und Mor- dio über ultramontane Propaganda und Vordriu- gen des Polentums geschrien. Wird aber der Bau einer evangelischen Kirche beschlossen, dann ist dieser überaus dringend, und die Genehmigung wird auf jeden Fall ohne Schwierigkeiten erteilt

]![ Dresden, 2. Dez. 1908. Die parla­mentarischen Kämpfe um die sächsische Wahl­rechtsreform neigen sich thremEnde zu. Am Dienstag fielen die Körperschastswahlen glatt unter den Tisch. Unter dem Widerspruch der Linken beseitigten die Konservativen sodann die Bestimmung der Eventualoorschläge, durch die die Zahl der Abgeordneten von 82 auf 96 er­höht werden soll. Bei der Erörterung der Wahl- trete»(Einteilung bereitet die Linke der Regierung einen heißen Kampf. Geheimrat Heink et Hätte, er habe vor Aufstellung der Einteilung mit ver­schiedenen Abgeordneten beraten. (Rufe links: „Mit uns aber nicht!"), auch mit dem Abgeord­neten Schmidt vom Bunde der Landwirte (Ruse: „Aha!") und mit natwnalliberalen Abgeordneten (Ruse: „Namen nennen!"). Trotz wiederholter Aufforderung nannte der Minister keinen Warnen außer dem Abgeordneten Schmidt. Es steht fest, daß die Regierung hauptsächlich Mitglieder der konseroatwen Fraktion über den Wahlkreis-Ent- murf befragte. Schließlich wurden sowohl die agrarische wie die liberale Wahlkreis»Einteilung abgelehnt. Es bleibt also bei der alten Eintei­lung mit ihrer Unterscheidung zwischen Land- und Stadtkreisen.

Ausland.

* Italiens auswärtige Politik. In der Italic- Nischen Deputiertenkammer wurde am Dienstag über eine Interpellation betreffend die auswärtige Politik verhandelt. Das Haus war überfüllt, auf den Tribünen ein auserwähltes Publikum, und vor dieser Corona führten Abge­

ordnete der äußersten Linken mehr als eine Vier- telstunde lang das widerliche Schauspiel auf, den ersten Redner durch wüsten Lärm nicht zv Worte kommen zu lasten. Es war Fufinatv, vor­maliger Unterstaatssekretär des Auswärtigen, der seinen Antrag auf Billigung der auswärtigen Politik der Regierung begründen wollte. Mit dem drohenden Verlangen, er solle seinen Antrag abändern, da dieser eine Beleidigung für Italien sei, lärmten die Sozialisten und die Republikaner, bis ihnen die Kräfte ausgingen. Fufinatv for­derte das Parlament auf, es möge im Interesse des Weltfriedens erklären, ob es die gegenwär­tige Richtung der Politik Italiens und fein Bündnissystem beibehalten wolle oder nicht. In Erwiderung auf die Rede Fusinatos sprach Bar» zilai heftig gegen Oesterreich wegen der An­nexion Bosniens. Die Zurückziehung der öster­reichisch-ungarischen Truppen aus dem Sandschak labe keinen Wert, und die Konzessionen an Mon­tenegro seien nicht derart, wie sie Italien ver­langen könne und müsse. Redner urteilte abfällig über die Begegnungen zwischen Tittcmi und Aehrenthal und sagte, der frühere Minister des Aeußern Nobilant habe in den Dreibundvertrag eine Klausel aufnehmen wollen, die die Verpflich­tung Oesterreichs enthielt, Italien für jede Ge­bietserweiterung entschädigen zu wollen. In einem Briefwechsel sei erklärt worden, daß die Entschädigung für die endgültige Annexion Bos­niens und der Herzegowina das Trentino sein könne. (Große Bewegung.) Barzrilai erklärte, die Dreibundpolitik könne nicht mehr zum Vorteil des Landes weitergeführt werden. Tie Regierung möge an die Zukunft denken und sich auf neue internationale Verbindungen vor­bereiten.

* Die Einführung des Wahlrechts für die, Frauen, die selbständig ein Gewerbe betreiben, beantragte eine Anzahl katholischer Deputierter in der italienischen Kammer bei der Beratung der Handelskammerreform. Minister Cocco Ortn erklärte sich für diesen, wie er sagte, den Geist der Mäßigung atmenden Antrag, während er einen prononciert sozialistischen ablehnte.

* Ein belgischer Sozialist über katholische Ordensleute. Der sozialistische Führer und De­putierte Vanderoelde ist wohl nicht allein wegen seiner kolonialfreundlichen Haltung der sozialisti­schen Partei ein Dorn im Auge, sondern auch wegen seine- sachlichen Urteil» über die katho­lischen Orden. Vanderoelde besuchte einige kath. Missionen während feiner so viel angefeindeten Reisen in den Kongostaat, die er im sozialiflischeil Blatte,Peuple' beschreibt. Unter den besuchten Missionsstellen befindet sich auch die von Jesuiten­patres geleitete Station Kiiantu mit einem großen Heim sür Obdachlose und Waisenkinder.

„Dort befinden sich" — schreibt Vanderoelde — „gegenwärtig 400 Knaben und 600 Mädchen. Man lehrt sie lesen, rechnen, schreiben und ein Handwerk und läßt sie später bei den MifstonSstationen sich an» siedeln, die abfeit» der Eingeborenendörfer liegen. Diese Stationen suche« die Missionäre zu vervielfältigen, sodaß ft« an die berühmten Kolonien am Paraguay erinnern. Rif antu präsentiert sich wunderbar. Weil« Strecken urbar gemachten Lande- umgeben die Mission von allen Seiten; die Gebäude find geräumig, und die neuen Lokale sür Schreinerei und Schlosserei zeigen di« große Handfertigkeit der von den Patre- erzogenen Neger. Die Kirche und die Wohnungen der Orvens- leute stehen inmitten blühender Gärten, die erst« FrühlingSvision, die wir in Afrika gesehen haben. Wir besuchten unter Leitung von Schwestern die Schule« und die Nählokale, wo Negermädchen in einfacher, ge­schmackvoller Kleidung an der Nähmaschine fitzen. Pater Bankaert bot mir eine „Grammatik der Bacongo" zur Erlernung des Franzüfischen an, die äußerst prak­tisch angelegt ist. Nachdem ich den wunderbare» Garten besichtigt, den ein bescheidener Mann der

AurückgekeHrt.

Erzählung von Melati von Java. Ueberfetzt von Dr. I. B. Fuß.

12| (Nachdruck verboten.!

„Das beste wäre, wenn sie mit Lucia irgend­wo allein wohnen könnte," sprach Gertrud nach kurzem Schweigen, „dann könnte ich noch ein er­trägliches Los haben. Ursula zum Hause hinaus und diese beiden auch — oder wenigstens in einem Hanse für sich und ganz von uns getrennt."

„Und ich, wo bleibe ich denn?"

„Du ziehst zu Deinem lieben Fred."

„Das würde etwas Schönes werden! Er, der . . . ."

„Ter sich herzlich bedanken würde, ine Mut­ter, welche alles für ihn geopfert hat, aufzuneh­men. Ja, er ist ein Engel von Selbstverleugnung. Wenn er vor zwei Jahren Viktorine geheiratet hätte, würde alles natürlich und ohne Aufschen abgelaufen fein, aber da wollte das dumme, oder besser gesagt schlaue Mädchen nicht, und nun dankt er dafür, ein armes Mädchen zu heiraten, be­quemer ist es, seine Schwester die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen."

Gerade kam das Mädchen mit der Mangel ins Zimmer, legte die Rollen hinein und obwohl das Gattze ziemlich schwer war, trug sie es auf den Speicher, um dort zu mangeln.

Es war ein freudloses Leben, das die arme, kleine Viktorine führte, und das ärgste für sie toar, daß sie so wenig von sich selbst wußte.

Aus ihrer Jygend hatte sie nur wenige Er­innerungen; sie erinnerte sich nur noch schwach, daß ihre Eltern irgendwo in Italien gewohnt hatten, sie sah noch den herrlichen blauen Golf von Genua, sie glaubte mitunter die süßen Düfte der Orangenblüten zu riechen, und dann fühlte sie noch auf ihren Wangen die zarten Liebkosun- gen ihrer Eltero»

i Wenn Lucia mit ihrer gefühlvollen Stimme M» schöne Lied fangt

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh'»?" dann traten ihr die Tränen in die Augen und ihre Kehle schien wie zugeschnürt zu sein. Warum wußte sie so wenig von ihrem Vaterland« und von ihren lieben Ellern? Danach wurde ihr alles dunkel und verwirrt in ihrem Geiste; sie erinnerte sich, viel gereift zu sein, mit oder ohne ihre Eltern, sie wußte es nicht; sie erinnerte sich nur vieler Eisenbahnwagen und hellerleuchieter Hoielsäle, und wo ihre Erinne­rungen wieder deutlicher wurden, sah sie sich im Pensionat, wo die Schwester sehr freundlich itnb die Kinder alle sehr lieb gegen sie waren; aber dann wurde sie plötzlich von einem Onkel Wy- laudts abgeholt; sie hatte bitter geweint, als sie von ihren Lehrerinnen und Mitschülerinnen Ab­schied nahm; sie konnte ihren Onkel so schlecht verstehen, sie wußte nicht, welche Sprache er redete. Sie verstand nur italienisch und französisch.

Zuerst kam sie zur Tante, und da weinte sie noch lauter und wollte nichts von der fremden Fran wissen. Bald wurde sie wieder zur Schule geschickt, aber jetzt in ein ganz einfaches Pensionat; die Kinder verstanden sie nicht und lachten sie ans, aber langsam gewann sie durch ihre Anmut und ihren liebenswürdigen Charakter aller Her­zen, und sie wurde der allgemeine Liebling; aber niemals konnte sie, wie die anderen Kinder nach Hause gehen. Niemals besuchten sie liebende Eltern oder herzliche Tanten. In ihrem sech­zehnten Jahre mutzte sie zu Onkel und Tante Wykandts kommen; das Haus in Amsterdam war prachtvoll eingerichtet, aber sie durfte nur alles besehen und erhielt ein armseliges Dachzimmer. Taute hielt sie zur Arbeit an, sie mußte nähen, flicken, waschen und kochen; was sie so gerne tat, musizieren, malen und wozu eine natürliche Nei­gung sie trieb, das durste sie nicht tun. Stets mutzte sie hören, daß sie ein armes Mädchen wäre und hier da» Gnadenbrot erhielte; Tante war sehr streng, Onkel dagegen still, unselbstän­dig und ganz unter dem Einflüsse seiner herrfch- füchtiqen Frau.

Onkel zu betrüben, so blieb ihr Entschluß doch un­erschütterlich.

„Ich habe nicht», keine Eltern, kein Vater­land, vielleicht feinen Namen — fein Geld —। ich habe nur mich selbst, und da» will ich nicht verlieren", antwortete sie mit einem Stolze, den niemand in dem Kinde vermutet hätte: und welche Mühe sich die ganze Familie auch geben mochte, sie blieb fest.

Kurze Zeit danach wurde ihr Onfel vom Schlage gerührt und starb. In all der Verwir­rung hörte sie ein Wort, da» ihr wie ein Peit­schenschlag durch das Gesicht fuhr; sie wußte nicht, ob Tante, Fred ober Gertrud es ausge­sprochen hatte, aber sie hatte das Wort verstan­den und jetzt noch hörte sie es mitunter in der einsamen Nacht:

„Sein Tod ist deine Schuld! Ebenso alle«, was folgen wird."

Das schöne Haus wurde verlassen, man be­zog eine viel bescheidenere Wohnung; Taute wurde noch unfreundlicher und strenger gegen sie. Gertrud war die meiste Zeit nicht zu Hause, sie selbst verrichtete Dienstbotenarbert, aber sie be­klagte sich nidjt.

Sie konnte ihre Weigerung nicht bereuen, be­sonders, als sie Fred oft in der schändlichsten Weise seiner Mutter gegenüber auftreten sah und er stets an Geldmangel zu leiden schien.

Ein solches Leben führten sie bis zu dem Tage, da dre Familie in die kleine Stadt zog und Gertrud sich mit Herrn van Hogenvorde Ver­lobte. Das einzige frettbige Ereignis, das dieser Umstand für Viftorine mit sich brachte, war ihr« Freundschaft mit Lucia und die damit verbunde­nen Stunden der Zerstreuung.

Sie merkte wohl, daß die Haushaltung immer mehr zurückgegangen war und daß Tante und Gertrud es sicher kein Jahr mehr aushalten konnten, wenn keine Rettung tarn. Auf den rei­chen Schwiegersohn war nun aller Hoffnung ge­richtet, felMt die Fred».

(Fortsetzung folgt.)

Zwei Jahre später änderte sich aber alles; sie erhielt schöne Kleider, durfte mit Gertrud aus­gehen, mit ihr und Tante Theater und Konzerte besuchen. Besuche machen und Abendgesellschaften beiwohnen und alle waren entzückt von dem ele­ganten, liebenswürdigen Mädchen, vor dem Gertrud in den Schatten trat.

Sie überluden sie mit Freundlichkeiten; selbst Fred, der sie sonst niemals beachtet hatte, war die Höflichkeit selbst, und eines Tages rief Tante sie zu sich und teilte ihr seinen Wunsch mit, sie zu heiraten, sie waren wohl miteinander ver­wandt, aber so weit, daß keine Dispens nötig war. Vater und Mutter, hieß es jetzt, liebten sie wie ihr eigenes Kind unb Fred fühle sich so zu ihr hingezogen; nein, sie konnte, sie durfte den Antrag nicht abschlagen.

Und doch weigerte sich Viktorine entschieden; Fred flößte ihr eine unüberwindliche Abneigung ein, wie übrigens die ganze Familie, den Onkel ausgenommen, mit dem sie Mitleid hatte und zu dem sie sich noch einigermaßen hingezogen fühlte. Nun folgten schwere Tage; es schien, als ob ihre Weigerung die ganze Familie in Trauer versenkt hätte. Tante schalt sie unbanfbar, und Gertrud nannte sie eine Närrin, die gewiß einen Prinzen erwartete, um ihn zu heiraten. Aber daS ärgste toar, daß Onkel, tote ein Kind weinend, sie in seine Arme schloß und sie anflehte, doch seinet­wegen nachzugeben und Freds Antrag anzuneh­men; warum, sagte er nicht, und sie verstarb nicht» davon.

Fred trug den Kopf stets fo hoch, er war un­erträglich eitel und leichtsinnig, er spottete über alles, er war irreligiös und, wenn fte sich auch in ihrer Unschuld fern« Rechenschaft davon geben konnte, sie fühlte es doch — er führt« ein aus­schweifendes Leben.

Eine geheime, ahnende Stimme sagte ihr, daß sie tief unglücklich mit ihm fein würde und daß nur irgend ein persönliches Jntereste, aber feine reine Liebe ihn veranlaßte, sie um ihre Hand zu bitten. Und tote schwer es ihr auch wurde, ihren