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picht zur Sache gehörten, in die Debatte zu ziehen. Angesichts des stürmischen Widerspruchs, der sich daraushin sosort aus der Linken erhob, läßt er aber schließlich seinen Einspruch fallen, vnd so zieht das Gewitter noch einmal vorüber. Nachdem damr noch der Abg. v. Mielczynski (Pole) den pcünischen Antrag in sachlicher Weise begründet, nahm der nationalliberale Abg. Dr. Junck zu den einzelnen Anträgen Stellung. Er äußerte zahlreiche Bedenken, erklärte aber die Bereitwilligkeit seiner Partei, in der Kommission mitzuarbeiten. Zum Schluß nahm dann noch der Abg. v. Di rcksen (Reichspartei) zu den An­trägen eine im wesentlichen ablehnende Haltung ein. — Das Feuer, daS heute gemacht wird, wird nicht einmal ausreichen, eine Zigarre daran anzuzünden, meinte einer der hervorragendsten Führer der Sozialdemokratie zu Beginn der Sitzung; er hat Recht behalten.

* Unterstaatssekretär Dr. Stemrich vom Auswärtigen Amt hat jetzt seinen Abschied ein- gereicht. Eine Entscheidung über dieses Gesuch ist noch nicht getroffen.

□ Wie sich die Regierung di« Finanzreform denkt. In der,Nordd. Allg. Ztg/ erscheint ein längerer offiziöser Arttkel, in dem die Regierung ihre An­sichten zu den bevorstehenden Verhandlungen der Reichstagskommisston für die Finanzreform aus­spricht. Der Verfasser sieht ziemlich hoffnungs­freudig ins Wetter, wenngleich er nicht verkennt, daß noch schwere und große Probleme vorliegen, „die an den Scharfsinn, die Arbeitskraft, die Ge­duld und den guten Willen der Kommissionsmit- ; «lieber die höchsten Anforderungen stellen." lieber Besteuerung der Massengenußmittel, also die Branut- ; wein-, Bier-, Tabak- und vielleicht auch die Wein- Steuer bestehen nach Meinung der ,Nordd. Allg. Ztg/ grundsätzliche Memungsverschiedenheiten der bürgerlichen Parteien nicht. Auch das Zentrum habe sich bei seinem Widerstand gegen direkte Reichs- einkommen- und Vermögenssteuer in die selbstver­ständliche Notwendigkeit versetzt, diesen Konsum­steuern zuzustimmen. Streitig fei nur noch das quantitative Verhältnis der Belastung durch die beiden Steuerarten, und sodann die Form der einzelnen Steuern- Die Frage der Sparsamkeit werde breit erörtet werden, müssen, und zu prüfen fein, wo durch organisatorische Vereinfachung und Modernisierung deS Geschäftsganges und der Lieferungsverfahren nutzbringende Ersparnisse ge­macht werden könnten, während da Halt zu machen sei, wo es sich um die dauernde Sicherung der Wehrhaftigkeit nach außen und der gesunden sozialen Entwicklung nach innen handele. Besonders lebhaft nimmt die offiziöse Kundgebung gegenüber dem Hinweise deS Zentrums auf die Steuerbewilligung auf Vorrat Stellung. Da heißt es:

„Mögen sich also Aenderungen der Einzelheiten alS Verbesserungen ergeben, mit Nachdruck mutz schon bei Beginn der KommissionSberatungen die Foroerung gefteUt werden, daß ihr Ziel eine gründliche und dauernde Sanierung der Reichssin anzen sei, nicht ein Flick- und Stückwerk, das einzelne Löcher im Etat für einige Jahre verschließt, dabei aber andere wieder ausreißl, indem es bp organischen Hebel weiter bestehen läßt. Es muß auf alle Fälle vermieden werden, daß daS deutsche Reich in zwei, drei Jahren wieder derselben Kalamität ins Angesicht zu schauen hat rote gegenwärtig. Der Bedarf, der sür nötig anerkannt wird, muß diesmal voll und ganz bewilligt werden und zwar durch Steuern, die tu sich selbst die Eeroähr tragen, daß die bewilligten Summen nicht abermals nur auf dem Papier zu finden sind, während ihr wirkliches Ereignis wett hinter der Bewilligung zurückdletbt."

Wenn dieser Appell wirksam sein soll, dann muß der ReichSfchatz!ekretär sich dessen bewußt fein, daß er ebensogut ihm selbst als den Kommissions- Mitgliedern gilt.

». Eine Umgestaltung der Reichs-Finanz­reform soll schon jetzt Geplant fein, kaum daß die erste Lesung des (f ivurfes beendet ist und die Kommission ihre io;tatungen begonnen hat. Wie nämlich die,Kreuzztg/ erfährt, „werden die Bestrebungen, die in Preußen vorgeschlagene Ein­führung der Gesellschafts-Steuer auf das Reich zu übertragen und zur Reform der Retchsfinanzen zu benutzen, voraussichtlich von Erfolg begleitet fein. Da ferner der Entwurf

BaUveh.

Bosnische Novellette von Knut v. Juliat.

Nahe der vierten Brücke, die über den Mil- fatschkabach im Herzen der Stadt Sarajewo führt, liegt ein modernes Weinhaus, wo sich die junge Kaufmannschaft der christlichen Bevölkerung mei­sten» an den Abenden zufammenfindet. Die Küche der Wiener Wirtin ist vortrefflich, und der Wein­keller des gesprächigen, lustigen Besitzers birgt in unantastbarer Echtheit die trefflichsten Gewächse. Da» ist schon Grund genug, sich eine gute Stamm- gesellschast zu sichern, aber mehr als Küche, Keller Und Garten ziehen doch die beiden schönen Töch­ter Doris und Therese die Gäste an.

Nicht etwa, als ob die beiden jungen Mäd­chen zur Bewirtung und Unterhaltung der Gäste tätig wären; nein, Mutter Haustein liebt weib­liche Bedienung nicht und hat zwei gewandte Wiener Kellner angestellt, für die Unterhaltung sorgt sie und ihr lustiger Gatte selber und das übrige müssen die vielen aufgelegten Zeitungen und Zeitschriften aus den verschiedensten Ländern besorgen. Aber — die schönen Töchter bewundert man doch, und mancher Gast blickt verstohlen nach dem klernen, behaglich eingerichteten Kontor neben dem großen Speisesaal, das mit seinem breiten, efeuumsponnenen Fenster nach dem Garten sieht und wo die Aeltere, Doris, treu und pedantisch die Geschäftsbücher führt; sie ist blond wie der Vater, schön mit ihrem blühenden, lachenden Ge­sicht, aber sie hat mehr das behäbige Temperament der Mutter, während die schlanke, zierliche, brü­nette Therese, mit den großen Augen und den kleinen Perlenzähnen den fröhlichen Humor des Vater» geerbt hat. Sie hält die Aufsicht in der Küche und hat daS Amt der Wächterin über Sil­ber- und Weibzeugschrank übernommen. Aus der Weißzeugkammer geht auch ein schmales Fenster nach dem Garten; kein Wunder, daß sie es öff­net, wenn sie darin Beschäftigung hat. Es ist dämmerig durch die dichten Baumkronen und zu ihrer Arbeit bedarf es der Helle. Tann lehnt Je sich gern hinaus und schaut ein Weilchen auf ie Gäste. Im Winter aber, wenn der Garten derlaffen liegt, dann wühlt sie gern im hohen Silberzeugschrank im Speiseschrank, gerade zur Zeit, wenn die junge Kaufmannschaft sich zusam­menfindet. I

einer Nach laß st euit sürKinbefMd EhegSttten schon nach dem Verlauf der ersten Lesung als gescheitert zu betrachten ist, so werden im Reichs- schatzamte Ersatzvorschläge vorbereitet, um in an- derer und besserer Weise die Heranziehung des Besitzes zu ermöglichen. Die meiste Aussicht auf Verwirklichung scheint die Erhöhung der Matrikular-Beiträge von 80 Pfg., wie der Entwurf vorsieht, auf etwa 2 Mark für den Kopf der Bevölkerung zu haben. Eine Reichs- VermögenSsteuer findet nach wie vor entschiedenen Widerspruch bei den verbündeten Regierungen." b. Die Steuerkommission des Reichstages ist am Mittwoch zusammengetreten. Zunächf wird man sich über den notwendigen Bedar unterhalten. Da die Unterlagen aber erst in den nächsten Tagen beschafft werden können, wird man zunächst am Donnerstag die Schuldentilgung behandeln.

a. Die Automobikommission des Reichstages hat ihre Beratungen ausgenommen. Sie hat den § 1 in einer Fassung angenommen, wonach bei Verletzung oder Tötung eines Menschen durch ein Automobil der Haller des Kraftfahrzeuges verpflichtet ist. den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen, „es sei denn, daß der Unfall durch ein unabwendbares äußeres Ereignis oder durch eigenes Verschulden des Verletzten verursacht worden ist.

— Gegenüber der Arbeitslosigkeit haben die preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten und veS Innern den Oberpräsidenten empfohlen, dafür zu wirken, daß an allen öffentlichen Stellen Betriebseinschränkungen vermieden werden, be­gonnene Arbeiten in verstärktem Maße fort« geführt, und neue möglichst schnell in Angriff genommen werden.

)( Gegen die Jnseratensteuer haben die Detail ist en verbände einen Beschluß gefaßt, worin darauf aufmerksam gemacht wird, daß gerade die erfolgreichsten Detaillisten als Großinserenten bekannt seien. „Man besteuert also im Inserat den modernen Denkenden, Vorwärtsstrebendeir, intellegenlen Detailkauf­mann." An dieser Kundgebung sind bie Detail­listenoerbände fast aller Provinzen und Landes­teile, besonders auch die aus Westdeutschland beteiligt.

* Genehmigung des Verbandes deutscher Post- und Telegraphen-Nnterbeamten. Wäh­rend unter Herrn v. Podbielski im Jahre 1899 der erste Unterbeamtenverband sich nach kurzem Bestehen wieder auflö’en mußte, hat jetzt sein Nachfolger, Staatsfekretär Kraetke, dem im August d. Js. begründeten neuen Verbände die Genehmigung er eilt. Damit ist die Vereins- freibeit der Postunterbeamten sicher gestellt. Der Verband, der sofort mit 64000 Mitgliedern in'» Leben treten konnte, dürste in kurzer Zeit eine Mitgliederzahl von 80—90000 erreichen. Der Organisation gehören sämtliche Unterbeamten­kategorien vom Ober-Postschaffner bis zum Postillon an.

** Dresden, 2. Dez. 1908. Die zweite Kammer nahm in ihrer heutigen Beratung bei Wahlrechtsvorlage (vergleiche 2. Blatt) den § 10 der Eoentualvorlage, der die Wähler in solche mit einer Stimme und solche mit vier Stimmen scheidet, mit 40 gegen 37 Stimmen an. Der Antrag Andre (k.), wonach ein Wähler, der das 50. Lebensjahr erreicht hat, eine Zusatz- stimme erhalten soll, wurde mit 42 gegen 3,, Stimmen an enommen. Tie Anträge der Minderheit wurden abgelehnt. Damit ist die Regierungsvorlage in der Fassung der Mehrheit angenommen.

* Herabsetzung des Briefportos im Verkehr mit Nordamerika.

Vom 1. Januar 1909 ab kosten frankierte einfache Briese im Verkehr zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Worb- amerifa nur noch 10 Pfennig. — Das ist

lieber den Gruß oder etwa eine artige Frage nach der Gesundheit, wagen sich die Gäste nicht hinaus; Wirt und Wirtin kennen darin keinen Spaß.

Therese ist seit einiger Zeit nachdenklich ge­worden; einer der Tischgäste interessiert sie mehr als alle anderen, um seinetwillen geht sie viel öfter in die Weißzeugkammer und neigt vielmehr den schelmischen Lockenkopf zum schmalen Fenster hinaus; er ist jedoch von einer seltsamen Gleich­gültigkeit. Wenn die Stammgäste Toris artig ihre Grüße entbieten, dann verneigt er sich, sehr l-öflich zwar, aber sehr kühl, und wenn sie zum Fenster hinaufrufen: „(Sitten Tag, Fräulein Therese!" dann blickt er nicht einmal auf. Sie findet das entschieden sehr unhöflich und es kränkt sie sogar tief, denn es ist der erste Gast, dem sie Interesse entgegenbringt, der ihr gefällt — und )er erste auch, der die Töchter des Hauses kaum ieht. Um seinetwillen hat sie sich sogar zur ßau- cherin erniedrigt, seit der Vater einmal lächelnd und voll Spott erzählt hat, der neuzugereiste Bürobeamte der großen Tabakfabrik, Herr Dan» derow aus Linz, habe all sein Denken und Sinnen auf die verschleierten Muhammedanerinnen ge­richtet. Versteckt lehnt sie am geöffneten Spalt des kleinen Fensters und allerlei schelmische Ge­danken kreisen durch ihr Hirn, während beim kiih- en Wein die Gäste Herrn Danderow necken:

„Nun, nodi keine Verschleierte erobert?"

Er merkt scheinbar gar nicht das Neckende im Ton; nachdenklich entgegnete er:

„Wenn die Sache so leicht wäre, hätte sie bald allen Reiz für mich verloren. Es ist ja fast eine Seltenheit, ein muhammedanisches Weib über­haupt zu erblicken, und so lange ich hier bin, fah ich erst zwei folche im Schatten der Häuser ängst­lich hinschleichen, ganz in weite, dunkle Mäntel gehüllt, den Kopf und das Gesicht fo dicht von undurchsichtigen weißen Tüchern umhüllt, daß ich rein nichts als ein paar brennende dunkle Augen ah, ober — das waren ältere Frauen, die meine

Neugier wenig reizten."

„Allen Respekt, Sie beobachten gut!" rief einer aus der Gesellschaft, „aber — wehe, wenn ein Türke merkt, daß Sie einer feiner Töchter >en Hof machen wollen!"

endlich einmal eine wirkliche Reform! Bekannt- lich ist bie Herabsetzung bes Briefportos nach Amerika von sämtlichen Handelsvertretungen als notwendig bezeichnet worben im Hinblick auf bie Verbilligung bes Tarifs im englifch-norbamerika- nifchen Briesverkehr.

Ausland.

* Das Jubiläum Kaiser Franz Josephs. Den gestrigen Tag füllten in Wien Hoffestlich­keiten aus. Der Kaiser, bem'bei ber Fahrt nach ber Hofburg begeisterte Ovation n bargebracht würben, nahm am Hochamt in ber Pfarrkirche ber Hofburg teil. Daran schloß sich bie Hulbi- gung ber kaiserlichen Familie. Dann nahm ber Kaiser bie Glückwünsche bes Staatsministeriums entgegen.

* Tie tschechischen Ausschreitungen in Prag. Trotz aller Sicherheitsinaßregeln der österreichi­schen Regierung haben sich am Dienstag, wie schon gemeldet, die Ausschreitungen des tschechischen Pöbels in Prag in ganz unerhörter Weise wieder­holt. Es wird dazu noch gemeldet: Die tsche­chischen Studenten erhoben in einer Ver­sammlung Einspruch gegen die Grundstein- legun g für die neue deutsche Universi­tät, zogen zu ihrer Universität, rissen dort die schwarzgelbe (österreichische) Fahne herunter, zer­setzten, bespuckten und zertrampelten sie und zogen dann zum Platze der neuen Universität, wo sie die schwarzgelben Festgewinde und das Festzelt zerstörten, den bereits eingeweihten Grundstein bespuckten und dessen Einfassung zertrümmerten. Auf die Schutzleute, die sie zu vertreiben suchten, stürzten sie sich wütend, warfen sie zu Boden und würgten sie. Auf dem Graben sammelte sich im Laufe des Nachmittags abermals eine radau- lustige Menge, und um 6 Uhr abends mußte der Platz wieder geräumt werden. Da die die Poli­zei unterstützende Gendarmerie nicht ausreichte, lourdeu zwei Dragonerschwadronen her- beigerufen. Die Menge, die wütende Schreie und Beschimpfungen ausstieß und Steine auf ihre Ver­folger ivarf, wurde auch vom Wenzelplatze verjagt, wo sie das Pflaster aufznreißen begannen. Bei der weiteren Verfolgung durch die Dragoner such­ten sich die gegen die Vorstadt-Weinberge Fliehen- den wieder durch Barrikaden und Ziehen von Drähten quer über die Straße zu schützen. Ein Infanterie-Bataillon wurde daher zur Hilfe ge­rufen. In der Verteidigung gegen die fortwäh­renden Steinwürfe und, wie es scheint, auch gegen Revolverichüsse, machte schließlich die Polizei von ihren Revolvern Gebrauch. Dabei wurden meh­rere Pcrtonen verwundet.

In der Beratung der parlamentarischen Par­teiführer. die der Ministerpräsident Dr. Frhr. v. Bienerth zusammenberufen hatte, fefjob der Abg. Kramarsch alle Schuld auf die Deutschen und ver­langte als einzig wirksame Maßregel das Verbot des Studentenbummels. Die Teutschböhmen wi­dersprachen und verwiesen auf den allgemein deutschfeindlichen Charakter der Prager Kund­gebungen. Schließlich einigte man sich auf den Vorschlag der Christlich-Sozialen dahin, sowohl Deutsche wie Tschechen sollten gleichlautende Tele­gramme an ihre Landsleute in Prag richten, daß in dieser gemeinsamen Besprechung die beidersei­tigen Abgeordneten erklärt hätten, beruhigend auf die Volksgenossen einwirken zu wollen. Dieses Telegramm unterzeichnete jedoch von den Deutsch- böhmcn nur Graf Kolowrat, während sich die übrigen weigerten, eine solche unberechtigte Mah­nung att die Prager Deutschen zu richten. Diese Maßregel war der letzte gütliche Versuch der Re­gierung, den Prager Pöbel zur Vernunft zu bringen.

Inzwischen ist nun am Mittwoch über Prag und über die Gerichtsbczirke Karolinenthal, Smi- chow. Königliche Weinberge, Nusle und Schisch- low wegen des Verbrechens des Aufruhrs das Standrecht verhängt worde.n. Die durch Wochen fortdauernden Kundgebungen und miisten Ausschreitungen, dis durch die gewöhn­lichen Machtmittel nicht unterdrückt werden konn­ten, haben die Anwendung dieses außergewöhn­lichen Mittels notwendig gemacht, das hoffentlich die von allen friedliebenden Elementen ersehnte

Eines Tages macht Franz Danderow seinen täglichen Morgenspaziergang der oberen Stadt, dem türkischen Stadttor zu. Lächelnd wendet er sich schließlich zum Abstieg um und voll Bewun- derung gleitet sein Auge über die zu seinen Fu­ßen sich dehnende Stadt hin, wo die weißen Türme der Moscheen und Minarets im Morgen- sonnenschein leuchten. Plötzlich merkt er, daß er nicht allein in bewundernder Versunkenheit rastet. Kaum zehn Schritte von ihm entfernt, an die grünübcrhangene Mauer eines großen Gartens gelehnt, dessen Baumkronen Schatten auf den Weg werfen, steht eine schlanke Gestalt in einen Mantel gehüllt. Aus dem seidenen Kopftuch sehen ihn zwei große dunkle Augen fragend an. Franz Danderow hat feit langer Zeit eine folche 'Begegnung ersehnt und geistig durchlebt, um er­schrocken oder befangen zu sein. Mutig grüßt er hinüber und mit über der Brust gekreuzten Hän­den dankt ihm die Fremde. Dabei löst sich das seidene Kopftuch ein wenig und er sieht die obere Hälfte eines reizenden Gesichts mit glühroten Wangen.

Dann steigt er nieder und wie er nach einer Weile zurückblickt, ist die elegante Türkin nicht , mehr zu sehen. In fieberhafter Erwartung sehnt er den anderen Tag herbei. In aller Frühe wan­delt er wieder die engen, zerstreuten Gassen hin­auf, und — wieder trifft er an gleicher Stelle i>as schöne Mädchen. Nach acht Tagen weiß er, daß sie Valideh heißt, daß er der erste Mann ist, den ihr Auge mit Sehnsucht kommen sieht. Er ist voll Waghalsigkeit und Mut, voll kühner Pläne in seiner emporlodernden Liebe.

„Mein mußt Du werden, allen Bräuchen zum Trotz; ich bin reich genug; ist hier meines Blei­bens nicht, so ist ja die Welt weit genug I"

Und sie versvricht es ihm. daß sie ihm folgen will, überall hin, selig, die Seine zu werden.

Der Stammtisch hat sich schon längst gewun­dert daß Herr Danderow nie mehr das Thema der Verhüllten anschkägt. Eines Abends aber kommt der Direktor vom Elektrizitätswerk mit ehr geheimnisvoller Miene, sieht sich im Kreise um und sagt dann in halbem Flüsterton:

„Denken Sie nur. meine Herren, es hat seine Richtigkeit mit Danderow! Ich habe ihn mit meinen eigenen Augen heute morgen an der Seite einer Muhammedanerin gesehen — und

Wieberherstellung der vollen Ruhe und Ordnung mit sich bringen,wird. Mittwoch Mittag war der Graben schon wieder beängstigend voll von Men­schen. In der Klemenskirche fand der feierliche Gottesdienst anläßlich der Grundsteinlegung der deutschen Universität statt. Während im Hof der Kirche zahlreiche Studenten versammelt waren, erschien ein Polizeibeaniter und teilte dem vor der Kirche anwesenden Professor Presche mit, daß die Feier unterbleiben müsse, da das Standreckst verkündet werde. Die Feier wurde unterbrochen.

* Nette Zustände in der französischen Marine. Bezüglich der Gerüchte, daß dir Munition sv orräte der Kriegsflotte sehr mangelhaft seien, erklärte der Be­fehlshaber des Mittelmeergeschwaders, Admiral Germinet, mehreren Berichterstattern, daß diese Gerüchte bedauerlicher Weise auf Wahrheit beruhen. Die Schiffe besäßen nur die Hälfte der vorgeschriebenen Vorräte, so daß sie nach drei­stündigem Feuer genötigt wären, den Kampf aufzugeben.

* Zur Reise des Präsidenten Castro nach Europa wird von gut unterrichteter Seite mit­geteilt, die französische Regierung habe aus Grün­den der Menschlichkeit beschlossen/sich der etwaigen Landung deS Pläsidenten in Bordeaux nicht zu widersetzen, obgleich er sich gegen den sronzösi. sehen Vertreter in Caracas in einet den völker­rechtlichen Bestimmungen zuwiderlaufenden Weise benommen habe. Falls Castro sich nach Berlin zu einem Spezialisten begeben sollte, werde die französische Regierung veranlassen, daß der vene­zolanische Präsident über Lyon reise, da sie nicht wünsche, daß er Paris berühre.

* Tie Balkankrisis dauert fort. Wie ber Köln. Ztg/ aus Saloniki gemeldet wirb, ist in ben leiten­den Kreisen bes jungtütkischen Komitees ber Ent­schluß gefaßt worben, bie Boykottbewegung solange forlzusetzen, bis Oesterreich-Ungarn ber Türkei volle Genugtuung gebe. Die Donau­monarchie könne biesen wirifchaftttchen Kamps nicht lange mehr aushalten und werbe zum Nachgel en gezwungen sein. Aus Salonili wird gemelbet: Die Behörden verhindern zwar offen keine Ausladung, unterstützen jedoch indirekt aufs tatkräftigste bie Be­wegung. Deutsche Dampfer können bloß deutsche Waren ausliefern, sie sind gezwungen, österreichische (Senbunpen roieber zurückzunehmen. — Auch m Oberitalien reißen türkische Sitten ein, ben.t aus Turin wirb berichtet, daß mehrere ber bedeut udsten Geschäftshäuser biefer Stabt beschlossen haben, ben Bezug österreichischer Waren einzustellen, r nb bie österreichischen Handelsreisenden ohne Best^.ungen vor bie Türe zu schicken.

* Die Krönung des Kaisers von China hat gestern mit großem Ceremoniell stattae>unben.

= Ueber schlechte Zeiten

klagt man überall, nicht nur bei uns. Die Ar­beitslosigkeit nimmt in allen Industrieländern zu.

Besonders schlimm sieht es in E n g l a n d aus. Die Arbeitslosigkeit, die dort im September auf 9,4 Proz. stand gegen 4,4 im September 1907, ging im Oktober noch auf 9,5 Proz. hinaus. Tie ohnehin schon sehr empfindliche Arbeitslosigkeit in der Metall- und Maschinenindustrie nahm wei­ter zu. Das Baugewerbe und die von diesem abhängigen Branchen wiesen ebenfalls eine wei­tere Verschlechterung des Arbeitsmarktcs auf. Im Bergbau nahm die Beschäftigungslosigkeit eben­falls ab: es wurde im Oktober wöchentlich nur an 5 Tagen gearbeitet. In den Eisen- und Stahl­werken ging der Beschäftigungsgrad trotz der Zu­nahme der Roheifengewinnung weiter zurück: er bleibt, nach der Zahl der Arbeiter und geleisteten Arbeitsstunden berechnet, um 11,2 Proz. hinter dem vorjährigen zurück. Eine unbedeutende Ab­nahme der Arbeitslosigkeit zeigte sich im Schiff­bau. In den Zweigen der Textilindustrie trat nach einer kleinen Herbstbelebung wieder eine merkbare Ermattung ein.

Auch in Belgien hat sich die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahre äußerst empfindlich ver­schärft. Es betrug nach der belgischen Statistik die Arbeitslosigkeit im September 5,3 Proz. gegen 1,4 Proz. im September 1907; im Oktober aber

hier in das Weinbaus ist er ganz ungeniert mit ihr hineingegangen.

Fräulein Doris hat vom Büro aus zum offe­nen Fenster hinausgelauscht; jetzt steht sie auf, lehnt sich hinaus und sagt ebenso geheimnisvoll, wie der Direktor:

„Er ist noch da und läßt die Herren bitten, heute bei Sekt seine Gäste zu sein; er feiert mit Fräulein Valideh Verlobung."

„Schockschwerenoti Das ist aber eine Kühn­heit!"

„Pardon, die Eltern der Braut sind einver­standen!"

„Einverstanden? Das gibt es ja nicht I"

In demselben Augenblick öffnet sich die Tür, die vom Speisesaal nach dem Garten geht, und Herr Danderow, eine Dame mit dem orienta­lischen Kopftuch führend, tritt unter die staunende Gesellschaft. »

„Meine Herren, erlauben Sie mir. Ihnen meine Braut Valideh vorzustellen und Sie zu einem fröhlichen Verlobungsfest einzuladen. Wie Sie sehen, ist es mir trotz aller Schwierigkeiten und trotz aller Zweifel, die Sie darin setzten, ge­lungen, eine oritentalische Schönheit zu erobern, und Valideh ist mir sogar so ergeben, daß sie mit dem heutigen Tage die Tracht der türkischen Frauen und ihren Namen ablegen will, um — bis zu dem Tage, da sie mein Weib wird, den Namen Therese Haustein zu führen."

Erst verständnisloses Staunen, welchem Ge­lächter und unbändige Heiterkeit folgte, als die Verhüllte das Kopftuch löst und nun Therescnt schalkhaftes Gesichtchen sichtbar wird. Bei dem exauisiten Souper, daß die Brauteltern zur Ver­lobung ihren Gästen bieten, erzählt die glückstrah­lende Therese, wie sie kein anderes Mittel als di« Maskerade gewußt hätte, um ihres Geliebten Aufnierksanikeit auf sich zu lenken, und Franz Danderow läßt sich in bester Laune alle Stichel- reden und Neckereien gefallen.

Der Herr Direktor vom Elektrizitätswerk aber unterhält sich sehr angelegentlich mit Doris und es sieht ganz so aus, al» würden Vater und Mut­ter Haustein sich sehr bald nach einer Buchhalterin und einer Beschließerin für ihr gutgehendes Wein- restaurant umfehen müssen.