Maer W Zeitung
wochendeittge:„IllustrierteSonntagszeitung"
Fulda, Mittwoch den 2. Dezember 1908.
35. Jahrqanq.
JV3 278
Vrrantt». Redakteur; Carl Schütter
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Zweites Wtcltt.
♦♦♦ Zur Beamten-Besoldung i« Preußen
wird uns von parlamentarischer Seite geschrieben: Die verstärkte Budget. Kommission des Abgeordnetenhauses hat in 14 arbeitsreichen Sitzungen die erste Lesung der Beamtenbesoldungs-Ordnung beendet. Eine Riesenarbeit hatten die beiden Berichterstatter, die Zentrumsabgeordneten S ch m e d - ding-Münster und Dr. König-Krefeld, zu bewältigen; sie teilten sich in die Berichterstattung über die Vorlage, hatten dazu aber eine große Anzahl Petitionen zu bearbeiten und vorzutragen. Selbstverständlich ist anzunehmen, daß auch die übrigen Mitglieder der Budget-Kommission die Hände voll zu tun halten, indem sie sich in die Bearbeitung der in Massen eingegangenen Petitionen teilten und aus deren Inhalt, soweit das gerechtfertigt erschien, Anträge zur Verbesserung der Regierungs-Vorlage stellten. Aus der ersten Lesung liegen daher auch 137 gedruckte Anträge auf Abänderung der Vorlage vor, von welchen manche mehrere Positionen bezw. Klassen umfassen. Dann sind auch während der Sitzungen noch eine Reih« schriftlicher Anträge eingebracht worden, die gleich in den Protokollen vermerkt wurden. Von den 137 gedruckten Anträgen wur- den 38 von den Kommissions-Mitgliedern des Zentrums gestellt, während sie äußerem noch an 16 Kompromiß-Anträgen beteiligt waren.
Was das Ergebnis der ersten Lesung der BesoldungS-Ordnung anbelangt, so sind eine ganze Reche Verbesserungen der Gehaltsverhält- niffe der. verschiedensten Klassen beschlossen und für die ersten 26 Gehaltsklassen rund 6,500,000 Mark mehr bewilligt worden (durchgehends gegen den energischen Widerspruch der Regierunqs-Ver- tretet) alS in der ersten Vorlage in Aussicht genommen war. Die wesentlichsten Mehrbewilligungen lassen wir hier kurz folgen:
Für Klaffe 1 (Bahnwärter, Stakmeister usw., 17543 Beamte) und für Klaffe 2 (Schaffner, Bremser usw., 28911 Beamte) ist das Anfangs- gehalt von 1000 auf 1100 M. erhöht und dabei die Steigesrist bis zum Höchstgehalt in Klasse 2a von 21 auf 18 und in Klaffe 2b von 18 auf 15 Jahre herabgesetzt worden. Für Klasse 1 und 2 sind dadurch allein 3442000 M. mehr erforderlich, als die Vorlage angesetzt hatte. In Klasse 4 ist für Lokomottvsührer, Schiffsheizer usw., 15798 Beamte, das Höchstgehalt um 100 M. erhöht, was ein Mehr gegen die Vorlage von 141690 M. bedingt. Dann sind die Waqenmeister, Telegraphisten, Lademeifter, Weichensteller I. Klaffe usw., 12508 Beamte, aus Klasse 6b in Klaffe 7a heraufgehoben und erhalten 100 M. mehr an Höchstgehalt, der Mehrbedarf beziffert sich hier auf 53000 M. In Klaffe 9 a ist für die Förster (4549 Beamte) die Steigesrist von 21 auf 15 Jahre und in Klaffe 9b für Lokomotivführer (15956 Beamte) von 15 auf 12 Jahre herabgesetzt; Mehrersordernis 1815250 M. In den Klaffen 49 bis 53 sind auf gründ deS Generalaittrages des Zentrums die dort vorgesehenen Gehaltserhöhungen und Erhöhungen der Stellenzulagen, sowie die Repräsentationsgelder durchgehends gestrichen worden aus den früher angegebenen Gründen. Wie hoch
sich die Gesamtsummen belaufen, steht noch nicht fest.
ES ist begreiflich, daß die Beamten in ganz Preußen mit Spannung den Verhandlungen der Budgetkommission gefolgt sind und die Berichte darüber, die nur knapp gehalten sein konnten, mit größtem Interesse gelesen haben. Hängt doch von den Beschlüffen gleichsam das Wohl und Webe Tausender und Abertausender pflicht, eifriger Beamten und deren Familien ab. Vielen Tausenden von Unterbeamten soll die neue Besoldungsordnung das Notdürftigste zum Leben bringen, Tausenden von mittleren Beamten soll sie eine halbwegs standesgemäße Existenz ge- währleisten. Eine ganze Reihe von Beamtenklassen werden durch die Beschlüsse der Kommission in erster Lesung befriedigt sein, wenn auch nicht alle ihre gerechtfertigt erscheinenden Wünsche erfüllt sehen. Manche Gruppen von Beamten werden vielleicht auch sehr enttäuscht sein, daß ihre Wünsche nur zum geringen Teile befriedigt wurden. Immerhin dürfen die großen Schwierigkeiten nicht außer Acht gelassen werden, mit denen die Staatsregierung und auch das Parlament gerade augenblicklich zu kämpfen haben.
Es ist zweffellos richtig: die Ausbesserung der Beamtenbesoldung kommt post festum; sie hätte früher vorgenommen werden müssen. Das erforderten die außerordentlichen Teuerungsver- hältniffe der letzten Jahre, die ganz vorübergehende nicht sein werden. Man befürchtete einerseits aber einen wirtschastlichen Rückgang und hatte auch sonst mit stetig steigenden Staats- ausgaben zu rechnen. Daher half man sich zeitweise mit Teuerungszulagen, die aber nicht pensionssähig waren und so nur augenblicklicher Rot steuern konnten. Andererseits hat die Slaatsregierung nach einer Erklärung des Finanzministers im Plenum des Landtages, auf Wunfch der Linken des Hauses die Neuregelung der Beamtenbesoldung bis jetzt hinausgeschoben, wobei wohl wesentlich Rücksichten auf die Blockpolitik maßgebend waren. Und nun die Neuregelung der Veanrtenbesoldung erfolgen soll, stehen wir im l «fürchteten wirtschaftlichen Niedergang, und es ist gar nicht zu überblicken, wie lange dieser Rückgang anhaken wird. Das ist äußerst fatal; zumal ein beträchtlicher Teil der durch die Neubesoldung bedingten Mittel durch erhöhte Steuern aufgebracht werden soll. Dazu kommt die Erhöhung der Reichssteuern, die auf 50 Millionen Mark an- gesetzt ist. Eine solche große Steuerlast bei rücklaufender Konjunktur zu bewäliigen, ist gciviß äußerst schwer, zumal die breite Masse des Volkes mit Steuern jetzt schon stark belastet ist und auch mit den neuen Reichssteueru in erster Reihe belastet werden soll. Angesichts dieser Tatsachen ist sehr ausfällig, daß von den Kommissionsmilgliedern der Linken bei der ersten Lesung äußerst weitgehende Anträge auf Verbesserung der Beamlenbesoldung gestellt wurden, deren Aussichtslosigkeit von vornherein seststand, da bis jetzt nicht erkennbar ist, welche Deckungsmittel dafür bereitgestellt werden sollen. Im Plenum hat sich die Linke bekanntlich entschieden gegen die Gesellschaftssteuer ausgesprochen.
Im Reichstage ist man mit der Beratung der Besoldungsoorlage noch zurück, ein Umstand, der auch auf die bisherige Tätigkeit der Budget- tommission des Abgeordnetenhauses einwirken
mußte. So läßt sich jetzt noch kein Ueber- blick über die kommenden Dinge gewinnen. Die Beschlüsse der ersten Lesung der Beamtenbesoldungsordnung sind daher auch nur als vor- läufige zu betrachten. Alle Parteien, auch das Zentrum, haben ihre endgültige Stellungnahme zur Beamlenbesoldung für die zweite Lesung der Vorlage Vorbehalten. Vielleicht läßt sich in zweiter Lesung auch für einzelne Gruppen der unteren und mittleren Beamten noch etwas über die Regierungsvorlage hinaus an Verbesserung ihrer Eehaltsverhältnisse erreichen. Die zweite Lesung wird voraussichtlich erst nach den Weihnachtsferien stattfinden. Es wird sich dabei zeigen, wie weit die Slaatsregierung noch bereit ist, weitergehenden Aufbesserungen ihre Zustimmung zu geben.
X Die Reichsfittanzreform
geht jetzt in der Kommission ihrenr weiteren ungewissen Schicksal entgegen. Staatssekretär Sy- üow wird noch viel Sorgen und Arbeit um seine Vorlagen haben, aber trotz aller Anstrengungen seine „großzügige Finanzreform" Wohl kaum unbeschädigt aus der Kampagne heimführen.
. Fleißig ist er ja auch bisher schon gewesen, er hat selbst geschrieben, Hot unendlich viel schreiben lassen. In der „Deutschen Rundschau" hat er unter seinem Namen die Grundzüge der Reform vertreten; in der „Nordd. Allg. Ztg." haben seine Mitarbeiter vorbereitende Aufsätze verösfentlicht und verteidigende Abhandlungen folgen lassen bis auf diesen Tag. Die Entwürfe sind höchst umfangreich; die Denkschriften sind unleugbar mit tiefer Gründlichkeit zusammengestellt. Wenn es nur auf den Fleiß ankäme, so hätte dos Reichs- schatzamt das beste Zeugnis verdient. Aber zu einer durchgreifenden, annehmbaren Finanz- reform gehört noch einiges andere als Fleiß, bei- sviclsweise staatsniännische Ideen. Und daran gebricht es dem Plane des Staatssekretärs Sy- dow so sehr, daß sein ursprünglicher fröhlicher Optimismus allgemach in düstere Schwarzseherei umgeschlagen ist. Mit der Hurrahstimmung, auf die er gehofft hatte, ist es nichts. Tie Kritik setzte sehr scharf ein. Das ist ja auch natürlich., Steuer- entwürfe gehören zu jenen Geldsachen, in denen die Gemütlichkeit aufhört. Der nüchterne Verstand, der die finanziellen und wirtschaftlichen Wirkungen jedes einzelnen Steuerplanes und seine Verhältnisse zu den anderen alten und neuen Plänen möglichst genau abwägt, hat naturgemäß in diesen Dingen das ausschlaggebende Wort.
Auch der Block hat die Vorlagen gar nicht begeistert ausgenommen. Da wird es schließlich wohl angebracht sein, daß der Blockkanzler es noch einmal mit einem Zwangsverfahren versucht, wie er es vor einem Jahre mit so großem Erfolge in Anwendung gebracht hat. Zum geeigneten Zeitpunkt beruft er die Führer der allein maßgebenden Parteien zu sich und erklärt: Entweder beißt ihr in den saueren Apfel, oder ich nehme meinen Abschied und lasse euere ganze Vlockherrlichkeit in Scherben gehen!
Die Vorbereitung zu einer solchen Gewaltkur wird in der Presse ja schon recht hübsch besorgt. Immer wieder wird bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf die schreckliche Zentrumsgefahr hingewiesen. Obschon das Zentrum durch Wort und Tat seine Bereitschaft zur ehrlichen Mitarbeit erklärt hat, wird es fort* Mihrend als der „schwarze Mann" hingestellt, der auf nichts anderes sinne, als den Block so schnell als möglich zu sprengen und den Blockkanzler zu Fall zu bringen. Mit diesem „Wauwau" wer
ben sich doch Wohl die freisinnigen Kinder schließlich einschüchtern lassen. Fürst Bülow kennt ja seine Pappenheimer. Ob nun mittels der üblichen Erziehungsmethode di« Blockmehrheit zur Bewilligung der ganzen 500 Millionen gebracht werden kann, bleibt freilich noch fraglich. Die Regierung wird nehmen, was sie kriegen kann; was sie nicht kriegen kann, muß sie eben fahren lassen. Der „Bedarf" ist ja so reichlich bemessen worden, daß sie sich recht gut noch etwas abhandeln lassen kann.
Ob nun so viel oder so viel bewilligt wird, eine wirkliche „dauernde Abhilfe" gibt es für die Finanzen des Deutschen Reiches überhaupt nicht. Je mehr Geld herbeigeschafft wird, desto mehr wird verbraucht werden. Nach ein paar Jahren geht die „notwendige Vermehrung der Einnah- men" von neuem an. „Fortsetzung folgt", — das stand hinter der Finanzreform von 1906, und das wird auch hinter der Reform von 1909 stehen.
veutsches Reich.
△ Im Wahlkreise Meieritz-Bomst ist bekanntlich infolge des Ablebens des Aüg. v. Gersdorff eine Ersatzwahl notwendig geworden. Sie findet am 12. Dezember statt. Der Kreis war bis jetzt stets in konservativen Händen. Das Zentrum stellt als Kandidaten Propst R o m s p i es in Altkloster im Kreise Meleritz auf. Die Polen werden diese Kandidatur unterstützen. Dieses Zu- sammengchen von Polen und Zentrum paßt den Hakatisten ganz und gar nicht in den Kram. ES vergeht kein Tag, an dem nicht das eine oder andere hakatistische Blatt seinem bedrängten Herzen in mehr oder minder kraftvoller Weise Luft macht. Diesmal ist es die „Kreuzztg.", welche ihren ganzen Zorn über das Zentrum ausgießt. In seiner Entrüstung geht das Blatt soweit, dem Zentrum Verrat am Deutschtum vorzuwerfen. Man denk«: Verrat am Deutschtum, weil es einen Zentrumskandidaten aufstellt l Das Zentrum wird das weiter nicht aufregen, sondern auch fernerhin den Weg einschlagen, der ihm als der richtige erscheint, einerlei ob dies den Herren von der anderen Fakultät gefällt oder nicht. Wahrscheinlich ist es ja, daß dem Bwck der Wahlkreis „durch die Lappen geht". Der Wahlkreis ist zu 56 Prozent katholisch.
— Schwerin, 30. Nov. 1908. In der mecklenburgischen Verfassungsfrage bleibt alles beim alten. Das ist das Resultat einer Audienz, die der Geschäftsausschuß des Liberalen Wahlvereins der beiden Mecklenburg beim Großherzog von Mecklenburg von Schwerin hatte. Er verwahrte sich gegen den Vorwurf, daß er ein gegebenes Versprechen nicht eingelöst fcibe. Eine Verfassung bestimmter Art habe er seinem Volke weder versprechen wollen noch versprechen können. Er habe nur seinen Entschluß kundgetan, auf die Durchführung der Verfassungsreform hin- zuwirken. Er sei auch fest entschlossen, die von ihm eingeleiteten Verhandlungen auf Grund der Vorlagen seiner Regierung fortzusctzen und dieselben zu einem dem Lande dienlichen Ende zu führen. Es müsse tunlichst eine zwischen den ver- {djtebenen politischen Gegensätzen im Lande vermittelnde Richtung eingehalten werden. Mit der „Vermittelung" scheint aber in Mecklenburg nichts zu erreichen zu sein. Bekanntlich hat die „Ritterschaft" die Regierungsvorlage glatt abgewiesen. Sie will überhaupt nichts preisgeben, sie besteht auf ihren ungeschmälerten Privilegien.
❖ Dresden, 1. Dez. 1908. In den nächsten Tagen wird das Schicksal der sächsischen Wahlreform wenigstens in der Zweiten Kammer entschieden. Es ist heute ziemlich sicher vcrauszusehen; die von der Regierung zuerst vor- geschlagenen Körperschaftswahlen werden glatt
Kleines Feuilleton
Strudel europäischer Ereignisse hineingezogen worden. Es halte bis 1866 ein Kontingent von 50 Mann, 2 Offizieren, 1 Tambour zur deutschen Bundesarmee zu stellen; als dann der Krieg zwischen Oesterreich und Preußen ausbrach, da wurde auch die liechtensteinische „Armee" mobil gemacht, um gegen ine Preußen zu marschieren. Das Kontingent rückte unter dem Hauptmann Rheinberger aus und kam bis zum Arlberg, als die Kunde von der Niederlage von Königgrätz eintraf. Die Liechtensteiner Armee fand, daß nun wohl nichts mehr zu ändern fei, und sie verzichtete freiwillig auf kriegerische Lorbeeren und zog wieder heim. Spitzfindige Leute haben behauptet, daß Liechtenstein feit 1866 mit Preußen im Kriegszustand lebe, da der Fürst es verpaßt habe, am Prager Frieden sich vertreten zu lassen. Diplomatische Beziehungen unterhält das Ländchen allerdings keine und es kann also auch keine abbrechen; das Zollwesen besorgt ihm gegen eine Entschädigung Oesterreich-Ungarn, urrd ine Justizpflege wird in zweiter Instanz vom Oberlandesgericht in Innsbruck ausgeübt. Aber sonst ist das Liechtensteiner Ländchen mit allen Attributen des souveränen Staates ausgestattet; es hat seinen Landtag und seine Regierung mit dem Landesverweser an der Spitze. Das ganze Fürstentum umfaßt ein Gebiet von 159 Quadratkilometern und rund 10 000 Einwohner, die 16 Ortschaften bevölkern, schmucke Dörfer mit meist romanischen Namen, wie die Hauptstadt Vaduz, die ihren Namen von Völlig dulcis, das liebliche Tal, ableitet. Das liebliche Tal ist das Tal des Rheines, das sich breit zwischen den Vorarlberger und Schlveizer Bergen ausdehnt. . „ r , •
— Vom französischen Analphabetismus. Die diesjährige Rekruteneinstellungen in Frankreich haben, wie aus Paris geschrieben wird, eine ebenso überraschende, wie niederschlagende Tatsache offenbart: nämlich die Zunahme des An- alphabetiSmuS in Frankreich. Voriges Jahr hatte sich die Zahl der des Lesens und SchreibenS Unfuiibigen unter den Rekruten ein
— Hinrichtung und Selbstmord iu Rußland, ffn letzter Zeit kommen in russischen Zuchthäusern jchr häufig Selbstmorde vor. Es sind zumeist ium Tode Verurteilte, die selbst Hand an sich legen. Wie von Furien getrieben irren sie im Gefängnishofe herum und richten an jedermann l ie Frage: „Was deuken Sie, wird man mich cufhängeil." Wenn das letzte Urteil gesprochen i t, werden sie ruhiger, denn nun wissen sie: „Morgen, ehe die Sonne aufgeht, wird man mich zum Galgen führen." Da der Tod durch eigene Hand ihnen leichter erscheint als durch den Henker, so gehen sie auf alle Qualen und Leiden ein, um sich selbst zu töten, ehe man sie zum Strange führt. Der zum Tode verurteilte Kleinbürger Zelenski wußte, daß er am anderen Morgen hingerichtet werden sollte. Trotzdem er die ganze Stacht scharf bewacht wurde, ist es ihm gelungen, sich mit einer alten verrosteten Messerklinge, die er zu verbergen gewußt hatte, sich den Hals zu burchschneiden. In seinem Blute badend nahm dieser Mensch dann noch den Kampf gegen ein ganzes Heer von Gefängniswärtern auf. Wie ein Wahnsinniger packte er einen Aufseher am Halse und tvälzte sich mit ihm auf dem Fußboden her- um, ihn mit seinem Blute begießend. Trotzdem von allen Seiten mit Säbeln auf ihn eingehauen wurde, ließ er nicht einen Moment von feinem Opfer ab, denn er hoffte, daß man ihn erschlagen toer&e. Dieses Ende erschien ihm lieber als der Tod durch den Henker. Aehnliche Fälle sind keine Seltenheit. .p.
I — Daö Fürstentum Liechtenstein feierte an- si"lgS bongen Monats das 50jährige Regierungs- jubrlaum seines Fürsten Johann II. Das kleine, jtoifdjen Oesterreich und der Schweiz gelegene Fürstentum hat in diesem halben Jahrhundert fein stilles Sonderdasein gelebt. Rur einmal, im Jahre 1666, ist Liechtenstein bekanntlich beinahe in den
wenig vermindert, aber dieses Jabr ist sie auf nicht weniger als 12 000 gestiegen, eine Zahl, die geradezu alarmierenb genannt werden muß. Charakteristisch für die Geistesverfassung dieser analphabetischen Rekruten sind die AnÜvorten, die sie auf einige Fragen gegeben haben. Austerlitz bezeichnete einer von ihnen als einen Gesandten Na- poleons. Ein anderer nannte Algier ein Land bei den Znaven, und die Jungfrau von Orleans wurde eine französische Königin bezeichnet, die die Preußen 1871 verbrannt hätten. Unter Viktor Hugo stellte sich einer der Gefragten einen ehe- maltgcn Advokaten und Komponisten vor, der die Pockenimpfung erfunden habe, und Gambetta galt als ein Gelehrter, der den Staatsstreich von 1798 gemacht habe. Sind das die Erfolge der Vertreibung der Kongregationen? -k.
— Ei» interessanter Baum, der sich in Rheinhessen erhebt, ist jetzt unter Denkmalschutz gestellt worden. Es ist dies^die schon mehr als 1000 Jahre alte Ulnre zu Schimsheim, die im Volks- munde das SchimSheimer Rathaus genannt wird. Sie bat diesen Namen, weil im Sommer die Väter des Dorfes sich unter ihren Aesten versammeln, um das Wohl und Wehe des Dörfchens zu beraten. Diese Ulme ist wohl der stärkste Baum in Deutschland. Sie hat einen Umfang von 15,5 Meter, der bis zur Höhe von 5 Meter sich gleich bleibt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hat der Blitz in den Baum geschlagen, so daß er fast ganz ausbrannte und nach und nach zurückging. $tor noch nicht langer Zeit hat man die Oeff» nungen mit 27 Kubikzentimeter Sand ausgefüllt und sorgfältig vermauert. Nun entwickelte sich der Baum wieder und dürfte noch manches Jährchen, vielleicht auch noch manche Generation überdauern. In der Zeit, da der Baum noch nicht hergestellt war, hat bei einer Kirchweihe einmal eine Musikkapelle in der Stärke von fünfzehn Mann sich in dem Baume häuslich niedergelassen und dort ihre frohen Weisen gespielt.
— Welches sind die reichsten Städte im Deutschen Reich? Das Kaiserliche Statistische Amt zu
Berlin macht hierüber interessante Mitteilungen. Die reichste Stadt Deutschlands ist nach dieser Statistik Frankfurt a. M. Das Einkommen seiner Bewohner beträgt im Durchschnitt 4720 „H. Im vergangenen Jahre betrug das Durchschnittseinkommen sogar 4792 <M-. An zweiter Stelle steht Charlottenburg, es folgen dann Aachen, Köln, Danzig, Elberfeld, Essen, Stettin, Magdeburg, Hannover, Halle, Berlin (2641 -M, Düsseldorf, Barmen, Kiel, Krefeld und Dortmmid. , Die günstige Stellung der Stadt Essen in dieser Vermögensstatistik ift dem Umstande zuzuschrei- j ben, daß die Familie Krupp dortselbst wohnt, de- 1 reu Vermögen über 115 Millionen Mark be- 1 trägt. -p. j
— Sonderbare Schulgebräuche haben sich im r Laufe der Zeit in mexikanischen Schulen einge- * bürgert. Viele Schullehrer pflegen die Zufrieden- K beit mit den Leistungen eines Schülers dadurch | zu bekunden, daß sie dem Betreffenden gestatten, ’ während der Unterrichtsstunde eine Zigarre zu rauchen. Ist die ganze Klasse fleißig gewesen, so l* wird die Erlaubnis zu einem Generalrauchen er- >■£ teilt, und selbst der kleinste Knirps darf sich eine -A Zigarette anzünden. Der Lehrer selbst raucht be- - ständig und trinkt dabei aus der auf seinem -A Pult stehenden Likörflasche. -p.
— Eine Braut, pro Pfund 2,50 Mark. In; dem ungarischen Dorfe Kolked herrscht seit un- -v denklichen Zeiten die Sitte, daß der Bräutigam den Eltern seiner Erwähllen vor der Hochzeit eine kleine Entschädigung zahlt. In einem Falle nun -4 konnte sich der reiche Bauer Koetvois mit de» Eltern der Braut nicht über den Kaufpreis einig 3 werden. Da des Handelns kein Ende abzusehen --d war,fo tief man schließlich die Entscheidung des < Bürgermeisters von Kolked an. Da war man glücklicherweise an den Rechten gekommen I Der - Herr Bürgermeister, ein Viehhändler von Beruf, schätzte die Braut kurzerhand auf 2,50 «At das Pfund ein. Da sie 86 Pfund wog, so bezahlte der glückliche Bräutigam 215 <#,, und war froh, so leichten Kaufes davon gekommen zu sein.