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M 277.

Fulda, Dienstag den 1. Dezember 1908.-

35. Jahrqana.

Zweites Wtcrtt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 29. November 1908.

DaS Haus beginnt bei schwacher Besetzung die gtoeite Lesung der Novelle zur

Gewerbeordnung.

tluf Antrag des Referenten der Kommission (Abg. Dr. Pieper Ztr.) beginnt die Beratung mit § 137 (Regelung der Arbeitszeit der Arbeite­rinnen). § 137 bestimmt: 1. Zehnstundentag für Arbeiterinnen, am Samstag 8 Stunden; 2. an den Samstagen 6 Stunden für Arbeiterinnen, die ein Hauswesen zu versorgen haben; 3. Wöchnerinnenschutz für G Wochen nach der Entbindung. — Vom Zen­trum liegt ein Antrag vor, wonach Arbeiterinnen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, am Samstag bis zu 8 Stunden beschäftigt werden dürfen, „soweit betriebstechnisch dadurch die Weiterarbeit anderer Ar­beit bedingt ist".

Abg. Manz (frs.Vp.) begründet einen Antrag Ab­laß und Gen., die Bestimmungen unter 2 zu streichen, da sanft die Arbeiterinnen selbst darunter leiden, na­mentlich in Bayern, wo so viele Feiertage sind.

Abg. Schmidt (Szd.) beantragt, den 9 Stundentag und von 1912 ab den 8 Stundentag einzuführen. Die Arbeiterin bedürfe eines höhern Schutzes und viele Feiertage können wir ihr nur gönnen. Die Konkur­renzfähigkeit der Industrie bleibt doch erhalten; denn gerade an den Arbeiterinnen verdienen die Unterneh­mer sehr viel.

Abg. Dr. Fleischer (Ztr.) wendet sich gegen den Vor­redner. An eine Verwirklichung des sozialdemokrati­schen Antrages ist gar nicht zu denken; er ist nur eine Demonstration; denn selbst gegen den 10 Stundentag erheben sich Bedenken. Wenn der 10 Stundentag sich eingelebt hat, dann kann man weiter gehen und noch höheren Schutz fordern. Die Arbeiterinnen haben heute schon in den meisten Fällen nur 10 Stunden Arbeits­zeit. Für die verheirateten Arbeiterinnen ist eine kür­zere Arbeitszeit geboten, da sie das Hauswesen besor- gen müssen. Von allen Seiten ist anerkannt worden, daß es notwendig sei, den Samstag Nachmittag frei zu geben. Eine Frau, die überarbeitet ist, kann kein vergnügtes Familienleben schaffen; der Samstag Nachmittag mutz der Frau Zeit geben, um das Heim behaglich zu gestalten. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Stresenmun (nl.). Tie Sanierung des Fa- .-ailienlebens wird durch den freien Samstag Nach- mittag nicht erreicht; es geht hier wje bei den Lohn- ^hlungsbüchern. Die Beschränkung der Arbeitszeit für verheiratete Arbeiterinnen schädigt die Spinnereien ungemein. Diese Differenzierung der Arbeiterinnen, ist nicht angezeigt. Wgnche. unverheiratete Arbeiterin muß auch die Hausarbeiten verrichten. Die Arbeite­rinnen selbst haben nicht den Wunsch nach einer solchen Einschränkung gehabt. Warum führt man nicht die GOstündige Arbeitswoche ein? In 10 Stunden kann die Arbeiterin nicht leisten, was sie früher in 11 schuf. Die Beschränkung für die verheirateten Arbeiterinnen lehiien wir ab. (Beif. links.)

Staatssekretär V. Beihmaiin-Hollweg: Dfe Ver­hältnisse sind nicht genügend geklärt, um eine gesetz­liche Bestimmung zu erlassen. Die Beschränkung der Arbeitszeit für verheiratete Arbeiterinnen schädigt diese selbst. Gegen den Antrag des Zent rums- habe ich das Bedeirken: Wer soll entscheiden, welche Betriebe eine verkürzte Arbeitszeit eintreten kaffen sollen. Ta hätte schließlich der Strafrichter die Entscheidung zu fällen, und das wäre doch bedenklich. Ich bitte daher drin- gend, den Antrag Ablaß anzunehmen.

sächs. Bevollmächtigter Graf v. Vitzthum schließt sich dem an.

Abg. Schmidt-Altenburg l'9ip.): Der Fabrikiinport aus dem Auslande ist noch sehr groß; wir müssen su­chen, ihn zu vermindern. Aber dann darf man die Arbeitszeit nicht allzusehr verkürzen; die weitere Vec- kürzung für die verheirateten Frauen nehmen wir nicht an, Wie soll nachgewiesen werden, daß die Niederkunft bevorsteht? Warum soll man 8 Wochen nach der Nie­derkunft als Ruhepause vorschreiben? Tas Kind kamt gestorben sei». "

Abg. Hennig (kons.): Wir wollen alles tun, toas für die Arbeiterin geschehen kann. Aber man tarnt das Tempo nicht be-chleunigen. Man darf den Ar­

beitern nicht Wohltaten aufdringen. (Sehr richtig rechts.) Für den 10 Stundentag der Arbeiterinnen treten wir ein; aber der Achtstundentag kann nscht sofort eingeführt werden. Die verheirateten Frauen sollten gewiß geschont werden; aber der 6 Stundentag am SamStag gebt nicht. Der Wöchnerinnenschuh darf nicht auf 6 Wochen ausgedehnt werden. (Beifall rechts.)

Abg. Schack (Wirtsch Vgg.) stimmt für die Strei­chung der Bestimmungen über dfe verheirateten Arbeiterinnen.

Abg. Stadthagen (Szd.): Die Mehrheit wird sich hoffentlich noch zu den Kommissionsanträgen beken­nen. Aber auch der 8 Stundentag kann ab 1912 einge­führt werden. Was heute die Gegner des Arbeiter­schutzes sagen, hat man vor 100 Jahren in England gesagt und heute ist es zum alten Eisen geworfen. Der Wöchnerinnenschutz von 8 Wochen ist ungenügend.

Abg. GieSbertS (Ztr.): Wir wollen durch Gesetz festlegen, was heute Praxis ist. Aber den 8 Stunden­tag hat selbst noch keine Gewerkschaft in einem Tarif­vertrag gefordert. Die Kommissionsbeschlüffe sollen unbedingt aufrecht erhalten bleiben. Gegen den 10 istundentag hat sich keine Stimme erhoben; um so lebhafter ist der Streit wegen des Samstag Nachmit­tag. Mit unserer Forderung, daß die verheirateten Arbeiterinnen am Samstag ein paar Stunden früher nach Hause gehen können, um ihre Hauswirtschaft zu ordnen und ihre Einkäufe noch am Samstag zu be­sorgen, wollen wir den Handlungsgehilfen entgegen­kommen, die auf eine vollständige Schließung der Verkaussstätten am Sonntag Einarbeiten. Die _ Be­hauptung, die verheiratete Arbeiterin würde infolge der Verkürzung ihrer Arbeitszeit am Samstag unbe­liebt, ist absurd. Die Entscheidung, in welchen Be­trieben eine derartige Verkürzung eintreten muß, könn­ten die Gewerbeinspektoren mit ihrer reichen Erfah­rung ganz gut treffen. Die Hauptsache für uns ist, daß die deutsche Frau in der Fabrsk im Jnreresse eines gesunden Familienlebens einen höheren Schutz bekommen soll als andere Arbeiterkategorien (Beiß)

Abg. KulerSki (Pole) erklärt sich mit den Kommis­sionsbeschlüssen und den darüber hinausgehenden so­zialdemokratischen Anträgen einverstanden.

Dfenstag: Weiterberatung.

2!us’anö.

* In Frankreich soll ein neue>.licl,cr '4’et’urf) gemacht werden, hie Melsest islungsgelk> et ihrer Bestimmung z u r ück i n geb en. Tie An­regung geht von stinlsrepublikanern in» Senat aus und ist ein Bi weis dafür, daß die Weg- nähme dieser Gelder durch den Sinai gegen den Willen der El blasser doch manchen,im Gewissen .feine Nahe lässt.

* König Eduards Befinden wll, wieaerücht- iv<i'e verlautet, viel zu wünichen i'iluiq lasten. Spezialärzle, die ihn fei seiner Blinddarment­zündung behandelten, waren am Sonmag bei ihm, auch die Pstegerin, m Icke den König bei jener Krankheit pflegte, verrichtet jetzt täglichen Dienst bei ihm OS ivi>d allerdings erltäri, daß er nur an einem leichten Anfall von k'lheuma tiSmuS leide.

* Der Schah von Persien, der infolge' Drängens Rußlands und Englands ver proch.'n hat, hie p ötzlich abgeschostte B-.rtastui'g wieder kinzuführen, Hal den ru siichen und e«gli)chen Vertretern in Teheran di.se seine Absicht als unabänderlich bezeichnet. Tie v al,len. sollni jedoch zur Lerminderuog der Unruhen aus Grund neuer noch auszuardeilender Wahlgesetze voll­zogen werden.

Aus ttirche und Schule.

* Nom, *8. Rov. 1908. Gestern fand im Vatikan in Gegenwart des Papstes und der Kardmäle eine wichtig? Sitzung in der Selig- fprechungsangelegenhelt der Jungfrau von Orleans stall. In der Sitzung gab jeder

Kardinal fein motiviertes Votum ab. Der Papst behielt sich die definitive Entscheidung vor, die etwa in 14 Tagen bekanntgegeben und mit einem feierlichen Dekret des Hl. Siuhles publiziert wird. Man kann aber jetzt schon sagen, daß das Votum günstig war und daß die Selig- sprechung als sicher angesehen werden kann. Der Seligsprechungsprozeß zerfällt bekanntlich in zwei getrennte Prüfungen, jene der Jugend und jene der Wunder. Jede derselben zerfällt wieder in Drei Sitzungen, von denen die gestrige die letzte wer. In kirchlichen Kreisen wird angenommen, daß die Seligsprechung nur noch eine Frage von Monaten ist.

Aus dem Mchbaraebiet.

R Mainz, 29. Nov. 1908. Die heute in der Stadthalle dahier von den Landwirtschaftlichen Korporationen, Winzergenossenschaften und Wein- Händlerverbänden Rheinhessens einberufene Pro­te st Versammlung gegen die W e i n st e u e r war von etwa 3000 Personen besucht und gestal­tete sich zu einer imposanten Kundgebung der hes­sischen Winzer gegen die drohende Gefahr, die ins­besondere dem hessischen Weinbau in der geplanten Flaschenweinsteuer erwächst. Dec Versammlung wohnten der Reichstagsabg. Dr. David und zcchl- ‘ reicl-e Landtagsabgeordnete des Zentrums bei. Landtagsabg. 'M o l t h a n-Mainz erstattete ein mit großem Beifall aufgenommenes Referat über die Weinsteuervorlage, in welchem er eine vernich­tende Kritik an den grundlegenden Bestimmungen und insbesondere an der Begründung des Gesetzes übte. Der bauernbündlerische Abg. Wolf unter- ' stützte die Ausführungen des Vorredners und schilderte die überaus traurige Lage des Klein­winzers, dem man mit einer Weinsteuer vollends fein Grab grabe. Reichstagsabg. Dr. David erklärt für die sozialdemokratische Fraktion, daß sie die Weinsteuer entschieden ablehnen werden, da sie eine schwere Selmdigung des Winzers und der im Weinverkehr bescl)äftigten Arbeiter bedeu­tet. Redner empfiehlt eine Neichseiukommen- und Vermögenssteuer, bei denen man Einkommen bis zu 5000 c4l und Vermögen bis zu 100 000 dft frei lassen könne. Der von dem Abg. Moltban ange­regten Besteuerung des Kohlensyndikats stimme er bei, wenn Garatien dafür geschaffen werden, daß diele Mehrbelastung nicht wieder auf die Kohlen­preise geschlagen wird. In einer weiteren Reso­lution wird die hessische Regierung aufgefordert, mit aller Entschiedenheit rm Reichstag noch in letzter Stunde sich der bedrohten Interessen Rhein- hesiens anzunehmen. Ferner wurde beschlossen, in einer an den Reichstag gerichteten Denkschrift die ungünstigen Wirkungen einer Weinsteuer auf die Lage des Winzerstandes darzutun. Rhein­hessen hat noch nie eine solch imposante und ein­mütige Kundgebung in der Weinfrage wie die heutige gesehen, und mit Recht konnte der Leiter der Versammlung und Präsident des hessischen Weinbauvereins. Herr Weingutsbesitzer Sitt- m a n n, festskcllen, daß beute Männer aller poli­tischen Parteien sich einträchtig zusammengefun- den haben, um die drohende Gefahr von ihrem Heimatlande abzuwchren.

* Schmalkalden, 27. Ron. 19 8 Die Sladt- veioibntien be chlossen, das alle Brauhaus niebet« ■liegen und an dessen Stelle ein Bolksbad zu eirichlen, dessen Kosten auf 51000 Mark be- lechnet sind.-

vermischtes.

= Ein Bild graium ast-r mo alischer Verwüstung bot sim am vor. SomUao, dem Toleniomilag, in der

sächsischen Hauptstadt Dresden dar. Es wird be­richtet: »Bezeichnend für den »guten Geschmack* der Dresdnerinnen ist folgende Begebenheit: Zahl­reiche Damen der befferen Gesellschaftskreise, meistens alte Frauen und Jungfrauen, pilgerten am ver­gangenen Sonntag nach dem in Tolkewitz belegenen Friedhöfe, woselbst die Mörderin Grete Beier an der Seite ihres Vaters, des Bürgermeisters Beier aus Brand, ihre letzte Ruhestätte gesunden hat. Beide, Vater und Tochter, ruhen in einem Familiengrabe, das ein schlichter Stein mit dem Namen, Gedurts- und Todestagen der beiden schmückt. An diesem Grabe fand nun am Totensonntage eine Massenversammlung Dresdener Frauen und Jung­frauen statt. Das Grab der Mörderin war vollständig mit „Liebesbezeichnungen Dresdener Frauen^ bedeckt, sodaß von dem Hügel nichts mehr zu sehen war. Stundenlang standen die Damen am Grabe, mit gefalteten Händen und Tränen in den Augen.* Dresden ist dieselbe Stadt, in der man seinerzeit auch für die unglückselige Frau, die ehemals als Anwärterin auf die sächsische Königinnenkrone ihren Leidenschaften keinen Zwang anzutun vermochte, die jetzige Frau Toselli, Sympathiekundgebungen veranstaltete. Schon das deutet auf die moralische Verwilderung der beteiligten Steife hin. Im König­reich Sachsen passiert auch die allerschärsste Hetze gegen den Katholizismus; deren Macher würden vielleicht gut tun, wenn sie diese Vorgänge beachten, und an der Gesundung solcher Zustände arbeiten würden. Tas würde für den Protestantismus wahrscheinlich sehr viel besser fein, als wenn sie erreichen, daß irgend ein trockener Ast vom Baume der katholischen Kirche'in den Garten des Protestan- t.smus fällt.

.-. Eigenartige Gepflogenheiten der Berliner Preffe findet man in der letzen Zeit; wenn irgend eine Unterschlagung oder ein auffallender Mord oder Selbstmord stattfindet, dann werden jetzt gar die Kokotten ausgehorcht. Ein Berichterstatter deS „Berl. Tagebl." hat nichts Eiligeres zu tun gehabt, als die Geliebte des auf Veranlaffnng der Aktien- gesellschaft Artur Koppel verhafteten Defraudanten Fritz Kluge aufzusuchen und sie zu interviewen. Ter Berichterstatter hat sich dieser Aufgabe ohnl jede Selbstverleugnung unterzogen und unter der Ueberschrift „Im Heim der Geliebten" breitete ex die Ergebnisse dieses Interviews auS. Er schildert die reich und »geschmackvoll" eingerichtete Wohnung, die 3000 Mk. Miete kostet, er schildert, wie er im Salon von dieser „Fräulein" Siegle empfangen worden ist, schildert ihr Aussehen, ihr Befinden, ihre schwerseidene Matinee mit langer Schleppe, welche die Siegle noch abends um 7 Uhr trug. Die ganze Darstellung ist ein würdiges Seitenstück zu der „berauschenden" Beschreibung, welche seinerzeit das „Berl. Tagebl." von dem Schlafgemach des Betrügers Friedberg geliefert hat. Und ein solches Blatt will auf der Höhe stehen?

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AurückgekeHrt.

Erzählung von Melati von Java. Uebersehi von Dr. I. B. Fuß.

10] lRachdruck verboten.!

„Nun denn. Ich weiß es noch so gut, als wäre es erst gestern geschehen, und es ist schon zehn Jahre her — ich war damals siebzehn Jahre alt — als man mir nieldete, baß mein Bruder im Sprechzimmer sei und mich sprechen wollte, aber daß sie fast nicht glauben konnten, daß es mein Bruder wäre, so verwildert sähe er ans."

„Q Lucia, Lucia, ich bin fo unglücklich, so tief unglücklich! Wirst Du an mich denken und nie­mals glauben, was sie von mir erzählen?"

„Aber was erzählen sie denn von Dir,' sicher Junge", fragte ich, „und wer erzählt das?"

„Papa und die falsche Katze von Sula! Q, Du weißt wohl, ich bin ein wilder Junge gewesen. Papa wollte mich zwingen, Advokat zu werden, und ich konnte das elende Latein und Griechisch nicht begreifen."

„Warum wolltest Du denn nicht gehorchen, Wybo?" fragte ich ihn.

„Ach, ich wollte wohl, aber ich konnte nicht! Wahrhaftig ich konnte nicht."

„Nein, Wybo, das ist nicht denkbar!"

„Du bist die erste, die es sagt, und ich danke Dir dafür, Lucia I Ich werde es nicht vergeffen, wohin ich auch gehen mag."

„Was willst Du denn tun?" fragte ich er­schrocken ; kannst Du nicht nach Hause zurück?"

Er stand auf und sagte:

„Nein, niemals mehr. Papa hat mir gedroht, mich entschließen zu lassen, bis ich befännte, und ich habe nichts zu bekennen. Ich bin im Studier­zimmer gewesen, wir haben im Walde gespielt, anstatt zu arbeiten. Ursula und ich, aber das wagte sie nicht einzugesteben."

„Siehst Du,' Ri.ua! das ist alles was ich von der Sache weiß. Ich bat Wybo, doch zurückzu- fehren, aber er war zu aufgeregt."

„Gott fei mit Dir, Lucia! Denke an mich, bete für mich. Wenn ich jemals zurückkehre, dann ist eS allein Deinetwegen!"

„Und dann war er weg und ich konnte ihm natürlich nicht folgen, und nach dieser Zeit habe ich niemals mehr über Wybo sprechen hören: und als ich Papa nach ihm fragte, antwortete er mir ganz barsch:

„Frage nie mehr nach ihm! Wenn Du so gerne Deinen Bruder haben willst, dann warte bis ich tot bin, bann wird et wohl erscheinen. Unkraut verdirbt nicht."

„Und Sula lachte nur und spottete: „Der kommt noch einmal zurück als ein angesehener Mann."

„Begreifst Du nun, liebe Rina, warum -s mir so wohl tut, mit Dir einmal über meinen Bruder zu sprechen? Ich hoffe noch stets, daß er einmal zurückkehrt und sich mit Papa versöhnt!"

„Das hoffe ich auch, beste Lucia. Und wir wollen zusammen darum beten. Ich bin über­zeugt davon, daß seine liebe Mutter vom Him­mel herab über ihn wacht, wo er auch fein möge O ja, ich bin gestern noch auf dem Kirchhofe gc- triefen und habe Blumen hingebracht. Ich wollte daß Du Deinen Vater bewegen könntest, etwas an dem Grabmal zu tun. Es sieht so verwahr­lost auS."

„Ach ja, Papa sagt, sobald das Haus fertig ist; wenn man für die Lebenden gesorgt hat, dann kann man erst an die Toten denken. Ich möchte zuerst für die Toten sorgen, denn die kön- nen nichts für sich selbst tun!"

„Aber, wie spät ist es geworden? Warte, da schlägt es gerade halb elf! O Himmel, ich muß nach Hause. Nun können wir nicht einmal mehr lesen."

„Was macht das denn? Wir haben so ange­nehm geplaudert."

„Willst Du hier bleiben, Lucia?"

„Ja, eS ist hier so still und man hört hier baS Klopfen der Arbeiter weniger. Tas tut mir so weh im Kopfe. Guten Tag, liebe Nina, kommst du bald wieder?"

„Sobald ich kann."

Sie machte es der Blinden bequem, stellte ihr Arbeitskörbchen, ihr Glas Milch und ihren Rosen- kranz so, daß sie alles erreichen konnte.

Freundlich dankte dafür Viktorine; die beiden Freundinnen nahmen dann von einander Abschied, und Viktorine verließ, so schnell sie gehen tonnte, das HanS und ging in die Stadt.

V.

In einem sehr bescheidenen Oberhause waren Fran WylandtS und ihre Tochter damit beschäf­tigt, die Wäsche in Ordnung zu bringen.

“ Ein sehr einfaches Kleid von altmodischem Schnitte, das an mehreren Stellen sorgfältig ge­flickt mar, fiel von ihren mageren, eckigen Glie­dern herab; sie war sehr lang und steif in ihren Bewegungen. Wenn sie Toilette machte, wußte sie diesen Umstand zu benützen rind kleidete sich ganz nach englischer Mode; diese stand ihr dann sehr stilvoll, wenn auch nicht elegant

Ihr dünnes Haar war von unbeschreiblicher Farbe, war vorn in kleine Löckchen gedreht, und jetzt, da sie es noch nicht geordnet hatte, sah es durchaus nicht anziehend aus; sie hatte dünne Lippen, und das einzige, das ihrem Gesichte eini­gen Reiz verlieh, waren die lebhaften, scharfen, braunen Augen, die einen großen Kontrast bilde­ten zu ihren stillen, ruhigen Manieren und ihren ängstlichen Gebärden.

Ihre Mutter sah — jetzt wenigstens — aus, wie eine drohende Warnung, was ihre Tochter einst werden könnte. Nichts von dem Angeneh­men, das ältere Damen manchmal noch angeneh­mer macht als die Jugend.

Keine Würde, keine Ruhe in den Zügen, in dem braunen, fleischlosen Gesichte, dem sie noch durch allerlei Kunstmittel einen Schein der Ju­gend zu geben suchte.

Die Lippen waren durch Erbitterung fest auf­einander gepreßt, die Augen sahen mißtrauisch umher, als erwarteten sie immer wieder etwas Unangenehmes zu sehen; Kinn und Nase nahten einander unheilkündend, als müßten sie dabei sein, wenn der Mund bittere Worte durchließ. Ihr ganzes Gesicht war mit Runzeln und Falten be­deckt; eine Perücke bedeckte ihren Kopf und ihre Hände waren so mager und knochig, daß sie fast Klauen glichen.

In Toilette machte sie auch einen ganz ande­ren Eindruck; denn gerade wie ihre Tochter oder vielleicht, weil ihre Tochter ihre Toilette regelte, besaß sie den Takt, sich nach ihrem Aeußern zu kleiden.

Die beiden Frauen hatten einander entweder wenig zu sagen oder gerade ein lebhaftes Ge­spräch geführt; sie schwiegen wenigstens schon eine ganze Weile; ihre Umgebung war mehr als ein- fach, aber alles gut erhalten: das Gegenteil von Groenezathe, wo durch die Unordnung die schön­sten Möbel ruiniert anssahen. Was man an den Tarnen Wylandts auch tadeln mochte, sie waren — was Ordnung in der Haushaltung betrifft echt holländisch und durchaus nicht ausländisch.

Frau Wylandts sah auf die Uhr.

„Beinahe schon elf. Wo bleibt das Kind doch!"

„Ich habe es Dir schon gesagt, Mama, wenn du ihr den Finger gibst, dann nimmt sie die ganze Hand. Sie sollte morgens Lucia eine Stunde beriefen und nun bleibt sie den ganzen Morgen dort. Warum erlaubst du es ihr auch?"

„Hogenvoorde hat mich darum gebeten, und ich muß doch Rücksicht auf ihn nehmen."

„Ja, natürlich! Aber sie macht gleich Miß­brauch davon. So ist sie immer. Wenn sie dürste, würde sie uns gegenüber einen ganz anderen Ton anschlagen und jetzt hält sie mit den Kindern ge­gen mich!"

(Fortsetzung folgt.)