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J.5SÄ. w-ch°nb-i-as-: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

Fulda, Samstag den 7. November 1908.

35. Jahrgang.

M 258

Erstes Matt

Aymitr, der Kosak

52j

') Ein« Bfanei der griechisch-kathollschen Kirche.

Erscheint tagttq Mit Ausnahme der So.m« und Feiertage-viertel- jShrllchervezugrpreks ohne vringerlohn und vefteSgeld in Fulda fs- »ie auswärts l.50 Mt.

verantw. Redattrurr

Lar» Schütter

Auch die Gesichter der Reiter, die hier Rast hielten, mutzten jedem unvergeßlich bleiben. Die meisten von ihnen waren um die Feuer in gro­ßen Gruppen vereinigt, in welchen man alle nur denkbaren Typen, alle Mienen und Stellungen gewahrte. Diese hängten die Fleischtöpfe über das Feuer, jene brieten an den Spitzen ihrer San­gen prächtiges Geflügel oder Wild, das sie im Walde oder in den nahen Dörfern gestohlen hat­ten. Viele tranken und spielten, indem sie die Würfel klappernd aus dem Becher warfen oder mit sichtbarem Vergnügen nach dem Krug oder der Flasche griffen. Eine große Anzahl lag auf dem Bauch im Grase, schnarchend oder un Schlaf seltsame, zusammentzangslose, wilde Worte aus­stoßend; wieder andere hockten in Gedanken ver­sunken am Feuer, — aus dem wilden Leuchten, das aus ihren halbgeschlossenen Lidern brach, konnte man ersehen, daß es blutig grausige, Bil­der von Mord, Raub und Gemetzel waren, die an ihrer Seele vorüberzogen und sie mit wilder Freude erfüllten.

Auf den Zügen aller aber, der Wachenden und Schlafenden, war ein Ausdruck zu lesen, den fie alle gemeinsam hatten: Kampfesgier, Liebe zum Gold und Durst nach Blut, diese Eigenschaften, toelche die Ursache sind, daß der Bandit mit Freude stiehlt, mit Wonne tötet und mit fieber­hafter Wollust tausend Marter ersinnt, um die Oralen seiner Opfer zu vergrößern.

Die Kosaken, welche hier Rast hielten, wiesen Ärigens weder eine Gleichförmigkeit der Klei­dung auf, noch schien in ihren Reihen Ordnung und Disziplin zu herrschen. Abgeschnittene „Bur­kas", Suckmans mit Schnüren, Schafsfelle, die von Alter, Staub, Schmutz und Regen beinahe

schwarz geworden waren; alte, ausgefranste, rote Gürtel, Mäntel mit wehenden Fetzen, häßliche, unförmliche Pelzmützen oder Kappen in verschie­denen Farben, lange, ungepflegte, wirre Haare in blonder, schwarzer, grauer oder roter Farbe, die um dichte, schmutzige Bärte und struppige Schnurrbärte hingen, die übel nach Bier und Branntwein dufteten; kleine, geschlitzte Augen, aus denen Blitze schossen, aus deren lauernden Blicken Todesverachtung, das Bedürfnis nach Raub und Blut, zugleich eine leidenschafttiäse Freihcitsliebe und ein unersättlicher Rachedurst sprachen; platte Nasen mit weit offenen Flügeln, als ob sie aus der Ferne schon Pulver, Mord und Flammen wittern könnten; dicke in ihrer wilden Gier halb offene Lippen, weit vorsprin­gende, mit gelblicher Haut überzogene Backen- fnod)en, welche die kleinen Augen beinahe ver­deckten, wahre Teufelsfratzen, die Furcht und Entsetzen einflößten — das waren die hauptsäch­lichsten Rterkmale dieser Sckar von Räubern, die wie ein Orkan ihres Weges zogen, Furcht und Angst vor sich herjagend, Ruinen, Äichen und Trümmer hinter sich lassend.

Nur ein einziger Mann mit tiefem, gesammel­ten Blick, in stolzer und trauriger Hccktung ab­seits fitzend, unterschied sich in allem und jedem von seinen wilden Genoffen. Die Würde seines GesichtSausdruckes, die Reinheit seiner Züge stach seltsam genug ab von der verkörperten Roheit und Häßlichkeit aller andern.

DaS war der mächtige und absolute Befehls­haber, der freie und stolze Herr dieses wilden KosakenstamnwS: Der Watazek mit der Adler­feder, dessen blasser Blick alle diese Männer sich erbeben machte, dessen Handbewegung fie mar- schieren ließ, dessen Wort fie zum Kampf und Gemetzel antrieb, wenn er ihnen von der Höhe seines Sattel» zurief: Schlag zu, — zünd an, — raube, mordet" br- zu dem Augenblicke, da er sich verächtlich mit seinem Pferde umwandte und faai* -Genug l"

Von Marcel Etienne.

(Nachdruck verboten.)

und von da an Anträge auf Eröffnung von Scheckkonten entgegennehmen. Ihren eigentlichen Verkehr nehmen die Aemter erst am 1. Januar nächsten Jahres auf.

[] Abq. Dr. Stöcker, der Führer der christlich­sozialen Partei, Vertreter de- ReichStagSwadl- kreises Sieaen i. W., ist feit langer Zeit sehr schwer krank. Er bat deshalb, wre schon kurz gemeldet, sein Reichstagsmandat niedergelegt mit der Anregung, den Lic. Mumm, seinen in- timsten Schüler, an seiner Stelle zu wählen. — Stöcker gehörte anfangs der konservativen Rich­tung an. Angesichts des totalen Mangels an sozialem Verständnis bei den ostelbischen Granden schuf er Ende der 70 er Jahre eine christlich- soziale Arbeiterpartei. Diese Partei hatte von Anfang an eine starke antisemitische Färbung, Vie sie mehr oder minder noch heute hat. Mit Stöcker tritt einer der bedeutendsten Männer der Gegenwart aus dem politischen Leben zurück. Er war ein Mann von ungewöhnlich reichem Wissen aus dem praftffchen Leben, und er hatte einen starken Sinn sür die Not deS Volkes. WaS ihm fehlte und was auch seiner Richtung noch heute fehlt, das war ein überragendes Organisationstalent und die Fähiakeit, sich von dem Hemmschuh theoretisierender Steigungen frei zu machen.

a. Erhöhung der Beamtengehälter. Die verstärkte Budget-Kommission des Abgeordneten- Hauses verhandelte am Freitag über die GebaltS- sätze der Klassen 9a und 9b. Bei den För­stern wurde ein Antrag des Zentrums, der die Auffleigungäsrist für die Förster und Revierför­ster von 25 auf 21 Jahre verkürzt, angenom­men. Die Finanzverwaltung batte sich gegen diesen Antrag erklärt, dagegen sich bereit erklärt, dem ihm zu Grunde liegenden Gedanken durch eine Vermehrung der Hi.fsförsterstellen entgegen- zukommen. Bei den Gehältern der Lokomotiv­führer wurde ein Kommission- - Antrag sämt­licher Parteien einstimmig angenommen, der die Anstellungsfrfft der Lokomotivführer von 15 aut 12 Jadre verkürzt. Flnanzmrnister Freiherr v. Rhembaben gab den finanziellen Effekt dieses Anträge« auf 1,353,0( 0 Mark an. Eisenbahn. Minister Breitenbach erklärte, daß 75 % sämtlicher Lokomotivführer das Höchstgehatt erreichten, und zwar in einem Durchschnitts-Alter von 47 Jahren. Er hob ferner hervor, daß die Lokomotivführer nicht so gut alS die Eisenbahn-Assistenten gestellt werden dürften, und zwar auS Gründen der Dis- ziplm. Die Lokomotivführer zeigten nämlich die Weiguna, den Anordnungen der Assistenten auf den Bahnhöteir Widerstand zu lersten. — Der ge­samte finanzlelle Effekt aller bisher von der Kom­mission über die Sätze der RerierungS • Vorlage dinausgehenden beschlossenen Erhöhungen beläuft sich bereits auf 6 Millionen Mark.

):f Tie Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige soll reformiert werden, weil man der Ansicht ist, daß die durch Reichsgesetz vom Jahre 1898 feftgeleglen Grenzen der Ge­bühren vielleicht nicht mehr auSreichen. Die Er­wägungen darüber werden im preußischen Justiz­ministerium und Finanzministerium gepflogen. ES ist natürlich ausgeschlossen, daß eine der­artige Neuregelung noch in diesem Winter an den Reichstag gelangen könnte. Immerhin ist anzunehmen, daß alle im gewerblichen Heben stehenden Kreise sich gegen ehre derartige Re-

So hatte er vor drei Wochen an den Ufern des Podpalna ferne Kosaken zusammengerufen, ihnen befohlen, ihre Zelte abzuschlagen und ihnen gesagt:

„Meine Freundei Ihr lebt nun schon zu lange Zeit in einem schläfrigen Frieden. Eure Säbel und Lanzen verrosten, — Eure Glieder werden steif, wenn Ihr nicht bald wieder fröhlich zur Schlacht zieht! Ich habe Euch einen Weg vor ge­zeichnet, ein lohnendes Ziel, an dem Ihr alles finden werdet: Gold, Silber und Edelsteine, reiche Kleider und schöne Weiber, — wimmernde Opfer und blutige Rachel Auf denn zum Kampf, zum Gemetzel und zum Sieg! Zuerst nach Kos- zowata, wo es viele Dinge für Euch zu holen gibt, nach Human bann, wo alle dre Schatze des Wojwoden als Eure Beute auf Euch harren! — Zu den Waffen denn, — den Säbel an die Seite, Freunde und Brüder! Zu Pferde! Und vorwärts drauf und dran!"

Darauf hatten alle diese Männer mit klopfen­den Herzen, mit von Begierde halb offenen Lip­pen und funkelnden Augen mit wilder Freude einstimmig geschrien:

„Ja, Watazek, — laß uns marschieren! Da unten in der Ukraine! Zu den Waffen! Auf gegen den Palast von Human, gegen das Dwor von Koszowata!"

Dabei hatten sie die Häupter erhoben und wie wahnsinnig in die Hände geklatscht.

Ein einziges Wort, ein einziger Blick dieses stolzen und unnahbaren Watazek» genügte, um in den Reihen dieser wilden Tataren Begeiste­rung, Kampflust und Feuer zu entzünden!

Wer aber war dieser Unbekannte? dieser Mann mit dem angeborenen Herrscherblick? Nie­mand wußte es. ES mochte vor einigen 20 Jah­ren gewesen sein, da hatten sich eine» Tages Leute von der Cerkiew") eingefunden, welche den Kelteften des Stamme» diesem Fremden

Deutfehes Reich.

* Berlin, 6. Nov. 1908. Die Postscheck­ämter in Berlin, Danzig, Breslau, Leipzig, Hamburg, Hannover, Köln, Frankfurt a. M., Karlsruhe, Nürnberg, Ludwigshafen und Stutt­gart werden am 1. Dezember geöffnet werden.

vorführten, mit dem seltsam wilden und bitter« Lächeln, mit dem tieftraurigen Blick. Damals hatte er-irod) in den besten Mannesfahren ge­standen. schön und kraftvoll, mit einer hohen, vornehmen Stirn, auf welcher die Gewohnheit bei Befehlens geschrieben stand.

„Dieser hier", hatten die Popen gesagt, „ist ein Häuptling tote fein zweiter, ein Verzweifel­ter, ein Abenteurer, — und ein ganzer Held! — Er soll Euer Watazek fein, Euer Erwählter für jetzt und immer. Steckt ihm die Adlerfeder auf die Mütze und folgt ihm mittig in den Kampf und zum Sieg!"

Da hatten die wilden Männer ohne Zögern gehorcht. Dieser Unbekannte mit dem traurigen Blick, dem fcbtocigfomen Mund, der prächtigen und herrischen Gebärde war chr Herr geworden. Seit damals fing der Stamm an zu gedeihen, eilte von Erfolg zu Erfolg, von Sieg zu Sieg, speicherte solche Schätze auf, wie sich selbst die Aeltesten nicht erinnern formten, jemals gesehen zu haben. Es war denn auch nicht Lieche, waS diese wilden Plünderer für ihren Watazek em­pfanden; es war ein unbegrenztes Vertrauen, eine beinahe abergläubige Verehrung, die sie zu bedingungslosem Gehorsam zwang, wohin dieser Mann sie auch führen wollte, ob sie nun sein Kampferuf: „tötet" in die wilde Schlacht hin» einrifc oder fein kurzes „Genug" ihnen befahl, mitten im lustigen Morden nb Rauben die Säbel einzustecken und bon dannen zu ziehen.

Noch niemals hatte er sie so weit geführt, al» diesen Sommer, indem er ihnen am Ziele ihrer Wanderschaft Blut und Beute in Hülle und Fülle versprach, — in Human und in Koszowata. Auf ihrem Oege waren fie noch anderen Bewaffneten begegnet, aufrührerischen Leibeigenen, Freunden und Stübern, die mit versengten Haaren und Brauen, mit vollen Taschen und blutbefleckten Händen und Kleidern daherkamen unb als ihre Spuren gleichfalls Tod und Trümmer und Un­heil hinter sich gelassen hatten.

Tortfeynng folgt)

form sträuben werden; denn eine Erhöhung dieser Gebühren muß natürlich das Rechtswesen erheblich verteuern.

* Köln, 6. Nov. 1908. Der Deutsche Ver­ein vom hl. Lande wählte heute den Fürsten Salm-Dyck auf Schloß Dyck bei Grevenbroich uim Vizepräsidenten an Stelle de« verstorbenen Landeshauptmanns a. D. Dr. Klein. Die nächste Generalversammlung soll am 22. November d. Js. in Paderborn stattfinden. Als Zeitpunkt für die Einweihung der SionSkirche wurde der Herbst 1909 bestimmt.

* Osnabrück, 5. Nov. 1908. Eine bedeutende Firma in Nordhorn erhielt eine Zuschrift auS Holland, in der es nach der ,Schül1orf. Ztg/ heißt: „Infolge der Unterredung des beut» chen Kaisers mit dem repräsentativen Eng» länder verzichten wir auf weitere Waren aus Deutschland." Die »Franks. Ztg/, die diese Nachricht bringt, bemerkt dazu: Hoffentlich bleibt der Fall, daß deutsche Firmen für Aeuße» rungen und Handlungen deS Kaisers wirlschaft» lich zu büßen haben, vereinzelt, namentlich nach­dem sich gezeigt, wie allgemeinen Wider» spruch* diese Vorgänge gefunden haben.

x Wie Herr Dr. Böhme fein Wort hielt.

Die ,Heff. Landesztg/ in Marburg schreibt: „Der deutsch-soziale ReichslagSabgeorbnete unsere» Wahlkreises, Dr. Böhme, hat in mehreres Versammlungen, die in letzter Zeit in Marburg und Umgegend stattfanden, besonders lebhaft be­tont, daß er aus nationalen Gründen für den Sprachenparagraphen stimmen mußte.

Es ist eigentümlich, wie schnell sich die An­sichten deS Herrn Dr. Böhme geändert haben.

Bei den letzten Reichstagswahlen, als er dis Zentrumsstimmen unseres Wahlkreises brauchte, da gab Dr. Böhme öffentlich das Ver» iprechen ab, gegen alle Ausnahmegesetze (Juden.ausgeschlossen) auf politischem Gebiete im Falle seiner Wahl zu ftimmen. AlS er aber kurz darauf im Reichstage saß, trat eine merk­würdige Verschlechterung seines Gedächlniffes ein, und er stimmte für das ausnahmegesetzliche Sprachenverbot, da- ganz besonders von der ZentrumSparlei bekämpft wurde.

Um da» Gedächtnis des Herrn Dr. Böhm« etwas aufzufrischen, lasten wir hier die Erklärung folgen, die er am 2. Februar 1907 im ,Oberheß* veröffentlichte. Sie lautet:

„Di« Hessische Landeszeitung^ sucht die katholische« Wähler dadurch zu lSulchen, daß sie behauptet, di» Antisemiten seien ffix Ausnahmegesetze und daher eia Eintreten der ZentrumSwähler ffit mich unmöglich. Ich erkläre hiermit, daßich gegen alle Ausnahme­gesetz» out religiösem und auch polilischem Gebiet«, Zuchthaus- und Umfturzgesetze und ähnliche Regierungs­vorlagen bin. ES ist auch völlig unzutreffend, daß unsere Partei überhaupt für Ausnahmegesetze Eintritt, Lediglich dem Judentum gegenüber fordert fie folgendes:

Fernhallen der Juden von allen Berufen, in denen ihre Eigenart für intim Kultnrrntwicklung schädlich ist. namentlich Ausschluß von den gesetzgebenden Körper­schaften vom Richlerstan»», vom Ofstziersstand« und vom Beruf« eine» LedrerS an öffentlichen Schulen, di« von Rin Dem germanischen Stammes besucht werden, forote Bejchräntmig der Zulassung zum Berufe eines Anwalts oder Notar«, tunlichstes Fernhalten jüdischer Kinder au« den öffentlichen Schulen für Kinder ger­manischen Stammes, verbot der Aenderung jüdischer eitennamen, Führung einer Statistik über die im chen Reiche lebenden Perionen jüdischen Stammes Verbot der Einwanderung von Inden, wrffenfchastlichi Prüfung der jüdifchen ReligionSvorfchriften und deren Uederietzung ms Teutiche.

man einem Fehlspruch mehr ausgesetzt alS beim Kollegialgericht, sechs Auge« sehen mehr als zwei. Die beste Justiz müssen wir geben, der Kostenpunkt darf da keine Rolle Wielen. (Sehr richtig!) Besondere Bedenken äußert der Redner im einzelnen gegen den Zwang zu sofortiger Vernehmung der anwesenden Zeugen, sowie gegen die Einschränkung deS Anwaltszwanges.

Preußischer Justizminister Dr. Beseler: Wir kennen alle die Schwächen deS bisherigen Verfahrens und eS ist hohe Zeit, fie zu verbessern. Gewiß muß man alle fiskalischen Gefichlspunkte auSschalten, aber ich glaube, die Justizverwaltung hat da ein sehr gutes Gewiffen. Der Gedanke, daß ein Einfluß der Finanzverwaltung sich geltend gemacht hat, muß mit Entschiedenhett zu- rückgewiefen werden. Die wirtschaftlichen Momente des täglichen Lebens sind bei dem Entwurf in Betracht gezogen worven. Die großen Objekte sollen den Ko- loniälgerichten Vorbehalten werden, denn sie sind sel­tener und bieten die größten Schwierigkeiten. Da sehen mehr Bugen bester als zwei. Soweit es möglich ist. muß den Parteien der Zutritt zum Amtsgericht er- möglicht werden. Die Kompetenzerweiterung des EmzelrichterS ist eine Folg« der historischen Ent- wickeluna. Die Verwaltungen erkennen an, daß daS Hllssrichtertum möglichst eingeschränkt werden muß. Rach unseren Berechnungen werden von den land­gerichtlichen Anwälten 2 /, Proz. benachteiligt werd-n, d. h. fie werden ihr Auskommen mcht mehr so finden wie bisher. In Berlin gibt eS 1000 Anwälte. Davon werden also 20 vielleicht ihr Domizil ändern wüsten..

Abg. Dr. Frank «Soz.): Der Entwurf tft ein Stück- werk. Einer mäßtgen Erhöhung der Streitsummen stimmen wir zu. Mit allgemeinen Lobsprüchen auf die Richter ist nicht viel anzufangen. Das war früher ein­mal üblich, daß man sagte: Den deutschen Amtsrichter, den deutschen Leutnant, den deutschen Geheimrat macht man uns nicht nach! (Heiterkeit links.) Heute trifft daS nicht mehr zu. Heute gibt es ganz ande-e Ding», di« unS niemand nachmacht. (Erneute Heiterkeit.) Der Entwurf im letzten Teil« brinat eine Verteuerung und Verschlechterung der Rechtspflege.

Ada. «arenhorft (Rp.) meint, der Entwurf sei viel bester als sein Ruf, und hofft, daß er in der Rom» miision und hier im Hause eine Mehrheit finden wird.

Abg. @teef twirtsch. Bgg.): Die Boilage hat bei­spiellose Verdächtigungen erfahren und von den interessierten Kreisen m mit dem Aufwand erheblicher Geldmittel gegen die Vorlage agitiert Worten. Umso­mehr freuen wir uns, daß eS nicht gelungen ist, dem Entwurf, dem wir sehr sympathisch pegenübersteben, daS Rückgrat zu brechen. Die Amtsrichter haben volles Vertrauen beim Volke und die Vorwürfe wegen der Weltfremdheit des Richterstandes richten sich nur gegen die Kolonialrichter und insbesondere dre höheren Richter.

Adg. Werner <Rtp.): Gerade der Lstittelstand hat ein Jntereffe daran, daß die amtsgerichtliche Zunän- digkeit auf 800 Mark erhöht wird. Die Vorlage er­füllt viele berechtigte Wünsche des Volkes.

Abg. Dr. Tbaler (Ctr.) lehnt im Namen einer Minderheit des Zentrums die Vorlage prinzipiell ab. Nur eine allgemeine Revision der Zivilprozeßordnung ist von Wert. Für eine großzügige Reform wollen wir jedes Opser bringen. DaS vorliegende Stückwerk be­friedigt unS aber nicht. Unzweifelhaft hat die Re­gierung verschiedentlich sich von fiskalischen Interessen leiten lasten. Di« besonder« Gebühr bei Häufung von Terminen ist ganz unangebracht. Diese Gebühr wäre eine Peitsch«, ein Polizerstock sür diejenigen, die in der unangenehmen Lage sind, einen Prozeß führen zu müssen. Der Staat kann mit gutem Gewissen eine solche Gebühr nicht einftedtn.

Abg. Dove (ft. Bgg.) erklärt, daß eine Minderheit der freisinnigen Fraltionsgemeinschast in der Vorlage eine geeignete Grundlage für die Kommisstonsderalung steht.

Der Entwurf geht an eine 28gliedrige Kommission.

Präsident Graf Stolberg teilt mit, er wolle Die Interpellation zu dem Kaiser-Jnterview am Dienstag auf die Tagesordnung setzen. Samstag folgt bte 1 Lesung des Weingesetzes.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 6. November 1908.

- Ein schleuniger Antrag der Polen auf Einstellung eines gegen den Abg. Dr. v. Chlapowo-Chlapowski schwebenden Strafverfahren sür die Dauer dieser Tagung wird angenommen.

Dann wurde die 1. Lesung der

Novelle zum GerichlsverfaffungSgesetz

über die Reform des Amtsgerichtsverfahrens fortgesetzt.

Abg. Dr. Giese (kons.f: Ich spreche im Namen einer kleinen Mehrheit meiner Fraktion; eine große Minderheit ist gegen die Äusdehnmig der Zuständigkeit der Amtsgerichte. Nach stärkere Bedenken hat sie gegen die Verstärkung der richterlichen Besugniffe. Die Be­sorgnisse der Rechtsanwaltschaft wegen Schädigung ihrer wirtschaftlichen Lage gehen wohl etwas zu weit. Hoffen wir, daß sie unbegründet sind.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.) (auf der Tribüne äußerst schwer verständlich): Nicht alle Argumente, die für die Borlage ins Feld geführt worden sind, können wir gelten lasten. Wir sind allmählich in dem Wandel der sozialen Anschauung dazu gekommen, daß uns der Mensch als Person im Werte gestiegen ist, und zwar im umgekehr­ten Verhältnisse zu der Bewertung von Hab und Gut. Dadurch sind die Aufgaben der Amtegerichte ganz wesentlich gesteigert worden, und das beste wäre wohl line stärkere Vermehrung der Amtsgerichte. Die Amts­gerichte, wenn sie nicht so sehr überlastet wären, wären den Aufgaben sehr wohl gewachsen; denn'der Amts­richter hat dieselben Hilfsmittel wie der Landrichter. Der Kardinalpuntt der Vorlage ist eben der, daß fie glaubt, mit Hilfe einer Novellengesetzgebung gänzlich neue Berfahrensarten in den bestehenden Prozeß ein- Eicken zu können. Da trennen sich unsere Buffastungen.

>ie Novelle hätte sich darauf beschränken sollen, die Rufiänbigteit der Amtsgerichte auf 800 Mark zu er» jöhen, dann wäre sie nicht so starkem Widerstand be- legnet. «Sehr wahr! im Ztr.) Diese Erweiterung der Zuständigkeit der Amtsgerichte rechtfertigt sich aus den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Land- wirt soll seine gewöhnlichen Lieferungs- oder Grenz- streitigkeilen beim nahen Amtsgericht führen können, und nicht erst 30 bis 40 Kilometer weit zum Land­gericht laufen. (Sehr gut! rechts.) Die Grenze von 300 Mark entspricht den tatsächlichen Ver­hältnissen des landwirtschaftlichen und gewerblichen Lebens nicht mehr. Alle Preise sind erheblich ge­stiegen. Wir müssen da suchen, die richtige Grenze zu finden. Gegen die Erhöhung wird allerdings einge­wandt, daß das Volk kem Vertrauen zu den Amtsge­richten habe. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Be­rechtigt ist es jedensalls nicht, lieber Rechtsfragen kann sich der Amtsrichter aus den Reichsgerichtsurteilen ebensogut informieren, wie der Landrichter und die tat­sächliche Beweiswürdigung wird jenem infolge bei Kleinheit seines Bezirks noch leichter. Uebrigens gibt ja die Berufung jeden wünschenswerten Rechtsschutz. Befürchtungen wegen der Erweiterungen der Amtsge- gerichtskoMpelenz haben auch bi« Rechtsanwälte geäußert. Wir glauben Nicht, daß sie berechtigt sind, aber wir muffen jedensalls alles tun, uns einen guten Anwaltsstand zu erhalten. Jedenfalls werden sich in Zukunft mehr Anwälte bei den Amtsgerichten nieberlaffen können, und die Anwälte bei den Landgerichten werden bte heutigen Sachen zunächst bei den unteren Instanzen und bann eventuell bei den Landgerichten zu führen hoben und somit keinen Ausfall erlernen. Die übrigen vorgeichtagenen Verfahrensänderungen sind nur Flick- werk und gehen nicht weit genug. Wir find aber bereit, fie in der Kommission eingehend zu prüfen und hoffen, ein gutes Werk zustande zu bringen. (Beifall >

>hbg. Dr Ablaß (frf. VpDer Entwurf ist eine unheilbare Halboett. Der Juristentag und der «nwalts- tag haben den Entwurf für eine nicht geeignete Giund- lage für die weitere Reform erklärt, lieber die Grenze, die der Zuständigkeit der Amtsgerichte zu setzen fei, find meine Ft eunde geteilter Meinung. Die «inen halten in jedem Falle eine Erhöhung über dreihundert Mark für notwendig, besonders wegen deS geiuntenen Wertes des Geldes. Dreihundert Mark sind aber für den kleinen Mann und auch für den Mittelstand immerhin schon eine relpektable Frag«. Gerade der tieine Mann bedarf eines möglichst sicheren Rechtes. Beim Elnzelrichler ist

Anreisen: Die eht- fpaltige Petiheile oder deren Kaum 15 Psg. Reklamen diepetitzeile 2» Psg., bei wieder- hoftmgen wird entspk. Rabatt gewährt.

SotatlonrdruSund Verlag der Zuldaer 21!«

MonakdeUage: „MdlM Seschichttblätter" Lentsprecher Ur. 9.