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ÄSuSL nwnwtaee: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

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35. Jahrqanq.

den 6.

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Erstes Mcrtt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 6. November 1908.

Der Reichstag begann bei guter Besetzung die 1. Lesung des Gesetzentwurfs über den

Verkehr mit Kraftfahrzeugen.

Der Gesetzentwurf enthält in Abänderung der dem Reichstag unterm 1. März 1906 vorgelegten, aber in­folge der Auflösung des Reichstages nicht zur Erledi­gung gekommenen gesetzlichen Bestimmungen eine neue Regelung der Haftflichl für den bei dem Betriebe von Kraftfahrzeugen entstandenen Schaden, Bestimmungen über die Erteilung und Entziehung der Fahrerlaubnis, sowie besondere Strafvorschriften gegen Berletzungen der zur Sicherung des Verkehrs erlassenen polizeilichen Anordnungen. Nach dem grundlegenden 8 1 der Bor- läge ist für jeden durch ein im Betrieb befindliches Kraftfahrzeug ungerichteten Schaden der Halter deS Kraftfahrzeuges schadenerfahpfllchtig.

Staatssekretär Dr. Nieberding: Gegen den vor 2 Jahren vorgeleglen Entwurf erhoben sich viele und teils ernste Bedenken. Da- Gesetz muß so gestaltet werden, daß der berechtigte Automobilverkehr nicht notleibet. Gegen die Aufnahmen des reinen Gefähr- bungsprinzipes erhoben sich recht lebhafte Bedenken, mch der Reichstag stimmte nicht durchweg zu ; daher mußten wir den Entwurf umarbeiten, wobei wir diesen Wünschen Rechnung trugen. Die Frage der Bildung einer Zwangsberufsgenossenschast haben wir sehr ein- gehend geprüft und sanden, daß dieser Plan fich nicht durchführen läßt. Die einfache Ausdehnung deS Haft- pflrchtgesetzeS der Eisenbahnen aus das Automobil geht nicht; die Verhältnisse sind zu sehr verschieden. Biele halten den heutigen Zeitpunkt überhaupt nicht für ge­eignet, die Sache gesetzlich zu regeln; denn die Auto­mobilindustrie liege sehr darnieder und ein scharfes Gesetz schränke die Verwendung der Automobile noch mehr ein. Aber die momentane wirtschaftliche Lage kann nicht entscheidend fein für eine solche Rechtsfrage.

Abg. Dr. Wagner (kons.): Wir sind der Meinung, daß die Haftpflicht noch etwas verschärft werden kann. Im letzten Jahre sind bet der Eisenbahn nur 767 un­beteiligte Personen zu Schaden gekommen, im Auio- mobtlverkehr aber 2068, zLebh. Hört! hört! recht?.) In San Franzisko fangen die Cow-boy-Polizisten die zu schnell lahrenden Chauffeure mit dem Lasso ein. Wenn Sturm gelaufen wird gegen die Vorlage im angeblichen Jniereffe der Industrie, jo wäre die Industrie, die ohne solche Schäden nicht auskommen könnte, überhaupt nicht existenzberechtigt. (Sehr richtig.) Aber die Vor­teile des AutomobiloerkehrS sind so groß, daß auch diese Haftpflicht seinen Siegeslauf nicht wird aufhalten können.

Abg. Prinz Schoenaich-Carolath sntl.): Die Vor­lage trifft den richtigen Weg. Die Automobilunsälle haben sich in erschreckender Weise vermehrt. Wir sind nicht in der Lage, den Kmdern überall Gärten und Anlagen als Spielorte anzuweisen, wir wollen diese Wege der Jugend nicht nehmen und wir dürfen das auch nicht. Die Automobilführer muffen sich daher größerer Vorsicht befleißigen. Alle Parteien haben den Wunsch, untere blühende,Automobtl- inbuftiie konkurrenzfähig zu erhallen. Aber gegen bett Automodilunsug, der immer mehr zunimmt, muß man fich wehren.

Abg. Träger (Frs. Vp.): Das Automobil erfreut sich sehr hoher Protektion; als voisichtiger Mann, der nicht anstoßen will, sage ich daher, daß das Automobil das fchätzenswerteste Beförderungsmstiel ist für die, die dnnn sitzen (Heiterkeit). Aber alle anderen Leute sagen anders. (Heiterkeit.) Dieses Gesetz jedoch wird die Automobilindustrie nicht schädigen; davon bin ich fest überzeugt. Freilich ist das Automobilfahren auch nicht ganz gefahrlos; denn wer drinn fitzt, über den kommt eine Art Herrfcherbewußtsetn, eine Art Ge- schwindtgkettswahnstnn, der an Größenwahnsinn grenzt. (Große Heilerketl.) Die Automobtlisten fetzen sich gerne über alle Gesetze und Verordnungen hinweg. Ich bringe die Sommerfrische am Brenner zu; überall stehen Tafeln: Vorsicht! Langsam fahrenI Aber der Kommandant, der aus einem Mann bestehenden Sicker- hetlsmannichaft (Heiterkeit) sagte mir: Dte lesen es nicht! (Große Heiterkeit.) Ich sagte: Aber das ist ja eine Mißachtung einer amtlichen Mitteilung, die

man nicht für möglich halten sollte. (Große Heiterkeit.) Aber der Polizeimann sagte: Was ist da zu machen? Und ich blieb die Antwort schuldig. (Heiterkeit.) In Oesterreich geht das Gesetz weiter und man sollte auch bei uns ausländische Stimmen mehr beachten. (Heiterk.) Wir müssen daS Gesetz viel klarer faffen, als der Ent­wurf aussiehL Die Geschädigten müssen sobald alS möglich in den Besitz der Schadensumme gelangen. Die Schadenersatzpflicht ist nicht ausreichend geregelt; die Bindung der Höchftsumme des Schadenersatzes ist zu verwerfen. Die Bestimmungen über die Klage­zuständigkeit bedürfen der Aenderung. Denken Sie sich, eS kommt einer mit dem Automobil angerast von Norderney oder Berchtesgaden. (Stürmische Heiterkest.) Nach der Vorlage mußte dann dort gegen chn gelingt werden, während er doch in Berlin seinen zuständigen Richter hat. (Heiterkeit.) Eine Fahrprüfung ist geboten; hochstehenden Personen kann man ja ent­gegenkommen, indem man für sie eine Art Doktor­prüfung einführt. (Heiterkeit.) Die Strafbestimmungen sind teilweise viel zu niebig, nur Geldstrafe bis zu 300 Mk. soll bestraft werden, da müßte man viel der­ber zuhauen. (Beifall.)

Abg. Dr. Bitter (Ztr.): Die Vorlage gibt zu erheb- lichen Bedenken Anlaß. Sie beruht nicht auf einem ein­heitlichen Prinzip, sondern verquickt daS VerschuldungS- und da» Gefährdungsprinzip, und gibt dadurch zu er« veblichen Bedenken Anlaß. Die Umkehrung der Beweis­last ist durchaus verfehlt: in der Fassung unklar und materiell unrichtig. Wenn irgendwo die Anwendung deS GefährdunasprinzipS angebracht ist, so ist es hier der Fall jedenfalls sehr viel mehr noch als bei den Eisenbahnen; denn diese fahren doch auf festen Gleisen, die von dem übrigen Verkehr nickt berührt werden. WaS dann dte Frage anlangt, ob die Automobilbesttzer wirtschaftlich in bet Lage sink», die Hafipflichttzu tragen. Io hat der Staatssekretär doch zu automobitfreundlich gesprochen. Die Feftletzung einer Grenze für die Haft­pflicht tm tz S ist juristisch bedenklich und auch wirt­schaftlich nicht berechtigt: immerhin will ich diese Be­stimmung nicht schlankweg, wie es der Vorredner tat, verwerfen, denn sie erleichtert die Haftpflichtversiche­rung. Die allergrößten Bedenken habe ich gegen die Bestimmung über die Freilaffung von der Haftpflicht bei Einhaltung einer Geschwindigkeitsgrenze; daburch würde bet Zweck des Gesetzes zum größten Teil illu­sorisch gemacht werden. Also: man führe daS reine Ge ährdungsvrmzip ein, die Ambürbung der Haft- pflickt aus den Fahrzeughalter außer in den Fällen, wo den Verletzten das Verschulden trifft oder höhere Gewalt vorliegt. Eine gründliche Ausbildung der Führer nach allen RicktU"gen ist notwendig. Die Frage ist, ob man nicht die Fahrerlaubnis von dem Nachweis einer Versicherung abhängig machen soll; es braucht ja keine staatliche Zwangsorganisation zu sein. Die Strafbedingungen sind viel zu milde: besonders wird die Strafandrohung gegen den Chauffeur, der bei einem Zusammenstoß nicht sofort hält, erheblich erhöht werden. (Lebh. Bestall im Ztr.)

Abg. Stolle (Sb.) hält den Entwurf für ganz ungenügend; der frühere Entwurf war viel besser; wir werden dahin wirken, daß der alte Entwurf Ge­setz wird.

Abg. v. vertzen (Rp.) hält den Entwurf für den guten Mittweg.

Abg. Werner (Antis.) hofft, daß die Kommission ein brauchbare« Gesetz schafft, bas die Straßen frei gibt.

Es folgt dann die 1. Lesung der

Reform des amtSgerichtlicheu Verfahrens in Gestalt der Novelle zum Gerichtsverfaffungsgesetze, der Zivilprozeßordnung, dem Gerichtskostengesetze und der Gebührenordnung für Rechtsanwälte. — In der Hauptsache bringt die Novelle die Erhöhung der Zu­ständigkeit der Amtsgerichte von 300 auf 800 Mark, mit der Aufhebung des Anwaltszwanges bei diesen Sachen, sowie Erweiterung der Zuständigkeit der Kammern für Handelssachen als Berusungs- und Be­schwerbegerichte, eine Erweiterung des Kreises der Feriensacken, eine ^enberung des Kostenfestsetzungs­verfahrens, eine anderweite Regelung der Einlassungs- und LadungSfristen im Wechselprozeffe, des Mahn- verfahrenS, der Zwangsvollstreckung, der Nach­beeidigung usw.

Staatssekretär Dr. Nieberding: Der erste Vorschlag geht auf. eine Srhöbuna der Zustän igkeir der Amts­gerichte von 300 aus 800 Mark Streitwert. Die Peti- tionslommission hat wiederholt in diesem Sinne Be­schluß gefaßt. Die Regierung folgt also einem W mache des Reichstages. Die Erhöhung dieser Summe bringt

für eine Reihe von Leuten gerechte Serbefferungen; der Anwaltszwang fällt damtt weg, was für viele eine Erleichterung bringt Der Geldwert hat feit 1897 sich erheblich verschlechtert Die Amtsrichter werden nach der Berabschiedung des Gesetzes in der Lage fein, die auf sie fallenden Arbeiten glatt zu erledigen. Auch in Oesterreich ist der Einzelrichter bis zu 1000 Kr zuständig; andere Länder gehen ebenforoett und weiter als der Entwurf; "man hat in diesen Ländern, besonders in Frankreich und Oesterreich, keine schlechten Erfahmn- gen mit dieser Kompetenz gemacht. Was andere Länder können, können wir auch. Der Entwurf bringt eine Reihe von Vereinfachungen in der Zustellung, bet Festsetzung der Termine, der Einziehung der Gerichts­kosten usw. Wir bitten um eine wohlwollende Prüfung.

Abg. Dr. Heinze (ntl.) hat Bedenken gegen die Erhöhung der -tunändigkeitssumme von 300 auf 800 Mk., da die Anwälte schwer geschädigt werden und auch andere Mißstände entstehen.

Die Weiterberatung wird vertagt.

Vizepräsident Dr. Paasche wollte die nächste Sitzung auf Frestag, mit der Fortsetzung der heutigen Beratung anfetzen.

Abg. Singer (Soz.) verlangt daß man auf bte morgige Tagesordnung die zur Angelegenheit mit dem ,Daily Telegraph' eingegangenen Interpellationen setze. Interpellationen seien auf cte Tagesordnung der nächsten Sitzung zu setzen, worauf fich der Reichskanzler zu entscheiden habe, wann er sie beantworten will.

Vizepräsident Dr. Paasche: Der Präsident hat mich beauftragt, dem Hause zu erklären, daß her Reichs­kanzler bereit fein wird, die Interpellationen am M ontag oder spätestens am DienStag der nächsten Woche zu beantworten.

Abg. Singer (So,.): Wenn der Reichskanzler von seinem Rechte Gebrauch gemacht hat den Tag zur Be­antwortung festzusetzen, halte tch meinen Antrag nicht mehr ausrecht.

Es wird also morgen über die Zivilprozeßordnung weiter beraten werden.

Deutsches Reich.

** Berlin, 5. Nov. 1908. Die Verlo- bung der Prinzessin Viktoria Luise, der einzigen Tochter deS Kaiserpaares, mit einem Prinzen des griechischen Königshauses sollte nach einer Meldung gri chischer Blätter bevorstehen. Wie man jedoch in Hofkreifen erklärt, sind derlei Nachrichten schon deswegen alS verfrüht zu be­trachten, weil bei dem noch jugendlichen Alter der Prinzessin an eine Verheiratung vorerst noch nicht gedacht wird.

Der Reichstag befaßte sich am Donners, tag zunächst mit dem Automobtlhastpslicht- Gejetze. Der starke Besuch, der am Tage zuvor die Sitzung auszeichnete, hat schon gewaltig ab- genommen. Bekanntlich lag dem Reichstage im Jahre 1906 ein Entwurf vor, der diese Frage in ziemlich guter Weise zu lösen suchte, die Reichs- tags - Auflösung aber vereitelte ihn. In der Zwischenzeit setzte der Kaiser!. Automobil- Klub mit aller Kraft ein; Prinz Heinrich er­klärte offen, daß ein neuer Entwurf vorgelegt werde, der den Wünschen der Automobilsahrer mehr entsprechen werde, und leider hat er Recht bekommen. Der neue Entwurf ist eine Halbheit, die niemand recht befriedigt. Das kam schon in der ersten Lesung sehr deutlich zum Ausdruck. Der Entwurf wurde an eine Kommission ver­wiesen. Dann gab Staalssekrelär Nieberdmg eine einleitende Rede zu der Novelle zur Zivilpro­zeß. Ordnung, deren wichtigste Bestimmung darin besteht, daß die Zuständigkeit der Amts­gerichte von 300 Mk. aus 800 Mk. erhöht wird. Die eigentliche Debatte wird die nächsten Tage ausfüllen.

A Den Arbeitsplan für bett Reichstag setzte für die nächste Zeit der am Donnerstag zusam-

meugetretene Senioren-Konvent fest. Dis Interpellationen, u. a. auch die über da« Kaiser* Interview, kommen cm Montag oder Dienstag zur Beratung. Die nächste Woche soll dann, ab­gesehen von den Verhandlungen über das Kaiser« Interview, frei bleiben, damit die Abgeordneten die Reichs. Finanzreform studieren können. Am 16. November soll dann die erste Lesung der Finanzresorm-Vorlagen, und zwar über jede ein« zeln, beginnen. Am 10. Dezember wird das Haus wahrscheinlich in die Weihnachts-Ferien eintreten, a. Die Beamtenbesoldungsvorlagen im Ab­geordnetenhause werden von der Budgetkommiision weiterberaten. Am Donnerstag beschäftigte man sich mit den Gehaltsverhältniffen der Loko­motivheizer. Zentrum, Freisinn und Ratio- ualliberale hatten dazu Anträge aus Aufbesserung gestellt, dir aber alle bis auf einen Teil des Zentrumsantrages abgelehnt wurden. DaS Zen­trum konnte lediglich durchsetzen, daß das Höchst­gehalt der Lokomotivheizer von 1700 auf 1800 Mark erhöht wurde. Damit war auch die Re­gierung einvetstanden. AuS den weiteren Be- ichlüffen ist die Genehmigung der Gehaltssätze VI (Torf-, Wiesen-, Wege-, Flöße- re. Meister) her­vorzuheben. Die Vorschläge der Regierung (1400 Mark Mindestgehalt, 2000 Mark Höchst­gehalt) wurden genehmigt.

----- Der Verkauf nach Lebendgewicht soll be­kanntlich durch ein Reichsgesetz sür ganz Deutsch- land vorgeschrieben werden, soweit die Schlacht- viehmärkte in Betracht kommen. Nunmehr hat der Bund deutscher Viehhändler zusammen mit dem deutschen Fleischerverbande eine Protestver­sammlung einberufen, um gegen dieses Gesetz zn protestieren.

\ Neber Gesinnungsschnüffelei bei be» Militärbehörden wurde in der Stadtverord­netenversammlung in Hagen i. W. verhandelt, lieber den Hergang wird berichtet:

Di« .Xremonia' hatte gegen die Hagener Polizei­verwaltung den Vorwurf erhoben, das sie die Ang«« hörigen der christlichen Gewerkschaften und der chrrfttrch-sozialen, beziehungsweise der Zen­trum Spartet, die zu einer Reserveübung einberufen waren, in Auskünften an die Militärbehörde als So­zialdemokraten bezeichnet habe. Jnfolgebeffe« seien diese Personen bei der Beförderung Übergänge» worben. In bet Stabteerorbneten • Beriammlung würbe hierüber von einem Zentrums-Stadtverordnete» interpelliert. Der Vorsitzende erklärt«, durch diele AuS« fumtäertetlung sei der Polizei eine undankbare Ausgabe gestellt, bi« sie nur schwer zu erfüllen vermöge. Di« Polizei fei aber eine Einrichtung des Staates, und ff« habe die Pflicht der Beantwortung solcher Anfrage» ohne Rücksicht darauf, welche Konsequenzen die Milt« lärbehörde daraus ziehe. Etabw. Buschdaus (freif.) wandte sich gegen die hier zutage getretene Gesinnungs­schnüffelei im allgemeinen und bat den Reichstagsabg. Cuno, die Angelegenheit einmal im Reichstage zur Sprache zu bringen und daraus hinzuweisen, daß es geradezu staatsgefährlich sei, junge Leute, die ihr« Pflicht als Soldat erfüllt und zum Unteroffizier quali­fiziert feien, nur deshalb nicht zu befördern, weil fi« etwa mit Sozialdemokraten verwandt feien.

* Ein schauerliches Unglück bedroht Deutsch« Ostafrtka. Man denke: ein — Zent rums • blatt erscheint seit geraumer Zeit dort, Grund genug, um die Haare aller Evangelischen Bun- desbrüder zum Sträuben zu bringen! Di« ,Deutjch-Eoangel. Kmr/ ist eS, die als stet- wachsame KapitolSwächteria das dräuende Un« heil noch rechtzeitig erkannt hat und also schreit:

. „Seit dem 22. August erscheint unter der Lefi- titng eines ultramontanen Redakteurs in Dar-es-Salaom die „Deutschostafrikanische Rund- schau". Gleich ihre erste Nummer zeigt, welch«

Synrrtr, der Kosak.

Von Marcel Etienne.

6t] (Nachdruck verboten.)

„Und auf Gottes Schutz!" fügte der Priester ernst hinzu

„Gewiß, — das ist eine Hilfe, die nicht zu der- achten ist! . . . Doch kann ich Euch immerhin einen Vorschlag machen, der wenigstens Eure Flucht ermöglichte, ehrwürdiger Vater! Ich will Euch einen vertrauenswürdigen Mann mitgeben, so könnt Ihr, — als Bauer verkleidet, noch recht­zeitig entkommen, wenn Ihr keine Minute ver­liert und Kruto-Horby, einige Meilen von hier, erreicheit, wo mein Schwiegervater vollkommen sicher zu sein behauptet."

„Und warum habt Ihr Euch dann nicht mit Eurem Weib und Eurem Kind dorthin begeben? — Was mich betrifft, so danke ich Euch für Euren guten Rat, — ich werde nicht fliehen, ich fürchte den Tod nicht. Ich werde hier bei Euch bleiben und das Schicksal teilen, welches Gott Euch be­stimmt hat. — Verliert jedoch keinen Augenblick, Hieronymus, und vernachlässigt kein Mittel zur Verteidigung Eures Dwors! Ich werde mittler­weile mit dieser sanften, jungen Frau für Euch, für uns alle beten! Für die Verteidigung Eures Hauses, und den Schutz der Wiegel"

„O, wie danke ich Euch, da Ihr so gut seid!" unterbrach ihn Marynia, indem sie die Hand des alten Priesters ergriff und auf sein ehrfurchtge- bietendes Apostelgesicht ihre von Tränen glänzen­den Augen richtete. „Sagt, ehrwürdiger Vater, glaubt Ihr, daß Aufruhr und Kampf uns schon so nahe bedrohen?"

„Ihr müßt jeden Augenblick darauf gefaßt sein, meine TochterI .... Während wir von Hu- man hierher reisten — durch die Wälder, um auf der offenen Heerstraße unangenehmen Begeg­nungen ru entgehen, hat mein Kutscher, der bes­

sere Augen hat, als ich alter Mann, aus der Ferne zwischen dem Dickicht ein ganzes Lager der Aufrührer gesehen; es war ein paar Meilen von Zwinogrodka, am Saume des Waldes. Sie schie­nen aus der Ferne zu kommen mit ihren hochge­sattelten Pferden und ihren kleinen Zelten. Es mußte irgend ein Stamm der zaporogifchen Ko­saken sein, welche für gewöhnlich die Ufer des Don oder des azowschen Meeres bewohnen und nun herbeigeeilt sind, um ihren Teil zu haben an den großen Rauben und Morden. Da sie aus jener Richtung kommen, liegt ihnen das Dloor Koszowata am Wege! . . So bleibt uns denn nichts anderes übrig, als sie ruhig und gott­ergeben zu erwarten und zu Beten 1”

Marynia neigte bei diesen Worten still das Haupt. Plötzlich schien sie ein belebender Ge­danke zu erfaffen, — sie hob rasch das Haupt, in ihren Augen leuchtete es auf, und sie öffnete ihre Lippen, als ob sie einen Vorschlag machen möchte.

Doch schon nach ein paar Augenblicken hatte ihre gewohnte Schüchternheit und Aengstlichkeit fich ihrer von neuem bemächtigt. Sie dachte, daß der Moment noch nicht gekommen sei, schlug die Augen nieder, schwieg und schüttelte mutlos den Kopf. Si« hatte an den gefangenen Dymitr ge­dacht, dessen Tapferkeit allen Männern dos Dwors Mut und Zuversicht einflößen mußte,.— aber sie wußte, erst im Augenblick höchster Ge­fahr würde ihr Gatte sich herbei lassen, ihm seine Strafe zu erlassen; so wollte sie denn mit ihrer Bitte noch warten. Dann würde der furchtlose Tapfere gewiß seine Freiheit erlangen,---

nun — sich von neuem für seine Herrin zu opfern, zu schlagen — vielleicht für sie zu sterben bereit sein!

Der Rett des Tages verlief ziemlich friedlich. Der Abend rückte heran und die Diener schickten sich an, im großen Saal düs Souper anzurichten, als der alte Semen, — der in seiner Stellung als Watazek am Eingang der Gräben, auf den Wäl­len Schildwache stand, bleich und atemlos mit

wirrem Haar und Bart und zornbehenden Augen dahergestürmt kam.

„Herr, Herr! Da sind sie! . . Auf der gro­ßen Heerstraße kommen sie daher, die Briganten. Kommt, Herr, und seht selbst! Sie beeilen sich, — kommen immer näher. Sie bilden eine große, schwarze Linie, es sieht aus wie ein wandernder Wald. — Jetzt, Herr, ist es an der Zeit. Wir dürfen keinen Augenblick verlieren. Wir werden ihnen eine Schlacht liefern müssen!"

„Ja, Semen, das werden und das wollen wir auch! — Sind alle Männer bereit, alle Hau­bitzen geladen, affe Tore geschlossen?"

„Ja, Herr, es ist alles geschehen, toie Ihr es befohlen habt. . . Aber — aber — trotz alledem — ich fürchte nur eines ..."

„Was, Du, Semen, fürchtest irgend etwas? Komm, komm, ment Braver! Du wirst mich nicht glauben machen wollen, daß Du mit 70 Jah­ren noch das Fürchten gelernt hast!"

„Nein, wahrhaftig, Herr, ich weiß nicht, was Furcht ist, — für meine Person wenigstens nicht. — Wenn auch meine Arme schwach geworden sind und meine Beine zittern, das hindert nicht, daß ich, wenn die Schlacht naht und ich den Dampf des Pulvers rieche, eine Kampfeslust in mir em- pfinde, als wie vor vierzig Jahren. Aber, Herr, es geschehen Dinge, die Ihr nicht wißt und die ich Euch nicht vorenthalten darf. . . . Seht, Herr, — unsere Männer, — unsere Kosaken, — die auch mit freudigem Herzen in die Schlacht ziehen sollten — nun, — sie — Herr, ich muß es Euch doch gestehen: Die Kosaken sind nicht mehr zufrieden. Wie werden sie sich halten? Wie wer­den sie die Verteidigung führen? Ja, Herr, wenn man daS wüßte!"

„Was sagst Du da? Hast Du den Verstand ver­loren, mein guter Alter?"

„Nein, leider nicht, Herr! Hört nur zu, und Ihr werdet zugeben muffen, daß Ihr Euch auf meinen grauen Kopf noch ganz gut verlassen könnt, daß meine alten Augen ganz richtig gesehen ha­

ben! — Doch gäbe es, glaube ich, — noch ein Mittel um sie zu retten . . .1"

„Ja. ja, Semen, Du haft recht und Dein güti­ger Herr wird Dich gewiß anhören", unterbrach ihn lebhaft die junge Starostin. Sie hatte den Gedanken des Greises erraten und unfähig, sich noch länger zu bemeistern, streckte sie, blaß vor Gemütsbewegung, ihrem Gatten beide Hände ent­gegen. „Ja, Hieronymus, glaube ihm und glaub« mir! O ich beschwöre Dich, gib Dymitr die Frei­heit wieder! Alle hängen so an ihm und lieben ihn! — Er allein kann uns retten!"

„Ich diesem Unverschämten die Freiheit schenken? Frau Starostin, worin mengt Ihr Euch? Hat er nicht gerade jetzt, da die Gefahr naht und der Aufruhr sich ausbreitet, eine hun­dertmal strengere Strafe verdient, dieser Em­pörer, dieser Verräter? Ich weiß auch, was mit ihm zu geschehen hat, und ich werde meinen Ent­schluß ausführen! — Du aber komm, Semen, —■ ins Gefängnis und dann zur Schlacht!.....

Brauche ich etwa die Hilfe dieses freien Burschen, um mein Haus zu hüten und zu verteidigen?^

So sprechend erhob sich der Starost wütend. Indem er die ihtn bittend entgegengestreckien Arme seines jungen Weibes heftig zurücksiietz, machte er dem Watazek ein herrisches Zeichen, ihm zu folgen. Dann verschwanden sie beide, und Marynia, die blaß und mit schwindenden Sin­nen auf einen Stuhl sank, hörte die Schritt« ihre? Gatten auf den Fliesen des Ganges und dann aus der Ferne seinen befehlenden Ruf: „Zu den Waffen, zu den Waffen!"

„Tas ist entsetzlich!" rief sie endlich aus, in- dem sie ihre Blicke, aus denen Furcht und Trau­rigkeit sprachen, auf den alten Kaplan heftete. „Denkt doch, ehrwürdiger Vater, dieser Dymitr ist unser Retter, — mein Gott! Für unser Leben und die Ehre meines Gatten hat er zweimal sein eigenes Leben gewagt. Und nun sind großer Mut, — seine beispiellose Ergebenheit, — alles, — alles vergessen! Wie wird er ihn wohl bestra­fen? Am Ende ihn gar töten! O ehrwürdiger