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Fulda, Donnerstag den 5. November 1908.

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Deutscher Reichstag

Sitzung vom 4. November 1908.

Eduard auf Las Parlament so gut keine Rücksicht nimmt, sobald es auswärtige Fragen handelt. Die ganze sungspolitik gegenüber Deutschland hat

rung von Abenteurern wieder und wieder mit herausforderndem Hohn behandeln darf. Tas seit mehr als vierzig Jahren unter der Last von Königgrätz seufzende Oesterreich spielt jetzt eine achtunggebietende Rolle. Tas vor einigen Jah­ren erst schmählich von den Japanern geschlagene und dann durch eine Revolution in den Grulid- festen erschütterte Rußland hat eine der gewichtig­sten Stimmen in Europa. England, über dessen Vereinsamung vor gar nicht so langer Zeit ge­spottet wurde und dessen Ansehen im Burenkriege einen schweren Stoß erlitt, ist heute die führende Macht und steht besonders an der Spitze der deutschfeindlichen Koalition. Selbst Italien tritt keck auf und ist umworben. Aber u m D e u t s ch- l a n d, Las so heiß und unablässig nach Freund­schaft gerungen hat, wird es immer ein­samer. Roch glauben wir, stolz und zuver­sichtlich auf unsere Armee pochen zu können. Aber sind wir vor Niederlagen auf dem Schlachtseide mehr als vor solchen in der Diplomatie gesichert, wenn unsere Heerführer ebensowenig den Mut ihrer Ueberzeugung haben sollten, wie so häufig unsere Staatsmänner?

In parlanrentarischcn Kreisen ist man dar­über verschnupft, daß der Kaiser gerade am Tage des Reichstagszusammentrittes wieder auf Reisen ging, daß er nach Oesterreich fuhr, ohne daß ein diplomatischer Begleiter bei ihm weilt; denn man hält es für sicher, daß dort politißhe Gespräche geführt werden.

Im Reichstag herrschte gestern bei Beginn der Sitzung eine ganz^ außergewöhnliche Er­regung. Die politische Situation wird dort im allgemeinen nicht ohne Bedenken angesehen. Was man zu tun gedenkt, darüber sind sich die Frak­tionen noch nicht ganz klar. Einigkeit herrscht nur darüber, und zwar anscheinend bei allen Parteien, daß irgend etwas geschehen müsse, um einet Wiederholung der bekannten Vorkomm­nisse vorzubeugew

Es war die Meldung aufgetaucht, daß sich alle bürgerlichen Parteien auf eine Interpellation geeinigt hätten, das hat sich nicht bestätigt. Es handelt sich nicht einmal um eine gemeinsame Interpellation der Blockparteien. Auch die Mel­dung, Fürst Büow habe sich mit den Parteiführern darüber verständigt, oder wolle vorher mit ihnen konferieren, ist dementiert worden. Die ganze Aktion wäre ja die reine Komödie gewesen, wenn man sie vorher mit dem Kanzler abgekartet hätte. Hoffentlich kommt aber eine einheitl ich e Kundg b u n g des Reichstages zu Stande, die mit aller Deutlichkeit und Schärfe ausspricht, was das deutsche Volk von dem Vorkommnis denkt und was es für die Zukunft unbedingt for­dern mußt.

in diesem Falle nicht sagen können. Eduards auswärige Politik richtet sich mit peinlicher Ge­nauigkeit nach der Stimmung, die im Lande herrscht. Aber einen Enblick in alle Phasen sei­ner diplomatischen Maßnahmen gewährt er dem Parlament nicht, und darum kann das Haus nicht an allen Entscheidungen teilnehmen.

Damit ist freilich nicht gesagt, daß nun die Parlamente von jedem Einfluß auf die auswär­tige Poitik ausgeschaltet sein müßten. England ist uns auch in dieser Hinsicht ein Beispiel. Dort ist wohl noch nie ein wichtgerer diplomatischer Akt wider den Willen des Volkes und wider den Wil­len des Parlaments vorgenommen worden. In Deutschland lebt man noch zu sehr unter dem

□ Kaiser rmd Volk.

* „Die auswärtige Politik des Deutschen Reiches wird von Sr. Majestät dem Kaiser bestimmt, und Allerhöchstderselbe nimmt Rat dabei nur von denjenigen an, die er dazu berufen hat", so hat der Sohn des ersten Reichskanzlers Her- bert Bismarck als Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte im Jahre 1889 im Reichstage beteuert. So ist es auch. Der Kaiser beansprucht den absolut maßgebenden Einfluß auf die Gestal­tung der auswärtigen Beziehungen.,

Im Grunde genommen ist das ja auch ganz berechtigt, vorausgesetzt, daß der Kaiser auf seine Räte hört. Das Parlament kann un­möglich in den Fragen der auswärtigen Poli­tik die Leitung und Entscheidung beanspruchen. Man stelle sich nur die Konsequenz eines der­artigen Zustandes vor: Zunächst müßte das Par- landent, unausgesetzt tagen. Wichtige Angelegen­heiten würden unter Umständen auch NachtsiÄm- gen erforderlich machen. Es müßte zum Zwecke der Beratung von allen geheimen und geheimsten Mitteilungen, Noten, Erklärungen und, was be­sonders wichtig, Erfahrungen und Feststellungen geheimster Art vor der Öffentlichkeit und Parlament und damit vor der ganzen Welt mit­geteilt werden. Daß das nicht möglich ist, leuch­tet ein. Selbst in dem verfassungsrechtlich fortge­schrittenen E n g a n d, wo der König in inner- politischen Angelegenheiten nur noch sehr wenig zu sagen hat, hat sich ein Zustand herausgebildll, in dem der König die auswärtige Politik „macht"; inwieweit die klugen Leiter der Regierung dabei den nötigen Einfuß auf ihn ausüben, entzieht sich der Verteilung. Sicher aber ist, daß König

Banne der absolutistischen Anschauungen vergan­gener Seiten. Bei uns macht die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten speziell der Kaiser, d i e Politik, die e r für richtig hält, einerlei, ob sie die Zustimmung der Mehrheit des deut- schon Volkes findet oder n i ch t. ,

Der vorliegende Fall beweist es za wieder. Es ist ein eigenes Verhängnis, daß ein Herrscher, dessen, hohe Tugenden und ernstes Streben, dessen strenge Pflichterfüllung und Absichten auch dem Widerwilligsten, wie dies einmal der Abg. Bebel im Reichstag bezeugt hat, Hochachtung abndtigen, so häufig in den schroffsten Gegensatz zu der offent- lichen Meinung seines eigenen Landes gerat. Ver­wundert wird er aufgehorcht haben, als ihm aus dem deutschen Blätterwald ein schrilles mißtöni- ges Echo entgegenschallte — vorausgesetzt, daß er es überhaupt gehört hat — während er doch da- von durchdrungen war, daß das, was er getan und gesagt hatte, wie alles, was er will und un­ternimmt, nur zum besten seines Volkes und Lan­des dienen sollte.

Man fragt sich, gibt es denn keine Mittel und Wege, um diesen unaufhörlichen Irrungen nnd Wirrungen zwisck)en Kaiser und Volk ein Ende zu machen? Ter „Reichsbote" bat kürzlich „in aller Ehrerbietung unseren vielgeliebten und hoch- begabten Kaiser" „daß er seine persönliche im- pulsive Gefühls- und Augenblickspolitik aufgibt und sich zu ruhiger Erwägung aller politischen Maßnahmen mit seinen Räten zusam- m e n s ch l i e ß t, um nichts ohne sie, sondern alles mit i h n en zu unternehmen, wie es sein Groß­vater Kaiser Wilhelm der Große in so erfolgtet- chcr Weile getan hat. Ganz schön. Aber läge es nicht näher, einmal zu prüfen, wie es kom­men konnte, daß Kaiser Wilhelm nicht so a u f s e i n e R ä t e h ö r t, wie es wünschenswert wäre! Wer gehört werden will, muß eine Ueberzeugung haben und den Mut, seine Ueberzeugung zu vertreten. Und zeigt nicht gerade die letzte Veröffentlichung, daß Kaiser Wilhelm über wichtige Tatfachen, deren Kenntnis zur Beurteilung politischer Maß­nahmen notwendig ist, nicht genügend in­formiert wird? Liegt hier nicht eine große Schuld, die größere Schuld,, bei seinen Be­ratern? Wir brauchen, sagt in dieser Beziehung die „Germ.", einen Reichskanzler, der nicht mit Worten, sondern in der Tach für die politischen Vorgänge verantwortlich ist, der eine feste polt- tische Ueberzeugung und ein klares politisches Ziel hat, und jeden Augenblick bereit und entschlossen, seine Person und sein Amt dafür einzufetzen. Mit einem Kanzler, der zu allem Ja sagt und der fich gefallen läßt, von den folgeschwer­sten Vorgängen ohne Kenntnis zu bleiben (kommt es übrigens" öfter vor, daß Fürst Bülow hoch­wichtige Aktenstücke nicht lieft?), der aber doch für alles die „volle Vrantwortung" übernimmt und mit beschönigenden Reden Fehler wieder gut machen will, kommt Deutschland in der Welt immermehrhintenan. Bismarck, selbst als er noch keine großen Erfolge ausspielen konnte, reichte sofort seine Entlassung ein, wenn er da s nicht durchsetzen konnte, was allein er verantwor­ten zu können glaubte ober wenn unverantwortliche Einflüsse ihm in die Quere kamen. Hätten wir nach Bismarcks Entastung immer Kanzler gehabt, die sich ihrer Verantwortung voll be­wußt waren und mit der nötigen Energie entsprechend gehandelt hätten — Bismarcks poli­tisches Genie brauchten sie keineswegs zu haben — so wäre es mit Deutschland nicht beständig rückwärts gegangen, wie es gegangen ist. Alle offiziösen Lobpreisungen und Beschönigungen un- ferer auswärtigen Politik können das Volk über den Stand der Dinge nicht täuschen. Das von uics niedergeworfene Frankreich hat sich so wieder aufgerasst, daß es uns selbst unter einer Regie-

Rücksicht auf das Parlament betrieben, dabei gegen den Willen und die Intentionen des Parlaments gehandelt hätte, wird man allerdings

Das Haus ist stark besucht.

Im Einlauf befinden sich: Die Denkschrift die Privatbeamlen-Verstcherung und die Reichsfinanz-

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Es wurde behauptet, daß kaum Aussicht sei, die Interpellationen vor Freitag auf die Tagesordnung zu bringen; von anderer Seite wird sogar behauptet, sie würden erst Samstag ober gar erstMontag zur Debatte gestellt wer­den.

In der Biilowfreundlichen Presse häst beit Umschwung, der sich schon gestern bemerkbar machte, an. Die „5t ä g L Rundscha u", die noch tags vorher dem Reichskanzler die Freuudschast gekündigt hatte, meint:

»Fürst Bü low hat eS abgelehnt, mit de« Führern der Fraktionen vor der Interpellation im Reichstage zu tonfrrierrn, da er jeden Schein einer Beeinflussung vermeiden wollt«. Als sicher darf ange­nommen werden, daß dem Fürsten Bülow der Wunsch der Blockparteien ausgesprochen roiro, zu bleiben und daß da- Z nttmn dem nicht widersprechen wird."

Tas, letztere wird zutreffend sein; wenn der Block einen Reichskanzler, der in der ganzen Welt ausgelacht wird, noch um fein Verbleiben bittet, nur zu! Das Zentrum wird nicht ver-

Abg. GieSberiS (Z.) bespricht daS System der „schwarzen Listen", die im Bergwerksbetrieb angelegt worden feien. Diese Listen enthalten sehr viele Namen. In ihnen ist ganz genau bestimmt, wie lange ein Ar­beiter ausgesperrt sein soll. Auch in der Hüttenindustrie bestehen solche Listen. Im Bergwerk herrscht heute eine gewisse Freizügigkeit, die durch diese Listen aufgehoben wird. Redner schildert, wie man die Masuren durch glänzende Vorspiegelungen in den Westen lockt. Ganze Masurendörjer legt man im Westen an und die Be- wohner drücken die Löhne. Ein sörmlicher Menschen­handel finde hier statt. (Sehr richtig.) Di« Nachteile der Bergarbeit sagt man den Leuten nicht. Die Ar­beitgeber Haden Listen, die einem Arbeiter monatelang die Existenz rauben; wenn aber ein Arbeiter bei einem Streik den Arbeitenden nur schief ansieht oder ein scharfes Wort sagt, wird er mit Gefängnis bestraft; das muß aujhören. (Beifall.) _ .

Adg, Hengsbach (S.) verbreitet sich sehr eingehend über die Petition.

Nächste Sitzung Donnerstag lUhr; Tagesordnung: 1. Entwurf bett. Kraftfahrzeuge, 3. Zivilprozeßordnung.

Schluß 6 Uhr.

«form.

An Interpellationen sind ««gelaufen: Graf von Hompesch (Ztr.) über die Arbeitslqsigkeit (Heiterkeit links), Graf v. H ompesch (Ztr.) über die .Schwarzen Listen", Albrecht (Soz.) über die Ar- reitslosigkeit, Abgq. Basserrnann (ntlb.), Ablaß lfrs. Bp.i, Al brecht (Soz.) und v. Normann (kons.) bett, die Veröffentlichung des Kaiser-Interviews.

Auf der Tagesordnung stehen Petitionen.

Beratung der Petitionen.

Sbg. Fürst Hatzfeld (Rp.) schlägt vor, zunächst nur lene Petitionen zu beraten, zu welchen keine Wortrnep düng vorliegt; bann möge sich das Haus vertagen, um den Fraktionen Zeit zu geben, sich angesichts der poli­tischen Lage <u beraten. (Beifall.)

Abg. Singer (Soz.) will diesem Vorschlag nicht zu- Stmmen; die Petenten hätten ein Recht, daß ihre Zünsche beraten würden. Die Linke brauche nicht erst Sammlung. Die Petitionen sind zu ernst, um sie zu- rückzuftellen.

Der Präsident will nach dem früheren Vorgang verfahren.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.) meint, daß zuerst die Pe­titionen beraten werden sollen, die keine Debatte Her­vorrufen.

Abg. Dr. Arendt (Rp.): Angesichts der Aufregung, die im Reichstage herrscht, können die Petitionen nicht fachgemäß beraten werden. Buch sind wir nicht ge­nügend vorbereitet.

Abg. Singer (Soz.): Das ist doch sonderbar, denn die Petitionen sollten schon vor den Ferien beraten werden. ^Heiterkeit) Warum denn eine Aufregung? (Heiterkeit.) Es handelt sich doch um kein außer- ordentliches Ereignis! (Heiterkeit.) Man ist Vor­kommnisse, wie die letzten, schon gewohnt. (Heiterkeit.) Wir können ruhig abwarten.

Fürst Hatzfeld (Rp.) zieht seinen Antrag zunächst zurück.

Eine Reihe von Petitionen wird ohne Debatte er­ledigt.

Dann wird die Petition betr. die Rechtsver­hältnisse der Bureaubeamten beraten. Die Abgg. Link lntl.) und Raab (wirtsch. Vgg.) empfehlen die Petition warm.

Abg. Dr. Pieper (Ztr.): Die Petitionen sind alte bekannte; wir haben seit Jahren für die Wünsche der Bureaubeamten ein warmes Herz gehabt. Seit 15 Jahren beschäftigt man sich mit den Klagen der Bureau- b«ernten und niemals geht es voran; es ist nun höchste Zeit, daß eine gesetzliche Regelung erfolgt. Die neue Novelle zur Gewerbeordnung bringt auch keine Ord­nung, und das wirkt deprimierend auf Liefe Bureau- bemnten.

Der Antrag der Kommission wird angenommen. — Es folgt die Petition bett. Zoll auf Milch und Rahm.

Abg. Gothrin (Frs. Ver.): Die Handelsverträge lassen diesen Zoll gar nicht zu. Der Antrag hat also gar keine Bedeutung. Der Zoll kann gar nicht ein- geführt werden. . „ .

Abg. Dr. Spahn (Z.) stellt den Antrag, die Petition an die Kommission zurückzuverweisen, da der Bericht­erstatterverstorben und der Vorsitzende nicht anwesend sei.

Das Haus beschließt so.

Es folgen Petitionen betreffend Schiffahrtsabgaben auf den natürlichen Wafferstraßen Deutschlands.

Abg. Dr. Spahn (Z.): Ich glaube, daß es bei der gegenwärtigen Geschäftslage wenig Zweck hat, eine Srage von so weittragender Bedemung zu diskutieren; h möchte daher den Wunsch aussprechen, daß wir uns nunmehr vertagen.

Abg. Bass ermann (ntl.) beantragt demgegenüber, diese Petition von der Tagesordnung abzusetzen und im übrigen mit der Beratung sortzusahren.

Ter Antrag Baffeimann (nl.) wird gegen Zentrum, Polen und Reichsparlet angenommen.

Es (eigen Petitionen betr. Arbeitssp err en und Ueberschichten im Bergwerksbetrieb.

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Kymitr, der Kosak.

Von Marcel Etienne.

5Qi (Nachdruck verboten.)

„Wie Du also willst, Hieronymus! Gott gebe, daß diese Waffen zu Euerem Schutze genügen! Der beste Schutz ist nach meiner Meinung die Ach­tung und Liebe der Kleinen, Armen und Unter­gebenen, die iniier unserer Herrschaft stehen, die sich sonst vielleicht auch endlich den Tag ihrer Freiheit und Rack>e soffen würden! . . Wie aber die Dinge stehen, habe ich hier nichts mehr zu schaffen. Ich eile zu meiner Frau zurück, die mich zu Haufe erwartet, — aber nicht mich allein die arme Mutter! . . . Auf Wiedersehen denn, ge­liebtes Kind," endete der Greis, indem er/ich er­hob, und mit zitternden Armen Marynia um­armte, während ihm große, dicke Tränen über die Wangen in seinen weißen Bart rannen.

„Mein Vater, mein lieber, guter Vater, wes­halb quä'Ift Tu Dich so? Gott wird über uns wachen, — sage meiner geliebten Mutter, daß wir gewiß noch viele Tage des Friedens und des Glückes miteinander verleben werden!"

„Tas walte Gott, mein Kind! — Jetzt ver­lasse ich Dich — auf Wiedersehen!"

„Aber warum so bald schon, lieber Schwieger­vater, die Wege sind ja noch frei," sagte Hiera- nymus Koszowacki in möglichst verbindlichem Tone.

„Weil es mich drängt, bald bei meiner armen lieben Frau zu fein, welche leidet und mich er­wartet! — Noch ein Wort, lieber Schwiegersohn! Wenn Du Mitleid hast mit einem angsterfüllten Mutterherzen, so schicke uns jeden Morgen einen Eilboten mit Nachrichten aus Koszowata!"

„Du kannst daraus rechnen, Schiviegervater! Ich werde nicht versäumen, Deinen Wunsch zu .erfüllen!"

Der alte Herr Bychowski beantwortete diese Worte feines Schwiegersohnes mit einer stummen Verneigung und einem Abschiedsgruß.

Dann verließ er, die Hand der jungen Frau in der seinen den Saal und schritt auf seine Brycka zu, welche ihn am Fuße des Vorplatzes er- märtet e.'

Noch einmal umarmten sich Vater und Tochter mit schmerzlicher Innigkeit, unfähig, ihre Trä­nen zurückzudrängen. Als der Greis endlich im Fonds feines kleinen Wagens faß, sprang Mary- nia leichtfüßig auf das Trittbrett, umhüllte mit sorglicher Zärtlichkeit die Füße des alten Mannes mit dem kostbaren Teppich; drückte noch einmal ihre Lippen auf feine lieben Hände und kehrte dann auf ihren Platz auf der ersten Stufe des Vorplatzes zurück, von wo aus sie unter Tränen dem Tavoneilenden ihre Abschiedsgrüße zuwinkte.

Hierauf begab sie sich wieder zu ihrem Gatten in den Saal zurück. Glücklich über ihren Gehor­sam und ihre Anhänglichkeit, ruhte zum ersten Mal seit undenklicher Zeit sein Auge mit dem Ausdruck verhaltener Zärtlichkeit und Liebe auf ihr.

8. Kapitel.

Hier und dort.

Seit der Abfahrt des Schloßherrn von Kruto- Horby mochte eine Stunde verflossen sein.

Von Skandyba begleitet, überwachte der Sta­rost aufmerksam die Vorbereitungen zur Verteidi- gung, als eine andere Brycka in den Hof einfuhr. Gleich darauf erschien das lange schwarze Ge­wand und die^ weißumrändeten Bäfschen eines Priesters am Fuße der Stusen, die zur großen Halle hinaufführten.

„Wahrhaftig! Pater Marek ist es, mein einsti­ger Lehrer und Schloßkaplan von Human! Ich habe ihn erst vor zwei Tagen dort gesehen, NWs mag er nur von mir wollen? Was für eine Ur­sache mag ihn wohl hierher führen?"

Indem er fo zu sich selber sprach, drehte Hiero­nymus Koszowack dem Verwalter den Rücken und

schritt eilig mit entblößtem Haupt und ausge- strecktet Hand dem Vorplatz zu, um den Neu- angekommenen mit allen Zeichen des Respektes zu empfangen. . „ .

Doch kaum hatte er den würdigen Priester er- reicht, als er erblaßt und wie angewurzelt stehen blieb, als er den Ausdruck von Todesangst, Schrecken und fast Verzweiflung in den Zügen des Greises gewahrte

„Was gibt's Vater? Was ist Euch zugestoßen? Sprecht! Ich bin so erstaunt, wenn auch erfreut über Eure unerwartete Ankunft. Es ist zum erstenmale, daß Ihr mein Haus bettetet, und .

„Und wenn ich mich in diesem Augenblicke hier befinde, fo ist es nur, weil ich Euch auf schreckliche Dinge vorbereiten will. Doch will ich Euch nicht hier davon sprechen, folgt mit in den großen Saal! Es soll keiner Euter Männer, die im Hofe arbeiten, meine Worte hören könnend

Im Saale, aus welchem die Diener den Frühstückstisch entfernt hatten, stand Marynia noch immer in Gedanken versunken. So entschlos­sen sie wat, die Gefahr mit ihrem Gatten zu tei­len, so gedachte sie doch mit tiefem Kummet ihrer Eltern und besonders ihrer Mutter, die in Sorge und Angst um sie beinahe vergehen würde. Als sie den Priester bemerkte, schritt sie eilig auf ihn zu, um seine Hand zu küssen und seinen Segen zu empfangen.

„Möge Gottes Frieden in diesem Hause fein, und sein Segen auf Deinem Haupt, meine Toch- ter!" begann Pater Marek mit einem gütigen, mitleidsvollen Blick auf Marynia. „Ich bin er­staunt, Euch hier noch anzutreffen l Ich glaubte Euch nach einer ruhigeren Gegend abgereift Doch ich sehe, daß Ihr entschlossen seid, mutig Euren Platz an der Seite Eures Gatten zu behaupten. So werdet Ihr auch tapfer anhören, was ich Euch zu sagen habe. Dann wollen wir alle zu- fammen zu Gott um Gnade und um sein Erbar­men flehen!"

Der Kaplan zog nach diesen Worten den Sta­rosten sanft zu sich heran und. den an der balboffe-

nen Türe horchenden Skandyba nicht bemerkend, sagte er:

„Diese Revolte der Leibeigenen und Bauern, welche gestern begonnen hat, ist nicht bloß eine Empörung, eine Erhebung: sie ist zu einer wah­ren Schlächterei, zu einem entsetzlichen Gemetzel geworden. In Lysianka, in Smila, in Prucki, in Medwedewa, mit einem Worte überall sind die Aufrührerischen die Herren der Situation, Sie tragen Feuer und Schwert. Tod und Ver­derben in die Schlösser und Dwors. Und wenn es noch ein rascher und ruhmreicher Tod wäre, — der kaum zum Bewußtsein kommende Todes­schmerz einer Kugel in den Kopf, eines Säbel- stichcs in das Herz! . . . Diese Verfluchten aber ersinnen die grausamsten Qualen, die raffinier­testen Martern! . . . Dort haben sie einem Ade­ligen den Bauch aufgefchlitzt und eine Ladung Pulver hineingestreut, um es anzuzünden, die Glieder abgeschnitten, einen dritten am Gitter seines Dwors zerschmettert, — den einen verbren­nen sie lebend, oder Wersen ihn geknebelt in einen Fluß. Und nichts hält sie in ihrer blutdürstigen Wut zurück, weder Alter noch Geschlecht. Kinder werden aus der Wiege gerissen und in den Armen ihrer Mutter getötet, Frauen auf den noch zucken­den Körpern ihrer Gatten erdolcht, erwürgt. . , Ach mein Gott, warum seid Ihr nicht auch ge­flohen. — alle, ohne einen Augenblick zu ver­säumen? Was habt Ihr für einen Grund, fo hart­näckig hier zu verharren, fagt, Hieronymus?"

„Das Schloß ist stark befestigt und wohl be- toaffnet Uh fürchte dies« Bauern nicht und werde mich zu verteidigen wissen", entgegnete der Starost.

„Gott gebe, daß Eure Entschlossenheit Eure Diener aufmuntere und ermutige, und daß Eure Verteidigungsmittel hinreichen! — Ader wäre es nicht besser, rasch das nahe Gehölz zu erreichen und von dort zu entfliehen?"

„Es ist zu spät, Vater! Wir können uns nur noch auf unsere eigene Kraft verlassen!"

(Fortsetzung folat)