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KMaerWAeWng

M 252.

Fulda, Samstasi den 31. Oktober 1908.

35. Jahrgang.

Zweites HStcrtt

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Z ParzeLer in Kulda. wochenlxiiagc „Illustrierte Zonntagzzeitung"

date erhalten müssen, muß sich aber mit 6 Man­daten bescheiden. In den ländlichen Bezirken sind sie gänzlich ausgefallen. Eine atembeklem­mende, boffnungslose Niederlage ist über die So- zialdemokratie gekommen, nach einem Wahl- kamps, zu dem die Gegner der christlich-sozialen Partei einen Apparat in Verwendung gestellt hatten, wie er so großartig höchstens bei den letzten Reichsdatswahlen gesehen Wunde; die Flugschriftenflut, die diesmal über Wien Lurch die Sozialdemokratie ausgegossen wurde — ein Permanenter Austrägerdienst war eingerichtet.

dem entwickele es in mühsamer Arbeit aus dem Rohstoff, der ihm überliefert war. Von mancher Blüte, die auf dem Felde der Forschung aufgeht, läßt sich noch nachweisen, daß vor so und so viel Jahrzehnten oder Jahrhunderten das Samenkorn dazu in die Erde gefallen und seitdem seiner Auf- erstchung entgegengeschlummert ist. Wir sehen bei einem Rückblick, daß die Vorfahren bei ihrem Streben nach der Wahrheit manchen Umweg und manchen Irrweg eingeschlagen haben; doch des- halb dürfen wir sie nicht verachten, denn auch un­sere Wege sind nicht gerade und zielsicher, auch unser Wissen ist Stückwerk und unser Forschen ein Lappen im Nebel. Unsere Nachkommen wer­den über unsere Zeit ebenso gut zu Gericht sitzen können, wie wir über die Mängel der Vorzeit. Wenn die Menschen klug und gerecht sind, so las- sen sie von der jeweiligen Selbstüberhebung ab und bleiben dankbar denen, die vor ihnen gestrebt und die Wege gebahnt habe«.

Die Masse der Menschen empfindet am meisten den Segen der Wissenschaft in deren Anwendung auf das Praktische Leben, wenn sie z. B. aus Rü­ben Zucker erzeugt, die Fruchtbarkeit der Felder steigert, die Viehzucht vervollkommnet, den Häu- serbau verbessert, die Städte mit Wasserleitung und Schwemmkanälen versieht, die Gesundheits­pflege und Heilkunst födert, die Heizung und Be- leuchtung zweckmäßiger und billiger macht, die Verkehrsmittel auf eine ungeahnte Höhe bringt usw. In der Lat, die ganze Lebenshaltung hat sich bedeutend gehoben, und wenn auch der wirt­schaftliche Kampf ums Dasein jetzt die höchste Anspannung aller Kräfte fordert, so hat doch die Lebensführung weniger Dornen und mehr Blu­ten tote in den früheren Zeiten. Seien wir dank- bar dafür, daß unsere Vorfahren unter so man- gelhasten Einrichtungen und so harten Daseins- formen doch nicht die Spannkraft verloren haben, s110^ ken Grund zu legen zu den ^m!$rmen' ö^ren wrr uns erfreuen. Wir ernten tn ««wen, wo sie in Lränen gesäet haben.

Und besonders dankbar wollen wir der Män­ner gedenken, toelche in die neue Wirtschafts- und ^öensordnung den christlich-sozialen Ein­schlag gefügt haben: den Vorkämpfern der Cha- ntas und der Sozialpolitik, die dafür gesorgt ha- ben, daß die Fortschritt« nicht nur einer bevor-

der Veamtengehaltserhöhung und der neuen Steuern in Arbeit genommen. Ob mit den be­vorstehenden Beschlüssen alle Wünsche der Beam- ten erledigt werden, kann man bezweifeln; es scheint aber, daß die Regierung im allgemeinen wenigstens mit ihren Vorschlägen das Richtige ge­troffen hat. Gegenüber den oberen Beamten ist sie wieder freigiebiger gSvesen, als gegenüber den Unterbeamten. Das ist aber ein Mangel der Vor­lage, der in der Kommission wahrscheinlich schnell geheilt werden wird.

Im Groß Herzogtum Hessen haben am Mittwoch die Landtagswahlen stattgefunden. Es waren 25 Abgeordnete neu zu wählen. Da­von erhielten die Nationalliberalen 11, die Bau- ernbündler 5, die Sozialdemokraten 2, die Frei­sinnigen 3, das Zentrum 3 Mandate. Außerdem wurde ein Fraktionsloser gewählt. Die Sozial­demokratie verlor bei dieser Wahl 2 Sitze, einen an das Zentrum und einen an die National­liberalen.

Kaum hat sich die österreichisch-unga­rische Negierung den zahlreichen Anfeindungen wegen der Annexion Bosniens und der Herzego­wina gegenüber mit gutem Erfolg gerechtfertigt, da gehen wieder die inneren Unruhen los. Es sind wiederum die Tschechen, welche in der böhmi­schen Hauptstadt Tag für Tag gegen die Deutschen und die Wiener Negierung demonstrieren, da sie sich durch , die Schließung des böhmischen Land- tages zurückgesetzt fühlen. Die Regierung ging zunächst gegen die Demonstranten äußerst milde vor. Da aber die Unruhen nur noch größer wur­den, droht, sie mit Anwendung der Militärgewalt und Verhängung des Ausnahmezustandes über die, Hauptstadt. — Bei den Wahlen in Nie­derösterreich, wurde zum- ersten Male auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes gewählt. Die Christlich-Sozialen erfochten dabei einen glänzenden Sieg. Die So­zialdemokratie hätte in Wien allein 13 Man­

in Frieden und Freundlichkeit sich abfinden wer­den. Herr Picard wird jedenfalls fürs erste den leitenden parlamentarischen Prteioberhäuptern gegenüber feien leichten Stand haben. Und m ihm auch Herr Clemenceau nicht, der ihn ent­deckte.

In E n gl a n d haben zur Behebung der Ar­beitslosigkeit die Gemeinden begonnen, Anleihen aufzunehmen, welche die Regierung garantiert Die Gelder werden zur Ausführung öffentlicher Arbeit benützt, die in normalen Zeitläufen noch nicht begonnen worden wären. Tie Gemeinden haben insgesamt 30 Millionen Mark für diese Zwecke zur Verfügung. Die Tilgung der An­leihen soll durch Erhöhung der Gemeindesteuer er­folgen. Der Kriegsminister nimmt, um auch zur Behebung beizutragen,, 24 000 junge Manner, als Rekruten für die iterrifortalreferbe bis Ende März an; das - erfordert eine Ausgabe von 5 Millionen Franks. Ter Marineminister läßt spe­zielle Reparaturarbeiten eher ausführen und bringt damit 2400 Mann unter. Außerdem legt die Marinebehörde fünf Kreuzer und einen Tor- pedobootszerstörer, die im Januar 1909 begonnen werden sollten, jetzt schon auf Stapel. Der Post- minister will auch sein möglickistes tun, um als Aushelser Arbeitslose mit Familie zu beschäf­tigen; er rechnet darauf, etwa 8000 Mann unter­zubringen.

Auf dem Balkan ist es allmählich ruhiaer geworden. Die Serben zeigen sich ja freilich noch weiterhin kriegslustig; da sie aber sehen, daß sie von keiner Seite Hilfe zu erwarten haben so müssen sie sich nölens volens allmählich fügen. Der serbische Kronprinz scheint eingeseben zu ha­ben, daß er mit seinen aufwiegelnden Reden nicht viel erreichen kann. Er sucht nun seine diploma­tischen Fähigkeiten zu zeigen, indem er an den Petersburger Hof reiste, um nach einer Meldung die Stimmung daselbst für Serbien günstiger zu gestalten. Nach einer anderen Meldung dagegen fall er sich aufs Neue auf die Brautschau beaeben haben. Wir sind neugierig, ob sich eine russische Fürstentochter finden wird, die geneigt ist, dem allzusftirmischen Draufgänger ihre Hand zu rei­chen. In B u l g a r i en hofft man. weiterhin auf eine friedliche Verständigung. Ob die bulaa- rischen Verhandlungen mit der Türkei endgiltig abgebrochen sind, barüber verblutet immer noch nichts Bestimmtes. Es scheint so, als ob sie nur vertagt worden sind. Inzwischen spielt sich König Ferdinattd immer mehr als Friedenswächter des

die englische Regierung dem jungtürkischen Ko­mitee (der , maßgebenden Nebenregierung in Stambul) die Zusicherung gegeben haben, daß im Falle eines Reaktionsversuches die englisch« Flotte von Mytilene durch die Dardanellen nach Konstantinopel kommen werde, um den Jung­türken zu helfen. Die letztere Abmachung würde nicht nur den Bruch eines internationalen Ab­kommens bedeuten, sondern auch eine unzulässige Einmischung in das innere Leben der Türket Aber man traut den englischen Politikern zu, daß sie auch zu den äußersten Mitteln greifen, um di« unmittelbare Verständigung zu hindern und eine Konferenz zu erzwingen. Schon in der Aus­nutzung des Geldbedürfnisses der Pforte liegt ein« häßliche Erpressung. Das Eigenschaftswort „häßlich" ist um so mehr am Platze, als die eng­lische Quertreiberei dem Frieden schädlich ist Und nach der schnellen Sickerung des Friedens lechzt doch ganz Europa. Tie d e ut f dj e Diplo­matie steht auf dem Standpunkt, daß der F r i e be der maßgebende Zweck sei und jedes Mittel, das dem Frieden diene, ergriffen werden solle. Deutschland wird die unmittelbaren Verhand­lungen unterstützen, so lange sie Erfolg verspre­chen, und es wird auch einer Konferenz zustim­men, wenn sie durch ihr vorsichtig abgewogenes Programm und der freiwilligen Teilnahme aller Mächte ein friedliches Ergebnis verspricht. Ten Abbruch der direkten Verhandlungen emvfindet unsere Diplomatie unangenehm, wie die Auslas. sungen der Offiziösen merken lassen. Tas er­klärt sich schon durch unsere Solidarität mit Oesierreich, das die direkten Verhandlungen ent­schieden bevorzugt.

wochen-ttundfchan.

fif Fulda, 30. Oktober 1908.

Ungeheures Aufsehen erregt in der ganzen Welt die Mitteilung eines englischen Blattes über eine Unterredung Kaiser Wil­helms mit einem englischen Diplo-

klärung seines Landes äußerst günstig ist, sonst hätte man ihm schon gezeigt, wieweit er zu geben hat. Auch darüber weiß man noch nichts Ge­naues, ob die Verhandlungen zwischen der Türkei und Oesterreich-Ungarn als völlig aussichtslos aufgegeben worden sind. Nach der Behauptung der Wiener Presse soll England an dem Scheitern der Verhandlungen schuld sein. Es zeigt sich da wieder, daß das Geld die Welt regiert. Die Türkei braucht Geld, und England hat einen großen Beutel. Durch Verheißung eines so­fortigen Vorschusses und einer nachfolgenden großen Anleihe hat, beißt es, die englische Regie- rung das türkische Ministerium dahin gebracht, von den aussichtsvollen unmittelbaren Verhand­lungen mit Oesterreich und Bulgarien wieder ab- zustehen und sich abermals dem von England ge- pflegten Konferenzplane zuzuwenden. Da- neben soll, wie aus Konstantinopel gemeldet wird,

waten, worin sich der Kaiser über das Ver­hältnis zwischen Deutschland und England aus­gelassen hat. Am meisten besprochen wird die SBemerfung des Kaisers, daß in jener kritischen Zeit, als der Burenkrieg auf seiner Höhe war, Frankreich, und Rußland an Deutschland das Er­suchen gerichtet haben, sich mit ihnen zu verei­nigen und England aufzufordern, dem Kriege ein Ende zu machen, um die Burenrepubliken zu reiten. Der Kaiser habe das aber abgelehnt, habe vielmehr sofort dem König von England telegraphisch Mitteilung von diesen Ranken ge- macht. Daß Frankreich und Rußland damals versucht haben, im Burenkriege zu intervenieren, 'war schon bekannt, nicht aber, daß der Kaiser von diesen Anregungen sofort nach London berichten hat. Ter Kaiser soll ferner mitgeteilt haben daß er um die Jahreswende 1899/1900, zur Zein der englischen Niederlagen, einen Feldzugsplan für die englische Armee ausgearbeitet und nach Prüfung durch den Generalstab nach England geschickt hab«; der Plan sei demjenigen sehr nahe gekommen, der wirklich von Lord Roberts durch­geführt worden sei. Von einer solchen tatsäch­lichen Bekundung der Sympathie des Kaisers ist sckwn gerüchtweise gesprochen worden. Wenn jetzt die freiwillige Mitarbeit des Kaisers förmlich und bestimmt, unter Berufung auf den Kaiser selbst als Gewährsmann, an die Oeffentlichkeit gebracht wird, so muß man die Wirkungen dieser Tatsache nach allen Seiten ins Auge fassen. Die Buren selbst haben sich mittlerweile mit England "Usgesohnt; sie hatten auch längst aus anderen Tatsachen, z. B. der Zurückweisung des rund- retjenben Präsidenten Krüger, die Stellung- nahm« des deutschen Kaisers erkannt. Also auf bte bcrfhmntenbe Wirkung der Enthüllung in Burenkreisen braucht man also kein großes Ge- wrcht zu legen. Aber in England selbst ist man von dieser Enthüllung keineswegs erbaut. Die gesamte englische Presse verhält sich ablehnend, manche Blätter sogar sehr schroff, da sie nicht an bte Zeit der englischen Not erinnert werden wollen. Ihren russischen und französischen Freun­den tragen sie auch keineswegs den Plan von 1900 nach. Sie sind in der Politik praktische Leute, sie kümmern sich nicht viel um das Einst, um so menr um das Heut, und keine Ausarabung vergangener Jntriguen wird sie zurückhalten, sich beut mit Leuten zu verbinden, die sie gerade brauchen. In, Frankreich und Rußland ist man erst reckt erbost, weil aller Welt in Erinnerung gebracht wird, daß ein Zeitpunkt nicht fern liegt, in dem Rußland und Frankreich ihrem englischen Freunde von beute in den Rücken fallen wollten. Die Haupttätigkeit der deutschen Diplomatie er­schöpft sich seit Jahren in steten Entschuldigungen und Versicherungen, daß wir nichts Böses im Schilde führen. Gerade diese ewigen Entschul­digungen haben aber erreicht, daß man unseren Beteuerungen keinen Glauben schenkt.

Tas preußische Abgeordnetenhaus hat ' gleich nach Beginn seiner Beratungen die Frage

Deutsches Reich.

-4- Der Chef des Zivilkabinetts. Nach der neuen Besoldungsordnung soll das Gehalt des Chefs des Zivilkabinetts, der bisher 20.000 Mk. erhielt, auf 25,000 Mk. erhöht werden. ES ist noch erinnerlich, daß das Abgeordnetenhaus im Jahre 1906 eine Gehaltserhöhung für den Chef des Zivilkabinetts fast einstimmig abgelehnt hat. Tamals war noch Herr v. Lucanus Chef des Zivilkabinetts, und es konnte mit einigem Rechte für die vorgeslagene Gehaltserhöhung gel­tend gemacht werden, daß Herr v. Lucanus sehr lange im Amte war. Dieser Grund fällt jetzt weg, da sein lldachfolger das Amt erst seit kurzer Zeit bekleidet, und vorher Regierungspräsident mit 12,000 Mark Gehalt war. Hoffentlich lehnt das Abgeordnetenhaus diese Gehaltserhöhung rundweg ab.

Bom sozialistischen Zukunftsstaat. In den sozialistischen Monatsheften' verbreitet sich Genosse Laufkölter über das Thema: „Uto- pistische.Jdeen im modernen Sozialismus". Wir entnehmen feinem Artikel folgende Stellen:

Seit Christi Geburt sind jetzt neunzehn MS^^klossen. In 30 Jahren erneut sich bas Menschengeschlecht. Also etwa 66 Ge- schlechter sind seitdem übet die Erde gegangen 66 Schichten der christlichen Kultur lagern Xr- emander. Jedes Geschlecht steht mit seinen Fü- ßen auf den Schultern des vorheraegangenen Ge- Ichlechts. ES ist kein besonderes Verdienst wenn die nachgebor-enen Geschleckter etwas höher in die WclkM h,naufragen, als die früheren; jene haben die HSende Unterlage. Auch wenn der Enkel nur schwach begabt rst, vermag er doch den tüchtigen Großvater zu übertrumpfen; denn der Enkel ver­fugt von Anfang an über die Erfahrungen des Großvaters und über die Zutaten vom Vater Es ,st nur unsere einfache Pflicht und Schuldig keit, wenn wir zu den ererbten Kulturgütern nach unseren besten Kräften etwas hinzufügen und das ordentlich verwaltete Erbe unseren Nachkommen überlassen.

Das höchste itnb segensreichste unter allen Kul­turgütern auf Erden ist die Hinterlage der Offen­barung, der Schatz des Glaubens. Ein Schah vom Himmel, aber uns vermittelt durch Men- schenmund und Menschenhand von Geschlecht zu Geschlecht. Uird unter den Wohltätern der Mensch, hert stehen diejenigen in erster Reihe, welcke für me Erhaltung und Ausbreitung von Religion und Tugend gesorgt haben, sei es durch amtliche Lehr- und Hirtentätigkeit, sei es durch die Mitarbeit am Reiche Gottes in irgend einer Form, sei es durch das anregende Beispiel. Der sämtlichen Pfleger und Förderer des welkerlösenden Christentums gedenken wir in Dankbarkeit am Feste Allerheili- gen. Und dabei wollen wir der bescheidenen Kleinarbeiter im Weinberge nicht vergessen. Vor allem unserer guten Eltern nicht, bie für unser leibliches, geistiges und sittliches Gedeihen opfer­willig getan haben, was sie konnten. Wer feine Eltern noch um sich hat, der beeile sich, die Dank­barkeit noch bei ihren LÄzeiten abzutragen.

Ein großes Gut ist die Wissenschaft. Sie schreitet fort, aber nicht in Stebenmeilenstiefeln. fonbern Schritt für Schritt. Aus dem einen Stückchen Erkenntnis entwichst sich ein neues Stückchen. Aehnlich tote beim körperlichen Wachs­tum sich ein Zellchen an das andere reiht. Ter Forscher greift das neue nicht aus der Luft, son»

„Eine Idee, die uns noch heute auf Schritt und Tritt begegnet, ist der Glaube an eine plötzliche Um* wandelung der menschlichen Gesellschaft. Die Utopisten Schwärmer und Träumer) machen sich die Sach« sehr leicht. Sie zaubern aus ihrem Kopse eine Welt her* oor und fragen nicht, ob es denn auch möglich ist, diese Zauberet zu verwirllichen; sie stellen sie ein* ach vor uns hin und verlangen von uns, daß wir daran glauben sollen; als wirtlich vorhanden schildern ie em Wunderland, das nirgends anders ext* stiert, als in der Phantasie kindlicher Schwärmer... Auch im Zukunftsstaat wird mitWasser ge* kocht werden, und auch dort werden die Mensche« keine Engel sein, sondern Menschen mit mrnsch* lichen Schwächen und Mängel bleiben. Kann man

jugten Minderheit, sondern nach Möglichkeit auch den schwächeren und besitzlosen Klassen zugute kommen. Die moderne Welt tut manchmal so, als ob sie von Gott und Christentum nichts mehr wüßte. Aber gerade der soziale ZuaiL der Ge­genwart zeigt deutlich, daß 8er christliche Geist doch noch die Welt durchdringt, wie der Sauerteig bas Mehl.

Eine wesentliche Stühe der irdischen Wohles ist ferner der Friede, die nationale Sicherheit, das politische Gleichgewicht. Fast vier Jahrzehnte hindurch erfreuen totr uns jetzt des äußeren Frie* dsns. Ein großer Vorzug vor den früheren Ge­schlechtern, die unter Kriegsnöten furchtbar ge­litten haben, mit Einschluß auch des letzten treuen Soldaten, der s. Zt. im Kampfe für Volk und Reich opferwillig feine Pflicht getan.

Ehre den Vorfahren, auf deren Schultern wir stehen! Ebre den Erbauern des Hauses, in dem die jetzige Mensckheit ihre Wohnung findet! Dank nicht nur den Großen und Erhabenen in Kirche und Staat, sondern auch allen einfachen Mitar­beitern, die ihren bescheidenen, aber doch unent­behrlichen Posten treu ausgefüllt haben. Ehre unseren Eltern und Ahnen, aber auch Ehre allen denen, die unsere unmittelbaren Vorfahren unter­stützt und gefördert haben, daß sie eine solide Familie gründen konnten, die unferm Dasein Wurzel fein sollte. Heute erinnern wir uns dank- bar aller, die uns vorangegangen find in diesem Erdentale, und wir kennen auch das einfachste und schönste Mittel, die Dankbarkeit zu bekunden: im Gebet vor dem Festaltar aller Heiligen und im Gebet auf den Gräbern am Allerseelentag.

Wer dankbar der Vorwelt gedenkt, der darf hoffen, daß die Nachwelt auch chn nicht gänzlich vergißt, wenn er seinen Lauf vollbracht hat.

Im Augenblick leben wir ja noch, und detz wollen wir froh sein. Denn so lange noch da- Lämpchen glüht, können wir auch streben, sühnen, bessern, schassen und sorgen für das Wohl der Unserigen und da- eigene Heil. Der Rückblick auf die Vorangegangene» soll nicht lähmend, andern anfeuernd wirken. Noch ist es Zeit, um »ns ein ehrenvolles Andenken hier unten und eine freundliche Aufnahme dort oben, im Kreise unserer Vorgänger, zu sichern.

UnpEsche 3eitl6u|e.

(::) Berlin, 29. Oktober 1908.

(Nachdruck verboten.»

Das Gedächtnis der Vorausgegange- nen begehen wir am Sonntag und Montag. Auf den Aeckern der Menschen ist die Ernte nun völ­lig beendigt; jetzt wird noch eine Art Erntefest gefeiert auf dem Gottesacker, von dem der All­mächtige einholt in die Scheuern des Jenseits.

Es sind Tage des Rückblicks, der Erinne­rung an unsere Vorgänger, aber auch Tage der Vorschau; denn uns ist bestimmt, desselben Weges zu gehen, und es wird bald ein Allerseelen­tag kommen, an dem man dir und mir ein Kerz- chen anzündet. Eine ganze Mischung von Gefüh­len erweckt diese Feier. Mitfreude mit den Seligen. Mitleid mit dem noch Leidenden; Wehmut im Bewußtsein der vorläufigen Tren­nung von lieben Toten; Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen, Fu r ch t vor den Schrecken des Todes und des Gerichtes. Und vor allem soll uns an diesen Tagen ein Gefühl recht lebhaft be­seelen : das Gefühl der Dankbarkeit.

Dankbarkeit gegen die Vorgänger? Das klingt ti«r nicht modern. Der moderne Mensch hat ein gewaltiges Selbstbewußtsein. Er schwärmt von den Errungenschaften der Gegenwart; er pocht auf die sogenannten Kulturwerte der Neuzeit' er ist überzeugt, daß erst die Menschen von heute menschenwürdtg zu leben vermögen. Wer vor diesem Sonnenaufgange der nwdernsten Kultur gestorben ist, der verdient nichts anderes als Mit­leid . Wir aber, die triumphierenden Helden der Gegenwart, wir zucken die Achseln über die rück- ständige Vergangenheit und bewundern uns selbst!

Tas ist gerade so unsinnig, als wenn ein Mann, der auf einer Leiter emporgestiegen ist, von den oberen Sprossen herab eine Standrede über die Rückständigkeit der unteren Sprossen halten wollte. Gerade den unteren Sprossen hat er es ja zu verdanken, daß er in die Höhe steigen konnte.

Was wir gutes und schönes haben in der Ge­genwart, dazu haben unsere Vorgänger den Grund gelegt. Wir haben geerbt, und die Erben sollen den Erblassern dgnft>ar sein.

permanenter Austragerdienst war emgerichtet, Balkans auf und will gewissermaßen daselbst die nm fast Tag um Tag neue Pamphlete an Tau-! erste Geige spielen. Er kann froh sein, daß die enden von Tunen zuzustellen — suchte die christ- gegenwärtige Lage für die Unabhängiakeitser- lrch-soziale Parte: in einem Schloall von Vor-.....' - - - — - - - — a — - -

leumbungen der ungeheuerlichsten Art hinweg- zuschwennnen. Die sozialdemokratische Presse uhrte eine Sprache, so vehement und zielbewußt, daß es deutlich erkennbar war, tote diesmal ein erfolgreicher Generalsturm geplant tvar. Das Ergebnis war aber, daß die Stimmenzahl der Christlich-Sozialen um 57,250, die der Sozial­demokraten um 7890 Stimmen zunahm.

$ r a nkreich hat einen neuen Marinemini- ter bekommen: Herrn Picard, weiteren Kreisen btshex nur bekannt geworden durch seine erfolg- reiche Tätigkeit als Leiter der Veranstaltungen ür die jüngste Pariser Weltausstellung. Okme Zwerfel ist er in diesem Sinne ein verdienstvoller Mann. Es ist nur die Frage, ob die schulmäßi- gen Parteipolitiker in Frankreich, die keinen Mann ans ihrer Mitte auf den erledigten Mini- sterposten berufen sehen, mit diesem Einspänner