Einzelbild herunterladen
 

I

M 251.

Fulda, Freitag den 30. Oktober 1908.

35. Jahrgang.

fpaltigepetttztiltodei' deren Roum 15 pfg. Reklamen drepetttzeil« 26 Pfg., bei wieder- Holungen wird entspr, Rabatt gewährt.

Rotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- ttendrnckerei in Frida Kernfprecher «r.«.

«rschedit «glich M Kurnahm« der tonu «d Feiertage, viertel. MrlicherveVrgqrrela ohne vringerloh« und veftelgeldinFuldaso» wie aurwärtr 1.50 M.

Verantto. Redaktenrr Lari Schütter

KllöaerWZeitmg

z. parzeller in Fulda. Wochenbeilage! „Illustriette Sonntagzzeitung" ' m»E<«a-e: „Fuldaer SeschichtrblAter"

Zweites Matt.

deutsch« »eich.

(*) Die Bestimmungen über die Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens, die in ihrem wesentlichen Inhalte schon vor mehreren Monaten bekannt wurden, sind nebst den Bestimmungen über die Zulassung der Frauen zum UniversilSts» studium nunmehr dem Abgeordnetenhaus zu­gegangen.

i. * Der Fall Bismarck, lieber die militärische Zukunft deS Leutnants a. D. Otto v. Bismarck, der bis vor wenigen Monaten dem 3. Garde- Feldartillerie-Regiment angehört hat und wegen des Straßenbahn-RekonterS in Berlin mit dem Journalisten Becker ehrengerichtlich zur Entlassung mit schlichtem Abschied verurteilt wurde (vergl. Nr. 249, 2. Blatt, Vermischtes), wird Der »Nat. Ztg." mitgeteilt: Die Annahme, daß der Offizier nunmehr, nach der Bestrafung seines Angreifers mit l1/» Jahren Gefängnis, sofort Mieder in das Herr ausgenommen werde, ent­spricht nicht der hergebrachten Behandlung solcher Fälle. Der Verabschiedete muß vielmehr beim Kaiser seine Einstellung als Fahnenjunker, also als Gemeiner, in ein anderes Regiment er- stillen. Nach sechs Monaten kann Herr v. Bis­marck wieder daS Portepee erhalten, nach einem weiteren Monat und nach erneuter Wahl zum Offizier durch das Offizierskorps erst kann er zum Leutnant befördert werden. Die böse Sache, in die er ohne Schuld verwickelt wurde, muß ihn im Avancement um mindestens 2V« Jahre zurückbringen. — ES hat in der Oeffentlich« feit das peinlichste Aufsehen erregt, daß das Ehrengericht seinen Spruch nur auf die ein- stttigste Information hin gefällt hat. Die Militärverwaltung hat allen Anlaß, klarzustellen, wie das möglich gewesen ist.

* Die Masuren und Litauer. Gleich dem nationalliberalen Abgeordneten Schwabach er­suchen nunmehr auch die Konservativen des preußischen Landtages die Staatsregierung um Einbringung einer Vorlage, durch die der unbe- schränkte Gebrauch der litauischen, masurischen und wendischen Sprache in öffentlichen Versammlungen landesgesetzlich ge- währleistet wird. — Die Masuren und Litauer find bekanntlich Protestanten. Darum. . . .

(.) Ueber Lazarus Freisinn spottet Herr v. Gerl ach folgendermaßen: „Hier ein Orden, da ein Diner, hier ein Versprechen, da ein Paragraph — und selig lächelnd spricht der Freisinn von Konzessionen an den Liberalismus^ und kämpft voll und ganz und unentwegt für Bülow und den Block. Die Reichen von der Rechten sitzen an den Tafeln der Gesetzgebung und feiern ihre Orgien. Der atme Lazarus Liberalismus kauert auf dem Boden und freut sich, wenn hie und da einmal ein Brosamen zu Erde fällt. Auf den: berühmten Pokertisch in Oldenburg häuften sich Geld und Scheine auf. Setzte aber zufällig ein­mal ein schüchterner Referendar einen Taler oder ein Fünsmarkstück, so schob er der hohe Herr, der kein Silber sehen konnte, 'verächtlich pom Tisch: ,,Pour le garconp Schmunzelnd suchte der Kellner die Silberstücke aus dem Fuß- poden zusammen. Dieser Kellner — das ist der Blockfreisinn." — Richt übel!

Der heruntergekommene Liberalismus in Baden findet in einer Preßstimme aus dem nationalliberalen Lager eine von ehrlicher Entrüstung diktierte Kritik. Der in Ueberlingen am Bodensee erscheinende liberale,Seebote' schreibt: .Mit geradezu beneidenswerter stoischer Ruhe steht man zu, wie unsere einstigen liberalen Burgen vor dem Zentrum kapitulieren. Denn in den Reihe» her Zentrums wird praktisch Politik ge­trieben, da wird von den Führern dem Landwirt geholfen, mit Erfolg beigesprungen, seine Produkte an Früchten und Obst, an Wein und Most zu ver­werten — — was geschieht demgegenüber in unseren Reihen? Nichts, meine Herrn, gar nichts! Und gegenüber diesem nackten Nichts fühlt kein Mensch sich verbunden, am wenigsten in politischer Hinsicht."

Die »Konstanzer Nachrichtens das Zentrums- organ am Bodensee, treffen den Nagel auf den Kops, indem sie zu dem liberalen Stoßseufzer bemerken: „Der Liberalismus geht infolge seiner volksveträterischen Politik immer mehr dem Bankrott entgegen. Im Reiche schafft er ein EnteiHnungSgesetz und ein Reichsvereinsgesetz, und un Lande Baden geht er mit der Revo- lutions- und Umsturzparlei Hand in Hand. Der kleine Mann fühlt immer mehr, daß der Libe­ralismus der Krebsschaden für das Volk ist; er fühlt insbesondere, daß der Libe­ralismus, wenn er auch wollte, in Baden nicht mehr viel zu sagen hat, da er sich unter der Knute der Sozialdemokratie befindet."

Ausland.

* Der russische Minister des Aenßrrn, Jswols- kr, werlt wieder in Petersburg. Er dürfte einst- werlen genug Arbeit, damit haben, daß er seine politischen Gegner wieder etwas mehr im Zaum holt. Ob es ihm nochmals gelingen wird, gegen­über den Jntriguen, die gegen ihn eingefädelt sind, werter zu behaupten, ist noch sehr fraglich. Von dem Resultat seiner politischen Reise liegt noch keine nähere Meldung vor. Daraus scheint schon hervorzugehen,, daß die „Uebereinstimmung" der Mächte über d-ie Neuregelung der Balkan­verhältnisse nicht allzu groß ist, sonst hätte man sie schon längst in die Welt hinausposaunt.

* Mit der Toleranz in Russland ist eS nicht wett her. Die evangelischen Bap­tistengemeinden in Petersburg schloffen ihre nach dem Erlafle des Toleranzedikts vom 30. April 1905 errichteten Bethäuser, weil die Polizei das Namensverzeichnis aller Mitglieder verlangte und die Teilnahme an dem Gottesdienste nur den Mitgliedern gestattete. Ter Vorstand der evangelifchen Gemeinde hatte hierauf erklärt, ein Gottesdienst unter polizeilicher Kontrolle sei un­möglich.

* Attentat auf einen persischen Gouverneur. In Maranda im Hause des Gouverneurs Schud- hanissams, der in Täbris an der Spitze der An­hänger des Schahs gekämpft hat, explodierte beim Oeffnen einer Postsendung eine Bombe. Elf Personen wurden verwundet. Ter Gouver­neur und sein Sohn sind ihren Verletzungen erlegen.

Aus dem Nachbargebiet.

* Gießen, 29. Okt. 1908. Die Pläne für den Neubau einer Universitäts-Ohren- klinik werden gegenwärtig angefertigt. Die Stadt hat zu dem Neubau 100 000 bewilligt.

* Kassel, 29. Okt. 1908. Gestern vormittag 7t 12 Uhr wurde die Berufsfeuerwehr not dem auf dem Möncheberg gelegenen Traindepol alarmiert, um festzustellen, in welchem Zeit­raum bei FeuerSgesahr die Wehr zur Stelle sein könne. Nach kurzer Zeit hatte die Wehr ihre Aufgabe erfüllt, worauf sie über den Möncheberg gegen 12 Uhr wieder abrückte.

* Göttingen, 28. Okt. 1908. Der Direktion der hiesigen Heil- und Pflegeanstalt war zur Deo- Pachtung der Bierverleger Hermann Eberhardt aus Bückeburg von der Unfallversicherung in Hannover überwiesen. Hier in Göttingen stellte es sich nun heraus, daß er Simulant war. E. war im Jahre 1904 gestürzt und hat seit dieser Zeit eine geistige und körperliche Schväche ge- heuchelt und sich dadurch in den Besitz einer Un­fallrente von 6000 dK gesetzt. Die Strafkammer verurteilte ihn deswegen zu 17- Jahren Gefäng­nis.

* Wiesbaden, 29. Okt. 1908. Im Mai nächsten Jahres finden wie üblich hier wieder die Mai­festspiele statt. Als Abschluß der Festspiele sollte in Eltville ein großes Winzerfest stattfinden. Dazu sollte die Stadt Eltville einen Zuschuß von ■500 M bewilligen. Die Stadtverordndeten lehn­ten aber mitRücksichtaufdiesch lochten Zeiten die Bewilligung eines Zuschusses ab.

* Vom Eichsfeldc, 29. Oktober 1908. Auf Ver- anlas'ung der Königl. Generalkommission fand in Küllstedt dieser Tage eine Besichtigung wegen Anlegung von Vogelschutzreservatio- nen statt. Die Kosten werden aus besonderen staatlichen Beihilfen gedeckt. Mit den Bepflan­zungen soll schon in diesem Herbst oder nächstes Friihjahr unter sackperständiger Leitung begonnen werden. , Auch ist Vorsorge getroffen, daß gemäß Ministerialverfügung größere -Hecken und Raine erhalten bleiben.

vermischtes.

* Was alles gestohlen wird. In Aschenberg bei Münster i. W. wurde die 2 bis 3 Zentner wiegende alte K i r ch e n g l o ck e, die beim Ab­bruch des alten Turmes herabgenommen und auf dem Bauplatz aufgestellt worden war, gestohlen. Nachts war ein Mensch mit Pferd und Wagen ge­kommen, hatte die Glocke ungestört aufgelaben und nach Lüdinghausen gebracht. Es gelang aber, ihn dort festzunehmen. Der Täter ist ein Althänd­ler, der die Glocke bereits in Stücke geschlagen und verhandelt hatte.

* lieber den Umfang der Weinfälschung er­möglicht, der dem Reichstage zugegangcne Ent­wurf eines Weingesetzes einen erschreckenden Ueberblick. Man wird darin belehrt, „daß in den Jahren 1902, 6i§ 1908 zusammen 749 Personen, i:nö zwar 337 Weinbauer und 412 Händler wegen Zuwiderhandlungen gegen das Weingesetz ver­urteilt wordeu sind. Die Gesamtstrafen betrugen 172 Monate 849 Tage Gefängnis und 217 303 <41 Geldstrafe. Am größten war die Zahl der Ver- urteilten beim Landgericht Landau, das in diesem Zeitraum 220 Personen, also nahezu ein Drittel der Gesamtzahl verurteilte. Das ist jedenfalls darauf zurückzufllhren, daß in Bayern bereits zur Kontrolle der Weinfälfchungen Sachverständige un Hauvtberufe fungieren, während für bas übrige Reich diese Institution erst durch den ge­genwärtigen Entwurf in vollem Umfange einge­führt wird.

Ein Beispiel. Neber rücksichtslose Autonio- bilfften. die ihr Opfer hilflos liegen lassen, wird oft geklagt. Beispielgebend ist das Verhalten miseres Kaisers, dessen Automobil bekanntlich ohne Schuld eine Frau Kegler schwer verletzte. Der Kaiser, die Kaiserin und der Kronprinz lassen sich

täglich nach ihrem Befinden erkundigen. Seit eimgen Tagen wird der Frau auf Befehl des Kaisers täglich aus der Hofküche Essen gesandt, während die Kaiserin und der Kronprinz täglich Blumen und Konfekt schicken.

* Besondere Automobilstraßen. Der von in­teressierten Kraftwagen-Jndustriekrersen weiter vertretene Gedanke einer Automobilrennbahn im Taunus kann demnächst Wohl als endgültig abge­tan gelten. Das geplante Unternehmen, das allein in gewissen Wünschen an hoher Stelle eini­gen Rückhalt hatte, war allzusehr auf die vluto- kratische Sportlust zugeschnitten, um bei dem ge­sunden Sinne der hauptbeteiligten Frankfurter Bürgerschaft und der um finanzielle Beispiele an­gegangenen Taunuskreise den gewünschten Wider­hall zu finden. Dagegen besteht, wie die „Mil.- pol. Korrespondenz" hört, an maßgebender Stelle — auch bei der Regierung — die Absicht, dem­nächst in die Vorarbeiten zum planmäßigen Ausbau von Auto mobil st raßen einzu­treten. Als erster solcher Kraftwagen-Hochwege ist eine neue Verbindung zwischen Berlin und Hamburg in Aussicht genommen. Der Industrie und der Arbeiterschaft würde sich hier ein lohnen- des Feld der Tätigkeit eröffnen.

Der Bankraub in Budapest, über den wir gestern berichteten, gehört zu den verwegensten Gaunerstücken. Die zwei Räicher vermochten bei hellichten Tage in einem Lokal, vor dem ein Polizist stand, den anwesenden vier Bankbeamten und vier Kunden mit ihren Revolvern solchen Schreck einzujagen, daß sich niemand zu rühren wagte und die Eindringlinge den Geldschrank ausleeren, seinen Inhalt in einen Leinwandsack und einer Ledertasche unterbringen und damit ohne angehalten zu werden, fliehen konnten. Sie ließen sich im Automobil, in dem sie gekommen waren, zum Dorf Kerepes fahren, wo sie sich mit Sack und Tasche entfernten. Nach einer Stunde kamen sie mit leeren Händen wieder zurück und ließen sich zum Gödöllöer Bahnhof fahren, wo sie den Kutscher entließen. Von da an läßt sich ihre Spur nicht weiter verfolgen.

* Ein boykottiertes Krankenhaus. Am Erz­herzogin Sophie-Spital in Wien haben dieser Tage sämtliche acht A e r z t e, die dort auf vier­wöchige Kündigung angestellt sind, ihre Stel­lengekündigt. In erster Linie war es die Beschaffenheit der Kost, die seit einiger Zeit den Aerzten dieser staatlichen Krankenanstalt zu Kla­gen Anlaß gab und die sogar einige Erkrankungs­fälle unter den Aerzten herbeigeführt haben fall. Ter zweite Kündigungsgrund liegt in persön­lichen Konflikten zwischen den Aerzten und den Verwaltmigsbeamten jener Anstalt. Auch die wirtschaftliche Organisation der Wiener Aerzte hat sich mit den Forderungen der Spitalärzte einverstanden erklärt und zugleich eine Annahme der gekündigte,! Stellen durch andere Aerzte bis auf weiteres untersagt.

— Abgewinkt „Sie wollen also durchaus ledig bleiben, mein Fräulein?"— ,0 nein! Nur müßte btr, den ich heiraten will, nicht so ausschauen wie Siel*

Literarisches.

Hexcnwahn und Hexenprozesse in Deutschland. Von I. K e m p e r, Rektor. Mit 13 Jllustra- tionen. (16 Bändchen der „Geschichtlichen Jugend- und Volksbibliothek".) RegenÄurg 1908. Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. Preis brosch. 1,20 <4t.

Das Bändchen mit einer Fülle interessankSN Stoffes kann auch der christlichen Jugend unbe­denklich in die Hand gegeben werden und diefe wird wegen der geschilderten, gerade die Jugend am meisten anziehenden Szenen gern darnach greifen. #

Dymitr, der Kosak.

Von Marcel Etienne.

45] (Nachdruck verboten.)

„Das tut nichts! Es kann ihn doch nicht be­leidigen, wenn Du unter dem Schutze Deiner Briider in Dein Elternhaus für eine kurze Zeit zurückkehrst!"

„Er kann jeden Augenblick zurückkommen, — wer weiß, vielleicht heute noch!"

„Lasse einen Brief für ihn zurück, — damit er Dir sogleich folge!"

„Gewiß könnte ich das, aber wenn Du wüß­test, mein lieber Antoni! Nein, nein, — meine ffieben Brüder, ich kann mich nicht dazu enttchlie- ,feen! Er würde glauben, daß ich mich gegen fei­nen Willen — gegen seinen strikten Befehl auf­lehne, — nein, ich wage es nicht, — mit Euch ön konimen, — er würde es für Trotz halten!"

„Was Hieronymus denken könnte, koinmt in orewm Falle erst in zweiter Reihe in Betracht!

er Anhe und der Zufriebenheit unserer allen Wern, Deinem eigenen Leben und jenem Deines 5«««. geliebten Stas bist Du es schuldig, der Gefahr aus dem Wege zu gehen! Glaube es mir Du mußt uns begleiten!"

„Nun gut, wenn die Frau Starostin sich wei- gert, mit uns Koszowata zu verlassen, so werden wir eben hier bleiben, nicht wahr, meine Freunde! Wir werden sie im Falle einer Ueberraschung oder einer Gefahr verteidigen und in Abwesen­heit des Herrn Koszowacki über sie Wachen!" ' "Nein, o nein! das geht auch nicht! — Herr Phadasus, ^hr seid sehr gut und ergeben, — aber ich danke Euch, ich habe nichts zu fürchten!" L »Tu irrst Schwester! Höre, ich will Dich nicht Krnnotrg erschrecken und Dir allerlei Dinge er- »ählen, die Dir die Dringlichkeit unserer Bitte begreiflich pwchen würden! Ich wiederhole nur nochmals, daß Du um unserer Eltern, um Deines

Kindes und Deiner Ehre willen Koszowata ohne Zögern und Widerstand verlassen mußt! — Uber wir bleiben, wie Phadäsus es vorschlug in Ab- Wesenheit Deines Gatten hier!"

„Nein, nein, Stanislaus ... das ist un­möglich — weißt Du auch, was Du saast — und was wohl Hieronymus dazu sagen würde?"

Diese letzten Worte, welche wie ein Angstschrei geklungen hatten, waren der Starostin ohne Ueberlcgung, in der Erregung des Augenblickes entschlüpft. Wie erschreckt über sich selbst öffnete sie ihre Augen weit, wahrend, ihre Wangen Plötz- lich ganz blaß wurden.

„Aber wie kann es denn Deinen Gatten krön- ken, wenn Deine Brüder Dich in seiner Abwesen­heit besuchen? — Warum fürchtest Du ihn so sehr? Marynia, Du bist also unglücklich? Ich muß ge­stehen, daß auch unser Vater anfänat, es zu be­fürchten und dieses Ereignis wird ihn in seinem Glauben bestärken. — Komm, liebes, kleines Schwesterchen, sage uns, was Dich drückt? — Du bist so sanft und gut, daß alle, die Dir nahe kom- men, D«h achten und lieben, — ja, — vor allem achten müssen. — Tröste Dich doch, Marynia — mein Vater wird mit Hieronymus sprechen und dann. . . .

„O nein, nein ... ich bin nicht unglücklich — ich habe — ich fürchte nichts, — und vor allem mögen mein Vater und meine Mutter sich nicht be­unruhigen, — ich beschwöre Dich! — Das hieße einen neuen Kummer. .,. ."

Hier wurde die Stimme der Starostin plötz­lich durch einen wirren Lärm im Vorzimmer unterbrochen, aus dem man deutlich folgende Worte vernehmen konnte:

- „Ich möchte, meiner Treu, wissen, was die­ser Herr hier zu suchen hat. Sich hier einschlei- chen wie ein Dieb oder ein Verräter, gehört das vielleicht zum Beruf eine« Verwalters? Geh, geh. Du Elender, obgleich Du in Abwesenheit des Herrn Starosten den Gebieter spielst, so werde ich Dir doch alle Knochen im Leibe zerdrücken, wenn ich Dich nochmals vor der Türe unserer

gütigen Herrin auf dem Lauscherposten finde! Und da Du nicht wert bist, daß ich Dich mit ntei- fwr ehrlichen Klinge berühre, sollst Du mit dem Stiel meiner Peitsche Bekanntschaft machen!"

Wie vor Schreck versteinert verharrte die Sta­rostin in ihrem Fauteuil und wandte ihre ent­setzten Augen nach der Türe. Phadäsus Dluski eilte, rasch die Türe^u öffnen. Da konnte man beim deutlich int Vorzimmer die hohe Gestalt Dymitrs in einem Ausbruch von Zorn und Ent­rüstung über den ängstlich gekrümmten Rücken des schmächtigen Skandyba gebeugt sehen; seine bebenden, braunen Finger schüttelten wütend den erblaßten Kopf des Verräters, dessen spärliche tote Haare er mit einer Hand erwischt hatte, während er die andere, zur Faust geballt, drohend empor- hob!

„Was gibt es denn! Dymitt, was hast Du? Warum schlägst Du diesen Menschen?" rief Ma- ryma, indem sie sich in ihrem Fauteuil aufrichtete und dem Kosaken wie bittend chre Hände entge- genitredte.

Bei diesem Anblick, dieser Stimme schien die Wut des jungen Mannes plötzlich wie weggebla­sen. Er errötete, die Flammen feiner Augen waren verlöscht, seine geballten Fäuste lösten sich; er ließ Skandyba los, der sich hastig aufrichtete und sich entfernte, indem er seine Haare und Kleider in Ordnung zu bringen suchte und unter halbge- schlossenen Lidern einen haßerfüllten Blick auf Dymitr und die übrigen warf.

Dymitr trat langsam auf die Starostin zu neigte sich tief vor ihr und küßte den Saum ihres Kleides.

„Herrin", sagte er beklommen, „der Koch hat Mich heraufgefandt, daß ich der Amme die Milch bringe. Als ich im Vorzimmer eintrat, sah ich — diesen Elenden!"

Und Dymitrs Augen begannen von neuem von unterdrückter Wut zu funkeln, als er sich mit drohender Gebärde nach der Türe umwandte, hin­ter welcher Skandyba verfchwunden war.

„Herrin, und Ihr Herren, wißt Ihr, tou9 Ä getan hat? Er hatte das Ohr an die Türe ge­preßt und horchte! . . . Da faßte mich der Zorn, urid ich weiß selbst nicht mehr recht, was ich ge­tan habe. Ich glaube, ich habe ihn beim Kragen erwlfcht oder vielleicht bei den Haaren und daß ich ihn ein bischen stark geschüttelt habe, indem ich ihm. den Kopf an die Wand preßte! — Ich bbtte nicht so handeln dürfen, gewiß nicht, denn schließlich ist dieser Herr Skandyba, — besonders in Abwesenheit des Herrn Starosten, derjenige, welcher uns zu befehlen hat, — und wir alle schul» den ihm Gehorsam und Respekt!" 1

„Gestehe, Dymitr!" unterbrech ihn Stanislav m heiterm Ton, „daß Du eine etwas eigentüm­liche Art hast, den Leuten Deinen Respekt zu be­weisen! Einen Menschen beim Kragen erwischen und ihm den Kopf an die Wand pressen! — Wie denn, mein Braver würdest Du mit einem verfah- ren, vor dem Du keinen Respekt haben müßtest?!"

„^ch habe gewiß Unrecht getan," sagte Dy- mttr, indem er auf den freundlichen jungen Herrn seine sanften, ehrlichen Augen heftete, aus welchen erne reine und schöne Wärme sttahlte. „Als ich sedoch bte gemeine Bosheit und Perfidie diess Fetgstngs sah, vergaß ich mich! — Oder vielmehr, — ich dachte nur an eines, — an etwas Trau­riges, Ernstes! Und das ist, daß unsere Herrin, — o erlaubt mir, daß ich es sagen dürfe, — daß unsere sanfte und gütige Herrin, die gesegnet zu werden verdient wie die Engel des Himmels, — schon öfters gelitten und geweinnt hat um der Jn­triguen dieses Verräters willen, — und daß sie jetzt, durch einen verlogenen und entstellten Be­richt dieses Elenden wohl wieder von neuem lei­den und weinen würde! Und da, ich wiederhole es Euch, wußte ich nicht mehr, was ich tat! Ich habe ihm woU ein bischen zu arg zugesetzt, was wird mir dafür für eine Strafe bevorstehend Ich weiß eS nicht! Aber ich bin glücklich, leiden und selbst sterben zu müssen, nm unserer gütigen Her- rin eine Träne, einen Kummer zu ersparen!"

(Fortsetzung folgt)