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monotrdEage: „Fuldaer SeschschtrbMer"

»umahm« der $o.m> und Feiertage, viertel- jährlicher vezugrprekr ahne vringerlohn und vefteLgeld in Fulda so­wie aurwärtrj.50 Ml.

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wochrndcliagc: Illustrierte Sonntagszeitung"

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»otationadruaund Verlag der Fuldaer Ak. tlendruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

M 246,

Fulda, Samswsi den 24. Oktober 1908.

35. Jahrqausi.

Zweites Wtcrtt.

wochen-Run-schau.

s:j Fulda, 23. Oktober 1908.

So früh wie in diesem Jahre ist der L a n d - tag lange nicht mehr eröffnet worden. Der Grund der frühen Einberufung liegt in der Re­form der Beamtengehälter. Die Regierung kann den Beamten eben die Wurst der Gehaltszulagen nicht gar zu lange vor der Nase herumbaumeln lassen, wenn die Beamten nicht ungemütlich wer­den sollen. Da möchte sie ihnen denn wenigstens die Reform auf den Weihnachtstisch legen, viel­leicht, weil sie hofft, daß auch die Beamten in dieser Festzeit, die den Deutschen sentimental macht, -em geschenkten Gaul nicht gar so scharf lind Maul sehen werden.

Gleich nach der Eröffnung des Landtages hat -er Finanzminister feine Gesetzentwürfe, sechs an -er Zahl, dem Abgeordnetenhaus überreicht und dem Werke eine Vorrede gewidmet. Er trug vor, daß die Richter den Regierungsräten gleichgestellt twerden, und es ertönte Bravo. Er erzählte, daß auch die Oberlehrer den Richtern gleichgestellt werden und 7200 << Höchstgehalt bekommen sol­len; Bravo l Die Lehrer an den Volksschulen sol­len ein Mindestgehalt von 1350 beziehen und ipiS über 3000 dt steigen; Bravo. Beamte der ver- sschiedensten Art werden bedacht, Unterbeamte j)um Teil erheblich, wenige Kategorien sind ganz tiiusgsnonimen. Auch die Gemeindebeamten und HHe Privatbeamten erfreute der Minister, indem yt erklärte, natürlich würden die Gemeinden, und 'nid# nur sie, sondern auch die Privatbetriebe chielfach dem Beispiel des Staates folgen und die äIezüge ihrer Angestellten erhöhen müssen. Und 1'ie Volksvertretung spendete Beifall über Beifall. Storni kam die Kehrseite der Medaille, und die machte den Hörern weniger Vergnügen. Denn der Staat ist kein Hexenmeister, der ungezählte Geldstücke aus dem Aermel schüttelt oder aus der Luft greift. Er kann nur auf der einen Seite geben, was er auf der andern genommen hat. Aber daß gerade in einer Zeit wirtschaftlichen Druckes, der sich bei den Eisenbahnen nach den Mitteilungen des Finanzministcrs in einem Aus­fall von nicht weniger als 120 Millionen aus­prägt, eine Reihe beträchtlicher Steuer» Erhöhungen vorgenommen werden sollen, das ift eine Begleiterscheinung, die nicht gerade Be­geisterung tveckcn kann. Die Steuererhöhung ist dreifacher Art. Erstens soll die Einkommensteuer dahin geändert werden, daß die Steuersätze bei Einkommen von 7000 M aufwärts steigen. Da- ffür soll eine stärkere Rücksicht auf die Familie als bisher genommen werden, aber nur bei Einkom- men bis zu 3000 M. In der konservativen Presse ist jüngst gefordert worden, daß die Einkommen­steuer auf allen Stufen erhöht werde. Zweitens soll neben der Einkommensteuer in den höheren Stufen die Vermögenssteuer durchweg erhöht wer- den, durchschnittlich um ein Viertel. Dazu kom- men, drittens, rund 23 Millionen aus einer neuen '„Gesellschaftssteuer". Wirtschaftliche Gesellschaf­ten, einschließlich der Genossenschaften, aber mit Ausnahme der Gesellschaften mit beschränkter Haftung, sollen fortan statt der Einkommensteuer eine besondere Steuer zahlen, die nach dem Ver­hältnis des Gewinns zum Grundkapital berechnet wird und zwischen 2 und % v. H. des Gewinnes Je nach der Dividende schwankt. Die Steuerbar- tagen des Herrn v. Rheinbaben werden einer be­sonderen, eingehenden Prüfung unterliegen, auf fcie Notwendigkeit, auf die Gerechtigkeit und auf pie wirtschaftliche Zulästigkeit.

In die Thronrede zur Eröffnung des Land-! tages ist auch ein Absatz eingeschoben von der „organischen Fortentwickelung" des preußi­schen Wahlrechts". Fürst Bülow hat es offenbar darauf abgesehen, seine Freunde von der Blocklinken bei guter Laune zu erhalten, aber er wollte und durfte sich und die Regierung nicht festlegen; darum wählte er die Worte so, daß sie zwar Hoffnungen wecken, aber keine Forderungen begründen können. Es wird etwas versprochen; man weiß nur nicht, wa 8 es ist, und weiß auch nicht, wann es geleistet werden soll. Fürst Bülow treibt Politik der langen Bank. „Umfas­sende Vorarbeiten" sollen „mit allem Nachdruck" betrieben werden. Das bestätigt nur, was aus früheren Erklärungen und Anordnungen schon zu ersehen war: daß die Negierung eine Menge statistischen Materials zur Wahlrechtsfrage sam- meln und gründlich verarbeiten will. Also keine Ueberstürzung I Natürlich soll keine „Fortent­wicklung" dabei herauskommen, an eine Beseiti­gung des alten Wahlrechtes durch eine Neu- schöpfung denkt die Negierung nicht. Es soll eine Art Treibhauskultur getrieben werden, die aus dem alten Klassenwahlrecht eine zeitgemäßere Varietät erwachsen lassen soll. Also ein Ding von der gleichen Art, d. h. wiederum ein abge- stustes Wahlrecht. Damit ist die Uebertragung des allgemeinen und gleichen Neichstagswahl- rechts auf Preußen höflich, aber sehr deutlich ab­gelehnt.

Vielfache Beachtung hat es gefunden, daß die Thronrede auch die internationale Poli. t i k gestreift hat. Erfreulicherweise dürften die Befürchtungen, daß Deutschland feinem Bundes- genossen Oesterreich-Ungarn in dem Balkanstreite militärische Hilfe leisten müsse, grundlos gewesen sein. Die Beruhigung auf dem Balkan bat in einer Weise Fortschritte gemacht, daß vor der Hand ein Krieg daselbst so gut wie ausge­schlossen ist. In der Türkei gärt es zwar im­mer noch, aber die Jungtürken, die vor einer Wiederkehr der Reaktion heillose Angst haben, suchen auf jegliche Weise eine Verständigung zwi­schen dem türkischen Kabinett und den übrigen Balkanstaaten herbeizuführen. Mit der Donau- Monarchie soll auch schon vollständiges Einver­nehmen in Aussicht stehen, womit sich Oesterreich- Ungarn wohl zufrieden geben kann, da die An­nexion Bosniens und der Herzegowina vom Sul­tan formell anerkannt werden soll. Tie Ver­ständigung mit Bulgarien dürfte auch nicht mehr lange ausbleiben und in der Hauptsache dahin­führen. baß Bulgarien, das schon seit Jahrzehnten tatsächlich unabhängig von der Türkei war, auch die formelle Anerkennung seiner Unabhängigkeit erzielen wird. Wenn von irgend einer Seite aus dem Balkan noch Kriegsgefahr droht, so geschieht es von Serbien aus. Hier ist vor allem der be—rühmte Kronprinz Georg die Seele der gan­gen Hetze, die sich ausschließlich gegen Oesterreich- Ungarn richtet. Man kann es der Donaumonar­chie immer noch nicht vergessen, daß sie die groß- serbischen Pläne kurzerhand durchkreuzt hat. Arm in Arm mit den Großserben gehen selbstverständ­lich auch die M o n t e n e g r i n er, die sich durch die Abmachungen über die Neuregelung der Bal­kanstaaten ebenfalls verletzt fühlen.

Trotzdem £)e ft erreid) -Ungarn in den letzten Wochen nach außen hin feine leichte Stel­lung hatte, so hörten doch nicht die inneren Na­tionalitätenstreitigkeiten auf. Die schroffe Hand­lungsweise der Tschechen im böhmischen Landtag veranlaßten die Regierung, diesen zu schließen. Aber dadurch hat sie nur das Gegenteil erreicht. Die Streitigkeiten zwischen den Deutschen und den Tschechen in Böhmen werden von Tag zu Tag heftiger, und nur mit Waffengewalt vermag man größere Ausschreitungen zu verhindern.

In der Frage der Anerkennung des neuen marokkanischen Sultans Muley Hafid dürfte nunmehr nach der am Dienstag den Möch­tet zugestellten französisch-spanischen Note die Verständigung nicht mehr lange auf sich warten lassen. Im großen und ganzen gibt die Note zu, daß Deutschlands Stellungnahme in der An­gelegenheit von vornherein korrekt war. Nichts- destoweniger suchen anscheinend die Franzosen, sich in Marokko noch mehr festzusetzen, sodaß auch iveiterhin die Reibereien zwischen ihnen und den Bewohnern des Landes nicht ausbleiben werden.

y. Walhalla-Gedanken.

Am vergangenen Sonntag ift Bismarck in die Walhalla zu Regensburg eingezogen, jenen von König Ludwig I. gegründeten Tempel, in dem Deutschlands große Männer einen Ehrenplatz erhalten sollen. „Nationale" Blätter waren in Verlegenheit, wie sie sich dazu stellen sollten, daß im „ultramontanen" Bayern Bismarck so geehrt wird, in dem Lande, „wo der Geist des Ultramon- tanismus ungezügelt die Herrschaft führt", wie ein liberales Blatt sich ausdrückt.

Bismarck gehört der Geschichte an. Schärfer und heller tritt sein Bild aus dem Schatten der Vergangenheit hervor. Die Wunden, die er im Kulturkampf de« Katholiken Deutschlands ge­schlagen hat, sind vernarbt: die Streitaxt fei begraben; wenn es auch not tut, zur Mahnung und Warnung, sich jener traurigen Zeit manchmal zu erinnern. Wir sind nicht die Unversöhnlichen, als die man uns hinstellt, und erst recht nicht die Ungerechten, die über den Fehlgriffen und Ge- toalttaten des ersten Kanzlers feine Vorzüge und Verdienste nicht anerfännten.

Vor der enthüllten Büste Bismarcks stand am Sonntag sein dritter Nachfolger im Kanzleramt und pries den „Deutschesten aller Deutschen", von dessen Bahnen kein Kanzler des deutschen Reiches sich jemals werde entfernen dürfe. Eine größere Selbstironie dürfte die Geschichte nicht kennen.

Jene Bahnen, die in Schillers Wallenstein mit dem Wort bezeichnet werden „Wie er sich räuspert und wie er spuckt, habt ihr ihm glücklich abge­kuckt", mag sich Fürst Bülow von Bismarck zu eigen machen. Denn freilich, er hat ihm einen. Kampf gegen das Zentrum abgefuckt (siehe.13. Dezember 1906); aber die Größe und den Mut des großen Kanzlers, bei besserer Erfenntuis den Fehler einzugesiehen und gutzumachen — wie es Bismarck mit dem Kulturkämpfe getan hat —, besitzt der Epigone nicht. Und wenn er in der Polenpolitik Bismarcks Kürassierstiefel angezogen hat, so hat er nicht bedacht, daß Stiefel dem Bein angepaßt sein müssen; man möchte sonst drin „ersaufen". Mit jenem Eigensinn, der das Erb­teil der Kleinen ist, wird diese „starke" Politik weiter betrieben, bis zum kläglichen, unbedingten Fiasko.

In, der äußern Politik wandelt Fürst Bülow noch viel weiter abseits der Bismarck'schen Bah­nen. Das mögen ihm strengnationale Zeitungen bezeugen, die gerade in der Gegenwart ihm ein Zeugnis schreiben, das er nicht mit nach der Wal­halla genommen haben wird. Woher kommt es, so klagen jene, daß Deutschlands Ansehen in der. Welt eine rückläufige Bewegung zeigt, daß aller­orten Klagen laut werden? Von einem Pariser oder Petersburger Kongreß ist gegenwärtig die Rede, der den Berliner Kongreß von 1878 revi­dieren soll; damals war er in Berlin, und der damalige deutsche Kanzler drückte ihm den Stempel auf. Warum nicht jetzt auch? Weil wir keinen Kanzler haben, der eine zielbewußte, selbstsichere Persönlichkeit ist. Bismarck war „Kaiser Wilhelms treuer Diener" und selbstän­diger, selbstbewußter und selbstverantwortlicher

Staatslenker zugleich; seitdem aber hat die deut­sche Politik einen eigenartig persönlichen Zug er­halten, der bei der impulsiven Anlage Kaiser Wilhelms II. oft großen Schwankungen unter- warfen ist; benjt Wilhelm II. ist lein eigener Kanzler. MAtWt /

Deutsches Reich.

— Lehrergchälter in Preußrn und Bayern. Ein Vergleich der Lehreraufbesserung in Preußen mit den Verhältnissen in Bayern zeigt für Preu­ßen ein ungünstiges Ergebnis. Der An­fangsgehalt soll künftig in Preußen 1350 Mk. sein, das Endgehalt 3150 Mk. In den bayerischem Städten mit über 10,000 Einwohnern ist überall das Anfangsgehalt wesentlich höher, cs bewegt sich von 1600 bis '2400 Mk. In den 74 Gemein­den mit Ortsstatut unter 10,000 Einwohnern be­wegt sich das Anfangsgehalt von 1400 bis 2000 Mk. In den Orten mit Fasfionoschulstellen ist das Mindestgehalt in Bayern 1200 Mk. Dazu kommt aber die freie Wohnung. Außerdem wer­den 200 Mk. aus dem Kirchendienst nicht in das Gehalt eingerechnet. Die Endgehälter in den Schulverbänden Preußens bis $u 25000 Einwoh­nern bleiben bei 3150 Mk. stehen. In den Ver­bänden mit mehr Einwohnern kommen pensions­fähige Ortszulagen von 200 bis 750 Mk, hinzu. Die Endgehälter sind dann 3350 bis 3900 Mk. In den bayerischen Städten bewegen sich die End­gehälter zwischen 3080 und 1320 Mk. Auf dem Land ist in Bayern das Höchstgehalt mit Woh­nung 3100 Mk., ohne die Summe des Ertrages des Kirchendienstes bis zu 200 Mk.

* Mit welchen nichtswürdigen Mitteln der Kamps gegen die katholische Kirche geführt wird, zeigt die Frankfurter Zeitschrift „Das freie Wort." In seinem ersten Oktoberheft S. 507 bringt dieses Organ einen Artikel, „Der Segen des Katholizismus" und zieht darin gegen die Rede los, die Dr. Bitter von Kiel auf dem dies­jährigen Katholikentag über die Kulturleistungen der katholischen Kirche hielt. In diesem Artikel wird S. 509 „die Kirche diegrößteFeindin und Betrügerin der Menschheit" genannt, „die angesichts der Wunder unseres Jahrhunderts noch einen Jenseitsschwindel anfführt, dessen sich jedes alte Weib schämen sollte'. Auf Seite 510 desselben Heftes wird der Düsseldorfer Katholikentag bezeichnet als „Tagung der Garde des schwärzesten Blödsinns, des ver­ruchtesten Schwindels, der schamlo­sesten Lüg e“. — Kein einziges liberales Blatt findet ein Wort des Tadels gegen solche Roheiten; sie alle schweigen in sieben Sprachen — warum? Tas wissen sie am besten!

-T- Die Politik der Erpresiung, wie die Ver­quickung der Reichsfinanzreform mit der preu­ßischen Wahlrechtssrage genannt worden ist. wird von der „entschiedenen" Demokratie mit der ihr so gut anstehenden „Unentwegtheit" fortgesetzt. In Köln nahm die dortige „Demokratische Ver­einigung" nach einem Vortrage des Herrn von Gerlach eine Entschließung an,worin es für die „Pflicht des gesamten Liberalismus" erklärt wird, die Finanznot der Reichsregierung zur Er­zwingung der prettßischsn Wahlreform zu be­nutzen.

* Ausschluß der Oeffentlichkeit bei Schmutz- prozefien. Die Brandenburgische Provinzial­synode nahm folgenden Antrag an: „Angesichts der immer häufiger in voller Oeffentlichkeit zur gerichtl. Verhandlung kommenden Strafprozesfe über Sittlichkeitsvergehen und ihrer Verbreitung durch die Presse ersucht die Provinzialsynode das Kirchenregiment, dahin wirken zu wollen, daß die Gesetzgebung für derartige Verhandlungen den Ausschluß der Oeffentlichkeit als R e g e I hinstellt.

eigene Kraft ausgetrieben, und zweitens pflegen die eitlen oder lmbsüchtigen Eltern oft einem durchaus vernünftigen Eheplan zu widerstreben, weil mit dem Schwiegersöhne noch kein rechter j?™* machen loäre oder weil das Schwieger- tochterlein nicht genug zur Vermehrung des Fa­milienvermögens mitbr-ingen würde. Ob die jungen Leute wirklich zu einander )x>ssen und ein harmonisches, gesundes und tüchtiges Gatten- und Elternpaar zu werden versprechen, ist Nebensache. Die Aeußerlichkeiten. den Glanz und das Geld macht man zur entscheidenden Hauptsache. DaS Glück soll im Luxus zu finden fein.

Die moderne Welt gerät immer tiefer in die Sklaverei des Luxus hinein. Man spricht vom mühseligen Kampf ums Dasein, von dem schweiß- treibenden Sängen um das tägliche Brot; aber wenn man genauer zusieht, so machen sich zahl- lose Menschen dre meisten Sorgen und Mühen und Lasten nicht um den wirklichen Bedarf, sou- dcrn um die überflüssigen Zutaten, um eitlen Aufwand, der nicht der eigenen Glückseligkeit dient, sondern d,e Augen der Mitmenschen blen- den soll.

iDas Heiraten ist doch wahrlich eine ernste und heilige Sache; aber wird nicht oft eine wahre Komödie des Größenwahns, ein unsinniger Sport der Eitelkeit daraus?

Die Brautkleider, die Brautwagen, die Hoch- zeitsfeierlichkeiten — das muß alles aufs feinste und großartigste hinaufgetrieben werden, auch wenn die letzten fluffigen Taler in dem Pomp draufgehen oder gar Schulden gemacht werden müssen. Der Aufwand soll „imponieren"; man vergißt nur, daß die Teilnehmer und Zuschauer in der Regel ganz gut unterrichtet sind über die wirkliche Finanzlageund statt der Ausrufe der Bewunderung oft recht hämische Glossen gemacht toerdkn.

Und die Ausstattung? Darauf legten unser« Vorfahren schon fE sehr maßen Wert; jahre­lang vorher war lA" gearbeitet und gespart wor­den. um die Ausstattung däftig, reichlich, aus­

dauernd zu gestalten. Aber zugleich praktisch und den Verhältnissen angemessen. Jetzt kommt es weniger auf die innere Gediegenheit und Zweck­mäßigkeit, als auf äußeren Glanz und moderne Eleganz an. „Fein" muß alles fein: das Zeug und die Möbel und die Wohnung. Ob man sich behaglich darin fühlt, ob die Sachen dauerhaft sind und ob die Sache in dem protzigen Stil fort- geführt werden kann, danach fragen nur rück­ständige Leute. So steckt man viel Geld in Dinge, die bald minderwertig oder ungeeignet ober gar lästig werden. Womit sie im Anfang prahlen, das macht ihnen nachher Qualen. Aus einer be­scheidenen Einrichtung sich nach und nach zu einer besseren emporarbeiten, ist gut und angenehm; aber bitterlich ist die Notwendigkeit zum Herab» fteigen, zum Einschränken. In der alten Zeit, wo die Bodenständigkeit und die Beharrlichkeit auf allen Gebieten herrschte, konnte man ein neues Nest gleich so bauen und ausstaffieren, daß eS voraussichtlich bis zum Ende ausreichte. In der Neuzeit, wo die Menschen und alle Dinge in stetem Fluß sind und die Bedürfnisie unberechen­bar wechseln wie die Moden, jetzt gilt auch von der Ausstattung das Wort: In der Beschrän- k u n g zeigt sich erst der Meister 1 Lieber das Geld sparen, um es nach und nach zu zweckmäßigen Er- gänzungen ober notwendigen Veränderungen ver­wenden zu können.

Und nun die Hochzeitsreise? Das ist auch so ein kostspieliger Firlefanz in dem moder­nen Ehebegangni«. Hat diese Bunnnelei auf der Eisenbahn, in den Gasthöfen, Museen und Aus- sichtspunkten ufto. einen rechten Sinn und Zweck? Ich glaube eS nicht. Die Welt kennen zu leimen und chre Schönheiten zu genießen, ist freilich schon bleisegeld und Zeit wert. Aber mir scheint doch, daß ein Neuvermählter Pärchen am wonlgsten in bet Stimmung ist, um einen An- schauungSunterricht in 6er Fremde durchzumachen. Natürlich befäjäftigen sich die beiden Leutchen am meisten mst sich selbst, und da» tun sie mit um so mehr Recht und mit um so größ«er Ausfchlteß-

Unpolitische ZeMause

(::) Berlin, 22. Oktober 1908.

(Nachdruck verboten.)

Wieder eine H och zeit im Kaiserhauses Non oben herab wird in der Tat dem Volke ein "gutes Beispiel der Ehelust und des häuslichen Sinnes gegeben. Das ist von großem Wert in der heutigen Zeit der wachsenden Ehescheu.

■ Ja, sagt man, die Prinzen und die reichen Leute haben gut heiraten; aber wir armen Teu­fel, die hart ums tägliche Brot ringen müssen, tonnen uns den Luxus einer eigenen Familie nicht so leicht leisten I — Das klingt so hiebet« tneierisch klug; aber wenn man genau zusieht, 50 liegt es in den meisten Fällen nicht am Kön­nen, sondern am Wollen. Von den jungen Männern will der eine noch seine „Freiheit" be­wahren, seine „Jugend genießen"; bet andere sträubt sich gegen den Zug des Herzens, weil er Später noch eine „bessere Partie" zu machen hofft. Feigheit, Bummelsucht, Habgier und Größen­wahn wirken zusammen. Die holde Weiblichkeft beklagt sich über geringe Nachfrage; aber wenn das Fräulein und seine Eltern deutlich zu erken­nen geben, daß Reichtum und gesellschaftlicher Mlanz bet ihnen die erste Rolle spielen, wie soll da der strebsame junge Mann, der noch „nichts ist", aber viel werden könnte, den Mut zum An- klopfen finden? Das Fräulein wartet auf eine „bessere Partie", und dabei wird sie zu einer Rosine im Kuchen der Frauenbewegung ober sie wirst sich im letzten Augenblick einem lackierten Kahlkopf in die Arme.

Die sogenannte bessere Partie ist bet Feind der guten Partie. Hoffen und Harren macht manches eingebildete Fräulein zu Schanden. Das Suchen nach Mitgift ist für manchen Jünglitq wahres Gift. Die Schuld liegt aber nicht altab an bet Jugend, sondern vielfach an den Ette«. Erstens haben sie die Kinder falsch erzog«, ihm» Hie Anfpruchslofiakeit und das Vertrauen auf die

lichkeit, je mehr Liebe und Hingabe sie in den neuen Bund mitgebracht haben. Warum müssen denn die Leute gerade in den Tagen und Wochen, wo sie sich in ihre unauflösliche Lebensgemein­schaft hineinarbeiten, in der Well herumgondeln und Dinge begucken, die ihnen zur Zeit Wurst , sindl Es ift ein Widerspruch, wenn man unter fremde Menschen und an vielbesuchte Punktr geht, wahrend man im Herzen das Bedürfnis hat, zu Zweien allein zu sein. Aus dieser Gegen­sätzlichkeit entwickeln sich die schlechten Wine, die über Hochzeitsreifende gemacht werdeii, und zwar nicht immer ohne Grund. Man hat dem Braut­paare gesagt, es müsse nun sein eigenes Nest be­gründen und alle Kraft von beiden Seiten ein- setzen, um ein wohlgeordnetes, gut fundiertes, glückliches Familienleben in Gang zu bringen. ITnb wenn die Probe auf dieses Exempel losgehen soll, bann schickt man erst das neue Paar einige Wochen in eine Reihe von fremden Nestern und läßt sie ein wahres Buinmelteben treiben als Vor­bereitung auf das häusliche Leben.

„Eigner Herd ist Goldes wert!" Wie klingt das hold?

Das junge Paar jedoch verfährt Biel Stangen Gold.

Nun sagt man, das junge Paar muffe gleich nach der Hochzeit reifen, weil es nackcher zu einer solchen Fahrt nicht mehr käme. Ja, muß denn durchaus ein solcher gemeinschaftlicher Welch um- mel unternommen werden? Die erforderliche Welt- und Menschenkenntnis sollte man sich doch auch vorher aneignen können, und wenn durch­aus eine gemeinschaftliche Reise auf dem Lebens- Programm stehen muß, so würde ich lieber das GeÄ für die Hochzeitsreise auf die Sparkaffe bringen, um es später, wenn die richtige Zeit zu einer Familientour gekommen ist, mit Zinsen in ersprießlicherer Weise zu verwerten. Allerdings würde das Spargeld manchmal nicht so lange stehen bleiben, sondern schon eher abgehoben wer­den. wenn in der Familie sich besondere Bedürf-