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JV5 246.
Fulda, Samstag den 24. Oktober 1908.
35. Jahrgang.
X Das Sparen
soll jetzt kräftig geübt werden. Vom Regierungstisch aus tönt es: Sparen; aus den Parteien hallt es wieder: Sparen; und das ganze Volk stimmt ein: Sparen. So einig man darin zu sein scheint, daß gespart werden muß, so uneinig ist man in Beantwortung der Frage, w o gespart werden soll. Tie Vorschläge, die da gemocht werden, sind vielfach ungemein kleinlich. Was wollen auch bei einem Milliardenbudget zwei bis drei Millionen Ersparnisse sagen? Wenn eine Familie, die infolge ihrer verschwenderischen Lebensführung in Gefahr ist, bankerott zu werden, anfängt an den Zündhölzchen zu sparen anstatt am Champagner, an den Havannahs, an den Diners und Soupers, an der Kleidung, an dem Luxus, dann wird die Familie ihrem Schicksal nicht entrinnen.
Heer und Flotte verschlingen in Deutschland den weitaus größten Teil des Reichsbudgets; hier muß gespart werden.
Herr von Gerlach spöttelt in der „Welt am Ftontag" über die fleitilidyeit Mittel zur Sparsamkeit, die man von gewisser Seite vorschlägt, und die im wesentlichen auf Verkehrsverschlechterungen hinauslaufen. Wenn man ernstlich sparen wolle, so könne nur an den Heeres- und Flot- tenausgaben gespart werden:
Gewaltige Ersparnisse sind im Heere möglich. Rur auf einen Punkt sei hingewiesen, auf den Pensionsetat. Tie militärischen Pensionen betrugen 1888 erst 28 Millionen, jetzt 1081 Selbst der „Kreuzzeitung" scheint dies Anwachsen unheimlich. Zahlreiche Offiziere werden in voller geistiger und körperlicher Rüstigkeit verabschedet, weil sie Konflikte mit ihren Vorgesetzten gehabt Wien, oder, als nicht qualifiziert für höhere Stellen, beim Avancement übergangen worden sind. Sie leben, gesund und arbeitsfähig, Jahrzehnte auf Kosten des Reiches, ohne die kleinste Arbeit zu verrichten. Und warum das? Rur um eines veralteten, geradezu unsinnigen ,,Ehr"be» priffeS willen. Der Offizier, der von einem jüngeren Kameraden überholt wird, muß den Ab- schied nehmen. Der Hauptmann, der noch Jahrzehnte trefflich seine Kompagnie führen könnte, muß in Pension gehen, weil er sich nicht zum AataillonLkommandLur eignet. Das ist Unfug, schauderhaft kostspieliger Unfug. Kein Regierungsrat, kein Amtsrichter, kein Oberlehrer denkt daran, er könne sich mit 45 Jahren mit Pension zur Ruhe setzen, weil jüngere Leute Oberregierungsräte oder Landgerichtsdirektoren oder, Gymnasialdirektoren geworden sind. Jeder bleibt im Amte, bis er arbeitsunfähig ist. Nur die Herren '„Erstklassigen" gönnen sich den Luxus einer Ausnahmestellung und belasten dadurch den Etat mit jährlich 118 Millionen! Man komme nicht mit der Dummheit, die „Kommandogewalt" des Kaisers verbiete einen Eingriff des Parlaments in die Handhabung des Pensionierungssystems. Diese Kommandogewalt muß Halt machen vor dem Geldbewilligungsrecht des Reichstages. Wo sie kein Geld kostet — schön! Aber sowie sie zu unbegründeten Ausgaben führt, muß ihre eine pflichtbewußte Volksvertretung ihren entschiedensten Widerspruch entgegensetzen.
Von fachmännischer Seite wird gewiß gesagt werden, daß eine Verringerung der Landesverteidigung s au § gäbe n die Qualität von Heer und Marine herabsetzen werde. Darauf antwortet Abg. v. Gothein im „Berl. Tagebl.":
.Es kann nicht die Ausgabe sein, die denkbar vorzüglichste und stärkste Armee und Flotte haben, sondern nur, beide in ein gesundes Verhältnis zu den Streitkräften unserer eventuellen Gegner zu bringen. Das war ja auch das Motiv in früheren Jahrzehnten, wenn es sich um Verstärkungen handelte, um nicht Hinter Frankreich und Rußland zurückzubleiben. Merkwürdig, daß so etwas immer nur gelten soll, um die Lasten zu vermehren, nie aber, wenn deren Verminderung dadurch erlaubt wird. Wenn Frankreich zwei Pferde pro Geschütz mehr hat, so ist das nach diesen Leuten eine furchtbare Gefahr für Deutschland, aber daß wir pro Armeekorrs 144 Geich Ütze haben, Frankreich nur 92, das wird dabei nicht gewürdigt; daß ÜnsereKavallerie der französischen auch an Zahl enorm überlegen ist, wird verschwiegen. Wenn bei uns frgend ein Kriegsschiff nicht mehr absolut modern ist, fo ist es ein nationales Unglück; daß in den Flolten der anderen Staaten auch ältere Schiffe vorhanden sind, darf man ober nicht erwähnen, ohne eines bedauerlichen Mangels an Patriotismus geziehen zu werden. Ter Wunich nach Abrüstung ist heute wohl bei allen Völkern und bei den meisten Regierungen vorhanden; seinen Haupt wider st and findet er bei der Regierung des deutschen Reiches." . Auch unabhängig von derartiger vertraglicher Abrüstung vermöchte Deutschland, ohne seine Verteidigungsstellung irgendwie zu schädigen, sehr erhebliche Ersparnisse zu machen. Man vermindere die Zahl der fürstlichen und priuzlichen Adjutanten von 120 auf GO oder 40; man schaffe die 260 Aggregierten ab, vermindere die Zahl ber Offiziere und Unteroffiziere um 10 Prozent. Menu man den Parademarsch, diese Lächerlichkeit, die das, Ansehen unserer Armee in den Augen des militärischen Auslandes nur herabsetzen kann, abschafft, so werde die übrige Ausbil- düng des Heeres nur gewinnen, trotz der verminderten Zahl der Lehrmeister, die auch dann noch Höher als in irgend einem Heere der Welt sein würde. Auch bei der Flotte ließen sich ohne vertragliche gegenseitige Abrüstung erhebliche Er- sparnisse machen. Wie hier aus dem Vollen gewirtschaftet wird, habe unter anderem die Beratung des Etats für Kiautschou dar getan. Auch ließe sich sehr wohl das Flottenbautempo etwas verlangsamen. Wenn es an, Geld fehlt, schränkt man sich eben ein. Wenn die Ausgaben jfür die Landesverteidigung richtig eingehchätzt werden sollen, müßte außer den Beträgen des
Krstes Matt.
Etats noch der Wert in Rechnung gesetzt werden, den die Einziehung so vieler Menschen von einer wirtschaftlich nutzbringenden Tätigkeit besitzt. Durchschnittlich werden das rund 700 000 Männer im kräftigsten Lebensalter sein. Rechnet man den Wert dessen, was sie in anderen Berufen an Ar- beitswerten schaffen könnten, gering nur mit 1300 Mk. pro Kopf, so gehen dem Nationalwohlstand dadurch jährlich 1260 Millionen Mk. verloren; mit den 1033 Millionen Mk. Etatsausgaben zu- lammen kostet uns die Landesverteidigung also im Jahre 2600MillioneuMark. In den nächsten Jahren wird diese Summe auf 3 Milliarden angetoadjfen sein. Nun denke man einmal zurück, welchen ungeheueren Eindruck es machte, als uns Frankreich 1871 eine Kriegsentschädigung von 4 Milliarden Mark bezahlen mußte. Heute kostet uns der bewaffnete Friede schon in V/2 Jahren so viel.
Diese Aufstellungen kann man nur unterschreiben, besonders wenn man sich das Anwachsen der Ausgabezahlen für die Landesverteidigung in den letzten Jahren vor Augen hält. Man kommt da zu folgenden Zahlen:
1878 1888 1898 1908
486 Mill. Ml. 811 Mill. Mk. 976 Mill. Mk. 1861Mill.Mk.
In den 80 Jahren sind somit diese ,Ausgaben um mehr als 300 Prozent gestiegen, während die Bevölkerung noch nicht um 50 Prozent zunahm, das letzte Jahrzehnt allein weift eine Zunahme von über 60 Prozent auf. Wohin führt diese Bahn, die mit Friedensreden gepflastert ist? Doch schließlich nur zur Aussaugung der Völker im Frieden. Der bewaffnete Friede gestaltet sich zu einer unerträglichen Last.
Deutsches Reich.
** Das Branntweinmonopol
soll in dem Sydowschen Entwurf in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Ein Berliner Blatt behauptet, schon jetzt Einzelheiten aus der Vorlage mitteilen zu können. Wenn das richtig ist, dann würde der Regierung die Heimlichtuerei, mit der sie in diesem Jahre ihre Steuervorlagen behandelt hat, wenig genutzt haben. Das Blatt behauptet, wie angekündigt, sei ein Z w i s ch e n- Handelsmonopol geplant, indem die fiskalische Verwaltung den Brennereien die Ware abkaufen und sie selbst ab setzen werde. Die Steuer soll etwa 100 Millionen Mehrerträge bringen. Den Brennern sollten in den ersten zehn Jahren Abfindungen gezahlt werden, und zwar auf der Grundlage eines zu ermittelnden Normalpreises. Die Schlempe solle den Brennern als Gewinn verbleiben. Der bischerigen Sonderstellung der süddeutschen Brennereien solle durch einen Zuschlag von 7 Mark pro Hektoliter zum Einkaufspreis Rechnung getragen werden. Die Angestellten der Spirituszentrale und der aufzugebenden Spiritusfabriken sollen, sofern sie nicht in den Reichsdienst übertreten, entschädigt werden. Tie Abfindungen an die Brenner für die bisherige „Liebesgabe" dürfte sich im Laufe von 10 Jahren auf etioa 200 Millionen Mark belaufen, Ivährend die Abfindungen an dis Spritfabriken für die Aufgabe ihres Betriebes und die Erwerbung der bedeutendsten Fabriken etwa 50 Mill. Mark als einmalige Entschädigung betragen dürften. Weiter wird noch" mitgeteilt: Für die Konsumenten ist eine langfristige Stundung des Preises vorgesehen, die insbesondere den Großabnehmern willkommen sein dürfte.
Man wird ein Urteil erst aus die definitive Vorlage aufbauen dürfen. Es spricht allerdings ziemlich viel dafür, daß dieser Entwurf authentisch ist.
** «erlitt,*23. Oft. 1908. Der Kaiser hat der Urheberrechts - Konferenz eine Erinnerung?. Medaille gestiftet. Man sieht auf ihr neben der Pallas Athene zwei Frauengesialten, in ihre Arbeit verlieft: Die Literatur mit dem Schreibstift in der Rechten, und auf dem Schoße ein ausge- breitetes Pergament; ferner die bildende Kunst, eine Statuette betrachtend, die sie in der Hand hält. — Der Kaiser empfing gestern den großbritan- Nischen Botschafter Sir Frank Lascelles, der nach langjähriger Tätigkeit seinen Berliner Posten ver- läßt. — Der Kaiser hat angeordnet, daß die Reden, die von ihm und den beiden Geistlichen zur Rekruten-Vereidigung gehalten werden, im Druck erscheinen und den beteiligten Zehnten als Erinnerttugsblatt an diesen Tag übergeben werden.
* Die Zentrnmsfraktion des Abgeordnetenhauses hat sich Donnerstag mit den Vesoldungs- und Steuervorlagen beschäftigt. Als erster Fraktionsredner des Zentrums wird Abgeord- neter Schmedding sprechen.
’ Ter russische Minister des Auswärtigen Iswolski ist aus Baden-Baden gestern in Berlin eingetroffen; er wird heute vom Reichs- kanzler und auch vom Kaiser empfangen werden.
D Die Gas- und Elektrizitätssteuer beschäftigt auf Grund der gestrigen Enthüllungen des „Vorwärts" die Presse sehr lebhaft. Die konservative Presse gefällt sich, ebenso wie die Presse der Regie- rung in langatmigen Entrüstungen über den „infamen Vertrauensbruch, durch den dieser Entwurf in die Oeffentlichkert gelangt sei. Tie übrige Preffe läßt sich aber durch solch« Bedenken nicht von der Erörterung damit aufgerollten Pro- blems abbringen., Insbesondere nehmen vielfach die zunäägt beteiligten Jnouftnellen unb Gewerbetreibenden das Wort. Si« verweisen auf die große Schädigung, die weiten Kreisen der Arbeiterbevölkerung aus einer Hsrabdrückuna der
Eyportfähigkeit unserer Elektrizitätsindustrie erwachsen muß. Dann aber wird auf die Ungerechtigkeit hingewiesen, die in einem derartigen Herausgreifen einer einzelnen Betriebskraft ober eines einzelnen Beleuchtungsmittels liegt. Es ist klar, daß die Gas- und Elektrizitätssteuer eines Tages auch die Forderung nach Besteuerung der Dampfmaschine, der Wasserkräfte usw. usw. nach sich ziehen muß. Schließlich kommt man dazu, noch mehr als bisher die öffentlichen Lasten auf das Gewerbe abzuwälzen. Daß das ein Verfahren ist, das sich eines Tages fehr schwer rächen wird, das einzusehen könnte auch unserer Regierung gar nichts schaden. — Der Bundesrat hat sich inzwischen angeblich mit der Angelegenheit beschäftigt; c3 wird behauptet, er habe Beschlüsse gefaßt, di« dem Hausgebrauch entgegen kommen sollten; darum sei die Steuer für Glühlam. pen rc. auf 5 Pfennig herabgesetzt worden. Näheres bleibt abzuwarten.
D Gegen die neuesten Skandalosa in Berlin wird die Zentrnmsfraktion im Abgeordnetenhause eine Interpellation einbringen, die anfragt, wel- che Maßnahmen die Regierung zu treffen gedenkt, um die ärgerniserregenden Seranftnltungen in Berlin endgültig zu verbieten.
= Volksschullehrer und Geschworenenamt. Die Nationalliberalen erstreben durch einen Antrag m Abgeordnetenhame, daß di« Möglichkeit ge- chaffen werde, Lehrer zu der Tätigkeit als Schüfen und GescAvorene heranzuziehen.
* Dem Evangelischen Bunde widmet in der „Deutschen Wacht", dem Organ der Deutschen Vereinigung, ein e v a n g e l i s ch e r P a st o r anläßlich der jüngsten Generalversammlung des Bundes in Braunschweig eine scharfe Kritik. Zwar geht es dabei nicht ohne Seitenhiebe auf die Zentrumspresse ab, aber die Parallele, die er in der „D. W." zwischen der Düsseldorfer Katholiken- verfammlung und der Braunschweiger Versammlung des Evangelischen Bundes zieht, fällt doch ganz und gar zu rmgunsten^es Bundes aus.
In Düsseldorf, so wird auSgeführt, s»i fast alle Arbeit der Aufgabe gewidmet gewesen, innerhalb der eigenen Glaubensgenoflen Sufbauenb zu wirken und positive Arbeit zu leisten. In Braunschweig hab« sich kein einziger Redner mit dem Thema des christlichen Lebens befaßt; nicht ein positiv!» Erfolg für daS innere und äußere Glaubensleben bn; P-^t-stenten lass« Sich auf den Vorträgen ausbauen. Aus 5-Vbr'rr hätten ich mit dem „Kampf gegen Rom" befaßr, wahrend in Düsseldorf das praktisch- Ziel gewesen fix glauben- belebend zu wirlen. In Düffeldorf fei einem Kampf gegen Andersgläubige überhaupt nicht di« Red« gewesen und die Propaganda-Frage sei nur bei be» Beschlüssen in Gestalt einer Empfehlung beS Bonisattus- Bereins in bie Erscheinung getreten. In Braunschweig habe jeber Redner den Kampf gegen Rom und den llltramontanismus proklamiert unb sich bamtt beschäftigt, wie man bem Feinde Abbruch tun könne, keiner aber damit, was an bie Stelle des vertriebenen „UltramontanismuS" treten solle. Di» Kämpfer seien zudem in Braunschweig in ihre« Kampfmitteln wahrlich nicht wählerisch gewesen unb hätten es nicht verschmäht, selbst zu Entstellungen unb zum Lächerltchmachen ber Gegner ihr« Zuflucht zu nehmen. „Düsselborf war in bieser Beziehung auf einen viel vornehmeren Ton gestimmt." In Düffeldorf sei für den konfesstonellen Frieden gesprochen worbe« unb nirgends eine verletzende Bemerkung gegen Andersgläubige gefalle«. I« Braunschweig fei nicht ei» Redner für den Frieden eingetreten, wohl aber hätten mehrer« die Düsseldorfer Friedensworte alS leeres Gerede bezeichnet oder ihnen unlautere Motivs unterschoben. In Düsseldorf fei daS Hineinziehen politischer Gesichtspunkte vermieden worben, in Braunschweig habe bie Politik eine gewichtige Rolle gespielt. „Wenn man über bi« Braunschweiger Tagung unb bereu Verhältnis zur Düsseldorfer ein Gefamtmteil abgeben soll, so kann eS nicht anders lauten, alS baß fie ernstlich viel weniger positiv« christlich« Arbeit geleistet hat als jene, unb daß sie ferner eine glatte Kriegserklärung ist als Antwort auf die in Düffeldorf bargebotene Friedenshand."
Zum Schluß beschäftigt sich die „D. W." mit ber von bem Abgeordneten Sic. Everling afigegebenen Erklärung in ber Frage des konfesiio- ncHen Friedens unb weist nach, baß ber Evangelische Bunb das, was er von den Katholiken verlangt, selbst nicht tut. Weiter veröffentlicht fie bie Zuschrift eines evangelischen Geistlichen, der sich gegen das friedensstörerische Treiben deS Evangelischen Bundes wendet. Man liest darin:
WaS müssen bie aebilbeteu Katholiken zu ber Braunschweiger Tagung sagen! Witz schroff, barsch unb brüsk wurden alle Versuche der katholischen Seite, gegen gemeinsame Feinbe sich verbinden zu wollen, abgelehnt, rundweg ab gewiesen!
Leider werden diese Stimmen in der Wüste verhallen. Mit dem Bunde, der die Deutsche Bereinigung als Kampfgenossen gegen das Zentrum unb den „UltramontanismuS" in sein Herst geschlossen hatte, wird es die Vereinigung übrigens wohl auf eine Weile verschüttet haben.
Die Sozialdemokraten im preußischen Abgeordnetenhause sind nur 6 Mann stark und daher bei der Einbringung von Interpellationen und der Stellung von Anträgen auf die Unterschriften anderer Parteien angewiesen. Der ,Vorwärts" klagt nun, daß es bisher nur gelungen sei, und zwar mit »Mühe und Not", für einen Antrag auf Hastentlaffung des inhaftierten Abg. Liebknecht die Unterschrift deS Freisinns zu bekommen. Für alle anderen Anträge habe sie nicht die nötigen Unterschriften bekommen können, obwohl nur 18 Unterschriften für die Antragstellung nötig sind. Sogar für einen Wahlrechtsantrag habe man nicht die nötigen Unterschriften bekommen können, weil die Polen selbst einen ähnlichen Antrag einbringen wollen. Die Sozialdemokratie behauptet, die bürgerlichen Parteien verweigerten der Sozialdemokratie die Unterschriften, um ihr die ©el- lang von eigenen Anträgen unmöglich zu machen und um dann »hinterher über die Un- fruchtbarkeil der Partei herzufallen, und sich selbst
bei zukünftigen Neuwahlen als die Hüter und Wahrer der VolkSrechte hinzustellen". Die Sozias demokratie droht mit einem fürchterlichen Donner»' weiter im Plenum. Im .Vorwärts" lieft manf
„Die sozialdemokratische Fraktion wirb dies« Machenschaften hintertreiben unb die Vorgänge so schildern, wie sie sich zugctragen haben. Ihre Anschauungen wirb bie Fraktion- trotzbem zum Ausbruck rt bringen wissen; wenn auch nicht in Form von ; itialanträgen, so bei anderer Gelegenheit. Für heut« genügt es, bas Benehmen ber bürgerlichen Parteien zu charakterisieren, bamit unsere Genossen bie Gründe er« fahren, aus denen bie Fraktion bisher — abgesehen von dem Antrag auf Haftentlassung Liebknechts -j noch keine Anträge eingebracht hat. An gutem Willes fehlt eS ihr nicht."
ö Für Unterseeboote sollen für 1909 zehy Millionen gefordert werde«, von da ab jährlich IS Millionen. Von vornherein soll nur ehf TypuS in Frage kommen, der aufgetaucht auch als Hochseeboot zu verwenden ist. Als Motor« sind Pelroleummotore in Aussicht genommen da Benzin und Gasolin zu gesährlich sind. Füs, die ersten fertigen Boote stehen schon die aus) gebildeten Mannschaften verwendungsbereit.
)( Ein preußisches Fischerei-Gesetz ist fertig» gestellt worden. Es enthält Bestimmungen übd den Begriff der geschloffenen Gewässer, über d'ch Fischerei der Gemeinden, über den Fischerei-Schem und über daS Recht der Uferbetretung durch di« Fischerei-Berechtigten. Endlich wird die Bear.f« stchtigung der Fischerei und die Bekämpfung stscheresichädlichen Tiere umaestaltet werden.
* Oldenburg, 23. Okt. 1908. Der Entwurf eines neuen Schulgesetzes ist dem Landtag zuqegangen. Die geistliche Schulaufsicht soll beis behalten, die Fachaussicht den Kreisschulinspektoren übertragen werden.
* Steglitz, 23. Okt. 1908. Der verstorben» Ministerialdirektor Friedrich Alth offwurdeheut« nachmittag beerdigt. Der Eichensarg, vor den§ Altar der Steglitzer Kirche aufgebahrt, verschwand unter der Fülle der Kränze. Zuoberst lag, reich mit Chrysanthemen durchflochten, ein Lorbeevj kranz des Kaisers. Prof. Adolf Harnack widmete dem Verewigten einen ergreifenden Nach« ruf. Die Beisetzung fand im Botanischen Garten Dahlem, der Schöpfung Altboffs, statt.
" München, 22. Okt. 1908. Eine hocherfreuliche Nachricht kommt aus Bayern. Der Fried« zwischen bem Nieder bayerischen Bau« ernverein (Dr. Pichler) unb ber Zentral- genossenschaft in Regensburg (DL Heim) ist enblich hergcstellt. Die schon seit lange« Zeit schwebenden Friedensverhandlungen sind auf ber außerordentlichen Generalversammlung bei Niederbayerischen Bauernvereins zum Abschluß gekommen.
Ausland.
Die Lage auf dem Balkan.
Die englische Politik scheint darauf anszü- gchen, die friedliche Verständigung zu hintertreiben, die sich neuerdings zwischen der Türkei und Oesterreich-Ungarn einerseits, sowie Bulgarien andererseits angebahnt hat. Nach neueren Meldungen soll eS den englischen Bemühungen ge-! hingen sein, die vor dem Abschluß stehende öfter« reichisch-türkische Verständigung zu verhindern. Wegen ter bulgarisch-türkischen Verständigung erklärte der englische Botschafter, daß diese FragH Unbedingt vor eine Konferenz gehöre. Wie bet „Köln. Ztg." aus Wien berichtet wirb, hatte mach bort an amtlicher Stelle bisher keine Bestätigung der Meldung bei „Jkdam" von einem Schritt bei englischen Botschafters bei der Pforte gegen ein« selbständige Auseinandersetzung der Türken mit Bulgarien, möchte sie auch für unglaubwürdig halten, ba ein solcher Schritt als öteeFte Hetze Englands gegen Bulgarien unb gegen ein friedliches Austragen beS türkisch-bulgarischen Zwiste- aufgefaßt werben müßte, beren Folgen noch nickt abzusehen wären. Man hat in Wien allerdings mit Befremden wahrgenommen, daß die englisch« Presse neuerdings in die frühere hetzerische Tonart verfällt, und meint, daß dieses Verhalten raum geeignet wäre, eine friedliche Beilegung der Orientkrife zu fördern. Was bas Verhältnis Oesterreich-Ungarns zur Türkei betrifft, fo werd« man sich aber durch etwaige englische Ränke nicht ab halten lassen, auf ber betretenen Bahn f Lieblicher JBerftänbtgung fortzuschreiten.
Wie aus Bubapest gemeldet wirb, hält man in den Kreisen bes Auswärtigen Amtes die Nachricht über einen unmittelbar bevorstehenden Abbruch der Verhandlungen mit der Türkei als durchaus unglaubwürdig. Im allgemeinen werden bie Der- Handlungen auch heute als nicht aussichtslos bezeichnet.
Die Aussichten auf Beruhigung ber serbischen Volkes werben immer geringer. Demonstrationen gegen bie österreichischen unb ungarischen Kaufleute finden noch tagtäglich statt. In mehreren Versammlungen würben natürlich unter entsprechenben Hetzreden gegen Oesterreich bie Verbrüberung ber Serben unb Mou - tenegriner gefeiert. Die serbische Haupt- stabt soll beschloßen haben, alle österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen aus ihren Diensten zu entlassen.
* Tie österreichisch-ungarische Regierung vermag angesichts ber Balkanwirren ihre Flöt- tenbläne leichter durchzubringen. Wiewohl da- Marinebubget in biesem Jahre eine ganze Reihe neuer Positionen aufweist, so erhebt sich doch kein ernsthafter Widerspruch bagegen. Der HesresauSschuß ber österreichischen Delegation genehmigte am Donnerstag das Marinebubget ohne iedr größere Debatte.