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JVS 242.
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Krveites W^crtt.
- Der russische Minister Iswolski ist über Wien, Paris nach London gereist und wird, nachdem er sich vorher noch einmal in Paris umgesehen hat, am Donnerstag abend in Berlin erwartet. Er würde sich dort schon früher eingefunden haben, wenn nicht die Rücksichtnahme auf die H o ch z e i t s f e i e r des Prinzen August Wilhelm mitspräche. Am Mittwoch wird der feierliche Einzug des jungen Paares erfolgen, am Donnerstag findet das Hochzeitsfest statt. Die bei diesen Gelegenheiten nicht zu vermeidende Inanspruchnahme des Fürsten Bülow und deS Staatssekretärs v. Schoen, vor allem beim altertümlichen Fackeltanz, mag es dem russischen Minister nahe gelegt haben, seine Ankunft bis zum Schluß der Hoffeste zu verschieben.
Was Herr v. Iswolski an Vorschlägen und Vereinbarungen von seinen Konferenzen in London und Paris mitbringt, wird -en Berliner leitenden Ticllen selbstverständlich schon vor dem Eintreffen des russischen Staatsmannes bekannt sein. Mit besonderem Nachdruck wird in Berlin gegen die auswärts verbreitete Behauptung protestiert, daß deutscherseits die Londoner Ver- etnbflninßen zwischen Iswolski und Sir Grey bereits angenommen worden seien. Was darüber jetzt bekannt wird, läßt eh.'c erlvarten, daß die Zustiinmung der deutschen Regierung nicht so lei cht zu haben sein wird. In Berlin wird konsequent betont, daß von einer Verwirklichung des Konferenzgedankens nicht eher gesprochen werden kann, als bis man in Konstantinopel und Wien zugestimmt hat. Aber schließlich wird es auch dazu kommen. Ist es erreicht, können die versammelten Großmeister der Diplomatie die orientalische Frage lösen, sollten sie selbst drei Wochen Festmähler heldenhaft über sich ergehen lassen müssen. Das Programm ist fertig. Halbamtliche Erläuterungen werden verbreitet, und die Spatzen auf den Dächern pfeifen das hübsche Lied von der Einigkeit Europas.
Nur einer scheint wenig Freude und Befriedigung zu empfinden, der „kranke Mann"; der Draht hat gemeldet, daß der Großwesir des Pa- dischah, als ihm das Menu der Konferenz überreicht wurde sehr bestürzt gewesen sei. Kia- »ml Pascha muß ein wunderlicher Optimist sein. Oder gewesen sein. Wie könnte er sonst aus allen Himmeln fallen? Wenn er sich wirklich mit der Hoffnung geschmeichelt hat, Europa werde die Unabhängigkeit Bulgariens und die Annexion Bosniens rückgängig machen, so hat er sich gründlich getäuscht. Vielleicht hat er an England, dem die Jungtiirken stürmische Huldigungen darbrach, ten, eine sichere Stütze zu finden geglaubt. Nun ja England tf- auch der Pforte freundlich gesinnt. Aber die türkischen Erwartungen kann c3 nicht erfüllen. In den wichtigsten Punkten beschränkt sich England in Uebereinstimmung mit Rußland und Frankreich darauf, die vollendeten Tatsachen anzuerkennen. Die Unabhängigkeit Bulgariens wird bestätigt und nur das finanzielle Verhältnis des bisherigen tributpflichtigen Vasallenstaates zur Pforte geregelt. Es wird also anscheinend eine Ablösung des Tributs vorgeschriebeir werden. Vielleicht soll das in Form einer von den Großmächten gewährleisteten Anleihe geschehen, von der neuerdings mehrfach die Rede gewesen ist. Daß auch die Frage der B e s ch l a g n a h m e der Eisenbahnen von der Konferenz erledigt lvird, ist nach dem Programm nur möglich, nicht sicher. Es scheint, als solle die befriedigende Lösung dieses Problems nicht einmal zur unerläßlichen Bedingung für die Anerkennung der Un-
Fulda, Dienstag
abhängigkeit gemacht werden. Was Wunder, daß die Türkei von diesem Ueberch »kommen ihrer Freunde nicht sonderlich entzückt ist!
Oe st erreich- Ungarn gegenüber rnachen Frankreich, Rußland und England, wie es sich ge- hört, nur eine höfliche Verbeugung. Die Angliederung Bosniens und der Herzegowina an die Habsburgische Monarchie wird nicht debattiert, sondern „konstatiert"; das Vernünftigste, was einer starken und entschlossenen Macht gegenüber geschehen konnte. Aber die drei Mächte stellen auch die Angliederung Kretas an Griechenland bereits als vollendete Tatsache auf das Programnr der Konferenz; auch hier wie bei Bulgarien wird nur die Festsetzung der finanziellen Abfindung Vorbehalten. Ein Pflaster auf die Wunde soll die Erweiterung der türkischen Zuständig- k e i t in der Behandlung ihrer christlichen An- gehörigen sein, desgleichen die Abschaffung der Kapitulationen und der fremden Postämter, worüber jedoch noch weitläufige Verhandlungen erfolgen werden, bereit Erfolg nicht ohne weiteres gesichert ist. Montenegro wird eine Erweiterung seiner Souveränitätsrechte zugesichert, was in erster Reihe Oesterreich angeht, da dieseni be- stinimteS Straßenrecht und Seepolizei zusteht; offenbar soll Montenegro auch die Ausführung von Befestigungen gestattet werden, wo sie ihm bisher verwehrt waren. Darüber hinaus lautet der siebende Programmpunkt: „Kompensationen für Serbien und Montenegro". Die Begehrlichkeit kann sich also uneingeschränkt betätigen. Rumänien soll, wie es scheint, mit einer Revision der Donau-Reglements befriedigt werden. Die Konferenz wird also das reine Mädchen aus der Fremde sein und jedem eine Gabe, dem Blumen, jenem Früchte austeilen.
Und auf wessen Kosten? Es klingt wunderlich, wenn halbamtlich von London gemeldet wird, die erste Sorge der Konferenz sei die Entschädigung der Türkei, die Stärkung ihrer Verwaltung; die Erfüllung der Wünsche der Dalkanstaaten dürfe nicht auf Kosten der Türkei geschehen. Der bestürzte Großwesir scheint aus dem Programm herauszulesen, daß gerade die Türkei wird bluten müssen. Selbst daß die Meerengenfrage vom Programm abgesetzt worden ist, wird ihn mit wenig Genugtuung erfüllen. Denn er wird wissen, was es bedeutet, daß ihre Lösung der Sonderabmachung mit Rußland überlasten wirb. Wenn Rußland den gewohnten Druck auf die Pforte ausübt, lvird ihr England beistehen? Sicherlich nicht.
Also viel zu hoffen hat die Pforte von der Konferenz nicht, zu fürchten mancherlei. Trotz alledem, es ist wenigstens wahrscheinlich, daß es nicht zum Weltkriege kommt. Und besser ein magerer Vergleich als ein fetter Prozeß.
Deutscher Reich.
>? Die Stellung des Zentrums zur Reichs- finanzreform ist, so meint die „Kreuzztg.", „noch keineswegs durchsichtig". Wenn von einer Seite die Mitwirkung der Partei zugesagt werde, so folge von anderer Seite wieder ein Dämpfer. Das konservative Blatt sucht dann eine Rede des Ilbg. Erzberger und einen Artikel des Justizrats Julius Bachem im Gegensatz zu einander zi» brin- gen und meint schließlich, wenn die Partei sich gegenwärtig auch noch „freie Hand" wahren wolle, so könne es doch auch geschehen, indem inan sich den Reformvorlagen im allgemeinen wohlwollend gegenüberstelle, anstatt von vornherein „Bülow, Block und Finanzreform" gleichzeitig zu be- kämpfen. — Was soll diese Anzapfung? Tie „Kreuzztg." weiß doch, daß die Zentrumsfraktion
den 20. Oktober 1908.
des Reichstags bisher ebensowenig zusammenge- treten ist und einen Beschluß gefaßt hat, wie die konservative Fraktion. Niemand vermag heute schon zu verkünden, was die Fraktion in den der- wickelten und schwierigen Fragen der Finanz- rcform tun will und tun kann und tun muß. Wenn einzelne Parteigenossen diese Angelegenheit in Rede oder Schrift behandeln, so können sie nur die G r u n d s ä tz e und die Gesichtspunkte angeben, die nach ihrer Ansicht und ihren Wünschen bei den künftigen Entschließungen der Fraktion in Betracht kommen werden. Wenn man den Aeußerungen, die von der „Kreuzztg." angeführt werden, auf den Grund geht, so findet man durchaus keine schroffen Gegensätze. Der eine betont die Pflicht der gewissenhaften Mitarbeit, der andere betont die Vorsicht, die angesichts der Blockpolitik noch mehr als sonst geboten sei. Jede dieser Ausführungen hat einen berechtigten Kern. Es wird Sache der Fraktion sein, den rechten Mittelweg zu finden und einzuhalten. Ist denn die Stellung der anderen Parteien bereits „durchsichtig"? Wahrlich nichtI Die „Durchsichtigkeit" ist ja auch schon deshalb ganz unmöglich, weil die Vorlagen selbst noch gar nicht veröffentlicht find. Wie kann die „Kreuzztg." verlangen, das Zentrum solle schon jetzt „im allgemeinen wohlwollend", sich Entwürfen geaen- überstellen, die es noch nicht kennt I Die Konservativen lassen ja auch ihr „Wohlwollen" nur teilweise walten. Gegenüber der Hauptvorlagr der Nachlaßsteuer beweisen sie geradezu das Gegenteil von Wohlwollen. Soviel kann man jedenfalls sagen; das Zentrum wird sich trotz der Blockära nicht von einer kräftigen und zähen Mitarbeit abhalten lassen, um die Finanzreform s o gut als m ö g l i ch zu gestalten im Interesse des Reiches und des Volkes. Welche Mittel und Wege es dazu benutzt, das ist eine verwickelte Frage der parlamentarischen Taktik, zu deren Lösung die Fraktion im Reichstage nach Lage der jeweiligen Verhältnisse berufen ist. Bei den taktischen Maßnahmen kommen freilich auch die Verhältnisse in Betracht, die seit zwei Jahren zwischen den Parteien und der Regierung durch die Blockpolitik geschaffen sind. Wenn in einem Parlament der Grundsatz gilt, daß jede Partei gleichberechtigt ihr Gutes beitragen darf, so hat man z. B. taktisch eine andere Bewegungsfreiheit, als wenn man mit der Möglichkeit rechnen muß, daß schließlich alle Ergebnisse der Vorberatungen unigestoßen werden in einem geheimem Rat der allein regierenden Blockparteien. Diese Möglichkeit wird die „ausgeschaltete" Partei immer im Auge behalten müssen. Wenn den Blockparteien diese Nachwirkungen des 13. Dezember nicht gefallen, dann möge t sie sich bei Fürst Bülow beklagen, das Zentrum anzuklagen -haben sie kein Recht.
* Eine Ermäßigung der Kohlenpreise in Aussicht. Nm 24. findet eine Sitzung des Kohlen- Syndikats statt, in der die Preisfrage für baS nächste Jahr zur Erörterung steht. Während bisher die Zechenbesitzer jeder Verbilligung der Kohleupreise trotz der allgemeinen RückgangSbc- wegung der industriellen Konjunktur eifrig widersprachen, gibt jetzt einer Essener Meldung der „Berliner N. 91/ zufolge, sogar die den Zechen sehr nahestehende ,Rhein.-Westf. Zlg.' zu, daß man beule in Zechenkreisen der Ansicht zuneige, daß eine Ermäßigung nicht mehr zu umgehen sei.
** Gegen die Elektrizitätssteuer macht nunmehr auch die schleswig-holsteinische Landwirtschaftskammer Front. Sie protestierte beim Reichs- tänzler gegen diese Steuer, weil sie eine rationelle Ausgestaltung der landwirtschaftlichen Betriebe erschweren würde.
35. Jahrgang.
D Die Sozialpolitik der Hamburger Ober- postdirettion. Die Bestimmungen für die Ausbildung von Telephonistinnen der Oberpostdirektion Hamburg enthalten folgende Anweisung: „Junge Mädchen, die gedient haben oder Fabrikarbeiterinnen waren, sind von der Anstellung ausgeschlossen". Die ,Soz. Praxi-' bemerkt hierzu:
Ob die Oberpostdirekrion durch diese Anordnung um so tüchtigere Telephonistinnen gewinnen wird, erscheint uns bei der außerhalb der handarbeitenden Kreise weitverbreiteten Nervosität ziemlich zweifelhaft. Auf die LeistungsfLhigkelt der Arbeiterinnen aber kann es doch der Bedürde nur ankommen und nicht auf di« Ausrichtung einer Schranke gegen den Aufstieg tüchtiger Handarbeiterinnen in eine Beamtenstellung/
Fürwahr eine schöne Sozialpolitik! Denn sittliche oder gesundheitliche Gründe kann doch die Oberpostdirektion zur Entschuldigung ihre- Vorgehens nicht angeben. Man will offenbar, diese Mädchen von der Anstellung ausschließen, weck sie in der Regel auS den unteren Kreise« stammen. Daß das eine ungerechtfertigte und keineswegs soziale Maßregel ist, darüber braucht man wohl kein Wort weiter zu verlieren.
* Hört, Hört! In der,Köln. Zig/(Nr. 1086) liest man folgendes:
Der Vorstand des Nationalliberalen Verein» Köln hat in Ausführung eine» in seiner letzten Sitzung einstimmig angenommenen Anträge» eine Eingabe an bi« Fraktionen der Nationalliberalen Partei im Reichstag« und Abgeordnelenhause gerichtet, in der der dringend« Wunsch ausgesprochen wird, Die Interessen der mittleren und unteren Beamten in der ihnen gebüh, renben Weise unbedingt wahrzunehmen und den ganzen Einfluß der Partei zur Erfüllung ihrer gerechten Forderungen geltend zu machen. Bor allem die al8 notwendig anerkannte Beamtenbesoldungsfrage bald und glatt zu erledigen. In der Begründung deS Antrag- war auch title Bemerkung enthalten, bi« nicht nur bi« national- liberale Partei, sondern für alle Blockparteien der schärfste Sporn zur Erfüllung der Forderungen b«e Beamten fein muß: „Die liberalen mittlere# und unteren Beamten wünschen, daß sie in Zukunft dem Zentrum nicht» zu baute# haben/
Diese Bemerkung spricht, so sagt die Ml«. Volksztg/, alleidings Bände. Für daS Zentrum bedeutet sie die beste Anerkennung, die eS sich nur wünschen kann. Ob der Wunsch der liberale« Beamten in Erfüllung geht, ist eine andere Frage.
)( Mit der mecklenburgischen BerfaffungS« rcform will es noch immer nicht so recht vor« wärtsgehen. Am Freitag sind die kommiffarischen Beratungen der außerordentlichen Landtages von der Regierung abermals als aussichtslos abgebrochen worden, da die Ritterschaften wiederum auf ihrem ablehnenden Standpunkt beharren. Man wird nun neugierig darauf sein, ob die Regierung diesmal nachgibt. Am SamStag fand eine Sitzung der SlaatSminifteriurnS statt, um über die nunmehr einzuschlagenden Wege zu beraten.
volkrwirtfchastttcher und Sozialer.
4> Krisis und Arbeitslosen-Fürsorge. Ein gutes Jahr dürfte eS jetzt her fein, daß die wirtschaftliche KristS von Amerika her sich über die europäischen Industrieländer hin ergoß, um hier in den folgenden Monaten mit aller Gewalt einzusetzen. Gerade der Umstand deS schnellen Eintreten- drückt der gegenwärtigen KrisiS ihr charakteristisches Gepräge aus: dementsprechend sind auch ihre Folgen, speziell auf dem Arbeitsmarkt. Wenn man auch vielfach, um Arbsiter-Entlaffun-
Meines Fenilletorr.
— f. ein Fortschritt der Heiztcchnik. Der Oktober ist die kritisch Jahreszeit, in der überall mit dein Heizen begonnen wird. Zwar tft die Erde für absetzbare Zeit noch mit genügendem Heizmaterial versorgt, aber schließlich müssen die Kohlenvorräte einmal erschöpft sein, und schon jetzt wird die Kohle immer teuerer. In allen Ländern hat man daher nach Ersatzmitteln gesucht, und einem schwedischen Ingenieur. Dr. Martin Ekenberg, ist es jüngst gelungen, aus einem der primitivsten Heizmittel, dem Torf, ein en vollwertigenErsatzfür Kohle zu gewinnen. Ter Plan, aus Torf ein gutes Heizmittel herzustellen, ist früher schon oft in Angriff genommen worden, aber nie zufriedenstellend gelost. Noch vor sieben Jahren erklärte eine vom König von Schweden eingesetzte Kommission von Fachleuten, es sei unmöglich, aus Torf einen Ersatz der Kohle herzustellen. Im Jahre 1903 trat Ekenberg mit seiner Erfindung hervor, und jetzt hat er sie in feinem Laboratorium in London so weit ausgebaut, daß sie in der Praxis in großem Maßstabe angewendet werden soll. Das Problem beruht darin, daß dem Torf die großen Wassermengen entzogen werden sollen, die bis zu 90 Prozent darin enthalten sind. Auf mechanischem Wege, etwa durch Pressen, ist dies bei der eigentümlichen Konsistenz des Torfes nicht möglich; trocknen durch Erhitzen dagegen wäre zu kostspielig. Ekenberg setzt den Torf überhitztem Wasser aus und erreicht dadurch, daß eine Masse entsteht, aus der das Wasser mechanisch ausgepreßt werden kann, sodaß ein f e.st e s, kohleähnliches Feu er ungs m a i e r i a l von hohem Heizwert zurückblerbt. , Professoren des Royal Naval College in Greenwich haben die nach dem Ekenberg'schen Verfahren her- gestellten Briketts geprüft und ihr Gutachten, dahin abgegeben, daß die Briketts, die bei einer
Temperatur von 155 Grad C hecgestellt worden waren, rund % so viel Heizwert hatten, wie gute englische Kohle; noch hoher war der Heizwert der bei 200 Grad C gewonnenen Briketts: 6 Gewichtsteile davon erzeugten ebensoviel Wärme wie 5 Gewichtsteile Kohle.
— lieber die Geheimnisse der Fremdenlegion, von welcher Truppe jetzt so diel gesprochen wird, teilt das „Buch für Alle" folgendes mit: Gleichwie alle Nationen und Sprachen, so sind auch alle Lebensalter in der französischen Fremdenlegion vertreten. Manch alter Legionär mit grauem Bart marschiert zwischen bartlosen Jüng- fingen, und ein gut Stück Geheimnis hüllt diese Männer ein, die um mageren Sold, sechs Pfennig täglich, ihre Kraft und ihr Blut in den Dienst eines fremden Landes stellen — viel Geheimnis und auch viel Elend und viel Schuld. Viele wollen sick> dort verbergen, wollen der Vergessenheit anbei mfallen. So wurde einmal bei einem Schar- mützel der Kompaniearzt niedergeschossen. Ter Kapitän ließ allfogleich dienstlich in der Kompanie fragen, ob kein Arzt darunter wäre. sVier traten vor. Welche Schuld, welches Schicksal hatte sie in die Legion geführt? In Geryville fehlte es an Trinkwasser. Die Offiziere berieten sich vorher Sorge. Ein Korporal meldete sich. Ec stellte verschieden« Berechnungen an und bezeichnete schließlich einen bestimmten Punkt, wo man nachgraben solle. Er war österreichischer Genieoffi- zier gewesen. Ern anderer grauhariger Korporal setzte di« Offiziere tn Erstaunen durch gewisse technische Kenntnisse. Es kam dahin, daß er ihnen an den langweiligen Garmsonsabenden Vortrage halten mußte. Auf das Drangen seiner Zuhörer gestand er ein, daß er Oberst in englischen Diensten gewesen war. Bei einer Parade hielt der in- spizierende General plötzlich ^vor einem Gesicht, bas er schon gesehen hatte. „Sie hier?" fragte er erstaunt. „Sie irren wohl, mein General." Der General sieht den Mann scharf an unb geht weiter. Er ist sicher, daß er sich nicht getäuscht hat. Ztnei Monate später trifft er den Mann, tödlich, ver
wundet, im Feldlazarett. „Sprechen Sie jetzt, Graf!" ermunterte er ihn. „Es ist so, wie Sie sagen. Wir sahen tins, als Sie nach Madrid an bett königlichen Hof kamen. Ich bin hierher gekommen. um Vergessen zu suchen und um vergessen zu werben."
— Die Welt wirb immer kleiner. Im 15. Jahrhundert gebrauchte man zu einer Reise von Florenz nach Paris 22 Tage; nach London 80. Noch im Jahre 1740 brauchte ein Wagen eine volle Woche, um von Paris bis Straßburg zu gelangen und kurz vor Ausbruch der französischen Revolution betrug die Entfernung zwischen Paris und Marseille noch zwei Wochen. Heute, wo man auf den großen transatlamischen Dampfern mit einer Geschwindigkeit von 36 Kilometern, zu Lande mit den Schnellzügen gar mit mehr als 80 Kilometern Geschwindigkeit reisen kann, sind alle diese Entfernungen zu- sammengeschrumpst. Im britischen Jnselreiche gibt e» keinen Punkt, der nicht von London au» in 12 Stunden zu erreichen ist, und auf der ganzen Erde gibt es keine wichtige Kulturstätte, zu der man von London aus nicht in 30 Tagen gelangen könnte. Da» heißt, daß der ganze Erdball zu einer solchen Größe zusamniengeschrumpft ist, wie sie im 18. Jahrhundert ein einziges Land besaß, wenn man die Geschwindigkeit des Reifen» zum Maßstab nimmt. Noch viel kleiner wird in diesem Sinne die Erde werden, wenn erst di« Eroberung der Lust so weit gediehen ist, daß LenkballonS und Flugmaschinen zur Beförderung dienstbar gemacht sind, denn die Reisegeschwindigkeit in der Luft wird die der Eisenbahn fast um daS Dreifache übertreffen, -fl.
— Daß die Zahl der Altkatholiken in Deutschland sich immer mehr verringert, ist allbekannt. Es mag sich wohl mancher bei Beginn der altkatholischen Bewegung in den siebenziger Jahren de» verflossenen Jahrhunderts gewundert haben, wie im Anfang diese neue Richtung eine verhältnismäßig große Anzahl von Anhängern aufwics. Aber wie mancher dazu kam, daß er zu den Altkatholiken ge« r wurde, ohne daß er es wollte, darüber hörte
— so schreibt uns ein Mitarbeiter — vor
einiger Zeit einen netten Beitrag von einem Bekannten, der um das Jahr 1878 tn Fulda seiner Militärpflicht genügte. „Eine» Tages", so erzählt er, kam einer unserer Vorgesetzten und ließ die katholischen Mannschaften vor die Front treten. Dann wurde jeder Einzelne.gefragt: j.Welche Konfession haben Sie?" — „Ich bin katholisch". — Das genügt nicht. Sie rnüffen erklären, ob Sie „altkatholisch" oder „neukatholisch" sind." Nnn weiß jeder, der Soldat gewesen ist, wie wenig man in der Kaserne Zeit und Gelegenheit hat, sich um Politik oder die schwebenden Tagesfragen zu kümmern. E» war deshalb ganz natürlich, daß di« meisten von dem Altkatholizismus wenig oder gar- nicht» wußten, und die Bezeichnung „römisch-katholisch" war uns damals nicht so geläufig. Eine Aufklärung über den Unterschied wurde uns nicht gegeben. Fast alle dachten daher bei der Frage, „Neukathollsch" müsse wohl eine neue Religion sein, und dazu wollten sie doch nicht gehören. Es erklärte also einer nach dem anderen, daß er „alt- katholisch" sei und wurde auch demgemäß eingetragen. Ich weiß nicht, ob es bei anderen Truppenteilen auch so gewesen ist; aber jedenfalls wird heute noch mancher auf der Liste der Altkatholiken stehen, der davon keine Ahnung hat." -g.
— Heiteres von der Wrinkoutroll« lesen wir in der .Straßburger Post': Auf der Weinkontrolle zwischen L. und E. begegnete dieser Tage ein Wein- kontrolleur einem mit mehreren Weinfässern beladenen Wagen, den die Gäule trotz aller Krastan- strengung nicht mehr weiterziehen konnten. Während viele Umstehende den Bemühungen des Wagenführers, eines Landwirts, wortlos zusahrn, sagte der Weinkontrolleur in trockenem Tone zu dem Bäuerlein: „Ganz recht geschieht dir, hättsch du das Wafler hausgeloßt, — mil'm Wei' wärscht de net Halle bliewe."
— Nicht zu Hause. Gläubiger (mit der Rechmmgs: „Ist Herr Flott vieleicht zu Hause?" — Studiosus (Stubcngenosse von F.): „Wein." — Gläubiger: „Aber ich sah ihn doch selbst in's Haus hinein gehen!" — Student: „Ja — er Sie aber auch!"