35. Iahrqani.
Fulda, Dienslaa den 20. Oktober 1908.
JA 242.
Erstes ^Latf
meint ist damit die ,Tägl. Rundschau^
Lvrelgr«: Vie tft» spattige petitzeile oder der«, Sa»« 15 psg. SellamendrepetttztU« 25 Ps-., bei wieder Holungen wird entspl
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Soiationrdru« db Verlag der Luldae Al» üe«dr»ckerei in ^«lda Zernsprecher ttr.9.
3«t Ge- An-
sollen. Diese Unterstützungen sollen in Zukunst nicht mehr den Verlust des Wahlrechtes zur Folge Haden, bei allen anderen Unterstützungen, )ie nur vorübergehend sind, soll nur der Verlust der Wählbarkeit emtreten, während die dauernde ' lrmenunterstützung auch den Verlust des aktiven Wahlrechts herbeiführen soll.
— Ter Staatszuschntz an die katholische nnd an die evangelische Kirche. In der „Christi. Freiheit" gibt der protchantrsche Pfarrer Traub eine Tabelle wieder über die vom preußischen Staat an die evangelische Kirche $u leistenden Zuschüsse, die zusammen 25061292,03 Ml. auömachen. Dann fährt Pfarrer Traub fort:
werden tonnte.**
Tie Rechnung hat ein kleines Loch. Herr Pfarrer Traub hat vergesten, der katholischen Kirche dre Zinsen von den 1 000 Millionen Mark gutzuschreiben, die der Staat infolge der Säkularisation an kalholrjchem Kirchenver- mözen erhalten hat. Der evangelischen Kirche ist "dagegen ntchts genommen worden. Der größere Reichtum der Proreflanlen rührt sodann in verschiedenen Landesteilen, insbesondere im Osten, nicht zuletzt daher, daß der ehenials kaiholische Grundbesitz geschenklveise oder für sehr billiges Geld in ihre Hände gelangt ist.
Dttchettit tR-Uch mit gusnabwe bet So-nt«
Feiertage viertel- »hrttche*'ver«grpreir ohne Srtngerlahn und vefteLgeld in Fulda sowie «mrwSrtss.SV Mt.
Verantw. Redatteur:
Lar» Schütter
*. Die Vorgänge auf dem Balkan.
Es duldet keinen Zweifel, daß Bulgarien trotz aller Versicherungen der Friedfertigkeit tm Begriff gewesen ist, die Feindseligkeiten gegen dre
wollten! ~ .
§§ Kassel, 19. Ott. 1908. Einen bemerkenswerten Vortrag über die augenblickliche politische Lage hielt hier im Wahlverein Der deutsch-sozialen Partei der Reichs- tagsabgeordnete für den Kreis Kassel-Melsungen, Amtsgerichtsrat Lüttmann-Schmalkalden. Er vertrat den Standpunkt, daß der Block die Arbeit, die durch die Reichsfinanzreform lbm aufgebürdet sei, nicht allein werde bewerk- stolligen können. Das Zentrum müsse, und nach seiner Ansicht, werde auch mitarbeiten. So hoffe er, daß sich für die den Liberalen verhaßte Dividenden-, Bankumsatz- und Wertzu- wachSsteuer eine konservativ-klerikale Mehrheit zusammensinden werde, denn daS Zentnim habe immer in sozialen Fragen hervorragende Arbeit im Reichstage geleistet und zur -feit seiner Blüie- und Glanzperiode den „Kuhhandel" nicht ärger getrieben, als dies jetzt von den Liberalen, besonders aber auch von den Nntionalliberalen geschehe, die nicht nur die Wahlrechtsfrage, sondern auch den Fall Schückma, der aber auch rein gar nichts m,t der Reichs • Finanzreform zu tun habe, verquicken und so die ganze Steuerreform und da- nut auch die gesamten GehaltSverbesserungen der Beamten auf das gröblichste gefährdeten. Die Nachlaßsteuer bekämpfte Redner, dafür erwärmte er sich für eine Reichs-Vermögenssteuer; die Be- steuerung des elekirischcn Lichtes ist ihm sympathisch, da es ein Luxuslicht sei, während die elekirische Kraft im Interesse der Handwerker nicht zu besteuern sei. Im wesentlichen aber müßten mben diesen Steuerplänen auch die Er- hohunaen der Einnahmen aus den staatlichen Betrieben ins Auge gefaßt werden, für die er nach Kräften arbeiten wolle. Diese Ausführungen san- Den lebhaften Beifall der starkbesuchten Ver
sammlung.
(*) Herford, 19. Oft. lv08. Der 12. christlich-soziale Parteitag wird soeben hier abgehallen. Rach dem Geschäftsbericht ist die Zahl der ver- schie-enen Parteimitglieder von 9U(!0 auf fast 1400 J gestiegen. Am 1. Oktober konnten mehrere Parteisekretäre neu angestellt werden. Auch werden Rednerkurse abgehalten, desgleichen Bezirlspartei- tage. Das Hauptgewicht der Partei liegt in den Wahlkreisen Siegen, Wetzlar, Altenkirchen, Mettmann, Berlin, Herford, im Diükreis und dem Oberivesterwald, in Minden, Lübbecke und Bielefeld-Wiedenbrück.
** Regensburg, 18. Oft. 1908. An die E nt- hüllungsfeier der Bismarckbüsie tn der Walhalla schloß sich ein Frühstück im Rathaus an, wobei Fürst Bülow eine Ansprache hielt. Später folgte ein Festmahl im Regierungsge- Kude, wobei Fürst Bülow einen Trinkspruch mr
den Prinzregenten von Bayern ausbrachte. Ministerpräsident Podewils erwiderte mit einem Trink- spruch auf den Kaiser. — Im Befinden des jungen Fürsten Bismarck ist eine anhaltende Besserung eingetreten.
scheinend haben inzwischen seine Freunde energisch auf ihn eingeronft; denn er beteuert so auffällig wie möglich, daß der Inhalt der Denkschrift nicht „das Ergebnis vertraulicher Besprechung mit maßgebenden Pklsönlichkeiten der Blockparteien," sei, daß er vielmehr „lediglich seiner persönlichen Anschauung Ausdruck gegeben habe."
Die Sozialdemokratie veranstaltet Diens- tag abend in ganz Berlin eine Massenagitation für den „Vorwärts", womit zugleich eine Agitation für die Wahkvireine verbunden sein soll. Die wirtschasiliche Lage hat den Abonnentenstand des .Vorwärts' zurückgebracht. Es heißt nämlich indem einen Aufrufe: „Wohl sind unsere politischen Organisationen in Berlin in letzter Zeit stark gewachsen, das Alwnwment auf den.Vorwärts' hat aber leider nicht gleichen Schritt gehalten. Es gilt also, die Schäden, welche durch die wirtschaftliche Rot dem Abon-
Ausland.
* Oesterreich-Ungarn. Mit der Schließung des böhmischen Landtages hat sich das österreichische Kabinett noch ärger in die Nessel ge- etzt. Die Prager Pöbelexzesfe haben noch nicht aufgehört, eher zugenommen. Am Sonntag kam es wieder zu schweren Ausschreitungen der Tschechen gegen die Deutschen. Deutsche Studenten wurden in brutalster Weis angegriffen und verletzt. Erst daS Eintreffen des Militärs vermochte mittags die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen, bis in später Abendstunde die Demonflratlonen in bedrohlicher Weise sich wiederholten. Nach dem Muster des JahreS 1897 werden von den Tschechen an den Wohnungen der Deutschen weiß - rote Streifen angetledt, nm die Einwohner in Schrecken zu etzen. Die Polizeibehörde ist diesen Skandal- zenen gegenüber völlig machtlos. Wiewohl man mit Verhaftungen nicht säumt, so macht das Vorgeben der Polizei- und Schutzmannichaft auch den geringsten Eindruck auf die Demonstranten. In den deutsch-böhmischen Städten, namentlich in Reichenberg, Karlsbad und Gablun kam es am Sonntag ebenfalls zu Demonstrationen, die zum Teil zu blutigen Zusammenstößen führten.
* Zur Beilegung des Casablanea-Zwischen- falles. Aus Paris werd bestätigt, daß Frankreich gemäß der überlieferten Politik es nicht ablehnt, die Deserteurangelegenheit einem Schiedsgericht vertrauensvoll zu unterbreiten. Angesichts des völligen Auseinandergehens der Berichte der französischen und deutschen Beamten über die tatsächlichen Vorkommnisse und des Rech'sstand- . Punktes ist Frankreich der Meinung, daß ein Schredsgerrcht die Frage in vollem Umfange behandeln müsse.
* Marokko. Ein neues Gefecht wirdge- meldet. Danach fand bei Mogador ein Kampf zwischen französischer und marokkanischer Polizei und marokkanischen Truppen statt. Ueber das Ergebnis verlautet noch nichts. Nur heißt es, die'Franzosen hätten Tote und Verwundete gehabt.
♦ Der japanische Heerführer Marschall Nodzu ist in Tokio im Alter von 67 Jahren gestorben. Im Kriege mit Rußland zählte Nodzu zu den hervorragenden Unterführern OyamaS, mit denen er in der Mandschurei die Schlachten gegen Kuropatkin schlug. Er machte mehrere Reisen nach Europa und kam dabei auch nach Deutschland.
* Bei der Prüsidentschaftswahl in den Bereinigten Staaten dürften die Republikaner diesmal emen viel schwereren Standpunkt haben, als in früheren Jahren. Ein großer Teil der Ar- beitermaffe, ver früher zu den Fahnen der Republikaner geschworen hat, scheint jetzt zu den Demokraten überzugehen. So lassen alle Berichte unverkennbar eine starke demokratische Strömung erkennen. Der demokratische Kandidat Bryan bat daher auch große Aussicht, gewählt zu werden. Der ausschlaggebende Faktor ist auch diesmal wieder der Osten. "Beide Parteien suchen ihn nach Kräften zu bearbeiten.
(*) Die Sparsamkeitsdenkschrift des Freiherrn von Gamp gibt dem Verfasser Veranlassung, sich in feinem Leibblatte, dem Scherl- schen «Tag', des längeren zu den Kritiken, zu äußeren, die die Presse ihr hat angedeihen lassen. Er beklagt sich zunächst darüber, daß diese als vertraulich behandelte Denkschrift „durch den groben Vertranensbruch" eines Beamten Kenntnis einrs Tageblattes gekommen et.
nentenstand unseres Parteiorgans zugesügt sind, wieder wett zu machen." — ES werden sich also heute einige Hundert Genossen ohne jede Vergütung auf die Beine machen und stundenlang treppauf, treppab wandern, um Vorwärts- obonnenten zu gewinnen! Wenn doch die An- gehörigen der bürgerlichen Parteien auch emen derartigen Opfersinn und, waS nicht minder hoch zu veranschlagen ist, einer derartige Einsicht in Die ungeheuere Wichtigkeit der Presse zeigen
Deutsches Reich
* Berlin, 19. Okt. 1908. Der König von ' Griechen! and stattete am Samstag dem Reichskanzler einen Besuch ab. Abends reifte er aus Berlin ab. — Berliner Blätter melden aus Breslau: Der Herzog von Ratibor legte den Vorsitz deS Povinzialverbandes deS Deutschen Flottenvereins nieder. — Der frühere Ministerialdirektor Dr. Althoff ist in Steglitz neuerdings von einem Herzschwächeanfall heim- gesucht worden.
• Die erste Lesung der Reichsfinanzreform ist am SamStag in den Bundesralsaus- schüsien erledigt worden. Sämtliche vorgelegte Gesetzentwürfe sanden Annahme mit Ausnahme der Elektrizitätssteuer; die Ent- scheidung über die letztere wird wahrscheinlich erst im Bundesrat durch ein MehrheilSvotum erfolgen. An der geplanten Inseraten steuer ober vielmehr an ihrer Erhebung sollen die Zei- tungsverleger Mitwirken und für die Mitwirkung vom Reiche entschädigt werden. So meldet die ,Franks. Zig.', die sich allerdings selbst nicht vor- stellen kann, wie diese Mitteilung zu verstehen ist. DaS Plc: !m des BundeSrats wird voraussichtlich am nächsten Freitag oder Samstag über die gesamte Finanzreformläge Beschluß foffen.
* Wechsel im £ erfommanbo der Schutztruppen. Oberstleut-> - Quade vom Kommando der Schutztruppen wird Chef der Eisenbahnab- leilung des großen Generalstabes. Beim Kommando der Schutzlruppen im Reichs-Kolonialamt tritt an seine Stelle der Oberst v. Glasenapp, bisher Inspekteur der Marine-Infanterie, und zwar als „Kommandeur der Schutztruppen".
-T- Der Reichstagsabgeordnete Hans Otto v. Gcrsdorff ist Samstag infolge von Herzlälmurng auf Schloß Bauchwitz Bei Meseritz im Alter von 44 Jahren gestorben, v. Gersdorff vertrat seit 1900 tm Reichstage den Wahlkreis Meseritz-Bomst und gehörte zur deutsch-konservativen Fraktion. Das Mandat ist sicherer Besitz der Konservativen, es könnte allenfalls durch die Polen mit Unter- stühu'tg des Zentrums streitig gemacht luerben. Bei der letzten Wahl wurden. 11 388 konservative, 8-i2i polnische, 1682 ZentrumLstin-men abgegeben. &eii b. t-crs-icrff hatte immer viel auf das Zu- K,mmenarb>:-len mit dem Zentrum gehalten Am Block Batte er keine Freude.
* Zur Lehrerbesoldungsvorlage wird halb- amtlich geschrieben: Die Staats'zufchüsse zu den durch die Aufbesserung der Lehrergehälter bedingten Mehrausgaben für die Schule sind derart hoch bemessen, daß im ganzen von den Schulverbänden nur 4 Mill. Mark noch für diesen Zweck auszubringen fein werden. Davon entfällt der Hauptteil auf die größeren und teifiungSfätngeren Schulverbände.
)(Politische Rechte und Armenunterstützung. Die bisherigen Mitteilungen über die Aufrechterhaltung der politischen Rechte im Falle von Armenunterstützung werden nunmehr, nachdem der Bundesrat die Vorlage an den zuständigen Ausschuß verwiesen hat, dahin ergänzt, daß freie Lehr- und Lernmittel, freie ärztliche Behandlung, freie Verabreichung von Arznei- und Heilmitteln und endlich freie Ausnahme in eine Krankenan- stakt nicht als eine Armenunterstützung mit dem Verluste der politischen Rechte angesehen werden
«Warum veröffentlichen rvir diese Zahlen? Einmal tut es not, sich daS finanzielle Band, das tue Landeskirche mit dem Staat verbindet, zahlenmäßig klar zu machen. Welche Folgerungen man daraus chließt, steht zunächst dahin. Dann ist es gut, sich zu erinnern, daß cs dock dir evangelischen Preußen find, welche den größeren Teil dieses Staatszuschuffes felblt ausbrinpen. Denn emerfcitS bezahlt der Staat auch den Katholiken über 8 Millionen, die gew-m- am von Katholiken und Protestantin gezahlt werden; anderseits dürste das „protestantische" Kapital immer noch größer sein als das katholische. Würden diese Gelder aus die Kirchensteuer gelegt, so würde gerade die ärmere Bevölkerung teilweise besser fahren. Denn z. V. in Berlin wird die Kirchensteuer erst von 1500 Mark ab er oben, die Staatseinkommeniteuer aber schon von 900 Mark ab. Sie bezahlt -wo bet einet gesteigerten Staat-einlommenstsuer nut, während ne bet einer gesteigerten Kirchensteuer trilweise freigel ffe^ :
Maer W Zeitung
w-chenbellage:.MustrierteSonntagzzeltung" monatsbenagt: „Ktlbaer Geschichtrbiätter"
Apmilr, der Kosak.
Von Marcel Etienne.
36s (Nachdruck verböten.)
„Ich danke Dir, Kamerad! . . . Doch die Zeit des Nattchens und des Trinkens ist für mich vorüber; ich spüre bi« Kälte des Todes in den Gliedern, — meine Beine versagen mir den Dienst. Und wenn Ihr mir einen vollen Becher zu leeren gäbet, ich könnte es yicht einmal erkennen. ob es feines Gölbwasser von Danzig ist, ober elender Fusel, den dieser Lump von einem Schenkwirt im Winkel feines Kellers mit Wasser tauft! — Wenn ich aber nicht mehr bin und Ihr Euch zuweilen meiner erinnert, so trinkt auf meine Gesundheit im Jenseits, — und gedenkt dabei der glücklichen Zeit, der Tage der Freiheit, des Kampfes und der Feste, die wir zusammen verlebt haben, Brüder!"
Da unterbrach plötzlich ein unterdrücktes Schluchten die Worte des Greises. Die Freunde wandten den Kopf und sahen in einem Winkel Dymitr, tvelcher bitterlich weinte.
„Aber sei doch ruhig, mein armer Junge!" faßte einer der Alten. „Mit Deinem Geseufz und Deinen Weibertränen wirst Du vielleicht uns alle dazu bringen, mit Dir zu flennen! Und daS wäre doch eine Schande für alte, wilde Kosaken, nicht wahr?"
„Du hast Recht, Terek", sagte der Sterbende. „Dymitr, mein geliebter Sohn! Ich will Dich nicht meinen sehen! Aber auch Ihr andern! macht nicht ftrlch lamentable Mienetr, als ob Ihr den Galgen vor Euch sähet! — Genug der Traurig- feit! Freunde! — Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, singt mir rasch eines unserer froh- lichen Steppenlieder! Ich will den Refratn mrt- fingen, so lange mir noch ein Nestchen Atem bferbtl Dann wird es mir zu Mute sem, al» märe ick» nock einmal draußen auf der freie«
Steppe, mit meinem Pferde und meiner Lanze unter dem blauen Himmel dahin jagend!"
Bei dieser Aufforderung blickten sich die Greise schweigend an, überrascht und beschämt beinahe, in aller Augen Tränen glänzen zu sehen. — Ein fröhliches Lied im Angesicht des Todes! — Terek der Jüngste unter ihnen sagte endlich:
„Einem scheidenden Kameraden darf man feinen Wunsch versagen!"
Und mit einer vor Alter und BÄvegung zitternden, sanften, jedoch noch vollen und sonoren Stimme begann er ein Lied voller wilder Poesie und leuchtmiden Farben:
O weite Steppe, o blühendes Feld
So blau der Himmel, so frei die Welt!
Das war der Refrain, den alle die Männer, auch der Sterbende, mit kaum hörbarer Stimme, — mitfangen. Dann folgte ein tiefes Schweigen, das plötzlich von einem alten Kosaken unterbrochen wurde, der in einem Winkel seine Pfeife rauchte und, seinen Nackchar leise mit dem Ellen- bogen stoßend, sagte:
„Mein alter Prokop, erinnerst Du Dich noch? — Ich glaube gerade diese Dumka war es, die sie fangen, als sie von Komecpol zurückkamen. Der Herr Mlodecki, der damals die Leute vom Väterchen Palatin kommandierte, sagte mir oftmals, daß er seither nicht mehr zu hören liebte, dieses LiÄl"
Schon veränderten sich die Züge Berezas, von der Hand des Todes berührt; feine Augen öffneten sich weit und starrten bewegungslos auf einen Punkt. Doch schien sein Gehör noch nichts von feiner Freiheit verloren zu haben, da et sich nach diesen Worten seines Kameraden mit einer fetzten, verzweifelnden Kraftanstrengung aufzu- ^Stomecpal", hauchte er, mit Mühe die sterben- den Lippen bewegend, „Konwcpol! Ich schwöre es bei dem ewigen Gott im Himmel, der mich hört — dich ich an jenem Tag keinen Tropfen unschuldiges Blut vergossen habe. Ich habe
meine Hände rein bewahrt, — wie hätte ich es sonst wagen dürfen, das unschuldige ISinb zu berühren — meinen Schatz zu entführen! — Ich schwöre es vor den Kameraden, — damit — Du — einstmals nicht schlecht von mir denken mögest, mein Ä>hn!" ,
Das waren die letzten Worte des Grenes, noch- mals grüßten seine sterbenden Augen das lichte Madonnabild, dann fiel fein Haupt auf den Sattel zurück, seine erstarrten Hände legten sich mühsam ineinander, — noch ein letzter, tiefer Seufzer, — und die tapfere Kosakenseele war dem alten, müden Leibe entflohen! —
Alle Brüder entblößten die Häupter, Dymitr aber beugte sich mit einem heißen Aufschluchzen über den Teten und drückte ihm die Ader über die erstarrten Augen.
Dann holte einer vom Krämer aus der Schenke einen SBcdjer Branntwein zum Scheidetrunk. Die Männer standen im Kreise, und der Becher wanderte von Hand zu Hand, doch berührten sie ihn kaum mit den Lippen. — Sie weinten wie Kinder, Träne um Träne fiel über die gefürchteten, verwitterten Gesichter nieder. Als ob der Kosake nicht jeden Tag dem Tod furchtlos ins Auge schaute, als ob er ihm nicht jeden Tag begegnete im Feld, auf der weiten Steppe, wo tausend Gefahren lauern! Bereza war eben einer jener treuen und guten Waffen geführten getoefen, deren Scheiden eine große Lücke läßt; — in der Stunde des Kampfes oder beim festlichen Mahl, — überall meinen die Brüder, ihn wieder in ihrer Mitte erscheinen sehen zu müssen.
Zwei Tage darauf trugen sechs der ältesten und tapfersten Kosaken, — den Säbel am schwarzen Gürtel hängend, die Mütze in der Hand, entblößten Hauptes den Sarg ihres Freundes zum Friedhof von Human. Den braven Toten zu ehren, war ein Bahrtuch aus roter Seide über ihn gebreitet. Dem Sarge folgte Dymttr, bleich und stumm, mit vom Weinen geschwollenen und geröteten Augenlidern; er führte an der Hand Berezas Pferd, gesattelt geräumt, al« ginge
es zur Schlacht. Zwei Freunde trugen des Toten Waffen: der eine seinen entblößten Degen, der andere feine große Lanze, die Spitze zum Zeichen der Trauer zu Boden gekehrt.
Hinter ihnen drängte sich traurig und schwerg- fam die Menge der Kosaken, Erinnerungen an den Toten und an ihr eigenes Soldatenleben nachhängend. Mehrere Priester,in Trauergewändern fangen Hymnen, einer von ihnen trug das große Kreuz, ein anderer den Weihwasserkessel dem Leichenzuge voran. — Ueberall, vor den Türen der Hütten standen die Weiber und Kinder, um den verchrten Toten vorbeifragen zu sehen.
Doch waren es nicht allein die Leibeigenen und die Kosaken, die ihm in dieser Stunde Lebewohl sagten: An einem der hohen Fenster des Schlosses lehnte bleich uni> gedankenvoll der Woiwode und blickte dem vorbeiziehenden Leichenzuge nach, solange, bis er an einer Biegung des Weges seinen Augen entschwand. Dann schritt er langsam zu seinem Lehnstuhl zurück, stützte das toelfe Gesicht in die Hand und murmelte mit banger Stimme vor sich hin:
„Nun fff auch Bereza hinübergegangen I Auch er! ... . Nun bleibt nur noch der Starost . . . . und ich! — An wen von uns beiden kommt wohl zuerst die Reihe? . . . ."T
14. Kapitel.
Bettler und Hexen.
Als Dymitr den KiröMf traurig und niedergeschlagen verlassen hatte, nahm er ethg Don feinen einstigen Kameraden Abschied, bestieg sein Pferd und galoppierte auf der Straße nach Kos- zowata davon. Nun, da sein alter Freund gestorben war, was blieb ihm noch, wenn nicht daS Haus seiner Herrin, seine sanfte Herrin? Wenn er wieder fort sein konnte und seine Herrin manchmal ihm gütig zulächelte, so würde er sich weniger traurig, einsam und verlassen fühlen.
Und dennoch schienen ihm die ersten Tage nach seiner Rückkehr nach Koszowata so langt und