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Lota1lo*rör*ckmch Verlag der Fuldaer All, üeudrvckerei tu Luldg
Lerulvrecber Nr. 4.
JV8 240.
Fulda, SaulsLag den 17. Oktober 1908.
35. Jahrqanq.
Zweites Wtcrtt.
deutscher Reich,
I wenig von denen unterscheiden, die ihre Vor- | fahren vor anderthalb Jahrtausenden anzuwen- I den pflegten; das wäre noch das wenigste. Weit I schlimmer war es, daß ihre besten Männer, die I wild auf dem eigensten Boden des bulgarischen I Volkstums gewachsenen Politiker Stambulow und I Petkom, unter Mörderstreichen fielen. Stolz wird das Abendland auf diese Wächter an seinem
I Brückenkopf zum Orient nie sein können. Aber | sie sind doch das arbeitsamste, tapferste und ge- I sundcste der Balkanvökker; und das befähigt sie l zu der Pförtnerftellung am südöstlichen Flügel I des europäischen Hauses. —
| Die Türkei hat ihre europäische Rolle aus- i gespielt, trotz Jungtürken und Verfassung; es | handelt sich blos darum, wie die Beute geteilt I werden soll und ob nicht kriegerische, vielleicht | europäische Verwicklungen der Teilung voran- | gehen und folgen. Das Instrument dazu nennt I man „M ä ch te - K o n fer e nz". Nicht weniger | wie 9 Punkte stehen zur Beratung. Die Türkei | will nicht auf die Regelung der ostrumelischen I Frage durch die Konferenz verzichten, vor allem j will sie nicht dem bulgarischen Herrscher dien I Titel „Zar" zugestanden wissen. Wenn daher die I türkische Regierung anscheinend gegen Oestecceich- I Ungarn so schroff vorgehen will, so hat das tür- I tische Volk den österreichischen Gewaltakt -och I noch nicht vergessen. Es sucht daher vor allem die I österreichischen Kaufleute zu boykottieren. Auch I richten sich noch täglich Straßendemonstrationcn I gerade gegen österreichische und dann auch gegen I deutsche Staatsangehörigen. Der österreichisch- I ungarische Botschafter in Konstantinopel hat sich sogar jetzt genötigt gesehen, namens seiner Regierung wegen dieser Ausschreitungen beim Groß- vezir ernste Schritte zu tun. Dieser versprach auch, dem Polizeiminister für Konstantinopel und dem Minister des Innern für die Provinz die I nötigen Weisungen zu geben.
Das deutsche Reich saß bei seiner pein- nchen Auseinandersetzung über die Neuordnung auf dem Balkan zwischen zwei Stühlen. Wir haben rn dem, Zickzack unserer auswärtigen Politik wenigstens immer an unserer Freundschaft für I oie Türkei festgehalten. Jetzt mutzten wir zwischen Oesterreich und der Türkei operieren. Es wäre die Aufgabe einer großen Staatskunst ae- wescn, beide Interessen miteinander auszuglei-1 chen und,uns den Dank beider Teile zu verdienen. I Aber unsere auswärtige Leitung hatte nicht das Bedürfnis sich die Köpfe unserer Freunde zu zerbrechen. Wir behandelten die Vorgänge so lässig I wie nur möglich, wir ließen die Dinge an uns I herankominen und wir warteten q6, was die an-1 deren taten. Diese Schläfrigkeit unserer auswär-1 tigen Politik hat uns nun die Freundschaft der! Türkei gekostet. ' I
. Unter diesen hochpolitischen Fragen ist die r n n e r e Politik zu kurzj gekommen; die Steuerreform beschäftigt die Bundesstaaten. Eine Einigkeit hier herzustellen fällt sehr schwer; die Parteien werden erst nach Bekanntgabe der Steu- ern rm November Stellung nehmen.
Der deutsche Jubiläumspilgerzug ihdr dleier Tage nach Rom, um dem hl. Vater die Glückwünsche zu feinem goldenen Priester- jubilaum darzubringen.
I auf dem Berliner Kongreß geschehen ist. Wir meinen, daß Serbien damals zum wenigsten An-
I laß hatte, sich zu beklagen.
I Die Balkankonferenz wird voraussichtlich in Florenz znsammentreten. Die Anwesen-
I heit des russisck-en Ministers des Aeußern Js- I Wolski in London hat auch schon zu den Vorbera- I tungen für die Konferenz geführt, indem neuer- I dings an den politischen Besprechungen auch die I diplomatischen Vertreter anderer europäisicher I Staaten teilgenommen haben und die Programm- I punkte sestgäegt worden sind. Danach will man I der Türkei Vorschlägen, die Unabhängigkeit Bul< I gariens anzuerkennen einschließlich Ostrumeliens.
Als Ersatz solle sich Bulgarien verpflichten, an die I Türkei eine Summe zu zahlen, die einer 5proz
Kapitalisierung der alljährlichen Abgaben füt Ostrumelien gleichkomme. Nach den letzten Meldungen aus Konstantinopel dürfte es doch sehr zweifelhaft sein, ob die türkische Regierung auf diesen Vorschlag eingehen wird. Denn zweifellos muß sie befürchten, daß sie in Anbetracht der bulgarischen Verhältnisse noch lange auf die Auszahlung dieses Kapitals warten müßte. Desgleichen dürfte auch Oesterreich-Ungarn schiverlich aus die Sandschakbahn nach Saloniki verzichten, wie I von englischer und russischer Seite vorgeschlagen wurde. Auch die übrigen Vorschläge der genannten Mächte dürften nicht so leicht hingenommen werden., So sollen die montenegrinische!: Häfen Antivari und Dultschina von jeder äußeren Protektion befreit werden, die Eisenbahn aus Serbien zum Adriatischen Meer in einem montenegrinischen Hafen enden. Eine serbisch-montenegrinische Bahnstrecke solle mit englischem, französischem un- italienischem Kapital erbaut werden und kein österreichisches Gebiet berühren, um Handels- schwieriakeiten zu vermeiden. Die Dardanellenfrage ist vom Programm ausgeschaltet worden, sie ist jedenfalls schon zwischen Iswolski und seinem englischen Kollegen geregelt. Sicherlich wird über die Londoner Besprechungen in den nächsten Tagen noch näheres mitgeteilt werden; aber daß die übrigen europäischen Mächte sich mir nichts dir nichts sich von Rußland und England so leicht übers Ohr hauen lassen, ist wohl kaum anzunehmen. Wenn auch über deren Stellungnahme zu der Balkanfrage noch nichts Genaueres mitgeteilt wird, so steht doch fest, daß man vor allem keineswegs gesinnt ist, den montenegrinischen und serbi- schen Wünschen allzusehr nachzugeben.
I * Zur Eröffnung des Landtages erläßt der Minister des Innern die Bekannlmachunc, daß die Eröffnung des am 20. Oktober d. zu« sammentreienden Landtages an diesem Tage, mittags 12 Uhr, im Weißen Saale des König!. Schlosses erfolgen wird. Für die evangelischen Mitglieder findet um 11 Uhr in der Schloßkirche und für die katholischen um 11V, Uhr in der Hedwigskirche Gottesdienst statt. Der preussische ! Landtag hat, bevor er in eine materielle Berc tung eintritt, eine Wahl des Präsidiums vor« zunehmen, da der am Dienstag beginnende Tagungsabschnitt als zweite Session der neuen Legislaturperiode gilt, so hat nur eine einmalige Wahl des Präsidenten stattzufinten. DaS alte Präsidium dürfte in beiden Häusern wieder gewählt werden. Im Abgeordnetenhause hat ferner die Vereidigung aller Mitglieder zu erfolgen, die einen Eid auf die Verfaffung noch nicht geleistet haben, alle wiedergewählten Abgeordneten leisten den Eid nicht mehr. Zum
| war jederzeit der treue Freund der Baltanstaaten. Und I ich sage Ihnen, Oesteireich hätte nie die Annexion I übernommen, ne.n Rußland noch so stark wäre, wie | vor 10 Jahren."
Das mag wohl stimmen. Rußland hätte ohne I jede Kompensation nie eine Aenderung auf dem I Balkan zugunsten einer anderen europäischen Großmacht zugestimmt; und wenn es auch nach dem russisch-japanischen Kriege sich wieder dem näheren Orient zuwandte, so fühlt es sich jetzt doch noch zu schwach, um eine größere Aktion selbständig vornehmen zu können. Es muß daher, mag es wollen oder nicht, in den saueren Apfel beißen, und versuchen, auf diplomatischem Wege etwas zu erreichen. Oesterreich-Ungarn konnte es daher auch nur wagen, in der Annexionsfrage so schroff vorzugehen.
Selbstverständlich war dieses Vorgehen für die Serben ein schwerer Schlag. Gerade die leitenden serbischen Staatsmänner hatten ja schon längst gehofft, daß die Südslaven sich eines Tages unter der Führung des serbischen Königshauses enger zufammenschlössen, und den ganzen Balkan beherrschen könnten. Von ihrem Standpunkte muß es daher auch eine Lebensaufgabe für sie fein, daß sie möglichst bald mit den bosnischen Brüdern bereinigt würden. Die Enthüllungen Nastitsch haben ja auch gezeigt, wie sehr diese Bestrebungen bei einem großen Teile Serbiens in Fleisch und Blut übergegangeu waren. Daß angesichts solcher Erscheinungen, wie sie besonders im letzten Halbjahre nicht selten zu verzeichnen waren, die österreichisch-ungarische Regierung sich zu Gewaltmaßregeln entschließen mußte, war klar. Die Donau- Monarchie wäre sonst in Gefahr gekommen, auch weiterhin in noch größerem Maßstabe von der slavischen Bewegung bedroht zu werden. Wohl um diesem Schritte vorzubeugen, bat sich Oester- reich-Ungarn zu dem wichtigen Schritte entschkos-1 fen. Man mag ihn als einen Rechtsbruch bezeich-1 neu, aber jeder Einsichtige wird sich nicht verhehlen | können, daß angesichts der großserbischen Bestre-1 düngen man in Wien sich doch einmal hätte zu { diesem Schritte verstehen müssen.
Die Klagen, welche der serbische Minister des I Aeußern dann über die Behandlung Serbiens seitens der Großmächte anstimmte, wären gerade-1 zu rührend, wenn sie nicht zu komisch wirken mußten.
Und der Streiterreger und Hauptmacher bei der ganzen Affäre, Oesterreich? Es spielt mit sonderbaren Karlen. Zunächst überrascht es seinen Neuesten Bundesgenossen mit der vollendeten Tatsache, trotzdem der Thronfolger Franz Ferdinand bei den Kaisermanövern die beste Gelegenheit hatte sich zu offenbaren. Mit vagen Redensarten hat Herr v. Achrenthol, der österreichische „Bismarck", Italien und Rußland düpiert, Italien mit der italienischen Anwartschaft auf Tripolis oder anderen Konzessionen auf dem west- lichen Balkan, und Rußland mit der Oeffnung der Dardanellen.
Die bulgarische Unabbängigkeitserklärung steht der bosnischen Frage an Wichtigkeit weit nach. Rußland, das nach seinem Fiasko in Asien feine europäische Politik neu orientierte, wird in dem fleißigen, genügsamen und tatkräftigen Bulgarien I einen gefährlichen Nebenbuhler haben. Das alte Bulgarentum ist zu notier Kraft erwacht. Der Entscheidungskampf zwischen Kreuz und Halbmond wird wohl in besonderer Weise durch Bulgarien ausgefochten werden. Sollte eines Ta-1 ges, so heißt es mit Recht in den „Zeitfragen", I das Kreuz sich wieder über der Hagia Sophia er-1 helwn, daun wird nicht der griechische, sondern der! bulgarische Patriarch zu diesem Siege des Chri-1 stenlums den Segen spenden. Mit der „Kultur" | des regenerierten Bulgarentums freilich wird es I wohl nie mehr glänzend aussehen. Richt nur, I daß ihre neuesten politischen Methoden sich nur I
* Das „Stiefkind" Serbien. •
So, jetzt wissen wir, weshalb Serbien sich so sehr gegen die Annexion Bosniens und der Herzegowina sträubt. Der serbische Minister des Aeußern Milanowitsch hat vor seiner Abreise ans Belgrad seinem bedrängten Herzen Lust gemacht und sich über die Stiefmütterlichkeit, nut der man twn jeher Serbien behandelt habe, beklagt Er will ja auch sich nur deswegen den Reisestra-
Wochen-Runöschau.
[:] 3ulba, 16. Oktober 1908.
Eine komische Welt ist die politische Gegenwart. Es roch nach Pulver. Es wurden mirnichts dirnichts Länder einverleibt und Kronen aufs Haupt gesetzt, daß die Allongeperücke (bildlich gesprochen, denn die meisten Staatsmännerhäupter glänjen wie der Mond) der hohen Diplomatie bedenklich wackelle. Jeder Kriegsminister der Großmächte nahm aus dem Gel)eimfach bett Mobilmachungsplan. Iswolski fuhr nach England, dessen Ministerpräsident programmatische Reden hielt. Clemeneeau und Pichon spitzten die Ohren, und Tittoni suchte Italiens Borteil zu wahren. Nur der deutsche Reichskanzler plätscherte im Wellenbad von Norderney munter weiter, daß sich die Flundern wunderten, und Herr von Sdjön kraxelte in den Alpen herum. Unverwüstliche Ruhe. Nur schade, daß ihr die nervösen Zuckungen in der „Nordd. Allgemeinen" widersprachen, die dartun, daß Michel von seinem I Bundesbruder an der Donau übers Ohr gehauen worden ist. Nicht einmal gewußt hat man in der Wilhelmstraße zu Berlin von dem österreichischen Streich. „Friß, Vogel, meine Bosnienannexion — oder stirb, Dreibund." In der Tat, der „brillante Sekundant" von Algeciras hat echt kaufmännisch die Gegenrechnung präsentiert, und wir müssen mit saurer Miene quittieren. Quittieren mit der türkischen Freundschaft, auf die wir uns soviel zugute getan haben; ein Meisterstück der Diplomatie sollte sie sein. Bah, über Nacht ging es in die Brüche. Nun wirbt John Bull um die verlassene türkische Maid. Sie war ihm früher „unaussprechlich", aber der politische Krämer jenseits des Kanals handelt mit Vorteil und nicht nach Gesühl. Als sein Neffe in Rominten jagte, tröstete Eduard den „kranken Mann" am Bosporus. Und die englischen Zeitungen sekundierten, indem sie die deutsche Freundschaft bei den Türken nach Kräften verdächtigten, was angesichts unserer gebnn- I denen Hände fein Kunststück Ivar.
„Wir Serben haben beim Berliner Kongreß so gut wie nichts bekommen, und mir haben uns getröstet mit der Hoffnung, daß wir eines Tages mit den bosnischen Brudern vereinigt werden. Das ist eine Lebensfrage für uns. Das Versprechen Aehrenthals, uns zu einer internationalen Donaukommission hinzustehen, ist nicht viel wert. Ist das wirkllch eine Entschädigung für den Ziisammenbruch unserer Hoffnungen? Man kann höchstens einen Schluß daraus ziehen, daß nämlich die Großmächte geneigt sind, uns ein klein wenig Entgegenkommen zu „beweisen". Die Balkan-Konferenz, die nach meinen Berichten bestimmt zustande kommt,' wird das ja zeigen. Lieber Gott, wir verlangen ja nicht viel! Nur das eine, daß wir auf eine Zukunft hoffen könnend"
pazen unterziehen, um bei de» europäischen Höfen eine günstigere Stimmung für sein Vaterland zu erwirken. Ob ihm das gelingen wird, ist recht zweifelhaft. Er meinte dem Vertreter eines Berliner Blattes gegenüber, wenn man doch nur die Lage Serbiens in Europa begreifen wollte,
„Wir Serben find unter den Balkanvöiker immer die Stiefkinder gewesen. Man hat Griechenland geholfen, man hat Montenegro, Bulgarien und Rumänien mit Geld und Blut unterstützt. Rußland vor allem
Was man aber unter der „Zukunft", die Ser- bien erhofft, zu verstehen hat, wissen wir längst. Nun, auf der Balkankonferenz wird ja den serbi- ichen Vertretern hinreichend Gelegenheit gegebn werden, ihre Zukunftspläne anszukramen; Nur, «--------------— -—_______
ne,ui- Konferenz vielleicht sie noch sttef- erstenmal werden auch die Sozialdemokraten imitterllcher behandeln, als es nach ihrer Meinung * in Preußen dem Könige den Treueid schwören.
Unpolitische Zeitkäufe.
(u) Berlin, 15. Oktober 1903.
(Nachdruck verboten.)
Weil am Sonntag nachmittag das Wetter wunderschön Ivar, bin ich auch hinausgegangen nach Schmargendorf, „mang die Ballons". Beinahe wäre mir der geplatzte Amerikaner auf bett Hut gefallen. Ganz Berlin war da. Der Hiuimel war voll Ballons und die Erbe voll Men- fchen unb Staub. Ein schönes Schauspiel bei freiem Eintritt. Was auf ben bezahlten Tri- hünenplatzen festsaß, war nur eine verschwinbenbe Minderheit gegen die vielen Hunderttausnide, die rings um den Ausstiegplatz Wege und Felder bevölkerten und die sreieste Aüsficht genossen. Auch der Unfall des amerikanischen Ballons ging ben Zaungästen in ber betreffenden Gegend am schärfsten auf bk Nerven; sie sahen aus der Nähe das Flatter it ber geborstenen Hülle, das jähe Fallen, ben Sandregen und das Austverfen von anderem Ballast, die volle Spaltung des Ballons in eine obere^und untere Hälfte, die Ausbildung des oberen Teiles zu einem riesigen Fallschirm, die Umwandlung des Falles in ein langsames Nieber- ' gleiten. Und dann das Wettrennen vo» Läufern, Radfahrern, Pferdewagen, Automobtten, Feuerwehr, Sanitätskolonnen :c. nach dem Hause, auf dessen SDad) die Geretteten saßen neben den herab- hängenden Resten ihres sog. „Eroberers". Als die Rettung der Menschenleben behurrat war, tonnte man wieder nach oben blicken, um den Kranichzug der anderen 22 Ballons weiter zu verfolgen.
Die zahllosen Neugierigen kamen auf ihre Stoffen. Stiber ich fand doch kein rechtes Behagen, weil mich immer der Zweifel quälte: Ist denn das wirklich ein Wettrennen in ben Lüften? Ist ba=> em Sportkampf ober ein Glücksspiel? Siegt ber kräftigste unb geschickteste? Ober „siegt" ber- reuige, ber zufällig in bie beste Luftströmung ge- xat? Wenn bei biesem internationalen Wett-
streit so gewaltige Einsätze an Gelb, -Arbeit unb sogar Menschenleben gemacht werden, so will man doch Sinn unb Verstand in ber Sache finden.
(Jä gab ein dreifaches „Wettrennen" an drei aufeinander folgenden Nachmittagen, wobei jedesmal 2 bis 3 Dutzend von Ballons losginqen/ Am Samstag die sog. Z i e l f ah r t. Sieger soll sein, wer bet der Landung einem bestimmten Ziel näher gekommen ist, als die anderen. Ja, konnten denn die Zielfahrer ihre Luftschiffe irgendwie lenken? Nein, es waren lauter unlenkbare Ballons vom alten Schlage. Der Führer kann hinauf- irnd hin- absteigeri, je nachdem er Ballast auswirft oder Gas auslaßt; aber er kann sein Luftschiff nicht nach retyS oder nach links fcetr-egen, sondern wird oder übel dahin getrogen, wohin der Wind weht. Das Ziel war von den letienben Herren !° ausgewählt worden, daß der Wind die Ballons tn die betreffende Gegend fiihren mußte. Nun bestand die ganze Aufgabe der Wettbewerber barm, baß ste ßerabe in dem Augenblick, wo sie wch neben dem Ziele befanden, zu Boden gingen.
erne Fahrtrichtung getrieben mar, die $• B. 1500 Meter vom Ziel vorbeiführte der konnte bet aller Geschicklichkeit nichts ansri'chten gegen dm «krckrpüz, b« ber Wind bis auf 300 ober 400 Meter an das Ziel herantrieb
Am Sonntag zogen 23 große Ballons auf bie Weltswhrl. Sieger soll sein, wer in der wei- testen Entfernung vom Ausgangspunkte landet Nicht etwa berjviige, der den weitesten Wea rückgclegt hat. Als Spiclbälle ber wechselnden Winde werden bie Ballons häufig im Bogen um" hergetrieben. Tie Länge dieser Irrwege läßt lick nicht feststellen. Man berechnet einfach aus Grund ber Landkarte bie Luftlinie, bie zwischen der Ausgangsstelle und ber Landungsstelle liegt. Kommt der Ballon auf dem Wasser nieder, so gilt das nicht. Also wenn ein Ballon an die Meresküste getrieben wird, so lohnt sich die Weifersahrt nur bann, wenn ber Führer bie Aussicht hat, jenseits des Wassers noch Land zu erreichen. Er kann auch in Nacht unb Nebel unversehens unb unverschul
det auf das Meer getrieben werben; bann hat er zu der Lebensgefahr auch noch ben Verlust bes Preises in ben Kauf zu nehmen. Wie unberechen- bar et* solches Glücksspiel ist, hat sich biesmal in erschreckenber Deutlichkeit gezeigt. Nach bem An- fangtzwind dachten die Schmargcndorfer Lustschif- fcr in die interessante Gegend vom Schwarzen Meer zu kommen; aber sie gerieten in einem unfreiwilligen Bogen an die Nordsee. Die meisten stoppten rechtzeitig; aber einige gerieten aufs Wasser. Drei schiffbrüchige Ballons mußten auf- gesucht werden; die Insassen retteten mit knapper Not ihr Leben. Von zwei Ballons, die wahrschein, sich auch auf die Nordsee getrieben sind,, fehlt b's zurStuktde (Donnerstag mittag) noch jede Nacyricht.
Die beiden Verschollenen gehören zu der dritten s ■ nachmittag stiegen nämlich
noch drei Dutzend Ballons zu einer Daus rfahrt nii). Dabei bleibt derjenige Sieger, der sich die rIn. ^er Luft zu halten vermag, ohne Rücksicht auf die zurückgelegte Entfernung. Die Aufgabe ist also, mit dem Ballast und bem Gas- borrot möglichst sparsam umzugehen. Durch biefe Probe auf Geschick unb Zlusbauer wird aber alsbald wieder ein Strich gemacht, wenn die Ballons an die Meeresküste getrieben werden. Wer dann nicht ben tollkühnen Flug nach bem jenseitigen Lande riskieren will, muß heruntergehen, mag er auch noch Ballast ober Gas im Ueberfiüß Haden. Und der Flug über dos Meer ist tatsächlich eine Verwegenheit. Dos hat soeben der Führer bes Ballons „Busley" von Essen erfahren Als er auf bie Nordsee hinausging, wehte ein kräftiger (Süblwfter, der ,hn schnell nach England oder Schottland zu bringen versprach. Als er aber mitt« auf dem Wasser war, schlug bet Wind nach Norden um, sodaß die Herren zu unfreiwilligen Nordpolfahrern wurden. Nur einem begegnen- be» Schiffe verdanken sie ihr Leben.
Als tch nnr dieses „Wettrennen in den Lüften" betrachtete, taucht ber Rinnstein vor meinem Vaterhaufe in meiner Erinnerung auf. Wenn es
mal recht kräftig geregnet hatte, fetzten wir Jungen Papierschiffchen in das Rinnsal ber Gosse und wetteten, weffen Fahrzeug wohl am weitesten kommen werde. Geistreich war das Spiel nicht, aber auch nicht gefährlich. Das Glücksspiel in den Lüften ist ebenfalls nicht geistteich, doch leider gefährlich, wie Figura zeigt.
In dem Zeitalter ber lenkbaren Luftschiffe und der Flugmaschinen kommt mir ber Massenflug von achtzig unlenkbaren Ballons etwas überlebt vor. Gewiß, Erfahrungen können unb müssen auch mit ben gewöhnlichen steuerlosen Ballons noch gesam» melt werben, z. B. Erfahrungen über bie Widerstandsfähigkeit der einen und der anderen Sorte von Ballonhüllen, über die Mittel zur Ortsbestim- mung bei Nacht und Nebel usw. Ich frage nur, ob zu der Sammlung von weiteren Erfahrungen eine so kollosale internationale Veranstaltung nötig ist, und ob Dutzende von Ballons einen „Wett- ^ampf" veranstalten muffen, der eigentlich ein Glücksspiel ist. Würde das schone Geld und das viele Gas nicht fruchtbarer wirken, wenn man für jebeS Dutzend dieser Spielbälle des Winbes einen klenreu Lenkbaren baute unb bann ein internationales Wettrennen von Motorluftschiffen veranstaltete? Tie Zielfahrt, bie Weitfahrt unb bie Dauerfahrt, — sie bekämen bann sofort „Sinn unb Verstand", da bie Einwirkungen bes Zufalls weithin eingeschränkt würben unb bie Tüchtigkeit sich entscheidend geltend machen konnte.
Will man aber durchaus bei bem Spiel ber Un« lenkbaren verbleiben, so möge man doch wenigstens die Abfahrtsstelle mitten in Asien hinein verlegen. Eine Gasanstalt laßt sich da neben ber sibirischen Bahn auch bauen. Das Meer ist weit, und man kann sich also weit länger vom Winde spazieren fahren lassen, ehe eine Küste Halt gebietet.
Als (Serben Bennet ben Preis stiftete, um den sich ber .internationale Zeitvertreib aufbaut, da stauben die unleugbaren Bälle noch im Vorder- grund. Jetzt sind wir weiter fortgeschritten: vom Ocknenwauen rum Autoniobil von bem hilflosen