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NotattonedrnSunb Vertag der Lnldaer A» Lendrnckerei in Fulda
Strntotti6a Bt.1L
JA 240.
Fulda, Samstag den 17. Oktober 1908.
35. Jahrgang.
Gvstes Matt.
Deutscher Reich.
— Die Thronrede zur Eröffnung deS preußischen Landtages wird sich auch mit der Wahlrechtsreform befaffen und einige unverbindliche Worte darüber enthalten. Der Freisinn wird dann darüber ganz entzückt sein; aber vor 1910 soll der Entwurf nicht kommen; bekanntlich sind dann in diesem Jahre auch die Reichstagswahlen.
* Tie Wahlrechtsvorlage der sächsischen Regierung dürste, nachdem die Kompromchvorlage der Konservativen und Nationalliberalrn gescheitert ist, vom sächsischen Landtag angenommen werden. In der Wahlrechtsdepulatiou erklärten am Freitag die Konservativen, daß sie, um die Reform nicht scheitern zu lasten die Häufung der Plmalstimmen annehmen würden, daß aber die gesamte Verantwortung für ein derart zustande gekommenes Gesetz auf die Regierung fallen mäste. Die Deputation nahm hierauf die Häufung der drei Pluralstimmen an, ebenso die Einsührunq der Verhältniswahlen in den Großstädten, die Herab- setzung des Wohnsitzes von zwei Jahren auf ein halbe- Jahr als Vorbedingung der Wahlberech- tigung, die Beseitigung deS ZensuS von 30 Mk. kür die Wählbarkeit und die Jntegralerneuerung der Kammer alle sechs Jahre.
/. Gegen die drohende Tabaksteuer macht die Zentralkommijsion der deutschen Tabakorbeiter mobil, indem sie sich über daS Schweigeoerbot der offiziösen Blätter entrüstet.
„Diesen Preßtrabanten — Bismarck nannte sie geschmackvoll „Sauhirten", er mußt» st«, ja kennen — hat man wohl alles mögliche zugetraut, aber ihre jetzige Treibarbeit, die „oberen Zehntausend" zu entlasten, für die eigentlich die Aufbringung dieser 600 Mill. Mark nur al- ein Trinkgeld zu gelten hätte, hätte die kühnste Phantasie nicht vorausgeahnt. Wie ist es möglich, daß auch Reichstagsabgeordnele, Volksvertreter, es glauben verantworten zu können, ihren Wählern, dem Volke, Dinge von schwerwiegendster Tragweite zu verheimlichen, wo es stch bei diesen indirekten Steuern sür bunderttausende um Sein oder Nichtsein handelt! Tabakarbeiter Deutschlands! Nichts mehr und nichts weniger als alles steht für Euch auf dem Spiele! Hier gilt es. Euch mit allen zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln zur Wehre zu setzen! Die Tabakarbeiter find nicht gewillt, ein solches Unheil tatenlos über sich hereinorechen zu lasten. Sie werden dir ausgiebigste Gegenwehr anwenden! Darum alle Mann ans Werk! Hier gibt es kein Säumen! Jeder, der abseits stehen würde, beginge ein Verbrechen an sich selbst, an seiner Familie und an seinem Mitmenschen."
Es sind nicht nur die Arbeiter, die mit Sorgen in die Zukunft schauen; den Arbeit- gebern geht die Sache arrch sehr zu Herzen; seit mehr al- einem Jahre stehen sie mit Sorgen auf und legen sich mit diesen nieder. Bei den Zigarrenhändlern ist es ähnlich. Warum beunruhigt man immer diese Industrie, in der es auch der Arme noch zur Selbständigkeit bringen kann? Die Gewinne der Zigarrensabriken sind nicht sehr hohe; sie reichen gar nicht heran an die der chemischen Industrien usw. Wer einmal «inen Blick in diese Industrien geworfen hat, der wird die bangen Sorgen der Unternehmer und Arbeiter verstehen, der wird sie auch in ihrem Kampfe um ihre Existenz unterstützen; denn es ist Nar, daß manches Unternehmen einfach stillesteht, wenn der Tabak mit 50 bis 80 Millionen Mark mehr belastet wird.
.. Neue Geldforderungen für die preußische Polenpolitik? Schon gleich nach der Verabschiedung
der polnischen Enteignungsoorlage im preußischen Landtage nmrde von verschiedenen Seiten die Befürchtung ausgrfprochen, daß zur Durchführung der preußischen Enteignung-Politik keineswegs die geforderten Millionen genügen würden. An- statt, daß die Regierung daraus den Schluß zieht, daß sie mit ihrem neuesten Polenkurs ganz und gar auf dem falschen Wege fei und dadurch auch zahlreiche Millionen von den Steuern der Staatsbürger geradezu weggeworsen werden, muß man bei dem starken Einflüsse, den der HakatismuS auf die preußische Regierung noch immer aus übt, leider befürchten, daß die Steuer- tchraube sür die Enleignungspolitik nur noch stärker angezogen werden wird. In den nächsten Jahren freilich wird man sich schwer hüten, neue Polenvorlagen in Angriff zu nehmen. Dafür hat die preußische Regierung von den letzten Polendebatten her noch die Rase voll genug. Aber nach ein paar Jahren sollen, wie ein Berliner Blatt melden zu können glaubt, neue Geldforderungen an den Landtag gestellt werden. Es heißt darüber: „In erster Linie dürste sich eine Bewilligung weiterer Mittel sür die Ansiede- lungSkommisston als notwendig erweisen; dann soll dem verderblichen Treiben der polnischen Ansiedelungsbanken vorgebeugt werden, um zu verqindern, daß der polnische Besitz in den Rachbarprovinzen zu rapide wachse und schließlich sollen mit staatlicher Hilfe Institute geschaffen werden, um wirtschaftlich schwache deutsche Besitzer in den Ostmarken zu unterstützen." Die preußische Regierung soll doch ja nicht glauben, daß sie den polnischen AnstedelungSbanken irgendwie beikommen kann. Wenn man doch mal so verständig werden möchte, daß man den Deutschen in der Ostmark den Rat gäbe, im wirtschaftlichen Kampfe mit den Polen vor allem etwas mehr Selbstvertrauen zu haben. Man mag den deutschen Ansiedlern noch so viel geben, wie man will, sicherlich wird das Deutschtum dadurch nicht allzusehr gefördert, wenn die Regierung sich fort- während zu weiteren Versprechungen bewegen läßt. Wir meinen, das Geld der Steuerzahler könne doch anderSwo beffer an gewendet werden alS in de» Sandbüchsen der Ostmark.
(*) Die Beamtendesolduugs- und Steuergesetze werden dem pieußischen Landtage voraussichtlich am 21. d. M. vom Finanzminifter vor- gelegt werden. Die Veröffentlichung der Gesetzesvorlage erfolgt am Tage der Einbringung.
* Zur Abschaffung deS Religionsunterrichts. In ihrer kirchlichen Vierteljahr srundschau teilt die ,Kreuzztg/ (Nr. 477) folgendes mit: Der bekannte Liz. Traub in Dortmund machte in einem Vortrage über „Kirche und Schule" folgende Forderungen geltend: 1. Die Schute muß frei werden vom Katechismus. 2, Sticht die Kirche soll der Schule den Stoff für den Religionsunterricht vorschreiben. 3. An Stelle des heutigen Religionsunterricht- tritt ein objektiver Unterricht in der Geschichte der Religionen. 4. Das Ziel muß sein, daß der Religionsunterricht als besonderes Fach unnötig wird; wir erstreben eine Zeit, in der alle Verhältnisse deS Lebens derart von wirklich religiösen Grundsätzen erfüllt und durchdrungen werden, daß der Unterricht in der Religion überflüssig werden kann. — Einige evangelische Lehrervereine, darunter auch Mit- glieder des deutschen Lehrervereins, haben übrigens gegen daS'bekannte TewSsche Schulideal Pro t est
erhoben und sind warm für die konfessionelle Schule eingetrelen.
0 Eine Dr. Eisenbart-Kur will der frei- sinnige Abg. Dr. Gothein vornehmen, indem er zur Gesundung der ReichSfinanzen folgendes vorschlägt:
„Nun gäbe «r ein sehr brauchbares Mittel, die Kauskrast deS BolkeS trotz einer Steuererhöhung für die Genußmittel zu erhöhen: die Herabsetzung der Zölle auf notwendige LebenSmittel, in erster Linie der »>etreide- zölle. Für jede Mark, um die die Getreidezölle ermäßigt werden, könnte man ruhig die «raumalzsteuer um 2 Mark, die BranntweinverbrauchSab gäbe um 10—20 Mark, den Tabakzoll um 10 Mark erhöhen, ohne die geringste Konsumverminderung befürchten zu muffen, und trotzdem würden dem Ausfall an Getreidezöllen von 63 Millionen Mark rund 93 Mill. M. höhere Einnahmen ans den indirekten Steuern gegenüberstehen. Bet voller Abschaffung der Getreidezölle würden unter Anwendung dieser Staffel dem Reiche also rund 200 Millionen Mark Mehreinnahmen erwachsen, die sich bei Fortfall der diversen Brantwein- liebeSabgaben ans 260 Mill. Mk. erhöhen würden."
Die Rechnung mag auf dem Papiere stimmen; aber in der Wirklichkeit hat sie große Fehler. Gothein rechnet damit, daß mit der Ermäßigung deS Zolltarifs auch der Getreidepreis um den herabgesetzten Zoll fällt und daß dann auch das Brot um so viel billiger wird; aber schon das ist total falsch. Denn die Statistik der letzten Jahre beweist, daß der Zolltarif nicht ganz im Inlandspreis sich ausdrückt, daß auch daS Ausland einen Teil des Zolles zu tragen hat; noch mehr falsch aber ist es, daß der BrotpreiS sich hiernach richtet; da spielen noch ganz andere Faktoren mit! Gewinn des Zwischenhandels, des Bäckers, Lohn der Arbeiter uiw. Die Ermäßigung des Zolles um 1 Mk. würde den konsumierenden Deutschen auch nicht 50 Pfg. nützen. Wie aber wäre die Wirkung für die Landwirtschaft? sie könnte diese Zollherabsetzung nicht auS- halten; sie müßte sich an allen Ecken und Enden einschuüren und könnte den heutigen Konsum nicht ausrechterhalten. Damit würde eine solche Schädigung der einheimischen Produktion ein- treten, daß das Rezept von Gothein unserem Bolksvermögen Millionen Verluste bringen würde. So geht es also nicht.
X Der Bahnhofs-Buchhandel ist schon öfters im preußischen Abgeordnetenhause lebhaft erörtert worden. Den daselbst gegebenen Anregungen will nunmehr dir Regierung stattgeben und den Bahnhofs-Buchhändlern die Verpflichtung auferlezen, von jeder Partei das führende Blatt nicht nur in den Verkaufs ständen vorrätig zu halten, sondern auch in den Körben der die Züge bedienenden Zeitungsausträger feilzubieten. Ausgeschlossen sind sozialdemokratische Blätter. In den Provinzen können die Direktionen die Anschaffung der führenden Provinz-Parteiblätter ver- fügen. Es soll jedoch nicht beabsichtigt sein, den Bahnhofs-Buchhandel feiten- der Eisenbahn-Verwaltung in eigene Regie zu übemehmen.
*„ Reue Straßendemonstrationen will man angeblich sozialdemokratischerseit» zur Landtag-- eröffnung inscenieren. Die Versammlungslokale sind weit auseinanderliegend gewählt, damit der Anmarsch der Genossen sich sehr au-dehnen soll. Wann wird endlich die sozialdemokratische Lei- tung erkennen, daß durch solche Demonstrationen die Sache der Wahlrechtsfreunde eher verfchlech- lett als gebessert wird?
□ Regentschaftswechsel in Reutz ältere Linie Für den gelsteskranten Fürsten Heinrich XXIV. ältere Linie führte bisher der Fürst Heinrich XIV.
jüngere Linie die Regentschaft. Dieser hat nun wegen seines hohen Alters dir Regentschaft feinem Sohne dem Erbprinzen Heinrich XXVII. jünger« Linie übertragen, unter dem dereinst beide Reuß wieder vereinigt werden dürften.
Fürst Heinrich XIV. ist 77 Jahre alt. Er war in erster Ede vermählt mit Agnes, Herzogin von Württemberg. die im Jahre 1886, nach 28 jähriger Ehe starb. Dieser Ehe entstammt der Erbprinz Heinrich XXVIL sowie die mit dem Prinzen Hermann zu Solms-Braunfels vermählte Prinzeffin Elisabeth. Später ging er eine morganattsche zweite Ehe mit Friederike von Saalburg ein, die im Mai 1937 plötzlich verschied.
[] Das Programm der netten Orient- konferenz.
Die Erörterung der B a l k a n f r a g e ist nunmehr in eine neue Phase eingetreten. Die englisch-russischen Abmachungen über die Neuregelung der Balkanstaaten ist, wie schon gestern gemeldet, veröffentlicht worden und hat auch bereits die Zustimmung der französischen und englischen Regierung gefunden. Oesterreich-Ungarn wird darum der beabsichtigten Konferenz sicherlich keine Schwierigkeiten bereiten, da diese die Annexion Bosniens und der Herzegowina legalisieren soll. Auch Bulgarien soll unabhängig blei den, ebenso will man den Anschluß an Griechen land nicht weiter hindern. Die Türkei soll zwaf nicht durch Gebietsteile entschädigt werden, ab-V man will sie in Zukunft bei der Regelung ihn! Angelegenheit nicht mehr bevormunden; und dcl ist sicherlich auch schon ein großes Zugeständnis Auch Serbien und Montenegro werden nach del englisch-russischen Abmachungen einen kleinen All teil bei der Neuregelung erhalten. In welches Weise diese Kompensation gedacht sind, geht au den bisherigen Mitteilungen noch nicht deutln genug hervor. Rußland hat soviel erreicht. ba die Frage der Dardanellen bei der Konferen' nicht berührt werden wird. Ihre Regelung ifl allein dem ruffisch-türkischen Uebereinkommeis überlassen ivorden. Wenn Rußland versichert, dij Dardanellenfrage nicht in einem der Türkei feind! lichen Sinne erledigen oder eine KompensationS! fcrderung daraus machen zu wollen, so ist diel nur zu begrüßen. Hoffentlich aber handelt auck die russische Regierung danach.
England, Rußland und Frankreich sind als« einig, nun gilt eS, die Zustimmung der übriger! Signatarmächte des Berliner Vertrages zu ge- toittnen. Am gespanntesten darf man auf di« Haltung Oesterreich-Ungarns sein, daS bisher direkte Abneigung bekundet hat, einen Kongreß zu beschicken. Nach Abschluß der Londoner Konferenzen beginnt nunmehr der diplomatische Apparat in Paris zu spielen. Dec Minister des Aeußern. Pichon, empfing Donnerstag nachmittag den österreichisch-ungarischen Botschafter, den italienischen Botschafter und den deutschen Geschäftsträger, Freiherrn von der Lancken, und teilte ihnen das in London festgestellte Konferenzprogramm mit, welches als Basis für die Verhandlungen zwischen den Berliner Signatarmächten im Hinblick auf die Einberufung der geplanten Konferenz dienen soll. Ter deutsche Botschafter ist Donnerstag abend vom Urlaub zurückgekehrt. ,
Minister Iswolski hat sich am Freitag bomittag nach Paris begeben.
Aus 'Pfortekreisen verlautet, daß der englische Botschafter am Donnerstag dem Groß- wesir namens Englands und Frankreichs eine Anleihe angeboten, und daß der Botschafter dem Großwesir das Programm für die einzuberufende Konferenz mitgeteilt habe, über das der Großwesir sehr bestürzt gewesen sei.
Kyrnitr, bet Kosak.
Von Marcel Etienne.
84] (Nachdruck verboten.)
„Wenn jedoch der Name Potocki aufhörte, her- senige einer Grafenfamilie zu sein? Wenn die Potocki in einer nahen Zukunft ein Geschlecht von Königen würden?"
„So weit also treibt Euch Euer Ehrgeiz, Herr? Mo weit verirrt sich Euer Stolz?" unterbrach ihn der Priester, indem er sich, diesmal ernst und drohend, erhob. „Habt Ihr nicht genug an den blutigen Schatten Eurer Vergangenheit? Seht Ihr nicht in Euren Träumen genug der Toten? Komerpol genügt Euch nicht? Ihr wollt noch — was weiß ich, — ein Gemetzel von Human, — von Koszowata? Wie könnt Ihr es wagen, an die Königskrone zu rühren? Seht Eure Hände an sie find rot . . ."
Und der Greis, der mit der Majestät eines Richters und der Autorität eines Apostels gespro- chen hatte, wandte sich hastig um, schwieg nun, raffte mit vor heiligem Zorn bebender Hand die Falten seines langen Talars zusammen und verließ das Gemach
Bleich und furchtbewegt folgte ihm der Woiwode mit den Augen. Die widersprechendsten und verschiedensten Gefühle malten sich abwechslungsweise in feinem Blick: verwundeter Stolz, Selbstvorwürfe, Wut und Entsetzen. Dann übermannten ihn Furcht und Schwäche — und mit einem dumpfen Seufzer ließ er sein Gesicht in seine Hande sinken.
13. Kapitel.
Zwei Todeskämpfe.
Traurig und langsam verstrichen die Stunden in dem großen, einsamen Gemach; schon sank der Tag und die Abendnebel flatterten wie leichte (traue Schleier um die Türme des Schlaffes, am
bläulichen Himmel funkelten die ersten Sterne. Endlich kam die Nacht, eine jener langen Winternächte, in welchen die Einsamkeit so grausam, die verschwiegenen Schmerzen so tief und hoffnungslos und die bftteren Erinnerungen so düster und bedrückend werden.
Wie sehr der stolze und mächtige Wojwode in diesem Augenblhick alle diese Qualen empfand! Erdrückt von der Last seiner Selbstvorwürfe und Erinnerungen, hatte er sich geweigert, abends im großen Saale des alten Schlosses zu erscheinen, sich auch nur für ein paar Minuten unter die- fern übermütigen und lärmenden Adel zu mengen. Er hatte sich rn seinem Gemach eingeschlossen und erklärt, niemanden, nicht einmal seinen geliebten Sohn, den glänzenden Grasen Feli;, empfangen zu wollen, der an solch eine Behandlung nicht gewöhnt war.
Bei Einbruch der Nacht hatte sein Kammerdiener mit der Hilfe von zwei Heiduken neben ihm auf einem fliegenden Tisch ein pompöses Souper serviert, das der Wojwode jedoch zurückstieß, ohne kaum davon gekostet zu haben. Dann hatte er sich, müde davon, so viele Stunden einsam und grübelnd in seinem Sessel zu sitzen, mühsam mit Hilfe seiner Krücken erhoben und sich allein und schtveigsam im Zimmer herumgeschleppt, indem er zuweilen vor einem der Fenster innehielt, seine stolzen und hoffnungsfreudigen Blicke über das Land — binnen kurzem vielleicht sein Land — schweifen lassend, bald, von den Bildern seiner Verbrechen gequält, mit bangem, glanzlosem Blick vor sich niederstarrend.
Diesem Auserwählten des Schicksals, diesem reichen und mächtigen Herrn, dem so viel Lände- reten, so viel Schätze und Gold, so viel Leibeigene gehörten, fehlte doch eines: Frieden und Vergessen. So oft er nur in die Zukunft blickte, fühlte er sich stolz und glücklich, mächtig und frei. Seine Person und sein Name sollten eine neue Epoche in der Geschichte bezeichnen, — seine Feinde sich demütig vor ihm neigen und auf dem Haupte seines Sohnes die Königskrone glänzen!
Das war die Zukunft! Ob er sich jedoch auch dagegen sträubte, immer wieder wandten sich die Augen seines Geistes ab von diesen glänzenden Bildern und hin zu seiner schände- und schuldbefleckten Vergangenheit! Immer wieder sah er die Flammen von Komecpol, das junge, schöne Weib Apostol, bleich und blutend unter den rohen Händen seiner Heiducken sterbend ,— die armen, unschuldigen Kinder aus ihren Wiegen gezerrt, mit aufaeschlitztem Leib an den Spitzen der Lanzen, ihren letzten Tropfen rosenroten Blutes vergießend! Und dann jene andere Vision: die schöne, holde Gattin, die mit ihrem jungen Leben den Ung^orsam eines zu heißgeliebten Sohnes — ihres Gatten — bezahlte, -— der Teich mit den treibenden Eisschollen und dem eisigen Wasser — und darinnen der arme tote Leib der sanften, Ver- trauensvollen Gräfin Marie!
Wohin der Wojwode schauen mochte, immer wieder drängten sie sich heran — diese Bilder von Mord und Sünde und Verbrechen! Unter dem Einfluß der Höllenqualen, die feine Seele litt, schwand endlich fein maßloser Ehrgeiz und machte einem plötzlichen Entschluß der Entsagung Platz.
Er hielt in seinem Auf- und Niederschreiten inne, klatschte zweimal in die Hände und rief dem Kammerdiener, der auf der Schwelle erschien, befehlend zu:
„Man sehe sofort, wo sich Herr Zlotnicki befindet!"
Der Kammerdiener entfernte sich eilig, kehrte jedoch alsbald wieder zurück.
„Herr Zlotnicki hat das Schloß feit ungefähr drei Stunden verlassen, Eure Gnaden! Er hat sich, wie mir sein Lakai Jerzy mitteilte, sofort nach der Audienz bei Eurer Gnaden auf den Weg gemacht, und niemand weiß, wohin!"
„Genug"! schrie der Wojwode, indem er zornig seine Krücke auf den Boden aufstteß.
Ter erschreckte Diener verschwand, der Greis aber schleppte sich wie niedergeschmettert zu seinem Lehnstuhl. Er sank in denselben mit einem Ausdruck dumpfer Verzweiflung und Nioderge-
schlagenheit, und ohne nochmals einen Blick auf die stolzen Bilder und Trophäen zu werken, wiederholte er kopfschüttelnd immer und immer wieder: „Er ist fort, schon fort!" Dann verharrte er eine lange Weile regungslos, zu Boden ge- schmettert von dem Gefühl des Unwiderruflichen, von der Last des dunklen Geschickes, das fein Wille wiederum über tausende von unglücklichen Menschen heraufbeschworen hatte!
Stunden umStunden verrannen. — Im Vorzimmer warteten die Lakaien, welche den Herrn zu entkleiden hatten, vergebens auf feinen Ruf, blickten sich erstaunt an und wagten nicht einmal zu sprechen, um den Schlaf oder die Gedanken ihres Gebieters nicht zu stören.
Schon halte die Uhr vom Turme die Mitternacht verkündet, der große Zeiger rückte auf Eins. In der Ferne, im großen Saale, der den rechten Flügel des Erdgeschoffes einnahm, erftarben und entfernten sich die letzten lauten Stimmen der Tafelnden, Geschrei und Gesang verstummte! Warum wohl mochte der Gebieter so schweigend und regungslos in feinem Stuhle verharren, statt sich iir feinem weichen Bett dem wohligen Schlafe hinzugeben? — War ihm etwas zugestoßen?
Erst nach zwei Uhr erhob sich der Greis und gab ein Ltt>enszeichen. Er klatschte in die Hände, der Kammerdiener und zwei Heiducken stürzten herbei, worauf der Wojwode mit scharfer herber Stimme sagte:
„Ich will zur Ruhe gehen, man bereite mir mein Bett!"
Während der eine der Heiducken sich dem riesigen Prunkbette näherte, um die fransenbedeckte Decke au? orientalischem, golddurchwebtem Damast znrückzuschlagen, schickte sich der Kammerdiener an, seinem Gebieter die famtne Kontusza, den Zuvan*) und den breiten Gürtel abzunehmen. Obgleich er mit der denkbar größten Vorsicht dabei zu Werke ging, schien dem Palattn
*) Unterkleid, ein« Art Tunika mit lanaen Aermeln.