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wochenbrilage: Illustrierte Sonntagrzeitung"
L»;ek-ei: Vie ein» fpaltige petitzrile oder deren Saum 15 psg. RevamendirpeMzeü« 25 Pffc, bei wieder» hotnugen wird entspr.
Babati gewährt.
Sotationsdrucknnd Verlag der Fuldaer Ai»
meitofstenase: „Fuldaer Seschichtrblätter" »SÄ'ä’
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Fulda, Sanlstaq den 17. Oktober 1908.
5(ibraaun.
M 240.
Drittes Wlcrtt.
= Die Steuer auf Steinkohle«.
Die „Deutsche Tageszeitung", das Organ deS Bundes der Landwirte, ist, von allen Blättern der Reichshauptstadt dasjenige, das den stärksten Willen Hai. Sie weiß in jeder Frage ganz genau, was ihren und ihrer grobagrarischen Schützlingen Interessen dient, und das vertraut sie stets mit Mester <Sd,ärfe. Wer eine andere Meinung hat, bekommt unter eindringlichster Beteuerung, daß jedermann das Recht habe, seine Meinung frei zu äußern, möglichst kräftige Zurückweisungen. Da gibt es ke n Erbarmen. Und mit eben diesem festen Ernste, mit dem sie die Gegner ihrer Ansichten bekämt st, verficht sie die Pläne, die ihr nützlich scheinen.
Seit einiger Zeit widmet das Blatt diese Begeisterung eil er Steuer auf — Steinkohlen. Wenn wir schon Gas- und Elektrizität besteuern wollen, und das ist ja nach dem Anfängen mit der Steuer auf „Luxus"-Licht ganz sicher eines Tages ganz allgemein für alle Gebrauchsmöglichkeit dieser Licht- und Kraftquelle zu erwarten, warum soll man da nicht auch gleich ganze Arbeit machen und die Steinkohlen heranho!en?ill So denkt das Blatt, und darum sucht es nach Gründen für diele Steuerart. Bei jeder nur möglichen Gelegenheit bekommen jetzt die Mitglieder des Bundes der Landwirte, soweit sie auch ihre Versorgung mit Tageslektüre dem Bunde anvertrauen, zu lesen, daß eine Steuer auf Steinkohlen das Gerechteste und Schönste sei, was es auf Erden an Steuern geben könne.
Neulich hatte ein rheinisches, sonst,erbittert für die Industrie eintretendes Blatt dieser Anregung besonderen Boden geschaffen. Es hatte in einem unbewachten Augenblicke darauf hingewiesen, daß die Besteuerung der Steinkohle ungemein einfach — einfach 50 Pfennig auf die geförderte Tonne Kohle! — und außerdem ungemein ertragreich sein werde. Das griff man beim Bunde der Landwirte natürlich begeistert auf. Eine indirekte Steuer, deren Erhebung nicht viel Geld kostet, das ist ja bei uns überhaupt das höchste Ideal denn unser indirektes Steuersystem verschluckt ganz ungeheuer hohe Prozentsätze dessen, was die Steuer einbringen. Wenn man da- he« einfach den Kohlenbergwerken aufgeben würde, anzugeben, wieviel sie fördern, und dann t>or ihnen die Steuer erheben würde, dann wäre das ein steuerliches Ideal. Also zugreifen t
Met leider ist die Sache fo einfach nicht. In Wirklichkeit würde das deutsche Volk die Steuer zu tragen haben. In dem genannten Blatte wird ^vac gesagt, diese Steuer sei „gerecht", denn sie tref e die ungeheuer hohen Vermögen, die aus der Kohlenprodutlion entsprungen seien. Aber das ist einfach nicht richtig, denn das Kohlen- s y, dikat hat cs jeden Augenblick in der Hand, dem Publikum diese Steuer auch noch aufzu» -wir gen, und kein Mensch zweifelt auch nur eine Sekunde daran, daß es das tun würde. Neuestens muß als Beleg für die „Gerechtigkeit" und „Unschädlichkeit" dieser Steuer für die breite Masse der Kohlenverbraucher der Hinweis auf die hohen Gewinne der internationalen Bohrgesell'chaft in Erkelenz herhalten. Diese Gesellschaft hat in den letzten Jahren 500 Prozent Dividende verteilt und verteilt neuerdings „nur 100 Proz. Dividende".
ist zweifellos ein ungeheuerer Gewinn, und rein äußerlich scheint das Blatt recht zu haben, wenn es bedauernd sagt:
„Solche immensen gewerblichen Reinerträge müssen naturgemäß zur Ansammlung großer Vermögen in den Händen der glücklichen Interessenten führen. Trotzdem macht auch unsere neueste Reichsfinanzreform, soweit bisher bekannt, nickt den leisesten Versuch, einen Teck tzieser aus den deutschen Kohlen quellenden Gotdströme M die zurzeit notleidende Reichskaffe zu leisten."
Wäre das möglich wir wqren die ersten, die geschloßen für eine Wicks Besteuerung, wenig- stens des Bohr-Geschäkts, einteeten würden. Die Sache liegt aber einfach w, daß diese eine Gesell- schäft infolge der genialen Erfindung des rheini- schon Lehrerssohnes Racky io ungeheuere Gewinne machen kann, während die weitaus meisten anderen Bohrgesellschaften ohne die Hilfsmittel dieser Erfindung nur ein bescheidenes Dasein fristen.
Auf jeden Fall wird man hoffen müssen, daß der Steueriiskus vor dem Rckbicon des gewerblichen Lebeys Halt macht. Besteuern wir erst die Betriebsmittel derJndustrie und des Gewerbes, des Verkehrs, dann gibt es kein Halt mehr.
Deutscher Reich.
<p. Einen niedlichen Blockfreundschaftsdienst leistet die ,Kreuzzeitung' der «Nationallib. Korr.'. Diese hat kürzlich bemängelt, daß man in der Preffe der Konservaiiven, der nahestehenden liberalen Parteien und zum Teil auch in der nationalliberalen Presse selbst nicht genügend unterrichtet sei über die Absichten der nationalliberalen Partei. Die unzweideutige Erklärung deS Abg. Bassermann in der Reichstagssitzung vom 28. November 1907 sei allzusehr in Vergessenheit geraten. Es sei gut, daß jetzt für die Oeffentlichkeit von neuem klar gestellt sei, waS die nationalliberale Partei von einer Reichs- finanzresorm fordere. Die ,Kreuzztg/ antwortet sarkastisch: „Wir waren immer der Meinung, es müsse der nationalliberalen Partei angenehm sein, wenn von der erwähnten Rede Bassermanns jetzt möglichst wenig ge- tprochen würde. Da aber anscheinend die Auslastungen des natioualliberalen Führers noch heute als für die Partei maßgebend angesehen werden, lasten wir deren Hauptstellen hier folgen:
„Ich kann auch heute erklären, daß meine Fraktion nicht bereit ist, auf den Boden der Zigarrenbanderolensteuer zu treten.... Ich würde ebenso ein Wederaufgreisen der Idee einer vermehrten Biersteuer adiveisen.... Ebensowenig würden wir der da und dort angeregten Frage einer Weinsteuer zustimmen können.... Man hat ja von dem föderativen Charakter des Reiches gesprochen und erklärt, daß fick mit diesem föderativen Charakter des Reiches die Einführung einer direkten Reichssteuer nicht verträgt. Ich kann diesen Gesichttzpunst nicht als richtig anerkennen .... Trotz der Einführung der ReichSerbschacksiteuer ist das Reich nicht untergegangen und ich kann nicht einsehen, wie btt föderative Charakter des Reiches dadurch berührt werden solle, daß wir die Vermögen direkt heranziehen durch Einführung einer Reichsvermögensstcuer."
Hiernach hat der nationalliberale Führer mit Ausnahme der Spiritussteuererhöhung so ziemlich das ganze bis jetzt bekannte Finanzresorm- programm des Reichfchatzsekrelärs von vornherein abgelehnt. Wir meinen dock, daß die Nationalliberalen einen solchen Stan • punkt nicht auch heute noch verteidigen können. War es also weise, die mit Recht in Vergestenheit geatene Bassermannsche Rede wie
der in die Erinnerung zurückzurusen und al- Beweis für die Prinzipienfestigkeit bei National- liberalismus zu verwerten?
Aus dem Nachbargebiet.
* Eschwege, 16. Okt. 1908. Nachdem am 20. September schon eine Vorbesprechung voraus- gegangen, gründeten am Mittwoch abend im Berliner Hoff' eine stattliche Anzahl von Fa- brikanten aus Eschwege und Umgegend einen „Jndustrieverein für den Kreis Esch- roeqe" Der neue Verein will die gemeinsamen industriellen Jntereffen deS Kreises Eschwege vornehmen und in allen die Industrie betreffenden Fragen mitwirken. Die Versammlung wählte zum Vorsitzenden Herrn Gr. Friedrich Thörey.
[:] Aus dem Ulstergrunde, 16. Okt. 1908. Die spanischen Schatzgräber scheinen gegen- wärtig im Eisenacher Oberland auf den Gimpel- fang zu gehen. Zn einem unserer Dörfer lief nämlich dieser Tage folgender Brief aus Madrid ein: „In unglücklicher Lage im Militärgefäng- nis schreibe ick diese Zeilen! War Zahlmetster tn der spanischen Armee, verwickelte mich in politischer Verschwöruna und mußte stüchten! —■ War s. Z. in Ihrem Wohnorte und habe in der dortigen Umgegend 240000Markverborgen. — Zm Besitze meiner Tochter (ich bin Witwer) befinden sich Papiere, ohne welche es unmöglich ist, die Summe auszufinden! — Wenn Sie entschlossen find, mir die Reisekosten für meine Tochter und Diener bis zu Ihrem Wohnorte vorzustrecken, so trete ich Ihnen den 3. Teil der Summe als Belohnung ab. In diesem Falle senden Sie sofort beigelegtes Telegramm ab, nach besten Empfang ich Ihnen sofort die Sache schildere und meinen Namen nennen werde. — Strengste Verschwiegenheit bewahren und nur Telegramm senden. Hochachtend E. A." — Bemerkenswert ist, daß schon vor 10 Jahren mit einem Briefe von ähnlichem Inhalte an demselben Orte ein Versuch gemacyt wurde. Damals handelte es sich darum, 40000 Pfund Sterling aus einer Bank zu hebe» sowie 200000 Franken auszugraben, und ein Gewinn von 25 Prozent wurde in Aussicht gestellt, die Deckung der Auslagen vorausgesetzt. Die immer wieder erneuten 3 Versuche der spanischen Schwindler zeigen, daß es leider noch zu viele gibt, die auf solche Angebote hereinsallen. Mit Freuden ist es jedenfalls zu begrüßen, daß die spanische Regierung endlich daran geht, diese „Schatzgräber" gerichtlich zu verfolgen und ihnen daS Handwerk zu legen sucht.
* BomEichsfelde, 16. Okt. 1908. Die Kunde von einem Morde verbreitete sich gestern früh in den Ortschaften Lüderode, Bischofferode und Weißenborn im Kreise WorbiS und rief unter der Bevölkerung große Aufregung hervor. Es hieß, an der Chaussee nach Bischofferode läge ein toter, wahrst' inlich ermordeter Mann. Es stellte sich aber heraus, daß es sich um einen allerdings schlechten Kirmesscherz handelte, lieber« mutige Burschen' hatten Kleidungsstücke in täuschender Weise ausgestopft und dir Gestalt auf dem Chausseebankett niedergelegt.
vermischtes.
* Schuhwareudiebstahl. Nachdem erst vor wenigen Tagen in L eipzi g ein großer Schuhwaren- diebstahl in einem Geschäft der Gustav Adolsstraße stattgesunden hat, ist wieder ein nächtlicher Einbruch in ein Schuhwarenlager der Windmühlenstraße verübt worden, bei dem 1 «80 Paar Stiefel, 220 Paar Gummischuhe und 60 Paar Pantoffeln im Gesamtwerte von 5500 Mark erbeutet wurden. Alles spricht dafür, daß die Diebe mit einem Wagen gekommen sind, um die Beute fortzuschaffen.
* 50 Flngmaschinen. Wie in Paris verlautet, wird Anfang November mit dem Bau von 50 Flugmaschinen nach dem System des Amerikaners Wright begonnen werden.
* Geschädigte Winzer. In der Gemarkung Lorch am Rhein wurden in der vergangenen Woche nicht weniger als 30000 qm Weinbergfläche abgeholzt und vernichtet. Der Schaden, der dadurch den Winzern entsteht, ist ungeheuer.
Literarischem
/X Deutsche Reiter in Sndwest, Selbsterlebniffe aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika. Nach persönlichen Berichten bearbeitet von Friedr. Frhr. v. Dincklage-Campe, Generalleutnant z. D. Mit zahlreichen Porträts und Jllu« strationer.. Deutsches Verlagshaus Bong u. Ko., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart. 20 Lieferungen zum Preise von je 60 Pfg.
Wie das Vorwort bemerkt, soll nicht eine Kriegsgeschichte, sondern eine Chronik hier geboten werden; es sollen die Kämpfe und Nöten, die Taten und Entbehrungen geschildert werden, tpie sie der Heimgelehrte selbst erzählt, ohne Künstelei, ohne stilistische Mithilfe Unberufener. Es ist mithin der warme, unmittelbare Ton des Selbstgeschauten und Selbsterlebten. Tas macht die Darstellung int ereffant, lebhaft und anziehend und ist geeignet, im vorliegenden Werke ein Volksbuch ersten Ranges zu schaffen. Auch die zahlreichen Illustrationen tragen zu diesem Zwecke bei.
Reklamen- nnd Anzeiaenteil.
als Zusatz zur Milch eine leicht verdauliche Kindemahrung. Seit Jahren bestens bewährt zur Herstellung von Puddings und leinen Backwaren. ______________
| Nähre mit„ Knorr“. I
Wenn Sie Ihr Kind
gejund, munter und geistig frisch sich entwickeln sehen wollen, fo geben.Sie ihm Dr> Hommel's Haemalogen. Lassen Sie sich jedoch keine der vielen Nachahmungen aus- reben!
---- Frau Sorge.
Skizze von Joh. Liese.
(Nachdruck verboten.)
Ein bescheidenes Häuschen am Ende des Dorfes: drin wohnen zwei alte Leute. Ein Wintertag geht eben zur Neige. Mit dem herbroten Scheine der Abenddämmerung will auch die Kälte empfindlicher werden und auf den Flügeln des Windes sucht sie fauchend in alle Winkel und Ritzen eiilzudringen. Da begreift der alte Kachelofen im kleinen Stübchen, daß er ein übriges tun muß und strahlt eine mehr als behagliche Wärme aus. So ein rechter, alter, verrissener Armeleutkachelofen ist's. Solange er in diesem Zimmer gestanden — und das rechnet nach Jahrzehnten — immer hatte er früher nur ganz armselige Möbel gesehen. Aber seil ein paar Jahren ist das anders geworden Dieser eichene Schrank, der sich hochmütig bis unter die Decke reckt, der Tisch, der auf schon- gedrechselten Füßen steht und die hochbeinigen Stühle — sie Weiten ihm wenig in die alte Hütte zu passen. Und wenn er sich gar die beiden Alten betrachtet, so sagt ihm erst recht, seine uittrugliche alte Erfahrung: Die haben in einer besseren Wiege gelegen. Es kehrt sich aber niemand um ihn und feine Lebensweisheit, die er ja bet fw behalten muß. Die alte Frau ist damit beschäftigt, den Tisch zu decken — für drei Personen. Der Mann sitzt hinter dem Ofen. Sein Pfeifchen im Munde haltend, hört er scheinbar gedankenlos auf das Geklapper der Teller, Messer und Gabeln. Seine Gedanken müssen doch weit, weit, fort ge- wesen sein, denn fast erschreckt legt er die Pfeife neben sich und faltet die Hände, als ihn das laute Gebet der Alten im Sinnen überrascht.
Die beiden Alten setzen sich still zu Tische. Der dritte Platz bleibt leer. — Für wen?
Geräuschlos löffeln beide ihre Suppe aus med verstohlen, als solle das andere es nicht seho^, blickt ein jedes zuweilen auf den leeren Platz W» den sich und jedesmal ist's, als müßten sie sich Gewalt antun, einen heftig aufsteigenden Srusz« gu unterdrücken. Und wie auf einmal starke Schritte laut werden draußen, laut und immer lauter, wie wenn einer aufs Häuschen zukäme.
da gibt's den beiden einen Ruck, und wie vom gleichen Gedanken erfaßt schauen sie sich in die Augen, einer des anderen Hoffnung darin fuchend, und da — eben faßt die alte Frau den Stuhl, ihn zurückzustoßen, — werden die Schritte wieder leiser, entfernen sich mehr und mehr, — werden unhörbar. Eine Weile bleiben die beiden wie erstarrt, bann löst sich die Spannung, sie sin- Een zurück und scheu senken sie beide die Augen.
Da legt der Mann den Löffel beiseite, die Frau nach einer Weile auch. Indes sie den Tisch ab- räiunt, geht er schlürfend zur Ofenbank, steckt sich fein Pfeifchen wieder an und legt dann ein paar Scheite in die lodernde Glut des Ofens. Knack, knack! macht der, sich bedankend. Eine Weile hockt der Alte davor und schaut verloren in den roten Schein, bann wirst er hastig die Ofentür« zu, als wär« da drinnen ein häßliches Bild auf- gestiegen. Er fetzt sich wieder auf die Bank und schaut der Katze zu, die träge und nachläffig ihre Abendmilch schleckt.
So merkwürdig still ist es, keiner sagt ein Wort; nur der Ofen brummelt behaglich fort. Mit lautlosen Schritten geht die Frau hin und wieder. Jetzt ist sie fertig; sich aufreckend hott sie die Heiligenlegende vom Eckbrttt herunter. Umständlich seht sie sich die Brille auf, und mit leiser, ehrfürchtiger Stimme lieft sie die Legende vom Lagesheiligen und ein leiser Schimmer stiller Ergebung und inneren Trostes geht über das alte Gesicht. Auch bet Mann scheint für eine Weile die quälenden Gedanken zu vergessen.
Legende und Abendgebet ist zu Ende und aus vier Augen spricht es trostlos: Nie kehrt er beim! Der Mann nickt sttll vor sich hin, nimmt die Lampe und leuchtet vor sich her ins Schlafzimmer.
Wie still ist's güvorden im ganzen Hause. Nur ganz leise summt der Ofen ein schläfriges Lied, schnurrt die Katze sich mählich in den Schlummer, nicht lange, dann werden auch sie still sein.
Nun, ba alles die Augen geschloffen, nun ist die Zeit, da die ©elfter bet SJlaäft erwachen. Nie- manb weiß, woher es gekommen, auf einmal ist's da, ein graues Gespenst. Mit unheimlicher Be- weglichkeit und Ruhelosigkeit geht'S umher, von Fenster zu Fenster, von Tür zu Tür, von Kammer Mt Kammer, durch s ganze Haus, wie Weng es je
mand suche. Durch jedes Fenster schaut es hinaus in die sternklare Nacht, Weit, weit, mit brennen- beit Augen und lange, lange. Mit seltsamer Hartnäckigkeit beginnt das Wandern und Schauen immer wieder von neuem, ob sich denn nicht endlich etwa sehen lasse. Das ist Frau Sorget Sie schaut aus nach dem verlorenen Sohne.
Und nirgends naht sich etwas Menschliches dem Hanse. Da endlich gibt sie das Suchen ans; in die Schlafkammer schwebt Frau Sorge hinein und setzt sich breit in den Lehnstuhl zu Häupten des Bettes. Erst ist's, als besänne sie sich, bann fängt sie an zu sprechen, und mit leiser, kummervoller Stimme erzählt sie den beiden da drin eine alte, lange, ach, nur zu bekannte Geschichte. Es ist die Geschichte, die sie allmählich mit ewig der- selben Breite erzählt, — die Geschichte von ihrem Einzigen, der durch unvernünftige Verzärtelung verdorben ward. Sie hebt an von den ersten Reinen Fehlern und Mißgriffen, die immer größere und schwerere nach sich zogen, bis zu dem Tage, da die Schuld die Strafe gebar, da die Einsicht kam, daß alles verdorben, nichts mehr gut zu machen war.
Langsam, mit grausamer Treue auch des Geringsten gedenkend, schreitet sie voran, die qualvolle Mär, bis zu dem Morgen, da ihr Einziger die beiden verließ, mit Schande bedeckt, bis zu der Stunde, da der Hammer des Auktionators bis zu ihnen ins Hinterstübchen scholl und ihnen, bis auf weniges, ein Stück ihrer Habe nach dem andern raubte — um ihres Einzigen willen.
Mit angstvoll weit geöffneten Augen horchen die beiden Alten der Unglücksmär. Ohne eine Regung des Widerstandes lasten sie es über sich ergehen, wie alle Abende, weil sie wissen, daß sie dem nicht entgehen können. Jedes Wort ist ein Schlag, der sie mitten ins Herz trifft
Aber jetztl Unwillkürlich atmen sie auf, die Geschichte ist zu Ende, jetzt werden sie doch schla- fen können. Sie schließen die Augen. Doch nein, so rasch läßt Frau Sorge ihre Opfer nicht los; sie beginnt jetzt ein ander Spiet Mit unheimlicher Rraft zaubert sie Bilder hervor, schrecken-volle Bilder und die beiden Alten sehen sie, müssen sie sehen, selbst bei oeickloffenen Kimen.
Zum Greifen deutlich steht's ja vor ihnen: ein Schiff, das mit tötenden Wellen kämpft und mit den wilden Gewalten des Wassers einen tollen Tanz aufführt. Schon äck>zt und kracht der bedrängte Schiffskörper in allen Fugen, angeklammert aber an den Mast steht ihr Einziger und schreit angstvoll und gellend hinaus in die blitze- durö^uckte rasende Finsternis. — Mit einem Male ist das Schiff verschwunden und die wogende Wasserfläche zur toten Eiswüste erstarrt, auf der ein Schneesturm weiße Flockenheere vor sich hertreibt. Mt müden, wankenden Schritten strebt ein Mann darin vorwärts. Jetzt fällt er, rafft sich auf, macht taumelnd ein paar Schritte, fällt wieder und bleibt liegen. Herzlos kommen die weißen tanzenden Dinger und decken ihn zu — den Einzigen. Husch, ein Schleier darüber und ein neues Bildt Verwandelt sind die fallenden Flocken in wallenden, wogenden Pulverdampf und statt des heulenden Sturmes hört man das Sausen und Krachen der Geschütze. In heftiger Erbitterung kämpfen zwei feindliche Heere. Unentschieden wogt der Streit bin und her. Zahllose Verwmrdete schleppen sich mühsam hinter die Kampslinie, und schließlich, zu Tode verletzt, kommt auch er wieder dahergewankt, — ihr ein und alles.
Den beiden Alten krampst es das Herz zusammen. Heftig reißt der Alte an seinem Barte, damit er kein Stöhnen laut werden lasse. Seine Gefährtin preßt die gefalteten Hände verzweifelt gegen die Brust, um das Schluchzen zu halten, das mit Gewalt aufsteigen will.
Und noch immer fein Ende. Herzlos treibt Frau Sorge ihr Spiel weiter. Alle Gefahren, die ein Elternherz ersinnen und seinen Einzigen fürchten kann, alle holt sie hervor und stellt sie riesengroß hin. Und nicht eher gibt sie Ruhe, bis die ersten bleichen Strahlen durchs kleine Fen- fter lugen — da kommt die Hoffnung und zeichnet den beiden Gequällen ein großes, neutjoffeubeS „Heute" vor die Augen und davor mutz endlich Frau Sorge weichen.
Schwer senkt sich -er heitzersehnte Schlaf auf die müden zuckenden Lider und die Hoffnung, die Hoffnung auf das „Heute" behütet ihr«, Schlummer.