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35, Jahrqanss

Fulda, Freitag den 16. Oktober 1908.

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Arstes Wlcrtt

ben Komecpol zugegen war. Es waren ihrer dreihundert, alle jung, tapfer und stark! Lieber, guter Kaplan, erinnert Ihr Euch? Dreihundert meiner Kosaken und ihre Offiziere, alle bereit, auf

Der Großwefir versprach, dem Polizeiminister für Konstantinopel und dem Minister des Innern für die Provinz die nötigen Weisungen zu geben.

Der bulgarische Ministerrat beriet amDiens« tag und Mittwoch über die Angelegeicheit der Orientbahn. Wie rn Regierungskreisen versichert wird ist di« Regierung geneigt, die materiellen Forderungen der Bahngesellschaft vollkommen zu befriedigen. Die baldige Lösung der Frage dürfte jedoch daran scheitern, daß zu ihrer Regelung die Zustimmung der Pforte erforderlich ist, welche aber gegenwärtig schwer erreichbar ist.

In S e r b i en und in Manien eg ro wird wegen der Vereitelung der großserbischen Träume durch die Angliederung Bosniens und der $>ex« zegowina noch immer viel Lärm gemacht. Dabei laufen neben manchen ernster zu nehmenden Kundgebungen auch viele Lächerlichkeiten mit un­ter. So telegraphierte der jüngste, 19jährige Sohn des Fürsten Nikolaus von Montenegro, Prinz Peter, nach Belgrad an den Kronprinzen Georg: „Begeistert durch Deine patriotische Rede, begrüße ich Dich herzlich. Gott gebe, , daß wir uns bald auf blutigem Kampfplätze begrüßen können." — Nur gemach, junger- Mann, vorlänfig ist es mit den Kämpfen nichts.

Aus Belgrad lvird gemeldet: Mittwoch abend fanden große Kundgebungen vor dem königlichen Palais, der englischen Gesandtschaft und dem Kriegsmini st erium statt, ar, denen zahlreiche Abgeordnete, Professoren der Universität viele Damen und eine große Menschenmenge teilnahmen. Der Zug bewegte sich unter Vorantragung von Fahnen und Fa­ckeln, an der Spitze eine Musikkapelle, durch die Hauptstraßen. Auf den König und den Kron­prinzen, sowie auf Bosnien und England wurde« Hochrufe und auf Oesterreich-Ungarn Schmähun- gen ausgebracht. An der serbischen Kreditbank, die mit der Länderbank im Geschäftsverkehr steht, war der Lärm am größten.

der Kampf in seiner Seele verriet sich durch den raschen Wechsel von Röte und Blässe auf seinen Zügen. Der Kaplan folgte mit aufmerksamem Auge diesem verwirrten Zaudern, dieser schmerz­lichen Bewegung und wartete geduldig auf die Be- kenutnisse oder Geständnisse, die sein Gebieter ihm machen würde.

Endlich begarur er zu sprechen, indem er eine dem Priester ganz unerwartete Frage stellte:

„Sagt mir vor allen:, bitte, wie geht es dem alte« Bereza?"

„Sehr schlecht, Herr! Ich nahm ihm gestern abend die Beichte ab. Man muß jeden Augenblick erwarten, daß er für in:mer die Augen schließt! Sein Zustand läßt heute kaum mehr die geringste Hoffnung I"

„Ein großer Verlust und ein herber Schmerz mehr tür mich, Ihr mögt es mir glauben! Nie­mand kann mir Bereza ersetzen, meinen getreuen, alten Diener, der so viele Jahre unter meinen Augni, unter meiner Hand gelebt und sich stets bei Jeber Gelegenheit als so treu, tapfer und anhänglich erwiesen hat! Der mit einem Worte all die schönen und guten Eigenschaften seiner stol­zen Kosakenrasse besaß, nicht aber die Wildheft, den Leichtsinn, den Hochmut derselben. Doch werde ich nicht nur die Ergebenheit der Person Berezas schmerzlich vermißen! Ach, Vater! Welch schreckliche Mahnungen, welch herzzereißende Er­innerungen weckt dieser Tod von neuem in mir!"

Wieder hielt der Wojwode inne, von Setbst- vorwiirfen gepeitscht! Dicke Schweißperlen lagen auf feinen hohlen Wangen, auf seiner blaffen Stirn:

„Das ist einer der letzten," flüsterte er, und sein« Stimme klang gepreßt. „Einer der letzten, der bei — bei — jenem unglückseligen Ereignis

. . . Mehr als ihr Leben, denn sie haben für im­mer ihre Ehre beschmutzt, ihren Namen besudelt, ihre Seelen verloren, indem sie so viel unschul­diges Blut vergossen, indem sie als Mordbrenner raubten, brannten und töteten, die Verfluchten! Es ist wirklich, als ob Gottes Fluch auf ihnen gewesen und doch sind sie alle schon lange tot, ist Euch das nicht ausgefallen, ehrwürdiger Baler? Von jenen, welche damals lebten und am Unter­gänge der Czordas teilnahmen, waren inuner mich vier am Leben: Mlodecki, der Starost Hierony­mus, Bereza und ich. Nun, Mlodecki starb in der: ersten Tagen dieses Jahres, noch vor Dreikönig, jetzt wird Bereza hinübergehen, wann mag wohl au dm Starosten die Reihe kommen, und an mich, Vater?"

»Niemand kennt den Tag und die Stunde seines Todes!. Wir inüssen es dem Willen Got­tes anheimgeben und in jedem Augenblick nnseres Lebens bereit jein, abberufen zu werden, — von dieser Erde zu scheiden!"

„Ach, das Scheiden mag jenen leicht werden, die von keinen Gewissensbissen gequält werden! . . . . Wem aber Blut an den Händen klebt, — dem banget vor dem Tode--was hat er jen­

seits zu erwarten?"

„Wer gesündigt hat, muß beten, — und süh­nen! Sühnen, Herr! Damit er wieder hassen dürfe! Dem reuigen Sünder vergibt Gott!"

»Aber ehrwürdiger Vater, begreift Ihr es nicht, daß ein Mann, der stets mit feinen stolzen Plänen und kühnen Träumen, mit dem Leben und der Pracht des Hofes beschäftigt ist, es verlernt, zu G o k t zu sprechen, da er zu viel mit den Kö­nigen dieser Erde geredet hat? — daß er es ver­lernt, mit Inbrunst zu beten! — Was die Sühne aiiMangt, so will ich alles tun, was ich kann! — Nichts soll mir zu viel sein, mein lieber Kaplan, ich verspreche es Euch! — Seht, so dachte ich schon daran, in Komecpol an der Stelle des Frevels eine Kirche zu erbauen, eine prächtige Kirche! Um ja nicht zu geizen, will ich ein Kloster hinzu-

= Bon einem neuen Reglement für die Kavallerie war schon öfters die Rede. Wie jetzt gemeldet wird, ist die Ausarbeitung beschlossene Sac^. Die neue Vorschrift wird von einer Kom­mission ausqearbeftet werden, die sich auS Offi­zieren der Kavallerie, des Kriegsministeriums und des Generalstabes zusammenfetzeu wird. An ihre Spitze dürfte der General der Kavallerie, v. Bern­hardt, treten.

)( In der Frage der Lshrerbesoldnng wollen die Konservativen in der Forderung, daß die Lehrergehälter in der ganzen Monarchie gleich sein sollen, nicht nachgeden. Nach der 'Konservativen Korrespondenz' ist diese Forderung eine grundsätzliche, durch die Lage der Dinge ge­botene. Sie werde nicht nur int Interesse der Lehrer erhoben, sondern eben so sehr in dem der Volksschule und damit im gesamten Interesse. — Nach der neuen LehrerbesoldungsVorlage toll der Minimalbetrag für das Grundgehalt 1350 Mark, der Maximalbetrag 1800 Mark auSmachen; die Allerszulagen bewegen sich zwischen 200 und 250 Mark.

□ Die ersten weiblichen Rechtsanwälte als Verteidiger vor Gericht wird in Deutschland Bayern haben. Durch eine Ministerialverord- nung wird ihre Zulafiung bewilligt, um im Straf­verfahren gegen Jugendliche zu funktionieren. Man will dadurch die Gefahren einer Hanpt- verhandkung von den Jugendlichen abwenden. Diese werden in einer Abstumpfung des Ehr­gefühls erblickt, oder in dem Dünkel, eine wichtige Rolle zu spielen, wenn Männer als ihre Ver­teidiger herangezogen werden. Diese Begründung hat sicherlich viel Wahres für sich» und gerade bei den Jugendlichen dürften weibliche Verteidiger, die sicherlich eine bessere Kenntnis von der Kinder­seele haben, viel Gutes wirken. Aber von hier aus bis zur allgemeinen Zulassung der Frauen als Verteidiger ist nur ein kleiner Schritt. Ob aber dieser getan wilden kann, ist nach den Er­fahrungen in anderen Ländern sehr fraglich.

fügen, und auf meine Kosten zwölf Benediktiner- mönche dortselbst installieren! — Dasselbe will ich in Koszowata tun, wenn es sein muß! — Diese« Hieronymus würde ja doch niemals daran denken, ähnliches zu tun, — erstens besitzt er viel weniger Vermögen als ich, — und zweitens ist er ja noch so jung!" —

Bei diesen Worten des Palatins hatte der Priester zuerst traurig den Kopf geschüttelt. Als er nach einem kurzen Schweigen antwortete, hatte seine Stimme einen ihr sonst ganz fremden Klang von Bifterkeit:

„Gewiß ist Euer Plan gut. Herr! Nur glaube ich, daß diese Sühne in den Augen des Ewigen^ welcher in den Herzen liest, nicht genügen wird l"

, Was soll ich denn sonst noch tun? Ich be­sitze leider nicht die Macht, die Toten wieder z« erwecken!"

„Nesi:, aber Ihr könntet den Lebenden Gerech- tiqkeft widerfahren kaffen," entgegnete ernst der alte Priester, indem er sich aufrichteke und dem Wojwoden fest in's Auge blickte, „Ihr könntet ihnen die Hand reichen und ihre Verzeihung er- bitten im Namen desjenigen, welcher die Erbar- nrnng und die ewige Güte fft. Ihr könntet ihnen den Namen, den Rang und die Güter ihres Ba­kers zurückgeben, ihnen eine schöne und reiche Zu­kunft eröffnen und so mit ruhigem Vertrauen die Stande erwarten, in der Gott Euch zu sich ruft t"

Während der Priester sprach, war das Gesicht des Palatins blöffer und blässer geworden; tonb bebcnd schrie er, indem er seine Hände um die Lehne seines Stuhles krämpfte:

„Bereza hat dennoch gesprochen! . . Der Ver­räter!"

„Ihr irrt Euch, Herr! Und wie Ihr eben selbst sagtet, -- ich erinnere mich — seit beinahe 25 Jahren beobachte, vergleiche ich! — Und ich erwartete schon feit langer Zeit mit Ungeduld eine Gelegenheit, um mit Euch sprechen zu können."

„Ihr hattet Unrecht! Es ist ganz überflüssig, solche Dinge zu besprechen, Herr Abbe. — Der

*e Die Vorgänge auf dem Balkan.

Die Verbandlungen in London sind noch im­mer nicht abgeschlossen. Der deutsche Botschafter, Graf Wokff-Metteruich, sowie der türkische, der italienische Botschafter und der griechische Ge- satidte hatten am Mittwoch Besprechungen mit dem Staatssekretär des Auswärtigen, Sir Ed­ward Grey. Auch der ruffifche Minister des Rus- wärsigen, Iswolski, hatte wiederum eine längere Unterredung mit Grey. Man ist also noch kei- neAoegs einig über das Programm einer neuen Konferenz, und ehe darüber keine Klarheit ge­wonnen ist, kann der Kousereuzvorschlag offiziell den Mächten nicht unterbreitet werden. Die „Agence Havas" meldet aus London, daß Eng­land sich mit dem vom ruffischen Minister des Aeußeren, Iswolski, bot gefegten Konferenz-Pro­gramm vollständig einverstanden erklärt habe. Die Dardanellenfrage fei vom Pro­gramm ausgeschaltet, aber zwischen bei­den Staatsmännern geregelt. Diese Regelung bedürfe aber noch der Zustimmung des Minister­rats.

Die Türken gefallen sich lveiter in Demon­strationen gegen Oesterreich-Ungarn und im Boy- kott österreichisch-ungarischer Erzeugnisse. Der österreichisch-ungarische Botschafter hat namens seiner Regierung wegen der Boykottierung der Dampfer des Oesterreichischen Lloyds beim Großwesir ernste Schritte getan.

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Mer irgend einen schmerzlichen Gedanken zu brü- einen Wink meiner Hand die schlimmsten Gefah- sren, den er nicht offenherzig zu äußern wagte, und I reu xu besteben, bundertmal tfir Leben zu wagen!

„>,ch höre Euch zu, Herr! ... Ich wußte nicht, waS mtch um diese Zeit hafte abhalten sollen, auf wttrett Ruf sofort zu kommen! .. Ich habe meine mene bereits gelesen, — meinen Rundgang im Dorfe toll ich jedoch erst gegen Abend antreten f"

Der Priester schwieg uu5 wartete. Nun ent- Jwnb em kurzes Schweigen. Der Wojwode schien Mer irgend einen schmerzlichen Gedanken zu brü-

Ausland.

* Ter neue dänische Ministerpräsident, Neergaard, hielt am Donnerstag im Folkething eine Programmrede, in der er eine Fortsetzung der bisherigen inneren und auswärtigen dänischen Polftik ankündigte. Um seine Neutralität zu be­wahren, müsse Dänemark seine Wehrkraft verstärken. Eine entsprechende Vorlage solle emaebracht und dem Volk Gelegenheit gegeben werden, durch neue Folkethiugwahlen seine Meinung darüber zu erkennen zu geben. Das Kabinett werde für die Lösung dieser Auf­gabe seine Existenz einsetzen.

* Die neue Petersburger Lolksuniverfttät „Schlanjawski" ist am Mittwoch feierlich er­öffnet worden. Die lknibersität zählt zunächst 370 Hörer. An der Petersburger üniver- srlät sind neue Verbände parteiloser Studenten sowie ein oktobristischer Studentenverband ent­standen. Beide Vereinigungen treten gemeinsam mit der Studentengruppe des BolksverbandeS gegen den Studentenstreik auf.

* In der spanischen Teprttiertenkammet etflätfe in Beantwortung einer Interpellation des Liberalen Romcmones der Finanzminister, bas lausende Etatsjahr werde mit einem Ueher« schuß abschließen; das nächste Budget werd« dagegen einen bedeutenden Fehlbetrag aufweisen. Der Mnnfter schlug mehrere Abänderungen der Besteuerung vor, ferner eine Regulierung bet schwebenden Schuld und eine Sanierung de- Geldumlaufs.

ordentlicher Professor der Rechte (Kirchenrechts- lehrer). Schon vor Wochen war, tote wir hören, seitens des Kultusministers eine Anfrage beim Senat der Universität etngegangen, ob Professor Schücking etwa auch in seinen Vorlesungen poli- tisches Gebiet streife. Obwohl diese Frage der- nein! toerben mußte, ist jetzt Schücking, der bisher auch Säte lieb der Prüfungskommission für Re­ferendare in Kassel war, bei der Neubesetzung dieser Kommission nicht wieder berufen worden, offenbar eine Folge der schon seit Monaten in konservativen Blättern betriebenen Hetze. Dort war schon im vorigen Winter die Behauptung ausgestellt werden, „ein solcher Mann" könne fär­bet nicht Lehret der Jugend sein. Zu alledem aber kommt die Meldung, daß der Freisinn ntcht beabsichtige, eine Interpellation im Falle Schü- ding, ein zubringe in denn man wolle die Eintracht im Blocke nicht stören.

(-> Gegen dir Biersteuer macht der Schutzver- band der norddeutschen Brauer Front und zwar unter der Führung des nationalliberalen Abg. Schisferer-Kieh Das deutsche Brauer- und Gast- wirtegewerbe und die verwandten Gewerbe liege infolge Belastung durch höhere Zölle auf Roh­stoffe, infolge der Verteuerung aller Hilssmate- rialien und infolge der auch behördlicherseits be­günstigten Abftinenzbewegung sowie infolge Er­höhung der Steuer schwer darnieder. Die Her- stekluug des Bieres sei seit 1906 pro Hektoliter um 2,50 bis 3 teurer geworden, ohne daß, wie auch in dem Bericht des kaiserlichen Statistischen Amtes nachgewiesen wird, eine Preiserhöhung durchgeführt werden konnte. Der Konsum sei in den letzten zwei Jahren um zirka 15 Prozent ge­fallen, und es zeige sich eine stetig fortschreitende Steigerung i>e8 Rückganges. Die Kurse der Aktiengesellschaften gehen seit zwei Jahren stetig zurück. Nachdem schon ein großer Teil der in der Brauindustrie und im Gastwirtsgewerbe in- vestierten Kapitalien verloren gegangen und zahlreiche Existenzen der durch die letzte Steuer­erhöhung geschossenen Notlage zum Opfer gefal­len find, sei es mit einer rationellen Wirtschafts­politik mrd mit einer gesunden Sozialpolitik schlechterdings unvereinbar, daß ein bisher blühendes Gewerbe dem Experiment einer zweiten Steueterhohung preisgegeben werde. Es ist zu beachten, daß 1906 nur eine mäßige Erhöhung errrfetzte und zwar gleichzeitig mit der Staffelung, die den mittleren und kleinen Betrieben zu gute kam. Diesmal aber handelt es sich nur um eine Steuererhöhung.

)( Die Streitigkeiten zwischen dem Kultus­ministerium und der Berliner Schuldepu­tation wollen nicht aufhören. Die von der ®'abt Berlin nachgesuchte Uebertragung der staat­lichen Kreisschulaufsicht auf die Schnldeputation wurde abgelehnt. Dies tief bei den Berliner freisinnigen Stadtvätern umso mehr Entrüstung hervor, als gemeldet wurde, daß selbst die west- preußische Siadt Eibing die Schulaufsicht erhiekt.

— Scharst« Protest hat der deutsche FIei - scherverband gegen die bevorstehende Aende- nrng des § 70 der Gewerbeordnung erhoben. Diese Aenderung wird bekanntlich den Reichstag in nächster Session beschäftigen, nnd es ist beab- fichiigt, die Preisnotierungen auf den Schlacht- tmb Biehhöfe« nach dem Lebendgewicht vorneh­men zu laffrn.

□ Ei ui Geheimmittclbesteuerung wird, wie schon früher nrftgeteilt, beabsichtigt. 'Das Reichs- amt des Innern stellt auf Ersuchen des Staats­sekretärs Sydow bereits Erhebungen darüber an, wieviel Geld alljährlich im deutschen Reiche für Geheimmittek ausgegeben wird. Das Ergebnis dieser Erhebungen soll die Grundlage für eine ebertnreite Besteuerung bilden.

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Vertag der Zuldarr 31

Wonatrbellage: „MdtMSeschlchtsblAter"

Kvmitr, der Koscift.

Bon Marcel Etienne.

83! Flachdruck verboten.)

Pater Marek, der Schloßkaplan, war ein schö­ner Greis, noch einige Iahte öfter als der Woi­wode. Doch hatte er sich, dank seinem ruhigen und einfachen Leben, das nicht von Leidenschas- tett, ehrgeizigen Sorgen und fieberhaften Wün- fcheo bewegt war, viet mehr Kraft, Heiterkeit nnd Frißhe bewahrt afs fein Gebieter. In langen fil- beruen Strähnen fiel das schneeweiße Haar um lein offenes und reines Gesicht, kaum daß einige Balten in den friedlichen und sanften Zügen ein- gegraben waren; er hatte die leuchtende Stirne eines Heiligen, das Lächeln eines Aiiserwählten, den innigen unb tiesschauendeu Blick eines Apo­stels. Doch fügte er zu dieser väterlichen Nach­sicht und Milde, wenn es fein mußte, unerschütter- liche Festigkeit, Freimut und Energie.

Als sich die Portiere erhob und der Wojwode ben Priester Eintreten sah, fühlte er eine gewisse Erleichterung. Ec machte eine Bewegung, als ob er sich erheben wolle, da ihm dies jedoch nicht ge­lang,. gab er ihm sogleich ein Zeichen, sich in einem der Fauteuls niederzulassen.

„Ich danke Euch sehr, Vater, daß Ihr ohne zu zögern gekonmien seid! — Bitte, setzt Euch — denn ich habe Euch voraussichtlich viele Dinge zu sagen! ■r--Ich empfinde das Bedürfnis, mit Euch zu

sprechen!"

Deutscher Reich.

= Keine preußische Wahlrechtsreform in Sicht! Die preußische Regierung halt, nachdem die frei- finnigen Parteien ihre Unterstützung bei der Reichsfinanzreform zugefagt haben, die Einbrrn- gung einer Wahlrechtsreformnovelle im preußi­schen Landtage vorläufig nicht mehr für nötig. Der „Franks. Ztg." ist von gut unterrichteter Seite die Mftteilung zugegangen, daß der seiner- zeit lediglich toegen der Ausarbeitung des Wahl- resormvorschlages an das preußische Ministerium des Innerrr berufene Hilfsreferent wieder tn seine frühere Stellung zurückgesandt worden, -ohne daß er seine Arbeit beendet oder ein Nach­folger an feine Stelle zur weiteren Ausarbeitung des Wahlreformvorschlages berufen worden ist. Es bestätigt sich daher auch, daß vor Ende 1909 die Sache nicht an den Landtag kommen wird; wer weiß aber, wie bis dahin die Parteien sich gegenseitig stellen?

♦ Mit einem neuen Lmrdtagswahlgesetz strll nunmed'. auch der weimarische Landtag sich demnächst zu beschäftigen haben. Die in­direkte Wahl soll beseitigt werden, ebenso die Wahlen besonderer Abgeordneter durch privi­legierte Klaffen, so z. B. durch die Staatsbürger, pielche ein Einkommen über 3000 Mk. besitzen. Üeben der direklen Wahl sollen aber auch noch berufSfländische Wahlen, z. B. durch die HandelS- ‘ammern u. st ro., stattfinden.

** Zu dem neuen Entwurf einer Strafprozeß- »rduung nahm am Donnerstag die in Düffel- vors abgehaltene Jahresversammlung der rhei- msch-westsälischen Gefängnisgestllschaft Stellung. Sie stimmte darin zu, daß im Verfahren gegen Jugendliche die staatliche Einwirkung auf die Erziehung gegenüber der Bestrafung in den Vordergrund tritt. Die Anklagepsticht der Staats­anwaltschaft wird eingeschränkt, die Jugend- gerichle mit weitgehenden richterlichen Befugniffen eingetichlet, und ein enger Zusammenhang zwischen der staatlichen Gerichtsbarkeit und der der Jugendfürsorge gewidmeten Vereinigungen soll geschaffen werden.

* Der Kaiser sandte der Internationalen ürheberrechlskonferenz in Berlin em im fran­zösischer Sprache abgefaßtes Danktelegramm, worin er den Verhandlungen guten Erfolg wünschte. Am Donnerstag hörte er nach einem Spazierritt die Bmträge des KriegSministerS, des Chefs des Generakstabes der Armee und des ChefS des Mrsi!äikabin»t!S.

* Der König von Griechenland wird nach einem Berliner Blatt in Berlin zum Befnche Kaiser Wilhelms erivartet. Der Besuch des gne- chischen Königs wird nur einen Tag dauer». Der König wird als Gast des Kaisers offiziell tm Königlichen Schloß Wohnung nehmen. Man wrrd nicht feblaehen, anzunehmeu, daß diesem Besuche im Hinblick auf die gegeumäriige internationale Lage er Ächte politische Bedeutung zukommt.

** e£ft „FM Schücking" will — dank dem ri­gorosen Vergehen der oberen rrnd obersten Vec- draltuugsbekwrden — noch immer nicht zur Ruhe kommen, ja er zeitigt immer neue Blüten rmd Früchte. Die neueste dieser Früchte ist anfchei- nentz die M a4 r e g e l u n g des P r o s e f s o r s Dr. Walther Schücking in Marburg, eines Bruders des Hnfumer Bürgermeisters, der zugleich bei der jüngsten Landtagswahl in Marbtirg freisinniger Kaiididat war. Walther Schücking ist