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Botalionrdrncknnd Verlag der Lulda« A» tiendrnckerei in Luldq

Lerusprecher Ur. 4.

Fulda, Donnerstag den 15. Oktober 1908.

35. Jahrgang.

M 238.

fiereiche „Vorwärts"mann aus der Sache? Ohne mit der Wimper zu zucken schreibt er:

Um aber den notwendigen Bestand des Blocks zn sichern, muß jeder vermittelnde Weg in der Politik verfolgt werden." So urteilen die „Kon- servativen Monatshefte", deren Besprechung wir nichts hinzuzusehen haben, denn im Haupt sind wir mit dem Blatte einig.

Hwertes Mlcrtt.

„Konservative Blockmirvigkeit.

Seitdem zu aller Welt Ueberraschung die Kreuzzeitung von dem „Liebeswerben" nm das Zentrum gesprochen hat, geht es in den konser­vativen Kreisen mit der Blockbegeisterung rapid abwärts: selbst die „Deutsche Tagesztg." steht dem Gebilde sehr skeptisch gegenüber. Die Tinge, die sich um den Fall Schücking gliederten, führ­ten den Konservativen klar vor Allgen, wohin die Reise gehen soll. Am schärfsten aber wendet sich gegen die Blockstimmung das soeben erschienene Oktobcrhest der „Konservativen Monatsschrift", und zwar nicht in gelegentlichen Bemerkungen, sondern in einem von der Redaktion stammenden Leitartikel, dessen Grundmotiv lautet: entweder leistet der Gesamtliberalismus dem konservativen Teile des Blocks bedingungslos Gefolgschaft oder mit der Paarung ist es aus.

Dieser Artikel bemüht sich, auch gegen das Zentrum objektiv zu fein; so lesen wir: „Man wird nicht leugnen können, daß die Zentruinspar- tei in dieser bevorzugten parlamentarischen Stel­lung sich manche hervorragende Verdienste um die Lösung wichtiger nationaler Aufgaben erworben hat. Die Partei war eben mit der Zunahme ihrer Macht und Bedeutung sich auch der Ver­antwortlichkeit bewußt geworden." Die Reichs­tagsauflösung wird dann als ein kühner, aber geschickter Zug des Reichskanzlers bezeichnet, um dann auf den Block selbst zu kommen. Es sei nichts als eine Fiktion, wenn hier und da be­hauptet wird, die Blockpolitik müsie eine be- stimnite, eine liberale, Färbung haben. Block­politik könne angesichts der Verschiedenartigkeit der Bestandteile der Mehrheit nur Kompromiß­politik sein. An und für sich sei es also nicht ge­rade eine glückliche Bezeichnung der konservativ- liberalen Mehrheit, dcch man sie einen Block nenne. „Unter Block versteht man immer etwas Feststehendes, schwer verrllckbares. Der Reichs­tagsblock ist aber leider ein recht wackliges, loses, wenig widerstandsfähiges Gebilde. Auch wenn man sich auf den durch die Lage der Dinge ge­botenen Standpunkt des Reichskanzlers stellt, das Zusammenwirken der Mehrheit habe von Fall zu Fall zu geschehen, und in minder wichtigen An­gelegenheiten sei den einzelnen Gruppen freie Hand zu lassen, muß eine größere Festigkeit und Sicherheit des „Blocks" vorausgesetzt werden. Die konservativ-liberale Mehrheit würde keine Eri- stenzberechtigung haben, wenn es ihr nicht gelänge, bessere parlamentarische Zustände herbeizufüh­ren, als sie unter der Zentrumsherrschaft bestan­den. Wenn aber der leitende Staatsmann bei jeder größeren Vorlage, die an sich schon auf die Verschiedenartigkeit der Zusammensetzung des „Blocks" zugeschnitten ist, feilschen und sich sogar Forderungen unterwerfen soll, die von dem Gegenstände des Gesetzentwurfes fern abliegen, so ist bas fast ein noch schlimmerer Zustand, als es der war, da das Zentrum noch den Ausschlag gab. Das Zentrum hatte damals die Möglichkeit, zwei Mehrheiten zu bilden: die sogenannte Ab- wehrmebrheit mit Liberalen und Sozialdemokra­tie, und die positive Mehrheit mit den Konserva­tiven und einem Teile der Nationalliberalen. Wollte das Zentrum eine Vorlage zu Fall brin­gen, so besaß es die absolute Macht dazu; denn wenn das Zentrum aus der positiven Mehrheit auSschied, so konnte die Lücke nicht ausgefüllt werden. In dem sogenannten Block ist das an­ders. Hier ist keine der beteiligten Parteien für sich stark genug, um zwei Mehrheiten zu bilden; es wäre denn, daß die Linke sich wieder mit Zen­trum und Sozialdemokratie zur Abwehrmehrheit

vereinigten. Aber dem Freisinn können wir das kaum zutrauen, und das Zentrum dürfte nach den Erfahrungen des Dezember 1906 in der Koo­peration mit der Sozialdemokratie ein Haar ge­funden haben. Wenn aber der Block bei einer wichtigen nationalen Frage dadurch versagte, daß eine seiner Gruppen mißmutig in die Opposition träte, dann könnte diese Lücke durch Hinzutritt des Zentrums, das die Gelegenheit zur positiven Betätigung zweifellos gern ergreifen würde, ohne Schwierigkeit ausgefüllt werden. Zn Machtpro­ben bietet der „Block" an sich also keine besonders günstige Grundlage, wofern der leitende Staats­mann in dem Entschlüsse, den er in seinem Sil­vesterbriefe kundgetan, festbleibt, „jedem neuen Versuch solcher Machtproben mit aller Kraft ent­gegenzutreten". „An dem Ernst dieses Entschlus­ses zweifeln, hieße den Fürst Bülow beleidigen." Tie Zeitschrift legt dann dar, wie es gerade die Konservativen feien, die immer die Opfer ge­bracht hätten; sie seien stets die Gebenden ge­wesen, nun müßten sie auch einmal die Em- pfangenden sein. Ganz niedlich! So, lange es nicht an den Geldbeutel ging, waren die Konser­vativen die Gebenden; es kostete ja nichts. Jetzt wollen sie die Empfangenden sein, denn der Geld» beutel muß sich auftun. Daher schreibt die Zeit­schrift mit einer gewissen Entrüstung über die bisherige Blockpolitik: „Der Zug dieser Politik ist bis jetzt ausschließlich nach links gegangen; die Konservativen haben gewissermaßen liberale Po­litik mitmachen müssen. Wenn diese Richtung weiter verfolgt werden sollte, so wird unbedingt Einspruch zu erheben fein, denn in diesem Falle würde die Werbekraft der rechtsstehenden Par­teien Einbuße erleiden. Im Lande würde man der Meinung zuneigen, die Konservativen seien geneigt, ihre gute und gerechte Sache im Stiche zu lasten, und sie hätten die Absicht, sich dauernd der liberalen Führung zu überlassen. Dieser Eindruck darf unbedingt nicht aufkommen. Denn die konservative Partei hat nicht etwa nur int eigenen sondern im Interesse des Vaterlandes, der Nation, die Pflicht, ihre Ideale hoch zu hal­ten, deren Verwirklichung anzustrebeii und ihre Lebensanschauungen in aller Reinheit im Volke zu verbreiten. Und daran wird die Blockpolitik sie in keinem Falle hindern dürfen." Dann folgt eine scharfe Abrechnung mit den. anspruchsvollen Nationalliberalen, die sich als den Kern des Block fühlten: „In dem offiziellen Aufrufe des natio­nalliberalen Parteivorstandes zu den preußischen Landtagswahleit vom April d. I. hieß es nämlich: „Die nationalliberale Partei hat maßgebenden Anteil an den Errungenschaften im Reiche. Sie ist berufen und gewillt, auch in Preußen im poli­tischen Kampfe die Führung zu übernehmen". Wie nebenbei bemerkt fei, hat die preußische Wäh- lerschaft das freundliche Anerbieten der national- liberalen 'Partei, die Führung zu übernehmen, unzweideutig abgelehnt, indem sie der Partei — und gerade nur ihr — eine Niederlage bereitet hat, die der Parteileitung recht viel zu denken geben sollte." Den Freisinnigen wird weit mehr Sympathie ausgedrückt und sie haben das auch verdient. Ter Hauptteil des Artikels aber tft eine politische Fastenpredigt nach dem Grundsatz: Entsagung; alle Parteien der Mehrheit sollen diese üben, nur ^>ie Regierung nicht, weil diese konservativ ist. So haben wir es auch immer ge­sagt ! Ter Block ist nur ein Mittel, um den Ein­fluß des Reichstages herabznsetzen.

. Wie von feiten der Regierung alle solche Fragen zurückgestellt werden sollen, über die eine Verständigung in absehbarer Zeit nicht mög-' lich erscheint, so ist das auch von den Parteien ?,u fordern. Wir gestehen zwar ein, daß wir eine solche, am letzten Ende nicht eben gründ- s a tz v o l l e Politik auf längere Dauer weder für ersprießlich noch für durchführbar halten.

Deutsches Reich.

* Die Diätenfrage der preußischen Abgeordne­ten. Nach einer Berliner Korrespondenz sollen nach dem Zusammentritt des Landtages zwstcheu der Regierung und den Parteiführern Beratungen über eine neueGestaltung der Diätenfrage abgehalten werden. Bekanntlich hegt der Land- tag den Wunsch, in diesem Punkte mit dem Reichstag e gleichgestellt zu werden, also statt der Tagesdiäten eine Bauschacl zu erhalten und statt der Reisekostenestattung Freikarten für die Eisenbahn einzuführen. Regierungsfeitig ist berechnet worden, daß die ahlung von A n w e- fenheitsgeldern in Preußen dem Staate durchschnittlich n ich t m e h r K o st en auferlegen werde wie die Zahlung von Tagesdiäten. Der Ab­geordnete- erhält jetzt in Preußen durchschnittlich 2700 <«., ganz gleich, ob er an den Sitzungen teil- nimmt oder nicht. Nach dem Beispiele des Reichs­tags müßte in Preußen eine Pauschale von 3000 Mark gezahlt werden, wobei das Fehlen an Sitz­ungen mit Strafabzügen belegt wird. Während jetzt für die Sission durchschnittlich 1170000 M Diäten gezahlt werden, würden bei Anwefenbeits. geldern zu zahlen fein "für den niemals vorkom­menden Fall, daß alle 433 Abgeordnete stets zur Stelle wären, in der Session 1 300000 M, also 130 000 cM. mehr.

* Neber den neuen Etat des Ministeriums des Innern will eine Berliner Korrespondenz bereits „ganz zuverlässige" Mitteilungen machen können. Das Mehrersordernis gegenüber 1903 beträgt für die ordentlichen dauernden Ausgaben 8 363512 Mark, nicht 8 635 512 Mark, wie wir nach dem Bericht eines Berliner Blattes ursprüng­lich mitgeteilt hatten. Unter den Mehrforderungen sind als die bed utendsten genannt: Polizeiver­waltung für Berlin und Umgegend 1 962 993 Mk. Polizeiverwaltung für die Provinz 3 568434 Mk., Landgemeindengendarmerie 6441«'4 M., Ausgaben im Interests der Polizei 696148 Mk., Wohl­tätigkeitszwecke 1 213 733 Mk. In dem Etat für einmalige außerordentliche Ausgaben werden 7 866774 Mk. gefordert. Diese Summe verteilt sich auf die Polizei mit 6 453124 Mk., auf die Landgendarmerie mit 875 000 Mk. und auf die Strafanstaltsoecw lltung 538 650 Mk., mit zu­sammen 7 866 774 Mk.

— Tie volkswirtschaftliche Weisheit des .Vorwärts'. Das Hauptorgan der deutschen Sozialdemokratie sieht es als seine Aufaabe an, die ganze heutige Wirtschaftsordnung über den Hausen zu werfen und zu verdonnern; dabei aber zeigt er eine Unkenntnis, die zum Lachen reizt. So ist ihm schon dieser Tage ein schwerer Hereiniall in Sachen der Einfuhrscheine passiert. Der Einfuhrschein ist bekanntlich ein Schein, der nicht bei der Einfuhr, sondern bei der Ausfuhr von Getreide ausgestellt wird. Er heißt Ein- fuhrschein, weil er zur zollfreien Einfuhr einer entsprechenden Menge von Getreide berechtigt. „Jeder Inhaber des Ausfuhrscheines," so lautet das Formular," ist berechtigt, diesen bei Be­gleichung von Zollgefällen von Roggen, Weizen usw. bei jeder Zoll- oder Steuerstelle des deut­schen Zollgebietes statt barer Zahlung in Anrech­nung zu bringen". Und was macht der phanta-

„Wenn jemand amerikanischen Weizen einsührtz dann kann er den erlangten Einfuhr,chein wieder vev kaufen, z. B. an den Besitzer von Getreive, das an bei deutsch-russischen oder österreichischen Grenze lagert Die Zolllast reduziert sich für den Getreideimporteur um den Betrag, den er für den Schein erlangte. Und der Exporteur erhebt, wenn er Getreide in's Ausland schafft, ganz gleich, ob es deutsches oder ausländisches Ernteprodukt ist, von der Reichskaffe den vollen Zoll."

An der ganzen Darstellung ist nicht ein ein­ziges Wort richtig. Ein von der irdischen Kultur noch nicht beleckter Mondbewohner hätte keine größere Konfusion anrichten können.

* Dessau, 13. Ott. 1908. Bei den Wahlen zum Anhaltischen Landtage wurden gewählt 11 Nationalliberale, 6 Freisinnige, 1 Sozialdemokrat und 6 Abgeordnete unbestimmter Parteistellung.

Görresgesellschaft.

cpc Limburg, 13. Ott. 1908.

Der heutige Tag wurde mit einem FestgotteS» dienst im Dom eingeleitet. Um 10 Uhr fand in der festlich geschrnücklen Aula des städtischen Gymnasiums die erste allgemeine Sitzung statt.

In seiner Eröffnungsrede behandelt Prof. Dr. Frhr. v. Hertling-München das Thema: „Del Skepticismus der modernen Welt und dir Enzyklika Pascendi." „Als wir vor einem Jahre unsre Generalversammlung in Paderborn abhielten, war soeben die Enzyklika Pascendi erschienen und di« katholische Welt stand unter dem ersten Eindruck jener bedeutsamen autorttatwen Kundgebung. Seitdem ist ein Jahr vergangen, und wenn ich damals mit voller Zuversicht ausgesprochen habe, daß für die Katholiken und die kath. Gelehrten insbesondere kein Grund zur B unrubigimg vorliege, so brauche ich heute sicherlich keinen Widerspruch mehr dagegen zu befürchten. Denn wir Alle haben uns inzwischen davon durchdrungen, daß die Enzyklika ihrem dokirinalen Teile uns die alte taih. Lehre mit Kraft und Nachdruck eingeschärft hak. Für uns alle ist die Kundgebung des obersten LehrerS der Kirche eine Mahnung zur rechten Zeit gewesen, der wir ehrerbietig und gelehrig das Ohr geliehen haben. Gleichzeitig aber möge mir gestattet fein, in geziemender Bescheidenheit dem hochw. deutschen Epis­kopate den Dank dafür auszusprechen, daß durch die Art und Weise, wie er die von der Enzyktika angedeu­teten Maßregeln zur Reinerhaltung der Lehre zur Ausführung gebracht hat, dem wiflenschafllichen Streben beengende Fesseln nicht auferlegt worden sind" tBeifall u. Zustimmung). Im Anschluß an diese Feststellungen untersucht Redner dann die Frage, wie es kommen konnte, daß trotzdem diele Enzyklika in anderen Streifen eine so unbegreifliche Erregung Hervorrufen konnte, daß man sogar meinte, daß für die kath. Theologie und Wissenschaft der schickiaisreiche Wendepunkt ge­kommen sei, daß die gebilbeten Katdollken allesamt sich vor die Frage gestellt sehen, entweder Dogmenzwang und Autoritätsglauben von sich zu werfen und mit freiem Mut dem Zuge des modernen Geistes zu takgen oder rettungslos der Inferiorität zu verfallen Ich habe bereits im vorigen Jahre davon gesprochen: daß die verbreitete naturalistiiche Denkweise unserer Zeit mit ihrer Einengung der Jntereffen aus die sinnfällig« Wirklichkeit den gläubigen Katholiken, der ein übet alle Errungensasteii der technischen Kultur hinausgehen- ves Ziel kommt, der an einer lebendigen Beziehung der Seele zu Gott und der Offenbarung Gottes an die Menschheit festhält, wie einen Fremdling in seiner Umgebung erscheinen lasse. Aber man kann noch einen Schritt weiter gehen: Die moderne Denkweise ist nicht nur eine durch und durch naturalistiiche, sie ist auch in ihrem tiefsten Grunde eine skeptische. In längeren tiefgründigen Darlegungen setzt sich Red­ner dann mit den naturalistisch-skeptischen Sy'emen des Empirismus und Kritizismus, des Evolutionismus und Pragmatismus auseinander. Der Gegensatz zwi­schen diesen Systemen und katholischer Auffassung er» tläre das gewaltige Aussehen, welches bte Enzyklika Pascendi bet ben Gelehrten unb Gebilbeten außerhalb ber katholischen Kirche hervorgerufen habe, unb bte vielfach hervorgetretene zwischen Staunen, Mitlew unb Entrüstung schwankende Entrüstung: „DaS Wort des

Kleines Feuilleton.

— Zu Schiebers 100. Geburtstage. Daniel Gottlieb Moritz Schreber, Dr. med., wurde am 15. Oktober 1808 in Leipzig geboren, so daß wir am heutigen Tage seinen 100 jährigen Geburtstag feiern können; er starb dort im Jahre 1861, am '0. November. Er war im besonderen für eine

Dr. D.6./h.Schreber

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V (Zum hLmderrsreriätburt-r-g)

jHefornt der physischen Erziehung tätig und hat sich dm die Einführung der Heilgymnastik große Ver­dienste erworben. Eins der populärsten Werke ist «in Buch: Der Hausfreund als Erzieher unb Führer zum Familienglück, Volksgesundheit und Menschrnveredlung, daß die Kindererziehung von

den ersten Lebenstagen bis in das Jünglings- unb Jungfrauenalter behandelt, und das in einer Weise, die den erfahrenen Erzieher unb den rechten Arzt erkennen läßt. Daß die Bestrebungen Schiebers in ben Leipziger Schrebervereinen, den Milch- und Badekolonien und den früher meist damit verbun­denen Schrebergärten nun ihren schönsten Ausdruck gefunden haben, ist nicht das Werk Dr. Schiebers, denn erst im Jahre 1864 wurde der erste Schreberverein — also drei Jahre tiach Schre- bers Tod — gegründet. Daß sich mit der Zeit aus diesen Schrebervereinen Vereine mit großen Spielplätzen und reizenden Gärten entwickelt haben, lag keineswegs im Sinne Schiebers oder der ersten Gründer, aber es ist sicher, daß Schreber mit der Entwicklung, wie sie die Vereine mit der Zeit ge­nommen haben, sicherlich zusrieden sein könnte und daß er unbedingt anerkennen würde, daß so in seinem Sinne geschaffen wurde. Dr. Schreber hat bei seinen Lebzeiten niemals gewußt, daß seine An­regung, die er zur Erziehung und Pflege der Jugend in seinen mannigfachen Schriften niedergelegt hat, solche Früchte tragen und daß sich an seinen Namen nun eine dermaßen ausgedehnte Bewegung knüpfen würde.

— Der best bewaffnete Mann in Europa ist nack) dem „Cri de Paris" Ferdinand L, der neue Zar der Bulgaren. „Sein Schlafgeinach ist angefüllt mit allen Arten von Waffen, die (eines- Wegs zum Staat daliegen. Auf allen Möbeln sieht man Pistolen, Revolver, Dolche, selbst ameri- konische Boxerwerkzeuge. Ein kleines Repetier- gewehr, da Zimmer geladen ist, darf nie von dem Nachttisch entfernt werden. Dem Enkel Louis Philipps fehlt es zweifellos nicht an Mut. Aber er leidet an nächtlichen Angstzuständen. Im vori­gen Jahre wurde der ganze Palast mitten in der Nacht in Aufruhr versetzt durch Schüsse, deren Knall aus dem Zimmer des Fürsten kam. Aber eS wurde niemand zu Hilfe gerufen, und der Zwi- schenfall wurde unterdrückt; am nächsten Morgen stellte sich die Dienerschaft, als ob sie glaube, daß das Gewehr von selbst sich entladen habe. 'Aber

auch durch seine Polizei ist der Herrscher Bulga­rien» gegen die Anzettelungen seiner Feinde gut geschützt. ES gibt kaum ein Lcurd, in dem das Spionenweseii so systematisch entwickelt wäre wie in dem seinen. In Sofia lebt eine erstaunliche Zahl von Spionen: -man zählt 340 Manner und 50 Frauen, die diesem Beruf regulär angehören. Der fünfte Teil dieser Leute sind Oesterreicher, Deserteure und Deklassierte aller Art. Sie be­ziehen Gehalter, die von 100—150 FrcS monatlich schwanken. Mit einer solchen Leibwache braucht der Zar Ferdinand von Bulgarien seinen Nach­bar, den König Peter vor Serbien, nicht zu be­neiden."

- Tie Mode tu Tafeläpfeln. Nicht so schnell wie die Mode in Damenhüten, aber doch, wechselt auch die Mode in den Tafeläpfeln. Vor Jahren war überall der BorSdorfer der ßiebling dec Obst­esser — sagen wir gleich einem guten Landweine dem, der ein Glas Wein zum Mittagsmahls vor­zieht. Die Aristokraten unter den Aepfeln sind niemals volkstümliches Tafelobst geworden. Der BorSdorfer schmückte die Stellage in den Kellern, er mußte unbedingt den ChriWaum zieren, er füllte die BratganS, kurzum, er war die beliebteste Apfelart. Seit Jahren hat er seine Herrschaft aufgeben müssen. Wenn er einmal wieder kommt, so dünkt er unS ein ganz anderer geworden zu sein. Ter BorSdorfer ist eine Reinettenart, eine kaum mittelgroße, wachsfarbene, zu einem Drittel mit frischem Rot gezeichnete Frucht von kernigem, nußartigem Geschmack gewesen. Jetzt hat er die prächtigen Farben verloren, ist runzlig geworden, hat keinen ausgeprägten Geschmack mehr. Lange hat man sich um die Heimat dieses Apfels gestrit­ten. Die einen behaupten, er sei in. einer verwit­terten Gebirgsgegend des Harzes gewachsen und dann veredelt; die anderen leiteten den Namen von einem Klosterherrn in Pforta her, der ihn zuerst gepflanzt haben sollte. Tatsächlich ist aber seine Heimat das Dorf Borsdorf, zwei Stunden von Leipzig, an der Straße nach Wurzen gelegen. Der Ort liegt in einer flachen Gegend an dem

Flüßchen Partha. Der Boden ist kräftiger Lehm, in dem Aepfel überhaupt am besten gedeihen. Schon zur Zeit des Kurfürsten August war der Handel mit BorSdorfer Aepfeln in Leipzig be­kannt. Nach einigen Zwischenstufen, die sich aber nicht lange hielten, kam ein anderer, dem der Mangel an Geschmack, den jene kurzlebigen Mode- äpfel meist anfweisen, ersetzte. ES ist der Gra­ve n st e i n e r, der sich von Jahr zu Jahr mehr einbücgert und besonders in diesem Jahre sehr stark vertreten ist. Er ist größer als der Bors- dorfer, hat fast zu zwei Dritteln eine frische rote Farbe und steht auch im Geschmack dem Borsdor- fer nicht nach. Er ist wahrscheinlich von dem Erbherrn zu Gravenstein, Karl v. Ahlefeld, auS Holland oder Italien eingeführt und dann in den Gärten zu Gravenstein, einem schleswigschen Dorfe, kultiviert worden.

— Tie Einwohnerzahl der deutschen Großstädte nimmt im laufenden Jahre viel langsamer zu als 1907. Einmal hat, so schreibt die Köln. Ztg., der Zuzug von außerhalb erheblich nachgelassen; es kommt sogar vor, daß die Zahl der Fortziehenden den Zuzug überschreitet. Sodann aber läßt im laufenden Jahre namentlich auch die eigene Ver­mehrung der großstädtischen Bevölkerung zuivünschen übrig. Entweder hat die Geburtenhäufigkeit abge­nommen oder aber die Sterblichkeit ist gewachsen. Berlin, Hamburg, Dresden unb Leipzig liefern für diese Feststellungen ein lehrreiches Zahlenmaterial.

— Schmeichelhaft. Sie: „Erinnerst Du Dich noch jenes Abends, ats Du mir einen Antrag machtest?" — Er: „Ja, nur zu gern; Du saßest neben mir wohl eine Stunde lang — ohne ein Wort zu sprechen."

— Tas letzte Mittel. Was, das alte Fräulein Meyer, diese Kokette, fängt jetzt noch an, zu stu­dieren und die Universität zu besuchen? Wie kommt denn das? — Ach, fie tut's ja nur, um zur aka­demischen Jugend gerechnet zu werden.

— Er kennt fit. Sie: „Alice hat mir heut' ein Geheimnis anvertraut, unb ich habe versprochen, es nicht weiter zu erzählen."— (£r: „Ja, denn man los, ich bin aani Obr!'