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L»ta1lo«rdr»«mch Verlag der Fuldaer Ak» üeudruSerel in Fulda Fernsprecher M.S.
M 238.
Fulda, Donnerstaa den 15. Oktober 1908,
35. Jahrqana.
Erstes Wtcrtt.
veutsches Reich.
- * Neichskattzler Fürst Bülow empfing gestern die Botschafter der Türkei, Japan» und England» und konferierte mit ihnen über dir politischen Taqesfragen. Wie die Scherlprefie hört, dürften sich hieran Empfänge auch anderer Vertreter der auswärtigen Mächte schließen. Am Dienstag hatte der Kanzler eine längere Unterredung mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter. Sie ergab im wesentlichen volle» Einvernehmen der beiden Staatsmänner in allen Fragen der auswättrgen Politik.
* Der Reichsschatzsekretür gegen die Reichsvermögenssteuer. Herr Sydoiv beeilt sich, den Vorschlag der Konservativen auf Deckung eines Teil» der Mehrbedürsniffe des Reiches durch eine Vermögenssteuer zu beantworten, und zwar geschieht dies in der Weise, daß er seinen Wider- 1 sprach gegen eine Reichsvermögenssteuer und seinen Vorschlag einer Nachlaßsteuer aufrecht erhält. ,Jn der ,Nordd. Allg. Zig/ heißt es darüber wie folgt:
Die verbündeten Regierungen haben wiederholt and bestimmt darauf hingemiesen, daß die Der- mögens st euer und deren Ausbau für die Bedürfnisse der einzelnen Bundesstaaten unent- oehrlich sei, und daß Eingriffe in die Art ihrer Veranlagung oder Erhebung von feiten des Reichs mit der finanziellen Selbständigkeit der Bundesstaaten unvereinbar wären. Es liegt nicht der mindeste Grund zu der Annahme vor, daß irgend welche Veränderung dieses Standpunktes bei den Bundesregierungen eingetreten oder zu erwarten ist. Einigen der neuerlich deigebrachten Vorschläge scheint ver Gedanke zugrunde zu liegen, daß die als Ersatz für die allgemeine Nachlaßsteuer gedachte Reichsvermögenssteuer unter Umständen von den Bundesstaaten nach eigenem Ermeffen aufzubringen sei. Dies würde also aus eine Erhöhung der Matrikularbeiträge hinausiommen. Run ist ruaegeben, daß eine Erhöhung der Matrikularbeiträge rarsächlich wie eine Belastung des Besitzes wirkt, und in mäßigen Grenzen mag eine solche Erhöhung noch möglich sein. Daß aber ein so erheblicher Betrag, wie er zum Ersatz für die allgemeine Nachlaßsteuer — in ihrem ganzen Betrage oder auch nur zu einem wesentlichen Teile — erforderlich wäre, in oct Form der Matrikularbeiträge auf die Schultern der Bundesstaaten gelegt werden könnte, ohne ihre Leistungsfähigkeit zu überlasten, ist völlig aus- qeschlossen. Somit steht für die Heranziehung des Besitzes neben einer vielleicht möglichen mäßigen Erhöhung der Matrikularbeiträge bei der Neuregelung der Reichsfinanzen eine andere Form als die allgemeine Nachlaßsteuer nicht zur Verfügung. Der Gedanke, sie ganz oder teilweise durch eine Verm ögeri ssteuer zu ersetzen, hat keine Aussicht auf Erfolg.
0 Neichsfinanzreform und Bolksrecht. Der Abg. Polthosf schreibt im.Tag': „Solange das Volk und seine Vertretung von der Verfügung über die Reichspolitik fast ausgeschlossen ist, so lange trägt es auch nicht die Verantwortung für die finanziellen Folgen, und solange wird es das Gefühl haben, daß ihm Hunderte von Millionen für die „Regierung" aufgedürdet werden. Will Herr Spdow, daß alle Volkskreise freudig Opfer bringen, so stärke er die Möglichkeit des Gefühls: Tua" res agitur! indem er für eine Erweiterung der Volksrechte, besonders für ein gutes preußi» sches Wahlrecht eintritt. An einer solchen
Forderung würde die Steuerreform nicht scheitern, wenn dir Mehrheit de» Reichstages darauf be- stände. Eine solche Mehrheit müßte zu erzielen sein, wenn die demokratischen und liberalen Elemente nur energisch wollten. Denn Liberale, Sozialdemokraten, Polen und Zentrum haben die Mehrheit. Der BundeSrat könnte einem ReichS- tagSbeschlusse auf die Dauer nicht widerstehen; denn eine Reichstagsauslösung wäre eine heikle Sache. Gegen die Parole der Opposition: „Steuern gegen Volksrechte" könnte die Regierung mit der „nationalen" Parole: „Steuern ohne Volksrecht" trotz Phrasentamtam schwer aufkommen. Tin Scheitern der Reform aber würde in erster Linie nicht das Reich in größere Not bringen, sondern die Einzelstaaten. Es würde einfach die Notwendigkeit der Steuervermehrung vom Reiche auf die Bundesstaaten übertragen. Denn wenn eS auch den Bürgern schließlich gleichgültig sein kann, ob sie als Reichsoder Staat»angehSriqe die Steuer zahlen sollen, so ist e» doch taktisch wichtig, stets im Auge zu haben, daß der notleidende Teil gegenwärtig die Bundesstaaten sind. Sie haben nach der Ver- faffung für daS Reichsdefizit auszukommen. Da» Reich wäre niemals in die setziae mistrable Lage rekommen, wenn es die Bundesstaaten so beran- gezogen hätte, wie es die Grundkähe einer ge- sunden Wirtschaft und die Verfassung vor schreiben. Nur weil die Reichsorgane in guten Zeiten den Bundesstaaten die Ueberichüsse ge- schenkt, in schlechten Zeiten aber sie geschont haben, ist die enorme Schuldenlast gehäuft worden. . . . Der Hauptzweck der sog. Reichsfinanzreform ist doch 1908, wie schon 1906, die Einzelstaaten vor der Herausgabe der ihnen überwielenen, gestundeten oder sonst belassenen Hunderte von Millionen zu retten, die unausbleiblich ist, wenn sie nicht in den allernächsten Jahren durch Vermehrung der Reichseinnahmen erseht werden. Allo keine Verdunklung des Tatbestandes. Und keine Angst vor nationalen und anderen Redensarten. Das Reich hat stets Geld, wenn es die Matrikularbeiträge rücksichtslos heranzieht. Im Reich soll die Maste des Volke» die neuen Lasten auf sich nehmen aber keinen größeren Einfluß auf die Verwendung der Milliarden, auf die Gestaltung seines Schicksal» erhallen. Das ist eine Unbilligkeit, ein Widerspruch. E» ist eine direkte Pflicht aller liberalen und demokratischen Parteien, nach der Beseitigung diese» Widerspruches ernstlich zu streben.
* Ein recht vielseitiger Herr scheint der frühere Ches - Redakteur der sozialdemokratischen Dortmunder ,Arbeiterztg/, Herr Rudolf Lebius, zu sein, dessen Beleidigung» - Klage gegen den «VorwärtS'-Redakteur Weermuth gegenwärtig die Berliner Gerichte beschäsiigt. Lebius war zuerst nationalliberal, entwickelte sich dann solge- richtig weiter zum Sozialdemokraten und wurde schließlich nationalsozial. Zeiiweilig überschrieb er gleichze it ig rot, schwarz und blau. In der Presse wird daran erinnert, daß Lebiu» in seinen Erinnerungen, die er vor einigen Jahren als Herausgeber einer nationalliberaten Sonntag» - Zeitung ,Pilatus' in Dresden zum besten gab, u. a. schrieb:
„Sozialdemokratisch» Blätter hatte ich ja schon früher von Berufswegen gelesen, sie hatten mich aber nicht interessiert. Jetzt griff ich gierig nach der soüal- demokralischen Kost. Nach vollbrachter Arbeit den .Vor
wärts' lesen, das war meine Andachtsstunde, alS ich in Trier an der ,Trier. Ztg.' tätig war. Meine Tätigkeit war dort vielseitig. Ich war zweiter Redakteur der nationalliberalen ,liier. Ztg.', zugleich aber auch Redakteur einer im gleichen Verlage erscheinenden unparteiischen Zeitung; unparteiffch heißt in diesem Falle zentrumsfreundlich. <!) Die gleichen Vorkommnisse mußte ich als Redakteur der.Trier.Ztg' nalto- nalliberal und als Redakteur deS andern Blättchens (des ,Allgem. Anzeigers') „unparteiisch" beleuchten. Eines war mir so unangened.m wie das andere (!), und wenn ich freie Zeit hatte, schrieb ich mr- entgeltlich für die sozialdemvtratijche.Rhein. Ztg.' in Köln Korrespondenzen."
Es gibt doch noch Gemüts-Athleten!
)( Die „Gleichberechtigung" der Sozialdemokratie in Bayern. Ob der sozialdemokratische Kandidat sür Kasterslautern, der bisherige Lehrer Hoffmann, sein Amt freiwillig niedergelegt hat oder nicht, beschäsiigt immer noch die sozialdem. Presse. Gegenüber der Meldung des .Vorwärts', daß der bayerische Ministerpräsident v. Podewils unzweideutig habe erklären lassen, Hoffmann werde im Falle der Annahme der Kandidatur sofort seines Amtes als Lehrer entsetzt werden, erklären jetzt das fozialdem. Wahlkomitee des Landtaus- Wahlkreiies Kaiserslautern und der Gauvorstand der sozialdem. Partei der Pfalz, sowie der Kandidat Hoffmann gemeinsam in der ,Pfälz. Post', daß derartige Verhandlungen, wie sie der /Vorwärts' mitgeteilt hat, „von uns weder irgendwie veranlaßt, noch gar befürwortet sind. Sowohl bei dem Wahlkomitee als dem Gen. Hoffmann stand von allem Anfang an fest, daß ein freiwilliger Rücktritt vom Amte nicht stattfindet. Kurz vor der Nominierung des Gen. Hoffmann trat ein wichtiger Umstand ein, der ihn vernnlaßle, entgegen seiner persönlichen Auffassung sein Amt niederzulegen. Die Gründe, die den Genossen Hoffmann zu den- sreimilligen Verzicht auf sein Amt bewegten, sind un» bekannt und wir achten sie."
** Internationale Urheberrechtskonfererrz. In dem Sitzungssaal« des Bundesrats begann gestern morgen die zweite Internationale Konferenz zur Revision der Berner Urheberrechtsüber- einfunft. In seiner Begrüßungsansprache wies Staatssekretär v. Schoen auf die Bedeutung der Ausgabe hin, die im Jahre 1881 zu Bern unter dem Schutze der schweizerischen Regierung die versammelten Mächte gestellt haben, nnd die darin gipfelte, eine Konvention zum Schuhe von Werken der Kunst und Literatur vorzubereiten.
----- Bischof Benzler von Metz erhält in der „Tägl. Rundschau" die Bestätigung, daß er ihr Vertrauen vollständig verloren habe. — Dem Oberhirten der Diözese Metz unseren Glückwunsch!
*. Die Vorgänge «mf dem Balkan.
Der Minister Frhr. v. Aehrenthal erstattete am Dienstag in Pest dem Kaiser FranzJo- s e p h einstündigen Vortrag über die Lage. In den ernsten Kreisen hält man es trotz der ruhiger lautenden Berichte aus Belgrad für notwendig, die dortige Entwicklung mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, da die Möglichkeit eines Putschversuches noch nicht ganz geschwunden ist. Die Volksstimmung scheint noch immer abenteuerlustig zu sein, die Haltung der maßgebenden Personen aber wird als zweideutig beurteilt. Tie an der unteren Donau befindlichen M o n i t o r e werden von übermorgen angefangen, eine Woche lang bei Banovci, 15 Kilometer nördlich von Belgrad, Scharfschießtibungen halten. Den Zeitungen in Kroatien wurde streng verboten, Einzelheiten über die dort durchgeführten militärischen
Maßregeln zu veröffentlichen. Zur Konferenzfrage erklärt man in den maßgebenden Kreisen, daß man in dieser Frage bis jetzt an die Monarchie amtlich nicht herangetreten ist, so daß sich auch noch keine Gelegenheit ergab, zu diesem Plan amtlich Stellung zu nehmen.
Das „Reutersche Büro" erfährt, daß die Konferenzen, die Minister Jslowski im Auswärtigen Amte zu London hatte, vorzüglich die Frage, wie man der Türkei eine ausreichende Kompensation verschaffen und wie man Mittel finden Kime, um das Vorgehen Oesterreich-Ungarns und Bulgariens zu einem rechtlichen und gesetzmäßigen zu gestalten, zum Gegenstände hatten. Dies Vorgehen müsse, soviel stehe fest, als eine vollendete Tatsache angesehen werden. Der einzige praktisch« Weg, der Türkei eine Kompensation zu sichern, scheine darin zu bestehen, daß man der Kompensation einen finanziellen Charakter gebe.
An der Küste Kleinasiens gegenüber der Insel Rhodus sind sechs englische Kreuzer eingetroffen.
In Jaffa veranlaßten am Dienstag bei der Ankunft eines österreichischen Postdampters politische Agitatoren die Bootsleute und Auslader, das Schiff zu boykottieren. Dampferboote landeten die Reisenden und die Post. Später griff die Menge das österreichische P o st - gebäude an und zerstörte die Post» wagen und Briefkästen.
Das Organ des junqtürkischen Komitees, „Schur Aummet", sagt, die Türkei könne die Oeffnung der Meerengen niemals g e st a t t e n, weil dann die russische Flotte. eine beständige Gefahr für das Ottomanenlum bilden würde.
Bezüglich Kretas sagte der türkische Minister des Auswärtigen in einem von der Zeitung „La Turquie" veröffentlichten Interview, die Botschafter der Schutzmächte Kretas hätten ihm erklärt, daß die Mächte den Anschluß Kretas an Griechenland nicht gestatteten. Die meisten tfirki- scheu Blätter enthalten dagegen nur die Mitteilung, daß seitens Rußlands eine solche Erklärung erfolgt sei,
Durch Beschluß der kretischen Kammer wurde eine Kommission ernannt, die die Exekutivgewalt ausüben und die Insel im Namen des Königs von Griechenland gemäß den griechischen Gesetzen regieren soll. Ihre Machtbefugnisse sollen erst ablaufen, wenn die griechische Regierung die Verwaltung der Insel übernehmen wird.
Deutschland und Bulgarien. Der deutsche Gesandte in Sofia hat, wie die „Kölnische Zeitung" meldet, der bulgarischen Regierung mtlgetcilt, daß, so lange Bulgarien sich nicht bereit erkläre, seiner Verpflichtung gegen die Türkei nachzukommen und die Orientbahn wegen ungesetzlicher Beschlagnahme z u- riickzugebeii oder eine Tagesentschädigung von 15000 Francs an die Betriebsgesellschaft zu bezahlen, die Frage der Anerkennung der Unabhängigkeit Bulgariens nicht erörtert werden könne.
Bulgaricn beteuert seine Friedfertigkeit. Die „Apence-Bulgare" teilt mit: - Die im Auslände verbreitete Meldung, Bulgarien bereite ein Ultimatum an die Türkei vor, in dem dieser für den Fall daß sie binnen dreier Tage die Unabhängigkeit Bulgariens nicht anerkenne, mit der Kriegserklärung gedroht werden soll, ist vollkommen unbegründet. Bulgarien wünscht keinen Krieg mit der Türkei und war stets ein Gegner eines solchen Krieges. Im Gegenteil, man ist hier überzeugt, daß eine Entente (Einvernehmen) mit der Türkei möglich und durch die gegenseitigen Jntereffen der beiden Staaten geboten ist. Die Einberufung dreier neuer Re- servistenjahrgänge hat ihren Grund in der Entlassung der früher einberufenen Jahrgänge. Di«
Lyrnttr, der Kosak.
Von Marrcl Etienne.
32] (Nachdruck verboten.)
„Eure Gnaden, im selben Augenblick, da Pawel mir den Befehl überbrachte, mich zu Euch zu begeben, trat ein fremder, junger Kosake in den M der sein Pferd am Zügel führte und schrecklich abgehetzt ausiah. — Vielleicht fft er es, den Ihr erwartet. Mit Eurer Erlaubnis gehe ich, um in ich darnach zu erkundigen."
Zlatnicki entfernte sich und begab sich tn den großen Saal, wo die lärmende Schar der Edelleute dem braven Dymitr eben eine Ovation bereitete.
Kaum halte er vor dem hohen Säulen-Perron Halt gemacht, sein armes Pferd hinter sich her ziehend, als Treciak, der Pferd und Reiter sofort erkannt hatte, auf ihn zueilte, um ihm einige freundliche Worte zu sagen; da bemerkte er, daß das schöne Tier keinen Zügel hatttz und ihm statt dessen ein Stück rotes Wollzeug vom Halse herab- hing. Er hatte nach der Ursache dieses seltsamen Zaumzeuges gefragt, und Dymitr, dem fein Benehmen im Agenblick der Gefahr das natürlichste der Welt geschienen, hatte kurz und einfach seine Geschichte erzählt, indem er sie mit „Slawa Bohn"*) begann, und mit diesem schönen Spruche beendete, wie es einstmals Brauch jedes braven Kosaken war.
Ausrufe der lautesten Bewunderung und des Erstaunens, sowohl vonseiten Treciaks, als seiner Freunde und Nachbarn folgten dieser Erzählung. Dwser Dymitr war ein prächtiger und unvergleichlicher Bursche, — er hatte der Partei Bra- mckis einen Streich gespielt, ihr ein Schnippchen geschlagen! Das war ein köstlicher Spatz, und jener, der ihn ausgeführt, ein tapferer Junge, der alles verdiente! Kurz und gut. es fehlte nicht
*) Ehre sei Gott,
viel, daß der tapfere junge Kosake von all den lärmenden Trinkern auf einen Schild erhoben und als ihresgleichen, als Edelmann behandelt worden wäre.
Die Ankunft des Herrn Zlotnicki machte den zu feurigen Beifallsbezeugungen ein Ende. Dymitr, der inmittep, all dieser Umarmungen und brüderlichen Zurufe seine Tasche nicht aus der Hand gelassen hatte, da er sie selbst dem Palatin übergeben wollte. — Dymitr wurde nun alsbald in das Gemach des Wojwoden geleitet, vor dem er sich stolz und schweigend, aber ehrerbietig verneigte.
Für den alten Palattn aber schien dieser Tag reich an geheimen Schmerzen, bösen Erinnerungen und Gemütsbewegungen zu sein. Kaum hatte er den Kopf erhoben und zerstreut die Hand ausgestreckt, um die Tasche mit den Schriftstücken in Empfang zu nehmen, als sein Blick auf das schöne Gesicht des jungen Mannes fiel; da fuhr er plötzlich zusammen, erbleichte und rückte unwillkürlich in feinen Fauteuil zurück, als ob er vor einem quälenden Bilde fliehen wolle. Dann, als er den forschenden und erstaunlichen Blick seines Vertrauten, Zlotnicki, auf sich suhlte, nahm er sich gewaltsam zusammen, starrte auf die Ro- sen des Teppichs nieder und legte die eine seiner zitternden Hände auf seine Stirne, welche naß von Angstschweiß war, während er mit der andern die Papiere auf den Tisch warf.
„Es ist gut, führt den Burschen wieder fort!" murmelte er mit erstickter Stimme. „Und Herr Felix, dem ich ihn ganz besonders anempfehle, möge nicht versäumen, ihn zu belohnen!"
Dymitr verstetz alsbald, von einem Lakaien geführt, ba« Gemach, und der alte Wojwode, begierig, den eben gehabten quälenden Eindruck zu verwlßhen, erbrach da- Siegel und schien sich mit fieberhaftem Eifer der Prüfung der Papiere zu widmen.
Während einer halbe« Stunde durchflog der llte Herr die Pergamente, überlegte, und las
wieder und wieder. Stehend und unbeweglich wartete Zlotnicki.
Endlich legte der Wojwoda die noch bebenden Finger auf den Umschlag der Briefe und schüttelte sorgenvoll den Kopf:
„Der Inhalt dieser S-chreiben ist ganz darnach angetan, Euch Recht zu geben", sagte er. „Es klingt mairches befriedigend und verheißungsvoll, was der Herr Starost mir schreibt. Aber auch, wie viel Widerstand! Wie viel Enttäuschungen! Die einen halten wie an ihrer Seele an dem gegenwärtigen König; andere erklären sich wieder vollkommen bereit, der Czarin zu huldigen, die dritten gehen sogar so weit, einen neuen Prinzen von Sachsen vorzuschlagen, Gott weiß, welchen elenden Prätendenten!--— Wo ist in all
diesen Bestrebungen Eintracht und Einigkeit und Friede? Wo die Liebe zum polnischen Namen? Wo der Gedanke an das Wohl des Vaterlandes?"
„Ich hatte es Euch ja gesagt, Herr! lieber das Land zerstreut tote eine Meute Hunde, wissen sie nicht, was sie wollen und was sie sollen! Darum ist es an uns, ihre Ratgeber zu sein! Darum warte ich nur Eure Erlaubnis ab, Herr, und ich reise morgen ab, um meine Wege zu gehen, und unsere Leute um mich zu sammeln! Im Dunklen, — im Verborgenen zünde ich den ersten Funken an, — der wachsen wird, — zur riesengroßen, leuchtenden und verheerenden Flamme! Mit einem Wort, Eure Gnaden: In weniger als drei Monaten könnt Ihr diejenigen Edelleute, welche dem Blutbad entronnen sein werden, zu Euren Füßen sehen, Felix Potocki als König und die Ukraine von Euch gerettet und frei!"
„Ja, das ist ein stolzer, schöner Zukunfts- raum", flüsterte der Greis, nach immer in Ge- danken vertieft. „Nur auf dem Wege zur Verwirklichung, — wie viel Blut, Zlotnicki — wie viel Jammer und Tränen!"---
„Ja, aber später, tote viel Lob und Preis und Segenswünsche! Wie viel Ehre und Ruhm vor allem! Daran denkt, Gebieter! — Ihr laßt mich also neben, nickt toabr? Ich reife heute noch, —
und, — meinem hohen Ziel entgegenschreitend. beginne ich mein Werk!"
„Ja, — geht! Doch nur unter einer Bedingung, die allzeit Eurem Geiste gegenwärtig bietbeit muß: In der nun kommenden Zeit des Zwiespaltes, der Verwirrung und des Elendes darf der Name Potock niemals kompromittiert, niemals in Verbindung damit genannt werden!"
„Beruhigt Euch in diesem Punkte, Herr! Ich habe den Plan allein gefaßt, und ich werde ihn auch allein ausführen!"
„Wenn er aber fehlschlägt, mein Braver, so wird die Ehre Deines Namens zerstört fein, — auf ihn werden alle Verwünschungen urld Rachegelüste fallen!"
„Auch das habe ich überlegt, und mich im Vorhinein darein gefügt. Es ist keine Schande und kein Mißgeschick, das ich nicht auf mich nähme, fein Schmerz, den ich nicht erduldete für das Gedeihen und den Ruhm Eures edlen Geschlechtes,-— für meine Liebe zu Euch, Herr!"
„Ihr seid wirklich ein Muster von Tapferkeit und Anhänglichkeit. —-— Ich danke Euch! — So reifet denn, mein Getreuer I Und — für da» Wohl meines -Sohnes Felix und Euer eigenes, für die Ehre von uns allen: möge der Erfolg mit Euch fein!"
Der Palatin gab mit einer herablassenden Handbewegung dem Edelmann zu verstehen, datz die Audienz beendet sei. Zlotnicki verließ entblößten Hauptes das Gemach, nachdem er seinem Gebieter die Hand geküßt hatte.
Der Greis blieb allein zurück; er stieß einett tiefen Seufzer aus, jedoch nicht der Erleichterung, sondern der Angst und Qual. Wie in tiefster Entmutigung ließ er einen Augenblick die Arm« sinken. Dann hob er langsam und traurig den Kopf und heftete seine Blicke auf die gegenüberliegende Wand. — Die Bilder, welche dort hingen, sollten ihm Hoffnung und Ehrgeiz, Stolz, Mm und Zuversicht wieder erwecken und bestärken. Aus ihrem Rahmen aus Ebenholz und Gold blickten bi« schönen Vortraits feiner Ahnen, deren