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35. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 14. Oktober 1908.

M 237

Dwertes ^Lcxtt

Kleines Feuilleton

wie folgt:

Roggen

Danzig Berlm

Hamburg 204

Düsseldorf 215

223

München

Reklamen- und Anzeigenteil.

205

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Hafer

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Weizen (-3 c-1

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Hilfe der Liberalen vermehren, um dann unter der Mitwirkung der Ersten Kammer einen Vor­stoß auf dem Gebiet der Schulpolitik zu unter­nehmen. Es liegt auf der Hand, daß auch hier wieder lediglich der Zweck die Mittel heiligt und daß man mit der Aufrollung der Schulfrage nichts weiter verfolgt, als die Nationalliberalen vor dem Zusammengehen mit dem Zentrum graulich zu machen. Herr Korell weiß so gut wie wir, daß an eine. Abänderung des Schulgesetzes im Sinne des Zentrums in Hessen nicht zu denken ist, da außer dem Zentrum, welches vermöge der konfessionel­len Zusammensetzung der Bevölkerung nie die Mehrheit in der Zweiten Kammer erlangen kann, alle anderen Parteien sich einer solchen Anregung gegenüber ablehnend verhalten. Auch die Regie­rung hat wiederholt erklärt, daß sie eine Abände­rung des Schulgesetzes entschieden ablehnt. Da aber zu einer Reform der Schulgesetzgebung die verfassungsmäßige Zustimmung der brci, gesetz­gebenden Faktoren notwendig ist, so wäre ein Vor­stoß des Zentrums, wenn ein solcher wirklich ge­plant wäre, absolut aussichtslos. Also auch das Hereinzerren der Schulfrage erweist sich als ein untaugliches Mittel zur Störung des Einverneh­mens der beiden bürgerlichen Parteien in den Städten Mainz und Offenbach.

Stadtteiles. Die Kosten der Errichtung des Schul« Hauses, des Rektorgebäudes und des Inventars betrugen zusammen 825,000 Mark. Die Schule enthält zwei volle 17klassige Volksschulen. Die Turnhallen liegen im ersten Obergeschoß. Im Nordflügel befindet sich ebener Erde em Kinder­garten und im Südflügel ein Kinderhort. Den Kindern wird es eine besondere Freude machen, daß zu dem Spielplätze der Wall eines Wasser- Reservoirs hinzugezogen ist. — Im Gerichts- Gefängnisse hat sich der 70jährige Kaufmann IsidorWi'helmMayer erhängt. Er war 1904 nach England geflüchtet, weil ihm eine Anklage wegen Sittlichkeits-Verbrechens drohte. Als er kürzlich zum Besuche seiner Frau hierher zurück­kehrte, wurde er verhaftet und sollte heute von der Strafkammer abaeurteilt werden.

* Mainz, 12. Okt. 1908. Der verheiratete Werkmeister H. Raab aus Stierstadt bei Frank­furt a. M. stürzte gestern in den Heddernheim« Kupserwerken auf der GustavSburg in einen Kessel siedenden Wassers und verbrühte sich schwer. Abends ist er seinen Verletzungen erlegen.

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Hohenlohe Hafermehl tet die eleilf richtige Klndernahrunn, we Mutter- mlleh fehlt. Ee verMtet Erbrechte und Kirchftil und hat eich M englischer Krankheit vorzOglleh beuihrt.

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Deutsches Reich.

R Darmstadt, 12. Okt. 1908. In der „Frkf. Zig." »die bekanntlich nach Kräften den mit dem Freisinn Verbündeten Sozialdemokraten im Wahl­kampf ihre Hilfe angedeihen läßt, ergreift nun­mehr der bekannte linksliberale Pfarrer Korell das Wort, um über die politische Lage in Hessen Betrachtungen anzustellen. ' Dieser Politiker, der in seiner politischen Wandlung schon so wert nach links gerückt ist, daß ihn von der Sozialdemo, kratie eigentlich nur noch der formelle Uebertrrtt zur Fraktionsgemeinschaft trennt, rst natürlich über die gegenwärtige Konstellation wenig er­freut. Zunächst stattet er der „Frkf. Ztg." seinen Dank dafür ab, daß sie in so ausgiebiger Werse den freisinnig-sozialistischen Wahlrechtsrummel -unterstützt; diese Hilfe ist für ihn umso wertvoller, als die Linksliberalen in Hessen nur die,, Wormser Volksztg." besitzen und die von Herrn Korell ver­tretene politische Richtung in Hessen nur einen be- schcidenen Kreis von Anhängern aufweist. Herr . Korell ist auch nicht Optimist genug, um an ein massenhaftes Uebergehen nationallib. Wähler in bas linksliberale Lager zu erhoffen; er erblickt vielmehr eine lange, unendlich schwere Arbeit in der „Wiedererkämpfung des Terrains, das der Nationalliberalismus dem Feinde preisgegeben hat." Diese Bescheidenheit in den Hoffnungen auf die Zukunft scheint uns durchaus begründet. Die hessischen Wähler, welche seit Jahrzehnten vergeb- lich auf das direkte Wahlrecht warten, sind von der Obstruktionspolitik des Freisinns in der Wahlrechtsfrage wenig entzückt und laffen sich auch durch noch so fulminante Reden über den „Volksverrat" des Zentrums und der National- liberalen über den wahren Sachverhalt nicht täu- schen. Nachgerade sieht auch der beschränkteste Wähler im abgelegensten Winkel des Landes ein, daß es sich bei diesen Vorwürfen lediglich um ein recht durchsichtiges Wahlmanöver handelt, mit dem der hessische Freisinn mit Hilfe der Sozial­demokraten bei der' kommenden Landtagswahl politische Geschäfte zu machen hofft. Von Inter­esse ist, daß auch Herr Korell im Hinblick auf die Blockpolitik im Reiche das Zusammengehen vom Zentrum und Nationalliberalen in Mainz und Offenbach als programmwidrig tadelt, während er in dem freisinnig-sozialdemokratischen Bünd­nis, welches doch mindestens ebenso gegen den Vlockgedanken im Reiche verstößt, absolut nichts ».inzuwenden hat. Er spricht von dem „peinlichen Aussehen", daß das nationalliberal-klerikale Bündnis gegenüber der ReichSblockpolitik er­regen müsse, denkt aber nicht daran oder ver­schweigt es vielmehr, daß der Gegensatz zwischen Freisinn und Sozialdemokratie in der Blockpo­litik zum mindesten so scharf zu Tage tritt als derjenige Wischen Zentrum und Nationallibe- rälen. Er sieht also den Splitter im Auge des Gegners, nicht aber den Balken im eigenen Auge. Man ist erstaunt über die Inkonsequenz, die in der Beurteilung dieser politischen Verhältnisse in Hessen zu Tage tritt. Aber das war ja von jeher die Taktik des Freisinns, die Wahlhilfe da zu neh- men, wo man sie am vorteilhaftesten bekommen konnte. Herr Korell will es nicht gelten lasten, daß das Zusammengehen des Zentrums und der Nationalliberalen bei der kommenden Landtags- Wahl kein allgemeines Bündnis ist. Und doch be­schränkt sich dasselbe lediglich auf drei Wahlkreise, während im übrigen die beiden Parteien im Wahlkampf vielfach als Gegner in manchen Krei- * fen gegen überstehen. Auch in dem n euesten Her­zenserguß des Herrn Pfarrers kehrt der Gedanke wieder, den er auf dem Wormser Parteitag aus­gesprochen, das Zentrum wolle seine Mandate mit

19. Konferenz deutscher Sittlichkeits­vereine.

(Nachdruck verboten.)

doo. Frankfurt a. M., 12. Okt. 1908.

Angesichts der schweren Kämpfe, die sich an die Versuche rücksichtslosester geschäftlicher Ausbeutung be­denklichster Veranstaltungen (Nackkdarstellungen) in- Berlin geknüpft haben, gewinnt die diesjährige 19. Konferenz der deutschen Sittlichkeitsvereiue in Frankfurt lebhaft an Interesse. Bekanntlich ist auch der katholische Männerbund zur Bekämpfung der Unsittlichleit an dieser Tagung beteiligt. Vorsitzender ist Li? Weber-M-Gladbach. Die Tagung ist gut besucht, stärker als in den Vorjahren. In den Begrüßungsansprachen verwies der Vertreter des katholftcheu Männerbundes zur Bekäurpfung der Un- siulichkert, Herr Matthies am den Protest seines Ver­eins gegen die skandalösen Nacktdarstellungs-Pläne in Berlin hin, die soviel Aussehen gemacht haben.

In seiner einleitenden Rede kam auch Lic. Weber auf diesen Fall zu sprechen. Er verwies darauf, daß der katholische Mäitnerbund in Köln sich zweimal an bett Minister de? Innern gewandt habe wegen eines Vorgehens gegen di« Nacktdarsrejlungen. Der Bund habe darauf hingewiesen, daß, wenn nicht hier etwas geschehe, alle Bande ernster Scheu gelockert würden. Er habe sich auch an einen Hosbeamten ge­wendet, um noch höhere Kreise dafür zu interessieren. Das Eingreifen des Ministers sei ein erfreulicher Er­folg. Er, Weber, freue sich, daß der Minister den Mut gefunden habe, einzugreifen; dennin Sittlichkeits­angelegenheiten gehöre dazu Mut. Man dürfe sich aber nicht um das hetzerische Geschrei

vermischtes.

* Wer bleibt Sieger im Gordon-Bennett-Wctt- fliegen? lieber die Aussichten des Sieges begeg­net man zweifelnden Erwägungen. Die drei deutschen Fahrer gelten als durchaus geschult« und tüchtige Luftschiffer, der italienische Prinz Scipio Borghese, der Sieger in der Wettfahrt Peking—Paris, wird nicht zu unterschützen sein, während der Franzose Le Blanc gleichfalls zu den aussichtsvollsten Führern g^ählt wird. Nachdem im vorigen Jahre Erbslöh der deutschen Luft­schiffahrt die Ehre des Godron-Bennett-PrerseS verschafft hat und in der Zielfahrt ein Deutscher siegte, wäre zu wünschen, daß auch sich bei diesem Wettkampf in den Lüften der Sieg sich an die deutschen Farben heften würde.

Kutjer Getreide-Wochenbericht der Prellbericht,stelle der deutschen Landwtrtschaftrrat, vom 6 -12. Gltober 1908.

Je nach Auffassung der politischen Situation war die Stimmung auf den Getreidemärkten bald fest, bald wieder ruhiger, doch hielt sich die Un­ternehmungslust in anbetracht der bestehenden Unsicherheit in engen Grenzen. Eine Stütze fand die zeitweise festere Tendenz in niedrigeren ame­rikanischen Ernteziffern, die auf ein allmähliches Nachlassen der immer noch starken Farmer-Anlie» ferungen hinzudeuten scheinen. Auch für Ruß­land lagen sehr niedrige Ernteschätzlingen vor. Dazu kommt noch, daß sich infolge andauernder Trockenheit vielfach Schwierigkeiten bei der Herbstbestellung ergeben, die in Amerika eine Verminderung der Anbaufläche nach sich ziehen dürsten. Auch in Deutschland vollziehen sich die Herbstarbeiten auf den Feldern unter dem Man­gel an Niederschlagen, der auch das Auflaufen der jungen Saat behindert, sehr mühevoll und zeitraubend. Auf den Umfang des landwirt­schaftlichen Angebots blieben diese Verhältnisse begreiflicherweise nicht ohne Einfluß, doch macht sich dieser Umstand angesichts der gegenwärtigen Stockung im Ausfuhrgeschäft und bei unbefrie­digender Nachfrage des Inlandes vorläufig kaum besonders bemerkbar. Auf den Provinzmärkten sind größere Preisveränderungen infolgedessen nicht eingetreten. Für die auf dem Lieferungs­markte erzielten Gewinne von 2—3 M waren einerseits politische Erwägungen maßgebend, an­dererseits wirkten die Zahlen der deutschen Aus­fuhrstatistik anregend. Auf ruhigere Nachrichten über die politische Lage ging die Besserung zum Schluß wieder verloren. Hafer ist vom Inlands knapp und zu Preisen angeboten, die im Konsum meist nur schwer durchzusetzen sind, so daß di« Umsätze in diesem Artikel auch diesmal keinen größeren Umfang erreichen konnten. Stärkeres Angebot, dessen Preise aber nach hier keine Rech­nung geben, liegt von Rußland vor. Futter- gerfte war bei starken russischen Abladungen nach­giebiger. Das kleine Geschäft in Mais wickelte sich bei unverändert festen Preisen ab.

Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. je nach Qualität, wobei da? Mehr (+) brzw. Weniger (—) gegenüber der Vorwoche in Klammern 0 beigefügt ist

machen". Er spendierte Wein und Zigarren und konnte sich nicht verhehlen, daß er einen außer­ordentlich guten Eindruck mache. Als er sich schließlich von seinen neuen Freunden durch viele herzliche Händedrücke verabschiedete, konnte der Besitzer seine mühsam beherrschte Heiterkeit nicht mehr zurückdämmen. „Sie müssen nämlich wis­sen, mein Herr", keuchte er zwischen heftigen Lach, anfällen. »Sie müssen nämlich wissen, daß die Stadt Harrison halb zu Indiana gehört und halb zum Staate Ohio; und diese Seite von der Straße gehört nämlich zu Indiana, und die Wähler von Ohio, mein Herr, die werden Sie kennen lernen, wetm Sie auf die andere Seite gehen!"

— Kurzschluß. Gegen die Unsitte, in zweifel- haften Fällen immer gleich Kurzschluß als Brand­ursache zu nennen, hatten sich die .Mitteilungen der Berliner Elektrizitätswerke" im Augusthest ge­wandt. Jetzt heißt es in der genannten Mitteilung über dasselbe Thema: Inzwischen ist Donaueschingen ein Opfer der Flammen geworden, und sofort war in verschiedenen Tagesblättern zu lesen, daß das Feuer in einem mit elektrischen Maschinen ausge- rüsteten Betriebsraum entstanden ist. Durch Kurz­schluß natürlich, für den sogar ein „Sachverständiger" eintrat. Wie die »Elektrotechnische Zeitschrift' (1908, S, 845) berichtet, hat ihr da» Fürstlich Fürsten- bergische Elektrizitätswerk Donaueschingen folgendes geschrieben: Nach Feststellung oer Gendarmerie sowohl wie auch nach Aussage deS Sohnes der Be- sitzerin des Hauses, tn dem der Brand auSgebrochen ist und von Nachbarn, deren Aussagen als zuver­lässig angesehen werden können, ist das Steuer nicht in dem (Bebäube, worin die elektrische Anlage sich befindet, auSgebrochen, sondern in einem zu ebener Erde gelegenen, in unmittelbarer Nähe befindlichen Holzschuppen, worin sich überhaupt keine elektrische Anlage befand... Die eigenttiche EntstehlmgSur- fache ist bi» jetzt nicht feftgefteßt mm vermutet jedoch Brandstiftung oder Fahrlässigkeit.

Ausland.

* Beamtenkorrnption in Rußland. Die vom Grasen Pahlen im Tmkestan-TranSbaikal- Oebiet erst kürzlich begonnene Eenatorenrevision zeigt schon zum Beginn, daß in Taschkent sehr vieles in der Verwaltung faul ist. Eine ganze Reihe Polizeibeamten ist von Graf Pahlen bereits entlassen und dem Gericht übergeben worden, Nachdem festgestellt ist, daß Unter­schlagung von Staatsgeldern, Bestechung und Erpressung bei einer Reihe höherer Beamten eine gewöhnliche Erscheinung ist und unter den Augen des Generalgouverncurs ausgeführt wurden, er­scheint dieser Anfang so vielversprechend, daß auch in der oberen Verwaltung dieses Gebietes manches nicht ganz stimmen wird.

Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Dez. 206.00 (+ 0.50), Budapest Oktober 201.10 (+ 1.45), Pari, Oktober 186.60 (— 0.951, Liverpool Dez. 173 45 (4- 165), Chicago Dez. 156.36 (4- 5.10>, Roggen: «erlln Dez. 178.25 (— 0.25), Hafer: Berlin Dez. 165.75 (— 0.25) Mark per 1000 Kilogramm.

Aus dem Nachbargebiet.

• Dermbach, 12. Okt. 1908. Zur Grün- düng einer Maler- «nd Anstreicher- Innung hatten sich die Berussgenossen außer von hier von Dorndorf, Tiefenort, Vacha und Geisa hier eingefunden. Nach längerer Aus­sprache wurde beschlossen, eine freie Innung für den 4. Verwaltungsbezirk zu gründen. In der nächsten in Geisa flattstndenden Versammlung soll der Vorstand konstituiert und die Wahl eines Gesellen-AuSschusseS vorgenommen werden.

* Frankfurt a. M., 12. Okt. 1908. Im Norden der Stadt, dicht vor dem israelitischen Friedhöfe, ist eine neue Schule entstanden, die den Namen Kleist- und Spohrschule führt. Dar stattliche Gebäude bildet eine Zierde jener

kümmern; denn das christliche deutsche Volk dürfe sich keine heidnifchen Sitten ausdrängen laffen. Der Redner verweist dann weiter darauf, daß man energisch Proteit oeaen di« homojexuell.n Ausschreitungen erhoben habe. Wenn man das Uebet so lange geduldet habe, dann dürle man sich nicht wundern, wenn Skandale lämen, die uns vor den anderen Völkern diskreditierten. GroßeSorgen bereiteten auch die K in e m a t og r a p h en- theater Leider könnten diese, wenn sie wegen be­denklicher Vorstellungen zur Rede gestellt würden, saqen: .Unsere Sachen kommen alle von einer Firma in Beilin, und alles wird vorher von der Berliner Poliiei ae'orüst, wenn ihr also bessern wollt, dann sorgt erst d afür, daß diePolizei sichbessert." Der Redner spricht in diefer Sache davon, es werde vielleicht geboten sein, „eine Quarantäne gegen alles, was aus der Reichshaupistadt kommt", zu errichten. Zum Schluß streift der Redner die schauderhafte Ver­wüstung der Volksseele, besonders bei der Jugend, durch die Nick Carter- und Sh erlock-Holmes-Literatur. Die Gehirne der Kinder ivürdrn damit verkleistert, die Phantasie werde vergiftet.

Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat über die Ehesrage.

Dr. Boeckh-Kannstadt hat es ausgearbeitet, Lic- Bobu-Berlin verlas es. Danach ist, besonders in den Städten, die Zahl der Geburten in den letzten Jahr- zehnien zurü ckgexaugcn. In Preußen betrugen dre ehe­lichen Geburien von 1872—79 26,9%, 1894- 97 24%, in Berlin 23,78%, 16,9%. Auf dem Lande sind die Verhältnisse besser. Der Redner glaubt, daß hier eine sexu lle Ausklärung der Jugend, verbunden mit gründ­lichen Aufklärungen über die Wichtigkeit und Erhaben- beit der menschlichen Fortpflanzung, einige Befferung jchaffen werde, weiter aber auch ein Protest geg n die Empfehlung von Präventrv-Mabregeln aus humam- tärer Empfindeiei oder sozialer Rücksichtnahme durch die Acrzte. Das Beste fei aber, daß die breiten Schichten des Volkes wieder auf den Boden des Evangeliums gestellt würden.

Zweiter Redner war Kaufmann Latscha-Frankfurt über Unsittlicheit und Wohnungsfrage. Er meint: Es nütze nichts, gefallene Mädchen zu retten, wenn für jede Gerettete eine neue verführt und ver­dorben würde. Es nütze au>b nichts, wenn die Mädchen unter Kontrolle gestellt würden und geschlechtskranke Männer die Seuche ungehmdert verbreiteten. Der Redner will nun die Ursachen der traurigen Erscheinung begründen. Ihr Ursprung besteht bet Männern von Bildung und Besitz darin, daß sie durch ihr Geld die gewerbsmäßige Unzucht erhalten. Die materialistische Weltanschauung sei die Hauptursache der Unsittlichkett, denn sie mache den Menschen zum Genußmenschen und nehme ihm das Verantwortlichkeilsgesühl. Deshalb müßten alle gottgläubigen Menschen sich zur Be­kämpfung der materialistischen Weltanschauung und der Unsiftlichkeit zusammentun. Die Hauptursache der Uu» siltlichkeit sei die Wohnungsnot und die späte He rats- rnöglichkeit der Männer. Man solle die Arbeits- und Btldungsgelkgenheit aus den großen Städten auss Land verlegen, und jeder Deutsche solle das Recht und die Möglichkeit haben, zur Errichtung einer Heimstätte den nötigen Boden zu erwerben. Die Landgemeinden sollten Zweckverbände bilden und gemeinschaftliche große Slusiedelung. pläne machen, Land ankaufen, baureif machen und mit mäßigem Nutzen als Baustelle wieder ab­geben. Jeder Gemeind ebeamte, jeder Pfarrer,jeder Lehrer, jeder Schuldiener solle e.n Landhaus bewohnen können. Es solle keine Fabrik gebaut werden, ohne daß sich dort Land findet, zur Erbauung von Landhäusern mit Gärten für Beamte und Arbeiter. Die Bodenfrage sei schwierig, gegenüber der Spekulation müsse sich eine neue Partei bilden, die Partei der anständigen Leute, mit dem Grundsatz: „Du sollst deinen Bruder und Baugenossen lieben und ihm einen Raum lassen, daß er zu wohnen und zu arbeiten habe. (Lebh. Beifall).

In der Besprechitng über diesen Vortrag verwies Lic. W eb e r- M. Gladbach darauf, daß die Sittlichkeits­vereine es durchgesetzt hätten, daß Mittel des Reiches für Beamten- und Arbeiterwohnungen in höherem Maße hergegeben würben. Der Vorstand strebe eine Erweiterung des Enteignungsrechtes gegenüber der grauenvollen Bodenspelutation an.

Der Generalsekretär des deutschen Sittlichkeits­vereins, Lic. Bohn, sprach dann auf Grund der Statistik über Sitttlchkeitsverbrechen. Er schilderte die fürchterliche Entwicklung dieser Zustände und wünschte, daß gegen diese Gefahr alle Hilfskräfte wirksam gemacht würden. Insbesondere wünschte er eine starke Be­kämpfung des Alkoholmißdrauches, die Befferung der Ernäyrungsverhältniffe und der Wohnunasverhältniffe, sowie weitgehende Warnung und Aufklärung. Er verwies darauf, daß der Juristentag einen Antrag an- genommen habe: „Gegen gemeingefährlich« und rück­fällige Gewohnheitsverbrecher kann man neben Strafen auch auf Sicherheitsnachhaft von unbestimmter Dauer erkennen. Diese Maßregel ist in besonderen Anstalten zu vollstrecken. Sie soll die Bekämpfung derjenigen Symptome in der Person des Verbrechers di« (Arbeits­scheu, Alkohol) wecken, durch die die gewohnheitsmäße Begehung der Straftat überwiegend zu erklären ist. Ueber di« jederzert widerrufliche Entlaffung entscheiden gemischte, auS Organen der Anstaltsleitung, Beamten der Staatsanwaltschaft, und Ehrenbeamten gebildete Kommissionen."

Auf Antrag des Redner? wurde dieser Beschluß des Juristentages erneuert. Zum Schluß sprach heute Prof. Lang-Tübingen über das Nackte in der bilden­den Kunst.

Auf die beratende Tagessttzung folgte am Abend eine große öffentliche Versammlung, in der Lic. Weber-M. Gladbach einen Ueberdlick über die gegen­wärtige Situation des Kampfes gab.

Damit hatte die 19. Konferenz der Sittlichkeits­vereine ihren Abschluß gefunden.

— Der Wein im Altertmn. Der Wein war bei den Alten eine Art Konfekt, in welches man Blumenessenzen, Honig, Käse, Harz und eine Menge anderer Ingredienzien und Spezereien mischte. DaS ganze gerann zu einer festen Masse, einer Art Seife, die man zerschnitt und deren Stücke man in ein GlaS mit heißem Wasser schabte, um sie darin einzurühren. Auf diese Art, die der Bereitung einer Taffe Schokolade ähnelt, erhielt man, wie der heilige Hieronymus sagt, ein köstliches Getränk, •orbitiancalas delicatas. Dieser Brauch war sehr alt. In der Ilias gibt Nestor einigen Freunden, ein Mahl, bei welchem es so hergeht: Eine schöne „göttergleiche" Gefangene, die im Zelte des guten Allen bte Honneurs macht, gießt Wein von PramnoS in eine Schale, worin sie Käse gerieben und Weizen­blüte eingerührt hat. Catul sagt irgendwo, dieses Weins und Käses überdrüssig: „Gebt mir doch ein wenig herben Wem!" Wenn dieser „Wein" älter war, knabberte man ihn in kleinen Tafeln. War er jung, so strich man ihn auf Brot und ver­zehrte ihn wie Butterbrot! aus der Hand. Wenn er 60 bis 80 Jahre zählte, konnte man Häuser daraus bauen. Die. Griechen und Römer hatten gewiß manches Gute, wie ihre Kunst- und Lite­raturdenkmäler bezeugen, und in dieser Hinsicht stimmt unser Geschmack noch mit dem ihrigen über­ein. Ihrem sorbitiancalae indessen Dürfte auch der begeistertste Philologe wohl em Glas Rhein­wein ohne jede Zutat von Käse vorziehen.

— Eine amerikanische Wahlkampfgeschichte. Nicholas Longworth, der Schwiegersohn des Prä­sidenten Roosevelt, besuchte einmal die Stadt Harrison im Staate Ohio, in dessen Senat er gern ausgenommen werden wollte. Er trat in eine Weinstube, und fing an „sich beliebt zu

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